Ilnterhallungsblatt des Horivärts Nr. 28. Dienstag, den 9. Februar. 1897. (Nachdruck verboten.) 7) Inkob der T�etzke. Eine Waldbauerngeschichte aus unsere» Tagen. Von Peter Rosegge r. „Nachbar," fuhr der Jakob fort und legte seine Hand auf den Tisch hin gegen den Großbauer,„Nachbar, bleib' da! Du gehörst zu uns. Deine Vorsahren sind auf diesem Fleck geboren worden und gestorben, haben ein zufriedenes Leben geführt, sind alt geworden, wie draußen selten einer wird. Mit Geld und Herrenhnld hat sich kein Guldeisner wenden lasten seit die Schirmtannen stehen da draußen vor Deinem Haus. Weit und breit ist dieser Hof bekannt und geachtet als erbgesessen und ehrenfest! Das Guldeisner Blut ist ein frischer Brunnen, draußen thcit' es in Sand ver- rinnen. Und auch unsertwegen, Franz, verlaß' uns nicht. Viele Verwandtschaft hast in Altenmoos; Leute, die sich bei Dir anlehnen müssen, ihnen bist ein Halt, Dir niacht's nichts, Tn bist stark. Dir geht's gut, bleib' bei uns. Schau, wir halten alle zusammen, und sollt' Dich auch einmal was Hartes treffen— Gott verhüt' es!— so sind wir Dir brave Käme- raden, wie Du uns bist." „Laß das sein, Neuthofer!" unterbrach ihn der Guldeisner in gleichgiltigem Tone. „Nein, es ist nicht möglich," fuhr der Jakob fort,„Dn kannst nicht davon gehen, vcrsuch's. Du kannst nicht. Du wirst sehen, wie der Mensch verwachsen ist mit seiner Erden, mit allen Kräutern und Bäumen, die darauf stehen, selbst mit dem Käfer auf dem Grashelm und mit dem Vogel auf dem Wipfel, geschweige mit dem Vieh ans der Weide. Du wirst es sehen! In den besten Jahren, wie Dn bist, kannst Du die Arbeit nicht entbehren und die Arbeit Dich nicht. Ohne Arbeit stirbt der Bauersmensch ab, glaub' es mir. Wenn Du schon was ändern willst, Guldeisner, eine brave Hausfrau nimm Dir. Du hast die Wahl weitum. Mit lieb Weib und Kind wirft es erst erkennen, was Dein fest- gruudiger Hof bedeutet.— Franz, versprich es uns! Bleib' daheim!" Der Großbauer hatte während dieser Worte des Jakob auch das dritte Gläschen Schnaps ausgetrunken. Jetzt stauten sich seine Nasennüstern auf.„Bedank' mich!" keuchte er,„keinen Vormund brauch' ich nicht. Ob ich ledig bin oder ver- hcirathet, das geht Dich nichts an, Grabendodl, verdanimter! Der Zimmermann, dort hat er das Loch gemacht, dort, dort!" „Na, na, Guldeisner," versetzte der Sepp, während die drei Bauern aufstanden,„brauchst Dich nichr so anzustrengen mit dem Hinauswerfen, wir gehen schon freiwillig. Gute Nacht oder guten Morgen! Wie Du's brauchst." So viel hatten sie ausgerichtet, die Bauern beim Gnld- eisner. „Verdorben Hab ich's," sagte der Jakob, als sie aus dem Hause traten,„ich Hab ihn zu scharf getroffen." „Getroffen oder nicht, es ist ein Slierkopf," antwortete der Rodel. Als sie die bezäunte Gasse zwischen Gemüsegarten und Hauswiese hinabgingen, sahen sie ein junges wohluntersetztes Weib, welches beschäftigt war, die zum Bleichen über die Wiese hin aufgespannten Leinwandfächer zusammen zu rollen. „Auch eine Guldeisnerin," murmelte der Sepp,„ob er sie mitnehmen wird in sein Herren-Schloß?" „Ich denk'," schmunzelte der Rodel,„die läßt er uns da. Daß doch die Gattung nicht ganz ausgeht in Attenmoos." Sie schritten kopfschüttelnd thalwärts. Unten, wo der Weg durch jungen Anwuchs ging, begegnete ihnen der Förster, oder Waldmeister, wie er in der Gegend genannt war. Das war ein großer, stämmiger Man» in Jägertracht und stets mit dem Gewehr auf dem Rücken. Die Gebirgstracht, die er trug, schien aber nicht aus dieser Figur gewachsen zu sein, sie stand nicht ganz zu den manchmal fremdartigen Bewegungen des Mannes. Das Gesicht? Ein schöner rother Vollbart machte alles gut, was etwa die kleinen stechenden Augen und die unförmig lange Nase verdarben. Er war ein Ausländer. Seit wenigen Jahren bei der Herrschaft Rabenberg angestellt, ging er jetzt viel in Angelegenheit des Kampelherrn um, von dem es hieß, daß er auch die Rabenbergischen Waldungen an- kaufen wolle. „Ob der Guldeisner zu Hause ist!" fragte er die Bauern mit seiner eigenthümlich scharfen, dabei etwas näselnden Aussprache. „Nein," antwortete der Rodel,„da geht der Waldmeister umsonst hinauf." „Will ich lieber umkehren," knurrte der Förster und schlug seitab einen Waldsteig ein. „Warum hast Du ihn angelogen?" fragte der Jakob seinen Nachbarn. „Der wäre jetzt schnurgerad' hinaufgegangen und hätte ihm das Gut abgekauft," antwortete der Rodel. „Mit der Lug werden wir's nicht hintertreiben," sagte der Jakob.„Schlecht Sach' muß man mit gut Sach' todt- schlagen. Ich denk' aber, er verkauft nicht,'s ist lauter Trutz, was er sagt." „Und auch Trutz, was er thut, Nachbarn, der Guldeisner- hos ist hin." Sagte der Rodel. Bald darauf trennten sich ihre Wege. Der Reuthofer dachte auf dem seinen noch lange vor sich hin: Nein, der Franz ist gescheit, er thut's nicht. Wie der Jackerl ans Anhänglichkeit daheim bleibt. Als der Jakob Steinrcuter nach Hanse kam in seinen Reuthof, funkelten am Himmel schon etliche Sterne, und über den schwarzen Bauinzacken des Nockwaldes ging der Mond auf. An der Hausthür stand der Jackcrl. „Geh' hinein!" befahl der Vater. „Nein," antwortete der Knabe. „Alsdann bleib' da stehen so lang' Du willst." „Nein!" knirschte der Knab.„Ich will Schotteusterz") haben, dann geh' ich fort. Ganz fort. Ich bleib nimmer da!" „Warum bist Du denn also von Saudeben her heim« gegangen?" „Weil ich's versprochen Hab'." „Alsdann muß auch ich nwin Versprechen halten," sagte der Jakob, ergriff mit festem Arm den Jungen und führte ihn in den Moosbarren. Der Moosbarreu war ein Hintergelaß des Wirthschafts- gebäudes, eine kleine Kammer, in welcher Stallstreumoos getrocknet und aufbewahrt zu werden pflegte. Es hatte zwer kleine glaslose Fenster und eine feste Bretterthür, die von außen durch ein Kettlein angehängt werden konnte, so daß sie von innen nicht zu öffnen war. Dieser Barren war im Reuthofe das Zuchthaus. Und da drinnen lag der wilde Jackerl nun wieder auf dem Mooshaufen, wo er schon recht oft gelegen war. Die Thür von innen aufzubrechen, zu einer Fensterluke hinauszu« kriechen, ein Fletzbrett zu heben, um unterhalb hinauszukonimen, diese unfruchtbaren Versuche waren längst aufgegeben worden. Jetzt lag er rücklings auf dem Moos, ließ den Mond aus sein Gesicht scheinen und war ganz ruhig. Es war ihm ja nichts Neues, im Kriege mit seinem Vater zu unterliegen, und er fand es eigentlich auch in Ordnung so. Er hielt den Vater im ganzen für einen braven Mann, dem nian nun eben einmal zu gehorchen hätte, schon aus dem Grunde, weil man der Schwächere ist. Der Jackerl will aber nicht gehorchen, und solchen just am wenigsten, die es scharf von ihm verlangen. Schlecht genug, daß es fast allemal was Ver- nünftiges ist, was der Vater begehrt. Das jedoch ist nichts Vernünftiges, für alle Ewigkeit im Altcnmooscr Winkel sitzen bleiben und die Welt ist so weit und ist so schön und hat so viel Geld und Gut! Wir— der Jackerl— sind nun einmal zwölf Jahre alt. Leichter laufe der Mensch sein Lebtag nie, als in diesem Alter, und wenn er da nicht davon- laust, wann soll er's denn thun?— Einstweilen möchten wir einen Schottensterz haben. „Jackerl!" rief draußen in der Nacht jemand, es war die Stimme der Schwester Angerl,„da greis' an, wenn Du hungrig bist!" sie hielt ein Stück Brot zur Fensterluke herein.„So greis' an, Jackerl!" „Nein!" knirschte der Junge. ') Ein geröstetes MuS mit Käsestoff(Schotten) versitzt. Das Dirndl hielt immer nöck) geduldig hinein, weil aber der Jackerl fürchtete, daß sie die Hand doch zurück- ziehen könnte, nahm er seinen F�iißut und � hieb ihn mit aller Gewalt auf die Hand los. Das Brot fiel in der Kammer zu Boden, das Schwesterlein draußen ging schluchzend davon. Der Jackerl hob das Stück Brot aus, als er jedoch ihr Weinen hörte, schleuderte er es wieder in den Winkel. „Ich will Dich nicht! Sie soll still sein! Ich mag sie nicht weinen hören! Ich mag nicht!" so wimmerte er zornig. Ein gutes Wort wollte er ihr nachrufen, aber statt dessen schrie er zur Luke hinaus:„Du Teufel! Du Teufel!" und schlug mit den Fäusten auf die Wand los und ächzte vor Wuth. Durch die Waudfugen strich eine kühle Luft. Der Knabe grub sich in das Moos bis an den Hals und schlief ein. Am nächsten Morgen kam seine Mutter zur Thür und rief:„Bist schon wach, Jackerl?" Er war freilich schon wach, gab aber keine Antwort. Mit einem Tone, der voller Güte und Herzinnigkeit war, sagte draußen die Mutter:„Kind, die Suppe steht auf dem Tisch, und Du mußt was Warmes essen. Der Vater laßt Dir sagen, wenn Du brav bist, so darfst Du kommen, wenn Du aber trutzig wärst, so sollt' ich nicht aufmachen. Ich bitte Dich, mein liebes Kind, thu' niir das Leid nicht an, sei wieder ordentlich und folgsam wie Deine Geschwister, wir haben Dich ja lieb und alles ist wieder gut. Geh, komm her, sei gescheit!* Kein Lebenszeichen im Barren. Jetzt kam ihr die Angst, es möchte dem Knaben etwas widerfahren sein. Sie ging um die Ecke und schaute zur Luke hinein. Dort im Winkel stand er, stampfte jetzt den Boden und rief:„Nein! Nein!" „So kann ich Dir nicht helfen," sagte das Weib,„der Trutz ist noch imuier stärker wie Du, den müssen wir so lange aushungern, bis Du ihn unterkriegst. Äleib' drinnen." Sie ging davon. Der Junge fügte sich ins Unvermeidliche. Er sann auf Zeitvertreib. Auf dem Rücken lag er im Moos und Hub an, allerlei Liebchen zn trällern, wie er sie von den Knechten gehört hatte.„Hi ho! hi ho begann er und: Tulli ho! Follt ma da Hunt in Boch, Tulli ho! Jh lauf eahm noch, jo noch. Tulli ho! Er ist scha weit, viel z'iveit, Tulli ho! Hon gor ka Freud!" Dann spitzte er die Lippen und pfiff, und bald darauf der Junge mußte sich in einer recht humoristischen Stimmung befinden— sang er ein anderes Liedl, wovon ihm besonders der letzte Theil anzuklingen schien: „Bormittog büß' ih— Wos büß' ih? Mei Dirndl in da Ghoam(im Geheimen), Nochniittog bin ih— Wo bin ih? Auf'» Tonzbod'n dahoani. Ast, wann»nh mei Voda 'an Köder n d' Schupfn einspirt, Tulli, do flick' ih— Wos flick ih? Mei Hosn bau Knia. Und daß ma, Jo, daß ma Die Zelt nit long wird." Tarauf Hub er an zu jodeln, bis er heiser war, und sann auf neuen Zeitvertreib. Flink sprang er auf, kletterte an der Wand empor und hüpfte wieder aus das Moos herab; dann stellte er sich aus den Kopf und spreizte die Beine in die Luft. Dann begann er mit Händen und Füßen das Moos aufzumischen, daß die Fetzen nach allen Richtungen an die Wand und bis zur Decke flogen. Dann fiel er ins Ge- streu, reckte alle Viere von sich und stellte sich todt. Die Moosbarrcnthür blieb von außen angehängt und so lies der Jackerl aus Anhänglichkeit nicht davon. Der Waldmeister schüttelt de» Baum. In Altenmoos begann sich sachte manches zu ändern. Früher hatten die Bauern im Sommer ihre Heelden — für die auf den eigenen Grundstücken zn wenig Futter wuchs— gegen mäßiges Entgelt ans die Hochweiden der angrenzenden Großgrundbesitzer getrieben, besonders auf die Rabensteiner Alme». Es war altes Herkommen, ivelchcs sowohl den Hochweidebesitzern, als auch deren Pächtern, den Bauern, zu gute kam. Seit einiger Zeit war das abgestellt worden, der Waldkulturen wegen, wie es hieß. Der Ober- förster, Oberjäger und Waldmeister Ladislaus war aber zu leidenschaftlich, um lange ein Hehl daraus zu niachen, daß den Bauern die Viehweiden nicht der Waldkulturen, sondern der Wildhegung wegen versagt wurden. Man rechnete so: Be- kommen die Bauern von uns die Almweiden nickt, so können sie nicht Viehzucht betreiben, wirthschaften ab, müssen uns gut oder übel ihre Güteln verkaufen, und Herr im Lande ist der ase und der Hirsch, die wieder unserem Vergnügen dienen. ur Hälfte betreibt nian's, zur Hälfte geht's selber. Der auer war von jeher ein Feind des Wildes, der Bauer muß ausgerottet werden. Mit solchen Gedanken und Plänen ging der Ladislaus um. Ging um in der Gegend in Sachen seines„gnädigen Herrn", des Kampelherrn, und daß er sehe, was schon reis war zum Abfallen und was noch gesengt und gerüttelt werden mußte. In denselben Tagen war's, daß er und der Bauer Dreisam zu Altenmoos aneinander gerielhcn. Der Waldmeister war mit der Herrschaft Rabenberg käuf- lich an den Kampelherrn übergangen, er hörte seither nur mehr auf den Titel: Herr Oberförster. Der Dreisam arbeitete an seinem Waldrain, wo er dran war, mit der Haue den zähen Rasen umzukehren, dem man mit dem Pfluge hier nicht beikonnte und der doch auch als Koruacker urbar gemacht werden sollte. Der Dreisam hatte eine große Glatze, dafür aber einen sehr langen flachsfalben Bart, der schier bis an den Gürtel hinabhing. Damit dieser Bart beim Rasenumgraben nicht hindern konnte, so steckte er ihn am Halse hinter den braunen Brustfleck hinab. Da kam der Waldmeister gegangen. (Forlsetzung folgt.) (Nachdruck verboten.) Ein fvltlnnrev Mnnrk. Von Leo Brenner, Direktor der Manora-Stermvarle in Lnssinpiccolo(Jstrien). Unter allen Planeten unseres Sonnensystems ist der Uranus entschiede» der seltsamste. Während die zinischen ihm und der Sonne liegenden Planeten sittsam, wie sich dies für brave Kinder geziemt, dem Beispiele der Mutter 4-viine folge»»nd sich von West nach Ost drehen, macht es dem Uranus Pläsir, die Richtung Süd- Nord einzuschlagen, wobei er sich aber, um seine Ausgelassenheit so recht zn zeige», gewissermaßen auf den Kopf gestellt hat. Die eigenthümliche Rotation des Uranus war zwar auf grund der sonderbare» Bahnen seiner Satelliten längst vermulbet worden, aber zur Gewißheit wurde sie erst durch meine vorjährige» glück- liche» Beobachtungen, die überdies zur Euldeckung der Umdrehungs- zeit jenes Planeten führten. Wie ich dazu kam, diese zu entdecken, ist bald erzählt. Im Sommer des Borjahres schrieb mir ein schottischer Amateur, er habe auf dem Uranus zwei schräge Streife» wahrgenommen. Aus Gründen, die zu erörtern hier nicht der Ort ist,»var es mir sofort klar, daß seine Beobachtung ein Ding der Unmöglichkeit sein mußte, aber die Anregung zur Uranus-Beobachtung war da, und ich be- nutzte nun jede» schönen Abend, diesen undankbaren Burschen aufs Korn zn nehmen.„Undankbar" nennen wir nämlich jene Himmelskörper, deren Beobachtung so schwierig ist, daß sie die auf- gewandte Zeit»nd Mühe nicht lohnt. Anfangs sah ich nichts, als ein« kleine, matte, grünlich-blaue Scheibe, die selbst bei 830 sacher Vergrößerung nicht größer erschien, als eine Oblate von einem Zentimeter Durchmesser, gesehen aus einer Entfernung von 74 Zentimetern!") Aus dieser Kleinheit darf der Leser aber durchaus nicht den Schluß ziehen, daß Uranus zu den kleinen Planeten gehört. Zwar kann er sich mit den Riesenkolosse» Jupiter und Saturn nicht messen, aber immerhin ist der alle Herr 7S mal größer als unsere Erde, die ja schließlich auch gerade kein Maulwurfshansen ist. Seine scheinbare Kleinheit rührt von der bedeutenden Eni- fernung her. aus der wir ihn sehen. Zur Zeit, als ich ihn beob- achtete, war er über 2700 Millionen Kilometer von uns entfernt. so daß also der Orienl-Expreßzug 4176 Jahre gebraucht hätte, uns hinzubringen. Schneller wären wir natürlich mit der Münchhausen'- schen Reiscgelegeuheit— auf einer Kanonenkugel—»ach dem Uranus gelangt, nämlich schon nach 162 Jahren(der Knall dieses *) Die Rechnung ist sehr einfach. Der scheinbare Durchmesser des Uranus betrug � jenes des Mondes; der Mond aber erscheint uns mit freiem Auge so groß, wie ein« Oblate von 1 cm Durch- messer, gesehen auf 114 cm Entfernung. Folglich zeigt sich der Uranus dem freien Auge wie eine Oblate von 1 cm Durchmesser gesehen auf einer Entfernung von 615,6 Metern. Bei 8S0sacher Vergrößerung bezw. Annäherung verminderte sich also die Entfernung auf 74 cm. Schusses wäre uns allerdings erst nach weiteren 86 Jahren nach- gefolgt); ani schnellsten aber wären wir mit dein Lichtstrahl hingekomnie»: oereiis nach 2'/s Stunden. Unter diesen Umständen wird man es begreiflich finden, wenn die Beobachtnngen des Uranus bisher sehr unfruchtbar gewesen wäre». Zwar hatte» sich die besten Beobachter mit den größte» Instrumente» an ihm versucht, aber erst den Brüdern Henry in Paris gelang es 1834 mit dem dortigen Riesenfernrohre, auf dem Uranus zwei schräge Streifen zu sehen, ähnlich jenen, welche Jupiter zeigt. Der Direkior der Sternwarte von Nizza, Monsieur Perosi», versicherte vier Jahre später genau dasselbe gesehen zu haben. (Dieser Herr hat nämlich die Schwäche, immer das sehen zu wollen, was andere Beobachter von Ruf vorher schon gesehen haben.) Äilf der Lick-Sternwarte sahen die dortigen Astronomen»lit dein größten Fernrohre der Welt in den Jahren 139(1 und 1891 Streifen und Flecke, doch stiminte» die Zeichnungen der einzelnen Beobachters nicht untereinander, und eine Bestiininung der Um- drehungszeit war unmöglich. Seither konnte ans der Scheibe des Uranus nichts mehr wahr- genommen werden. Obendrei» wurden die Beobachtungen immer schwieriger, weil einerseits der Planet immer tiefer in die südliche Himmelskngel hinabsank, also in Europa nur in geringer Höhe iiber dem Horizont beobachtet werden konnte, während er anderer- seils immer mehr und mehr seine» Nordpol uns zuwandte, die Streifen»nd Flecke aber hanplsächlich in de» Acquatorial- gegenden vorkommen. Deshalb lehnte es auch der gefeierte Mailänder Astronom Schiaparelli ab, mit mir parallele Uranus- Beobachtungen zu beginnen. Er schrieb mir. daß er sich nicht die Auge» mit der Beobachtung von au der Grenze der Sichtbarkeit stehenden Flecken ruinire» wolle. So war ich denn auf eigene Kräfte angewiesen, ließ aber trotz- dem den Mulh nicht sinken. Aus Erfahrnng wußte ich ja. daß ich nur durch eiserne Ausdauer und unausgesetztes Beobachten dahin gelangt war, die äußerst schwachen Flecke auf Saturn, Venus und Merkur i» solcher Zahl wahrzuuehme», daß ich ihre Umdrehungszeiten zu bestimmen vermochte. Wenn ich also auch anfangs nichts, oder nur verschwommene, undeutliche Helligkeirsuntcrschiede sah, so setzte ich meine Beobachlunge» doch unverdrosie» so lange fort, bis es mir einmal gelang, mehrere Flecke zu sehen, die auf dem oberen linken Rande der Scheibe anstauchten, längst des Randes hiuabzoge» und unten am lliande verschwanden. Aus de» in Zwischenpausen von je einer Stunde ausgeuommenen Zeichnungen schloß ich auf eine Rotation von 8— 8>/< Slniide». Trotzdem legte ich dieser Beobachtung lein allzu großes Gewicht bei. Als ich jedoch»ach Abschluß aller Beobachtnngen alle dreizehn Zeichnungen unter einander verglich und nachrechnete, fand ich zu meiner freudigen Ueberraschung, daß unter Zugrunde» legung einer Umdrebungszeit von 3'/� Stunde» alle verläßliche» Zeichnungen unter sich wunderbar stimmten, so daß es für sicher gelten kann, daß sich der Uranus wirklich in ungefähr 8'/« Stunden n»> seine Axe dreht. Diese Axeudrehung ist aber die schnellste bisher bekannte, denn selbst bei Jupiter belragl sie nahezu 19 Stunden. Uranus kann also auch in dieser Beziehung ein seltsamer Planet genannt werden. Bei einer so schnellen Umdrehung muß natürlich auch die Abplattung eine ganz bedeutende sein. I» der Thal fand Schiaparelli im Jahre 1833 eine solche von hii; doch muß sie in Wirklichkeit viel größer sein, weil selbst damals Uranus nicht so stand, daß man seine Scheibe zwischen den beiden Polen hätte mesien können.(In eine solche Stellung kommt er leider niemals!) Und gegenwärtig steht er so, daß er uns seine ganzen Nordpolgegenden zukehrt, während sich sein Acqnator nahe dem linken Rande befindet. Aus meinen Beobachtungen ergiebt sich ferner, daß die vier Monde des Uranus nicht genau in seiner Aequatorebene kreisen, sondern daß ihre Bahnen zu derselben geneigt sind. Gegenwärtig z. B. beschreiben sie nahezu einen Kreis um den Planeten heriun; vor 13 Jahren jedoch hatten ihre Bahnen scheinbar die Form von langgestreckten Ellipsen. Auch sonst bietet der Uranus viel Seltsames. Im Verhältniß zu seiuer Größe ist er z. B. außerordentlich leicht: nur 14 Mal schwerer als unsere Erde, was natürlich auf sehr geringe Dichte hinweist. Was seine physische Beschaffenheit anbelangt. so ist durch die Spektralanalyse das Vorhaudensein einer atmosphärischen Hülle fest- gestellt, die aber durch ihre Absorptionseigenschaft von der unsrigen abweicht. Sie gleicht mehr jener des Jupiter und des Saturn. Durch sei» Spektrum verräth Uranus, daß er Gase besitzt, die sich auf unserer Erde nicht vorfinden. Zu wundern ist das aber nicht; denn nachdem Uranus sich aus jenen Grundstoffen gebildet hat. welche den Aequalor unserer Sonne zu der Zeit umgaben, als diese noch bis über die Uranus-Bahn hinausreichte, so ist es auch selbstverständlich, daß der damalige Sonnenäquator Grundstoffe ent- hielt, die bedeutend leichter gewesen sein müssen, als alle uns heute bekannte». Denn es liegt aus der Haud. daß die schwersten Grund- stoffe sich um de» Kern der Sonne gruppire». die leichtesten aber ihre Außenhülle bilden müffe». Folglich dürfen wir uns durchaus nicht über die große Leichtigkeit bezw. geringe Dichte der äußeren Planeten wundern. Gerade das Gegentheil wäre merkwürdig! Bei dem Umstände, daß Uranus von der Sonn« so weit entfernt ist, versteht es sich von selbst, daß er zu einem Umlaufe sehr lange braucht; denn abgesehen davon, daß seine Bahnlänge eine bedeutend größere sein muß, muß auch seine Bewegung eine äußerst langsame sein.') In der That braucht Uranus über 84 Jahre zu einem Um- laufe um die Sonne, und bei der Schnelligkeit seiner Umdrehung, also bei der 5kiirze seiner Tage, zählt ein Uranus-Jahr nicht weniger als 39 276,3 Uranus-Tage!_ Vletnvs Feuillvkon — Die Farbe der Eidotter ist bei den von verschiedenen Stellen bezogenen Eier» im gekochten Zustande fast immer ver- schieden, und diese verschiedene Färbung ist wohl nur auf die ver- schiedene Beschaffenheit des Futters zurückzuführen. Diese Beob- achtung bezieht sich nicht nur auf die Hühnereier, sondern kann auch bei den säuimllichen Eiern unseres Hofgeflügels gemacht werden. Ist z. B. ein Teich von großen überragenden Eichen um« geben, und werde» die in das Wasser fallenden Eicheln von Enten genossen, so färbt sich der Eidotter infolge des auf den Eichelgenuß zurückzuführenden Tanningeballes dunkel, er kann sich sogar beim Genüsse von größere» Quantitäte», im gekochten Zustande so intensiv schwarz färben, daß man event. annimmt, das Ei sei ver- darben, trotzdem derartige Eier weder an Geschmack, noch an Nähr- werth verlieren. Füttert man ausschließlich mit Getreide, Mehl oder itarloffeln, so bleibt der Eidotter blaßgelb, haben die Enten einen freien Auslauf, sodaß ihnen Kerbthiere oder sonstiges mineralisches Futter zur Verfügung steht, so nimmt der Eidotter eine hochgelbe Färbung an. Leben Ente» auf salzhaltigen Gewässern und finden dort ausschließlich ihr Futter, so erhält der Dotter eine Hochrothe orangen- sarbige Farbe, welche sich bei dem Eidotter der Seevögel und Strand- vögcl regelmäßig zeigt. Wenn man die Hühner mit Getreide, itleie und gekochten Kartoffeln füttert, so ist der Eidotter ebenfalls blaß- gelb; will mau dagegen orangefarbenen Dotter erziele», so schaffe man de» Hühnern einen freien Auslauf, sodaß sie Grünes oder Würmer finde», oder man mische dem Futter etwas Kayennepfeffer zu, wodurch man dieselbe Wirkung erreicht.—- — Eisenbahnen gab es im Jahre 1394 ans der ganzen Erde 687 000 Kilometer. Davon siel nicht iveniger als die Hälfte auf Amerika und ein Drittel aus Europa. Das Anlagekapital für diese Bauten belänft sich ans 144 Milliarde» Mark. Am thenersten kommen die Eisenbahnen in England zu stehen. Man bezahlte dort das Kilometer mit 649 000 Mark; in Belgien wurden 320 000 Mark. i» Deutschland nur 245 000 Mark dafür ausgegeben. Im Jahre 1830 gab es auf der ganze» Erde 322 Kilometer Bahnen, 1340 3000 Kilometer. 1850 33 000, 1370 207 000, 1830 367 000 und 1390 545 000 Kilometer.— — Fische» mit elektrischem Licht ist jüngst i» England ver- sucht worden und hat, wie man der„Tägl. Rundschau" schreibt, einen überraschenden Erfolg ergebe». Das Fischen bei Lampen- oder Fackellicht ist wohl in allen Ländern stellenweise üblich; der englische Versuch bringt aber insofern eine Neuerung, alS die Lichtquelle zum Anlocken der Fische sich nicht außerhalb des Wassers, sonder» im Wasser befindet. Zu dem Zweck wurde ei» Fischer- bool mit einer Batierie ausgestatlet, die einem Glühlicht von fünf Kerzenstärke den Strom lieferte. Dieses Glühlichi wurde, durch Drahthüllen gehörig geschützt, Meier tief ins Waffer ver» senkt, wo es noch eine» Umkreis von etiva 50 Metern beleuchtete. Alle Fische, die sich im Bereiche des Lichtschimmers befanden, strebte» natürlich sofort der Llchtquelle zu, und in wenigen Augen- blicken hatte das Licht ungeheure Mengen von Fischen angelockt, so daß das Ergebniß des Fischzuges überaus reich war; stets waren die Netze überfüllt.— Theater. In seiner Roth griff das L e s s i n g- T h e a t e r am Sonn- abend zu de» Pariser Hausautoren des Residenz-Theaters und führte einen neuen Schwank„Da? Ordensband" von G. F e y d e a u und D e s v a l l i ö r e s auf. Feydean, der als witzig-zynischer Kopf gilt, hat diesmal ein zahmes Thema angesponnen; und wo Leute seines Schlages keine gepfefferte Schweinerei anbringen könne». um das Kind beim rechte» Namen zu nennen, gehen ihnen Witz und Keckheit verloren, lieber die Knopfloch- schmerze» des Dr. Paginel, der an keine Mikroben glauben will, machen sich die Autoren lustig. Hie und da wird ein satyrischer Seitenhieb ausgetheilt, aber zahm, sehr zahm! Dr. Paginet llammcrt sich au einen jungen Mau», den Neffen des Ministers; der soll ihm das rolhe Bändchen der Ehrenlegion ver- schaffen, dafür erhält der Jüngling die schöne Tochter Paginel's zur Frau. Ein ehrsamer Kuhhandel. Dr. Pagiuet aber hat Pech. Durch Zufall war er von einein Freunde in eine Sozialisten- Versammlung gezogen worden, und mit der Ritterschast wird es nichts. Der Minister kann dem kompromittirle» Paginet das Bändche» nicht verleihen, als galanter Mann aber dekorirt er Madame Pagiuet. die Vorsitzende eines Wohlthätigkeits- Vereins. Daraus, daß Herr Paginet irrthümlich dekorirt zu sein meint, während in Wirklichkeit seine Galiin Ritter der Ehrenlegion •) Nachdem ein sich um einen anderen drehendeu Körper nur dann nicht aus diesen fallen oder sich von ihm entfernen kann, wenn sich Anziehungskrasl und Fliebkraft völlig gleich sind, so ist die Be- wcgung eines sich um einen anderen drehenden Körpers desto schnellen je näher er zu letzterem steht, und desto langsamer, je weiter er vor ihm entfernt ist. ist. baut sich der dürftige Spaß der Komödie. Zum Schluß werden die Knopflochschmerzen Paginet'S dennoch geheilt.— Für die Schau« spieler ist in solchen Stücken nicht viel zu holen. Herr Guthery strengte sich an, lustig zn wirken; aber man merkte die An- strenguug. Auch im Residenz. Theater ist ein französischer Schwank der Firma G a n d i l l o t.„die Afsocie's", mit nicht viel größerem Glück gegeben worden, trotzdem Herr Gandillot bei dem alten Rezept bleibt, zwei Männer um eine Frau zu gruppiren. und aus diesem Verhältniß zu dreien die sogenannte Pikanterie herauszuziehen.— Die uniformen Pariser Echwänke der bekanntesten Handelsfirnren haben in diesem Jahr ihre Wirkung versagt. Trotzdem hat kein Thealerdirektor sich die Mühe genommen, sich um den wirklich literarischen Nachwuchs in Frank- reich ernstlich zu bekümmern. Man glaubt nicht, mit wie wenig Witz auch die Thealer regiert werde»; und da wird so viel Auf. Hebens davon gemacht, wenn ein Theater seinen Direktor wechselt. Ter französische Import! Der Herr Direktor reist nach Paris, amustrt sich weidlich und kaust die Marktwaare, die ihm der Agent aufdrängt. Und wir daheim hören Wunder von der Umsicht und Thätigkeit des Herrn Direktors. Schachermachei, nichts als Schacher- machet! Im Z« u t r a l- T h e a t e r hat man einen neuen Locktitel für eine theatralische Revue gefunden.„Ein fideler Abend" wird das Kunterbunt genaunl. Solch' Locktitel ist die Hauptsache. Am Sonnlag wurde die Revue zum erste» Male aufgeführt. Was an höheren und niederen Künsten in der letzten Zeil au uns vorüber- zog, das ist von de» Verfasser» der Revue ausgeschlachtet worden: vom Kollegen Crampton und dem Rauteudelein an bis zum Tingeltangel« Kouplet der jüdische» Posse„Endlich allein" und dem Radaugastspiel des unseligen Schmieredirellors Lumpe, der den„Kaiser Heinrich und sein Geschlecht" aufführt. Zu parodistischer Belhätiguug hätten die Herren Freund und Manustädl Raum genug ge« habt. Aber da ist der parteilose Theaterdireklor, der da meint, die Masse der Besucher„meines Kunstiustituts" darf nicht mit Geist niolestirt werde», und so sorgte der bedächtige und profilkuudige Mann dafür, daß die witzigen Einfälle sich nicht vordringlich breit machen. Das Publikum soll seine gewohnten Gassenhauer von der englischen Miß oder„Du ahnst es nicht" auf dem Theater wieder- finden, über alte Bekannte sich freueu und nicht durch originelle Späße unliebsam aufgestört werden. Auch der Rahmen zur Revue ist solch alter Bekannter. Der böse Kunstkritiker, einer von den Reißern, verfällt aus dem Redaktionsbureau in mitternächtigen Schlaf und Theaterdireklore», Dichter und eine wirre Folge von theatralische» Szenen erscheinen ihm im Traum. Da kokettirt Lieutenant Fritzchen mit dem Rauteudelein, Kollege Crampton be- schließt, Glockengießer zu Breslau in der Stadt zu werden. die fünf Barrisons tanzen vor dem Brnnnengeist Nickel- mann ihre» nächtlichen Reigen, Fritzchen hat die nieder- kollernde, versiiikende Glocke mit seiner Licutenantsfaust aufgehalten (es ivar eine kleine Tischglocke) und so weiter. Wie man sieht. brauchen bei so plattem Ulk auch jene Leute, die Hauptmann und Suderman» oder den große» Donat Herrnfeld, den Vater des jüdisch-deutschen Possengenres am Alexanderplatz, nicht kennen, de» Kopf sich nicht zil zerbreche», die Hauptsache bleibt nach wie vor: Die Eroberung der Bühne durch Nachäfsung des Tingeltangels. Und doch wird man auch in dieser Revue an die ältere Berliner Posse gemahnt, wenn Thomas auftritt und Dr. Peschke, der ge« schwätzige Barbier, und die Vorlesung bei der Hausmelsterin wieder lebendig werden. — I in B e l l e- N l l i a u c e- T h e a t e r ist nunmehr gleichfalls die Senfationsgeschichte T r i l b y dramatisirt worden. Wir haben den Inhalt des überseeischen Romans gelegentlich der im Thalia-Theater erfolgten ersten Aufführung eines nach ihm her« gerichteten Bühnenwerks kurz angedeutet und können uns daher für heute mit der Mittheilung begnügen, daß der neue Bearbeiter, Richard Mark, die Sache ziemlich seriös genommen hat und einzig auf die Hervorkehrung des Sensationellen erpicht war. Den Hypnotiseur gab Herr Julius Türk sehr geschickt, die Sängerin Trilby wurde von Fräulein Wolff ein wenig matt dargestellt.— — Menschenfresser", das polizeilich verboten gewesene Schanspiel in 4 Akten von Max W i e l a n d. ist nunmehr sür das Friedrich Wilhelm städtische Theater freigegeben worden. Die Aufführung des Stückes ist für Donnerstag, den II. d. M. angesetzt.— Medizinisches. — In der Pariser �cackemis des Sciences wurde kürzlich von Potain und Eerbanesco auf die Bedeutung der Röntgen- strahlen zur Diagnose von Gichterkrankungen hingewiesen. Da sich harnsaure Salze für die Strahlen sehr durchgängig er- wiesen(achtmal mehr als die normalen Knochensalze), zeigte» sich bei Durchleuchtung an den durch Einlagerung von harnsauren Salzen verunstalteten Gliedern helle Flecke; diese sind bei normalen Knochen oder bei den durch chronischen Gelenkrheumatismus, wenn auch noch so hochgradig verdickten, nicht wahrzunehmeii. Die in manchen Fällen recht schwierige Unterscheidung zwischen Gicht und Rheumatismus würde also auf die erwähnt« Weise leicht mög- lich sein.— Geographisches. — Ein neuer bisher unbekannter Wasserfall, der seiner Ausdehnung nach wohl zu den größten der Erde zn rechnen sein wird, ist vor kurzem in Venezuela entdeckt worden. Der„Scientific American" bringt darüber einen Brief von einem der Entdecker, die im Auftrage der Orinoco Company die Umgebung der Ufer dieses Fluffes erforschten. Am 15. Oktober 1896 hörten die Reisenden, die aus schwierigen und unzugänglicheu Pfaden in das Gebiet der Jmataca-Berge vorzudringen beschäftigt waren, ein Geräusch, das sie zuerst für fernen. lang anhaltenden Tonner hielten; nack» einigen Stunden aiigestreugten Marsches in der Richtung des Schalles befanden sie sich an einem Wasserfall von außerordentlichem Umfange. Der Fluß bricht in diagonaler Richtung durch eine senkrechte Fels- wand von ungefähr 560 Meter Höhe, theilt sich in mehrete Arme. die ihrerseits wieder sich in zahllose Staubbäche von phantastischen Formen auflösen, und verändert im Falle sein« Richtung derart, daß er nach seiner Wiedervereinigung am Fnße des Felsens fast in entgegengesetzter Richtung von der bisher eingehaltenen weiter fließt. Die Entdecker brachten es fertig, au Schlingpflanzen und Gestrüpp bis auf etwa ein Drittel der Höbe des Felsens hinauf zu klettern; doch es gelang ihnen nicht, die Spitze zn erreichen und festzustellen. wo der Wassersall seineu Ursprung nahm.— Humoristisches. — Aus dem„Rollwagen Küchlein". Zu Poppenried wohnte ein Mönch, der die Pfarre: daselbst sollte versehen. Er halte eine überaus grobe Stimme; wenn er aus der Kanzel stand, so meinte, wer ihn vormals nicht gehört hatte, er wäre von Sinnen gekommen. Eines Tages vollführte er wieder ein solch jämmerlich Geschrei. Da war eine gute, alte Wittfrau in der Kirche, die schlug beide Hände heftig zusammen und weinte gar bitterlich; das nahm der Mönch gar eben wahr. Als nun die Predigt ausging, der Mönch zu der Frau sprach, was sie zu solcher Andacht bewegt hätte.„O lieber Herr," sagte sie,„mein lieber Hausivirth selig, als er ans dieser Zeil scheiden wollte, wußte er wohl, daß er mit seinen Verwandten sein nachgelassen Hab' und Gut theilen mußte; darum begable er mich im voraus mit eiuem hübschen, jungen Esel. Nun dauerte es nicht sehr lange nach meines Mannes seligem Tode, daß der Esel mir auch starb. Als Ihr nun heute morgen also mit einer großen und starken Stimme aus der Kanzel anfinget zu schreien, gemahntet Ihr mich an meinen lieben Esel; der hatte auch solche Stimme wie Ihr."— Vermischtes vom Tage. — In Köln stehen die am Rhein gelegeueu Straßen der unteren Stadttheile unter Wasser.— — Während über Mitteleuropa ein Schnee- und Eismantel ge« spreitet ist, hat an der Adria der Frühling bereits seinen Einzug ge- halten. Bei Gradiska blühen schon Veilchen und Fingerkraut im Freien.— — In Bayern werde» demnächst die Führer einzelner Schnell- und Personenzüge mit tragbaren Telephon-Ap paraten ausgerüstet. Hiernach wird ermöglicht, bei plötzlichen Hinderniffcn, wieSchneeverwehungen, Maschinenschäden, Zilsammenstößen, Unglücks- fällen auf freier Strecke von jedeni beliebigen Punkte ans durch An» schluß au die Slreckenleitungeu telephonische Meldungen an die Slationen der Linie zwecks Entsendung von Hilsszügen und Hilss- »'.annschaften gelangen zu lassen.— — E l w a s d u n k e l. In einem Gerichtssaalbericht heißt es: „Nachdem der Kuh die Schelle abgenommen war, wurde sie an den Hörnern mittels Strick, ohne an eine Zahlung zu denken, nach Hanse getrieben, wo das Diebespaar unbeanstandet und gut an- kam."— — Dreitausend Zeugen find für einen Strafprozeß namhaft gemacht worden, der im April in Wie n zur Verhandlung komme» wird. Es handelt sich um Ratenbrief-Schwindeleien.— — 550 000 Gulden verlangt der ungarische Handelsminister vom Parlament zur Deckung deS Fehlbetrages, den die Budapester M i l l e n n i n in s- A u s st e l l u n g ergeben hat.— — Ans einem Masken balle in Haarlem(Holland) brach Feuer ans. Zwei Frauen kamen in den Flammen um.— — Russische Silberrubel sind in der letzten Zeit massenhaft in die deutschen Grenzbezirke eingeführt und an Stelle von Thalerstücken in Zahlung gegeben worden. Der Silber- rubel gilt augenblicklich 2,17 M.— — Von der Pest. Nach einem Bericht des Chefs des trans- kaspischen Gebietes aus Taschkent herrscht in K a n d a h a r die Pest. Längst des Amu-darja ist ein Ueberwachnngskordo» einge« richtet worden.— — In London ist ein großer Möbelspeicher niedergebrannt. Der Schaden wird auf zirka 2 Millionen Mark geschätzt.— c. e. Eine neue Krankheit ist von Dr. Mc. Grew in Allegheny(Vereinigte Staaten) entdeckt worden. Die Krankheit, die in ähnlicher Weise wie das Nervenfieber und die Grippe auf- tritt, wird durch daS in den meisten Fällen unbeachtet gelassene Ausströmen von Leuchtgas aus schadhaft gewordenen Gasleitungen verursacht. Dr. Mc Grew, welcher der von ihm entdeckten Krank- heit den Namen„Efluviurn Anaemia" gegeben, ist zu der lieber» zengung gekoninien, daß tausende von Personen in größeren Städten die Opfer chronischer Gasvergiftung sind, ohne daß sie eine Ahnung von der Ursache ihrer Krankheit haben.—_ Verantwortlicher Redakteur: August Jacobey in Berlin. Druck und Verlag von Max Vading in Berlin.