Mnterhaltungsblatt des Horwärts Nr. 12. Sonntag, den 17. Januar. 1897. 12] (Nachdruck uutcrsagt.) Dei tren Schneidenrasilhinen. Roman von N. A. Simäcek. Autorisirte Uebersetzung aus dem Czechischen. Vielleicht ist noch nicht alles verloren, und es war nur ein Scherz... Wenzel lachte ja in der letzten Zeit so gern Z... Dieser Funken drohte sie um den Verstand zu bringen; t Öffnungen zogen durch ihre Brust, Erinnerungen an schöne ugenblicke durch ihren Kopf. Der Schmerz nahm ab, dafür wurde in ihr ein wildes Verlangen entfesselt: sie hätte Wenzel sofort sehen mögen, um in ihren Hoffnungen bestärkt zu werden. Wann wird es doch schon zum Frühstück läuten? Endlich! Lena flog förmlich die Treppe vom Boden herab, blieb aber wie zu Eis erstarrt beim Geländer stehen. Unten saß Wenzel neben Veruna, seinen Arm um sie ge- schlungen. Das Mädchen war heute aus seinen ausdrücklichen Wunsch mit dem Frühstück gekommen. Das Kopftuch und das Mieder von Seide standen ihr so gut wie damals, als sie zum ersten Mal in diesen Räumen war. Der steife, ein wenig ausgeschürzte Rock ließ die weißen Strümpfe und den Glanz der neuen Schnallenschuhe sehen. Lena hatte genug davon; sie kehrte auf den Boden zurück. Vor der Thür sank sie entkräftet hin. Niemand beobachtete sie, weil die Männer und die Mädchen in den Hof gegangen waren. Ein wildes Weh, noch heftiger als früher, durchtobte ihre Brust. Die Wirklichkeit hatte ihr einen wuchtigen Stirnhieb versetzt und alle Hoffnungen, vielleicht für immer, gewiß aber für den Moment alle Gedanken ertödtet. In ihrer Seele war's finster, das Weh scheute vor dem Lichte zurück. Da kam irgendwoher ans einem Winkel ein Irrwisch herangeschlichen. „Also deshalb!" entschlüpfte es halblaut ihren Lippen. Dann sprang ein ziveitcr Irrwisch auf, und Lena hauchte: „Mit dem Mädel kann ich mich freilich nicht messen." Und als loderte in ihrem Innern ein Brand empor, sprang Lena auf, riß sich das Tuch vom Kopf, raufte ihre Haare, zerkratzte ihr Gesicht, zerrte gierig an ihrer Jacke, an ihren Röcken und brachte zwischen den aneinandergepreßten Zähnen wie wahnsinnig hervor: „Ihr seid's schuld, Euret:vegen, Euretwegen ist's gescheh'n. Fetzen!" Es nahten Schritte. Lena erschrak und hielt in ihrem wilden Rasen iuue. Sie wartete, ob jemand eintreten würde. Die Schritte gingen vorüber, doch sie verharrte noch in ihrer reglosen j Starrheit, mit stieren Augen vor sich binblickend. Mit eiuemmal begab sie sich in t»e Ecke, wo die Mädel ihre Oberkleider, Jacken und Tücher hängen und ihre Schuhe stehen hatten. Lena sah sich um, dann schlüpfte sie in einen Schuh, dann in den zweiten, hierauf langte sie das geblümte halbseidene Tuch herab, und nachdem sie in aller Eile ihr Haar geordnet hatte, band sie sich das Tuch um den Kops; auch den Kittel mit dem blauen Blumenmuster warf sie über und rannte, indem sie sich nach allen Seiten drehte, in fieber- hafter Ekstase:„So hätt' ich ihm vielleicht für immer ge- fallen!" Das Lachen der zurückkehrenden Mädchen machte ihrem Beginnen ein plötzliches Ende. Sie entledigte sich rasch der Kleider, warf die Schuhe hin und stellte sich unweit der Thür auf. Als die Mädeln vorübergingen, starrte sie ihnen nach. Schau','s sind auch nur Arbeiterinnen, auch arme Teufel, aber jede von ihnen ist in ihrem Arbeitskleid besser angezogen als sie in ihrem Sonntagsgewand. Diese hat um den Hals am Leibchen einen weißen Spitzenbesatz, jene wieder trägt ein Sammtband oder eine Schnur mit Korallen. Die Haare sind hübsch gerichtet, die Tücher sorgfältig gebunden; die Röcke nicht zerfetzt und schlampig, die Jacken ohne Schmutzflecken... Und ihr war's noch nie eingefallen, darüber nachzudenken. Ein einziges Mal, wenn sie sich erinnert, kam ihr ganz dunkel, wie im Traum, ähnliches in den Sinn. Dann aber stand sie wieder ganz davon ab. Die Mutter hatte sie früh verloren, der Vater machte sie nie auf etwas aus- merksam; außer mit ihm sprach sie aber selten mit einem Menschen. Andere Mädeln gingen nicht so schwerer Arbeit nach, und daher höchstwahrscheinlich ihre Scheu, mit Lena zu verkehren. Diese begann sich selbst schrecklich zu verachten. Der Zorn gegen ihr eigenes Wesen entfesselte sich in ihrer Brust mit ungewöhnlicher Stärke. Während sie Wenzel ent- schuldigte, beschuldigte sie sich selbst mit Leidenschaft.„Recht ist mir gescheh'n, ich verdien' nichts Besseres, wegstoßen soll er mich und auslachen, daß ich so verrückt war, zu glauben, daß er mich gern hätt'. Was soll er mit mir? Ich taug' nichts. Zum Wegstoßen bin ich, daß ich kein' Menschen im Weg bin. Ich werd' ihm auch aus dem Weg geh'n..." Bei diesen Worten reiste in Lena der Gedanke an den Tod. Er tauchte in den mannigfachsten Gestalten auf, sprach mit verschiedenen Stimmen: bald lockend, bald verzweifelnd, bald lispelnd, bald laut aufschreiend, bald erschreckt, bald ent- schloffen, bald mit ergreifender Trauer, bald mit Verachtung. Allmälig gewann er bestimmte Formen, indem er sich mit der Vorstellung eines mäßig großen Teiches verband, der sich hinter der Fabrik in entgegengesetzter Richtung vom Dorf ausbreitete. Es ist Abend und kühl. Lena rennt in ihren Lumpen hin zum Teich und hemmt am Ufer ihren Lauf; dann schickt sie noch einen Blick zum Himmel empor und stürzt sich in die kalte Tiefe. Finsterniß umgiebt, ein Brausen umsängt sie— und es ist vorüber... „Was soll denn sonst mit mir?" raunte sie hieraus. Ihr wildes Weh verwandelte sich in entschlossene Trauer. In tiefe, gehcimnißvolle, ruhige Traner... Vielleicht war auch ihre Seele zu sehr ermattet vom Sturm und der Friede eigent- lich Abgestumpstheit. Schrecklich langsam schlich heute der Vormittag hin. Als sie zu Mittag mit gesenktem Kopf den Sudraum durchschritt, um zum Ausgang zu gelangen, trat ihr Wenzel aufgeräumt in den Weg und wollte sie wie sonst umarmen. Doch Lena stieß ihn heftig, ja wild von sich und rief mit kreischender Stimme:„Lassen S' mich!" Sie that dies nicht aus Zorn gegen ihn, sondern aus Verachtung gegen sich selbst; sie war seiner Umarmung nicht würdig. Es war auch das erste Mal, daß sie ihn mit Sie ansprach. Peinlich empfand sie's, daß sie ihm gegenüber so niedrig stand. Wenzel zeigte darob Verblüfftheit, doch seine Kameraden lachten. „Jetzt bist Du abgeblitzt," witzelte Nesbeda.„Sie hat Dich wohl mit Veruna geseh'n und sucht ihr Glück anderswo." „Gewiß, das thu' ich, dachte Lena, als sie die letzten Worte hörte. Das Bild des Teiches stand vor ihrem Auge. Mit dem Gedanken an den Tod trat sie unter das Dach der Kaserne. Die Schlosser arbeiteten auch Nachmittags. Wenzel war etwas besser aufgelegt und randalirte noch mehr als früh. Das ärgste war überstanden. Lena wußte schon, woran sie war, und es schien, daß sie sich wohl oder übel drein schicken werde... Dem wunderschönen Nachmittag und. einem eben solchen Abend folgte eine mondhelle Nacht. Der Nachtwächter in der Fabrik hatte schon längst die zehnte Stunde geblasen, als aus dem Kasernenthor eine weibliche Gestalt heraustrat. Es war Lena. Sie eilte hart am Straßensanm die Baumallee entlang in der Richtung des Teiches hin. Ihr Schatten floß mit dem Schatten der Bäume zusammen. Sie begegnete keiner Seele und gelangte glücklich ans Ufer. Es war mit Weiden und Pappeln bestanden, silbern glänzte das Blattwerk im Mondschein. Lena ließ sich auf einem erhöhten, von Weiden über- schatteten Platz nieder. Ihre Füße berührte die Spiegelfläche, die sie unverwandt anstarrte. Nach der tiefen und reglosen Traner hatte sich schon gegen Abend ein neuer Kampf in ihr entfesselt, der noch immer währte. Das Wüthen gegen sich selbst und die damit verbundene Selbstmordabsicht kämpfte schon wieder mit dem Zorn gegen Wenzel um die Oberhand. „Am besten, ich thät' ihn mitreißen," dachte Lena, als sie zum Himmel aufsah. Die Erinnerungen an die schönen mit dem Geliebten verbrachten Abende steigerten ihren rasenden Schmerz und auch ihren Zorn gegen Wenzel. Vielleicht sitzt er zur selben Stunde neben jenem anderen Mädchen und küßt es, wie er früher sie geküßt hat, und erzählt ihm unter Lachen von ihr, der„Fetzen-Dirn". In dem Moment fühlte Lena die Lust, Wenzel's Kehle derart zusammenzupressen, daß er auch uicht ein Wort mehr hervorzubringeu im staude wäre. Sie ballte krampfhaft die Fäuste und drohte iu verzweifluugsvoller Erregung ins Leere. Und auch jenem Mädchen würde sie die Kehle zusammen- schnüren; sie soll uicht über Weuzel's Reden, über sie und ihre Fetzen lachen. Tann sah Lena wieder auf das Wasser. Warum läßt sie sich von solchem Schmerz quälen, da sie doch ein Ende macheu kann? Sie springt hinein und fühlt und weiß nichts mehr. Niemand bedauert sie, höchstens der Vater ein bischen. Wenzel wird am Ende gar lächeln können. Oder würde sich doch das Gefühl in ihm regen...?" Ueber diese Frage kam Lena's Nachdenken nicht hinaus; und eine Kette von neuen und neuen Fragen, die einander in wilder Flucht folgten, flatterte aus: Hat Wenzel ein Gefühl? Hätte er sie denn sonst so heiß geküßt und umarmt? Oder ist all das Gefühl verloren gegangen? Und blos, weil sie so arm, so elend ist? Vielleicht könnte sie, wenn nicht Liebe, so doch Mitleid erwecken, vielleicht muß sie denn doch nicht sterben? Möglich, daß sich sein Herz rührt, wenn sie ihm ihr Elend, ihre Qualen, ihre schwarzen Pläne entdeckt hat! Wenn'» sein muß, fällt sie ihm zu Füßen, wird sich wie ein Hund vor ihm winden und ihm versprechen, für ihn und für sich zu arbeiten und ihn so durch Demnth und Erwerb für das, was die andere mehr hat, zu entschädigen. Wird er nicht Mitleid mit ihr haben, wird er nicht Barmherzigkeit üben? Wenn's sein muß, will sie um ihrer Liebe willen sich noch mehr erniedrigen. Vielleicht bat er sie nicht zum letzten Mal umarmt, nicht zum letzten Mal geküßt... Sic Ehielt es nicht mehr sitzend ans. Die aufgetauchte Hoffnung gab ihr keine Ruhe. Die Hoffnung zog vom Herzen zum Kopf und brachte alle Absichten in Verwirrung. Der Er- trinkende klammert sich an einen Strohhalm an. Lena setzte ihre Hoffnung ans das Mitleid. So heiß, so leidenschaftlich war ihre Liebe, daß sie betteln wollte, wo sie nicht fordern durfte. Mit diesem Entschluß endlich eilte sie vom Teiche weg nach Hanse und legte sich, den Kopf voll wirbelnden Gc- danken/ zu Bett. Eine Varstellung jagte die andere, so wie eine Welle die andere, jagt. Ein ganzer Strom wälzte sich durch ihre Seele. Bald stand das Bild des Teiches, bald das des Waldes oder des Fabrikranmcs länger vor ihr. Zum Schluß siegte indessen doch die schreckliche Ermüdung nach dem heutigen Tage. Die Bilder wurden verschwommen, lückenhaft; eines schob sich in das andere, oder die Umrisse des einen schimmerten nur undeutlich durch die helleren Töne des zweiten durch. Das Bewußtsein vermochte sie nicht mehr voll und klar zu erhalten. Es war nur noch ein Abglanz von Bildern in trübem, jedoch beweglichem Wasser. Da hat die trübe Welle den Mittelpunkt des Bildes verdeckt, dort eine Ecke weggerissen oder die ganze Hälfte bedeckt. Die wachsende Welle ver- krümmte die Gestalten, dehnte die Gesichter ans, riß die Mauern nieder und brach die Bäume entzwei. Endlich ver- sank alles mehr und mehr in den Wellen, bis es gänzlich unterging. Die trübe Wasserfläche hat es überschwemmt. Lena schlief ein... Erst gegen Morgen meldeten sich die Bilder wieder, als stiegen sie vom Grund herauf. Sie wurden immer be- stimmtcr, endlich so lebendig, daß sie den Nebel des Schlafes zerrissen. Lena begab sich eiligst in die Fabrik. Ter kleine Funken Hoffnung hatte sich über Nacht zu einem Flämmchen ans- gewachsen. Die Sucht, vor Wenzel sich zu demüthigen, ward zu fieberhafter Leidenschaft. Heute arbeiteten fast schon doppelt so viel Arbeiter in der Fabrik als in den vorhergegangenen Tagen. Gestern war Ein- schreibnng, bis Sonnabend muß alles fertig, geordnet, geputzt, blank gescheuert sein. Lena wurde voni Boden in den Sud- räum beordert: vom Filtcrtank fortschreitend bis hinab sollten die Wände getüncht, die Fenster geputzt, die Dielen gescheuert werden. Soll alles klappen, werden drei Frauenzimmer nicht zu viel sein. Gleich nach ihrem Erscheinen wurde Lena mit noch zivei Mädeln zu den Neservebassins im Filterthurm geschickt, sodaß ihr uicht einmal Zeit übrig blieb, sich nach Wenzel umzusehen. Uebrigens wußte sie nur zu gut, daß sie in der Fabrik kaum in seine Nähe wird kommen können, daß sie wird warten müssen, bis er nach Hause geht, und sollte sie sich selbst für die ganze Nacht vor der Kaserne postiren. Viel- leicht kann sie ihm aber wenigstens durch ein Zeichen zu verstehen geben, daß sie gern mit ihm sprechen würde. Als sie in den Filterthurm kam, war sie unangenehm überrascht, weil sie dort Kucharz antraf. Zorn flammte in ihr aus. So lange dieser Mensch sie nicht im Walde aufgestöbert hatte, war alles so schön; seither ging's in die Brüche. Hundertmal lieber würde sie einen anderen sehen als ihn; selbst Nesbeda, der sie doch zum besten hielt und immer un- fein hänselte, wäre ihr genehmer. Nur Kucharz mochte sie nicht. Neben ihm arbeitete ein kleingewachsener Mensch von gedrungener Gestalt, den sie heute zum ersten Make sah; kaum daß sie eintrat, fixirte er sie durchdringend und verwandte kein Auge mehr von ihr. Warum schaute er nicht die anderen Mädel an? Was hat er besonders an ihr gefressen? Ach, sie weiß schon, es geht ihm nicht in den Kopf, daß sie so ab- gerissen gehen kann... Röthe stieg ihr ins Gesicht, und sie stürzte sich, um ihre Scham zu verbergen, lieber rasch, fast fieberhaft in die Arbeit. Wasser holen gingen die Mädel abwechselnd ins Kessel- Hans, wo alle Vorbereitungen zur Kampagne bereits zum Abschluß gelangten. Lena kam zuletzt an die Reihe; sie ging mit gesenktem Kopfe und bebte schon in Erwartung des Augen- blicks, da Wenzel ihrer ansichtig würde. Sie wird sich, damit er sie anrede, sehr erniedrigen müssen; doch sie will alles thun, wenn sie nur den Zweck erreicht. Aber sie sah sich ver- geblich um; er war uicht da, und sie kehrte traurig um. Erst als sie um die Frühstückszeit an der Werkstätte vorüberging, bekam sie ihn zu Gesicht; er saß mit den anderen ans dem Bänkchen neben der Maschine. Wie eine Sünderin stieg sie vorüber; die Arme unter dem Busen gekreuzt, den Kopf gesenkt.... Sie blickte ihn unter dem ihr in die Stirn fallenden Kopftuch unsäglich flehend an und brachte dcmüthig, mit zitternder Stimme, ihren Gruß vor:„Ein' schön' gut' Morgen." Er würdigte sie jedoch nicht seiner Aufmerksamkeit, noch dankte er für den Gruß. Was sollte er sich nochmals mit ihr herstellen? Hatte er doch gestern allem ein Ende gemacht!... Er sah absichtlich zur Seite und stieß blos verlegen mit dem Fnß an. Bei der Thür angekommen, sah Lena sich um; dann trat sie wankenden Schrittes ivicder hinaus.. Sie bot jedenfalls einen mitlciderregenden Anblick, denn selbst Nesbeda konnte nicht umhin, zu bemerken:„Armer Teufel!"... (Fortsetzung folgt.) SmmkAigsplLUtdevei. Wer mit dem Seelenleben großstädtischer Bevölkerung sich be- schäfligr har, der weiß, daß der Großstädter in seinen Gesprächs- forme» gewisse knappe Ausdrücke liebt, die ihm weillänfige Er- klärungen erspare». Sie bedeuten für ihn eine Art von Scheide- münze im läglichcn Verkehr; sie wecken in ihm eine oestiimnte Reihe von Vorstellungen: sie wechseln nach der Zen, nach dem Charakter der Verhältnisse; und wie das volkschüniliche Kouplei. ja selbst ivie der gemeine Gassenhauer, so sind sie in ihren verschiedenen Abstnfnngen ein Beitrag znr iiulturgeschichle der jeweiligen großstädtischen Menschheit. In Paris war diese knappe Äusdrucksjorm langst bekannt und beachtet worden. Oft ist es ein leicht hingeworfener Straßen- ivitz, die Benierkilug eines linnpenproletarische» Camelots, eines Buinmlers, der für eine Zeit in die Umgangssprache von ganz Paris aufgenommen wird: und„ganz Paris" ist dann wirklich nicht eine besondere gesellschaftliche Schicht, fondern in der Thal das ganze Paris.— Die geflügelten Worte von Berlin tragen ihren eigenthüm- lichen Stempel. Sie sind ungewöhnlich scharf geprägt. Häufig drücke» sie starkes Selbstbewußtsein ans, gemildert durch den echt berlinischen Zug zur Selbstverspoltung. Als Berlin sich mächtig zu recken begann, da erfand es das ruhmrednerische Wort:„Uns kann keener" mit den vielsachen Variationen, die in dem famosen„an die Wimpern klimpern" ihre Krone fanden. Diese Wortprägungen entstehen und verbreiten sich in jähem Flug, man iveiß nicht recht, wie die jüngste lautet:„Es is allens da; es is ja»ich, wie bei arme Leute." Ein leibhastiger Protz könnte sie ersonnen haben. So sehr riecht sie nach Unverschämtheit und Großlduerei. Aber rasch hat man dem Wort einen herben, ironischen Beiklang zu geben verstanden. I» einem neuen Kouplet ist von einem Studenten die Rede, bei dem der Gerichtsvollzieher eine Pfändung vorniuimt. Natürlich fruchtlos. Der Student nimmt einen papiernen Heindkragen, überreicht ihn dem Gerichtsvollzieher höchst feierlich mit de» Worten:„Es ist ja alles da, es ist nicht wie bei armen Leuten." So hat denn dieser Ausspruch eine doppelschneidige Bedeutung; man kann ihn ernsthast- gravitätisch und man kann ihn ironisch- spöttelnd fassen. Es giebl Minister, die sprechen: Wir haben heidenmäßig viel Geld. Laßt uns nun Kanonen bauen. Wehe dem pateulirten Reichsfeind, der gegen die neuen militaristischen Lasten sich kehrt. Er wird angeknurrt: es ist ja alleS da! Es giebt aber Lehrer in Preußen; die möchten von den fetten Ueberschüssen des Finanz- künstiers Miquel doch auch ei» paar Brocken für sich haben, sie, die geübt sind im Dulden und Harren. Da jedoch bekommt in Miquel's Mund das berlinische Sprichwort die ironische Bedeutung:„Ja wohl; Ihr Schulmeister meint, es ist ja alles da; es ist nicht wie bei armen Leuten. Ihr habt gut fordern. Woher soll es der dürftige preußische Staat nehmen?" Wen» der Berliner jetzt boshaft wäre, bis zum bittersten Hohn könnte er sein Sprichwort ausnützen; namentlich wenn vom Kampf um geistige Interessen die Rede ist. Einst hatte man großspurig und selbstgefällig den preußischen Schulmeister zitirt, der Siege erfochten habe. Heute holt man im Hanptsta.rte der Intelligenz die neuen geistigen'Anregungen meist aus der Fremde. Längst ist in anderen Landen der akademische Dünkel überwunden. Jede wissenschaftliche Eroberung, jede neue Erkenniniß wirkt in ungebrochener Kraft. Bei uns wäre man a>n frohesten, wenn sie ansschließliches Besitzthum gelehrter Mandarinen würde». Bei uns hat das Wort akademisch noch immer seinen steif feierlichen Klang für weite Kreise. Als bei uns der Gedanke auftauchte, der anderswo schon seit Jahren zur That ge- worden, die sogenannten Hochschulkurse für Nichlakademiker(„Volks- Hochschule»") zu errichten, welches komische Gegreine bei all denen, die am Pfaffenthum der Wissenschaft festhalten. Bürgerlich- ideologische Schwärmer, wie die Fanatiker der Reaktion, haben der Einrichtung der„Volkshochschulen" gewiß einen übertrieben hohen Werth eingeräumt. Immerhin haben andere Knlturstaaten dem geistig Hmigernden etwas, wenn auch nicht allzuviel geboten. Und bei uns? Die Dunkelmänner fingen ein arges Gezeter an. Sie wehren sich mit Händen und Füßen. Sie möchten jeden Lichtschein von den unprivilegirte» Massen fernhalten. Das liberale Bürgerthum aber hat vor dem neuen Gedanken seine Reverenz gemacht, ihn„begrüßt", wie es im schlechte» Zeilnngsjargon heißt, hübsch förmlich und zeremoniös be- grüßt. Damit hat man der liberalen Vergangenheit und der Bourgeoisehre genug gethan. Im Übrigen legt man sich auf's Ohr und schläft gelassen weiter. Es ist ja alles da; es ist nicht, wie bei armen Leuten. Von den berufsmäßigen Hütern deutscher Bildungsanstalten dringt mitunter ein Wehruf an die Oeffentlichkeit. Da heißt es, ach, wie sind wir verarmt. Flüchtig aber geht die Mahnung gewöhnlich vorüber. Man horcht ein Weilchen ans, ist aber zu schwach ge- worden, sich selbst emporzuraffen. So war es, als über die Vor- bildung unserer Juristen geklagt wurde; so war es, als Virchow auf die Ideenlosigkeit eiues große» Theiles unserer akademifchen Jugend hinivies. Jetzt kommt aus Bayern eine neue Klage. Sie betrifft die Gymnasialabiturieuten. Es ist den literarische» Lehrern auf den Gymnasien aufgefallen, wie sehr sich von Jahr zu Jahr auf den Schulen der deutsche Stil vergröbert und verschlechtert. Die Sprache wird lottriger, der Ausdruck holprig und un- beholfen, der Gedankenkreis beengter und flacher. So die Lehrer, die Gelegenheit hatte», zu beobachten und zu prüfen, und die Wahrheitsmuth genug besaßen, das auszusprechen, ivas sie wissen. Wie sollten auch die Gymnasiasten in der empfänglichste» Periode, da der Knabe zum Jüngling reist, sich von verflachenden Zeit- einflüssen frei erhalte»? Wo jeder Banause alles verfeinerte geistige Streben verachte» durste, weil es mit„realistischen" Dingen so blutwenig zu schaffen hätte, da>var für die Nachwachsende» das Beispiel gegeben. Wie die Alte» sungeu, so zwitschern die Jungen. Und die Presse als bildende Lektüre? Die kapitalistisch gebundene Presse ist selbst da, wo sie sich noch ans Prahlerei ei» Eckchen für verfeinerte geistige Arbeit gewahrt hat, dennoch ein Todfeind dieser Verfeinerung. Sie trägt das Gesetz der Flüchtigkeit in sich selber Der nachdenkliche Beobachter, der Sozialkritrker, der Raisonneur wird zurückgedrängt! Die Nach- richt, die Sensation, die Reportage wird zur Hauptsache. Das nioiiunientalste Kunstwerk hätte entstehen können und es wäre darüber nicht ein Hundertstel von dem geschrieben und gesprochen worden, was in der Bourgeoispresse aller Schattirungen über die Prinzessin Chimay stand, die ihrem bochadligen Gemahl mit einem Zigeunermnsikanlcn durchbrannte. Eine eitle, hysterische Gans, die vermulhlich einem rüde», habgierigen Zigeunerpalron in die Arme fiel! Ja, der telegrapdische Draht wurde lebhaft angestrengt, um die wichtig« Thatsache klarzustellen, ob die belgische Prinzessin und ihr ungarischer Galan dem Direktor eines Berliner Tingeltangels ein Gastspiel zugesagt haben oder nicht.(Die schöne Prinzeß sollte„lebende Bilder stehen" und der Zigeuner dazu Fiedel spielen. Dafür bedangen sich die hohen Herrfchafteii ein Tageshonorar von 3000 Mark aus. Woraus man de» Trost schöpfe» kann: echte Kunst ivird immer noch bezahlt.) Bei dein zunehmenden Amerikanisuws der Presse darf man sich nicht wundern, daß sie die nngeheuerlichsien kapitalistischen Formen annimmt. Wie es einen„Lokal-Anzeiger" für Berlin giebl, so soll es einen„Lokal-Anzeiger" gleichsam für die ganze Provinz gebe». Dies der neueste Gewinn unserer Jonrnal-Literatnr. In Berlin soll sich eine Kapitalistengesellschast znsammengethan haben, um von Berlin aus die Provinzstädte mit sogenannte» kopflosen nnd natürlich un- politischen Blättern zu überschwemmen. Für Memel wie für Ratibor kann da die öffentliche Meinung fix nnd fertig hergestellt iverden. Nur den Kopf, die Ueberschrift und ein paar Lokalnachrichten braucht man in Meniel oder in Ratibor zu drucken. Das kann einen charakterlosen Urbrei abgebe». Ter Kuli wird für sein Zensor- amt bezahlt und hat Jagd zu machen auf etwaige verfang- liche Gedanken, die sich in den Mischmasch-Anfsätzen vorfinden. Als die Nachricht von dem Massenunlernehmen in die Oeffentlichkeit drang, singen die Besitzer der antisemitische» Provinzpresse an, un- geberdig mit den Beinen zu strampeln. Sie werden dem Kapi- talismus nicht in den Arm falle», wen» er daran ist, eine neue Institution zur geistigen Erniedrigung zu schaffen.„Es ist ja alles da; es ist nicht so ivie bei armen Leute.".Alxlra. Dev Opal. (Frei nach dem Chikagoer„Record".) Es war einmal ein Mann und der war beim Würfelspiel gerade an der Reihe. Er schüttelte den Becher, warf und verlor. „Kein Wunder." sagte ein Zuschauer,„Sie tragen ja einen Opal, da können Sie freilich kein Glück haben." Das gab unserem Manne zu denke». Vier Tage später glitt er beim Absteigen von der Pferdebahn aus und verstauchte sich den Fuß. Das gab den Ausschlag. Er schenkte die Nadel mit dem Opal einem Freunde, von dem er wußte, daß er sich weder aus der Zahl 13, noch ans schwarzen Katern etwas machte und nicht einmal schielende rothhaarige Mädchen fürchtete. Allein, als dieser Freund, der an der Börse spielte, eines Tages 10 000 Dollars in Weizen verlor, wurde ihm etwas un- gemütblich. Er machte sich nicht inehr viel aus der Nadel; und als bald darauf einer seiner jungen Leute ihr„Feuer" bewunderte, überraschte er ihn durch seine Freigebigkeit.„Nehmen Sie sie nur, wenn Sie Ihnen gefällt." Der junge Mann überhäufte ihn mit Danksagungen. Der Wohlthäter aber erivartete schuldbewußt den Fluch der bösen That. Er brauchte nicht lange zn warten. Schon in der nächsten Woche wurde der Beschenkte krank und fehlte vier Tage lang im Geschäft. Der Börsenmann fühlte sein Gewissen beschwert und erzählte dem jungen Manne, was für ein böser Aberglaube an der Opal- nadel hafte. Nach einiger Ueberlegung beschloß der gute Junge, die Nadel seinem Mädchen zu verehren. Kaum war der Opal in andern Besitz übergegangen, als er auch schon rasche nnd gründliche Arbeil leistete. Das Mädchen hatte ihn nämlich erst zwei Tage getragen, als es beim Versuche, eines Abends das Gas anzuzünden, eine Gardine in Flammen setzte, und bei dem weiteren Versuche, das Feuer zu ersticken, sich Brandwunden an beiden Händen zuzog. Dem jungen Manne. der ihr die Nadel geschenkt, schlug das Gewissen nun ebenfalls nnd die Reihe, eine Rechtfertigungsrede zu hallen, war jetzt an ihm. Zum Glück war die Rede nicht lang.„Vielleicht war der Opal daran schuld", sagte er,„den ich Dir kürzlich gegeben. Dir weist doch, daß der Opal Unglück bringen soll? Ich habe es Dir nicht gesagt, iveil ich nicht abergläubig bin." „Ich ivill das schreckliche Ding keinen Tag länger tragen!" lautete die Antwort. Und sie trug es auch nicht. Sie gab die Nadel ihrem Bruder, der sich über den Alberglaube», als ob ein kleiner Stein einen bösen oder guten Einfluß ausüben könnte, fürchterlich lustig machte. Als er aber einmal nach Cincinnati reiste, sprang der Zug aus den Schienen. Der Zweifler wurde durch den halben Wagen geschlendert und war von der Stunde an bekehrt. Weitergeben wollte er das Ding aber nicht, er beschloß, es zu verkaufen und betrat zu diesem Zwecke den Laden eine? Juweliers. „Was können Sie mir wohl für diesen Stein geben?" Der Juivelier sah sich das Ding an und sagte bedächtig:„Das ist kein Opal, das ist nur-in— Katzenauge."— Kleines Feuilleton. Ueber die Ursachen des StotternS giebt eine Untersuchung, die in den Bremer Volksschulen angestellt worden ist, einigen Auf» schluß. Der„Köln. Ztg." schreibt man darüber: Im ganzen wurden 210 stotternde Kinder untersucht. Zunächst stellte sich mit Sicherheit heraus, daß Stottern in den meisten Fällen mit nicht ganz regel» rechter Körperbeschaffenheit verbunden ist. Krankheilen der Eltern scheinen nicht von unmittelbarem Einflüsse zu sein, und sür die Annahine einer Vererbung fehlt es an Beweisen. Dagegen ist die ans dem Nachahmungstriebe beruhende Gefahr der Ansteckung, besonders durch ältere Geschwister, wahrscheinlich sehr bedeutend und zwar besonders für solche Kinder, die zu Nervenstörungen»eigen. 70 von den untersuchten stotternden Kinder» hatten jüngere Geschwister, die trotz des täglichen Verkehrs das Stottern nicht angenommen hatten. Die Eltern gaben vielfach an. daß das Stottern auf ansteckende 5irankhei>en gefolgt sei. auch heftiger Schreck, z. B. der Zorn des Vaters, sowie erlittene Verletzungen sollen in einigen Fällen der Ursprung des Stotterns geivese» sei». Bei mehr als einem Drittel der stotternde» Kinder wurde Skrophulose beobachtet; bei 45 von jenen 210 waren Beschwerden in den Lustwege» vorhanden. Auch eine starke Herabsetzung des Gehörs war in einer Anzahl von Fällen vorhanden. Von Interesse sind noch die Angaben über die verschiedenen Arten des Stotterns und ihre Häufigkeit. Eine Art von Stottern besteht in dem Wiederholen der Anfangs» silben. ohne daß bestimmte Laute als störend bemerkbar sind; dies war in 13 Fälle» zu beobachten. Ju 7 weiteren Fällen war dieselbe Art des Stotterns von stärkeren Bewegungen des Körpers begleitet, und in 4 Fällen mußte das Stottern auf den Anfangs- silben als ein hochgradiges bezeichnet werden. Davon zu unter- scheiden ist das Stottern bei bestimmten Lauten. Weitaus am häufigsten ist, wie jeder weiß, das Stottern nur bei Konsonanten; bei den untersuchten Bremer Kindern kam ans diese Art des Stotterns fast die Häste. Bei einem Drittel war Stottern auf Konsonanteu und Vokalen vorhanden. Stottern lediglich ans Vokalen nur bei sechs. — Berühmte spanische Tticrkämpfrr haben Einnahmen, die denen eines große» Bankdireklors in nichts nachstehe». Der Matador Guerrita betheiligte sich I89L an 68 Sliergesechtc». Dafür erhielt er 306 000 Pesetas oder etwa L45 000 M. Reverte verdiente in 38 Stiergefcchle» 143 000 Pesetas, Mazzantiui in 29 Gefechten 131 000 Pesetas, Bombita 129 000 Pesetas und Algabigno IIS 000. Spanien soll jährlich 3 000 000 Pesetas für Etiergefechte verausgaben. Es giebl nur 23 Matadore in ganz Spanien. Zm letzten Jahre tödteten sie 1213 Stiere.— Literarisches. —»Die Technik". Organ für gemeinverständliche Dar» stellung sämmtlicher Fortschritte"der Technik. Die erste Nummer dieser neuen Halbmonatsschrift wurde am l. Januar ausgegeben. Das Blatt erscheint in Berlin i» Fischer's technologischem Verlag, M. Kray»; Redakteur ist Dr. A. Neuburger.— Theater. — Von der Zensur. Das Berliner Polizeipräsidium hat die Aufführung des Björnson'schen Schauspiels»Heber die Kraft", die im Bellealliance- Theater stattfinde» sollte, aus »ordnungspolizeilichen Gründen" untersagt.— In Wien hat sich eine Kommission gebildet, die den Entwurf eines im Geiste wahrhafte» Fortschrittes gehaltenen Theater gesetzes aus- arbeile» und dem neuen Reichsrathe unmittelbar nach besten Zu- sammentritt überreichen wird. Mitglieder dieser Komuiission sind unter Ander»: der frühere Bnrglheater-Leiter Freiherr von Bcrger, der Wiener Stadtarchivar K. Gloffy, Hermann Bahr, ver- schiede»« Redakteure.— Kunst. — Die Borghesische Sammlung in Rom dürfte in kurzer Zeit in den Besitz des italienischen Staates übergehen. Der Unlerrichtsmiiiister hat die Sammlung von zwei Fachleuten ab- schätzen lassen und dann für die antiken Statuen zwei, für die Ge- mälde fünf Millionen gebolen. Die Borghesische Gallerte ist die bedeutendste Privalgallerie Roms. Unter den Statuen befinden sich Meislerwerke ersten Ranges, wie der tanzende Faun und der David und die Daphne des Bernini; nnter den Gemälden Tizian's irdische und himmlische Liebe, die im Auslande joder Zeit für eine Million zu verkaufen wäre und die Danaö des Correggio, eines seiner bcstkn Bilder, ferner die Grablegung Rafael's und die Tiana'des Tomenichino und zahlreiche Bilder aus der besten Zeit der'nmbrischen und Bologneser Schule.— Astronomisches. — Auf dem Planeten Mars giebt es sogenannte Schnee- zonen. glänzend weiße Polarfleche, die init den Jahreszeiten zu- und abnehmen. Da nian die Lage der Umdrehungsaxe dieses Himmels- körpers ans der Verschiebung aller jener Gebilde mit großer Sicher- heit feststellen konnte, so fand man bald, daß die Veränderungen der Polarfleche genau so vor sich gehen, wie es die Bestrahlungs- Verhältnisse bei der Annahme verlangen würden, daß wir es mit wirklichem Schnee zu thun haben; ja noch mehr, es läßt sich ans der Slellnng der Mars-Axe z» der sehr exzentrischen Bah» des Planeleu der Schluß ziehen, daß der Sommer der Süd-Halbkugel mit der Sonnennähe und ihr Winter mit der Sonnenferne zu- sammenfällt, daß infolge deffen diese Halbkugel einen kurzen, sehr heißen Sommer und einen langen und strengen Winter haben umß, während für die Nord-Halbkugel der mit der Sonnenferne zusamnienfallende Sommer lang uud kühl, der zur Sonnennähe gehörende Winter kurz und milde ist. In auffallender Uebereinstimmung damit zeigt der südliche Polarfleck weit stärkere Aenderunge» als der nördliche. Bor einiger Zeit, schreibt die„Köln. Bolksztg.", hatte O. Lohse aus einer große» Anzahl von ältere» Beobachtungen festgestellt, daß im letzten Jahrhundert die südliche Schneezone eine feste Stelle auf der Mars-Oberfläche eingenommeli hat und zwar eine Stelle, die etwa b>/e Grad voni Pol« des Planeten entfernt ist und deren Meridian sich mit Beziehung auf die übrigen Oberflächen» Gebilde angeben ließ..Da nun nach übereinstimmenden Wahrnehmungen zahlreicher Beobachter der Südschnee des Mars gegen Ende Oktober 1894 vollständig verschwunden ist, so war es von großem Jniercsse, den Ort festzustellen, an dem der uene Schnee sich bildete. Herrn Eerulli(in Teramo) gelang es im Juni und Juli 1896, den neu gebildeten Eüdpolarfleck zu entdecken und mikrometrische Messungen {einer Lage anzustellen." Diese ergaben vollständige Ueberein- immung init de» Zahlen von Lohse, der mit Recht seinen älteren Schluß,.daß diese Zone an lokale Terrain-Berhältniffe gebunden ist und nach vollständigem Verschwinden wieder an derselben Stelle entsteht," hierdurch bestätigt findet. Es handelt sich also hier, wie auf der Erde, um Gebiete, die kälter sind als der geographisch« Pol, vernmthlich wegen bestimmter Luftdruckü-Vertheilung infolge der Anordnung von Land und Waffer. Die selten sichtbaren sogenannten Nebel find als Erweiterung der nördlichen Schnee-Zone kürzlich wieder auf dem Observatorium in Juvisy entdeckt worden. Aus dem Alterthum. — Eine Stadt der Vorzeit. Die amerikanische Uni» versität Harvard hat vor Monaten eine Expedition ausgrsandt. nm die Ruinen von Copan im nördlichen Honduras bloß- zulegen. Die Gelehrten haben jetzt ihre Aufgabe beendigt. Das alte Copan hat sechs Acres Landes bedeckt, es besteht aus nnregel- mäßigen Terrassen, von denen eine mit der anderen durch Treppen verbunden ist. Auch viele Pyramiden findet man in Copan. Auf einigen Gebäuden sieht man noch die uralten Reliefs, die früher init glänzenden Farben bemalt gewesen find. Besonders großartig ist die Jaguar-Treppe, so genannt, weil Jaguare in den Stein hiueingemeißelt find. Das Hauptgebäude in Copan umfaßt zwei Höfe oder Amphi- theater. Man gelangt auf einer Treppe hinauf, die 250 Fuß breit ist; ans den, ersten Treppenabsatz erhebt sich eine Pyramide, auf der«in 1000 Fuß breiter Tempel errichtet ist. Im Innern dieses Tempels sieht man sitzende, reich verzierte Menschengestalten. Es sind übrigens in Copan noch schönere Tempel als dieser bloßgelegte. In dem einen sind Todtenköpfe und Mädchen, die in die Hände klatschen, abgebildet, wobei alles mit heimlicher Schrist bedeckt ist. Im Innern eines Tempels befindet sich ein großes Weibrauchbecken in Gestalt eines riesigen Kopfes. Das schönste Baudenkmal von allen ist aber vielleicht die sogenannte Hieroglyphen-Treppe. Sie ist 40 Fuß breit, und in ihre Steine sind Masken, Hieroglyphen sellsainer Art und menschliche Gestalten hineingemeißelt. Ans dem Marktplatz von Copan stehen 13 Monolithe von 12 Fuß Höhe. Nebe» ihnen sieht man die Altäre. Wenn die Geheimschrift dieser Säulen einmal entziffert ist, so wird man wahrscheinlich viel über ein eigenartiges Volk erfahren. Zu den gewaltigsten Baudenkmälern gebäre» die Gräber des Volkes. Neben den wohlerhatlenen Schädeln liegen Knochen von Vierfüßlern. Farben, Perle», Jade, Muscheln, Zicrrath, Eßgeschirr u. deral. Die Zähne maiicher Leiche» sind mit Jade ausgelegt, die mit rolhem Zement in das Bei» verkittet ist, die Eck- zähne sind abgefeilt. Wahrscheinlich geHörle die Gesittung Covans derselben Kultur an, die in Uulatan blühte. Aber sie mag älter sein und war vielgestaltiger.— Technisches. — Die Erfindung des Dynamit? ist nach dein Stock- holmer„Aston Bladet" einem Zufall zu verdanken. Der Vater des jüngst verstorbeneu Alfred Nobel haite eine Nitroglycerin- Fabrik, aber die mit der gefährlichen Flüssigkeit erfolgenden Explosion?- Unfälle häuften sich so. daß die Regierung schon das Verbot der Fabrikation in Erwägung gezogen hatte. Da bemerkte eines Tages Nobel, daß eine Nitroglycerinflasche ans dem Transport einen Sprung bekommen hatte und die Flüssigkeit das Berpackungsninterial Kieselguhr durchtränkt hatte. Er fand, daß diese sarinznckcrähnlich aussehende Masse die Sprengkraft, aber nicht die Gesädrlicbkeit des Nitroglycerins besaß— das Dynamit war ersunde»! Berthelot schätzt die Erspnrniß bei Sprengungen durch die'Anwendung des Dynamits auf 60pCt. gegenüber der des Schwarzpnlvers, das giebt eine jährliche Summe von nicht weniger als 60 Millionen Mark, welche der Bergbau der Erfindung des schwedischen Chemikers ver- dankt!— Humoristisches. — Narren sprüch«. Auch ivenn nian deu Narren in Baumwolle legt, die Schellen raffeln, so er sich regt.— Den Narren erkennt man am Kopf, am Klange den Topf.— Der Narr ist stets voran, wo was Dummes wird gethan.— Der Narr und der Geck mischen sich in allen Dreck.— Der Narr versteht eine Sache, wenn sie geschehen ist.— Der Narr wünscht sich Siegen, aber er»vettert, wenn er naß wird.— Der Narren Händel und Dukaten machen reiche Advokaten.»— Narrenhand befleckt Thür und Wand.— Ehe der Narr weiß, was er kaufen will, ist der Markt zu Ende.— Ein alter Narr thoret mehr als viele junge.— Ei» Narr gefällt dem andern.— Ein Narr»»acht zehn Narren, aber tausend Weise noch nicht einen Klugen. — Es meinen Narr und Kind, daß zwanzig Jahr und zwanzig Thaler unerschöpflich sind.— Narren und Gockel sitzen gern hoch.— Narren wollen den Kühen die Milch auch aus den Hörneri»»nelke».— Wenn dem Narren der Mantel zu neu ist, setzt er eine» Flicken drauf.— Wenn der Narr am Honig»»'eiter nichts zu tadeln»veiß, so sagt er, er sei zu süß.— Wem» der Narr das Feuer nicht ausblasen kann, so gießt er Oel hinein, um es zu löschen.— Wenn der Narr etwas weiß, so»vill er berste» vor Gelehrsamkeit.— Wenn man den Narren lobt, so ivachsen ihm Eselsohren.— Wer einen Narren will machen gescheidt, der ist vom Narre», selbst nicht»veit.— Wer sich mit einem Narren uuter den» Dache neckt, muß geivärtig sein, daß er auf der Gaffe mit ihm spielt. — Modern.„Direktor, warum grüßen Sie diesen Jungen so ehrfurchtsvoll?" Theaterdirektor:„Bei der heutigen Jugend kann man ja nicht wissen, vielleicht reicht er mir morgen ein Drama ein."—_ Berantivortlicher Redakteur: August Jarobey in Berlin. Druck und Verlag vön Max Babing in Berlin.