Hlnterhaltlmgsblatl des Jorwärts Nr. 4. Mittwoch, den 6. Januar. 1897. 4] tNachdruck untersagt) Vei von Schneidemctfchinen. Roman von �l. A. Simacek. Autorisirte Uebersetzung aus dem Czechischen. Einen neuerlichen Kuß von ihm nahm sie als die Antwort auf. Wie er sich jedoch anschickte, sie nochmals zu küssen, wich sie heftig zurück, sprang auf und schob sich in Verlegenheit das Tuch ins Gesicht. Sie glühte förmlich. Es schien ihr, als habe sie sich für einen Moment gehen lassen, und die Scham darüber trieb ihr das Blut in die Wangen. Da Wenzel, der sie gleichfalls erhoben hatte, sie dann nochmals umarmen wollte, stieß sie ihn fast zurück, wobei sie laut ausrief:„Jetzt lass' mich aus." Die anderen sahen sich nach ihnen um. Resbeda, der ausgefahren war, that einige Schritte auf sie zu, wobei er Vernna scherzhaft seines Beistandes versicherte. Hradil lächelte gezwungen und glättete seinen Schnurrbart. „Für wann denn habt Ihr nun die Hochzeit bestimmt?" fragte Nesbeda, da sein Kamerad und Veruua verlegen schwiegen. „Bis nach der Kampagne, Du weißt doch ," versetzte Wenzel mit hervorgekehrter Nachlässigkeit.„Es eilt nicht," warf er leicht hin. In deniselben Augenblick krachten hinter ihnen die Zweige, und gleich einem gehetzten Wild brach Lena aus dem Unter- holz hervor und rannte an ihnen vorbei über die Lichtung, bis sie ans der anderen Seite zwischen den Bäumen ver- schwand. Veruna schrie, heftig erschreckt, im ersten Augen- blick auf; sie beruhigte sich erst, als Nesbeda lachend hinter der bloßfüßigen, abgerissenen Lena herrief:„Schaut mal an die Pntzinamsell! Hat die sich herausstaffirt am Sonntag!" worauf sie Wcnzel's Hände erfaßte und fragend zu ihm emporblickte. Er aber starrte in der Richtung hin, wo Lena zwischen den Bäumen sich verloren hatte. Seine Wangen waren geröthet, seine Brust hob und senkte sich rasch in tiefem Athemholen. „Wer ist das?" fragte Veruna, noch immer zitternd. „So'n Steinbruchniensch," antivortete lachend Nesbeda statt des Gefragte».„Hat heut mit ihrem Vater in der Fabrik Arbeit genomnien für die Kampagne; im Sommer babcn sie, was weiß ich, bei Tabor im Steinbruch gearbeitet. Man merkt ihr's an, so'n Mordstrumm von einem Weibs- bild." „Von wem weißt Dn das?" forschte Wenzek, sich behende zu Nesbeda hinwendend. „Ich Hab' micy zu Mittag in der Fabrik aufgehalten, und wie ich wegging, hat's der Portier erzählt, weil das Mädel mit ihrem Alten grad'�vor der Arbeiterkaserne stand. Der Portier hat mit ihm vormittags gesprochen. Kruschina heißt der Alte. Hast ihn ja gesehen, ein Kerl wie ein Berg. Das liegt höchst- wahrscheinlich schon so in der Familie." Nach dieser Be- merkung brach Nesbeda abermals in Lachen aus. „Besser ein Riese als ein Knirps," versetzte Wenzel un- vorbereitet, aber mit unverkennbarer Gereiztheit. Nesbeda, dessen untersetzte Figur kaum das Mittelmast erreichte, bezog die Bemerkung sofort auf sich und hieb zurück: „Dn... am End' pastt Dir das Steinbruchmensch?" Die Frage wirkte auf Wenzel wie ein Stich, er durfte jedoch nichts merken lassen. Im geheimen konnte er nicht um- hin, sich einzugestehen, daß ihm die Person, ja, dieses Stein- bruchmensch, wie man sie nennt— und man soll sie mit noch ärgeren Namen traktiren— ja, daß sie ihm gefiel, mehr ge- fiel, als überhaupt jemals em Weibsbild. Dies aber offen auszusprechen, schämte er sich— würde sich auch dann schäme», wenn Veruna nicht zugegen und er mit den» Kameraden hier allein wäre. Nicht iveil sie in Fetzen ging— er konnte ja sagen, mir gefällt nur ihr Gesicht; aber sie hatte nicht einmal ein hübsches Gesicht; es war kein sanfter Zug darin, noch mehr, das Gesicht war grob und frech, ui»d die Gestalt— wie ungeschlacht! Auslachen würde man ihn allgemein, wenn er damit kommen wollte, daß sie nach seinem Geschinacke sei. Oder würde nian ibn etwa nur darum auslachen, weil die meisten für so eine Art Schönheit kein Vcrständniß haben? Ist Lena denn wirklich hübsch? Würde sie ihm denn über- Haupt sonst gefallen? Ihm, der so eine Praxis mit Mädeln hinter sich hat! „Sie, Veruna, schauVS' mal hin, er muß wahrhaftig erst nachdenken." Veruna blickte zu ihrem Verehrer ans und lächelte. Sie war sich ihres Uebcrgcwichtes über die Steinbruchdirn sicher. „Was das aber für Flausen sind!" brach nun Wenzel los.„Laßt doch die Dirn zufrieden und mich auch. Sie hat Euch nichts gethan, rennt weg vor Euch, also laßt sie uu- geschoren." „Du... sei so gut... wer schert sich um so'ne Land- streicherdirn, die sich mit allen Hunden duzt!" „Wieso?" rief Wenzel heftig ans. Es war eine Er- schütterung, wie wenn er einen Hamuierschlag erhallen hätte. „Siehst nicht, sie geht auch am Sonntag barfüßig,'s ist dann so'n Sprichwort, Hast es in Prag verschwitzt?" „Hab' jetzt nicht grab' daran gedacht," versetzte Hradil, sichtlich aus seiner Gedankenwelt herausgerissen.„Geht, laßt uns doch von anderen Sachen reden und setzen mir uns." Er fühlte, wie er am ganzen Leibe bebte, und darum warf er sich, ohne abzuwarten, ob jemand seiner Aufforderung Folge leistete, auf den Boden hin und kreuzte die Arme unter dem Kopf. Veruna schritt von neuem den Waldessaum nach Blumen ab. Als Bieta, die sich bis dahin bescheiden im Hintergründe ge- halten hatte, dies bemerkte, gesellte sie sich zu ihr und pflückte mit. Die gute Laune, schien es, kehrte bei allen wieder. Veruna bewarf in heiterster Stimmung den Liegenden mit Blumen, flocht ihm einige ins Haar oder legte ihm Blütheu auf die geschlossenen Augen. Sie glaubte, ihm bereite dieses ihr Spiel Freude; nahm er doch den lieben Scherz ohne Widerreden und ohne mit der Wimper zu zucken auf; darum fuhr sie fort, ihn mit Thymian und Salbei zu überschütten. So träumte Wenzel unter Blumen. Vernna ahnte nicht, daß seine Gedanken unter der Bliithcndecke schlangengleich sich zusammenrollten, sich wanden und wieder emporschnellten, und ihm war es recht, daß seine Braut sich bei dem Scherz amüsirte, iveil er ihr nicht Rede stehen mußte und sich schlafend stellen konnte. Ein Gespräch mit Venma wäre ihm jetzt unerträglich gewesen. Unzählige Gedanken stürmten durch seinen Kopf, unzählige Empfindungen schnürten ihm die Kehle zu und brachten sein Herz zu heftigem Pochen.„Hat ihn denn wirklich ein Weibsbild von Sinnen gebracht? Sollte Kucharz in der Früh das richtige getroffen haben?" Das fühlte er: Lena's unvermulhetes Erscheinen wirkte aus ihn wie ein Blitzschlag in nächster Nähe. Er legte sich Rechenschaft darüber ab, daß schon der erste Blick, den er am Morgen auf sie geworfen, in ihm ein mächtiges Begehren und allerhand wunderliche Gelüste erweckt hatte. Er suchte immer wieder darauf zn kommen, was denn diese Person eigentlich an sich hätte, das ihm solchen Reiz verursachte. Und das Er- gebniß? Er war nicht im stände, in Worten zu sagen, was ihn zu dem Wildling hinzog, aber daß es, obschon er dafür keinen Namen wußte, auf ihn ganz ungewöhnlich einwirkte, deff' war er sich bewußt. Er rief sie sich klar in die Vor- stellung, ihre hohe Gestalt, ihr Gesicht und ihre Fetzen; es schien ihm, als könnte sie ohne letztere gar nicht so anziehend sein; im Gegentbeil, die Fetzen standen ihr gerade gut und paßten zu dem Rauhen in ihrem Gesicht, zu dem Heraus- fordernden in ihrem Blick. Das dürfte es vielleicht sein, was ihn an sie fesselt. Das Ungewöhnliche! Brave, anständig gekleidete Mädchen hat er schon massenhaft gesehen, jetzt will er so eine Steinbruchdirn'. Ja, gerade sie will er... Lena! Dummen Leuten genügt das Alltägliche, ihm nicht. Veruna könnte hundertmal so schön sein, und sie würde sein Verlangen doch nicht in dem Maße entfachen wie die Landstreicherdirn', die sich mit allen Hunden duzt. Nur sie allein reizt ihn, nur sie will er und muß er besitzen, und wenn auch die Welt zu- samnienstürzen sollte, er muß sie küssen und umarmen. O, wie denkt er sich ihre Lippen glühend, ihre Augen bis auf den Grund der Seele lencbteud, und wie muß ihre Umarmung dein Menschen alles Beivußtscm rauben: er fühlt nur noch ihren Athem und vergißt alles, alles andere darüber, selbst wenn er nn selben Augenblick von der steilsten Höhe herunterstürzte. Wenzel schloß die Lider, als ob er die Phantasiegestalt, wie fte vor ihm stand, festhalten, als ob er verhindern wollte, daß auch nur ein Strahl des Tageslichts in seine Pupillen dringe und das Bild verscheuche. Er träumte, als ob er Lena's glühenden und berauschenden Athem spürte, sie in den Armen hielte und in ihre Augen blickte. In die wunderlichen, großen Augen... Darob vergaß er, wo er sich befand, daß Veruna und Bieta um ihn tändelte», und daß sein Gesicht schon ganz mit Blüthen bedeckt war. Er hörte nicht das heimliche Kichern der Mädchen, noch den Gesang der Vögel; alles Wirkliche war für ihn nicht vorhanden, bloß Lena's Erscheinung verlor sich nicht und wich nicht von ihm. Hurych und Nesbeda waren nicht weit im Unterholz, sie schnitten sich Gerten. Als sie beim Heraustreten bemerkten, was die Mädchen mit dem liegenden und, wie es schien, ein- genickten Wenzel trieben, beschlossen sie alsogleich, sich in ihrer Art an dem Spaß zu betheiligen. Wenztl fühlte, wie etwas ihn bei den Beinen und gleich darauf bei den Armen faßte, wie jemand ihn emporhob, er kam zu sich, that eine heftige Bewegung und fiel, ein wenig emporgeschwenkt, aus geringer Höhe zu � Boden; in die Ohren tönte ihm der Mädchen und der Kameraden Gelächter. Er fuhr sich mit der flachen Hand übers Gesicht, schob alle Blumen, mit denen er bedeckt>var, zur Seite, verscheuchte mit einem Schlag alle Träume und Phantome und stierte um sich. Die anderen erwarteten, er würde in ihr Lachen einstimmen, doch er richtete sich langsam auf, blickte sie verdüstert an und bemerkte blos:„Ihr serd ja wie die Kinder." „Was ist denn mit Dir eigentlich. Du bist auf einmal so furchtbar gescheit? lachte Hurych. „Was mit mir ist? Nichts!" antwortete apathisch und finster der Gefragte.„Ich Hab' nur so geruht, vom Schlafen war nicht die Red'." -„Dn warst mit Blumen überschüttet wie ein Todter, und bald hätten wir Dich davongetragen." Wenzel fröstelte es. „Schad', daß die Putzmamsell nicht da war, hätt' uns helfen können," witzelte Nesbeda. „Laßt doch endlich die dummen Geschichten," ereiferte sich Hradil,„gehn wir lieber heim." Er selber trat sofort in den Wald und schritt aus, ohne die Rufe der anderen, die noch bleiben wollten, zu beachten. Vergeblich führte Hurych an, es wäre so schön, sie hätten heute nichts zu versäumen, nur er wäre so ein Griesgram. Er ließ sich nicht beirren und verfolgte seinen Weg, selbst als die anderen ihm zuriefen, er möge allein gehen, sie würden noch bleiben. Doch da erklärte schon Veruna, sie sei gleich- falls fürs Heimgehen, denn was sollte das alles noch heißen, und sie trat mit Bieta zusammen auch den Rückweg an. Hurych und Nesbeda folgten endlich dem gegebeneu Beispiel. „Hast Dich über uns giften müssen, daß Du ans einmal nichts red'st?" fragte Veruna unterwegs ihren Ver- ehrer.„'s war doch nichts Schlimmes dabei. War ja alles nur Scherz." „Kind, mach' Dir nichts aus mir," tröstete sie Wenzel. „'s kommt einem manchnial ein trauriges Stündchen, man weiß nicht wie." Vergeblich bemühte sich auf diese Antwort hin Veruna in ihrer Einfalt, Wenzel irgendwie aufzuheitern. Er verharrte schweigend, froh darüber, daß er sich so mibestimmt ausgeredet hatte, auf etwas, das keiner Erläuterung bedurfte und dabei recht stichhaltig war. Er brütete vor sich hin und dachte an Lena. Es kam jetzt bei ihm die Ansicht zum Durchbruch, daß der Wildling ihm in der That von Sinnen gebracht hatte. Er setzte sich gegen diese Annahme, die er noch am Vormittag mit Hohngelächter von sich gewiesen, nicht mehr zur Wehr, im Gegentheil, sie that ihm wohl. Er freute sich, in einer Art Verzauberung zu stecken, das war für ihn gut, angenehm und süß. Es schien ihm, als brauchte er fnrder nicht zu arbeiten, und als ob es genügte, blos immerwährend an Lena zu denken. Das würde hinreichen für ein Leben, für ein schönes und glück- liches Leben. Denn welchen Werth besaß wohl all das, was ihm bis jetzt Befriedigung gewährt hatte? Was halte er davon, wenn er sich für einen schmucken, unwiderstehlichen Mädchenjäger halten und von seinen Kameraden bewundern lassen durste? Was sollten ihm schließlich das modische Gewand, der flinke Schritt und die städtischen leichten Manieren? Was nützten ihm seine Anstelligkeit und Fixigkeit bei der Arbeit, seine Be- redtsamkeit, die sich so vortheilhaft durch Schwmig und Kühnheit von dein ortsüblichen Ton auszeichnete, seine Bravour beim Tanz, seine Ausdauer beim Trinken und Spielen? Was schließlich Veruna's stumnie Ergebenheit? Das nützte ihm nichts, gar nichts. Er fand dies alles, dem er bis dahin eine große Wichtig- keit beigemessen, verächtlich und lächerlich. Das waren doch lauter nichtige Lappalien. Ob er schon unter seinen Kollegen hervorragte, war er doch im Grunde ein grüner Junge. Was er aber jetzt will, was er jetzt fühlt, denkt und wonach er Verlangen trägt, das ist das Rechte. Er will die Steinbruch- dirn haben. Und sollte er gleich ihr in Lumpen gehn, sollten ihn alle verachten und verhöhnen und mit den Fingern aus ihn weisen, er will sie haben und muß sie haben. Und so in die Niederungen verstoßen, würde er noch immer von der Em- pfindung beseelt sein, daß er weit mehr ist als die, die mit den Fingern auf ihn zeigen; hatte er doch für Lena's Schön- heit Reiz und Vcrständniß gewonnen und sie selbst errungen. Er war noch immer in solchem Grübeln befangen, als sie schon vor der Hütte der alten Hurych standen. Er musterte unwillkürlich die Baulichkeit von oben bis unten. „Thät mich sehr reuen," dachte er. Doch aus dem Trubel seiner Gedanken rang sich der eine durch:„Ist ja noch nicht hin!" Er bestrebte sich, ihn zu verscheuchen, doch vergeblich. Als er bald darauf von Veruna Abschied genommen hatte und für sich allein den Heimweg antrat, drängte sich ihm der Gedanke au die Hütte wieder auf. Er versuchte es, Lena's Gestalt nochmals mit dem Schein süßester Schwärmerei zu umgeben, er ließ die Gedanken, die ihn kurz vorher beschäf- tigteu, als er mit Veruna auf demselben Wege ging und plötz- lichen Stimmungsivechscl vorschützte, noch einmal vorüberziehen. Er stellte sich die Steinbrnchdirn so lebhaft vor, als nur mög- lich; doch andererseits ivollte ihm der Gedanke an die Hütre nicht aus dem Kops. Dieser zog nun allein gegen den Strom aller anderen Gedanken und rief im Kopf ein unerträgliches, schwindelerregendes Chaos hervor. Etliche Mal fuhr Wenzel mit der flachen Hand über die Stirn, er verspürte keine Er- leichterung. Er sah sich nach allen Seiten um, um auf andere Gedanken zu kommen. Es war die Landstraße, beiderseits Wald. Die Sonne stand noch hoch. Aus dem Innern des Forstes tönte der Ge- sang der Vögel herüber. Die Atmosphäre war mit Duft ge- schwängert. Unsicher, einen Haltepunkt erspähend, irrte Wenzel's Blick umher. Doch ivas waren der Wald und die Vögel und die Sonne im Vergleich zu den Gedanken, die ihn durch den Kopf wirbelten?... Von weitem schon erkannte er die Stelle, Ivo sie vordem den Wald betreten hatten; er eilte hin und drang wieder durch das Unterholz vor, bis er die Lichtung erreichte. Dort angelangt, suchte er das moosbewachsene Plätzchen auf, wo er vordem mit Veruna gernht hatte, und ließ sich nieder. Den Kopf in die Hände gestützt, verfiel er in Nachsinnen. Stach längerem Brüteil richtete er sich jählings auf und sprach laut vor sich hin:„Was will ich nun also— ist's Lena oder die Hütte?" Dies war das Resultat seines Nach- grübelns. In ihm tobte noch immer unentschieden der Kampf, bekriegten einander noch immer die Gedanken für und wider, ohne daß ein anderes erzielt wurde als die Präzisirung der vorhin laut ausgesprochenen Frage: Was nun? Das Chaos begann sich zu ordnen. Deutlichere Erwägungen gewannen die Oberhand. Der Zauber, der von Lena ausging, ivurde der Anziehungskraft der Hütte entgegengehalten. Die Ent- scheiduug schwankte, und das Schwanken ermüdete furcht- bar. In dieser Minute lächelte Wenzel wieder über seine frühere Phantasterei, wie er, von allen verachtet und ver- stoßen, in Fetzen gehen wollte, wenn er nur Lena besaß! Viel zu bedeutend ivar der Eindruck, den der Anblick der Hütte kurz vorher auf ihn gemacht hatte, so daß Lena's Dazwischen- treten vor einer oder vor zwei Stunden und die folgende Erregung ihn nicht zu verwischen vermochten. „Kann ich denn aber nicht beides haben?" durchzuckte es plötzlich seiuen Kopf. Im Nu war der Schwärm der Gedanken beruhigt. Es traten Verhandlungen ein. Lena kann ich ja im geheimen lieben, niemand weiß davon, sie selbst läßt nichts verlaliten, und das Verhältniß mit Veruna brauch' ich nicht zu lösen. Wenn's gar arg werden sollte, laß ich eines von beiden fahren, entweder Lena oder die Hütte. (Fortsetziliig folgt.) Tichlsttvahle« und X-Skvslhlen. Seil vor einem Jahre die Kunde von der inerkwurdigen Eni- deckung des Professors Röntgen durch die Welk ging, ist über die von ihm anfgefundenen neuen Strahlen. welche er als X- Strahlen bezeichnete, auberordentlich viel gcarbeitei worden; ihren Rainen verdankten sie dem Umstände, daß sie sich wesentlich von den anderen uns bekannten Strahlen, den Lichtstrahlen und den räthselhasten Kathodenstrahlen, unterscheiden: Sie werden nicht, wie die letzteren, vom Magneten abgelenkt, und sie erleiden nicht, wie die erstereu, beim Durchgang durch andere Körper eine Älblenkniig von ihrem Wege, eine Brechung. Trotzdem weisen sie manche Älchnlichkeit mit den Lichtstrahlen auf, so daß viele Physiker bei ihnen heute nicht mehr so räthselhasten ErscheiiiUiige» gegenüber zu stehen glauben, als es anfangs der Fall zu sein schien. Betrachten wir zunächst die Vorstellung etwas näher, welche man sich von de» Lichtstrahlen gebildet hat. Dieselben breiten sich von den leuchtenden Körpern aus im Räume nach allen Seiten grad- linig ans, d. h. hinter deiijeiiigen Körpern, die das Licht nicht durch- dringt, entsteht ein Schatten, der durch die geraden Linien l egrenzt ist, die man von den Grenze» des leuchtenden Körpers aus nach denen des undurchsichtigen zieht. Wegen dieser gradlinigen Ausbreitung des Lichtes spricht maii von Strahlen, und es lag nahe, anzunehmen, daß dieselbeii dadurch zu stände koininen, daß von den leuchtenden Körper» sehr kleine Thcilchen enliveder des betreffenden Körpers oder eines besonderen Lichtsloffes fortgeschleudert würden, ivelche die Licht- «rscheinunge» zu stände bringen. Diese schon im Alterthnni übliche Anschauung ist auch i» neuerer Zeit mehrere Jahrhunderte hindurch von hervorragenden Forschern getheilt worden. Erst im Verlaufe unseres Jahrhunderts sind eine Reihe von Erscheinungen näher er- forscht worden, welche dazu nöthigte», eine ivesentlich andere Vor- stellung über die Statur des Lichtes auszubilden. Es zeigte sich nämlich, daß Licht unter bestimmten Umständen zusammen- wirkend sich nicht verstärkt, sondern schwächt; man nimmt daher an, daß die Ausbreitung des Lichtes durch eine zitternde, hin- und hergehende Bewegung der Theilchen eines sehr feinen, alle Körper dnrchdriiigendcn Stoffes, des Aelhers, geschieht. Durch einen lenchtendeit Körper wird nach dieser Anschauung das Gleichgewicht im Aelher gestört, so daß die Aethertheilchen pendel- artig schwingende Beivegungen um ihre Gleichgewichtslage voll- führen; indem diese Schiviugunge» sich den nächst gelegenen Aelher- theilchen mittheileu, läuft eine Welle in der Strahlrichtung entlang, so etwa, wie bei einem an de» Enden befestigten Seile durch Hin- und Herziehen der Theilchen an dem einen Ende eine über das Seil laufende Welle erzeugt ivird. Bei dieser Anschauung ist die Schwächung, welche durch das Zusammenivirlen(Interferenz) zweier Lichtbewezungen zuweilen entsteht, verständlich; denn wenn zwei Wellenzüge so zusaminentreffe», daß die von der Bewegung ergriffenen Punkte von beiden gleichzeitig nach verschiedenen Seiten geführt werden, so ivird eine Schwächung und selbst Aushebung der Bewegung eintreten»iiissen. Eine Gruppe der in dieses Gebiet gehörenden Erscheinungen sind die der sogenannten Beugung oder Diffraktion des Lichtes. Läßt man nämlich ein Bündel Lichtsirahle», wie man es leicht erhalten kann, wenn man Sonnenlicht durch eine» nicht zu enge» Spalt in einen verdunkelten Raum treten läßt, durch eine» zweiten sehr engen Spall von etwa 1 Millimeter Breite gehen, so entsteht auf einem gegeniibersteheuden Schirme kein einfaches Bild des Spaltes, sonder» dasselbe zeigt sich zu beide» Seilen von ab- wechselnd dnnkeln und hellen Streifen umgeben; freilich muß mau, da das Souneiilicht aus einer Mifchung vieler Lichtarte» besteht, um die Erscheinung deutlich zu erhalten, den Spalt mit einem farbige» Glase bedecken, durch welches nur eine bestimmte Lichtart hin- durch gelaffeu wird. Die seitlich von dem Mittelbilde auftretende» helle», durch dunkle Streifen gelrennten Spaltbilder beiveisen, daß von dem Spalt aus das Licht nicht nur in gerader Richtung fortgeschritten ist, sondern sich auch seitlich ausgebreitet hat,»ach der Seite zu gebeugt worden ist. Macht man die beugende Oeffnung etwas breiter, so ziehen sich die dunkeln Jnterferenzstreifen nach der Mitte zu etwas zusammen, nnd bei einer bestimmten Spaltbreite erscheint die Mitte selbst dunkel, umgebeil von zwei helle» Streifen; bei weiterer Verbreiterung des Spaltes ivird die Milte wieder hell und es treten zivei dunkle Streife» auf, und so fort, bis die Erscheinluig bei zu großer Spaltbreile verschwindet. Unter gleichen Umständen, also bei Anwendung desselben Spaltes, haben die helle» und dunkeln Jiiterferenzstreifeu größeren Abstand von einander, wenn man rolhes Licht auf den Spalt fallen läßt, als wenn man grünes benutzt, und noch enger rücken sie bei blauem Lichte zu- sammen. Eingehendere Betrachtungen lehre», daß die Stellen der hellen und dunkeln Streifen bei jeder Lichtart von der Wellenlänge, d. i. dem Abstand je zweier in gleichem Schwingungszustand befind- licher Theilchen, abhängt, und daß man aus dieser Stellung die Wellenlänge berechnen kann. Es haben sich für sie außerordentlich kleine Größen ergeben, die wir uns kaum vorstelle» könne»; sie betragen nur einige Zehntausendstel eines Millimeters, sind aber nichts desto iveiiiger von einander noch durchaus verschieden; so ist die Wellenlänge der rothen Strahlen etwa ö, der grünen 5, der blauen 4 Zehntausendstel Millimeter lang. Im Sonnenlicht sind, wie schon erwähnt, die verschiedensten Lichtarle» enthalten. Läßt man das Sonnenlicht»ach dem Passiren eines nicht zu engen Spaltes auf ein Glasprisma fallen. so entsteht auf einem gegenüberliegenden Schirme kein Helles Spalt- bild, sondern dasselbe ist seitlich verschoben nnd zugleich zu einem farbigen Bande, einem Spektrum, auseinandergezogen. Die Licht- strahle» sind durch das Prisma von ihrem Wege abgelenkt und zu- gleich in ihre einzelnen farbigen Bestandtheile zerlegt worden. Das Spektrum beginnt mit roth und geht durch alle Farben des Regenbogens hindurch zu blau und violett. Den einzelnen Farben kommt, wie schon gesagt, verschiedene Wellenlänge zu, und zwar haben die rothen Strahlen die längsten Wellen, während sie nach Violett hin beständig abnehmen. Wie nun die einzelnen Strahle», in unser Auge fallend und unser» Angennerven treffend, Farbenempsindnng hervorrufe», so erregen sie, auf unsere Hautneroen treffend die Empfindung der Wärme; jedoch ist dies bei den ver- schiedenen Strahlen in verschiedenem Aiaße der Fall; die größte Wärme bewirken die rothen Strahle», während die violetten chemische Umlagerungen in vielen Substanzen hervorrufen und da- durck starke Wirkung auf eine photographische Platte ausüben. Untersucht man die Wärmewirkung der Lichtstrahlen mit dem Thermometer oder anderen wärmeeinpfindlichen Apparaten, so findet man auch eine Einwirkung auf das Jnstruiuent, wenn es über das rothe Ende des Spektrums hinaus gebracht wird. Es beweist dies, daß dort noch Strahlen vorhanden sind, die das Auge nicht wahrnimmt, die sich aber durch die genannte Wirkung verrathen. Zu diesen u l t r a r o t h e n(weil jenseits des Roth liegenden) Strahlen gesellten sich bald nach ihrer im Jahre ISVll erfolgten Entdeckung jenseits des Violett liegende Strahlen, die man daher ultraviolette nannte; sie verriethen ihre Existenz im Jahre 1301 durch die chemischen Wirkungen, welche sie ausübten. Auch von diesen unsichtbare» nltrarothen und ultravioletten Strahlen gelang es, die Wellenlänge» zu messen; dieselben schloffen sich eng au die der rothen und violetten Strahlen an, wobei sie länger resp. kürzer wurden, je weiter man sich von den Grenzen des sichtbaren Spektrums entsernte. Auf diese Weise fand man, daß i» den Aetherschwingungen sämmtliche Wellenlängen von 300 herab bis zu 1 Zehntausendstel Millimetern vorhanden sind; für unsere Auge» sichtbar sind von dieser außer- ordentlichen Fülle von Strahlen nur die wenige», deren Wellenlängen sich von 8 bis zu 4 oder 3«/? Zehntausendstel Millimeter» erstrecken. Eine neue Erweiterung erfuhr der Bereich der uns bekannten Strahlen im Jahre 1888, als es Hertz gelang, elektrische Wellen nachzuweisen, welche in vielen Eigenschaften de» Lichtwellen analog sind nnd daher ebenfalls für Aetherwellen gehalten werde». Beträgt aber die längste Ultrarothe Wellenlänge nur wenige Hundertstel eines Millimeters, so mißt die Länge der Hertz'schen elektrischen Wellen»ach Meter». Während es leicht ist, sehr lauge elektrische Welle» zu erzeiigen. stoßen die Bemühungen, die Wellenlänge herabzusetzen, auf große Schwierigkeiten; nichtsdestoweniger gelang es den Nachfolgern Hertz', erheblich weiter heruiiterzukomine», sodaß man heute elektrische Wellen bis herab zu 3 Millimetern Wellenlänge kennt. Freilich de- findet sich zwischen ihnen und den längsten nltrarothen Wellen. welche hundertmal kürzer sind,»och ein erheblicher Zwischenraum, über dessen Ausfüllung uns bisher nichts bekannt ist. Wenden wir uns nun zu den X-Slrahlen. Sie culstehen be- kanntlich, wenn in einem fast luftleer gemachte» Räume elektrische Entladungen vor sich gehen. Von der Kathode, d. i. der eine» der beiden Stellen, wo die metallische Leitniig in den luftleeren Raum hineiilragt, gehen gradlinig die merkwürdige» Kalhodenstrahleu aus, unter deren Einwirkung das von ihnen getroffene Glas in grün- lichcin Lichte zu fluoresciren beginnt. Aber von der grünlich leuchtenden Stelle gehen auch die neu entdeckte» X-Strahlen aus, welche ungebrochen durch ziemlich dicke Schichten der verschiedensten Körper hindurchgehe». Sollte man es bei ihnen vielleicht anch mit Aetherschwingungen zu thun haben, wie ihre starke Ein- Wirkung ans die photographische Platte beinahe ver- inulhen ließ? Dann müssen eS Beivegungen von sehr kurzer Wellenlänge sei», da sich sonst die Thatsache, daß sie beim Durchgang durch andere Körper nicht gebrochen werden, nicht erklären läßt. Eine starke Stütze würde diese Anschauung erhalten, wenn sich andere Eigenschaften der Lichtstrahle», vor allem Er- scheinungen der Interferenz und Beugung, bei de» X-Slrahlen nach- weisen ließen. Namentlich der Beugung der X-Strahlen wandten mehrere Forscher ihre Allfmerksamkeit zu, nnd es erschien bald außer allem Zweifel, daß eine solche Beugung bei ihnen wirklich vor- Hände» sei. Herrn Dr. F o m m gelang es sogar, ihre Wellenlänge zu bestimmen; als er die beugende Spaltöffnung, durch ivelche die X-Strahlen geschickt wurden, nur>/io Millimeter breit machte, zeigte sich das Bild des Spaltes auf der photographischen Platte deutlich von einem dunklen Jnterseren, streifen durchzogen. Herr F. berechnet »ach seinen Versncheu die Wellenlänge der angeivandten X-Strahlen zu nur 14 Milliontel Millimetern, sie ist also noch 7—10 mal kleiner, als die der bisher bekannte» kürzesten ultraviolette» Strahlen, von denen die X-Strahlen daher durch eine geringere Kluft getrennt sind, als die elektrischen Strahlen von den Ultrarothe». Ist es somit bisher noch nicht gelungen, eine ununterbrochene Reihe von Aetherwellen herzustelle», wisse» wir speziell von der Natur der slalhodenstrahlen noch so gut wie gar nichts, so können wir doch iveuigstens die X-Slrahlen nnler demselben Gesichts- punkte auffassen, wie die sichtbaren Lichtstrahlen und die nnsichtvare» elektrischen, nltrarothen und ultravioletten Strahlen. Je mehr Er- scheinungen wir aber einheitlich zusammenzufassen vermögen, desto mehr nähern wir uns dem Ziele einer einheitlichen Auffassung der gesauunlen Natur und aller natürlichen Vorgänge. Bl. Mleines Feuillekon — Die hcldcnmüthigc That einer Frau. Der französische Ansiedler Ronel bewohnte mit seiner Familie die kleine in der Nähe von Numea gelegene Insel Bailly und betrieb hier eine Farm. Vor einigen Wochen schiffte er sich mit zwei Gehilfen auf seinen Kutter ei», mn auf Nen-Kaledonien Einkäufe, nanienllich an Lebensmitteln, zu machen. Auf der Rückfahrt war das Ziel bereits in Sicht, als eine Sturzwelle das Fahrzeug zum Kentern brachte; alle drei In- fassen fanden nach verzweifeltem Ringen vor den Augen der am Ufer harrenden Familie ihren Tod in den Wellen. Was das Unglück noch größer machte, war der Umstand, daß Frau und Kinder an Nahrungsmitteln fast gar nichts mehr besaßen. Nun galt es. nicht zu verzweifeln, sondern auf Rettung zu sinnen. Mit Hilfe der fünf noch im jugendlichen Alter stehenden Kinder er- richtete die muthige Frau Signalstangen und zündete große Holz- häufe» an, um bei Tag und Nacht etwa vorüberfahrende Schiffe aufmerksam zu machen. Alles war umsonst, elf bange Tage verstrichen, und die Roth der darbenden Kinder stieg aufs höchste. Da kam ihr ein Gedanke:»ach einigen weiteren Tagen vergeblichen Harrens ließ sie sich von den in hellen Jammer ausbrechenden Kindern auf einen Tisch festbinden, dem durch einige Bretter nothdürfliger Halt gegeben war, und dieses„Fahr- zeug" wurde ins Meer geschoben. Und das Wagniß gelang I Der günstige Wind trieb es der Hauptinsel zu, und nach einigen schrecklichen Stunden landete es in der Nähe des Mout d'Or, 35 5iiloiiieter nördlich von Nnmea. Bald wurden auch die Kinder aus ihrer furchtbaren Lage befreit; die heldenmüthige Mutter wurde Gegenstand bewundernder Kundgebung der gesammten Ve- völkerung.(Köln. Z.) c.e. Vom aiiicrikaiiischcu JonrnaliSmus. Die Nnv-Dorker Einschätzungskommission für das Jahr 183« schätzte den Werth der Redaktiousgebäude des„New-Hork Herald" aus 950 000 Dollars (3 900 000 M.), der„New Jork Times" auf 775 000 Dollars, des „Herald" auf 300 000 Dollars, der„Evening Post" auf 550 000 Doll., der„Tribüne" aus 540000 Dollars, der Zeitung„Mail and Expreß" auf 500 000 Dollars und der„Staatszeituug" auf 400 000 Dollars. Den größten Theil ihrer Einnahmen ziehen die amerikanischen Zeitungen aus ihrem Jnseratentheil. Die Preise der Ankün- digunge» sind ganz enorm. So läßt sich die in Chicago erscheinende„Tribüne" für eine eine Spalte füllende Jahres-Annouce 105 000 M. bezahlen, der„New Jork Herald" gar 145 000 M. Die „New Jork Tribüne" nimmt keine Jahres-Reklame auf, die weniger bringt als 30 000 M. Auch die Gehälter der Redakteure sind höher als in Europa. Ein New Jorker Tageblatt hat gewöhnlich zehn bis zwölf fest angestellte Redakteure, die ein Jahresgehalt von 90 000 bis 30 000 M. beziehen. Der Redakteur einer New Jorker Handelszeitung erhält jährlich 85 000 M.; der des Blattes„Sun" 30 000 M. und die Leiter des„Century Magazin" bekommen je 50 000 M. Ein anderes Blatt giebt wöchentlich 8000 M für seine europäischen Kabeltelegramme und ebenso viel für seine eigene Reklame aus.— Theater. — Vom Schriftgießern, ädel zur Primadonna. Ende des vorigen Jahres verließ die Sängerin Antonie Schläger die Wiener Hofoper, an der sie 15 Jahre gewirkt, für immer. In der Abschiedsvorstellung wollte der Jubel der Zuhörer kein Ende nehme», und als die Sängerin das Opernhans verließ, spannte man die Pferde ihres Wagens aus. Diese Antonie Schläger, oder wie man sie in Wien hieß, die„herrliche Toni", stammte aus einem Wiener Grnnkramgeschäft. Ehe ihre herrliche Stimme entdeckt wurde, war sie Schleiferin in einer Schriftgießerei gewesen. In den letzten Jahren war die Toni etwas rund geworden, wenn auch nicht in dem Maße, wie die alte Witt, die ihr Umfang zuerst aus der Oper, dann vor einigen Jahre» in den Tod getrieben.— Kunsthandtverk. — Ein Pracht werk ersten Ranges giebt die franzö- sische Buchhandlung und Buchdruckerei Maine heraus. Das Werk führt den Titel„Leben Jesu", erscheint i» zwei Bänden, ist mit 100 Illustrationen des Malers Tissot geschmückt und kostet auf dem Snbskriptionswege 1200 M. Dasselbe ist mit eigens hergestellte» Letter» aus geschöpftem Papier gedruckt. Die Einbände(die erste Auflage wurde nur in 1000 Exemplaren gedruckt) sollen allein 50 000 Fr. gekostet haben.— Aus dem Alterthum. — Buddha's Geburtsort ist, wie der„Times" gemeldet wird, von Dr. Fahrer, dem Leiter der archäologischen Aufnahmen für die Norivest-Provinze» Indiens, der von der indischen Regierung nach Nepal entsandt worden war, jüngst mit Sicherheit festgestellt worden. Die Regierung von Nepal hatte zu den Untersnchungen Fahrer's ihre Zustimmung ertheilt und den Gouverneur von Palpa abgeordnet, dem Abgesandten der indischen Regierung entgegenzugehen und behilflich z» sei». Der Gouverneur wollte mit Fahrer in Nigliva zusammentreffen, indessen ein glücklicher Zufall brachte es zuwege, daß die Begegnung etwa 25 Kilometer nordöstlich von diesem Punkt, i» Manz» Paderiya stattfand. Hier bei den Trümmern mehrerer verfallene»„Stnpas" stand einer von Asokas Steiiipieilern, der etwa drei Meter über die jetzige Bodenhöhe der Trümmer hervorragt und verschiedene Pilger- Inschriften trägt, von denen eine wohl bis in das neunte Jahrhundert zurück- reicht. Dr. Fahrer wurde auf diesen Monolith aufmerksam, ließ Nachgrabungen veranstalten und de» Monolithen in der Tiefe weitere 4 Meter freilegen, wobei er ans eine wohlerhaltene Inschrift des Kaisers Peyaddassi oder Asoka stieß, die sich etwa 1 Meter unter der frühern Bodenfläche befand. Ans dieser Jnschrist erklärt Asoka, daß er im zwanzigsten Jahre nach seiner Salbung(ungefähr 239 v. Chr.) nach dem Garten von Lumbini gekommen fei, dort seine Andacht verrichtet, verschiedene Stnpas und diese Säule genau an dein Orte, wo der Herr Buddha geboren wurde, errichtet habe,»im der Nachwelt dieses freudige Er- eigiiiß in Erinnerung zu bringen. Etwa 28 Kilometer nordivestlich von der Steinsäule liegt eine iveitschichtige Trümmerstätte. Es sind die mit Wald überivachsenen Reste von Stnpas, Klöstern und Palästen, die einst zu Kapivalefta. der Stadt von Buddha's Vater, gehörten und sich in einem Umkreise von 11 Kilometern in der geraden Linie vom Dorfe Amouli bis nach Tilaura Kot am Fluffe Banganga hinziehen.— Aus dem Pflanzeulcbcn. — Mohn aus der Zeit Alexander des Großen. Die Silber-Bergwerke am Gebirge Laurion in Attila(Griechenland) waren vor inehr als 2000 Jahren ausgegeben worden, weil bei der damaligen Alifbereituiigsmelhode der Betrieb sich als unrentabel erwies. Vor mehreren Jahre» hat eine französische Gesellschaft den Betrieb wieder aufgenommen. Es wurden neue Schächte angelegt »nd die in riesigen Halden aufgespeicherten fe-chlacken, die»och einen hohen Silbergehalt besaßen, aufgearbeitet. Als man die Halden abgetragen halte, fand man, daß der früher von diesen be- deckte Boden sich in ein üppiges Mohnfeld von leuchtender Farben- pracht verwandelt hatte. Ter Mohnsamen halte durch all die Jahrhunderte seine Keimfähigkeit bewahrt.— Die gleichen Er- sahrungen hat man übrigens auch mir Gerstenkörnern«. gemacht, die man in altegyptischcn Felsengräbern gefunden. Technisches. — Die Benutzung des Magnetismus zur Er« h ö h u n g der Zugkraft der Lokomotiven ist dem Amerikaner George C. Pyle patentirt worden. Die Vorrichtung besteht ans starken Eleklro-Magneten, welche in gleicher Zahl wie die Triebräder an dem Rahmen der Maschine derart angebracht werden, daß die Pole eines jeden Magneten vor und hinter dem betreffenden Rade sich bis auf etwa*/* Zoll der Schiene nähern. Die schiene bildet also unterhalb der Pole die Armatur des Magneten. Wird der Stromkreis nun geschlossen, so zieht jeder Magnet Lokomolivrahmen und Schiene mit einer derartigen Gewalt zusammen, daß eine nm 10 000 bis 20 000 Pfund pro SHad erhöhte Adhäsion erzielt wird, ans grund deren 4—5 schiver beladene Wage» mehr angehängt werden können.— Humoristisches. — Deutsch und deutlich. Eine Gemeindebehörde der oberen Maingegend hat, wie der„Franks. Gcneralanzeig." initlheilt. eine Bekanntmachung erlassen, die wörtlich folgendermaßen lautet: „Den Familienvätern zur Beachtung! Der Schnlniilerricht ist auf den 15. Oktober festgesetzt. Bei dieser Gelegenheit richtet daS Gemeiiidekollcgium an die Eltern die Mahnung, ihre Kinder vom ersten Tage an in die Schule zu schicken und sie den Besuch der Klaffen ohne Unterbrechung fortsetzen zu lassen. Nur der Ansang ist schiver, nachher geht es dann ganz von selber. Es giebt schon genug Schafsköpfe unter Euch und anderwärts, als daß diese Noth- wendigkeit vorläge, deren Zahl noch zu vermehren. Merkt also wohl ans, ein für allemal, und vergeht nie, daß Eure Kinder ohne eifrigen Schulbesuch nichts anders werden können, als Esel. Man lasse sich das gesagt sein. Für das Kollegium: X."— Müssen gute Holzäpfel wachsen in dieser„oberen Maingegend".— — Ein Nilpferd mit Frostbeulen. Einen der Haiiptanziehungspunkte des Pariser Jardin d'acclimatisation bildet in diesem Winter das Nilpferd Bapliste. Es hat sich nämlich herausgestellt, daß dieses Riesenthier, das durch seine dicke Haut gegen alle Einflüffe geschützt zu sein schien, an Frostbeulen leidet. Baptiste, der mit Milch genährt wird, hatte sich trotz seines bös« artigen Charakters doch schon halbwegs an Paris gewöhnt, als der Winter kam und sich die Frostbeulen einstellten. Die Haut des Thieres zerriß an vielen Stellen. Um dem Patienten Linderung zu ver- schaffen, wurde für ihn ein eigenes Wasserbassiii gebaut, das Tag und Nacht geheizt wird. Außer der Behandlung mit warmem Wasser wendet mau auch Douchen a», die sich der Dickhäuter gern gefallen läßt. Mit der alten„Nilpferdmntter" des zoologischen Gartens hatte sich Baptiste bald befreundet. Nur sucht er sie bei jeder Ge- legenheit zu ärgern. Er steigt ihr, wenn sie im gemeinsamen Bassin schläft, auf den Kopf. und. obwohl sie ihn jedesmal mit einem Ruck herabwirst, fängt er sein Spiel immer wieder au, zur großen Freude der Thiergartenbesucher. An seinen Wächtern läßt er alltäglich seine» Zorn ans und erschreckt sie, indem er ihnen mit aufgesperrtem Rachen nachläuft. Mit einem Wort: Ein gar liebes Viecherl, dieser Frostbeiilen-Baptist! Verantwortlicher Redakteur: August Jacobey in Berlui. Druck und Verlag von Max Badiug in Berlin.