Ilnterhaltungsblatt des Horwärts Nr. 8. Dienstag, den 12. Januar. 1897. L)«Nachdruck untersag!.) Vei den Srhnridemnfchinen. Roman von 21. A, Simäeek. Autorisirte Ucbersetzuiig ans dem Czechischen. Uebcr diese Vermuthung freilich mußte Wenzel sofort lächeln. Was fallen einem manchmal doch für dumme Sachen ein!... Und mos schert er sich überhaupt um all' die Gc- schickten? Er ist so weit mit der Tirn, wie weit er hat kommen wollen. Jetzt trägt sie keinen Hammer bei sich, mit der Wehrlosen würde er schon fertig werde». Ucbrigens, wer weiß, ob die Tirn sich nicht schrecklicher macht, damit er sich fürchtet, sie zn verlassen...? Diese Vermuthung schien ihm sehr zutreffend und beruhigte ihn. „Ein durchtriebener Teufel," backte Wenzel bei sich und lachte auf. Ucbrigens, ivenn etwas Wahres dran ist, beweist es nur, daß sie nicht für jedermann zu haben ist. Umso mehr also mag er mit dem, ivas er erreiche hat, zufrieden sein. Be- denkt er aber andererseits die Thatsache, daß Lena sich schon ziem- lich in der Welt umgesehen hat, so kanil er nur schwer annehme», sie hätte wegen einer Umarmung und wegen eines Kusses gleich Lärm geschlagen. Eine, die schon im Steinbruch, in der Fabrik und iveiß Gott wo gearbeitet hat, läßt sich schon etwas gefallen und bieten... Mit solchen und ähnlichen Gedanken beschäftigt, wiegte sich Wenzel in Sorglosigkeit und Schlafmüdigkeit ein und ver- fiel bald darauf in festen Schlaf, der erst in den Morgen- stuuden unruhig wurde. Er sah im Traum eine moiidbcglänzte Landstraße. Kein Mensch iveit und breit. Inmitten der Straße ein zwei- rädcriger. mit weißem Staub bedeckter Karren... Neben dem Karren Lena mit ausgestrecktem Arm, wilden Ausdruck ini Gesicht; die Augen schoffen unter den zusammengeivachseneu Augenbrauen hervor Blitze, und zn ihren Füßen lag er, nicht fähig, sich zn rühren, zu rufen oder um Erbarmen zn flehen — völlig ohnmächtig. Auf der Stirn eine brennende Wunde, ans der das Blut langsam sickerte. Die Kehle krampfte sich ihm immer mehr und niehr zusammen, schon ging ihm der Athcm aus... Da im Augenblicke höchster Angst strengte er all' seine Kräfte an und stieß einen langgezogenen, gellenden Ruf aus und rührte sich gleichzeitig. Er wurde wach und sah sich entsetzt nach allen Seiten um. Es dämmerte bereits... Nu», das ist ja seine Stube, und alles war nur ein häßlicher Traum... er wischte sich den Schweiß von der Stirn und setzte sich anfs Bett. Er konnte eine peinliche Empfindung nicht los iverdcn. Vielleicht bc- deutete dieser Tranni eine Warnung... Wenzel begann zu erwägen, ob sein Untcriiehmen wirklich sündhaft und strafwürdig sei. Zugleich aber war er uumuthig darüber, daß ihm wegen der Tirn' so viel Zweifel aufstiegen. Eine innere Stinime raunte ihm zu, das käme daher, weil er sie fürchtete, doch das wollte Wenzel nicht zugeben; gleicherweise sträubte er sich gegen den sich ihm aufdrängenden Gedanken an Leua's Aiisländigkeit und Solidität. „Ein Fabriksmädel, basta, und wegen so'ncr Land- strcicherdirn zcrbrcch' ich mir den Kopf. Bin ich ein Esel! Da null ich doch lieber schlafen." Er legte sich auf die ailderc Seite und bemühte sich, ein- znschlafcn. Vergeblich. Plötzlich verspürte er Hunger und crinuerte sich, daß er gestern eigentlich ohne Abendbrot zu Bett gegangen war. Er stand auf und schnitt sich eine Stulle; sie verzehrend, trat er vors Hans. Tie eben anfgehendc Sonne verhieß einen schönen Tag. Wenzel lockte es in die Felder. Auf der Gartenseite des Dorfes schritt er in der Richtung der Fabrik aus. Auf dem Feldrain gehend, kam er auf die Landstraße und hielt in der Nähe der Arbciterkaserne inne. Er benierktc, wie zu ebener Erde, dort wo der Oberheizer Springer Zimmer und Küche bewohnte, ein Fenster geöffnet wurde, und entschloß sich, näher zn treten. Er schlug also die Richtung ein, und da trug ihm eine Brise das Weinen eines Kindes und die Melodie eines Wiegenliedes zu. Er erkannte Lena's Stimme und machte iviedcr Halt. Ja, das war derselbe Klang wie vor- gestern im Walde. Wenzel fühlte sich ergriffen, denn das Lied war ungemein rührend.„Was ist das für ein Kind, das sie in Schlaf singt Neugierig näherte sich Wenzel dem offenen Fenster und grüßte hinein. Der Oberheizer dankte, gleich darauf zeigte sich sein bärtiges Gesicht zwischen den Blumentöpfen. „Ich Hab' keinen Schlaf, bin ein bischen ins Freie," er- klärte Wenzel sein ungewohntes Erscheinen. „Komnien S' nur weiter'rein, Hradil, wir sind schon auf," meinte Springer, und Wenzel ließ sich's nicht zweimal sagen. Er nahm in dem tranlichen Zimmer den ihm angebotenen Stuhl an und rieb sich zunächst die Hände. Ter Oberheizer schwieg ebenfalls, und so tönte ganz deutlich das Wiegenlied herüber. „Na, zn'»er Sängerin hätten wir's jetzt gebracht," nahm Springer das Wort.„Fast die ganze Nacht hört mau sie. Und wissen Sie, wer's ist?" Doch er wartete garnicht Wenzels Ant- wort ab, sondern fuhr unverzüglich fort:„Die Steiubruchdirn, die vorgestern'kommen ist. Heut hat sie die ganze Nacht mit dem kleinen Mädel der Chivatalka�) vertrödelt. Das Kleine ist nichtsnutz schon von Geburt, immer krank. Die Chwaralka war schon ganz hin von dem Rangen. Jetzt kriegten sie dort ins Zimmer die Dir» mit ihrem Allen und haben ein Kinds- mädcl." „Halt ja, eine gutherzige Dir»," mischte sich jetzt Springer's Frau, die aus der Küche getreten ivar, ins Gespräch;„das hätt' ihr keiner angesehen, ich selbst Hab' sie für ganz wild gehalten. Aber da sollten Sie aufpassen, wie sie ihren Alten betreut! Und bei der Chivalalka hat sie schon vom ersten Tag einen Stein im Brett. Ich bitt' Sie auch, wo finden Sie leicht eine, die sich um ein fremdes Kind annimmt, geschweige denn, daß sie's die ganze Nacht hutscht und im Zimmer'rum- trägt. So täuscht halt manchmal's Aeußerc..." Und die gesprächige Frau verschränkte die Arme, sichtlich zu einem Disput niit den Männern aufgelegt. „Ich will Dir was sagen, lob' nur nicht viel zn früh," fand Springer für nöthig zu bemerken,„iver weiß, was für Untugenden sie sonst hat. Bei solchen Dirnen muß man sich vorsehen." Eine Weile tauschten die beiden so ihre Meinungen aus; dann ging die Springerin wieder in die Küche zurück, und der Öberheizer gab dem Gespräch eine andere Wendung. Bald daraus war's schon sechs, und die Männer brachen zur Arbeit ans. Noch lange klang Lena's Wiegenlied Wenzel in den Ohren nach und auch das, was er bei den Springer'schen gc- hört Halle. Zu dem Bilde der Dirn' mit dem emporgehobenen Hammer gesellte sich jetzt ein zweites: Lena mit dem Kind im Arm, und dies zweite verdrängte das erste. Allerhand Ge- danken wirbelten Wenzel durch den Kopf; sowie er jedoch Lena wieder erblickte, vertrieb das Verlange» nach ihr alle Grübeleien und begehrte stürmisch sein Recht... Der heutige Tag verlief beiden ähnlich rasch wie der gestrige und wie einige nachfolgende Tage. Bis jetzt wußte niemand um Weuzel's Zusammenkünfte, darum fanden sie nach wie vor ungestört und unverändert statt, mit der Abweichung höchstens, daß die Dirn' manchmal später heimkehrte als in den ersten Tagen. Beider Leiden- schaft wuchs in dieser Zeit und äußerte sich immer stürmischer. Ter Eindruck der Erzählung und des Traumes war verwischt, in der Licbesgluth zerflossen. Lena's Nachgiebigkeit und Er- gcbenheit verscheuchte den letzten Schalten einer Befürchtung aus seiner Seele. Er hatte die Steiubruchdirn', wie er sich selbst mit einem Gefühl stolzer Befriedigung einbekanntc, vollends in der Tasche, er beherrschte sie, und sie folgte ihm blindlings. So wert ivollte er sie haben. Seine Wünsche waren erfüllt. Was Lena's Ruf in der Fabrik anlangt, so verlautete bald, Kruschina märe ein anständiger Mensch, aber mit der Tochter gebe er sich nicht viel ab und lasse ihr volle Freiheit. Die Dirn' wäre gutherzig über die Maßen, aber zuweilen wie nicht recht beieinander. Die Abende hindurch— so trug sich's herum— treibt sie sich im Wald umher und koiuinr erst Nachts heim, giebt nicht viel auf ihr Aeußeres und läßt niemanden nii sich herailkoinnien. Jüngst erst ist Nesbeda verdammt ') DaS Weib des Chivatal; ezechische Endung im Dialekt. schneidig von ihr abgefertigt worden und kann ihr jetzt gar nicht auf den Namen kommen. Vorgestern wieder hat sie dem Heizer Rokoivec eins versetzt, daß er aus dem Gleichgewicht kam. Im Anfang wagten es die Buben, welche die Kessel reinigten, sie zu necken, zu bewerfen und anzurufen; aber nachdem sie zwei von ihnen auf der Stelle baar ausgezahlt, hatte sie Ruhe. In der Fabrik sprach sie fast mit niemandem, aber ihre Arbeit verrichtete sie zur vollsten Zufriedenheit. Und das war die Hauptsache. Nicht ganz so standen aber Wenzcl's Sachen. Auch er bildete den Miltelpunkt zahlreicher Gerüchte: weder sah man ihn wie früher mit seinen Kameraden ausgehen, noch hielt er sich zu Hause ans, noch auch ließ er sich bei Veruna blicken. Allerdings fiel nieniaudem ein, dies mit Lena's nächtlichen Spaziergängen in Verbindung zu bringen, vielmehr ivurde mit ziemlich großer Bestimmtheit behauptet, Wenzel sei jetzt erst recht in die Liebe eingetunkt, und zwar seit dem Feiertag, -da er mit Veruna im Walde war. Sein Fernbleiben von jeder seichten Unterhaltung wurde als eine Begleiterscheinung der Verliebtheit gedeutet. Die Ansicht vertrat in erster Linie Hurych, von dem sie auch ursprünglich ausgegangen war, und da Hradil gegen sie nicht auftrat, sondern zu öfteren und mitunter recht anzüglichen Neckereien sich still- schweigend verhielt, kaum daß er unmerklich, wie zur Be- stätigung, lächelte, wurde sie allgemein für unzweifelhaft angesehen, und es fehlte nicht an mannigfachen, theils erdichteten, theils auf Wahrheit beruhenden Belegen aus der Umgebung, deren Richtigkeit noch zu bekräftige». Der einzige Kncharz schien anderer Meinung; er ividcr- sprach wohl nicht offen, beobachtete aber beim Austausch der verschiedenen Meinungeil ein Schiveigcn, das Wenzel beim« ruh igte, obschon es anderen garnicht auffiel. Kncharz bctheiligte sich nicht an den geivöhnlichen Trinkgelagen, und auf Rechnung dieser seiner Theilnahmslosigkcit setzten die Kameraden, Hradil ausgenommen, seine Gleichgiltigkeit gegenüber der eingetretenen Veränderung. Aber, wie gesagt, Wenzel beunruhigte dies Gehaben, namentlich seit dem Tage, da Kncharz, als iviedcr einmal von Lena's Verrücktheit die Rede ivar, trocken bemerkte: „Ah, laßt mich doch in Ruh', die Dir» hat mehr Grütze als ihr alle zusammen. Sicher streicht sie nicht umsonst und nicht allein im Wald." „Wer möcht' doch, sag' Du mir, mit dem Tölpel'rum- laufen," ivendete Nesbeda rauh ein. „Lassl Du das nur bleiben, so sauber ist sie schon, daß mancher ihr nachschaut," versetzte Kucharz,„Mit dem Finger könnt man auf Einen zeigen, dem sie in die Augen sticht." Hurych lachte auf, indessen es Nesbeda rathsamer fand, die Anspielung unbeachtet zu lassen. Damals stieg in Hradil der Verdacht auf, daß Kncharz etwas ahnte, und er beobachtete ihn fleißig, ohne jedoch be- stimmte Anhaltspunkte zu gewinnen. Nichtsdestoweniger steigerte sich seine Unruhe dermaßen, daß sogar Lena die Ver- änderung in seinem Wesen wahrnahm, obschon ihre bedingungs- lose Ergebenheit gerade in letzter Zeil in fast sklavische Willen- losigkeit ausgeartet war, ein Secleiizustand, in dem sie nianches minder freundliche Wort überhörte, manches eigenthümliche Lächeln übersah, das in letzter Zelt mitunter um Wenzcl's Lippen schwebte. Anfänglich, als in der Fabrik, zuerst nur andeutungsweise, dann in bestimmter Form, das Gerücht von Lena's Verrücktheit auftrat) lächelte Wenzel, obschon durch das unerwartete Urlheil betroffen; wenn er aber abends in ihre Augen sah und dort so viel Liebe entdeckte, verachtete er geradezu jene, die so etwas ausstreueil konnten. Erst die Wahrnehmnngen der letzten Woche gaben ihm zu denken. Lena verschlang ihn förmlich mit ihren Blicken, ihr Gesicht flammte uiauchmal in gerade fieberhc.ster Röthc auf, sie hing an seinen Lippen, überhörte seine Fragen, suchte manchmal mit Thräueu in den Augen den Abschied hinaus- zuschieben, zog ihn mit Gewalt zurück und beschwor ihn, noch zu verweilen. Da betrachtete er sie mit unruhigem Stallnen; und indem er in ihr Antlitz sah, wo der Ausdruck wilden Wehs mit dem Aufflammen unermeßlicher Freude wechselte, gab er zu, daß ihr zum Ueberschiiappeil gerade nicht viel fehlte. An solchen Augenblicken trat ihm immer wieder der Abend in die Erinnerung, da Lena, den Blick ins Dunkel des Waldes gerichtet, von jeilem nächtlichen Ueberfall durch den beivnßtcn Pavel erzählte. Nun fand er, daß sie damals sicher nicht bei Siuuen oder daß an der ganzen Sache nicht ein Körnchen Wahrheit war; und wenn schon, dann hat Lena den Menschen darum verwundet, weil ihr das Blut zu Kopfe gestiegen ivar. Denn daß sie im Besitz ihrer gesnndeil Sinne sich bis aufs Blut gewehrt hätte, leuchtete ihm nicht ohne weiteres ein. Es war schon anfangs September, als er an einem sternenlosen Abend mit Lena im Walde saß. Es war etwas kühl, darum schmiegten sie sich aneinander. Lena's Blick strahlte förmlich durch die Dämmernng, und sie preßte in Aufwallungen der Leidenschaft Weuzel's Kopf gegen ihren Busen. „Lena, Du bist heute wild," bemerkte Wenzel, den das wachsende Ungestüm bereits ermüdete. „Tn gehörst mir... mir gehörst Du," lallte sie und drückte ihn mit verde-'peltcr Kraft. „Lena... den Pavel hast Du nie geliebt?" Es war das erste Mal, daß Wenzel auf diesen Gegen- stand zurückkam, plötzlich, uuvcriuittelt, ganz nach seiner Ge- wohnheit. Ohne langes Ueberlegen nahm er sich's vor und sprach es während der stürmischen Liebesbezcngungen Lena's aus. Die Dir» überlief es förmlich kalt. Es kam so unerwartet, wie ein eisigkalter Strahl auf den erhitzten Leib. „Schweig', so schweig' doch!" schrie sie ganz aufgebracht und hielt ihm ihre Hand vor den Mnud.„Was ist Dir jetzt grad' eingefallen?" fuhr sie erregt fort,„'s hat mir ja so schon leid gcthau, daß ich Dir's erzählt Hab'. Ich Hab' gleich ge- wüßt,'s war gefehlt." „Mir brauchst Dn's nicht verheimlichen, ivenn er Dir lieb war," betheuerte Wenzel der aufgebrachten Dirn, dabei ihren weiteren leideuschaftlichen Küssen wehrend. „Nichts Hab' ich mit ihm gehabt, gar nichts. Gott ist mein Zeuge, und so ivahr ich selig werden will,'s ist ein großes Wort, ich sag' Dir ich Hab' außer Dir noch uiemaud gern gehabt, so glaub' mir's doch." Sie brachte die Worte schier in einem Äthem hervor, mit der ganzen Stärke ihrer Leidenschaft, mit dem ganzen Feuer ihrer Liebe, dabei Weuzel's Hände an ihren Busen drückend, als ivollte sie ihn überzeuge», ivie stürmisch ihr Herz für ihn schlug. Und nicht ciumal Weuzel's Gegenäußeruug abwartend, fuhr sie mit bebender Stimme fort: „Ich Hab' alleweil Mannsleute gemieden, sie thaten mir eben nichts Gutes. Du warst der erste, der mich ohne Spott begrüßt hat. Du hast Dich nicht geschämt, hast mich aufgesucht, hast gesagt, ich mag Dich gut leiden. Du ivirst die Meiuige, und hast's bei Gott beschworen. Bring' mich um, wenn Du glaubst, ich hätt' jemals einen anderen geküßt." Lena sah bei diesen Worten flammenden Auges Wenzel ins Gesicht, seine Hände noch immer an ihren Buse» drückend. Ihr Alhcin ging rascher und rascher und wurde hörbar. „Ich weiß nicht, was ich anfangen mußt', wärst Dir mir genommen. Tag und Nacht denk' ich an Dich, vom Schlaf ist gar keine Rede. Wenn Du mich solltest sitzen lassen, ich weiß nicht, ivas ich thät','s ivär' was Schreckliches, und dann möcht' ich nicht weiter leben. Bei diesen Worten versagte ihr die Stimme, und Thränen traten ihr in die Augen. „Mir'ill Hammer möchtest halt wieder dreinschlagen," er- gänzte Wenzel' mit unmerklich zitternder Stimme Lena's ver- jchwommene Ausführungen. „Eine andere dürftest Du nicht heirathen." rief Lena leidenschaftlich aus, so daß Wenzel in den Händen einen Riß verspürte. Im selben Augenblick jedoch umschlang sie seinen Nacken und drückte ihn mit aller Gewalt an sich. „Recht hast Du, ich bin wild," sprach sie rasch und ge- dämpft,„iveiß oft nicht, was ich red', bin wie im Traum, aber darfst Dich nicht wundern, ich bin noch nie mit einem Burschen gegangen, ich weiß nicht, was sie gern haben, und in meiner Dummheil red' ich oft Sachen, die ich selber nicht mag. Wie wär's denn möglich, daß Du eine andere als mich heirathen lhätst! Du hast mir's ja gesagt und versprochen, ich glaub' Dir's. Ich folg' Dir, wohin Du ivillst, ich rühr' mich nicht weg von Dir, ich rhu', was Du willst, selbst eine Sünde begeh' ich." Lena küßte ihn dabei und sah zu ihm niit solcher Ergebenheit und Demuth auf, daß Wenzel wirklich gerührt ivar. Der leise Verdacht, daß in ihrem Kopf nicht alles richtig sein möchte, befestigle sich zwar, denn solche Reden, wie die eben gehörte, halte er noch nicht vernommen, auch nickt aus Erzählungen kennen gelernt, dafür aber zweifelte er nicht mehr an ihrer Aufrichtigkeit und bisherigen Ehrbarkeit. Im Herzen fühlte er darob eine Freude, sonst war er betrübt. Es that ihm wohl, von einem unerfahrenen Mädchen mit der Gluth der ersten Liebe geliebt zn werden, aber er schrak gleichzeitig vor der Znknnft zurück. Ter Gedanke, daß Lena vielleichl im stände wäre, rhu zu morden, war für ihn entsetzlich und er fühlte Stiche in der Herzgegend. Darum würde er es lieber sehen, ivenn sie ein leichtsinniges Fabriksmädcl wäre... Wie er sie aber so anschaute, die sich an ihn schmiegte, wie er das Kraftweib so demüthig und willenlos in seinen Armen sah, die wunderlichen Augen, die nur ans ihn gerichtet waren, da erwachte von neuem die Leidenschaft in ihm, und er küßte und herzte sie>vic am ersten Tag. Ein Knacken in den Acsten in ihrem Rücken störte sie in ihrem Kosen. Wenzel sah sich entsetzt um, Lena fuhr ans und sah starr in das Dunkel. Ihre Augen leuchteten förmlich. Plötzlich that sie einen Sprung vor, stieß gleich darauf einen Schrei aus und kehrte mit einem Satz an die Seite Wenzcl's zurück. „Was ist gcscheh'n fragte er erschreckt. „Er hat uns gcsch'n!" stieß Lena hervor. „Wer?" „Ter Große, der niit Euch arbeitet." „Kncharz!" rief Wenzel und schnellte empor. (Fortsetzung folgt.) V ol fc sttzü ml idj c MnivorMäks lt u vse. Sehr geehrter Herr Redakteur! Gerade heute Abend,»nchdein ich ihren Brief erhalten hatte, in welchem sie mich über die Wiener volksthninlichen Unterrichts- kurie ausfrage», hatte ich Gelegenheit, dein Ervffnnngsvorlrage des vollsthüinliche» Kurses über Anatomie(Zenlral-Nervensyilem) an- zuivohnen. Der grosse amphitheatralische Hörsaal des anatomische» Instituts war schon eine halbe Stunde vor Beginn der Vorlesung <7.>/e Uhr) bis i» die letzten Reihen gefüllt. Es halten sich über 30ü Zuhörer eingefunden, darunter ein Drittel oder ein Viertel Ar- heiter, die ihre Karten gröhtentdeils von der Geiverkschaflskoinmissioii bezogen ballen, welcher als Eiigros-Konsnmentin die Karten von der Universität um einen bedeutend ermäßigten Preis(50 Heller— 42 Pf. statt 1 Krone) überlassen werden. Der Vortragende ivurde mit leb- haflem Beifall begrüßt; denn er ist seinem Stammpublikums noch vom vorigen Jadre her in freundlicher Erinnerung. Einleitend sprach er von der Ehre, die ihm dadurch zu theil geworden sei, daß er abermals berufen wurde, eine» volksthiimlichen Kurs abzuhalte», noch dazu unmittelbar anschließend an den Herbstkurs seines Meislers, des bekannten Anatomie-Professors Zuckerkandl, der aus bloßer Begeisterung für die gute Sache seinen glänzenden Vortrag und sein Wissen in die Dienste der Uttiversily-Exrensio» gestellt hatte. Dann sprach er von dem Erfolge, welchen die Beivegung dadurch erzielt hat, daß nun auch in Berlin die Universität ge- sonnen ist, die Leitung der Volksbildungsbestrebungen zu über- nehmen, von denselben Prinzipien ansgchend, die sich in Wien schon beivährl haben. Und schließlich versicherte er, indem er ans sei» Thema überging, daß er in ivahrhaft akademischer Weise zu lehren gedenke, indem er nur das darstellen wolle, was sich wissenschaftlich behandeln lasse, vom Standpunkte des Naturforschers ans behandeln lasse, wodurch sich niemand in den posilive» philosophtschen Ueber- zeuguiige», die er etiva hegt, gekränkt sühlcn dürfe. Und dabei kann gewiß em jeder, welcher politischen, sozialen, religiösen Ueberzeugung er auch sei, seine Befriedigung finden. Denn was geboten und, wie die Erfahrung lehrt, mit Freuden an- genommen wird, ist objektives Wissen, ist die Anleitung zu wissen- schaftlichem Denken auch für diejenigen, welche heute nicht in der Lage sind, einen regelmäßigen Slndiengang durchzumachen, und durch Männer, welche in ihrem Fache vor Alle» dazu berufe» sind, zugleich in der Regel durch jüngere Leute, die sich mit Feuereifer der neuen Aufgabe widmen, so daß es schwer ist zu entscheiden, ob die Freude der Lehrenden oder der Lernenden größer ist. Die nothwendig« Grundlage für dies gedeihliche und ungestörte Zilsaliiinenwirken ist die statutenmäßige Ausschließung von Vorträgen„über jene Frage», auf die sich die politische», religiösen und sozialen Kämpfe der Gegenwart beziehe» oder deren Behandlung zu Agitationen Anlaß gebe» könnte". Das leitende Universitätskomitee ist sogar in dieser Beziehung besonders vorsichtig und verzichtet lieber auf einige Zugstücke, als daß es durch die Zulassung irgend eines bedenklichen Themas den Vortragende» auch nur den Verdacht irgend einer Parteinahme aussetzen würde. Dadurch ist es gelungen, jede Spur von Mißtrauen z» beseitigen; Männer der allerverschiedensten politischen Neberzeugungen babeii Kurse abgehalten, die allerverschiedensten Bevölkernugsschichle»') haben die Kurse besucht. In diesem Punkte sind die *) Unter den 6172 Hörern der 58 Kurse der 3 Abtheilnngen des Jahres 1895/96 waren ungefähr 29— 25 vCt. Arbeiter; unter den 3999 Hörern der 22 Kurse dieies Herbstes schon 39— 33 pCt., darunter 9oU Gewerkschastskarleu. Am stärksten besilcht(über 159 Wiener(iind jetzt auch die Berliner) mit Bewußtsein von dem englische» Borbilde abgewichen. Denn in England ivird z. B nicht wenig Nationalökonomie vorgetragen; aber es liegen eben dort die Verhältnisse ganz anders: es können die verschieden- ste» Richtungen neben einander zu Worte kommen, was bei uns und wohl auch in Deutschland praktisch undurchführbar wäre. Noch in einem anderen Punkte»uterscheibe» wir uns, und ich glaube: zu unsereni Vortdeile, von England. Wir haben von An- beginn Staatshilfe in Anspruch genominen. Dies hat nicht nur den Vortheil, daß der Staat von vornhereiii die Pflicht anerkennt, die neuen Bilvungsaufgabeii zu fördern.sonder» ermöglicht es auch, die volksthiimlichen Kurse auf eine demokratischere Basis zu stellen. Die Eintritts- gelder mußten in England und Amerika zum theil sehr hoch sein, um die Kosten der Kurse zu decken, und erschwerten den Besuch der Kurse gerade denjeuigen Klassen der Bevölkerung, welche ih»e» am meiste» Interesse entgegenbrachlen. An eiiiigen Orten ist auch thatsächlich der Besuch auffallend stark zurückgegangen, die Betheiligung der Arbeiter ivar gering. Dagegen ist ein Eintrittsgeld von 1 M. für den seciisabeiidlichen Kursus, das noch ermäßigt werden kann, für die meisten zu erschwingen. Ein vollständiges Aufgeben des Ein- trittSgeldes dagegen ist nicht rathsai», iveil die Ersahrnng lehrt. daß, was nicht erkauft, d. h. in der Mehrzahl der Fälle, erarbeitet ist, weniger gern und vor allem iveniger regelmäßig benutzt wird. Eine kleinere, regelmäßige Zuhörerschaft ist aber in jeder Beziehung besser als eine größere flnkluirende. Vor Jahren wäre aber trotz alledem i» Oesterreich wenigstens den volksthümlichen Universitätskursen vielleicht von der organisirteu Arbeiterschaft Widerstand entgegengesetzt worden, zn jener Zeit, als die Älrbeiler-Bilduiigsvereine»othgedrnngeii das Zentrum der Or- gaiiisation bildeten und eine Absplitternng fürchten mußte». Nun dies anders geworden ist. hat sich zwischen den Arbeiter-Bildungs- vereinen und den Universilätskursen eine praktische Arbeits- theiliing angebahnt. Jene haben aus sehr natürlichen Ursachen eine regelmäßige Lehrerschaft und ausreichende Lehrinitlel für allgemeinen höhere» wissenschaftlichen Unterricht nicht aufbringe» können; iiin so besser waren und sind sie dazu geeignet, einerseits den Elementar- Unterricht erlheilen zu lassen, der wenigstens in Oesterreich trotz des Reichs-Volksschiilgesetzes»och sehr nothwendig ist, und anderer- seils die— icb möchte sage»— parteipolitische Belehrung, aus nicht neutralem Gebiete, zu erlheilen. Bon beide» Gebieten ist der Universitätsunterricht natürlich gleich weit entfernt, und so füllt er geradezu die große Lücke aus, welche die Arbeiter-Bildmigsvereine lassen, ohne irgendwie mit ihne» in Kollision zu geralhen. Ist dies aber wirklich eine Lücke? Ich glaube, wenn man vre Frage stellt, muß man sie auch in bejahendem Sinne beantworten. Wer nicht ein Barbar ist und wer mit der modernen Kulturwell i» irgend eine Berührung gekommen ist, der fühlt ja das Bedürfniß, an den Knllurgüter» der moderne» Zeil. an den Errlingenschasten der Wissenschast Antheil zu nehmen. Wer dies Bedürsiiiß fühlt, der fordert diese Antheilnahme als fein Recht und benutzt das Recht, wenn und soweit er es erlangen kann. Es ist unzweifelhaft richtig, daß nur zu viele Arbeiter durch über- mäßige Arbeitszeit und wechselnden Arbeitsort auch am Besuche der Abendkurse verhindert sind und daß die andere» diirch ihre geistige Arbeit am Abend»ach 9— llstiindiger körperlicher Arbeit eine ungeheuere Spanulraft beweise». Allein gerade daß trotz alledem so viele Arbeiter die Kurse besuche», beweist das große Bedürfniß, das vorhanden ist. dessen sich der Arbeiter und gerade der klassei.» beivnßle bewußt ist. Dieses Bedürfniß. daß wiederum ans der Ge- samuitlage der ivirthschaflliche» Verhältnisse entsprungen ist, und seine, wenn auch nur theilweise, Befriedigung bedeutet auf diesem Gebiete eine» nicht geringen Sieg gerade der Arbeiterklasse. Gerade deshalb eifert das Bisniarck-Blatt und seine Anhänger so sehr gegen den Plan der Berliner Universität; denn die vor- geschützte Furcht, daß die Professoren nmstnrzlerische Ideen verbreiten könnten, ist nickt gar ernst zu nehmen. Andererseits überschätzen sicherlich bürgerliche Optimisten die Maßregel, wenn sie glaiidcn. daß durch sie und Aehnliches der soziale Gegensatz überbrückt werden könnte. Was aber nach Abzug aller Ucberschwänglichkeiten übrig bleibt, ist noch genug. Und die Professoren, welche sich i» Berlin au die Spitze der volksthümlichen Universilätsbewegnng gestellt haben, können mit Recht behaupten, daß die Universität damit nicht blos eine große soziale Pflicht erfüllt, sondern auch zu ihrem eigenen Besten handelt, ihr Ansehen und ihren Einfluß befestigt; daß da- durch keiner der eigensten Zivecke der Universität geschädigt ivird und daß durch die»eile Einrichtung Bildung, und Wissen in weitereu Kreise» gefördert wird.— Das ist eine lange Epistel geworden. Ich hätte Ihnen über den Gegenstand noch viel zu erzählen, denke aoer, daß Ihne» dies vor- läufig genüge» wird. In ausgezeichneter Hochachtung Ihr ergebener Dr. L. M. H a r r m a n». Wien, am 7. Januar 1897. bis 459) sind regelmäßig Anatomie, Astronomie, Erste Hilse, Eleltro- techiiik und»euere deutsche Literatur; gut bcsitcht lüber 190) die übrigen naturwissenschaftlichen und literarischen Gegenständ« und Geschichte des 18. Jahrhunderts»nd der fraiuösische» Revolution; schwach besucht(unter 59) die juristischen Kurse. Vloines Fenillekon MitS Loiidv» trinkt. Die Theinsestndt hnt trotz aller Mävikeitsvestrebuugen»och eine» recht guten Durst. Nach„Caisel's Magazine" lrinkr London jährlich allein an englischei» Bier einige 177 Millionen Gallonen, d. h. täglich 482(XXI Gallonen— 2 193 84« Liter. Der tägliche Wein- und Schnapstonsni» belänst sich auf 5500 Gallonen, beziv. 1V 000 Gallonen(= 24 992, beziv. 72 700 Liter). SlnKerdem konsmnirt die Hauptstadt jährlich 33 Millionen Pfund Thee,»vas ungefähr 90 000 Pfnnd pro Tag ansinachl, gegen 112 000 Pfnnd Kaffee und 3800 Pfund Kakao.— — Tamruhiite im Theater. Dcr Munizipalrath von Chicago hat ein Dekret erlassen, demznfolge Theaterbesucherinnen durch Auf- deHalten ihrer Hute sich eines strasdaren Vergehens schuldig inachen. das»'.ü einer Polizeistrase von 10 Dollars zu ahnden ist. Und zivar hat diese Strafe nicht die„Verbrecherin" selbst, auch nicht ihr Ehemann, Vater oder Bruder, sondern der betreffende Direktor des Theaters zu zahlen, in welchein die hutfrohe Schöne ergriffen wird.— Literarisches. F. M i r a t o r, Seminar-Geheimnisse. München, 1806. Pööenbacher'sche Buchdruckerei. 19 S. Die sich mehrenden Skandale in Erziehungsanstalten, sagt der Verfasser, haben ihn veranlaßt, diese Broschüre zn schreibe». Er de- spricht„nach verbürgten Schilderungen" ei» Baniberger Seminar, wie es 1887—39 war, und behauptet,„den Wahrheitsbeweis anbietend", eine Reihe von hygienischen und moralischen Mißständen. Besonders beschäftigt er sich mit einem damals am Seminar an- gestellten geistlichen Präfckten, der sich im Talar auf Schläger berningepaukt, mit frisch geflicktem Gesicht Meffe gelesen u. s. w. Er knüpft daran eine Mahnung an die Elter», bei Unterbringung ihrer Söhne in Seminare» vorsichtig zu sein.— Wenn es dem Ver- faffer oder seinen Geivährsinannern darauf ankam, mit ihren Ent- hüllungen Nutzen zn stiften und nicht blas Aufsehen zu erregen, so hälleu sie vor allen Dingen viel früher auspacken sollen.—— r. —„Akademie", Organ der sozialistischen Jugend. Diese Monatsschrift, die seit Neujahr in Prag herausgegeben wird, hat einen ziveisprachigen Text; Artikel in czechischer und solche in deutscher Sprache lösen einander ab. Das Januarheft enthält an Beiträgen in deutscher Sprache: Ein Gedicht von Robert Seidl, die Artikel„Zu neuen Ufern",„Studenten imd Sozialismus in Oesterreich".„Das Deutschthum unserer Stiideuten", Zuschriften von Bebel und Kanlsly, Notizen, unter anderen auch eine über de» Hamburger Streik. Die Ausstattung ist nicht übel.— Theater. Im Lessing-Thcater wurde am Sonnabend das Schauspiel „Wer ivar's?" von Felix P h i l i p p i zum ersten Male gegeben. Wie die Ueberschrist zu einen, lliätbsel klingt der Titel des Stückes. Aber wer den Theaterschnilstcller Philippi kennt, weiß, daß es sich nicht um Rälhsel der incnschlichcn Seele handelt, daß es vielmehr auf eine Vexirfrage an die Hörer abgesehen sei. Die Bor- bilder, denen Philippi nacheifert, sind jene Pariser Dramen, die mit großem leckiiiische» Nassiiieineut aufgebaut sind und innerlich aller Poesie bar und frostig bleiben können. Diese Art ist nicht gerade des Ehrgeizes der Edlen ivertb, aber Philippi's Ehrgeiz ist es einmal. Daher auch sein Jagen hinter jeder neuesten Scnsalio».\ I» seinem jüngsten Drama sind die Erinnerungen an anonyme Schreibereien, an den Potstanicr Vorfall, wo eine junge Dame aus „bester Gesellschaft" ganz Potsdam verhetzte, und an de» Fall Kotze veriverlhet n»d. in einander verivobcn. Aber die nnlür- liche» Vorgänge sind für einen spekulaliven Kopf wie Philippi ist, zu schlicht. In Potsdam halte man es mit einem Mädchen von kranker Geistesverfassung zn thn», und die Briese, die zum Fall Kotze führte», waren gewiß nicht von de» sein- siiinigstcii Leiiten geschrieben. Was sollte Philippi mit solcher Natur- Wahrheit? Er braucht Exaltation, Theaterdonner; und so wurde die anonyme Briefschreiberin in seinem Stück eine innerlich vor- nehme, geistvolle Frau. Wenn eine solche Frau schmutzige Dinge verübt, so kann das nur in der dekannten„großen Leidenschaft zu ihm" den Grund haben. Er ist diesmal ei» Baron gtvniberg, ein preußischer Sonnenheld, der„den Männer» im Kampfe obsieget und den zierlichen Frauen auch" ivie es bei Grillparzer heißt. Juiilcr Romberg wird nämlich manchmal von den Philistern dcr Stadl geärgert, und Frau von Jinhoff, die nicht in glücklicher Ehe lebt, fürchtet, daß diese Philister ihren Seelen- freund, de» Roniberger, gänzlich„fortgraule»" können. Darum schreibt sie an alle Feinde Romberg's die anonymen Drohbriefe. So kommt die äußerste theatralische Findigkeit zum äußersten Uli- geschuiack! Der Koulissenivitz wird zur lächerlichsten Lüge. Wie käme ein stolzes Weib zu solcher Gemeinheil, wie eine gescheite Frau zn so barem Unverstand? Es lohnt sich nickt, darüber zu grübeln. Ist die äußerliche Spannung vorüber und die Vexir- frage„Wer war's?" gelöst, dann haben Stücke vom Schlag des neuesten Trama's von Philippi ihr« Schuldigkeit gethan. Wie dcr Verfasser seine Puppen tauze» lägt, wie er»m der anonymen Briese willen Duelle beraufdesckwörl, wie sein Halbgott Oiomberg dabei ats kundiger Pistolenschütze ans Mord auszugehen enischloiien ist. selbst als Frau v. Jinhoff ihm die Wahrheit eingestandm, wie der Autor endlich zum Schluß mit tiefsinniger Miene dasteht und predigt: Ja. ja, meine verehrten Herrschaften, so etwas scheint ihnen nnniöglich und kommt doch im Leben vor — das kann niemanden mehr interessire». Auch das Publikum verlor die Beifallslust, sobald es einmal wußte, wer es war. Frl. D n m o n t vom Stuttgarter Hoflheater gab die Hauptrolle. Ihre Kunst ist zu fei» für das gröbliche Hand- iverk, das Philippi treibt. Den Junker Romberg spielte Herr Stahl: es war der richtige Schöumann. Ganz prächtig war Herr Guthery in der Rolle eines grobpolteriiden, aber aus- richtigen Arztes. Kunst. — In Paris wurde Ende der vorigen Woche die fünfte ?l n s st e l l il n g der iv e i b l i ch e n K ü n st l e r eröffnet. Die Ausstellung bietet von allein etwas: Oelgemälde, Aquarelle, Pastelle, Skulptur, Gravüre, Miniatur- und Email-Arbciten. Die Aquarelle bilden die intereffanteste Partie, doch das Oelgemälde genießt den Vorzug der größten Zahl und Reichhaltigkeit der Sujets. Sehr bemerkt werden die von Louise Desbordes ansgesteUlen Blumenstücke. Naturwissenschaftliches. — Vom Ta»ganyika-See. Die britischen Gelehrten waren längst zn der Ansicht gekoinmen, daß der Tauganyika- See ('Afrika) eiiist mit dem Meere in Verdiudiing gestanden haben muß. Hatte ma» doch i» dem See sogen. Jelly-(Gelee-)Fische, also See- fische angetroffen. Vor einiger Zeit wurde min der englische Ge- lehrte Moore nach Afrika gesandt,»m die Thierivelt des Nyassa- »iid Taiigauyika-Secs zn erforschen. Die Uiitcrsilchilligen des Forschers bestätigten vollständig die Ansicht, daß der Tauganyika einmal ei» Meerestheil gewesen. Moore hat iu dem See Tiesuieersische gesangen und auch Schiväuime gefmiden.— Meteorologisches. — S t e r n g e f n n k e l und W e t l e r v e r ä n d e r n n g. Tie Sterne snukeln'bekanntlich nicht immer gleich stark, sondern an »imicheii Abende» stärker als sonst, und um io mckr, je näher ihre Stellniig dem Horizonte komiiit. Nach der Theorie Aragos ist dieses Farbenspiele» der Fixsterne, welches bei de» Planeten wegen ibrer größeren Scheiben viel iveniger stark ist, so daß man im Gegensatz z» dem Farbenspiel der Fixsterne von dem ruhigen Licht der Planeten spricht, eine Jiiterferenzerfcheiimng, die vo» dcr Ungleichinäßigkeit dcr Atmosphäre herrührt, i» welcher der Licktstrobl ungleichmäßig abgelenkt wird. Deshalb funkeln Sterne»lit weißein Licht, wie Sirius, stärker als rolhc Sterne, wie Aldebaran, in dessen Gesunkel ininier das Roth verschiedener Liüaiicen vorwiegt, während SiriuS in allen Regeiibogeiifarben funkelt. In neuerer Zeil waren ver- fchiedeiie hiervon abweichende Erklärungen aufgestellt worden, aber der schweizerische Astrononi Eh. Dufollr hat unlängst burch dahin gerichtete Bcobachtiiiigsreiheii nachgewicsc», daß»»ziveifelhaft eine Beziehung zu incrcorologischeii Vorgängen und dcr Zu- oder Ab- »ahme des Gefniikcls besteht. Ei» mittelstarkes Funkeln der Sterne begleitet in der Regel schönes Wetter und zeigr dessen Fortdauer an, ein schwächer iverdendes Funkeln denlel ans Eiiilrilt schlechteren Welters und auch ei» sehr starkes Gesunkel deutet auf Slörnngen in der Atmo- sphäre.—(„Prometheus".) Humoristisches. — Gin S ch w i» d e l st r e i ch. Der Baron F. von B.. ein reicher Jnnggeselle, wollte seine Wohniiiig, die jährlicti 20 000 Frcs. Miethe kostete, aufgeben. Eines Vormittags wird ihm der Graf Maurice de la Grandiere gemeldet, der das Quartier besichtigen möchte. Ter Baron empfängt ihn sehr liebenswürdig:„Sind Sie, Herr Graf, der Sohn des Generals gleichen Namens?"— „Gewiß, mein Herr." nnd der Graf erzählt. daß er lange in diplomatischen Diensten und auf Reise» war, jetzt sich aber daneriid in Paris niederlassen wolle. Da der Diener gerade da» Dejeuner ankündigt, ladet der Baron den Grafen hierzu ei», da»» sahren sie aus. diuiren in der Stadt zu- saniiiien und verbringe» den Abend im Thealer. Zur Wohnniigs- besichlignng war es gar nicht gekoimneu, aber auf die Bitte des Barons stellte sich der Graf zu diesem Behnfe am nächsten Tage wieder ei». Man durchschritt die Räume, sie gefielen dem Grafen anberordentlich, ma» kam ins Badezinimer. es war schr geräumig nnd siel durch die Menge seiner Donchen ans.„Ja," bemerkte der Baron auf eine verwunderte Frage des Grafen,„ich bin ei» großer Freund von Wasserkuren, diese Doucheu erhalle» einei» die Jligeiid und Gesundheil." und er verbreitete sich des näheren über ihre Anwendung. Der Graf Körle höchst iuteressirt zu: „Sage», Sie, Herr Baron, würde» Sie mir wohl einmal einen kleincn praktischen Kursus hier zeigen?"—„Aber mit Ver- gnügen. uiei» lieber Graf," und er entkleidete sich und douchte lustig los.„Nur einen Augenblick," entschuldigte sich der Graf,„ich komme sogleich wieder." Nach zehn Minute» wird der Baron, der seine» Diener forlgeschickt hatte— der Herr Graf hatte nämlich gestcr» Abend im Nestauraul seine silberne Zigarettendose liegen gelaffe» und»ach derselbe» de» Diener des Barons geschickt— mißtrauisch, er verläßt das Badezimmer; vorn Grase» war»ickts zu sehen, nnd mit ihm waren aber auch die Brieftasche des BaronS. die aus dem Schreibtische gelegen, nebst allerdand Konbarteile» vor- schwunve».(Paul Linde»berg: Aus den» dunkle» Paris. Leipzig. Pd. Nicclnm's Univerial-Bübiiolbct.) Veraiilwortlicher Redakteur: Augnst Jacobey in Berlin. Druck und Verlag vo» Max Babing in Berlin.