Hlnterhaltungsblatt des Horwärls Nr. 14. Mittwoch, den 20. Januar. 1897. Ii](Nachdruck untersagt.) Vei den SthneidetNÄschinen. Romall vou M. A, Simacek, Autorisirte Uebersetzuiig aus dem Czechischen. „Ach, wär' ich doch lieber statt Deiner gestorben, mein armes Hühnchen", rief sie ein- nms anderenial unter er- schütterndem Schluchzen. Die Chwatalka hatte die Augen voll Thränen und drückte Lena die Hände:„So beruhig' Dich doch, Mädel", redete sie ihr zu,„wer weiß, was dem armen Hascherl beschieden war!" Lena sah das Weib an, und der Gedanke, daß das todte Mäderl einst so viel hätte leiden können wie sie, ließ sie bedauern, daß sie nicht selbst auch in solchem Alter gestorben; daß sie so elend, so verachtet, so gemieden werden mußte... Sie verfiel in krampfhaftes Weinen... Sie erinnerte sich an alles, was ihr m den letzten Tagen Böses widerfahren war... Ueberzeitarbeit bekam sie trotz ihrer flehentlichen Bitten nicht, und so war wieder eine ihrer Hoffnungen dahin. Wenzel gab ihr, indem er ihr auswich, zu verstehen, daß ihm jede An- Näherung ihrerseits lästig sei; ja oftmals, wenn sie ihm zufällig begegnete und ihn mit einem traurigen Blick grüßte, schnauzte er sie an und sagte ihr bündig, sie möchte schauen, weiter zu kommen. Für einen Augenblick schäumte sie in wildem Zorn auf, und es war ihr, als sollte sie sich auf ihn stürzen; dann aber rief sie sich gleich wieder ihr Vorhaben, ihn durch Hingebung, Dcmuth und Erniedrigung für sich wieder gewinnen zu wollen, ins Gedächtniß zurück. Der Blitz, der ihr vor den Augen zuckte, verlöschte irgendwo in der Tiefe, und blos unaussprechliche Trauer sprach aus ihren Blicken, wenn sie, weggejagt, ohne Widerrede von bannen ging. Ungefähr vor zwei Tagen war es, da fiel Wenzel wieder einmal wüthend über sie her und warf ihr vor, sie sei ihm immerfort im Wege. Lena, die damals beim Filter arbeitete, ging hinauf, kauerte sich im Winkel zusammen und weinte herzbrechend. Danials kam Kucharz hinzu; er schob ihr die Hände schonend von den nassen Augen weg und fragte nach ihrem Leid. Weiß Gott, kam sie da eine schwache Stunde an, oder drückte sich in Kucharz' weicher Stimme etwas Unwiderstehliches aus: Lena gestand ihm schluchzend alles: Wenzel's Verrath, ihre Leidenschaft und ihren Fall.... Ter Haß gegen Kucharz war schon längst geschwunden und hatte allmälig in Dankbarkeit und Vertrauen umgeschlagen. Lena bemerkte, daß Kucharz sie bemitleidete, er allein von allen, und sie klagte ihm in einem Augenblick der Verzweiflung ihr Leid. Kucharz sagte nichts darauf, nur sein Athem ging schwer, als er sich entfernte. An dem Tage gerieth ihm keine Arbeit ordentlich und einige überdrehte Schrauben gaben Zeugniß von seiner inneren Erregung. Die Nacht vor Beginn der Kampagne arbeiteten alle Schlosser bis zum Morgen. Die Diffusoren wurden noch gründlich ausgeprobt und gegen Morgen mit Wasser gespeist. In die Dampfleitung wurde langsam Dampf eingelassen; wie er sich in den Wärnierohren und Schläuchen abkühlte, machte er einen Höllenlärm, der in dem spärlich erleuchteten Raum unheimlich wirkte. Da und dort schoß er aus einem engen Spalt mit schrillem Zischen oder Brummen hervor, anderswo wieder schlug er, zu Wasser verdichtet, geräuschvoll an die Rohrwände an; es war ein Knattern wie von Gewehrschüssen. All' das komplizirte Gefüge von Maschinen kam in Be- wegung. Der Adjunkt leitete die letzten Proben, der Assistent lief sich fast die Beine ab, um die nöthigen Gcräthe und Instrumente an den entsprechenden Ort zu dirigiren. Um halb Fünf kam der Direktor, und nach und nach fanden sich die einzelnen Arbeiter ein. Um fünf waren die Ausseher und die Weibspersonen aus dem Rübenraum zur Stelle. Auch die Mädchen, welche die Schneidemaschinen bedienten, Bieta, Kucharz und Toncza Jarosch, hatten sich eingefunden, kletterten zur Rampe und ergriffen die Spaten. Nur Lena war noch nicht da: aber sie erschien, bevor die erste Rübe auf das Blech in der Rinne herabgefallen war. Das Mädchen hatte vom Weinen geröthete Augen, ihr Schritt war wankend, die Wangen gebleicht. Wenzel nahm seinen Platz am Fenster unterhalb der Schneidemaschinen ein und lauschte ermüdet dem geräuschvollen Auffallen der Rübe auf das Schneidebrett. Lena war für ihn Luft... Die Körbe waren bereits gefüllt, und Wenzel ertheilte die Weisung, den Aufzug stille stehen zu lassen. Lena, die neben dem Hebel stand, befolgte sofort den Befehl. Indessen waren auch bereits der Kommissär und die Finanzwach- Aufseher erschienen, und kurz vor sechs wurden von der kleinereu Transmission bei den Schneidemaschinen die Siegel abgenommen und jene in Gang gesetzt. Bieta bediente die eine, Lena die andere Maschine. Die Riemen setzten sich mit einem kreischenden Laut in Umlauf und wanden sich, gleich- sam flache, breite Schlangen, blitzschnell um die glänzenden Ringe. Unterhalb der Körbe gab's einen scharf knabbernden Laut, die ersten Schnitzel, lang und dünn und schneeigweiß, fielen auf die schwarze Blechplatte. Bald war ein ganzer Haufen aufgeschichtet, den zwei Arbeiter mittels Gabeln in den bereit stehenden Handwagen einstrichen. Der Deckel des ersten Diffusors wurde aufgeklappt und der vollgeladene Wagen hinbefördert. In diesem Moment ertönte im Hof die Fabriksglocke und ein schrilles Signal im Sudraum bezeichnete den Anfang der Kampagne. Nun ließ Lena auf ihrem hohen Standplatze bei den Schneidemaschinen Wenzel selten für einen Augenblick aus den Augen. Sie sah ihn unten am Fenster frisch und gewandt, wie immer, sie beobachtete seine stattliche Gestalt, seine elastischen Bewegungen, sein hübsches, heute infolge der Nacht- wachen etwas blasses Gesicht, sein feuriges Auge, sein lockiges Haar und sein aufgedrehtes Schnurrbärtchen. O, seit wie viel Tagen war es ihr nicht mehr vergönnt, ihn so angelegentlich mit all der Leidenschaftlichkeit ihrer Liebe zu betrachten, seine Erscheinung förmlich mit den Augen aufzusaugen! Mochte der Tod des Kindes der Chvatalka sie heute noch so mächtig er- griffen haben, mochte sie noch so deutlich vor sich dessen ab- gemagerte, kleinwinzige, kalte Leiche scheu, die eingefallenen Wangen, die krcideblassen, vom letzten Kampf verzerrten Lippen, die unter den halbgeschlossenen, blau angelaufenen Lidern gläsern, frostig und vorwurfsvoll hervorstarrenden Augen, die sich ehe- dem so schmerzvoll um Hilfe flehend auf sie zu richten pflegten, mochte ihr Herz sich unter dem frischen Eindruck von dem letzten Stündlein des Kindes, bei der Vorstellung von dessen krampfhaftem Todesriugen noch so sehr zusammen- pressen: Wenzel's Erscheinung schob allmälig alle Erinnerungen, Vorstellungen und Bilder in den Hintergrund und nahm wieder untheilbar alle ihre Gedanken ein und ihr ganzes terz, das, gewaltsam aus den Fesseln einer leidenschaftlichen rauer um den Tod des Kindes losgerissen, wieder in glühen- dem Verlangen und unermeßlicher Liebe zu schlagen begann. Alles andere verblaßte und schwand in deni blendenden Lichte dieser einen Flamme, ob es nun der unmittelbare Eindruck war, den der Tod des unschuldigen Kindes hervorrief, oder der Gedanke an den Vater, der Glaube an Gott oder— in letzter Zeit— der Glaube an sich selbst.... Für Lena bedeutete Wenzel alles. Er war ihre Liebe und Hoffnung, ihr Glaube und ihr Leben. Ihr ganzes Wesen erbebte bei seinem Anblick, sie wußte, wie nichtig ihre Kräfte und Ge- danken im Vergleich zu dem brennenden Verlangen nach ihm waren. Und er zeigte sich kühl, hochmüthig, rauh, grob; er liebte sie nicht mehr! Warum? Weil sie so armselig, so zerlumpt war, daß sie ihm Schande machte. Heute aber hat sie ein gutes, gar nicht zerrissenes Kleid an, wie jede andere hier in der Fabrik. Sie trägt sogar eine Korallenschnur um den Hals, ein neues geblümtes Kopf- tuch und Schuhe; darin giebt sie nun keinem Fabriksmädel etwas nach. Heute früh nach dem Tode ihres Kindes entnahm die Chvatalka diese Sachen in einer plötzlichen Eingebung ihrer Truhe und schenkte sie Lena als Belohnung für die Pflege des Kindes, schenkte sie ihr in aufwallender Dankbarkeitj und auch weil sie wußte, wie die arme Dirn sich freuen würde.— Lena nahm die Sachen mit unsicherer Hand entgegen, und in einem Aufleuchten von Freude inmitten tiefster Trauer bedeckte sie die rauhe Hand der Spenderin mit Küssen. An dem Ge- 54 schenk hing nun der Rest ihrer Hoffnung, hing ihr Leben. den Auftrag ertheilte, in beide Maschinen neue Messer einDie Chvatalta war von großer Gestalt, und Lena konnte sicher zusetzen. Gleich darauf hieß Wenzel den Rübenaufzug einsein, daß die Kleider ihr gut passen würden. halten; die Rübe in der Maschine, die Lena bediente, sollte Doch Wenzel beachtete sie nicht; wenigstens entdeckte Lena noch zu Ende geschnitten, und dann die Maschine abgestellt in seinem Gesicht nicht die mindeste Regung, nicht die geringste werden. Spur, die darauf hingedeutet haben würde, und sie kränkte" Jetzt komm' mal' runter!" schrie er mit rauher Stimme fich darob. umso mehr, je stärker ihr Verlangen beim stetigen zu ihr empor und stellte sich dann auf das durch eine eiserne Anschauen Wenzel's ward, je deutlicher ihr die Erinnerung an Thür abgegrenzte Blech vor dem Korb. Gib her eins die mit ihm verbrachte selige Einsamkeit wiederkehrte. Und nach dem anderen," befahl er ihr, auf die stählernen Eins gewiß war doch ihre Berlumptheit eine von den Ursachen ge- lagen mit eingesetzten neuen Messern zeigend, die in zwei wesen, warum Wenzel sich von ihr fernhielt und sie abwies! Reihen geordnet auf dem Boden lagen. Sie ist so demüthig, so nachgiebig, so unterwürfig gegen ihn; er sieht es ihr doch wohl an, wie sie mit allen Fasern ihrer Seele mit ihm verknüpft ist und an ihm hängt. Rennt er fein Erbarmen?... Ja, sie war einmal heftig, wild, sie verstieg sich sogar zu Drohungen; nun weiß fie aber schon, daß sie sehr gefehlt, daß sie durch ihr Ungestüm Wenzel ftuzig gemacht hatte. Vermochten aber die letzten Tage nicht, ihn zu überzeugen, daß sie von jetzt ab, geduldig und zahm, nur Gnade erbetteln wolle?. ... Nun denn, sie wird sich noch weiter erniedrigen, anderes liegt ja nicht in ihrer Macht, anders kann sie nicht auf ihn ein wirken, es ist ihre letzte Waffe!- Gie verfolgte jede seiner Bewegungen, jeden seiner Blicke; sie schnappte jedes Wort auf, das er überhaupt fallen ließ, ob er's nun an die Arbeiterinnen bei den Schneidemaschinen oder an die Männer, die die Hand wagen füllten und schoben, richtete; sie hörte ihn manchmal auch scherzen, er hatte für die kleinen Fraßen, die bei den Schneidemaschinen und Diffusoren mit Besen kehrten, einen freundlichen Blick, ein Lächeln, einen Scherz, und dabei gab's ihr jedesmal einen Stich ins Herz. Nur für sie allein hatte er nicht die allergeringste Gabe! In der Fabrik, wo's in der Früh noch talt war, verbreitete fich eine angenehme Wärme. Die Toncza Jarosch hatte schon ihr Kopftuch abgelegt und die Schuhe ausgezogen. Lena jedoch, deren blasse Wangen sich auch bereits infolge der Wärme rötheten, legte gar nichts ab; sie rechnete eben immer noch darauf, daß Wenzel ihren heutigen Aufpuz würdigen werde. Mädels, bringt doch mal ein Wasser," rief Wenzel, indem er sich den Schweiß von der Stirn wischte. Lena war die erste die Treppe hinab. Ihr Herz pochte mächtig, ihr Gesicht flammte. Wenzel, der das Blechgefäß schon in der Hand hielt, kehrte ihr den Rücken und winkte der Jarosch:" Toncza, bring' Du!" Lena war's, als sollte sie auf der Stelle vor Scham und Schande in den Boden sinken. ,, Kann ich's nicht ebenso gut bringen?" wagte sie ganz leife mit bebender Stimme zu fragen. " Jezt schau zu, daß Du arbeiteft, elender Schlampen!" schrie Wenzel sie an. Lena bückte sich und reichte sie ihm hin, gleichzeitig die Einlagen mit den stumpf gewordenen Messern, die er aus der Maschine heraushob, übernehmend. Ein Arbeiter drehte dabei langsam nach Wenzel's Anweisung das Schneidebrett. " Trampel!" schrie Wenzel auf, als ihm Lena, die am ganzen Leibe zitterte, nach einander zwei Einlagen mit gleich eingesetzten Messern zuschob. Bist Du blind? Hat man so ' ne Verrückte hergeben müssen?" Die Einlage fiel ihr aus der Hand, die Arme wurde so blaß, daß jeder Blutstropfen aus ihrem Gesicht gewichen schien, ihre Füße zitterten, die Lippen entfärbten sich, blos in ihren Augen flammte es fieberhaft auf. Elendes Luder," brüllte Wenzel wie ein wildes Thier, in die Rübenkammer mit Dir, einen Spaten in die Fäuste, aber nicht zu den Schneidemaschinen. Heb's gleich auf und steh' nicht wie' n Kloz da!" Lena that mit Mühe, wie ihr geheißen wurde. Sie glaubte, jeden Augenblick umfallen zu müssen. Frost und Hize durchschauerten ihren Körper, und es wurde ihr schwarz vor den Augen. Endlich hob sie die Einlage auf, stellte sie zurück und reichte dafür Wenzel die richtige hin. " Blödian, verfluchter," zischte Wenzel durch die Zähne hervor und setzte mit dem Hammerstöckel die Einlage in den Rahmen ein. Endlich waren die Messer ausgewechselt, und Lena wollte wieder hinauf. Lass' die Maschin' noch nicht angehn!" rief ihr Wenzel zu. Er begab sich nach hinten zur Transmission, nahm die Delkanne, bückte sich und schob sich mit dem Oberkörper zwischen den jetzt stillstehenden Riemen durch, um die Lager an der Achse einzuschmieren. Lena folgte jeder seiner Bewegungen, zitternd vor Angst, er könnte vielleicht mit der Hand zwischen die Speichen der Riemenscheibe gerathen. So roh benahm er sich gegen sie, so beleidigte und beschimpfte er sie und sie betete für ihn, daß er feinen Unfall erleide, keinen Schmerz auszustehen brauche. Als er mit dem Einschmieren fertig geworden, trat Wenzel wieder vor die Schneidemaschine und schnauzte Lena an: Was lungerst Du noch' rum, sollst schon längst oben sein!... Bei Gott, wird das ein Kreuz werden mit diesem Tölpel!" fügte er dann, schon weniger laut, zu den Taglöhnern beim Wagen gewendet, hinzu, als Lena wieder oben stand. Alles Weh, das auf dem Grund ihrer Seele rühte, stieg bei diesen Worten Lena zum Herzen und hob auch etwas Zorn mit herauf, so daß ihre Fauft sich unwillkürlich ballte, der Mund sich fester schloß und ein Blitz aus dem Auge hervorzuckte. Er war mit sich zufrieden: hatte er doch in sich den früheren In ihrem Innern meldete sich wieder die Wildheit, aber ein rücksichtslosen und wagemüthigen Hradil wiedergefunden. Er Blick in Wenzel's Gesicht drängte die lodernde Flamme ge- nahm sich vor, Lena um jeden Preis von hier auszustechen; sie waltsam und schmerzhaft zurück. Abermals gedemüthigt, be- stand ihm doch im Wege, es verdroß ihn, ihr vergrämtes Gesicht schämt, roh abgefertigt, stieg Lena zu den Schneidemaschinen bei jeder Wendung vor sich zu haben; es war ihm schon peinhinauf, wobei die Thränen ihr so reichlich über die gebleichten lich, daß, während er die Messer schärfte und einsetzte, sie ihm Wangen strömten, daß sie alle nicht schnell genug trocknen zuschaute. Er wird so lange gegen sie hetzen, bis der Adjunkt konnte. Jetzt war sie darüber im Klaren, daß, wenn sie auch fie anderswohin steckt; annehmen wird sich der Verrückten doch so aufgeputzt wäre wie das Mädchen, das am Sonntag feiner. Befriedigt über die eingeleiteten Schritte zur Aus Wenzel das Frühstück gebracht hatte, ihr dies doch nichts führung seines Vorhabens ließ Wenzel nun das Jaroschnügen würde. Was soll sie denn noch thun, worin ihre Mädel die zweite Maschine abstellen und ihm unten die Messer Rettung suchen? Elender Schlampen" hat er zu ihr gesagt; reichen. ( Fortsetzung folgt.) warum und wofür? War sie ja doch nur mit ihm gegangen, damit er mit ihr und sie mit ihm eine Freude finde. Und jetzt wirft er ihr's vor? Doch sie will's tragen, will noch Künftliche Verunstaltungen des mehr ertragen, sie muß ja geduldig und unterwürfig sein; und wenn sie schon so viel erfahren und verwunden hat, wird sie wohl ein heftiges Wort von Wenzel auch noch einstecken. Zu den harmlosesten Verunstaltungen, oder nach der Meinung Mit Zorn würde sie sich nur schaden. Sie darf sich über derjenigen, die sie ausführen, Verschönerungen, die man dem natür seine Gereiztheit auch nicht viel aufhalten; er hat ja in lichen Aussehen des menschlichen Körpers giebt, gehören die BeLetzter Zeit bei Tag und bei Nacht gearbeitet, da wird man malungen des Gesichtes und anderer Körpertheile. Nicht ganz so harmmüde, verdrießlich und ungeduldig und schaut nicht viel zu, los sind die Tätowirungen, weil sie nicht wieder zu beseitigen sind, sondern den betreffenden Körperstellen dauernd ein anderes Aussehen geben. wem man seine schlechte Laune ausläßt. Später vielleicht wird er mildere Saiten aufziehen. Durch diese Hoff völker beschränkt; auch bei unseren Damen und Modeherren bilden Beide Sitten sind uralt und keineswegs auf die sogenannten Naturs nung wieder ein bischen aufgerichtet, schob sie die Rübe in das Färben der Augenbrauen und Schminken der Wangen beliebte den Korb der Schneidemaschine. Es war gegen Mittag, als Verschönerungsmittel; in der Kunst des Tätowirens mit der Adjunkt nach wiederholter Prüfung der Schnitzel Wenzel Farbstoffen haben es die Japaner, unstreitig ein hoch ents an menschlichen Körpers. - 55 wickeltes Kulturvolf, am weitesten gebracht. Fischerbevölkerung tätowirt ihren Körper Die japanische fo Die indische Peft und die böhmische Glasindustrie. vollständig Bis vor kurzem wurde von den böhmischen Glasfabriken nach dem und mit so verschiedenen Mustern, daß ein solcher Mensch Orient, namentlich nach Indien, ein schwunghafter Handel mit aus bei flüchtigem Ansehen von ferne ein Aussehen darbietet, als wäre er buntem Glas erzeugten Arm- und Handspangen getrieben. Dieser bekleidet. Bei Ausübung ihres Berufes gehen diese Leute meist Exportzweig ist so gut wie verschwunden. Als Grund wird die in nackend, und es ist nicht unwahrscheinlich, daß dieser Umstand die Indien graffirende Beulenpest angegeben. Die buddhistischen besondere Ausbildung der Kunst des Tätowirens bei ihnen hervor Briefter haben ihren Gläubigen weißzumachen gewußt, die ausgerufen hat. schließliche Ursache des großen Sterbens liege in den von den UnEine eigenthümliche Art des Tätowirens, die in Afrika gläubigen importirten Schmuckartikeln. So berichtet ein Wiener südlich vom Tsadsee und in den oberen Nilländern sowie Blatt. Ob nicht auch wirthschaftliche Gründe, oder Geschmackss auch in Australien vielfach üblich ist, besteht in der willkürlichen änderung u. dgl. vorliegen, entzieht sich unserer Beurtheilung. Hervorbringung Narben, die während der Heilung - Sprüchwörter der Haussa Neger theilt der Afrikareisende immer wieder aufgerissen werden, bis schließlich außer G. A. Krause in der„ Kreuzztg." mit. Wir sehen einige hierher: ordentlich dicke Narbenstreifen und Knoten entstehen. Derartig Blut ist dicker als Wasser. Wer eine Mutter hat, ist ein König. tätowirte Sudanesen z. B. bieten in ihrem Aeußern oft eine überraschende Aehnlichkeit mit unseren Korpsstudenten dar, die sich ihre „ Schneidigkeit" ja dadurch bescheinigen lassen, daß sie ihr Gesicht mit Hilfe langer Messer verschönern. Der Sudanese freilich verfolgt damit einen anderen Zweck; bei ihm deutet die Art der Narben den Stamm an, welchem er angehört. von Dauernden Schaden an der Gesundheit leiden die Leute durch solche vermeintlichen Verschönerungen nicht; eher schon durch Ueberladung mit Schmuck, den sie sich vielfach an Nase und Ohren anbringen; speziell der letztere führt oft zu Entzündungen, die mit vollständiger Taubheit enden. Und Weun ich gewußt hätte, daß ich heirathen müßte, dann wäre ich nicht auf die Welt gekommen. Wer Lügen verkauft, wird wahr. heit bezahlen. Ein Frager tommt nicht um. Wie schmutzig auch das Wasser ist, es wäscht doch das Gesicht. Der Verstand von zwei oder drei Menschen ist mehr werth, als der von einem einzigen. Wenn das Ei schon flug ist, wieviel mehr das Küchlein. Wenn der Affe auf dem Felde Schaden angerichtet hat, dann pflegt er davonzulaufen. Wenn du gestorben bist, ob so oder so, ge Armuth brennt mehr als Ermüdung. storben bist du. wenn du einen Löwen getödtet hast, dein Feind wird sagen, es sei ein Hase. Schweigen ist auch Sprechen. Das ist die Rene der Sehr merkwürdig sind die Verunstaltungen, die bei manchen Buschkaße: Wenn sie erwischt wird und das gestohlene Huhn noch Völkerschaften die Form des Schädels erfährt; bei den ganz kleinen in der Schnauze hält, dann läßt sie es nicht los, sondern sagt: Ich Kindern wird der Schädel so lange gepreßt und gedrückt, bis er berene es, ich werde es morgen nicht wieder thun. Wer ein Die Prozedur ist Suhn ißt, dauernd die gewünschte Form annimmt. der hat es. Go lange Hilferufen nicht für die betreffenden Kinder schmerzhaft, aufhört, etwas zwar wird auch das Helfen nicht aufhören. Kann erbetteltes Wasser Bohnen weich fochen? Wenn du in die Stadt der geschwänzten Menschen tommst, nimm eine Ruthe und binde sie dir hinten an. Wer stichelt, sucht Streit, aber wer die Menschen beim rechten Namen Wenn ihr einen Menschen seht, der gar nichts nennt, noch mehr. fagt, so pflegt ihr ihn anzusehen wie einen, der mit der linken Hand die Speisen ißt.Literarisches. aber taum besonders schädlich; wenigstens versicherte Dr. von Lushan, der im Museum für Völkerkunde hierüber einen intereffanten, durch Projektionsbilder erläuterten Vortrag hielt, daß ein Schaden für die Intelligenz von diesem eigenthümlichen Verfahren mit den Kindern nicht zu bemerken ist. Sehr interessant war auch eine Bemerkung, die er bei Vor: zeigung mehrerer an verschiedenen Stellen durchlöcherter Schädel machte. Solche Trepanirungen kommen bei manchen Naturvölkern ziemlich häufig vor; sie werden zur Austreibung böser Geister und aus ähnlichen Gründen vorgenommen, und verlaufen fast stets normal, d. h. mit gutem Erfolge. Es ist dies um so merkwürdiger, als die Trepanationen( Schädeldurchbohrungen) bei uns zu den gefürchtetsten Operationen gehören, bei denen noch vor nicht allzu langer Zeit überhaupt kein Erfolg erzielt wurde. Vergleichen wir die Verunstaltungen, welche die modernen, hoch zivilisirten Völker ihrem Körper zufügen, die Verfrüppelung der Füße durch enges Schuhwerk, die Hemmung der Athmungsorgane und schädliche Einengung des Brustkorbes durch Schnüren, mit denen vieler Naturvölker, der sogenannten Wilden, so müssen wir gestehen, daß der einzige Unterschied oft darin besteht, daß die bei uns üblichen dümmer und schädlicher find, als die bei den verachteten Wilden. Kleines Feuilleton. bt. welcher mit ce. Ueber die englische Literatur im Jahre 1896 urtheilt die„ Times":" Die Literatur des vorigen Jahres hat in mancher Hinsicht Aehnlichkeit mit der inneren Politik. Neue große Schöpfungen gab es nicht, neue originelle Richtungen wurden nicht beobachtet, und nur wenig neue Namen verschafften sich Geltung. Das hauptsächliche Charakteristikum ist vielleicht eine start hervor tretende konservative Tendenz, eine Tendenz, das Alte zu bewundern, die frühere Literatur wieder aufleben zu lassen und mehr zu studiren und zu fritifiren als selbst schöpferisch thätig zu sein. Aber zwei Thatsachen dürfen hervorgehoben werden, welche beweisen, daß, wenn wir auch nicht eine ruhmreiche Aera in der Geschichte der Literatur be zeichnen, die Bildung und der gute Geschmack im Publikum gute Fortschritte machen. Vor allem verkaufen alle Verleger mit Leichtigkeit ungeheure Mengen guter Bücher, und das Publikum fragt immer mehr nach Werken über politische und soziale Fragen, über ausländische Angelegenheiten, über Kunst und Naturgeschichte; in zweiter Linie beobachtet man in der Welt des Romans und der Novelle eine starke Reaktion gegen alles, was ungesund und neurotisch ist." Theater. - Die Anfertigung von Kinder- Spielwaaren in Deutsche land hat sich, als Hausindustrie aus kleinen Anfängen hervor gegangen, nach und nach zu einem großen Gewerbszweige entwickelt, der den ganzen Erdkreis mit seinen Erzeugnissen versorgt. Die - Ueber das Trauerspiel der Schmiere, die Wiege der deutschen Spielwaaren- Industrie stand in Thüringen; von hier holten Nürnberger Kaufleute die Waaren ab, um sie im sich seit kurzem im hiesigen Parodie Theater in der Oranienstraße aufgethan hat, ist in unserer vorletzten Sonntagsplauderei In- und Auslande zu vertreiben. Später bildete sich in Nürnberg berichtet worden. Eine gewisse Sorte von Publikum hat seinen selbst ein zweiter Mittelpunkt dieser Industrie, den thüringischen Orten Sonneberg, Sonneberg, Ohrdruf, Gotha auf" ee" gefunden und ulkt und randalirt nun Abend für Abend mit den Leuten aus Dobern bei Bensen in Böhmen herum, als ob die dem Gebiete der Anfertigung von Art Spielsachen aller wetteifert. Die Sonneberger Industrie ist ursprünglich aus Seiten des geschundenen Raubritters wiedergekehrt seien. Wie mag der Gesellschaft Lumpe das Berliner Publikum vorkommen? Sind der Holzschnigerei hervorgegangen, umfaßt heute aber fait die Proletarier, die von ihrem Manager insgesammt mit 60 Mark sämmtliche Gattungen von Spielwaaren. Die Ausfuhr des nordamerikanischen Konsularbezirks Sonneberg bewerthet sich nach den blieben, oder prostituiren sie ihr Elend bereits mit Absicht und Kluger für den Abend abgespeist werden sollen, in der That noch naiv geAufzeichnungen des dortigen Konfuls der Vereinigten Staaten nach Berechnung? In der vorgestrigen Aufführung ihres zweiten Stückes, diesem Lande allein auf über 1 Millionen Dollars jährlich. In einer schaurigen Ritter- und Geistertragödie mit langem Titel, schien Nürnberg beschäftigen sich 255 Betriebe mit der Anfertigung von Kinderspielsachen, worunter wahre Kunstwerke zu finden sind. Die es, als ob der Schalk schon in einigen Künstlern" mitwirkte, der Ausfuhr von hier nach Nordamerika stellt sich auf rund 2 Millionen gleiches mit gleichem vergelten und sich über die kindische Lärmfucht des Publikums lustig machen wollte. Andere Darsteller, so Herr Mark jährlich. Im ganzen kann man die deutsche Spielwaaren- Lumpe und der Mann, der den feuschen Sohn des unbändig wilden Ausfuhr wohl auf 30 Millionen Mark jährlich veranschlagen. Raubritters darzustellen hatte, gaben sich in so rührender Unbeholfen. Uhland's Verkehrs- 3tg." heit, daß man für den Fall, daß man es mit Mache zu thun hätte, bei den beiden sogar ein hervorragendes schauspielerisches Talent voraussetzen müßte. Wie dem aber auch sei, bedauerlich ist es auf jeden Fall, daß Berliner Hohlköpfe an Leuten, die es wirklich nicht verdient haben, in fast unfläthiger Weise ihren Spott auslassen. - Im Schiller Theater findet heute( Mittwoch) die erste Aufführung von Mit Bergnügen", Schwant in 4 Akten von Moser und Girndt, statt. - Noch etwas von der russischen Zensur. In Warschau stand einmal auf dem Programm eines Unterhaltungsabends der Vortrag eines bekannten polnischen Gedichtes:" Hagar in der Wüste". Das Gedicht wurde aber verboten. Auf eine Anfrage er klärte der Zensor: E3 ist unmöglich, daß dieses Gedicht öffentlich zum Bortrage gebracht werde. Stellen Sie sich zum Beispiel vor, im Parquet sitzt die Gouverneurin Marie Andrejewna oder gar Gurkow selbst, dann General Medem, der Verwandte Gurko's, und andere Persönlichkeiten. Da kommt die Schauspielerin auf die Estrade und beginnt zu deklamiren: ,, Um mich herum lauter Schafale!" ( Die ersten Worte des Gedichtes.) Also sagen Sie jezt selbst, ob man das zulassen kann?" k. General Boulanger auf der Bühne. Einer der treuesten Bewunderer des brav' général", Pierre Denis, hat dessen Leben und Thaten in dramatische Prosa gesetzt. Das„ historische Drama" wird im nächsten Februar oder März über die Bretter — 56 eines Pariser Theaters gehen, und zwar vor einem auserwählten und eingeladenen Publikum, um Scherereien seitens der Thealerzensur zu vermeiden. Da aber die Reklame nie schadet, so hat der Verfasser bereits jetzt Inhalt und Charakter des Dramas durch freund- liche Reporter ausposaunen lassen.„Aus Leben und Tod!"— die Formel des zwischen Boulanger und seiner adligen Geliebten de Bonnemain ausgetauschten Liebesschwnrs hat Pierre Denis zum Titel gewählt. Der frühere Redakteur des offiziellen Boulanger- Organs„Voix du Peuple"(Volksstimme") stellt damit das Liebes- verhältniß in den Mittelpunkt des Dramas und der politischen Laufbahn seines Helden. Als intimer Freund Boulanger's muß er es ja wissen. Auch ist er aufrichtig genug, die Wasch- lappigkeit des Talmi- Diktators, der in entscheidendem Augenblick Reißaus nahm, nicht zu verbehlen. Sehr schlimm kommen die klerikal-monarchistischen Hintermänner des Abenteuerers weg mit ihren eigennützigen Absichten und jähen Verräthereien. Henri R o ch e f o r t, der durch seine mächtige Journalistenfeder so viel für die Popularität Boulanger's gethan, wird im Drama blas erwähnt. Es wird jedenfalls ein pikantes Schauspiel geben. namentlich wenn unter den eingeladenen Zuschauern sich die de Mackau und die Arthur Meyer befinden. die in nur leicht ver- schleierter Gestalt auf der Bühne erscheinen sollen. Nach ein paar privaten Vorstellungen in Paris wird das Drama öffentlich i» Bruxelles, London und Nordamerika aufgeführt werden.— Medizinisches. — Röntge»-Strahlen als Heilmittel. Angeregt durch eine Notiz i» den Zeitungen, welche von einem Arzte meldete, er habe seinen Kopf den Strahlen ausgesetzt und eine Glatze hiervon bekomme», hat Dr. Freund in Wien den praktische» Versuch ge- macht, die Röntgen-Strahleu als Enthaarungsmittel bei Hypertrichosis anzuwenden. Ein Kind hatte ein vollständig behaartes Rückgrat. Dr. Freund setzte den Rücken des Kindes den Röntgen-Strahlen aus und erzielte thatsächlich einen Erfolg, indem die Haare ver- schwanden.— Völkerkunde. — Sind die Indianer im Aussterben be- griffen? Es ist eine allgemein verbreitete Anschauung, daß die indianische Rasse seit dem Auftreten der Weißen in Nordamerika sich in einem Zustand allmäligen Anssterbens befinde. Auf grund vieler Studien, die von Warden Pope, einem Offizier in der Armee der Bereinigten Staaten, und von Major Powell, Chef des Bureaus für die indianischen Angelegenheiten, vorgenommen wurden, sowie des von diesen beigebrachten statistischen Materials muß, so schreibt man der„Kölnischen Zeitung", diese Anschauung ins Reich der Fabel verwiesen werden. So lange ordentliche statistische Rachweise bestehe», läßt sich im Gegentheil eher eine all- mälige Zunahme der Rasse feststellen. Nicht besser soll es mit der eingewurzelten Ansicht von der mangelnden Widerstands- kraft der Indianer gegen die Zivilisation stehen. Aus ein bis drei Jahrhunderte zurückreichenden Angaben über einzelne Stänune, die unter dem Einflüsse der Zivilisation stehen, ergiebt sich nämlich, daß sich die Stämme unter diesem Einflüsse durchaus vermehrt haben. Ebenso zeigen auch die in späterer Zeit zivilisirten Stämme, bei de»«» zivilisirte Lebensart, Landwirthschaft. Kirchen, Schulen, Kom- mnnalverwaltung u. f. w. eingeführt wurden, ihrer Anzahl nach eine stetige Vermehrung. Ueber de» Stamm der Irokesen sind Ziffernaugaben seit 1660 vorhanden, der Zeit, wo sie mit den Jesuiten und ihren Missionaren in Berührung kamen. Ihre Zahl wurde damals auf II 600 angegeben, und Angaben über eine zusammenhängende Reihe von Jahren stimmen mit dieser Ziffer überein; jetzt ist ihre Zahl ans 13 060 gestiegen. Zivilisirte Stämme haben sich in augenfälliger Weise und schneller als jemals die wilden Stämme vermehrt, sodaß die Annahme, die Indianer ertrügen die Zivilisation nicht, hinfällig wird. Die wichtigsten der zivilisirten Stämme, die ganz wie weiße amerikanische Mitbürger leben, sind die Tscherokesen, die 1782 3006 und 1887 25 000 Seelen zählten; die Tschockta-Jndianer, 1782 6000 und 1887 16 000 Personen, und die Krikindianer, die 1782 3000 und 1887 14 000 Seelen zählten. Die Tscherokesen, die sich am meisten vermehrten, sind die zivilisirtesten. Einigermaßen genaue Angaben über die Gesammtzahl der Indianer in den Vereinigten Staaten sind n»r für die Zeit von 1860—1800 vorhanden. Sie betrug 250 000 im Jahre 1860 und 250 000 im Jahre 1800, hat sich somit anscheinend stets auf gleicher Höhe erhallen. Die kleine Verminderung der Zahl wird darauf zurückgeführt, daß sich die Angaben der erste» Jahre auf allgemeine Ueberschläge und Vermuthungen gründen, die sich bei wilden Volksstämme» stets als übertrieben erweisen, während für die spätere Zeit genaue Zählungen vorliegen. Besonders wichtig ist auch der Umstand, daß viele Stämme oder Theile davon nach Kanada ausgewandert sind, wo sie sich weniger von der Zivilisation beengt fühlen. Aus der Zeit vor 1860 ist zu erwähnen, daß das indianische Bureau 1856 die Zahl der Indianer auf 253 000 schätzte, und 1825 veranschlagte das Kriegsministerium die Zahl auf 130 000. Diese abweichende» Ziffern zeige», in wie hohem Grade die Zählungen auf reinen Vermuthungcn beruhten. Man glaubte, ihre Zahl stände im Verhältniß zur Größe ihres heimischen Bezirks. So wurde 1850 die Zahl der California- Indianer ans 100 000 geschätzt, während sie bei der Zählung noch nicht ganz 30 000 erreichte. Nach alledem liegt kein Grund zu der Annahme vor, daß in geschichtlicher Zeit mehr Indianer als jetzt im Gebiete der Vereinigten Staaten lebten. Sicher ist ihre Zahl jetzt ebenso groß wie jemals in den verflossenen 200 Jahren, und in der letzten Zeit hat sie zugenommen. Die Erzählungen von Massenausrottungen von Indianern sind als Fabeln zu betrachten.„Der letzte Mohi» kaner" lebt noch bei bestem Wohlbefinde» 2400 Mann stark. Sie sind nur nach Kanada ausgewandert. Thatsächlich ist nur ein einziger Fall bekannt, wo ein ganzer Stamm ausgerottet wurde. Dies war in Kanada, wo ein 20 000 Mann starker Stamm thcils einer Pocken- Epidemie, theils der Mordsucht eines anderen sehr kriegerischen Stammes zum Opfer fiel. Die größte Ausrottung, an der Weiße die Schuld haben, fand an der Küste des Stillen Ozeans statt, als sich hier die Goldsucher festsetzten. In den hier stattfindenden Kämpfen kamen insgesammt 7000 Indianer um, doch kennt die Ge- schichte der Rothbäute kein Gegenstück hierzu.— Bergbau. xr. Zur übersichtlichen Darstellung der im Jahre 1895 in Nordamerika gewonnenen Produkte des Berg- b a u e s brachte eine dortige Fachzeitung eine Anzahl recht instruk- tiver Zeichnungen. Die Mengen der Produkte wurden in Cylinder umgerechnet, und diese zur Verglcichung der Größeuverhältnisse neben die entsprechenden Verkleinerungen des 300 Meter hohen Eiffelthurms und der Pyramide von Gizeh gesetzt. Nach den Mittheilmigen von Reichel s Patentbureau würde das Volume» der gewonnenen Stein- kohlen eine Säule von 304 Meter Durchmesser beanspruchen. Den zehnten Theil dieses Durchmessers würde dagegen nur die Säule ans Eisen erfordern, und Kupfer, Blei und Zink brauchen zusammen die kleinste Säule von 15,2 Meter Durchmesser. Humoristisches. — Moderne Malerei. In einem Speisezimmer, erzählt die„Tägl. Rundschau", in dem der berühmte englische Schauspieler Sir H. Irving einige Gäste, darunter den Maler Whistler. be- wirthele, hingen unter anderen Gemälden auch zwei Laudschafte» des Genannten. Whistler konnte seine Augen gar nickt von ihnen abwenden, wiederholt sprang er sogar aus, um näher heranzutreten und die Bilder genau zit prüfe». Endlich nach einer längeren Bs- trachtung rief er aus:„Irving, Irving, was haben Sie gethan? Sehen Sie nur her!"—„Was ist los?" fragte Irving gelassen.— „Was los ist! Der Teufel ist los!" donnerte Whistler entrüstet. „Diese Bilder hängen verkehrt und Sie haben es noch gar nicht bemerkt! Die hängen wohl schon Monate so!"—„Das mag sein," erwiderte Irving mit unerschütlerlicher Nahe.„Aber das können Sie mir nicht übel nehmen, da Sie selbst über eine Stunde gebraucht haben, um zu entdecken, daß die Bilder verkehrt hängen."— Vermischtes vom Tage. — Breslau. 10. Januar. In der G i f t m o rd> A f f ä r e Rodewald wurde nach dem„Breslauer General-Anzeiger" auch die Frau des Fabrikbesitzers Rocksch verhaftet. Der Sektionsbefnnd soll bei der verstorbenen Rodewald dasselbe Gift ergeben haben, das in Rocksch's Tasche gefunden worden.— — Der in Regensburg verstorbene österreichische Kämmerer G r a f E r n st D ö r n b e r g hat sei» Gesamintvermögen von fünf- zehn Millionen Mark der Stadl Regensburg zu wohlthätigcn Zwecken vermacht. — Der Ehescheid ungs'Prozeß des Prinzen Chimay hat am 10. Januar in Charleroi begonnen. Dem Antrag des Staatsanwalts auf Ausschluß der Oeffentlichleil wurde stattgegeben.— — London, 19. Januar. Die zum Studium der technischen Ausbildung nach Deutschland entsandte Kommission hat einen Bericht veröffentlicht, in dem es heißt, es bestehe kein Zweifel, daß in gewissen Industrien die britische Ueberlegenheit ernstlich gefährdet werde, indem Deutsch- laud gewaltige Fortschritte macke, besonders in den Industrie- zweigen, i» denen es eines größeren chemischen oder technischen Wissens bedürfe.— — In Edinburgh ist der Porträt- und Gcnremaler O. Th. Leyde gestorben. Leyde stammte aus Wehlan in Ostpreußen, kam 1351 nach Schottland und war hier zuerst als Lithograph, dann als Maler lhätig. Seit 1330 ivar er ordentliches Mitglied der schottischen Akademie.— — Die B e n l e n p e st in M a s s a u a h. Nach einem im Triester„Piccolo" veröffentlichten Brief hat das österreichisch« Kriegsschiff„Franz Joseph", von Bombay kommend, an, 7. Januar in Massauah zwei erkrankte Matrosen ausgesetzt, ivelche wenige Stunden nach ihrer Ausschiffung an der Beulenpeft verstarben. Die Aerzte konstatirten das Vorhandensein furchtbarer Beulen. Die Körper der Verstorbenen waren violett gefärbt.— — Rinderpest-Bazillus. Professor Koch hat, wie die„Times" aus Kapstadt meldet, der Kap- Regierung einen Bericht über die Rinderpest eingereicht, in dem er sagt, daß alle Bemühungen, den Rinderpest- Bazillus aufzufinden, bisher fruchtlos gewesen seien.— — Siebentausend Händedrücke hat der Präsident Cleveland am Steujahrstage austheilen müssen. Ebenso viel Personen waren gekommen, um ihn zu begrüßen. Die Hand des Herrn mag nach der Gratulation schön ausgeschaut haben.— Verantwortlicher Oiedakteiir- Angnst Jacobcy in Berlin. Druck und Verlag von Max Bading in Berlin.