Wnterhaltungsblatt des Vorwärts Nr. 23. Dienstag, den 2. Februar. 1897. kNachdruck virboten.) ») Fakobl dev Vekzke. Eine Waldbauerngeschichte aus unseren Tagen. Von Peter Rosegge r. Erster Thcil. Ein seltsames Pfiugstfcst. TaZ war am heiligen Pstugstsonntag nach der Mahl« zeit. Jakob, der Hausvater, saß in der wohl durch- wärmten Stnbe und las in einem alten Buche. In weißen Hemdärmeln, wie er war— der durchnäßte Lodenrock trocknete am großen Kachelofen— stützte er seine Arme breit auf den Escheutisch, und die Finger über dem Buche ineinander- geschlungen, las er das„Besetzel" vom heiligen Geiste. Erlas vielleicht nicht mit voller Andacht, wie sie sich für einen so hohen Festtag wohl geziemte, denn bisweilen hob er sein Haupt und blickte zuni Fenster hinaus in das Schneegestöber. Tie Flocken wirbelten so dicht, daß die Linde, die dort an der Wcgthorschranke stand, nur als dunkle, verschwommene Blasse durch das trübe Grau schattete. Die hohen Fichtenbänme vor dem Hause, welche kaum über die Hälfte hinauf sichtbar ivaren, beugten ihre verknorrten Aeste unter den Schneelasten, die jungen Lärchen aus dem Anger standen ivie Zucker- hüte, und dort, wo gestern die»laienhaft blühenden, duftenden Hollunderfträucher gestanden, waren eitel Schnceberge. Die Säulen der Thorschrauke hatten hohe Hauben auf,>vie der Bischof, wenn er draußen zu Sandebeu die Firmung hält. Die Zaunstecken hatten spitze und stumpfe Hütlein, Helme, Schnäbel, Kissen nild Bänder voii Schnee. Wenn das Pfingststaat sein soll! Jetzt kam der Wind und fegte den Schneestaub voir den Bäumen, Sträuchern und Dächern des Hofes und ließ ihn tanzen und wehte ihn an die Fenster, wo er sich in die Ecken, Ritzen und au die Rahmen schmiegte. .Gott sei Dank, daß der Wind kommt!" sagte der Jakob, .sonst wollt's bald Fetzen geben in den Kirschbäumen und Linden. Die Elcssen-(Traubenkirschen-) Stauden hat's schon zerrissen. Ist ein schlimmer Kamerad, der Schnee, wenn er zu solcher Jahreszeit komint/ Auf den Dachgiebeln und unter den Vorsprüngen der Dächer hüpften und schwirrten Vögel umher; die Finken und Drosseln waren vom Walde, die Zeischen und Lerchen von dein Felde hergekommen und mußten sich bei den Schwalben zu Gaste laden, Schutz und Unterstand suchen im Reuthofe. Alis dem Hause war ein wilder Knabe gestürmt, um mit Echnccballcu nach ihnen zu werfen. Der Jakob beobachtete den Knaben, der mit glühenden Wangen und Augen im Schneegestöber umlief, von jungen Bäumen den üppigen Flaum aus sich niederschüttelte und mit Geschrei und Gcschlcuoer das rathlose Geflügel verfolgte. Schier mit Wohlgefallen schaute der Jakob daraus hin, als dächte er: das wird auch einmal ein rechter Altenmooser Jodel! Daiin öffnete er das Fenster und rief scharf hinaus: .Jackerl! Laß mir die Vögel in Ruh' und geh' herein, es ist zum Beten!" Jetzt stand der Hausvater aufrecht. Was er i« seiner Gebirgscracht für ein strammer stattlicher Mann war! Das frische, jugendliche Gesicht glatt rasirt bis auf den Schnurrbart; die Nase scharf und kühn gebogen, die Augen unter dunklen Brauen etwas tief liegend und freundlich blau voii Farbe. Bart und Haar waren lichtblond und schimmerten schier ein wenig golden; letzteres war rückwärts kurz ge- schnitten und vorne quer und locker über die Stirne gelegt. An der Stirne waren, wer genau sehen wollte, einige Blatternarben. So aufrecht der Mann dastand, der Kopf war leicht vorgeneigt, das ist kein Wunder bei einem hochgewachsenen Haus- und Familienvater, der auf die Seinen immer herab- schauen muß, der auch das kleinste zu seinen Füßen kniende oder au seinen Knien krabbelnde Wesen nicht übersehen darf, der seine Kraft und seine Sorge und seine Liebe aus dem Boden zieht, auf dem er steht, und von seinem Haupte wieder nieder spendet auf diesen Boden und auf alles, was darauf ivächst und ihn umgicbt. Er ist immer der Säeuiann und der Criuende zugleich. Nun spitzte der Jakob die Lippen nnd that einen hellen Pfiff. Alsbald kamen die Hausleutc aus den Kammern, aus der Küche, aus den Stallungen herbei und versammelten sich in der großen Stube zur Pfingstaudacht am Nachmittage, die heute nicht wie sonst draußen in der Kapelle abgehalten werden konnte. Es waren derbe, eckige Knechte und schäkernde Mägde; es war ein buckliches Mänulein dabei und es ivaren halb- erwachsene Jungen, gleichsam eine niedergehende und eine auf- gehende Zeit. Alles harmlos munter. Es kam auch die Haus- muttcr herein, ein etwas schmächtiges blasses Weib, welches, so jung an Jahren es noch sein mochte, allen Uebermuth und alle Bausbäckigkeit den Kindern abgetreten zn haben schien. Nur ein Knäblein hing an des Weibes Kittelsalte, das noch bläfser als die Mutter war und seltsam große kreisrunde, ganz Vergißmeinnicht blaue Augen hatte. Auch der Knabe Jackerl war zur Thür hereingetollt, über und über voller Schnee, wurde aber in solcher Gestalt vom Vater zurück in die Küche gewiesen, wo er— den Hut ausschlenkernd— der alten am Herde kauernden Einlegerin Schnee und Wasser ans Gewand warf. Weil die Alte sich dagegen auflehnte, so sprang er an die Hühuersteige, die unterhalb des Herdes war, sprengte Wasser hinein und trällerte: „Hendl bi bi, Hendl bo bo, Wannst ma loa» Orl(Eierchen) giebst. Stich ih dih oh!" In der Stube gingen die Leute zu den Sitzbäuken, die rings an den Wänden sich hinzogen und knieten davor auf dem Fußboden nieder, so daß sie bei gefalteten Händen ihre Ellbogen auf die Bänke stützen konnten. Der Jakob nahm vom Hausaltare, der hoch in der Wandccke augebracht war, das kleine hölzerne Crncifix herab, stellte es mitten auf den Tisch und zündete davor eine aus dem Wachsftock abgewickelte Kerze an. Daun laugte er vom Wandnagel die große Rosen- krauzschuur, kniete damit auf einen Schemel au dem Tisch, machte unter lautem Ausruf der Worte mit dem Daumen über Stiril, Mitud und Brust die Kreuzzeichen und begaun zu beten. „Jetzt wollen wir", Hub er an,„zum heilige» Geist rufen, daß er uns erleuchte rn Glück und Unglück zrnn rechten Thun und Lassen. Und ivollen Gott bitten um ein gesegnetes Jahr iu Feld und Stall für uns, unsere Nachbarn und alle Freund' und Feind'. Wollen auch beten für alle, die aus diesem Haus hinausgestorben sind— christlich zu gedenken." Daun beteten sie den„glorreichen Rosenkranz" zum Gedächt- nisse an die Auferstehung, Himmelfahrt des Herrn und an die Sendung des heiligen Geistes. Der Hausvater sprach stets den ersten Theil des Gebetes, das Gesinde sprach im Chor den zweiten Theil desselben, und es erscholl schier harmonisch wie gedämpfter Orgelklang. Während des Gebetes wollte zwar ein vorwitziger Knecht > einer schalkhaften Nachbarin mit dem Zeigeflnaer ein„Bröserl den entblößten Arm kitzeln; der Hansvaler Härte das mühsam und vergebens verhaltene Kichern der Angegrisseueu, setzte einen Augenblick im Gebete ans und warf einen ernsthaften Blick auf das schäkernde Pärchen, sofort war dieses ruhig, und die Andacht nahm ihren würdigen Fortgang. Noch bevor sie zu Ende war, polterte zur Thür ein Mann herein, stampfte an der Schwelle den Schnee von den Füßen, schüttelte den Schnee von Hut und Rock, kniete dann neben einen Knecht an die Bank hin und betete mit. Er wurde weiter nicht beachtet. Als das Gebet unter nochmaliger Anrufung des göttlichen Geistes„um Weisheit und Beständigkeit" zn Ende war, und der Hausvater das Kreuz gemacht hatte, sagte dieser, sich von seinem Schemel erhebend:„Schau, der Kuatschel! Wir haben Dich ein wenig zum Beten gebraucht." „Schadet mir eh nit," antwortete der früher Eingetretene, während auch er steif und unbehilflich aus der knienden Stellung aufstand. Der Nachbar Knatschel war's, der auf dem Heimweg aus Sandeben im Reuthofe zusprach, um sich ein wenig von der Unbill des Wetters zu erholen. Er war ein untersetzter Mann mit kurzem Halse und breitem, stets gutmüthig lachemdem Gesicht, das heute vom Frost und vielleicht auch von etwas anderem geröthet war. „Ein sauberes Pfiugstfonntagswetter, das!" sagte der Kuatschel. ,»Eh Hasen frei wahr," redete der buckelige Alte in seiner ihm eigenen weitläufigen und unbestimmten Ausdrucks- weise drein,„so fein weiß haben die Kirschbäum' schier völlig lang nimmer geblüht, als wie dasmal. Das ist richtig wahr auch." „Wird schon wieder aper werden," meinte der Jakob. „Dreiviertel Jahr Winter und ein Vierteljahr kalt," sagte der alte Knecht,„namla wohl, so geht's hisch zu, bei uns im Gebirg." „Geh' her zum Tisch," lud der Jakob den Nachbar ein, „und schneid' Dir ein Brot ab." Damit that er aus der Tischlade einen großen Laib Brot niit Schneidmesser, legte beides auf den Tisch und setzte sich auch selber hin. Der Knatschel setzte sich daran, füllte aus der Tabaks- blase seine Pfeife, zog ein zierliches Stahlzänglein aus dem Hosensack, hielt es dem kleinen Mädel hin und sagte:„Geh', Dirndl, bring' mir Feuer!" Während die Kleine zur Herdgluth hinauslief und bald mit einer glühenden Kohle im Zünglein zurückkam, sagte der Knatschel:„Ja, Nachbar, ich Hab' mir's anders gemacht.— Brav' Dirndl, kriegst zu Lohn einen sauberen Mann, wenn Du groß bist." Blies die Kohle rothglühend und steckte sie in die Pfeife.„Ja, Nachbar", fuhr er paffend fort,„ich Hab' mir's anders gemacht." „Was meinst?" fragte der Jakob. „Mir ist's zu dumm worden in Altenmoos. Wer sich's besser machen kann— ein Lapp, der's nit thut." Der Jakob sah ihn fragend an. Der Knatschel beugte sich vor gegen ihn, gab noch ein paar Rauchstöße von sich, daß die blauen Strähnlein wagrecht in der Lust schwammen, und sagte halblaut:„Mein Haus Hab' ich verkauft." Dann belauerte er den Eindruck, welchen diese Nachricht auf den Nachbar machen würde. Weil aber der Jakob gar so unbeweglich dasaß, als hätte er das Wort nicht verstanden, wiederholte der Knatschel noch einmal:„Mein Haus Hab' ich heut' verkauft." Jetzt zuckte der Jakob ein wenig mit den Augenwimpern, des weiteren blieb er immer noch unbeweglich und blickte den Knatschel fragend an. „Ich rath' Dir's auch, Jakob," sagte der Knatschel, „wirs's hinter Dich, das kümmerliche Altenmoos, wo der Mensch sich sein Lebtag lang rackern muß, daß er in seinen alten Tagen ohne Sorg' verhungern kann. Laß das Fretten sein. Verkauf' den Bettel. Der Kampelherr zahlt gut. Nimmt auch den Reuthos, hat er gesagt, aus Gefälligkeit nimmt er ihn, wenn Du hergiebst. Zahlt nit schlecht. Meinen Grund kennst. Siebzig Joch just genau, wann man Heid' und Weid' dazuthut. Rath' einmal, was er mir dafür auf die Hand gelegt hat, der Kamperherr?" „Leicht ctwan gar Hasen einen Hut voll Thaler!" redete wieder der buckelichte Alte drein. „So viel giebt der Teufel für eine arme Scel'" versetzte ein anderer Knecht, wie sie sich jetzt auf die Bänke herum gesetzt hatten. Der Knatschel beachtele diese Bemerkung nicht, sondern sagte noch einmal:„Rath', Jakob, wie viel hat er mir auf die Hand gethan?" „Gar im Ernst, Nachbar?" fragte jetzt der Jakob,„und Du hättest Dein Hans verkauft?" „Hast schon einmal einen Tausender gesehen?" schmunzelte der Knatschel und nestelte seine kleine, stark abgenützte Brief- tasche aus. Ter große nagelneue Geldschein lag auf dem Tisch, der Jakob starrte d'rauf hin wie auf ein Gespenst, das nian zu- halb mit Neugier, zuhalb mit Grauen ansieht. Die Knechte machten lange Hälse und blinzelten schier stumm vor Ehrfurcht aus die Erscheinung hin. „Möcht' ich's doch frei ein klein Eichtel angucken, das Sündenpflaster," murmelte der alte Knecht und kam ein wenig gegen den Tisch gebuckelt. „Das Pflaster wollt' uns nit schaden," witzelte ein anderer,„vielleicht thät's auch Dir Deine Gicht und Gall' ausziehen, Luschel-Peterl." „Selb' kunnt eh frei sein, mir wollt's taugen, selb' ist eh wahr," sagte der Alte. „Ist rechtschaffen gut, daß'.wir schon den Rosenkranz ge- betet haben," sagte eine Magd,'„nach so einem Bildl da," sie deutete auf den Tausender,„wär's mit aller Andacht vorbei." „Geht's, geht's," meinte ein altkluger Bursche,„immer Einer kauft sich die Höll' mit so einein Fetzen. Die krieg' ich »ohlfeiler, wenn ich sie haben will." „Selb' wird eh leicht namla wahr sein," gab der buckelichte Luschel-Peterl lachend bei und hockte sich, während die anderen noch aus achtungsvoller Ferne die unerhörte Geldnote be- trachteten, in seinen Ofenwinkel. „Wenn der Mensch gescheit ist," sagte jetzt eine Magd, „so denke ich, wird er sich wohl auch den Himmel damit kaufen mögen. Nit?" „Hisch wahr, namla wohl war. Den Himmel auf der Welt." So der Luschel-Peterl.„Der andere Himmel— der da oben— der himmlisch' Himmel, der kostet gar nichts, als wie das Leben, hi hi, wohl gewiß wahr." „Da!" schmunzelte nun der Knatschel und hieb mit Wucht, wie der Spieler einen scharfen Trumpf ausspielt, den zweiten Tausendgnldenschein auf den Tisch,„da Hab' ich noch einen!" „Sapperment!" sagte der Jakob. „Gelt!" rief der Knatschel,„gelt, Nachbar, das ist ein gutes Jahr, trutz daß es schneit am Pfingftsonntag!" „Zwei hat er Dir gegeben für Dein Haus und Grund!" fragte der Jakob mit leiser Stimme. „Du kannst Drei haben für Deines," sagte der Knatschel. „Besinn' Dich nit lang, Nachbar, thu' Deine Wasserstiefel an und geh' eilends auf die Sandeben. Beim Fleischhacker sitzt er, der Kampelherr. Seine Geldtaschen hat einen schaudcr- haften Bauch, kann ich Dir sagen. Als Winkelbauer gehst jetzo fort, als gemachter Herr kommst heim." „Heim?" fragte der Jakob kopfschüttelnd,„heim?— Wie kann der Mensch sein Haus verkaufen!" „Knatschel- Vater!" sprach jetzt einer der Knechte,„geh', steck' Dein Fliegenpapier nur wieder ein. Hergiebst eh nix davon." Deß wollte der Knatschel schier verdrießlich sein, daß die zwei Geldnoten, die er nun wieder bedächtig zusammenfaltete und in die Brieftasche schob, kein größeres Aufsehen gemacht hatten. Das Haus wollte in gewohnter Ordnung bleiben, gleichmäßig langsamen Ganges. Da war draußen plötzlich ein Prasseln und Krachen, daß die Holzwände ächzten, finstere Schneestanbwolken wirbelten an den Fenstern vorüber. Die Leute schauten einander an. Bald jubelte der Wildfang Jackerl mit der Nachricht herein: Von der Linde sei ein großer Ast niedergebrochen und habe die Kapelle in Scherben geschlagen. Als der Jakob dieses hörte, sprang er von seiner Bank aus und wurde blaß im Gesicht. „Die Kapelle!" rief der Knatschel,„Deine Jakobi-Kapelle da draußen? Nachbar, wenn das kein Wink vom Himmel ist!" In die Hände klatschend rief er noch lauter:„Der heilige Sanct Jakob ist hin! Reuthofer, verkauf' Dein Haus!" Der Hausvater ging in Hemdärmeln, wie er war, zur Thür hinaus und durch den wogenden Sturm der verstümmelten Linde zu. In den Lüften tanzten die Flocken und die Schwalben. (Fortsetzung folgt.) WTodernes Wischen. Wer soll im Zukunstsslaate die Stiefel putzen? DaS ist die welterschütternde Frage, welche die bornirten Sozialdemokraten nicht lösen können, und an der ihr Zukunflsftaat nach dem berühmten Eugen Richter z» gründe gehen muß. Als treuer Wortführer des biederen Philisters spricht Richter hier thalsächlich die innersten Ge« danken der von ihm Vertretenen aus, freilich in seiner eigenen, nach seiner Meinung sarkastisch zugespitzten Form' dem Philister selbst liegen die Stiefel nicht so sehr am Herzen, als vielmehr das regel- mäßige, gute Essen n»d Trinke», und er würde eher fragen: Wer soll mir den» in der sozialistische» Gesellschaft meinen Braten bereiten? Meine arme Frau, die mir die böse» Buben ja auch noch nehmen wollen, kann doch nicht alles allein machen, und jeder andere(er taxirt natürlich alle Menschen nach sich selbst) will doch lieber essen, als kochen. Steht es nun wirklich mit unserem Kochen so schlimm, daß wir auch in alle Zukunft uns menschliche Haussklaven züchten müssen, um ein bequemes Dasein führe» zu können? Sind wir nicht viel- mehr im stände, das Kochen so rationell und wirthschaftlich einzu- richten, daß sich auch der Philister über die Zukunft beruhigen kann? Ich will hier nicht von dem elektrischen Kochen reden. Die Elektrizität muß ja immer herhalten, wenn man auf neue, bis jetzt noch nicht gemachte Verbesserungen und Erfindungen iu Kunst und Wissenschaft hinweist, durch die das Leben später unigestaltet werden soll. Bleiben wir lieber auf dem Boden der Wirklichkeit, d. h. der Gegenwart, und sehen wir uns hier nach denjenigen Methoden um, welche jetzt schon gebraucht werden und vielfach in Uebnng sind. Elekirische Heizung ist noch etwas so kostspieliges, daß wir, wenigstens i» absehbarer Zeit, auf eine allgemeinere Ein« führung derselben nicht rechnen können, obwohl sie das Ideal einer Feuerung darstellen würde. Aber auch heute schon könnten wir einen schönen Ersatz für die alte unpraktische Kochmethode finden. Thatsächlich ist die Art und Weise, in der wir in der über- großen Mehrzahl bis heule noch kochen, im höchsten Grade un- bequem unv verschwenderisch. Vergegenwärtigen wir uns doch einmal, auf welche Weise wir die nolhwendige Wärme erzeuge». Wir thun Brennmaterial, in Berlin wesentlich Braunkohle und Steinkohle, in den Herd, wo fie verbrennen. Bei der vollständigen Verbrennung von 1 Kilogramm Braunkohle entstehen 5700, bei der von Steinkohle 8000 Wärme-Einheiten oder Calorieli.*) Die Wärme, die wir in solcher Weise erzeugen, rührt nicht ans nichts her, sondern stammt in letzter Instanz aus dem ungeheuren Vorrath von Wärme, den die Sonne auf die Erde gesandt hat und stündlich weiter uns zusendet; denn unier ihrem Einfluß allein konnten die Pflanzen sich bilden, die uns die Brennmaterialien liefer». Diese große Wärmequelle aber muß immer geringer werden; nach allem, was wir wissen und vermuthen können, strahlt die Sonne beständig ihre Wärme aus und muß da- her schließlich erkalten. Deswegen hätten wir wohl Ursache, mit dem uns gespendeten Vorrath haushälterisch umzugehen. Was benutzen wir nun z. B. bei der Steinkohlenfeuerung von den 8000 Calorie», die uns das Kilo Steinkohle liefer» kann? Ganze{5—3 pCt., also 400—640 Calorie»; die übrige Wärme jage» wir zum Schornstein hinaus. Zunächst verbrennen wir die Kohle nicht vollständig, wie uns der Rauch und der Ruß zeigen. Wenn die Sonne über dem Schornstein steht und die oberen Luftschichten in demselben erwärmt, so kann die von unten erwärmte Lust nicht mit genügender Schnelligkeit und Sicherheil in die Höhe steigen. sie schlägt in den Kochraum zurück, diesen mit einem dicken Qualm von Ruß, d. i. unverbrannter Kohle füllend, alle Gegenstände beschmutzend und die Speisen verderbend. Am schlimmsten ist für den Philister der Umstand, daß bei rauchender Maschine das Essen nicht zur richtigen Zeit auf den Tisch steht; in solchen Augenblicken wird selbst der sried- fertigste Bürger revolutionären Gedanken zugänglich. Aber selbst, wenn der Schornstein ordentlichen Zug hat, setzt sich in ihm eine Menge Ruß ab, und ebenso geht eine Menge des kostbaren Feuerungsmaterials im Rauch aus dem Schornstein fort; auch die zum Kochen benutzten Gefäße bedecken sich mit einer dicken Rußschicht, so daß von einer völligen Verbrennung gar keine Rede ist. Der Ruß an den Kochgesäßen hat noch den weiteren Nachtheil, daß er am Bode» von außen eine dicke die Wärme schlecht leitende Schicht bildet, so daß nunmehr eine vermehrte Hitze noth- wendig ist, um das Wasser im Gesäß zum Kochen zu bringen. Außerdem erfordert sein Wegbringen beim Abwaschen vermehrte, unnöthige Arbeit. Seit einigen Jahren besitzen wir in den Gaskoch- Appa- raten eine Kochmethode, die von allen geschilderten Ucbelstände» frei ist. In der gewöhnliche» Gasflamme befinden sich ebenfalls eine Unmenge unverbrannler glühender Kohletheilchen, die eben das Leuchten hervorbringen. Uni eine vollständige Verbrennung zu erzielen, hat der Altmeister der Chemie, Bunfen (er lebt heute als Achtundachlzigjähriger in Heidelberg), einen Gasbrenner koustruirt, bei ivelchem dem ausströmenden Gase reichlich Lust und mit dieser der zur Verbrennung nöthige Sauerstoff zugeführt wird. Es entsteht dann eine nichtleuchtende bläuliche Flamme, in der wegen der vollständigen Verbrennung der im Gase enthaltenen Kohle eine intensive Hitze erzeugt wird. In allen Gaskocher» wird das Prinzip des Bunsenbrenners benutzt. Alle vorher geschilderten Unbequemlichkeiten fallen bei diesen Apparaten fort; das Feuer ist in jedem Augenblicke zur Hand; Rauch und Ruß an den Kochgefäßen sind vollständig unbekannte Dinge, das Brennmaterial wird vollständig ausgenutzt; die Flamme ist in bequemster Weise nach Bedürfniß zu reguliren. Will man ein sanfter brennendes Feuer habe», wie es zur Bereitung vieler Speisen nöthig ist, so legt man bei den gewöhnlichen Kochmaschinen Ringe ei», man erzeugt also dieselbe Wärme und läßt den Speisen davon weniger zukommen, die übrige vergeudet mau nutzlos. Beim Gas dagegen genügt ein Kleinerstellen der Flamme, um denselben Zweck in rationeller Weise ohne Verschwendung von Brennmaterial zu erreichen. Es kommt hinzu, daß die Gasflamme eine feuchte Hitze giebt; den» die beständig aus der umgebenden Atmo- fphäre zuströmende Luft bringt Feuchtigkeit mit sich, während in de» alten Kochmaschinen eine trockene Hitze erzeugt wird. Die Feuchtigkeit aber bekommt den Speisen sehr gut; sie verhindert ein vollständiges Verdampfen der in ihnen enthaltene» Säste. so daß ein ans Gas gekochter Braten stets saftiger und kraftvoller ist, als ein im gewöhnlichen Bratofen zubereiteter. Wie steht es nun aber bei all' diesen Vorzügen mit der Haupt- frage, den Kosten? Ebenfalls aufs allerbeste. Dr. St a ß berechnet in seinem jüngst in der Urania gehaltenen Vortrage über„Moderne Küche", daß eine Familie von 4 Personen, die morgens, mittags und abends warm speist und in der Zwischenzeit nochmals Warmes zu sich nimmt, im ganzen für I!5 Psennige Gas verbraucht, wobei das nöthige Wafler zum Reinigen der Gesäße schon mitgerechnet ist. Doch räth er den sorgsame» Hausfrauen, selbst nach dem Rechte» zu sehen; denn die Dienstboten, aus die der Herr Doktor nicht gut zu sprechen scheint, verschwende» das Gas in unverantwortlicher ') Eine Wärme- Einheit(Calorie) ist diejenige Wärmemenge, welche einen Liter Wasser von 0 Grad auf 1 Grad erwärmt. Weise. Ueberhaupt kennt er in seinem Vortrage nur die wohl siluirte Bürgerfamilie, die sich selbstverständlich ein oder mehrere Dienstmädchen hält, und dieser gilt sein Rath und Zuruf:„Koche mit Gas!" Aber trotz allen Schmerzes, den der ruhe- und friedliebende Bürger darüber empfindet, ist dieseFamilie demUntergang geweiht und kann daher einen maßgebenden Einfluß auf die Eutwickelung des modernen Kochens nicht mehr in Anspruch nehmen. Für diese ist von wesentlicher Bedeutung die Frage, wie die Proletarierfamilie zu ihr steht. Nun ist ja einleuchtend, daß alle geschilderten Vortheile ihr ebenfalls zu gute kommen werden, und daß sie um so mehr gut daran thäte, zum Kochen mit Gas überzugehen, als sie ja die Mühe und Last der Hausarbeit keinen fremden bezahlten Kräften aufbürden kann. Wenn trotzdem der Gasverbrauch, der in Berlin in den letzte» Jahren ja eine erfreuliche Zunahme zeigt, weit hinter den wünfchenswerthen Ziffern zurückbleibt, so liegt das nicht an altem Vorurtheil und der geringen Erkenntniß der Arbeiterbevölkerung, sondern wesentlich an anderen Verhältnissen. Bei weitem die meisten der kleinen Wohnungen, in denen die Pro- letarier zusammengedrängt Hausen, sind überhaupt nicht an die Gasanstalten angeschlossen, sodaß die schönste» Gaskocher dort nichts nützen können. Und die wenige» Arbeiter, die Gas- auschluß haben, können meistentheils die Kosten für die Apparate oder die von den Gasanstalten verlangten Kautionen nicht auf- bringen. Wenn man dein, Häuserbau auch auf den kleinen Mann und seine Bequemlichkeit Rücksicht nehmen würde, und wenn die Gasverwaltungen annehmbare Leihbedingungcn stellen würden, was auch in ihrem eigenen Interesse liegt, dann brauchte man nicht auf die Zukunftsgesellschafi zu warten, damit die rauchenden Schorn- steine von den Häusern verschwinden, und das moderne Kochen auch den Enterbten seine Wohlthalen fühlbar macht.— Vleines Fieuillekon. -- Ein Riesenhotel ist das neue Hotel„Cecil" in London. Ts enthält außer den Speise-, Lese-, Rauch-, Bade- und anderen Räume» über lausend bewohnbare Zimmer. Die Erbauungskostcn betrugen nicht weniger als 1�/« Millionen Pfund Sterling, etwa 25 Millionen Mark, wovon allein 14 Millionen Mark zur Grund- und Bodeneriverbung nöthig waren. Da der Riesenkomplex nach der Themse zu um etwa 30 Fuß niedriger liegt, so stellte man das ganze Gebäude aus der Rückseite ans hohe Bögen, unter denen Raum für 150 Wagen und Pferde vorhanden ist. Darüber erhebt sich das 13 Stock hohe Gebäude, von einer riesigen vergoldeten Kuppel über- ragt, weithin sichtbar i» die Lüfte.— — Rennthierpest und Hungersnoth in Nordschwcdeu. Den „M. N. N." schreibt man: Seil längerer Zeit wüthel nnter den Elchwildbeständen Schwedens, Norwegens und der Ostseeprovinzen der Milzbrand. Jetzt droht die Seuche einer anderen, nahe ver- wandte» Thiergattnng, die im gezähmte» Zustande vielen tansenden von Polarbewohnern Nahrung und Kleidung gewährt, noch viel verhängnißvoller zu werden. Die Rennthierheerden im nördlichen Skandinavien sind durch Berührung mit erkrankten Elchen ebenfalls von der Milzbrand-Seuche befallen. Jn Frostvike» wurden seil dem Herbste über 1000 Rennkälber aufgefunden, in Snsendahl und der Umgegend von Mellanskog an der norwegischen Grenze sind feit Neujahr rund 230 Nennthiere eingegangen, wie der amtliche Bericht an- giebt. Ebenso schlimm sieht es in Ailhelmina und Torncaa aus; alles in allem sind in den letzte» Woche» mindestens 8000 Rennthiere der snrchtbarcn Pest zum Opfer gefallen. Die Lappen. Finen und Quänen sind damit auf sicherem Wege, ihres letzte» Hilssmittels im Kampfe um ihre ohnehin traurig bestellte Existenz beraubt zu werden. Im Jahre 1895 waren noch 35 387 Stück Rennthiere vor- handen, der harte Winter dezimirte diese Gesammtzahl im Vorjahre auf 27 163 Stück. Jetzt, so inelden die Kronvögte, sind kaum noch 19 000 Stück übrig. Dabei wissen die bedauernswerthen Nord« stämme die furchtbare Ucbertragbarkeit der Krankheit nicht abzn- schätzen, was zur Folge hat. daß die Seuche sich mit erschreckender Schnelligkeit von Jurte zu Jnrte verbreitet. Die schwedische Regie- ruug hat sofort Bericht von de» Verwaltungsbehörden eingefordert, wie am zweckmäßigsten die Roth von den armen Nordländer» fern- gehalten werden kann. Man wird versuchen, eine Isolation herbei- zuführen und die Stämme über die Ansteckungsgefahr aufzuklären. Viel wird sich damit aber kaum erzielen lassen, denn die hungernden Lappen und Finen, welche ihren Tod vor Augen sehen, glauben in ihrer geringen geistigen Reise an die Einwirkung der erzürnten Götter, denen gegenüber es doch kein Entrinnen gebe. Die allheidni- schen Gebräuche der Nordstämme tragen natürlich dazu bei, diese abergläubischen Anschauungen zu verstärken.— Literarisches. — Der S u t t n e r' sche Roman„Die Waffen nieder!" erscheint gegenwärtig unter dem Titel„Las Iss armes!" im Feuilleton der„Jndvpendance Belge".— — In der Weltaus st ellung von 1900 wird die Pariser Staatsdr uckcrei ein 3— 4bkndiges Werk vorlegen, zu dem die Vorarbeiten nicht weniger als drei Jahre gedauert haben, und das„Histoire de l'Imprjmerie de France"(Geschichte der sranzösis chen Buchdruckerkunst) betitelt ist. Das Werk wird ans Bestellung des Unlerrichisministers unter Anwendung eines be- sonders seinen Papiers und von Buchstaben gedruckt, die aus der — 9 Zeit Franz I und dein Jahre 1633 herstammen und von der Staatsdrnckerei aufdewahri wurden. lieber 16!X> Sti-be. welche die gesaminelten Dokumente reprodnziren. find dem Buche bei- gegeben.— Theater. Früh mit den Windel» an die Zäun', daß die Windeln trocken werden, dachte auch der junge Hans L'Arronge, ein Eohn des Bnhnenmannes Adolf 5?Arnmge, als er sein Drama .Vor der Ehe" im L« s s i n g- T h e a l e r aufführen lictz Seine Anfängerschaft vcrräth fich m vielem guieu Wollen, dem leider nur ein schivaches Könne» entspricht. Von den Lieblingsmotiven neuer Bühnenknust hat Hans L'Rrronge manche Anregung erfahren. Aber seine handelnden Menschen find noch puppenhaft starr. Er verlangt, daß wir an Leute glaube», die wir nicht recht kennen, an ein zartsinniges leiden- schaftliches Mädchen von empfindlichstem Feingefühl und an einem jungen Rechtsamvalt, für den es auf der Welt nichts recht Leben- diges gicbt, als nur Kant's kategorischen Imperativ, der vor lauter Pflichieiser zum kalte» Spießbürger wird. Solche Menschen giebt es ohne Zweifel, aber sie müsse» ans dem Theater leibhaftig geschaut. begriffen werden können. In dem Schanspiel von L'Arrvnge waren sie wie verschwinuneude Schalten angedeutet, darum versagte das Stück. Von schwerer Kuppelei ninimt es seine» Ausgang. Die.Frau Kantor" in einem Städtchen hat ihre Tochter Marie an einen reichen Ingenieur verschachert, was gesetzlich zulässig ist und alle Tage geübt wird. Die Mutter übt so lange eine seelische Folter ans das Kind, bis es kirre wird. An ihrem Hochzeitstage erfährt Marie, daß der aufgezwungene Gatte ein ruchloser Lump ist, der ihre beftc Frenndln verführt und in den Tod getrieben hat. Ihre natürliche Empfindung sträubt sich gegen das Zusammenleben nrit einem solchen Burschen. Dadurch bringt sie sowohl ihren Gatten, wie ihre bestialisch- beschränkte Mutter gegen sich selbst auf. Der Ingenieur ivilt sie nicht freigebe», eine Scheidung kann nicht erzwungen werden; also flüchtet Marie zu einem Jugend- freund, einem Rechtsanwalt, der sie innig geliebt hat und dessen uu- glückliche Schwester von dem Ingenieur in Verzweiflung gejagt wurde. Sie würde frei von Konvention mit ihm leben; er aber hat den Muth zur Freiheit nicht; seine Seele ist vertrocknet; und diese bitterste Enttäuschung bricht Marien's Lebensmuth. Sie wird ihrer Freundin in den Tod nachgehen. Mit dieser Hyper- sentimeutalilät, deren Nothivendigkeit in der Darstellung des Verfasser? nicht eingesehen wurde, schließt das Stück.— Frl. D u»> o n l(Marie) bot ihre reiche, innerliche Kraft auf. Es war umsonst. Es wurde kein Mensch aus dem Homunkel. Die dramatische Gesellschaft ist ins Neue Theater übergesiedelt. Die Verhältnisse am Theater des Westens waren zu mißlich geworden. Im Neue» Thealer also wurde Sonntag Mitlag das Schauspiel„Ma> ti» Lehnhardt" von C ä s a r F l a i s ch l e» ausgeführt. Flaischleu's.Martin Lehnhardt", der vor mehreren Jahren entstand. erscheint heule wie ein spätgeboreues Drama. Der Lehn- Hardt gehört zu der Klasse von Schauspielen, die noch vor ein paar Jahren Üppig bei uns ivucherteii, in denen die Söhne zu Ankläger» ihrer Väter und Erzieher werden. Zweifellos stak etwas Revolutionäres in dieser jungen Lilcratur; aber die lodernden Flammen- zeichen sehlleu. Aus all der Schaar haben sich nur Hirschseld'e Mütter die Bühne erobert; und auch diese Komödie leidet am Hang zum weichmüthige» Greine». Das besonder« Merkmal in Flaischleu's Drama ist es, daß mit deu kleinen Studeutenscherzeu ei» wirklicher Eewisseuskamps ver- bundeu ist, der in einer starkbeweglen Szene ausgesochten wird, freilich von einem Mensche», der selbst noch jugendlich unklar danach ringt, sich selbst zu finde». Mitunter könnte man über die Jugendlichkeit im Stücke lächeln Wer sich je ei» bischen geistige Freiheit errungen hat, der wird mit leiser Ironie die Naivelät ei»es streitbare» Studenten verfolgen, der einem orthodoxen Land- pastor die Gründe seiucs Denleus erklären wtll. Das ist, als redete man zu einem Sleinblock; und der junge Lehnhardt wußte schon sehr wohl, daß Leute, wie sein Oheim und Erzieher, nicht um «in Jota über mittelalterlich enge Begriffe hinansgekomiueu sind. Doch, wen»»mu sehr jung ist, macht iuaii wohl solch« Thorheiteu. Wozu aber die Trameu, die von dem Eifer und deu Leide» der sehr Jugendliche» erzählen, immer wieder auf die Bersuchsdübne gebracht werde», weiß ich nicht recht. In literanfchci, Kreisen brauchte auf Cäsar Flaischlen nicht mehr aufmerksam gemacht zu werden; und in die weitere Oeffentlichkeit wird wohl sein Stück nicht dringe». Au sich aber bezeichnet es keine» neuen Weg, keine neue Bah». Es reiht sich einer große» Gruppe literarischer Studien ein. Mit lebhafter Wärme nahmen sich die Schauspieler deS Dramas an, Frl. Berteus sowohl in einer Rolle, die sehr viel Takt er- fordert(des jungen Marti» mütterliche Freundin), wie Herr- Werne r(der alte schwäbische Pfarrer), und ein Herr Waldemar als Gast(Martin Lehnhardt).— — I m A lexanderplatz-Theater wurde vorgesteru eine neue Posse von Herrn Eugen Prudens.Eine pikant« Ehe" aufgeführt. Der Rentier Bulle soll wegen Widerstands gegen die Staalegewalt brummen, schickt aber eine» Stellvertreter ins Ge- sängiiiß, der das Unglück hat, dort nach acht Terzen zu sterben. Der Todte wird als Rentier Bulle begraben, und nun hat der 2— lebendige Bulle, der seine Fran vorweg nach Italien geschickt hat, ein« Anzahl Leide» zu erdulden, die deu Inhalt der vier- aktige» Pvsse ausmachen. Der recht drollige Gedanke wird nicht allzu originell verarbeitet, und die Posse leidet namentlich an der künstlichen Ausdehnung, die ihr durch eine Reibe wenig geistvoller Koupletö gegebe» wird. Es wurde mit vielem Humor gespielt; recht brav wußten namentlich die Herren Thiemann, Maurice Clefeld und Schwendler ihre 3! ollen zu gestallen; unter den Damen zeichnete sich vor allen Frl. Henny Schmidt aus.— — DaS Lefsing-Tbeater wird vom Jahre l6SS ab der Schriflstcller Neumanu-Hofer übernehmen. Das hierzu erforderliche Geld wird ähnlich wie beim Deutschen Theater und beim Schiller-Tbeater durch Herausgabe von Antheilscheiue» beschafft werden. R»«b 100 000 M. sind bereits von den Fulda und Sudermann üdernommen worden.— Völkerkunde. b. w. e. Aus der Delikatessenküche d e r V i r m a n e n. Die in Hinterindien wohnenden Birmanen erinnern in der Wahl ihrer Lieblingsspeisen sehr stark an die Chinesen. Zu ihren Haupt- delikateffen gehört das„ N g a p i e", das von den Forschnngs- reisenden als der Schrecke» aller europäischen Rasen bezeichnet wird. Mau stellt es folgendermaßen her: Fische werden in di« Erde ver- graben und bleiben dort so lange, bis sie stark iu Verwesung über- gegangen sind. Daun nimmt man sie heraus, macht sie mit ranziger Butler ein nnd verspeist sie. Originell ist dabei, wie der Birmane, dem als Buddhist das Tödlcn vo» Thieren strengstens untersagt ist. dieses Neligionsgesetz umgeht. Die gefangenen Fische werden nicht gelödtet, sondern iu die Sonn« gelegt, damit sie sich.»ach der lange» Nässe endlich ab- trocknen können." In Wirklichkeit bleiben die Thiere solange in der Sonne liegen, bi? sie sterben. Der Birmane beruh igt sein Gewissen damit, daß er die beste Absicht gehabt habe, und weil» die Fische absterbe», so sei dies ihre Schuld. Der Ethnologe Bastian erzählt i» einem seiner Werke, daß über ganz Birma eine vo» diesem Rgapir verpestete Atmosphäre lagere.—.Vornehme" Europäer huldigen übrigens demselbe» Geschmack. Sie essen keinen Hasen, keinen Sieh- zienirr. iveirn er nicht stark.wildelt", d. h. stinkt. I» den.seinen" Hotels leben die Köche in der steten Angst, sich durch die spliiterudeu Wtldlnoche» eine Blutvergiftung zuzuziehen.— Bergbau. — Der tiefste Kohle uscha cht der Welt ist der Schacht Saint« Henriette der Grube des Prodnils bei Flenn in Belgien. Er ist 1150 Meter tief. Die 47 Grad Celsius betragende Gesteinstemperatnr ist durch die Ventilation auf 27 Grad herab- gedrückt worden. Der tiefste tkohlenschacht in Denlschland ist gegeu- wärng der Frisch-Glückschacht bei Oelsnitz im sächsischen Erzgebirge. Seine Tiefe beträgt S3l Meier; die Mündung liegt 460 Meter über dem Spiegel der Ostsee; er reicht also 47l Meter unter den Meeresspicgel hinab. Ihr» zunächst steht unter den sächsischen Kohlenschächlen der erste Brückcnbergschacht im Zroickaner Revier mit 604 Metern. Da seine Mündung nur 324 Meter über dem Spiegel der Ostsee liegt, so b.rechnet sich seine Tiefe»nler dem Meeresspiegel sogar auf 460 Meter. Sein«»nterslen Theile find jedoch ausgefüllt worden, weil dieKvhlenverhältnisse ungünstigwareu.— Humoristisches. — Das Auster» essende Pferd. Der englische Komiker T o o l e ging einst in eine Austerstiche. Das Lokal ist total voll. Kein Plätzchen unbesetzt. Hm, das ist fatal, denkt der Komiker. Was thuu? .He, Aufwärtcr. bitte, gehsti Sie mal raus und geben Sie meinem Pferde ei» Dutzend Austern." .I... i... hrem Pferde?" ftolterte der Aufwärter. .Na natürlich!... Wem deuu sonst als meinem Pferde! Haben Sie noch nie ein Pferd Austern esse» scheu?" douuerte Toole. .Ja... ja... ich... ich... ich gehe schon." Ilud der Aufivärter bestellt die Austern und eilt damit bin ans. Die Gäste alle— die auch noch nie ein Pferd Auster» essen sahen— drängen nach, um das Wunder zu schauen. Tool« nimmt uuterdesseu schmunzelnd Platz. Jetzt ist ja daran kein Mangel. Nach einer Weile kommt der Aufwärter mit den Austern zurück, und ein Theil der Gäfle huitennach, während die andern noch warten. .Herr", sagle der Kellner,„ich habe alles versucht, aber das Pferd will von den Auüern nichts wissen." .Nicht?" machte Tool«..Na wissen Sie was. dann geben Sie sie mir". Und behaglich fängt er an, seine Austern zu schlürfe».— — Der Geschworen« im Bette. In einer Gerichts- Verhandlung, die vor einiger Zeit in Jeffersonville, im Staate Georgia, /iiallsand, wurde ein Geschivoreuer namens Jouson von so starkem Schüttelfrost befalle», daß er nach einem Hotel gebracht und der Behandlung eines Arztes übergebe» werden mußle. Nachdem er sich eiiiigermaße» erholt hatte, kehrte er iu den Sitzungssaal zurück, und di« Verhandlung wurde wieder aufgeuommcn. Als sich bei dem Manu« bald darauf erneute Anfälle von größer«.- Heftig- keit einstellten, ließ der Richter ein Bell bringen, der Manu legt« sich hinein, und zum große» Gaudium der Anweseuden nahm die Verhaiidlung ihren Forlgang, während der Kranke mit de» Zähne« klappert«. Verantwortlicher Rec-akteur: Nugnst Jacvbey in Berlin. Druck nnd Verlag von Max Babing iu Berlin.