Wnlerhaltungsblatt des Horwärts Nr. 31. Freitag, den 12. Februar. 1897. SZ tNachuruck verboten.) ItaKrö Vev Uotzte. Eine Waldbauerngeschichte aus unseren Tagen. Von Peter Rosegge r. Die Umsitzenden hatten mit gemischten Empfindungen und Gcberden zugehört. Einerseits waren sie überrascht von den hohen Preisen, die sie hier nennen hörten, dann wurmte es sie, daß der Fremde ihre Grundstücke doch so wegwerfend abthat; andererseits hofften sie, daß deswegen der Handel nicht zuftande kommen ivürde. „Hm!' sagte nun der Gnldeisner hastig,„da mögen Sie weit umgehen, einen Hof, wo alles so beisammensteht, das Vieh, die Fahrnisse doppelt und dreifach, die Gebäude in gutem Zustand, so>vas finden Sie nicht mehr.' Fast im Flüstertöne sagte er es, denn er war nicht gewohnt, sein Besitzthum mit Worten zu loben, er wußte zu gut, es lobte sich selbst. „Tie Gebäude,' antwortete der Kampelhcrr,„schätze ich nach dem Holzwerth. Ich würde sie zu Kohlen verbrennen lassen.' Das wollte dem Guldeisner schier ein wenig ans Herz zucken. Seinen stattlichen Guldeisnerhof zu Kohlen brennen! — Allein das Hcrrenschlössel draußen in Krebsau, welches er sich bereits beschaut halte, ist noch vornehmer, als das alte Bauernhaus da oben, es ist aus Backsteinen gebaut und mit Schiefern gedeckt, das kann nicht zu Kohlen gebrannt werden. Holz ist Holz, und Geld ist Geld. Jeder ein Narr, der sich's besser machen kann und thut's nicht... „Herr Kampelherr,' sagte der Großbauer, und seine Stimme bog sich weicher, als es ihni selber lieb war,„das einund- dreißigste Tausend machen Sie voll! Werden nachher mit der Wirthschaft um so mehr Glück haben.' „Dreißig tausend sieben hundert Gulden und keinen Kreuzer mehr," sagte der Kampelherr gleichmüthig. „Wenigstens," flüsterte der Guldeisner und legte sich mit dem Oberkörper über den Tisch hin,„wenigstens einen guten Lcihkauf dazu!") „Pfui Teufel!" brummte einer am Ncbentische,„der Großbauer bettelt!" „Lcihkauf?" fragte der Kampelherr,„für wen denn? Ter Guldeisner hat ja, so viel ich weiß, keine Frau." „Das nicht, Frau nicht. Ist eh so," stotterte der Bauer und trank. „Ich bitte Sie, Stcppcr!" rief der Kampelherr dem vor- übergehenden Wirth zu,„sagen Sie meinem Kutscher, daß er einspannen soll." „Geschwind wie der Wind," entgegnete der dienstfertige Mann und eilte davon. Ter Gnldeisner hatte sehr rothe Wangen bekommen, seine Nasennüstern zuckten stark, seine Augen rollten lebhaft bin und her, und mit den Fingernägeln trommelte er auf dem Tische. Plötzlich riß er sein rothe» Taschentuch aus dem Sack und rieb sich damit von der Stirne die kalten Schweißtropfen. Hoch vom Bergcsrücken herab winkten ihm die alten Tannen und Lärchen seines Waldes. Hinter jungem Anwuchs ragten die Kronen auf, von den Schirmbäumen seines Hauses. Einen Augenblick war ihm, als ob eine Stimme durch die Luft weine: Franz! Franz, bleib' uns getreu!— Tie Stinime der Vorfahren, die im Grabe schliefen.— Ter Kampclherr zog die Geldtasche hervor, um dem Wirthe die Zeche zu bezahlen, und als der Gnldeisner die großen Banknoten sah, die ganz unordentlich in das Lederfach hineingepfercht waren, da verlor er die Bcsiunung.„Eoltswill, Kampelherr, der Guldeisnerhof gehört Dein!" rief er und schlug in die Hand. Mehrere der Unisitzenden sprangen von ihren Bänken auf. „Schade um die braven Eltern, die Tu gehabt hast!" sagte einer halblaut. Das härte der Guldeisner; sonst hätte er derlei Anzüglichkeiten mit stiller Verachtung bestraft, jetzt fühlte er die Nothweudigkeit, sich zu vertheidigen. „Meine Eitern!" schmetterte er scharf auffahrend,„was babt Ihr mit ihnen?' Dann sagte er gemüthlicher:„Unsere Vorfahren— Euere wie meine— sind selbst nicht in Alten- nioos geblieben. Keiner! Kein Einziger." Leihkauf— Extrageld, Draufgabe für daS Eheweib. „Freilich sind sie nicht in Altenmoos geblieben," lachte der jetzt herbeigekonimene Dreisam,„weil man sie hat hinaus- getragen auf den Sandebncr Kirchhof." „Schon gut. Ganz gut," sagte der Gnldeisner, aber jetzt war er heiser,„die mögen nicht einmal begraben liegen in Altenmoos. Und unsereiner sollt' da lebendig versauern? Ein Narr müßt' einer sein!" Ter Kampelherr brach eine frische Flasche an. Der Guld- cisner hieb mit der Faust auf den Tisch, daß die Bretter surrten.„Aus ist's und gar ist's!" rief er.„Jetzt haben wir Feierabend. Jetzt ist's lustig, jetzt hebt der Festtag an!" Ter Kampelherr zählte ihn» gleichgiltig, als wären es Spielkartcnblätter, die Banknoten vor. Dabei wollte sich der Wind einmischen, dieser war der Meinung, so viel Geld sollte nicht einem einzigen Menschen zufallen, und er suchte die Tausender ein wenig unter der Gesellschaft zu zerstreuen. Aber der Kampelherr beschwerte das gezählte Banknoten- büschel mit seinem Taschenmesser, daß er dem Bauer nun auch die Hunderter vorziffern konnte. Der Gnldeisner nahm die Zigarre aus dem Mund, klemmte sie aber sofort wieder zwischen die Zähne; die Leute sollen sehen, daß ein Gnldeisner wegen des Jndeusacksteckens von dreißig tausend Gulden daS Tabaksfeuer nicht ausgehen läßt. Er bog den Papierbuschen mit scheinbarer Gleichgiltigkeit zusammen und schob ihn in seine Brusttasche. Da hieb ihm auf einmal der Altknecht des Reuthofers, der Luschel-Peterl, die Hand auf die Achsel:„Franzel, namla wohl wahr, heut' zahlst eins!" „Seit wann?" fragte der Guldeisner und wendete sich um,„seit wann sind denn wir zwei so gute Kamerade» miteinand?" „Gute Kameradschaft ist alleweil schön. Gewiß auch," versetzte der Knecht,„wenn ich auch frei ein bisse! älter bin als wie Tu, und ein Banernknecht, desweg bin ich nicht �hoch- müthig und verachte niemand. Bist auch eiumal wer gewesen, Franzi. Wohl war ist's!" Der Mann wußte nicht, wie ihm geschah. War er denn der Gnldeisner nicht niehr, vor dem alle Altenmooser Leute Ehrerbictuug oder Furcht hatten?— Er war es nicht mehr. Der Boden, auf dem er so fest tlnd stolz gestanden, war plötzlich weggezogen unter seinen Füßen, er zappelte in der Luft. Aber er wollte zeigen, wo jetzt seine Stärke lag, nicht mehr auf dem Erdboden, sondern in der Tasche.� Das Geld riß er heraus und schrie:„Steppenwirth! das große Faß vom Besten zapf' an! Die Altenmooser Leut' sollen trinken! Trinken, so viel sie mögen! Ich zahl' alles!" Beugte sich nun der Sepp in der Grub vor von seinem Sitz und sagte:„Wir Altenmooser Bauern können freilich trinken, so viel wir mögen, das wissen wir. Und daß wir unsere Sach' auch selber zahlen können, das sollst Du wissen." Er stand auf und ging in die Stube. Mehrere machten es ihm nach, darunter der Dreisam und der Luschel-Peterl. Der Dreisam sagte:„Wir brauchen den abgehaustcn Gnld- eisncr nicht dazu. Das größte Faß vom Besten wird sowieso angezapft. Der Herr Waldmeister soll hereinkommen, wir wollen jetzt ein anderes Zauberstückel miteinander probiren." Ter Waldmeister ließ nicht auf sich warten, und jetzt ging in der Stube die Geschichte mit dem Bart an. „Wer hat den stärksten Bart?" fragte der Wirth seine Gäste. „Der Dreisam!" riefen sie. «Glaub' nicht," sagte der Wirth und zog einen Schlüssel ans dem Sack,„der da, denn er sperrt mit dem Bart das Kellerschloß auf." „Ernsterweise!" rief der Waldmeister schnarrend und zeigte auf den Dreisam.„Ter Kerl sagt, sein Bart wäre länger gewachsen, als ich au einem Tag lausen könnte. Er soll den Ausspruch wiederholen!" „Mein Bart ist länger gewachsen, als der Herr an einem Tag laufen kann," sagte der Dreisam und zog seinen Bart mit den Händen auseinander, daß man dessen ganze Länge und Neppigkeit sehen konnte. Hinter dem Ofen schlug eine Amsel. „Altes Lügenmaul!" begehrte der Waldmeister auf.„Der Räuber in Grätz bat den längsten Bart gehabt, und hat ihm der nicht weiter als bis an die Zehen gelangt! Der Friedrich Barbarossa, liest man, bat einen übernatürlichen Bart nnd ist doch nicht länger als dreimal um den steinernen Tisch gc- wachsen. Und so ein lumpiger Bauernfant will sich prahlen mit seinem Fuchsschweif am Kinn." „Schrei wie Du willst," sagte der Dreisam,„mein Bart ist halt doch länger gewachsen, als Du laufen kannst in einem Tag.— Sagt einmal, Männer, wie lang trag ich schon den Bart?" „Dreißig Jahr nnd länger," riefen sie. „Wie voll, wenn man die Haar' zählen will?" „Die Haar'? Gewiß über zwei tausend." „Wie lang?" „Eine halbe Elle im Durchschnitt das Haar," stimmten sie. „Gut," sagte der Dreisam und schmunzelte,„zweimal im Jahr abschneiden, macht zweitausend Ellen Haar, in dreißig Jahren scchzigtausend Ellen. Kann der Herr an einem Tage jechzigtausend Ellen weit laufen?" Hinter dem Ofen zwitscherte ein Ginipel. Jetzt brack das Gelächter los. „Ja," rief der Waldmeister,„wenn Ihr die Haare hintereinanderlegt! Ah, da glaube ich's!" Er lachte auch, aber sein Lachen war säuerlich. Ucbcrtölpelt! Bauernwitz! Es ließe sich— dachte er— schon was entgegnen, aber die Lümmel sind zu schlagfertig. „Dreißig Maß, hat der Herr Waldmeister gesagt?" fragte der Dreisam mit einer ganz niederträchtigen Ge- schmeidigkeit. „Saus' Dich zu todt!" knirschte der Oberförster und ver- lor sich in der Wenge. Ter Gimpel hinter dem Ofen zwitscherte so lange, bis man dem Luschel-Petcrl sein Recht anthat— einen guten Trunk, in welchem die Vogelstimmen denn auch bald erstickten. Auf der Ofenbank neben dem Vogelpfeifer saß auch der Bauer Wegerer. Er hatte den Verlauf der Wette mit großer Aufmerksamkeit verfolgt, nun schüttelte er den Kopf und sagte: „Schau, schau! Hütt' mir's nit gedacht, daß es so ausgeht. Ist ihm rein aufgesetzt, dem Herrn Waldmeister, daß er den Wein muß zahlen." Bei dem Wegerer war nämlich alles„aufgesetzt", das heißt angeboren, vorausbestimmt. Man soll sich bei dieser An- schauung nicht schleckt stehen: Man läßt alle Viere gerad' sein, oder auch krumm, läßt den Herrgott einen guten Mann sein, oder auch einen schlimmen und hat, was auch geschehen mag, keine Pflicht und keine Schuld. Jeder Hagelschlag aufgesetzt. Jede Krankheit aufgesetzt. Jede Schlechtigkeit und jede Thor- heit aufgesetzt. Als man einige Zeit vor diesem Tage deni Wegerer den feisten Widder aus der Halde gestohlen hatte, verzichtete er auf die Verfolgung des Diebes.„Dem Widder ist's halt schon so aufgesetzt gewesen, daß er gestohlen werden muß." Und als vorhin die Verhandlung gewesen war zwischen dem Kampelherrn und dem Guldeisner, hatte der Wegerer zwischen der Leut' Köpfe hingelugt und gemurmelt:„Wird er? Wird er nit?" Und als der Guldeisner gefallen war, klatschte der Wegerer erregt in die Hände und rief:„Gedacht Hab' ich mir's! Ist ihm schon so aufgesetzt gewesen, daß er sein Haus muß verthun!" Dem Guldeisner war nicht behaglich. Er saß immer noch am Lindentisch, wollte sich nun aber zum Heimgang rüsten. Heimgang? Er stand auf und ging. An der Brücke blieb er stehen und that, als ob er in den Fluß hinabschaue, was die Forellen machten. Heimgang?— Einen Holzknecht, der des Weges kam, rief er an, ob sie Zwei nicht mit- einandergehen wollten? „Wahr ist's," sagte der Holzknccht,„haben eh einen Weg selbander." Er war geschmeichelt, daß ihn der Großbauer heute so freundlich angesprochen. Dem Großbauer aber war bange um sein Geld und darum wollte er den einsamen Weg nicht allein machen. Was war denn vorgegangen, daß er jetzt auf einmal die Furcht wahrnahm? Er war bisher alle diese Wege gegangen bei Tag und bei Nacht, daß ihn jemand anpacken und berauben könne, war ihm nie eingefallen. Den Guldeisner- Hof und das weite Gelände konnte ihm keiner wegnehmen, fort- tragen. Und jetzt war jeder Wicht im stände, den Griff nach seinem Vermögen zu thun und ihn zum Bettler zu machen. So schwach war er geworden. Die Unterhaltung unterwegs war einsilbig, und der Holz- knecht dachte: Für Deine Langweiligkeit hättest Du Dir just keinen Wegkameraden aufzugabeln gebraucht, die hättest Du für Dich allein heimtragen können. Bei dem Hofe angekommen, verabschiedete sich der Guldeisner von dem Begleiter kurz und herrisch; cS wurmte ihn, daß er seiner bedurft hatte. Herrische, selbstn, ächtige Leute haben vor jedem Abneigung, von dem sie einmal eine Wohlthat nehmen mußten; sie fühlen sich am be- haglichsten bei Leuten, die sie je nach Belieben aufrichten oder niederdrücken können. Im Guldeisnerhofe versammelte der Bauer noch an dem» selben Abende sein Gesinde. Er theilte den Knechten und Mägden mit, daß er den Hof verkauft habe, daß sie im Spätherbst nach eingeheimster Ernte ihren Jahrlohn erhalten würden und dann ihres Weges gehen könnten. Die Leute schauten einander verblüfft an. Wenn der Winter kommt, sind sie obdachlos. Müßten sich halt umsehen, war sein Rath, der Kampel« Herr brauche vielleicht Holzleute. Oder draußen in den Fabriken. Oder in den Lettenbacher Kohlenbergwerken. Wer arbeiten wolle, der finde überall Erwerb. „In den Kohlenbergwerken," sagte ihm einer der Knechte halbsingenden Tones nach.„Na, wenn der Bauernknechl über der Erden keinen Platz mehr hat, muß er halt unter die Erden hinab." „Schäm' Dich, Bauer!" Dieses Wort schleuderte der zweite Knecht dem Guldeisner ins Gesicht. Dieser bäumte sich auf und warf dem Frechen einen finsterstolze», drohenden Blick zu, der sonst die Keckheit und Widerhaarigkeit des Gesindes, wenn sich's doch einmal herfürthat, sofort in den Grund zu bohren pflegte. Heute lachten sie ihn, ins Gesicht. Die Knechte hatten besser lachen können, als die Mägde. Aergerlich zog der Bauer sich in sein Zimmer zurück- Aber als er hinter sich die Thür zuschlagen wollte, klemmte sich ein Ellbogen dazwischen. Die Küchenmagd folgte ihm in die Stube und fragte, ob sie auch unter die Holzschläger oder Bergknappen gehen müsse? „He, he," lachte er überlaut,„ist eh in Altenmoos auch noch schön." „Was soll denn geschehen mit mir?" fragte sie mit einer Stimme, die vor innerer Erregung heiser und tonlos war. „Sepherl!" entgegnete der Bauer geschmeidig und drückte ihr die Hand.„Laß heute die Küchenlhür offen, ehevor Du schlafen gehst, wir wollen noch reden davon." Spät abends, während die beiden in der Küche davon redeten, lehnte im Stalle am Futterbarren die Kuhdirn und schluchzte und wimmerte:„Dieser Guldeisnerhof ist mein Un- glück." (Fortsetzung folgt.) tNachdruck verboten.) 3J Verlassen. Von K. B a r a n t f e>v i t s ch. Autorisirts Uebersetzung. (Schluß.) Von neuem dringt das trübe Morgenroth durchs Fenster; aber mit seinem schwachen Scheine zieht auch die Kälte in die ärmliche Jsba. Zwei kleine Wesen liegen auf einem Haufen Lumpe» und zittern. Ihre Augen, die vor Hunger glänzen, starren ins Leere. Unbeweglich hängt die Wiege an ihrem Hake», und ebenso un- beweglich liegt darin der kleine blasse Körper mit geschlossenen Augen. Waßjuta schreit nicht mehr; nur zuweilen reißt er den Mund weit auf und schnappt nach Luft. „Trinken!" wiederholt Pelka. Die Qualen des Hungers erreichen den Gipfelpunkt. Paraguka's Gesichtszüge verzerren sich; ein Ausdruck der Gier, der Grausamkeit und Wildheit tritt in ihre Auge»; und von neuem beginnt sie, fast unbewußt, zu suchen. Sie leckt die ungewaschenen Lössel und Gabeln ab, und sammelt die Krümchen auf, die die Mäuse noch nicht fortgeschleppt haben. Tann trinkt sie Wasser und giebt Pelka zu trinke». Wieder legt sie das Gesicht an die Scheibe und ihre Augen heften sich gierig auf den Schnee. Sie rührt sich nicht vom Fenster oder von der Thür fort. Und der kleine schwache Körper ist vom Hunger noch schwächer geworden; die Haut spannt sich; die krastloscn Beine könne» sich kaum noch bewegen. „Trinken! Mir thnt alles so weh?... Trinken' Und das schwache Geschöpf schleppt sich zur Tonne, nimmt den Krug in die zitternde» Hände und bringt das trübe Wasser an die ausgetrockneten Lippen des kleinen Bruders. Die Hoffnung lebt noch immer in den kleinen Herzen... „Er wird kommen, er wird kommen, der Vater," sagt sich Para- guka, um sich zu beruhigen.„Er wird fortgegangen sein, um Brot zu holen, und sobald er welches gefunden hat. kommt er zurück."— Die Tage sind kurz im Winter. Wieder bricht die Dämmerung herein; dunkle Schatten erfüllen die Jsba. Die Gegenstände ver- dichten sich in eine einzige, unbestimmte Masse, aus welcher die Decke der Wiege wie ein weißer Fleck herausragt. Alles ist stumm in der Jsba. Selbst die Mäuse haben sich davon gemacht, um nicht Hungers zu sterben; sie knabbern nicht mehr unter der Diele. Eine Grabeskälte herrscht überall. Und die armen, kleinen, erschöpften Wesen kämpfen»och immer... Der kleine, brennende Kopf lehnt sich gegen die mit Eis bedeckte Fensterscheibe; die müden Wimpern fallen zu; und lange, schöne Träume ziehen an Paraguka vorüber... Sie sieht Berge von Brot, Satten mit Milch, die sie sonst so selten zu Gesicht bekommt; sie sieht die Mamka, die sie herzt und streichelt und zu sich heranzieht nach irgend einen Ort, wo es so hell und klar ist, wo es so viele, hübsche Blumen giebt. Blumen, die sie noch niemals gesehen hat. Petka ist bei ihnen und läuft lachend und singend herum... Aber Waßjuta ist nicht bei ihnen. Paraguka sucht ihn und kann ihn nicht finden, als hätte ihn jemand fort- gebracht und hielte ihn versteckt... Und plötzlich, mitten in ihre» Träumen hört sie einen schreck- liehen, herzzerreißenden Schrei, und sogleich erinnert sie sich an Waßjuta. „Der arme Waßjuta schreit? Was hat man ihm gethan?' Sie erwacht und schleppt sich, durch die Finsterniß tappend, bis zur Wiege. Alles ist ruhig darin, ganz ruhig... Sie steckt die Hand in die Wiege und berührt de» kleinen nackten, eiskalte» Körper. Sie tappt weiter, kommt zum Gesicht und berührt mit ihrem Finger de» offenen Mund. Und— entsetzlich— in dem Munde spürt sie dieselbe Kälte. Es durchfährt sie wie ein elektrischer Schlag. Sie erkennt in ihrem kindischen Sinn, daß Waßjuta todt ist, todt ist wie ihre Mamka; aber sie will noch nicht daran glauben! „Waßjuta! Waßjuta!" murmelt sie und fängt an, ihn hin- und herzubewegen und zu schaukeln... doch keinen Ton bringt sie aus dem Kleinen hervor. Plötzlich ersaßt sie ein instinktiver Schrecken. Sie springt zum Fenster, vergräbt das Gesicht in die Hände und bleibt ohne zu athmen, ohne sich zu bewegen stehen... Die Morgenröthc verlieh ihr wieder einigen Muth. Sie entschloß sich, vom Fenster fortzugehen. Aber kaum hatte sie einige Schritte gethan, als«in unwiderstehliches Verlangen, sich Bewegung zu machen, sie erfaßte. Sie ging zur Tonne, schöpfte Wasser daraus und gab Petka zu trinken, der ebenso wie Waßjuta unbeweglich, ohne zu weinen dalag und nicht zu trinken verlangte, trotzdem aber gierig feine Lippen mit dem Wasser benetzte. Als sie Pelka zu trinken gegeben hatte, fühlte sie plötzlich eine außerordentliche Zärtlichkeit für ihn; sie nah»» ihn auf de» Schooß, streichelte ihm de» Kopf, wiegte und tröstete ihn. „Petegoka! Petiuschka! Petinnok!" sagte sie, ihn küssend. „Weine nicht, mein Täubchen. Weine nicht, weine nicht, mein Freund! Der Vater kommt ja! Er kommt ja, mein Kind!" Vorsichtig legte sie ihn auf die Bank und blieb mitte» in der Jsba stehen.... Noch immer wollte sie suchen und retten.... Ihre Hände zitterte», der Kopf wirbelte ihr. entsetzt blickte sie ans die Wiege, wandte aber sogleich den Kopf ab. Plötzlich bemerkte sie einen Haufen Spähne. Ein Gedanke schoß ihr durch den Kopf.... Sie raffte die Spähne zusammen und warf sie mechanisch in den Ofen.... Diese Arbeit erforderte viel Zeit.... Als sie aber fertig war, nahm sie ei» Streichholz und zündete das Feuer an. Augenblicklich flammten die Späne auf. Eine lebhafte Flamme erhellte die ganze Jsba. Sie kauerte sich vor dem Ofen nieder, nahm den Kops in beide Hände und sah zu, wie die Späne sich verzehrten. Seltsame Gedanken schössen ihr durch den Kopf.— <« Lange vor Tagesanbruch zündete Sila's Weib ihre Kerze an. und begann, in ihrer Jsba anfznräumen. Sila, der»och im Bett lag, betrachtete mit halbgeschlossene» Augen das Treiben seiner Frau. Aber lange dnrfte er nicht so liegen bleibe». Die„Baba" hieß ihn aufstehen und schickte ihn zum Reisigholen in den Wald. In diesem Winter brauchte man in der That viel Holz; die Witterung war sehr streng, und die Weihnachtszeit nahte; da mußte man Kuchen backen und ein Schwein schlachten. Sila brummte ein wenig; doch was sollte er thun? Er kleidete sich daher warm an, spannte sein Pferd an den Wagen und fuhr zum Walde. Bald hatte er Prov's J-ba erreicht; als er davor stand, wurde er blaß. Ein dicker Rauch, der immer stärker wurde, drang aus dem Schornstein. Sila sprang von seinem Schlitten, band sein Pferd an und lief zur Jsba. Ein Vorlegeschloß hing an der Thür. Er wunderte sich und Schrecken durchrieselte seine Glieder. Er ver- suchte zu klopfen, zn schreien; keine Antwort! Und noch immer drang der Rauch, immer dichter, immer dichter ans dem Schornstein. Sila lief um die Jsba herum, blickte in das Fenster und sah Paraguka vor dem Ofen niedergekauert sitzen. Der Muschik weiß nicht mehr, was er denken soll. Er stürzt ans die Thür zu und schlägt mit seiner Axt auf das Schloß; dasselbe weicht, und die Thür öffnet sich. „Paragnka!" schreit Sila;„wo ist der Vater?" Paraguka erhebt das Haupt, sieht ihn mit blöden, wirren Augen UN und fällt wie ein Bund Stroh zur Erde. Der Muschik eilt zur Wiege und bemerkt das tobte Kind. Entsetzt erhebt Sila die Arme gen Himmel... Die Baba erwartete ihren Mann mit solcher Ungeduld, daß sie es nicht mehr zn Hause aushalten konnte und ihm entgegenlief. Bald erschien Sila; aber statt des Reisigs hatte er auf seinem Schlitten etwas liege», das in Lumpen und Decken«in- gewickelt war. Das kleine Pferd dampfte. „Was giebt's denn da?" fragte die Hausfrau erschreckt. „Gott hat sie uns aus dem Walde geschickt!" erwiderte Sila. „Gieb ihnen zu essen und wärme sie ein wenig auf. Was de» Kleinen anbetrifft, so braucht er nichts mehr.—-- «« Der Frühling brach herein. Die Luft wurde wieder warm, die Sonne schien in vollem Strahlenglanze, der Schnee schmolz, die Bächlein flössen, und es erschien das neue Ergs. Zn dieser Zeit fanden zwei Muschiks, die de» Wald durchzogen, in einer Lichtung den Leichnam eines Mannes; und man erkannte in demselben den Waldhüter Prov.— WUeines Fouillekon — Bon einer Sosjagd erzählen sächsische Blätter folgendes: In den prächtigen Waldungen der Dresdener Haide, woselbst all» jährlich Hofjagden stattfinden, werden vom Forstpersonale stets einige kapitale Stücke Hochwild bereit gehalten. Die Thiers werden das ganze Jahr über gehegt und gepflegt, und wenn die königliche Jagd stattfindet, in den Schuß getrieben. Schon im vorigen Jahre war es aufgefallen, daß kurz vor dem Tage der Jagd kein einziges der Thiere zu sehen war, und zum großen Leidwesen der hohen Jagd- gesellschaft und des verdutzten Forstpersonals fiel die Jagdbeute in dem ohnehin wildarmen Jagdreviere recht kärglich aus. Niemand wußte, wer das Hochwild verjagt haben könnte. Wer beschreibt aber in diesem Jahre den Schrecken der Waidmänner, als auch bei der kürzlich abgehaltenen Hochwildjagd von ziemlich einem Dutzend Stück gezogenen Wildes nur ein einziges die Schußlinie passirte. Die Jagd- gäste waren natürlich hierüber abermals nicht sehr erfreut, und mit der fröhliche» Jagdstimuiung war es auch kür dieses Atal wieder gründlich vorbei. Vor einigen Tagen nun gelang es dem Forst- personale, de» Grnnd der eigenthümlichen Erscheinung aufzudecken. Ei» Waldarbeiter, de» man mit der Pflege und Abwartung des Hochwildes betraut hatte, halte sich an die prächtigen Thiere ge- wöhnt, daß er es nicht über das Herz bringen konnte,' dieselben dem Tode zu überliefern. Deshalb ließ er die Thiere am Tage vor der Jagd in das benachbarte Revier und so kam es, daß nur ein ein- ziges Stück Hochwild zur Strecke gebracht werden konnte.— Wir haben es übrigens einmal erlebt, daß man einen ehrsamen Staats- anmalt auf einen bereits todt geschossene» Hasen losknallen ließ, den man mit einer Strippe lenkte.— — Bolksthumliche Nniversitätsvorträge. Am 22. Februar beginnt an der Wiener Universität drr dritte Zyklus derartiger Vorlesungen. Es wird vorgetragen»verde» über: Elektromagnetismus (mit Experimenten); Physiologie der Sinnesorgane(mit Demo»- strationen); die bildenden Künste iin frühen Mittelalter(mit Skioplikondemonslrationen); die Polarforschung, ihre Geschichte und Ergebnisse; Geschichte Napolens I.; Verkrümmungen der Wirbel- säule und Gliedinaßen(mit Demonstrationen); Bauernbefreiung und Grundenllastung in Oesterreich; Vorgeschichte der altklassischen Länder; Nerven(mit Demonstrationen); den neuen Zivilprozeß; Franz Grillparzer; römische Geschichte(III. Theil); Chemie(mir Demonstrationen); Geschichte der deutsche» Literatur im 18. Jahr- hundert; Hygiene(Trinkivasser); die allgemeinen Rechte der Staats- bürger; elektrische Beleuchtung und Kraftübertragung(init Experi- menten und Exkursion); krankhafte Vorgänge im Nervensystem.— edcs dieser Unterrichtsfächer»vird in einem sechsivöchentlichcn ursus behandelt, für den ein Unterrichtsgeld von 63 Pf. erhoben »vird.— — Kleine Znckerfabrikante». Unter dieser Stichmarke schreibt der„Prometheus": Im Jahre 1352 fand der Chemiker Pelouze m den Früchten der Eberesche, nachdem sie einige Zeit in einem Gefäße gestanden hatten, eine zuckersüße krystallisirbare Substanz, die er Sorbin oder Sorbose nannte, und der Glucose. Galaktose und ähn- lichen Zuckerarten anreihte. Auffälligeriveise konnte dieselbe Snb- stanz später von Byschl, Dellfs und anderen Chemikern»veder in den frischen noch in den gegohrenen Vogelbeere»»vieder gefunden »verde», und auch Professor Bertrand gelang dies in neuester Zeit nicht, bis er eine zur Gäbrung aufgestellte Portion der Vogel- beeren von der ziegelrothen Essigfliege(vrosophila kunvdris) besucht sah, die allem Anscheine nach einen kleinen Mikrobe» mitbrachte, der sich rasch vermehrte und binnen kurzein eine reiche Zuckermenge in dem Safte erzeitgt hatte. Uebrigeus giebt es von diesen», im Herbst mit seinen mennig- bis zinnoberrothen Beerendolden die Straßen prächtig schniückenden Baume auch eine Abart,»velche direkt süße Beeren reift.— — Die Acrzte in Korea sind, wenn man dem in Söul er- scheinende», von Missionäre» herausgegebenen„Jndependent" glauben darf, die reine» Schinder. Die Medizin, die sie verschreibe», wirkt oft ganz fürchterlich. An» schlinimsten ist aber eine eiserne Nadel, Dsedim genannt, die von diesen„Heilkünstler»»" benutzt»vird. Sie ist drei bis süns Zoll lang und hat eine sehr feine Spitze. Die Aerzte tragen dieses Instrument geivöhulich los« in der Tasche, ohne es einzinvickel». An Reinigung nach dem Gebrauch denkt man nur ganz gelegentlich einmal, iveshalb die meisten derartigen Nadeln sedr schmutzig aussehen und den schönsten Nährboden fnr Bazillen aller Art abgeben. Gleichwohl stechen die Aerzte ihren unglücklichen Opfern bei dem geringsten Anfalle von innerliche» Schmerze» damit uulcr die Bauchbant, mos häufig den Tod herbeiführt.— Literarisches. — Goldschmied Leonor:.Im Morgen graue»." Soziale Novellen. Berlin, 1897. Verlag von August Drnbner.— Aergern und treuen zugleich muß man sich, wenn man die letzte Seile des dünnen Bandes umgesedlage»; freuen, daß es noch Schritt- fteller giebt, die neue Stoffe zu finden missen, ärgern über die Art, wie Herr Goldschmied seine Stoffe verhunzt. Von de» drei behandelte» Stoffen sind zivei die Aktualität selbst. In„Troll" wird ein Streik der Kinder geschildert, die beim Zuckerrübenbau beschäftigt werden. in„Die Auferstehung" findet ein Lumpensamniler in einer Arbeitslose»- Versammlung seine Menschenwürde wieder. Der Untat ist technisch nicht unerfahren. Er beherrscht und schreibt den Berliner Dialekt schier wie«in zweiter Arno Holz, er sucht mit heißem Be- mühen nach nenen Wendungen und Ausdrücken, aber gerade hier zeigt er auch am klarsten, daß er keinen Geschmack besitzt. Bei ihm .knallen die Blaublousen",.flinken» die Trompete» vorbei", .»vuppern und büscheln" die grünen Maien vorüber. Er kennt halbtaube.Schottel,,", schwarze.Filzlöb'", und das Dorf„glnpt" starr in die Landstraße. Er hat schon dicke„Lockenqualen" gesehen,.Augenringe", die sich„bohrend" erheben, und er hat gehört, wie Hufe.weich aushallen". Herr Gold- schmied läßt in der Novelle„Troll" einen ausrufen:„Ach was, alle Welt muß, muß dichten!" Nu», ab und zu wäre es schon angezeigt, wenn Dichter, wie der Autor, nicht jede Dununheit, die ihne» durch den Kopf fährt, sofort zu Papier brächten und mit Eilbrief in die Druckerei schickten.— Knust. Aus dem K u n st l e b e n Berlins ist nicht viel zu berichten. Die Ausstellung des.Westklubs" bei Schulte(einer Künstler- Vereinigung, die kernen gemeinsamen Grundzug anfiveist) bietet diesmal kaum eine besondere Anregung; bei Gurlitt sollen heute neue Werke von Ury und Louis Coriulh aufgestellt werden; und über die AussteUnng der„Bausteine" im Architektenhause schiveigl man besser ganz.„Geschenkte Kunst" ist da zu sehen. Die Berliner Künstler haben eben«in paar Hundert ihrer Ladenhüter oder vergrabenen Studien hervorgeholt. Der Ertrag ans dieser geschenkte» Kunst wird für den Bau des»engcplanten Künsilerhauses mit verwandt.— Geographisches. — Von anffallenden landschaftlichen Bcr- ä n d e r n» g« n in geschichtlicher Zeit im Kanton Zürich spricht «ine Notiz der Pariser„Revue Scientific", deren Gewährsmann allerdings nur unbestimmt als ein deutscher Geograph bezeichnet ist. Dieser Ungenannte hat eine Karte des Kantons Zürich aus dem Jahre 1867 im Maßstab« von �/row der natürliche» Größe mit den neuesten Aufnahmen derselben Gegend verglichen und hat daraus beträchtliche Beränderungen in dem landschaftlichen Charakter derselben festgestellt. Fast alle Seen haben von ihrer frühereu Ausdehnung einen Theil verloren, mehrere davon sind in diesen zwei Jahrhunderten völlig verschwunden. Bon 149 See'«, welche die alte Karte verzeichnet, find auf den Heuligen Karten bereits 73 verschwunden. Das mit Wald bestandene Gebiet hat sich um 10 pCt. durchschnittlich vermindert, die mit Wein be- bestandene Bodenfläche um 25 pCt. vermehrt.— — Der h ö ch st e Berg Japans ist der Mannt Morrison, er ist 13 890 Faß hoch. Unlängst wurde er von emige» Japanern bestiegen. Sie fanden ans dem Gipfel eine Temperatur von 40 Grad Fahrenheit. Der Berg ist kein Vulkan, ivie man bisher annahm. Bis zu einer Höhe von 8990 Fuß ist er dicht mit Ccdern bewachsen.— Technisches. — Der h ö ch st e Schornstein der Welt ist nach dem „Eeiverbeblatt aus Würtleinberg" der Schornstein i» der königlich tächsischen Harbrückencr Schinelzhütte bei Freiburg in Sachsen, der de» Zweck hat, die beim Abrösten der Erze freiwerdendcn Gase in die Lüsle.zu führen. Seine Höhe beträgt 149 Meter, ist also nur 21 Meter geringer, als die des Ulmer Münsters. Tie lichte Weile nimmt von unten nach oben von 5 Meter aus 2,5 Aleler ad. Die Ausführung bot vielerlei Schwierigkeilen technischer und anderer Statur; trotzdem war das Werk ein Jahr nach Beginn des Baues fertig; an Ziegelsteinen ivurden 1 979 299 Stück verbraucht, ebenso 15 289 Kilogramm Eisen- und Kupfer- theile. Die Gesainiutkosten betragen 130 999 M. Nur 3 Meter niedriger als dieser ist ein anderer Schornstein, zu dessen Vollendung aber sechs Baujahre erforderlich waren; derselbe befindet sich zu Port Dundas bei Glasgow; der nächste, der Größe nach, ist eben- falls in der Nähe von Glasgow, in St. Nollox; seine Höhe beträgt 132,7 Meter, die Bauzeit betrug drei Jahre und es waren zu seiner Vollendung!>/, Millionen Ziegelsteine nölhig. In der Nähe von Aachen befinden sich ebenfalls zwei solcher Niesen, der eine 131 Meter hoch, ans der Bleihütte zu Meiler- nicb, der andere 122.5 Meter hock zu Stolberg. Der letztere ist mit einer eingemauerten eisernen Treppe versehen, auf welcher er erstiege» werden kann. Was die eisernen Schorn- steine anbetrifft, so finden sich unter denselben ebenfalls Exemplare von respektabler Höhe. Der höchste derselben befindet sich auf dem Eisenhüttenwerk zu Crenzot in Frankreich und ist 85,3 Meter hoch. Diese eisernen Schornsteine sind bedeutend schneller herzustellen, als die aus Stein gebauten. So erforderte der 83,8 Meter hohe Schorn- stein der„Pearson and Knowles Coal and Jron Compagnie Wor- rington" nur 11 Wochen Zeit zu seiner Aufstellung. Derselbe ist aus 398 Blechen zusammengesetzt, welche durch 17 999 Nieten zu- samiuengehalten werden. Das Gesammtgewicht aller Eisentheile beläuft sich aus 115 Tonnen. Der merkwürdigste aller Schornsteine jedoch dürfte der auf der Weltausstelluug zu Chicago errichtete„Muster- schlot" gewesen sein. Derselbe war nämlich vollständig aus Stahl hergestellt, und zwar betrug die Dicke des Stahlbleches an der Basis 19 Millimeter, an der Spitze 4 Millimeter. Er hatte eine Höhe von 75 Metern bei 2,35 Metern Tnrchmeffer. Der untere Theil trug eine Verkleidung von feuerfesten Ziegeln, welchen durch Winkeleisen ein festerer Halt gegeben war. Diese Winkeleisen sind wiederum mit den Stahlblechen vernietet. Um das Blech gegen Korroston zu schütze», ivar dasselbe innen und außen mit einem Anstrich versehen. Die HersteUungskosten sollen sich auf ca. 7999 Dollars belaufen und das Gewicht soll 259 Tonnen betragen haben.— Humoristisches. — Ganz sonderbar! Serenissimus hat sich ans der Jagd« müde und hungrig gelaufen und möchte gerne etwas essen: die Eßsachen befinden sich aber in ziemlicher Entsernung. Darum sagt der Forstmeister: Geruhen Durchlaucht, im Forsthause hier i» der Nähe einzukehren— V Es dürfte vielleicht— Durchlaucht: Verstehe — ö— famoser Gedanke Jmprovisirle Mahlzeit-- äh! Gehen wir!—— Im Forsthause wird die Frau Försterin dem hohen Herrn vorgestellt. Durchlaucht: Aeh— hm! Freut mich, liebe Frau. Also—— ich lade mich ein.(Lacht vergnügt.) Ausgezeichnet!(Lacht noch vergnügter.) Was— hm— (denkt nach)— ja— was giebt es denn— hm bei Ihnen zum Diner? Försterin: Zwetschkenknödel. Durchlaucht. Durchlaucht: Was—?(Zum Forstmeister:) Was sagt die Frau? Forstmeister: Zwetschkenknödel. Durchlaucht. Durchlaucht(köpf- Ichüttelnd): Merkwürdig— das ist— dieses Gericht— habe ich noch nie gesehen.-- Forstmeister: Klöße mit Pflaumen, Durch- laucht. Durchlaucht: Ah so, so!— Verstehe nun.— Die Zwetschken- knödel kommen auf den Tisch. und Serenissimus schneidet den ersten aus. Dann blickt Durchlaucht verwundert bald auf den Teller, bald auf den Foistmeister. Sein Erstaunen scheint sich gar nicht lösen zu wollen. Endlich fragt er:— Hm— sagen Sie mal, lieber Forstmeister— äh— diese Knödel-- wer hat das gekocht? Forstmeister: Die Försterin, Durchlaucht. Durch- laucht: So! Seltsam— äußerst seltsam--- bitte, rufen Sie mal die Frau!—(Daun zur Försterin):— Also— liebe Frau— diese Zklöße haben Sie zubereltet? Försterin: Jawohl. Durchlaucht. Durchlaucht(nach langem und angeslrengteni Nachdenken): Aber— ich begreife noch immer nicht— hm! wie denn— äh— eigentlich die Pflaumen hier hiueinkoinmeu—(schneidet einen zweiten auf)— und hier—(einen dritte»)— und hier!-- Es ist doch— äh — hm— nirgends ein Loch!— »vermischtes vom Tage. — Im Dezember vorigen Jahres sind 115 Schiffe. 92 Segelschiffe mit 32 989 Registertous und 23 Dampfer mit 16 558 Registertons verloren gegangen.— — Auf der Zeche„Konstantin der Große" bei B o ch u m ver- unglückleu vier Arbeiter, davon zwei in der Kokerei und zwei in der Grube. Von den erster«» wurde einer von den uachjallenden Kohlen im Kohlenthurm erschlagen.— — Das Kabel Emden-Vigo hat unfern der englischen Küste bei Dungencß im niedrigem Wasser eine Beschädigung er- litten, wahrscheinlich durch Treibeis. Die Wiederherstellung ist bereits im Gange.— — Ein großer Fischzug wurde unlängst von Lassaller Fischern mit einem Eisgarne am Eingange der ik r u m m i n e r Wiek(Insel Usedom) gemacht. Es wurden für 9999 M. große Fische, meist Zander und Bleie gefangen.— — S ch i f f s n n g l ü ck. Das norwegische Schiff N a n r a m a, vermuthlich von Bilbao kommend, wurde eutmastei und von der Manuschast verlassen angetroffen und an die sranzösische Küste ge- schleppt. Ein lebender Hund war noch an Bord.— — In New-Jork ist der Opernsänger Casteloiary ans der Bühne gestorben, während er die Rolle des Tristan in der Oper „Martha" sang.— —'Amerikanisches P r o tz e n t h u m. In N e iv- I o r k veranstaltet der Millionär Bradley-Martin dieser Tage einen Maskenball. 1899 Personen sind dazu eingeladen worden; die Kosten werden ans 299 999 M. geschätzt.— — Von der Pest. In Bombay sterben jetzt auch die Geier, welche die Leichname auf dem„Thurme des Schweigens"(der Begräbnißstälte der Parsen) verzehrten.— Die nächste Nnmmer des Uuterhaltnngsbialtes erscheint Sonn- tag, den 14. Februar. Berantwortlicher Redakteur: Slugust Jacobey in Berlin. Druck und Bering von Max Babing in Berlin.