Nntcrhaltmigsblatt des Vorwärts Nr. 16. f�reitaa. den 22. Januar. 1897. Freitag, den 22. Januar. 16] (Nachdruck untersagt.) Vei den SttzneidentsMinen. Ronian von ZI. A. Simäcek, Autorisirte Uebersetzung aus dem Czechischen. War Lena schon früher trotz allem Schmähen Wenzel's gefügig und unterwürfig gewesen, so hatte sie jetzt für jedes grobe Wort von ihm ein Lächeln; ja, als er einmal beim Meffereinsetzen den Hammer nach ihr schleuderte und sie am Fuße verletzte, bat sie nur demülhig, er möchte nicht mehr böse sein. Angesichts solchen Betragens sah sich Bieta entwaffnet) Weitzel war gefühllos, die übrigen gleichgiltig. Nur einmal wagte es Bieta, mit Wenzel ein ernstes Wort zu reden, indem sie ihn veranlassen wollte, das Mädchen nicht so zu quälen; ja, sie drohte ihn sogar, Vernna alles wissen zu lassen. Wenzel in seinem Uebermuth forderte sie direkt auf, noch heute zu Hnrych's zn laufen und alles, was sie weiß, zn sagen; er habe keine Furcht, er behandle den Trottel noch ganz gnädig; würde ein anderer von dem Idioten auch außer- halb der Fabrik so verfolgt werden, er ließe ihn einfach ein- sperren. Getrieben von ihrer wilden Leidenschaft, hatte sich nämlich Lena einige Male gegen Abend vor Wenzel's Wohnung hin- geschlichen, und sie entfernte sich nicht früher, ehe er sie nicht roh abivies oder gar mit Hieben traktirte. Und eben das war ihr recht, eben das löschte ein wenig den zehrenden Brand ihrer Leidenschast. Dabei kam Lena körperlich ganz herab und glich fast schon einein Skelett. Dahin ivgr ihre verführerische Schön- heit, die Wangen eingefallen, die Lippen blaß, blas das Auge loderte unter den zusammengewachsenen Augenbrauen. Die Fetzen, die wieder ihren Anzug bildeten, schlotterten um ihre Glieder und erhöhten den ungünstigen Eindruck, den ihre Erscheinung jetzt hervorrief. Bon der Steinbruchdiril war's nur noch ein Schatten. Uebrigens fiel den Leuten, die sie tagtäglich sahen, die eingetretene Veränderung nicht so deutlich auf. Der„Trottel* war ihnen gleichgiltig, sein zerlumpter Aufzug nun schon etwas Altgewohntes. Es gab freilich auch solche, die mit dem armen verstoßenen Mädchen Mitleid hatten, aber diese gaben nur insgeheim ihrem Bedauern Ausdruck, so zum Beispiel die Chvatalka, die Oberheizerin Springerka, so Nesbeda und Hurych, sowie dessen Weib. Einzig und allein Kncharz und freilich Bieta am meisten, die nun Lena beständig vor Augen hatte, nahmen an dem Unglück des armen Wesens vollen Autheil. Es war zu Beginn der sechsten Woche in der Kampagne, als an Lena eine eigenthümliche Veränderung zn tage trat. Tie Chvatalka machte die Beobachtung, daß sie den ganzen lieben Tag hindurch kaum ein Auge schloß, daß sie auf ihrem Lager stöhnte, plötzlich aufstand, niederkniete und betete, zwei Stunden lang betete. Dann wirft sie sich wieder aufs Lager und, indem sie den Kopf im Polster vergräbt, fährt sie sich wild ins Haar. Des schlichten Weibes bemäch- tigte sich die Furcht, daß Lena's stiller Wahn in Tobsucht ausarten werde. Und bei der Nachtarbeit in der Fabrik faßte sich Lena mir nichts dir nichts an den Kopf, und die früher so gehör- sam, so peinlich bei der Arbeit war, brütet vor sich hin, bis Bieta sie aus ihrer Apathie aufrüttelt. Dazu kam noch der folgende unerwartete Vorfall hinzu. Einein der Mitte entzwei- geschnittene Rübe flog wieder, einmal über den Korb hinweg und traf Wenzel, der, mit dem Rücken gegen die Maschine, am Fenster saß, an der Schulter. Er wandte sich zornig um, ergriff die Rübe und schleuderte sie wie immer nach Lena. Das Mädchen schrie vor Schmerz auf; aber sie senkte nicht wie sonst den Kopf, sondern ergriff eine zweite Rübe und warf sie Wenzel vor die Füße. Der Schloffer flog zornbebend die zu den Schneidemaschinen führende Treppe empor, entriß Lena den Spaten und wollte auf sie einhauen. Doch das Mädchen setzte sich diesmal zur Wehr, und es ge- lang ihr, Wenzel den Spaten wieder zu entwinden. Sie hob das Geräth empor und drohte ihm. Aus ihren Augen schössen dabei Blitze, der Mund war verzerrt, das Geficht kreidebleich... Sie bot einen schrecklichen Anblick, so daß Wenzel unwillkür- lich zurücktrat und, um seine Niederlage zu bemänteln, eine verächtliche Grimasse schnitt und zwischen den Zähnen hindurch- zischle: „Du thät'st mir dafürstehen, daß ich Dir Eins versetz'. Du infames Luder!" �• Ein zweiter Aufschrei entrang sich Lena's Kehle; sie wäre ihm nachgestürzt, wenn Bieta, ganz überrascht und entsetzt, sie nicht aufgehalten hätte. Um seine Wuth zu verbergen, begann Wenzel zu pfeifen. Als nach dieser Nachtschicht der Trupp der Arbeiter heim- ging, trat Lena � unter dem Fabriksthor auf Bieta zu und sprach zu ihr in fieberhafter Eile, dabei ihre Hand mit voller Kraft drückend: „Sagen Sie alles seiner Geliebten, was Sie haben sagen wollen, und sagen Sie ihr noch, daß er mich verdorben hat... daß ich in der Hoffnung bin, und daß ich ihn erschlage, wenn er sie zum Weib nimmt." Nach diesen Worten rannte sie, ohne sich nach Bieta um- zusehen, in der Richtung des Dorfes davon. An dem Tage theilte Bieta alles Veruna mit und rieth dem klagenden und jamniernden Mädchen, sich selbst von der Wahrheit der bitteren Nachricht zn überzeugen. „Sag' der Mntter, ich hätt' Dich gebeten, für mich heute Nachtschicht zu halten, daß ich unwohl wär'. Du wirst sehen, was für ein schlechter Mensch er ist." Veruna warf sich, am ganzen Leibe zitternd, an die Brust der Kameradin und brachte unter Schluchzen hervor: „Du hast recht, ich geh' hin, ich muß es selbst sehen, ich würde es nicht einmal der Mutter glauben." Doch schwieriger war es, das Vorhaben zur Ausführung zu bringen. Tie Mutter wollte anfänglich nichts davon wiffen, daß ihre Tochter in die Fabrik gehe, und noch dazu bei Nacht. „Bieta soll sich eine andere dingen, möcht' nicht gern daß mein Mädel zum Krüppel wird," meinte die alte Frau. „Aber, Mutter,'s kann mir dort ja nichts gescheh'n; geh'n doch Bieta und die anderen Mädel schon viele Jahre hin..." wagte Veruna einzuwenden. „Auch wenn Dir nichts geschehen kann, so hörst und siehst Du unter den Leuten nichts Gutes. Wer einmal zur Fabrik gerochen hat, und wär's nur einen Tag, hat schon andere und schlechtere Gedanken, und jeder ist ein armer Teufel, der aus Roth bingeh'n muß." „Aber Bieta könnt' leicht um die Arbeit kommen..." „Ich wär' nicht dagegen, wenn Du auf dem Feld für sie schaffen thätst. Aber in die Fabrik darfst mir nicht,'s giebt dort unter andere» auch böse Menschen, die nicht an unseren Herrgott glauben..." Indessen, die Bitten des Kindes hatten oft schon größeren Widerstand gebrochen; wie hätten sie diesnial die Einwen- düngen der alten Mutter nicht entkräften sollen! So gab denn gegen Abend die alte Hurych den dringlichen Bitten der Tochter nach. „Ein bischen geht sie wegen der Bieta hin, aber mehr Wenzel zuliebe," dachte die Greisin, als sie der Tochter beim Weggehen ein Kreuz auf die Stirn machte.„Der Bursch' wird wohl aus sie achtgeben." Aber ihre Hand zitterte dabei. Fand Veruna den Tag unerträglich lang und peinlich, so war es für Lena in doppeltem Maß. Sofort nachdem sie sich von Bieta getrennt hatte, folgte sie Wenzel auf dem Wege zum Dorfe nach. Er befand sich nur in Gesellschaft von Nesbeda, denn Kucharz und Hurych arbeiteten in der Tages- schicht. Vor Hradit's Wohnung trennten sich die Kameraden, und Wenzel trat ins Zimmer. Lena, die sich inzwischen wieder zu dem nach der Gartenseite führenden Fenster heran- gedrückt hatte, wartete noch eine Weile, bis Wenzel platz- genommen hatte; dann öffnete sie unerschrocken die Thür und überschritt die Schwelle. Wäre der Tod vor ihm erschienen, er hätte nicht mehr er- schrecken können als jetzt bei Lena's wüster Erscheinung. Ihr Busen wogte, aus ihren Augen schoß eine Flamme; die bleichen, aufgeworfenen Lippen hoben sich in der Färbung nur unmerklich von den weißschimmernden Zähnen ab. Nach einer Pause, während welcher Wenzel vergebens seinen Schrecken zu meistern suchte, sagte Lena trocken:„Ich Hab' Dir was zu sagen." — 62 Es war das erste Mal, daß sie ihn ivieder duzte. Ueber diese Anrede trieben ihm Zorn und Scham alles Blut in die Wangen: Dieses armselige Luder wagte es, ihn zu duzen! Er schnellte auf, wies nach der Thür und schrie: „Was streichst Du hinter mir her? Hinaus, bevor ich Dir den Weg zeig'!" Doch Lena rührte sich nicht, sondern blickte Wenzel fest rn die Augen und sprach, dabei jedes Wort nachdriicklich betonend, langsam:„Denkst Du daran, was Du versprochen hast, wie «vir das letzte Mal im Wald waren?" Wenzel lachte gezwungen auf; dann aber rief er, von jähem Zorn erfaßt:„Damit, glaubst Du, wirst Du mir kommen? Ich will Dir zeigen, wie man mit solchen Schlampen ... umgeht, Du Luder, Du...!" Er packte sie, um sie hinauszuwerfen, beim Genick, und sie schrie vor Schmerz auf; aber schon machte sie rasch kehrt und versetzte ihm einen Schlag ins Gesicht. „Du mußt hin werden von mir!" stieß sie mit gellender Stimme hervor und trachtete, Wenzel an die Gurgel zu kommen. „Bestie!" brüllte Wenzel und schlug nun in höchster Wnth, mit schrecklicher Gewalt Lena zu Boden und bearbeitete sie mit Händen und Füßen. Als sie sich mit höchster An- strengung halb aufraffte/ schlug er sie abermals nieder und hieb auf sie ein, ohne darauf zu achten, daß seine Tante ins Zimmer getreten war, die, da sie sich fürchtete, dem Rasenden in die Nähe zu kommen, blos die Hände rang und ihn um Gotteswillen bat, anfzBhören. „Du hast also wirklich gedacht, ich wcrd' Dich Heirathen? Du Narr, schau, so geht man mit solchen Mädeln um, damit ihnen die Lust ans Mannsbilder vergeht. Du Hundsfott, Dn niederträchtiger!" brüllte Wenzel, inden» er ans Lena herum- trampelte. Sie vermochte sich nicht aufzurichten, und da ihr keine andere Waffe zur Verfügung stand, so biß sie ihn in die Hände und Füße und kratzte ihn und schimpfte wie er; von ihrem Gesicht rann bereits Blut, doch die Augen waren vor Wuth blutunterlaufen, und auch ans ihren Lippen, in die sie die Zähne verbiß, spritzte Blut. „Wenzel, jetzt hörst Du aber auf, oder ich hol' die Nachbarsleut'," rief nun die Tante ans Leibeskräften, und wagte zugleich, Wenzel's Hand zn ergreifen. Doch die Hand war im Schwung und traf das Alterchen in die Brust, so daß es vor Schmerz zu Boden taumelte. Dies erst brachte Wenzel zur Besinnung. Er packte Lena bei der Hand und schleifte sie über die Dielen zur Thür, die er öffnete, und stieß sie mit einem Fußtritt hinaus.„Jetzt, mein' ich, vergeht Dir schon die Lust auf mich!" zischte er hervor. Lena lag eine Weile im Hausflur; hierauf erhob sie sich mit Mühe und schleppte sich, blutüberströmt, zerrissen, die Kleider zerfranst, an der Mauer eine Stütze suchend, ans dem Hanse. Sie fühlte keinen Schpierz. Zorn allein, aber wilder, über alles mächtiger Zorn loderte in ihrer Brust. O, wo ist diese Stärke hin? Auch um diese hat der miserable Schuft sie gebracht, damit sie ihn nicht erschlagen könne. Früher war er ja doch nicht im stände, seine Hand ans ihrer Umklammerung zu befreien, früher hat er getaunielt, wenn sie ihn schüttelte, und jetzt vermag sie sich seiner nicht zu erwehren, jetzt schlägt er sie nieder und haut ans sie ein! Im Auflodern ihres Zornes hielt sich Lena die geballten Hände vor die Stirn, dann stieß sie die Arme vorwärts und streckte sie, daß es in den Gelenken knackte. Hätte sie einen tammer gehabt, vielleicht wäre sie gegen ihn aufgekommen. der wo dergleichen hernehme,!? In der Fabrik, in der Werkstätte?— Jawohl, dort wird sie's heut abends aufkramen und wird ihm eins geben, daß er ins Gras beißt. Todtschlagen muß sie ihn— todtschlagen um jeden Preis...! Mit dieser fixen Idee schritt sie auf einem Rain fcldein- wärts. Das Kopftuch war ihr in den Nacken hinabgeglitten, der Knoten vorn war fest geschürzt, das Haar zerzaust, die einzelnen Strähne fielen ins Gesicht und bewegten sich im Morgenwind. Das Gras auf dem Rain war gelb, der Boden feucht; in der Nacht war feiner Sprühregen gefallen. Hier rutschte Lena's Fuß in der glatten, aufgeweichten Erde ans, dort brach sie im Stoppelfeld ei», und der Gang wurde bc- schwerlich. Sie achtete indeß gar nicht darauf, ob sie auf den, Rain, über Stoppeln oder über Gerölle dahinschritt; sie ging, wohin die Füße sie trugen. Tann kam sie auf einen von Bäumen flankirten Weg. Das herumliegende feuchte Laub heftete sich an die Füße und raschelte wehmüthig unter ihrem Tritt. Eine Vogelschaar kreiste über den Bäumen, bald zu- sammen-, bald auseinanderfliegend. In den gelichteten Baum- krönen bewegte der Wind die Aeste, und das übriggebliebene Laub zitterte über seinem eigenen Grab. Manches Blatt ver- fing sich mit dem Stengel in einem Spinngewebe und drehte sich traurig im Winde. (Fortsetzung folgt.) tTrchmsiJiv Vundfitzsu. Sie Entwickelüng d er elektrischen Straßenbahnen in Seutschland.— Sie elektrische Schifsfahrt. Sie elektrischen Straßenbahnen haben sich in ihrem eimathlande Seutschland bedentend langsamer entwickelt, als in ordainerika. Sort wurde 1885 die erste elektrisch betriebene Straßenbahn eröffnet, und am Ende des Jahres 1894 liefen bereits 22 849 Motorenwagen auf Strecken, deren Gesanimtlänge 14 413 Kilometer betrug, im Sommer 1896 war die elektrisch betriebene Kilo- meterstrecke schon auf 26 006 angewachsen. In Seutschland ging die Entwickelüng, wie gesagt, viel lang- samer; 1379 wurde auf der Berliner Gewerbe- und Industrie- Ausstellung die erste von Siemens u. Halske gebaute elektrische Lokomotive, die einige leichte Personenwagen zog, vorgeführt. 1881 wurde die erste dauernde elektrische Bahn in Gr. Lichterfelde zwischen dem Anhalter Bahnhof und der Liadettenanstalt gebaut; aber trotz- dem einige Städte folgten(Mödling bei Wien, Frankfurt a. M.). kam der Bau neuer Bahnen nicht recht vorwärts, bis die in Amerika vervollkonlinneten Methoden der oberirdischen Stromzuführung auch in Seutschland in Ausnahme kamen. �. Bei der 1879 vorgeführte» Bahn erhielt der Elektromotor den Strom von einer besonderen zwischen de» Fahrschienen etwas er- höht liegenden Leitschiene; bei der Bahn in Gr. Lichterfelde wurde die eine Fahrschiene zur Stromzuführung, die andere zur Rückleitung benutzt. Aber die Jsolirung der ftroinzuführendeu Schiene kann hierbei trotz erheblicher Kosten doch keine so gute sein, daß nicht viel Energie verloren geht; deswegen stellte Siemens u. Halske be- reils 1882 aus den Geleise» der Pferdebahnstrecke Charlolleiiburg- Spandanerbock die ersten Versuche mit der oberirdischen Slromzu- führung an. Soch ivar die Art der Stromznsührung sehr umständlich — die Stromabnahme erfolgte durch einen achiräderige» Kontakt- wagen—, und auch die in Mödling und Frankfurt versuchten Ab- änderungen waren nicht besonders glückliche. Sie heute übliche Stromzuführnng, der Schleifbügel sowie die Stahlstange mit der am Sraht entlang laufenden Kontaktrolle sind amerikanische Verbesserungen; in Seutschland wurde die erste nach diesem System betriebene Bahn im Jahre 1891 in Halle a. S. eröffnet, worauf im nächsten Jahre die Straßenbahnen in Bremen und Gera folgten. Seit- dem ist die Entwickelüng rascher gegangen, wenn sie auch mit der amerikanischen nicht vergleichbar ist. Wie wir einer im Januar 1397 i» der Elektro ich nischen Zeitschrift er- schienenen Statistik entnehmen, ivarc» am 1. August 1896 in 42 deutschen Städten(Oesterreich-Ungarn nicht mitgerechnet) elektrische Straßenbahnen vorhanden, die insgesammt eine Geleislänge von 854 Kilometern haben; es laufen auf ihnen 1571 Motorwagen mit 939 Anhängewagen. Weitere 845 Kilometer sind in, Bau begriffen, und zwar in 14 der obigen und in 32 anderen Städten. Weilaus die meisten dieser Bahnen haben oberirdische Strom- zuführung; durch eine in einem nnlerirdischen Kanal liegende Leitung wird der Strom nur ans kurzen Strecken der Berliner Bahnen, sowie der noch nicht eröffneten Dresdener Bahn zugeführt. Sie geplante Berliner Hochbahn vom Zoologischen Garten bis zur Warschauer Brücke wird, wie die 1879 zuerst vorgeführte, den Strom durch eine zwischen den Fahrschienen liegende Leitschiene er- halten, da bei dem auf einem gußeisernen Viadukt aufgeführten Hochbau die Jsolirung sehr vollkommen gemacht werden kann. Von der Anwendung der Akkninnlatoren, die eine Benutzung der vorhandenen Geleise ohne Anlage neuer Leitungen gestatten würden, ,st man trotz mehrfacher Versuche ivieder zurückgekommen; nur die Wagen der Hagener und Eckeseyer Straßendahn fahre» mit Akkumulatoren. Sagegen ist in Hannover ein aussichtsreiches ge- mischtes System in Anwendung; in den Außenbezirken fahren die Wagen mit oberirdischer Zuleitung, wobei der zugeführte Strom zugleich zur Ladung der Akkumulatoren dient; in der inneren Stadt treiben diese dann den Elektromotor. Hier ist es also nicht nöthig, die Akkninnlatoren,»achdem sie die in ihnen auf- gespeicherte Energie abgegeben haben,»ach der Zeiilralstation zu bringen, damit sie von lienem geladen werde», sondern die Ladung geschieht während der Fahrt selbst, so lange der Htrom durch die oberirdische Leitung zugeführt ivird. Nicht cbeii so rasch und glänzend hat sich die elektrische Schifffahrt entwickelt, obwohl das erste elektrische Boot volle vierzig Jahre früher, als die erste elektrische Lokomotive dem Publikum vorgeführt wurde. Bereits im Jahre 1839 befuhr der berühmte Erfinder der Galvanoplastik, I a c o b i, mit einem durch Elektrizität getriebenen Boote, in dem sich zwölf Personen be- sqnden, die Ncva bei Petersburg, und man knüpfte damals große Erwartungen an diesen wohlgelungenen erste» Versuch. Sa Syuamomaschinen dainals noch nicht exiftirten— das Dynamo- prinzip wurde erst 1866 ausgestellt—, so mußte zur Erzeugung des «othwendigen elektrischen Stromes eine galvanische Batterie in das Boot mitgenommen werden. Vier feststehende Elektromagnete brachten ein starkes magnetisches Feld hervor, in dem sich vier be- wegliche Elektromagnete, die den Anker der festen bildeten, nach dem Schließen des elektrischen Stromes dauernd drehten. Indem diese drehende Bewegung auf das Schaufelrad des Bootes übertragen wurde, wurde dieses selbst in Bewegung gesetzt. Bedeutende praktische Ergebnisse hatte dieser Versuch nicht, da die ans diese Art erzeugte Energie im Verhältniß zn ihren Kosten nur klein ist. Das zeigte sich auch bei dem Boote, welches 1373 von Tronve auf der Pariser Weltausstellung vorgeführt wurde; hier wurde der Strom für den Elektromotor, dessen Bewegung ans die Schiffsschraube übertragen wurde, von einer Batterie von zwölf großen Bnnsen'schen Elementen geliefert. Eine größere Verbreitung fanden die elektrischen Boote erst, als 1381 durch F a u r e die Akkumulatoren wesentlich verbessert waren, so daß man aus ihnen hergestellte sogenannte S a m m l e r b a t t e r i e n auf die Schiffe mitnehmen kann. Freilich haben die Akkumulatoren ein erhebliches Gewicht; doch fällt dafür das Gewicht der Kohlen, die sonst von Dampsbooten mitgesührl werden müssen, fort. Auch sind die elektrischen Boote nicht fähig, sehr weite Fahrten zu machen, weil die Akkumulatoren»ach einiger Zeit von neuem geladen werde» müssen; immerhin eigenen sie sich zu kleinere» Bergnügungs- fahrten außerordentlich und haben hier manchen Vorzug vor den Dampfbooten. So ist eine Explosionsgefahr bei ihnen vollständig ausgeschlossen, und es fehlt bei ihnen der oft sehr lästige Qualm, der von der Maschine eines Dampsbooles ausgeht. Auf der Themse in London sind die elektrisch betriebene» Boote, deren Ladung für Fahrten bis zu 100 Kilometern ausreicht, keine Seltenheit mehr; in Verlin sind sie für den regelmäßige» Verkehr noch unbekannt; doch befnbr eine Reihe von Akknmulatore»- booten im Sommer 1396 die Gewässer des Neuen Sees und des Karpfenteichs in Treptow, wo die Berliner sie kennen lernte». Auch für den Kriegsdienst sind die elektrischen Schiffe schon dienstbar gemacht. Von den großen Kriegsschiffen, die sämmtlich mit Hilfe von mitgeführten Dynamomaschinen elektrisches Licht erzeugen, könnte» leicht auch die Akknmulatore» kleiner Boote geladen werden; doch dürste es fraglich sein, ob das von besonderer praktischer Bedeutung wäre. Dagegen versieht an der englischen Küste ei» elektrisches Boot von 15 Meter Länge und 3 Meter Breite bereits«inen regelmäßigen Dienst zivischen den südöstlich von London gelegenen Häsen von C h a t h a m und Sheerneß; de» 17 Kilometer betragenden Weg legt das Boot i» etwa einer Stunde zurück. Da die Nkknmulatorcn-Jndnstrie noch in sehr regem Aufblühe» begriffen ist, so kann mau dw Bedenlnng, die sie vielleicht in Zn- kunst für den Schiffsverkehr gewinnen wird, keineswegs bereits absehe»._ Bt. Vloines Fenillekott — Port und Politiker. Ter unlängst in Bndapest verstorbene Dichter V a j d a konnte keinen Unterschied herausfinden, der zwischen den politischen Parteien seines Landes bestehen sollte. Trotzdem wäre er gern Abgeordneter geworden. Er fragte bei seinen Freunden herum, mit dem Programm ivelcher Partei man wohl am besten auftreten könnte? Man rieth ihm u. 51., es wäre zweckmäßig, wenn er in einem Bezirke austräte, wo man ihn kenne. „Es giebt so einen," erwiderte Vajda.„Der Vaüler." „Ja, woher kennt man Dich denn jnst dort?" „Ich habe nämlich ein Gedicht, das führt den Titel:„Im Vaüler Walde." Ich denke, die Vaaler werden doch mein Gedicht über ihren Wald kennen." Und da er dann schließlich doch kein Abgeordneter wurde, ließ er sich nach den Wahlen Visitenkarte» machen, welche lauteten: „Johann Vajda. Nichtdeputirter."— Von Vajda erzählt man sich auch»och das folgende: Als ihn jemand in der alten Hatvanergaffe fragte, wo die Kecskenietergasse sei, soll der Dichter mürrisch erwidert haben:„Budapest hat eine halbe Million Einwohner, von denen ein Theil hier auf der Gaffe umhergehl. Warum fragen Sie den» just in i ch, wo die Kecskemetergasse ist?"— Wenn jemand ans der Straße von ihm Fener verlangte, konnte er sicher sein von Vajda einen— Kreuzer und den Rath z» erhalle»:„Hier, mein Herr, kaufen Sie sich jetzt Zündhölzchen."— Alte Schiffe. Ein hohes 5llter weisen mehrer« Schiffe der englischen Kausfahrlhei- Flotte auf. Eins davon zählte 122 Jahre, drei zwischen 195 und HO. vier zwischen 100 und 105, 13 von 95 bis 100 und 14 von 90 bis 95 Jahren.„Der wunderbare» Dauer des Eichenholzes, ans dem die Schiffe bestehen, wird damit ein glänzendes Zeugniß ausgestellt", meint die„Tech». Rundschau". Man könnte auch etwas anderes sagen:„Schwimniende Särge.— — Ter bedeutendste Ban von New-Dork ist gegenwärtig in der Aufführung begriffen. Es ist dies das Haus Park Row, das eine Fläche von beinahe 1400 Quadratmetern bedeckt nnd in allen seinen Theilen 25 Stockwerke enthält. Der Scheitelpunkt des Gesimses wird 103 Meter hoch liege». Zwei Thürme sind ans jeder Seite der Fa. Prof. Wislicenus malte, wie seit undenklicher Zeit so auch in den letzten sieben Jahren fleißig an den Goslarer Einheits- Tranmgestalten, deren„fernere Kosten" sich in diesem Zeitraum auf beiuahme 67 000 M. bcliefen.— Physiologisches. — Ueber das Gehirn gewicht des Menschen und der S ä u g e l h i e r e hat der Physiologe Max Weber ein außerordentlich reichhaltiges Material gesammelt. Es wurden bei diesen Messungen außer dem Geschlecht auch Länge und Gewicht des Körpers berücksichtigt, so daß ein sehr genauer Vergleich zwischen dem Gewicht des Gehirns bei den einzelnen Thiergruppe» möglich wurde. Der Gelehrte hat folgende Schlüsse ans seinen Unter- suchungen gezogen. Das absolute Gehirngewicht des Menschen wird nur übertroffeu von dem der Elefanten und Walfische: sonst ist das menschliche Gehirn also schwerer als aller übrigen Thiere. Mehr noch kommt es auf das relative Gehirngewicht an, welches angiebt. den wie vielstcn Theil des ganzen Körper- gewichts das Gehirn sür sich i» Anspruch nimmt. Auch in dieser Hinsicht steht das Gehirn des Menschen nicht unübertroffen da, und zwar sind dem Mensche» in dem relativen Gehirngewicht nicht nur einige Affen der alten und neuen Welt, sondern auch gerade einige kleine Säugethiere, nämlich Mäuse und Eichhörnchen, überlege». Im übrigen ist es festgestellt, daß beim Vergleich von kleiner» und größern Thieren das relative Gehirngewicht durchaus nicht in dem- selben Verhältnisse wächst, in dem das Körpergewicht zunimmt. Im allgemeinen nimmt es mir dem Wachsen des Körpers ab, d. h. je größer das Thier, desto kleiner ist verhältnißmäßig sein Gehirn. Einige Ausnahmen von dieser Regel finden allerdings statt. Diese Abnahme des relativen Gehirugewichts dauert so lange au. bis das betreffende Thier ausgewachsen ist. Das Ende des Wachsthums des Gehirns wird früher erreicht als das des Körpers.— Astronomisches. — Der teleskopische Komet, den Perrine auf der Sick- sternwarte in Kalifornien am 8. Dezember 1896 entdeckte, ist sehr wahrscheinlich ein seit der Mitte dieses Jahrhunderts auf räthsel- hafte Weise verschwundener Himmelskörper. Im Jahre 1826 ent- deckte ein österreichischer Hauptmann, Biela, eine» Kometen, von dem die Rechnung ergab, daß er in einer euggeschlossenen Bah» um die Sonne lief, der zufolge er immer nach 6,6 Jahren zur Sonnen- nähe zurückkehren müsse, und von dem sich auch zwei frühere Er- scheinung«», 1752 und 1305, beobachtet fanden. Seine ungünstige Stellung am Himmel gestattete erst Ende 1345 eine Wiederkehr des Kometen zu beobachten, die aber zu Anfang 1846 eine überraschende Erscheinung aufwies. Im Jauuar theilte sich der Komet unter den Auge» der Beobachter in zwei Theile, von denen der kleinere rasch an Helligkeit zunahm, bis er den Glanz des anderen erreichte. Die beiden Theile des Kometen trennten sich ans fast 59 Erdbahn- Halbmesser. Die nächste Wiederkehr des Kometen. 1852, wurde beobachtet, die beiden Kometentheile halten sich auf nahe 400 Erd- bahn-Halbmesser von einander entfernt, ohne eine beträchtliche Verschiedenheit ihres Glanzes auszuweisen. Seit Oktober 1352 sind beide Sioineten verschwunden und trotz sorgfältigster Nach- sorschung zu den Zeiten ihrer Rückkehr zur Sonnennähe, 1659, 1865, 1372, nicht wieder gesehen worden. Statt seiner erschienen aber am 27. November 1872 und am 27. November 1885 förmliche Sternschnuppenregen, deren Einzelmeteore in der Bahn der Bielaschen Kometen einhergingen. Man hatte sich also, da auch die folgenden Annäherungstermine— zuletzt noch der von 1692— ohne eine Wiederkehr des Kometen vorübergingen, der Anschauung an- geschlossen, daß der Bielakomet sich in einen Sternschnuppenschwarnr aufgelöst habe— da zeigt jetzt die neueste Bahubestimmung des jüngsten Konreten von Perrine eine so nahe Uebereinstimmung der Kometenelemente mit jenen des Bielakometeu, daß wir gegenwärtig sehr wahrscheinlich die Wiederausfindung einer der beiden ver» schwundeuen Bielakometeu erlebt zn haben annehmen müssen.— Humoristisches. g. b. Die Erzählung des L e i ch e n t r ä g e r s. Ich kam von der Beerdigung eines Bekannten und traf meinen Freund, den Leichenträger. „Es war doch zu schrecklich", sagte ich,„wie die Tochter durch- aus mit in die Grube springen wollte, und wie sie schrie und jammerte. Es konnte einen Stein erbarmen." Mein Freund, der Leichenlräger, der so etwas wohl schon ge- wohnt war, zuckte die Achseln. .Ich will Ihnen da'mal'ne Geschichte erzählen, hören Sie zu! — Da war also hier der reiche Müller gestorben. Sie müssen ihn doch auch gekannt haben, den alten Geizhals. Wie wir nun den Sarg aufheben und die Leiche aus dem Haus bringen wollt», da, denken Sie nur, werfen sich doch die Kinder schreiend und weinend vor die Thürschwelle, weil sie den Vater nicht aus dem Haus lassen wollten. Mit Gewalt haben wir sie fortbringen müssen.... Also, sechs Wochen später, die Erbschaft war eben getheilt worden, und jedes von den Kindern hatte seine paarmal Hundert- taufend bekommen, Litzen sie noch ganz traurig beim Abendbrot; mit einem Male gehl die Thür auf und Vater Müller kommt rein. „Na, Kinderchen, da bin ich wieder!"... Und wissen Sie auch, was die Kinder da gemacht habe»?... Die Treppe haben sie ihn„runtergeschmissen"!... Adios!"— Vermischtes vom Tage. — Neue Abzeichen, Achselklappen, Aufschläge:c. sollen in der preußischen Armee eingeführt werden. Man soll es einem Soldaten dann gleich ans den ersten Blick ansehen können, welcher Kompagnie, welchem Regiment, welcher Brigade und Divisio» und welchem Armeekorps er angehört.— Und da streiten sich die Leut' herum, ob sie im„Zukunfls'staat" werden Nummern tragen müssen.— — Arno Holz wird ans Einladung der„Breslauer Dichter- schule" Freitags den 29. Januar, in Breslau seine„Sozial- aristokraten" vorlesen. Ueber das Thema:„Wie sammelt mau am beste» sür Dichter?" wird er nicht sprechen.— — Der Stadt Dresden hat ein Maschinenfabrikaut sein Ver- mögen(600—700 000 M.) hinterlassen. Von dem Gelds soll eine Kirche gebaut und darin der Körper des Todteu beigesetzt werden. Der Sladtrath hat die Erbschaft angenommen.— — In Greiz ist die Fabrik von Schulze u. Komp. nieder« gebrannt. Einige Personen mußten durch die Fe»sler gerettet werden.— — M ü n st e r. Der Maurer Huster. der wegen Sittlichkeits- Verbrechens im Juli v. I. zu 4 Jahren Zuchthaus verurlheckt worden ivar, wurde im Wiederaufnahmeverfahren von den Ge- schworene» freigesprochen. — In M ü»che» hat sich ein Bankbuchhalter„wegen»n» glücklicher Liebe" erschossen.— — Der größte Dampfer der Welt, die„Penusyl- vania" der Hamburg-Amerika-Linie, ist in Belfast soeben fertiggestellt worden. — S ch l e ch t e S ch i f f s b a u m e i st e r. C h e r b n r g(Frankreich). Die Daiiipskesfel des neuen Kriegsschiffes Fleurns wiesen bei der Probefahrt bedenkliche Entweichnugen auf. Das Schiff konnte nicht mehr manövriren und mußte in den Hafen zurück- geschleppt werden.— — S ch» e i d e r- D u e l l. In P a r i s haben sich ivegcn eines Mädchens zwe»Schneider duellirt. Beim fünften Kugelivechsel»vurde ein— Sekundaut ins rechte Bein geschossen.— Besser treffen es unsere Edelste» auch nicht. — Den sechsten Mann nahm sich jüngst eine Frau in Providence(Nordamerika). Vier der früheren Männer waren bei der Hochzeitsfeier als Trauzengen anwesend, der sünste ent- schuldigte sich uut Krankheit, sandte aber ei» prachtvolles Hochzeils- gescheut.— — Eine Volkszählung findet in der zivciten Hälft« dieses Jahres in Italien statt. Die letzte war 1881.— — Nnv-Iork. Wegen der Gefahr der Beuleupest hat die Regierung sür sämmlliche Schisse Quarantäne- Maßregeln an- geordnet.— — Verlegte Gesetze. Als unlängst der Goitvernenr von Sierra Leone von de» Behörden Liberias Rechenschast forderte, »veshalb das liberische Kanonenboot denn immer»vieder auf fried- liche britische Dampfer feuere, entgegneten die Spitzen der Behörden: Ja. das»vüßten sie selbst nicht, die Gesetze des Landes seien— ver- legt»vorden.— — Malta. Wege» der in Indien herrschenden Pest ist den aus Indien kommenden Schiffen verboten worden, Passagiere, Mann- schaften oder Güter zu landen; dagegen dürfen sie unter strenger Beobachtung der Quarantäne Kohle»» einnehmen.—_ Verantwortlicher Redakteur: Angnst Jarobcy i» Berlin. Druck und Verlag von Max Babing in Berlin.