Ur. 183. Abonnements-Krdwgungra: «bonnemintS-Pret» pränumerando! vierteljährl. SL0 Mk., monall. I.ioMl.. wöchentlich 28 Pfg. frei ins Hau«. Einzelne Nummer S Pfg. Sonntag«- Nummer mit illustrierter Sonntag«» Beilage„Die Neue Welt" to Pfg. Post- Abonnement: SL0 Marl pro Quartal. Singetragen in der Post-Zeitung«- Preisliste für 1809 unter Sr. 7820. Unter Kreuzband für Deutschland und Oesterreich-Ungarn 2 Marl, für da» übrige Busland S Marl pro Monat, «rscheinil täglich nutzer Donlag». Vevlinev Volksblalt. 16» Jahrg. DI« Jnstrttons- Gebühr beträgt für die fechSgefpaltsne Kolonel- »eile oder deren Raum«0 Pfg., für politische und gewsrlf chaftliche Vereins- und Versammlung«-Anzeigen 20 Pfg. „Kleine Anieigen" jedes Wort 6 Psg. (nur da» erste Wort set». Inserate sür die nächste Nummer müssen bis s Uhr nachmittag« in derExpedirion abgegeben werden. Die Expedition ist an Wochen- lagen dt« 7 Uhr abends, an Sonn- und Festlagen dt« S Uhr vormittag« geöffnet. Fernsprecher: Amt I, Nr. 1508, Telegramm-Adresse: »Sorinldrmokrat Berlin» Centralorgan der socialdemokratisrhen Partei Deutschlands. Redaktion: LM. 19, Venth-Steafze 2. Dienstag, den 8. August 1869. Expedition: SW. 19, Benth-Strahe 3. Parteigenossen l Saut Beschluß des vorjährigen Parteitages findet der diesjährige in Hannover statt. Auf Grund der Bestimmungen der§§ 7, 8 und 9 der Partei- Organisation beruft die Parteileitung den diesjährigen Parteitag auf Montag, den S. Oktober nach Hannover in den„Ballhof", Burgstr. 9, ein. Als provisorische Tagesordnung ist festgesetzt: Montag, den 9. Oktober und die folgenden Tage: 1. K o n st i t u i e r u n g des Parteitages. Wahl des Bureaus. Festsetzung der Geschäfts- und Tagesordnung. Wahl einer Kontmission zur Prüfung der Mandate. 2. Geschäftsbericht des Vorstandes. Berichterstatter: I. A u e r und A. G e r i s ch. 8. Bericht der C o n t r o I c u r e. Berichterstatter: H. M e i st e r. s. Bericht über die parlamentarische Thätigkeit Berichterstatter: G. H o ch. 5. Die Zuchthausvorlage vor dem Reichstage. Berichterstatter M. S c g i tz. ö. Erörterung über Punkt 3 des Programms. Berichterstatter: F. Geyer. 7. Die Angriffe auf die Grundanschauungen und d i e taktische Stellungnahme der Partei. Berichterstatter: A. Bebel. ö. Die Maifeier 1900. Berichterstatter: W. P f a n n k u ch. 9. Anträge zum Programm und zur Organisation 10. Sonstige Anträge. Für Sonntag, den 8. Oktober, ist seitens der Parteigenossen Hannovers eine Empfangs- und Begrüßungsfeier vergesehen. Die- selbe findet von nachmittags 3 Uhr ab im „Palmengartcn-Konzcrthaus", Eingang Göthestratze, statt. Die Adresse des LokalkomitceS ist: August Lohrbcrg, Hannover, Burgstr. 9. Parteigenossen! Wir fordern Euch nun auf, die erforderlichen Vorarbeiten zu treffen, insbesondere die Wahl der Delegierten und die Einreichung der Anträge rechtzeitig zu bewirken. Die Anträge müssen spätestens den IS. September in den Händen des Vorstandes, Adresse: I. Auer, Berlin LtV, K a tz b a ch st r. 91 sein, wenn sie entsprechend den Bestimmungen des§ 3 Absatz 2 der Partei-Organisation in:„Vorwäts" veröffentlicht werden und in die gedruckte Vorlage für den Parteitag Aufnahme finden sollen. Anträge von einzelnen Parteigenossen bedürfen der Gegen- Zeichnung dcS Vertrauensmannes, falls sie zur Veröffentlichung und Beratung gelangen sollen. Die Parteigenossen, die zum Parteitag kommen, werden ersucht, von ihrer Delegation dem Vorstand und dem Lokalkomitee recht- zeitig Mitteilung zu machen, damit dieses in Bezug auf Quartier:c. die notivcndigen Vorbereitungen treffen kann. Maildatsformulare, niit deren Versendung am 8. September be- gönnen wird, sind durch das Partcibureau, Adresse I. Auer, Berlin L'W., Kotzbachstr. 9 1 zu beziehen. Die Gcnoffen, welche Anträge einreichen, werden darauf auf- merksam gemacht, daß etwaige, den Anträgen beigcgebene Motive weder im„Vorwärts" noch in der dem Parteitag vorzulegenden ge- druckten Vorlage Aufnahme finde» können. Die Genossen haben das Recht, ihre Anträge auf dem Parteitage entweder persönlich zu vertreten oder durch befreundete Genossen vertreten zu lassen; außerdem empfiehlt es sich, wichtige Anträge vor dem Zusammen- tritt des Parteitages in der Presse zu erörtern. Die Motive aber in die Parteitagsvorlage aufzunehmen, verbietet sich aus rättinlichen Rücksichten und der damit verknüpften unvermeidlichen Wiederholungen willen. Berlin, den 8. August 1899. Mit socialdcmokratischem Gruß Der Partcivorstand. Die Welt geht unter! Während sich in den socialdemokratischcn Parteikreisen eine lebhafte und doch alle Kreuz- und Ouerzüge schließlich doch offenbar zur Klärung und Einheit strebende Diskussion über die verschiedenen gleichzeitig geschehenen sogenannten Kompromisse mit bürgerlichen Elementen angesponnen hat, bereiten diese Maßnahmen der praktischen Politik den Reaktionären schwere Sorgen. Und die beklommenen Sorgen wachsen zu Stimmungen der Verzweiflung, der Wut und des Schreckens, da sich gerade eben zur selbigen Zeit das unausdenkbar Grauenvolle begeben hat, daß sich in einzelnen Fällen der bürgerliche Liberalismus seiner alten Ideale er- innert hat, daß er den Mut der Gerechtigkeit, die Freiheit der Gesinnung zu verteidigen und zu bekunden gewagt hat. Herr v. M a s s o w, ein vielbeachteter und nicht allzu beschränkter konservativer Politiker stellt in einem Aufsatz der „Allgemeinen konservativen Monatsschrift" diese drohenden Zeichen zusamnien, die er als eine Kapitulation der bürgerlichen Gesellschaft vor dem Socia- l i s m u s empfindet. Der Artikel ist interessant genug, um der Wiedergabe zu verlohnen. Herr v. Massow führt ans: „Wer die Vorgänge ans socialem Gebiete verfolgt, wie es der Berichterstatter einer Monatsschrift thnn soll, den übcrkonimt ein gewisses Grauen. Die Geschichte lehrt uns überall, daß nicht die Macht und Kraft der beherrschten, sich auflehnenden Schichten, sondern die S ch iv ä ch c der herrschenden Gewalten d e in Umsturz zum Siege verholfcn haben. Diese Schwäche war aber immer zumeist eine moralische: aus ihr ging die materielle hervor. Das Aufgeben des Princips ist keineswegs nur ein innerer Vor- gang, der sich einzig und allein auf dcni Gebiete der Theorie ab- spielt; seine Folgen machen sich nur allzu halb materiell- praktisch geltend. Nicht die Kraft der Germanen brachte Rom zn Fall, sondern seine eigene Widcrstaudsuufähigkcit, die in dem Verfall der Sitten ihre Wurzel hatte. So ist in nnscrcn Tagen auch die Socialdemokratie an sich nicht gefährlich, ivohl aber wird sie es durch die Schwäche der bürgerlichen Elemente, und diese Schwäche ist das Produkt gänzlicher Principienlosigkeit. In Belgien verbündet sich der Liberalismus mit der Socialdemokratie gegen die katho- lische Partei, weil diese die Majorität in der Kanimer hat, und gräbt damit dem modernen Parlamentarismus in seinem eigensten Heim das Grab; in B a y c r n ist es im Gegenteil die katholische Partei, die sich mit den Socialdcmokraten gegen den Liberalismus verbündet, um sich eine herrschende Majorität in der Kanimer zu sichern. Im republikanischen Frankreich geht man natürlich noch einen Schritt lvcitcr und beruft einen Socialdemokratcn in das Ministerium, ivicder ans demselben Grunde, ivcil dort ein einziges Kammervotum die Regierung stürzen kaiin und diese sich die Stimmen der socialdeniokratischen Fraktion sichern will. Das Berliner Landgericht spricht einen Journalisten von der Anklage der Beleidigung eines sächsischen Gerichts frei, weil dieses Handlungen zu Gunsten der Socialdemokratie mit anderem Maße gemessen hat als anderweite Pnrtcihandliuigcn, und in dem Artikel von sciten des Verfassers nur diese Thatsachc bchaiiptet worden ist, seit Erlöschen des Gesetzes gegen die gemeingefährlichen Bc- strcbnngcn der Socialdcmolratic letztere aber allen übrigen Parteien gleichsteht. Und endlich: Die philosophische Fakultät der Königlichen Friedrich-WilhclmS-Universiiät zn Berlin erläßt in dem gegen den socialdcmokratischcn Privatdoccntcn Dr. AronS angestrengten Disciplinarvcrfahren ebenfalls ein freisprechendes Urteil, obwohl die Zugehörigkeit des Dr. Arons zur Socialdemokratie und sein aktives Eintreten für dieselbe von keiner Seite, auch von ihm selbst nicht bestritten worden ist. In den Händen der Abgeordneten liegt die gesetzgebende, die Regierung übt die vollziehende Gcivalt ans, ein Dvccnt an einer Landes- Universität ist mit obrigkeitlichen Rechten ausgestattet, der Besuch seiner Vorlesungen kann, wenn die übrigen Vertreter seines Faches erkranken oder sonst verhindert sind, für die Studenten obligatorisch ivcrdcn; auch haben Wir bisher der Lehrthätigkcit in Teutschland stets ein erzieherisches Moment beigelegt und niit großem Reckt. Alle diese Vorgänge sind deshalb nichts anderes als eine Loga- lisieruug der sociatdenlokratischcu Bestrebungen, und das Ber- lincr Landgericht thut nichts anderes, als daß es diese Legalisierung „im Namen des Königs" durch seinen Spruch beurkundet. So hat Bebel doch recht gehabt, als er noch vor dem Ende des Jahrhunderts den a l l g c m c i ii c ii K l a d d c r a d a t s ch, wie er sich ausdruckte, prophc- zcite': wenn auch nicht der materielle, der»ivralischc Kladderadatsch ist thatsächlich da. Die socialdemokratischc Partei, das werden wir an dieser Stelle immer wieder und ivicder bis zum Uebcrdruß betonen, ist eine religiös— politisch— sittlich— ökonomisch revolutionäre. Sie sucht alle Fundamente unseres Kulturlebens, den G o t t e s g I a u b e n, die Monarchie, die Ehe und F a ni i l i e, das Eigentum zu untergraben und umzustürzen. Ob sie momentan zur Er- rcichung ihrer Ziele auf Anwendung offener Gewair vcr- z i ch t e t, i st gleich, von ihren Principicn hat sie nichts auf- gegeben, auch nicht einen Buchstaben, sie bedroht deshalb unsere gesamte Existenz, ja überhaupt unser Kulturleben, und nicht zum geringsten die religiöse, bürgerliche und politische Freiheit, welche wir als die Frucht der Kämpfe unseres Jahrhunderts zu betrachten pflegen; ihr Sieg würde nichts anderes bedeuten, als die jede individuelle Regung unterdrückende gewaltthätige Schreckensherrschaft einzelner, auf den Schultern der Massen empor- gehobener Despoten. Und diese Schreckensherrschaft würde sich nicht auf ein einzelnes Land und Volk beschränken, sondern, so weit sie vermöchte, die ganze Welt umfassen. Die Socialdemokratie nennt sich selbst international, ebensowenig wie eine» himmlischen Vater, kennt sie ein irdisches Vaterland. Darum müßte jeder, der noch einen Funken von GottcSglnnbcn, von monarchischem und VatcrlandSgcsühl, von Liebe zur Familie, Treue und Sitte in sich trüge, die Socialdemokratie bis auf das äußerste bekämpfen, ihr gegenüber müßten alle Partciunterschicde verschwinden. Statt dessen geht der Katholizismus, die Personifizierung der ihre Berechtigung auf unmittclbarcn göttlichen Auftrag gründenden apostolischen Autorität, welche sich vom Papste auf dem Stuhle Pctn durch Kardinäle, Erz-, Fürst- und andere Bischöfe abgliedert bis zum jüngsten Kleriker; geht der Liberalismus, der die Freiheit in der Herrjchaft von Bildung und Besitz sieht, Arm in Arm mit der Socialdemokratie, welche Gott und damit jede in Gott wurzelnde Autorität leugnet, die Bildung auf ein niederes, gemeinsames Niveau herabdrücken und den Besitz unter die Massen verteilen will." Der moralische Kladderadatsch ist da— verkündet Herr v. Massow in leidenschaftlichem Haß wider-die Triebkraft der Zukunft, die auch nicht unter den Sporen der Junker erstickt werden kann. Die bürgerliche Gesellschaft ist moralisch tot— wer noch Selbstbeivußtscin und sittliche Kraft hat, flüchtet vor den eigenen Klassengefährten. Diese Gesellschaft darf nicht gerecht sein, sie darf nicht die Freiheit der Ueberzeugung ehren, sie darf auch nicht mit uns paktieren— sie darf es nicht bei Strafe ihrer Vernichtung. Sobald sie idealistische Anwandlungen zeigt, ist sie verloren. Jede Berührung mit dem Umsturz ist für sie von tödlicher Gefahr. Sie ist nicht mehr stark genug, die Wissenschaft zu ertragen; denn die Wissenschaft ist revolutionär. Sie muß das Recht beugen; denn auch das Recht revolutioniert. Die herrschenden Mächte haben nur noch die Möglichkeit der brutalen Gewalt, der rohesten Kulturfeindschaft, der Preis- gäbe aller Ideale— sonst schwemmt die Flut sie hinweg. So führt Herr V. Massow den Klassenkampf der Bourgeoisie auf: Die Rettung der bürgerlichen Gesellschaft muß das Werk ihrer Emanzipation von Wissenschaft und Recht, von Humanität und Sittlichkeit sein. Darum predigt man unaufhaltsam die gesetzliche und ge- sellschaftliche Acchtnng der Socialdemokratie, darum sucht man durch Verleumdung und Anstachelung der schmutzigsten Selbst- sucht einen wilden Klassen haß(statt des gerechten Klassen- kampfcs) zu entfachen, darum wüten diese Schürer der Reaktion gegen alle„Kompromisse". Wenn die„Post" dem Centrum klar zu machen sucht, daß es bei dem bayrischen Wahlgcschäft der betrogene Teil gewesen, so geht das aus dem gleichen Bestreben hervor, die Gemüter für die alte, klag- liche Politik der Miquclschen Sammlung zu verführen. Es gelingt nichts mehr. Der moralische Kladderadatsch der bürgerlichen Gesellschaft ist vollendete Thatsache. Die Welt geht unter. Das große Flüchten hebt an. Wir fühlen uns nicht berufen, die Wortführer der Reaktion in ihrer verzweifelnden Stimmung zu trösten. Mögen sie auch nur zu dein besonderen Zwecke ihre Unkenrufe vernehmen lassen, um ihre Sippe zum Kampfe gegen uns zu befeuern, ihre schwarzen Selbstanklagen und bangen Todesahnungen sind auch sür uns Weckrufe der Hoffnung und Zuversicht. Sic treiben das gefährliche Spiel, den Teufel an die Wand zu malcu._ Dolikische MvbevfichZ» Berlin, den 7. August. Prediger des Meineids sind wir Socinldeniokraten nach der Behauptung unserer frommen Reaktionäre, die vor den meineidigen Staats- st r e i ch l e r n betend und bettelnd knieen, den zahllosen Vcr- fassungs- und Eidbrüchen des letzten halben Jahrhunderts zu- jubelten, und heute alltäglich. verblümt und unverblümt, die deutsche Regierung zu eiueni Staatsstreich, Verfassungsbruch, d. h. zu einem M e i n e i d auffordern. Das Geschrei gegen die „McincidSPraxis" unserer Partei stützt sich darauf, daß unter dem Socialistengesetz ein paar unserer Genossen, zum Teil infolge von Uebcrrumpelung, um nicht zu Verräthern zu" werden, die Wahrheit verschwiegen oder eine Unwahrheit gesagt haben. Wir antworteten damals, dies sei unzweifelhaft gesetzlich strafbar, jedoch menschlich erklärbar und sicher eicht ehrlos. Es kam dann später der schmachvolle Meineidsprozeß gegen Schröder und Genossen, lveil diese in Bezug auf ein bestimmtes Vorkommnis eine Aussage gemacht hatten, die niit der Aussage cineS GcnSdarmen nicht übereinstimmte. Obgleich die Aussage des Gensdarmen nichts weniger als glaubwürdig war, und obgleich es sich um eine Thatsache handelte— ein Stoßen und Rempeln in dichtem Menschengedränge—, über die überhaupt eine objektive Wahrheit nicht f e st g e st e l l t werden konnte, weil keiner der Zeugen objektiv war und die subjektiv einseitige Ausfassung eines jeden mit psychologischer Not- wendigkeit zum Ausdruck kommen mußte,— so erfolgte doch die Verurteilung wegen Meineides. Und die Mcincidshetze gegen unsere Partei bekam wieder frische Nahrung. Unser Staudpunkt war von jeher der, daß die Wahrheit eine Pflicht ist— einerlei ob mit oder ohne Eid. Daß es aber Fälle geben kann, in denen ein Konflikt der Pflichten stattfindet und es nicht als eine ehrlose Handlung betrachtet werden kann, wenn die Wahrheit nicht gesagt wird. Und hiermit sprechen ivir leine socialdemokratischc Meinung aus, sondern eine allgemein menschliche, die von An- gehörigen aller Parteien geteilt wird. Hier ein Beispiel. In der gestrigen Nummer der„Voss. Zeitung" findet sich ein höchst interessantes Feuilleton über B r e s c i a und die Freiheitskämpfe der tapferen Vrcscianer. Unter anderen ist da die Rede von T i t o S p e r i, der am 3. März 1853 von den Oöstreichern als Verschwörer hingerichtet ward; und im Anschluß an die Erzählung dieser Tragödie heißt eS: „Seine(Spcris) Mutter, Angela Spcri, wurde während der ganzen Zeit durch peinliche Verhöre und Drohungen bis aufs Blut gequält. Sie sollte die Mitverschworenen ihres Sohnes angeben. Dann verlangte man einen Eid von ihr, daß sie das Versteck nicht kenne, wo die Revolution saufrufe gedruckt worden wäre n. Sie kannte es sehr wohl, aber in dem schweren Kampfe z w i s che» ihrem G e« iv i s s e ii und ihrem mütterlichen und p a t r i- otischen Gefühl siegte das letztere. Sie schwur einen Meineid.„Solche Meineidige» ninssen auch im Himmel wohl anfgcuommeu sein", so r u f r die Bio- graphic Speris aus, und wir niüfsen zugeben— die Hauptschuld an der Sünde trifft diejenigen, die die nnglück- liche Mutter in dieser Sache zum Schwnre zwangen. Nach der Hinrichtung des SohncS legten die östrcichischen Poli�ci- bchördeii der Mutter noch eine dctciillirte Rechnung der Kosten vor, die diese Exekution vcrursocht hatte. Weiter kann man die höhnische Gctühllosigkcit tvohl schwerlich treiben! Wahrlich, die östreichischen Machthaber� haben in Italic» vieles und schweres auf ihr Gewissen geladen. So der Feuillctonist der„Vossischen Zeitung" Gewiß, Frau Speri hätte keinen Meineid schwören sollen, allein die Schuld trifft die, welche sie zum Meineid zwangen. Das haben wir auch bei den ähnlichen Fällen in Deutschland gesagt. Und daraus hat man uns ein Verbrechen gemacht.—_ Der Papst und die Friedenskonferenz. Wie bekannt, hat sich der Papst mehrmals- bemüht, auf der Haager Friedenskomödie durch eigene Abgesandte Vcr- tretung zu finden, ein Bcnüihen,' das jedoch an dem Widerstand der italienischen Liegicrung scheiterte. Diese Ausschließung seiner Heiligkeit von dem Posscncnscnible hat in den ultraklerikalen Kreisen, die gar zu gerne den Papst auf der Konferenz die Nolle des geborenen Schiedsrichters hätten spielen lasten, arg verschnupft, und da nun einmal gegen den abweichenden Beschluß der Haager Vcrsanuulung nichts zu machen war, haben die streitbaren Herren für die Souveräuctät dcS Papstes das in stiller Abgeschiedenheit in Chriftiania tagende interparlamentarische Friedens- Knsiee- konveutikcl benutzt, um ihrem gequälten frommen Herzen Luft zu »lachen. Den Hauptakteur der Demonstration spielte der Zentrums- abgeordnete Prof. Dr. Hauptmann sBonn), der, nachdem glücklich in schiverer Arbeit der letzte Berhandlungstag erreicht war, nach der „Mark. Volks-Ztg." mit folgendem Protest gegen die Haager Kon- iurrenzposse debütierte: „Unter den� vielen Persönlichkeiten, die sich in dieser Bc- zichung im Laufe der Zeit bethätigt haben und denen das hohe Amt eines Schiedsrichters zugefallen ist, treten, wie jeder Geschichts- kundige ivciß, vor allem die Päpste hervor... Da ist zunächst die öffentlich-rechtliche Stellung de? Papstes, seine Sonveranetät, ein wichtiges Moment, da es ihn als Gleich- gestellten neben die streitenden Parteien stellt. Cr ist Souverän. Aber wenn die Kleinheit des Gebietes ihm einen geringen Rang unter den Staate» anweist, dann gicbt ihm andererseits die gc- ivallige moralische Macht, die er repräsentiert, wicdcruin ein solches Ansehen, daß er in hervorragender Weise bcrnfeii erscheint zu einem so hohen Amte, wie es das eines Schiedsrichters zwischen streitenden Staaten ist. Und diese moralische Macht vcr- pflichtet ihn wiederum zur peinlichsten Unparteilichkeit, um so mehr, wenn es sich um einen Staat handelt, Ivo seine geistliche Stellung nicht anerkannt ist.... Bei dieser Stellung nun, die der Papst in der Frage der internationalen Schiedsgerichte einnimmt, hat es peinlichstes Bc- fremden in den weitesten Kreisen erregt, daß nia» ihn von der Teilnahme an der Haager Konferenz ausgeschlossen hat. lieber die Gründe dieser Ausschließung ist, soviel ich weiß, offiziell nichts angegeben worden. Aber allgemein wurde behauptet— und dem ist meines Wissens auch nicht widersprochen— daß sie auf die Bemühungen der italieni- scheu Regierung zurückzuführen sei. Sollte das der Fall sein, dann würde das Vorgehen dieses Staates um so weniger verständlich und berechtigt sein, als die italienische Regierung im Jahre 187v in dem bekannten Garanticgcsctz die Souveräuctät des Papstes selber anerkannt und sich verpflichtet hat, sie zu gc- währlcisten. Sie hätte also gerade in erster Linie darauf hinwirken müssen, daß die Rechte, die dem Papst als Souverän zukommen, auch respektiert würden. Auf diese Rede entgegnete der italienische Senator, Prof. Pierantoni, daß durch das Garantiegesetz von 1870 der Papst keineswegs als Souverän anerkannt sei; er wurde aber von dem Professor Hauptmann kurzweg nnt den Worten abgewiesen, daß nach seiner und seiner politischen Freunde Auffassung der Papst durch das Garanticgcsctz von 1870 als wirklicher Souverän, allen andern ebenbürtig, anerkannt sei, daß seine Freunde und er diese Auffassung festhalten und überhaupt gegen die Ausführungen des Herrn Senators entschieden Verwahrung ein- legen. Der Vorgang hat an und für sich keine hohe politische Bedeutung, liefert aber einen drastischen Beweis für gewisse ultramontane Prütensioncn und die Mittel, mit welchen sie verfochten werden. Uebrigens ist mit diesem uufricdlichen Nachspiel zur Friedenskonferenz die Komödie noch nicht zu Ende. Der Papst will, wie berichtet wird, um der Welt seine Friedcnsideen nicht vorzuenthalten, eine Encyklika folgen lassen.— Das neue Ministcriuin in Belgien. Man schreibt uns aus Brüssel: Die ministerielle Krise ist beendet. Das Kabinett ist folgender- maßen zusammengesetzt: Conseilpräsident: Smet de Naher. Finanzen und öffentliche Arbeiten: derselbe. Auswärtiges: Favcrcau. Inneres: de Trooz. Ackerbau: van den Brüggen. Eisenbahnen: Liebacrt tinterimistischl. Krieg: General Conscbant dÄlkemade. Justiz: van den Heuvel. Industrie und Arbeiten: Liebacrt. Das Departement der öffentlichen Arbeiten, das früher vom Ackerbauministerium ressortierte, ist mit dem der Finanzen vereinigt worden, weil Herr de Smet, wie der König, die Sucht hat, die Möbel umzustellen. Man hat es nicht mit den Eisenbahnen zu- sammengenommen, weil der neue Kabinetschef dieses Departement der Einwirkung der Politik entziehen will. Das Kabinett ist vollkommen proportionalistisch. Vom alten Kabinett bleiben nur Licbaert, ein bekehrter Proportionalist, nnd Faverau, eine gutmütige Null, die Freude der Journalistcntribüne. Liebaert vertauscht das Finanzministerium mit dein Handels- Ministerium. Vom socialijtischcn Standpunkt war sein Vor- gänger bedeutend besser. Cordcman war ein Mann von großem Blick, der auch für die Beschwerden der Arbeiter stets Abhilfe i'chaffte, soweit es von ihm abhing. Bei unseren Parteigenossen hatte er sich eine wirkliche Popularität erworben. Die letzte Budgetdebatte ist übrigens typisch: Der katholische Minister wurde von seinen Parteifreunden heftig angegriffen— und verteidigt von den Socialisten. Von unserem Standpunkt aus bildet also der Abgang Cordemans einen wirklichen Verlust Er scheute sich nicht, im Parlament zu erklären, dem Kleinbürgertum fehle Initiative und Solidaritätsgefühl, und wenn es sich nicht zusammenschlösse, um seine Geschäfte gemeinsam und mit großen Kapitalien zu führen. so würde es von der Bildfläche verschwinden, wie die Socialisten ihm prophezeit haben. Unsere Genossen bezeugten bei diesen Er- kläru»gen iratürlich lauten Beifall. Die neuen Minister sind: de Trooz, Abgeordneter für Louvain, früherer Führer der Rechten im Provinzialrat von Brabant, ein ver- hältnitmäßiger offener aber schwacher Charakter. Er war Referent für das Wahlgesetz Vandenpeercboom, und hat mit mehr oder minderem Geschick über Prvportionalvcrtretung gespottet. Van den Brüggen, Abgeordneter für Thielt, ein sehr unter- richteter Gentlenian, korrekter und feiner Redner. Er veranlaßte einen Gcsetzantrng, der u. a. in den preußischen Gesetzen über Heim- statten vom 27. Juni 1800, 7. Juli 1891 und 8. Juni 1898 ab- gedruckt ist. Er möchte die weitgehende ländliche Parzellierung verhindern und beschäftigt sich selbst mit agrarischen Experimenten. Er ersetzt Bruyn, einen„Geschästchubcr". Van den Heuvel ist nicht Deputierter. Er ist Professor der Jurisprudenz an der Universität Louvain. Er bildet eine aus- gezeichnete Erwerbung. Er hat sehr interessante Studien über die socialistische Bewegung, u. a. eine Monographie über den Gentcr Vooruit verfaßt. Er ersetzt Bcyerem, ein gehässiges, beschränktes, herzloses Individuum. Conscbant d'Alkeniade, der frühere Chef der militärstchen Ab- tcilnng, ist vollständig unbekannt. Das Programm des neuen Kabinett? ist einfach. Es besteht in der Lösung der Wahlfrage und der Erledigung der laufenden Gc- schäfte. Uebrigens bewahrt sich jeder seine Freiheit. De Smet rechnet darauf, sein Wahlgesetz im Anfang der Woche einzubringen: es wird die ein wenig amendierte Proportionalvertretung sein. Sie wird durch eine ansehnliche Zahl Klerikaler votiert werden. Die ganze Linke wird dagegen stinuncn nnt Ausnahme des Radikalen Lorand, der sich veipflichtct hat. vor der Befragung des Landes nicht zu stimmen� Er hat das Manifest mit dieser Aufforderung selbst verfaßt. Trotzdem fehlt seine Stimme, und er wird von der Mehr- ,ahl der liberalen Blätter gelobt, die ein Interesse daran haben, zu dem ihnen nützlichen Pluralvotum zu raten. Die socialistische Linke ist vollständig einig, ihre Vcrpflichiungen zu halten. Aber sie hat drei Richtungen: Proportionalistcn, Antiproportionalisten, und Abgeordnete, welche für die Proportionalvcrtrctung als Abschlag auf das allgemeine Stimm« recht stimmen werden. Aber wie soll man die Votterung der Proportionalvertretuug verhindern, bevor das Land befragt ist- DieSittiation in der Partei, die von den bürgerlichen Zeitungen und Korrespondenten vollständig entstellt wird, ist die folgende: Wenn die Proportional- Vertretung vom Ministerium ia loyaler Weise vorgeschlagen wird, wird man ihm das allgemeine Stimmrecht, durch die Proportional-Vertretung ergänzt, entgegenstellen und im Falle der Ablehnung dicfcS Vorschlages wird man sich auf die Diskussion einlassen. Wenn die von der Regierung vorgeschlagene Proportional- Vcrtrcttmg selbst nur einen verhüllten Parteikoup bildet, werden wir von neuem die Rebellion im Parlament und auf der Straße haben.— «• Deutsches Fleich. Miqucl als Vermittler. Der Finanzminister Miqucl hielt Moutagvormittag Vortrag beim Kaiser, der sich in Wilhelmshöhe aufhält. Wird' er für die konservative Verschleppungspolitik in Sachen der Kanalvorlage erfolgreich wirken? Die Konservativen gehen darauf aus, die Knnalfrage bis zu der Zeit zu vertagen, wo die Handelsverträge die Politik beherrschen, uni dann für ihre Bc- willigung des Projekts, gegen das sie eigentlich gar nichts einzu- wenden haben, die ergiebigen Kompensationen einzuheimsen. Für die Vertagung der Angelegenheit tritt die„Kreuz- Zeitung" jetzt unumwunden ein. Die Sache sei einmal verfahren, also warte man bis zu gelegenerer Zeit. Nebenbei erklärt die„Kreuz-Ztg.", die Stellung zur 5taualvorlagc sei keine Fraktionsaugclcgcnhcit; jedem Mitglied stehe es frei, nach seiner lleberzeugung zu stimmen. Die Herren sind allerdings einig in der lleberzeugung, daß es ein so günstiges Handelsobjckt wie den Kanal so bald nicht wieder giebt; sie stehen unter dem Fraktionszwang ihres Profites, und wenn die Regierung nicht etwa Ernst mit ihren Drohungen macht und ein bißchen Zerschmettern spielt, so werden die Konservativen siegen.— Wahle» zum Jnvalidcngcsctze. Das neue Jnvalidcn-Ver- sichcrungsgcsctz tritt am 1. Januar 1900 in Kraft. Es wird darauf aufmerksam gcnincht, daß dazu neue Wahlen erforderlich sind auch dann, wenn von der Errichtung örtlicher Renteustellen abgesehen werden sollte. Wenn nämlich die untere Verwaltungsbehörde in den Fällen der Begutachtung der Anträge auf Rcntcnbcwilligung und der Eni- zichung von Invalidenrenten der Ansicht ist, daß das Gutachten gegen die Gewährung der Renten oder für die Eni- ziehung abzugeben sei, so hat sie nach dein neuen Gesetze vor der Abgabe ihres Gutachtens bestinmite Fragen unter Zuziehung je eines Vertreters der Unternehmer und der Versicherten in mündlicher Verhandlung zu erörtern. Auf seinen Autrag, oder wenn es die Aufklärung des Sachverhaltes verlangt, ist auch der Rentcnbewcrbcr oder-lHnpfänger zur nuindlichen Verhandlung zu- zuziehen. Diese Einrichttmg ist zum Schutze der Rentenberechtigten nicht ganz ohne Wert und die Vertreter der Versicherten können für diese in solchen Fällen Gutes wirken. Die Wahlen für diese Vertretungen müssen noch in diesem Jahre vorgenommen werden, und die LandcSbchördeu werden des- halb bald Wahlordnungen dazu erlassen müssen. Die Wahlen werden von den Vorständen der Zwangskasscn und gewisser kleinerer Hilfskasscn vorgenommen werden, die deshalb für die Auswahl gc- eigneter Vertreter und für eine Verständigung untereinander bedacht sein müssen.— Der blinde Eifer in der Bcschützung der'Arbeitswilligen hat in Lüneburg einmal Schiffbruch gelitten.. Ter Vorsitzende des Streikkomitees der dortige« Maurer, H. Schwedt, sollte den Maurer D., welcher eines Morgen» mit seinem Arbeltsgeschirr zur Arbeit ging, mit den Worten b c d r o h t �habcn:„Schweinehund, gehst Du auch zur Arbeit?" Das Wort.Schweinehund" gesagt zu haben, giebt der Angeklagte zu. den Nachsatz stellt er entschieden in Abrede. Als Zeuge war der„bedrohte" Maurer D. erschienen. Er bekundet, von dem Angeklagten nur das Wort„Schweinehund" gehört zu haben. Er' habe der Sache überhaupt keine Bedeutung beigelegt; mit Schwedt habe er sich wegen Cigarrcn erzürnt. Wegen der Titulatur Haber er gar keine Anzeige c r st a t t e t, wisse auch nicht, wer dieselbe e r st a t t e t habe!! Ter Amtsanwalt sah sich gezwungen, Freisprechung zu bcautragcu. Das Gericht bcfchlotz demgemäß, ohne sich zur Beratung zurückzuziehen. Wird die Zuchthausvorlage Gesetz, so würde man dem Zeugen keinen Glauben schenken, weil anzunehmen sei, daß er unter dem terroristischen Zwang der Socialdemokraten wider beffereS Wissen aussage.— Der deutsche FricdcnScngcl Prof. v. Stengel hat sich ebenso bösartig wie über das Zarenmanifest auch über den Haager Kongreß geäußert. Er erklärt es. für zweifelhaft, ob der von der Fricdcns-Konfcrciiz angenommene Schiedsgerichts- Entwurf von Deutschland ratifiziert werden wird. Der Schiedsgerichts- Eutwnrf ist ihm„immerhin insofern iuter- essant", als diese Arbeit„wieder zeigt, daß die Juristen— und Juristen haben ja die betreffenden Artikel festgestellt— nur zu leicht geneigt sind, auch die Beziehungen der Siaatcn nnter einander nach den Regeln des Civilrcchts und Civilprozesses zu beurteilen, und eine gewisse Befriedigung empfinden, wenn alles hübsch in G e s c tz e s p a r a g ra p h e n formuliert ist." Bei nüchterner Betrachtung könne man der„Arbeit der sogenannten Friedenskonferenz nur niit einem gewissen Mißtrauen gegenüber- stehen", selbst wenn man nicht so weit geben will, zu sagen, daß die SchiedSgcrichtskonvention, sofern sie allseitig ratifiziert ist, in der Zukunft gerade Anlaß zu recht widerwärtigen und bedenklichen Konflikten geben muß."—_ Auö dem Lager der christlichen Arbcitcrl'crcine Aus dem Rheinland wird uns geschrieben: Auf dem christlichen Gewerkschaftskongreß, der Pfingsten in Mainz tagte, wurde ein CentraiauSschuß aus einer süddemschen und einer norddeutschen Gruppe gewählt, dem die Währung der allgemeinen Interessen der christlichen Gcwerkvcreine obliegt. Der„Christliche Arbcitcrsrcund", das Ccntral- organ der christlichen Arbeitervereiiiigungcn Westdeutschlands, veräffent- licht nun einen Artikel, aus dem zwar hervorgeht, daß angesichts der großen Verwirrung im Lager der christlichen Bcrufsorganisatoren für einen ölchen Ausschuß ein mehr als gewöhnliches Bcdürftiis vorhanden ist, nicht aber, daß der Ausschuß seinen Zweck erfüllt. Es wird da bejammert, daß in Duisburg eine Centrale für die Metall- arbciter, und jetzt im August in Berlin eine solche für die Bauarbeiter und verwandten Berufe gebildet werden solle, trotzdem bereits in Köln solche Centralen sowohl für die Metallarbeiter als auch für die Maurer, Bauhandwerkcr usw. bestehen, und man als Maurer schon Generalversaiimilungeil gehalten, Ceiitralvorstände gewählt habe und nickt anstehe, allen mit Statuten und Auskunft zu dienen, die sich anschließen wollen. Dann macht der„Christliche Arbeitersreund" in folgender Weise seinen Zorn Luft:„Wozu ist denn eigentlich das Mainzer Komitee zur Zeit des christlichen Kongresses gewählt worden, wenn man bei Gründung von Berufsvercinen mit Centralen für annz Deutschland rücksichtslos voraebt und bald hier bald dort mit Gründungen hervortritt, von denen das Komitee, oder wenigsten ein Teil desselben nichts weiß, oder mit Siecht oder Unrecht... nichts wissen will?" So also sieht es in den christlichen Gewerkschaften aus, von denen man auf dem Mainzer Kongreß und nachher so viel Geräusch gemacht hat. Es giebt da eine südoentsche, eine westdeutsche und eine Berliner Richtung, und jede Richtimg ist wieder gespalten. Im Rheinland sind in der katholischen Arbeiterbewegung zwei Haupt- strömilngen vorhanden. Die eine, die alte, lehnte sich eng an die rückständigen, sozusagen rein kirchlichen katholischen Arbeitervereine an. Sie möchte am liebsten gar keine Gewerkschaften, höchstens„Fachfekttonen" in den bestehenden katholischen Vereinen. Sie handelt der Not gehorchend, nicht dem eigenen Triebe, wenn sie der Berufsvereinsbewegung nicht in den Weg tritt. Die andere Strömung hat die Jnterkonfessionalität durchgesetzt, ist nicht abgeneigt, bisweilen mit den freien Gewcrk- schaften Hand in Hand zu gehen und will � der Geistlichkeit nicht allenthalben das große Wort gestatten. Diese letzte Richtung, ob- wohl von katholischen Leuten geleitet,� ist dem katholischen Unternehmertum fast genau so verhaßt, wie die freien Gewerkschäften. Sie ist daher dem Centrum schon äußerst unbequem geworden. Das zeigt auch der folgende Vorfall. In einer Versammlung in M.-Gladbach, in der der Reichstags- Abgeordnete Molkeubuhr redete, traf auch der katholische Arbeiter- sekrctär GiesbertS, übrigens wohl der am meisten befähigte und synipathische Vertreter der erwähnten zweiten Richtung, ans und be- merkte unter anderem:„Neunzig Prozent von dem, was Mokkcnbnhr fordert, fordern wir auch; aber die zehn Prozent Socialismus, die drum herum hängen, sind unannehmbar; und darum wollen wir lieber beim Centrum bleiben."— Die„Kölnische Zeitung" berichtete in der Art eines Stummschen Hetzblattes über diese Versammlung. Sie beschuldigte Giesberts, maßlose Angriffe gegen die Fabrikanten gerichtet zu habe», die christlichen Organisationen seien auf dem besten Wege ins social- demokratische Lager, und was dergleichen an dem nationaUiberalen Schleifstein gewohnte Dinge mehr sind. Schleimigst erwidert darauf dse„Kölnische Volkszeitiing", die sich über die Debatte Mollenbuhr- Giesberts„vom Niedcrrhein" schreiben läßt: „Bei dieser Gelegenheit mag auch seitens des Herrn Giesberts manches scharfe, vermutlich nicht unberechtigte Wort bezüg- lich des Verhaltens mancher Arbeitgeber gegenüber den Arbeitern gefalle» sein. Falls derselbe hierbei über das richtige Mas; hiiinnsgegangen sein sollte, würde dies iiiemand mehr bedauern wie wir, da der besten Sache mit Uebcrtreibnngcn in keiner Weise gedient ist." Dann weist es das Blatt zurück, daß GiesbertS, wie liberale Blätter behaupteten, im Rahmen der Centrumspartei angestellt sei. Giesberts sei Sekretär der katholischen Arbeitervereine; das Centrum habe auf seine Anstellung aber ganz und gar keinen Einfluß gehabt, nnd es könne ihm mithin„eine Verantwortung für etwaige Aeußerungen des Herrn GieSbcrts nicht aufgehalst werden". Das sieht einer Abschüttelung des Herrn Giesberts, wenn auch nicht seiner Person, so doch seiner Agitation für die Arbeiterbewegung trotz aller vorbehaltlichen Wendungen zum Verwechseln ähnlich. Uebrigens mag es sein. daß die Centrumspartei bei der An- stellimg des Herrn Giesberts nicht beteiligt gewesen ist; daß sie aber auf die christliche Arbeiterbewegung� eincu entscheidenden Einfluß hat, das ist unleugbar. Allerdings � ist es eine andere Frage, wie lange noch dieser Einfluß dauern wird. Die christlichen Beriifsvcreine wurden ins Leben gerufen, weil man einesteils.dem Drängen katholischer Arbeiter nachgeben mußte, anderiitcils den Anschluß der latholischeu Arbeiter an die Social- demokratie verhindern und sie beim Centrum halten wollte. Die Mutler wird aber an dem Kinde wenig Freude erleben. ES wird die Zeit kommen, wo diese selben Berufsvcreine dem Centrum die Gefolg» schüft verweigern, weil es als Unternehmerpartei den Arbeitern nur auf den halben Weg entgegenkommen kann und in vielen Dingen ihren Interessen eiilgegeiiarbeitcn muß. Durch daS Vorhaiidenscin der Bcriifsvereine wird diese ErkennttiiS bei den katholischen Arbeitern gefördert; und in diesem Sinne kann man sie be- grüßen.—_ Tic zweijährige Ticnstzcit ist zu lang l Man schreibt uns aus Kiel: Die Verwendung von Soldaten zu Arbeiten, die außerhalb ihrer Obliegenlieiten fallen, scheint immer größeren Umfang anzunehmen. In Kiel sind in den letzten 14 Tagen 3 Soldaten des 85. Jnfantcric- Rcgicmcnts je 10 Tage kommandiert gewesen, auf der P o si z u helfen. Brieskästcn zu leeren usw., pro Tag ist jedem Mann 2,50 M. für diese Arbeit ausbezahlt. Zur Zeit sind wieder Soldaten des Scebataillons zur gleichen Beschäfiigmig kommandiert. Auf solche Weise verhindern die auf Kosten der Steuerzahler unterhaltenen Soldaten, wenn auch ohne ihr eigenes Verschulden, die Einstellung von freien Arbeitern, wen» auch nur aushilfsweise, bei der Post. Die Kritik der„Schlesw. Holst.' Volköztg." und des„Vorwärts" an der V e s ch ä f t i g u n g d c r M a t r o s e n a r t! l l e r i st e n bei dcni Kohlenlöschen für einen Privatimternchmer in Friedrichsort bei Kiel hat den Erfolg gebabt, daß bei den neueren Kohlenschiffen jetzt Privatpersonen zum Löschen angenommen sind. Der mutige Drcschgraf Pückler, der jetzt das Protektorat über die Antisemiten übernommen, bat in einer Berliner Versammlung wieder eine schöne, bilderstarle Rede gehalten, in der er die ganze vernichtende Phantasie eines übergeschnappten Kammerjägers be- währt: Es muffe endlich einmal Ordnung geschaffen werden im Deutschen Reiche, der Boden mit eisernen Ruten gekehrt werden. „Wir müssen zu Felde ziehen gegen die staatsgefährlichen Umsturz- Parteien, wir müssen Juden und Demokraten mächiig aufs An- gesickt schlagen, bis sich daS ganze fremde, vaterlandslose und revolutionäre Gesindel scheu verkriecht in die entlegensten Winkel, erschreckt und verängstigt von der rauben Kraft und dem Zorneoblick der Germanen". �Stürmischer Beifall.)_„Möge eine heilige Begeisierimg auch unsere Damenwelt ergreifen".„Schon zeige der deutsche Löwe die gewaltigen Pranken dem niederträchtigen Jiideupnck".„Ans ruft: Gott schütze den Kaiser, das Reich, doch ibr jüdischen Schlangen, hinaus mit Euch!"„Langanhaltender stürmischer Beifall, Hoch- und Bravorufe durchbrausten jetzt den Saal und immer wieder mußte sich der ni u t i g e Graf dankend verneigen" versichert die„Staatsbürger-Zeitung". Ccutnimöblättcr unter sich. Die„Rheinische Volksstimme', daS Organ der rheinischen Ccntrumsagrarier, führt mit anderen ultramontancn Blättern einen erbitterten Wortkampf über die Frage, wer eigentlich ein wahres Centrumsorgan sei. Die.Kempener Z c i t n ii g" hatte neulich geschrieben:„Die„Rheinische Volks- stimme" scheint immer niehr zu einer veritablen Gegnerin dcS Ccntriinis auszuwachsen," und:„Wir bedauern, daß die „Rheinische Volksslimme", die doch von manchem katholischen Centrumslandwirren gelesen wird, ans solche Abwege gelangen konnte. Sie macht damit ihren Anspruch, ein Centrumsorgan zu sein, selber hinfällig, denn lein Vogel beschmutzt das Nest, in dem er selber sitzt.". Darauf erwidert die„Rhein. Volks-Ztg.': „Für ein solches Gcbahren haben wir nur ein Pfui! Der Zweck Kciligt die Mittel. Der Zweck ist die Vernichtung der „BolkSstimme', die Mittel, Lüge, Unterschlagung und Pharisäismus. Die Ceiilrumsparole heißt: Für' Wahrheit, Freiheit und Recht. Dafür sind wir stets eingetreten und treten dafür ein, so lange die„VoUsstimme" bestehen wird. Wer aber im Gegensatz zu jener Devise Lüge und Vcr- lenniduiig. Bevormundung und kraises Unrecht nicht verschniäht, der gehört nicht ins Centrum. Er ist in Wahrheit der Vogel, der da? eigne Nest in der widerwärtigsten Weise beschmutzt." Lüge. Unterschlagung, Pharisäismus, Verlcilmdiiug! Das sind liebliche BouqnetS, die das eine Centrumsblatt dem andern unter die Nase hält.— Auch ein Urteil über die UnsngSProzcsse. Die LandShuter Zeitung(Bayern) bringt die Verurteilungen wegen groben UnftlgS Apolitischen Charakters) jetzt unter der Rubrik„Sport".— Ein Sport der Unfälle I Chronik der MajestätSbeleidiginigö-Prozessc. Von der Fcrienstrafkammer �n A u r i ch wurde am 3. August der Schlosser B n ck i s ch aus Wilhelmshaven zu 6 Monaten Gefängnis verurteilt. Er hatte auf dem in Wilhelmshaven statio« liierten Kascrncnschiff„Bismarck" mit dem 5iantinenvorsteher wegen Bezahlung seiner Zeche Streit bekommen, infolge dessen er von Bord gewiesen ivurde. Hierbei soll er beleidigende Acußerungcn gegen den Kaiser gcthan haben.— Ausland. DelcassöS Reife nach Petersburg beschäftigt fortgesetzt die Presse, in der die seltsamsten Kombinationen ausgesprochen werden. Bald soll die Reise durch den Drehsus-Fall veranlaßt sein, bald durch die Annäherungsversuche Deutschlands an Frankreich, bald durch die Transvaalfrage usw. Der„Köln. Ztg." nird diesen Gerüchten gegenüber aus Paris telegraphiert!„Wir glauben zu_ wissen, daß thatsächlich der Wunsch, dein Grafen Murawiew seinen Besuch zu erwidern und einmal persönlich das russische Terrain kennen zu lernen, den Anlaß zu dieser bleise gegeben � hat, daß aber auch die in letzter Zeit von der russischen Presse geführte Sprache der Ausführung des längst gehegten Planes nicht fremd gewesen ist. Wieder- holt hat die russische Presse Beklemmungen gezeigt wegen der freund- lichcrcn Beziehungen, die sich in der letzten Zeit zwischen Frankreich und Deutschland cntivickelt haben. Man sprach von einer Lockerung der Beziehungen zwischen Frankreich und Rußland und von einem französischen Abfall. Dcclasss dürfte nun Wert darauf legen, in Ruß- land jeden Zweifel darüber zu zerstreuen, daß Frankreich nach wie vor das russische Bündnis als denhauptsächlichsten Orienticnmgspunkt seiner Politik betrachtet, von dem es nicht abzugehen gedenkt dadurch, daß Frank- reich zu gleicher Zeit auf gute Beziehungen zu'Deutschland größere» Wert legt, als es in früherer Zeit geschehen ist; damit würde nur eine Politik verfolgt werden, die mit den friedlichen Absichten des Zaren im vollen Einklang steht und in der Rußland nichts weniger als einen Abfall zu sehen berechtigt ist." Auch in Wiener diplomatischen Kreisen hält man an einer ähn- lichen Auffassung fest; wenigstens berichtet das Bureau„Herold" aus Wien: Hiesige diplomatische Kreise versichern trotz des Dementis des „Frcmdenblattes", die französische Regierung habe den Grafen Goluchowski während seines Aufenthaltes in Paris informiert über Versuche Deutschlands betr. eine Annähenrng an Frankreich und über die Reise Delcassss nach Petersburg, die hierdurch notwendig gc- worden sei. Untcrdesien ist Delcassö in Petersburg eingetroffen und vom Zaren in Pctershof empfangen worden.— Oestreich- Ungarn. Erklärung der focialdemokratifchen Partei in Steiermark. Die Leitung der socialdcmokratischen Partei in Graz veröffentlicht folgende Verwahrung:„Wir verwahren uns auf das entschiedenste gegen den Versuch einzelner Leute, die keine Verantwortung haben, auf eigene Faust Demonstrationen zu veranstalten oder Gerüchte über beabsichtigte Demonstrationen zu verbreiten, deren Tragweite sie nicht zu schätzen vermögen, und dazu die Arbeiter heranziehen möchten. Wir lehnen namens der organisierten Arbeiterschaft jede Vcrant- Wartung für Demonstrationen ab, die von anderer Seite, sei eS ans welchem Grunde und welcher Absicht immer, versucht werden, und würden uns nicht für berechtigt halten, für etwaige Opfer solcher Privatunter. nehmungen irgendwie aufzukommen. Nach reiflicher Prüfung der politischen Sachlage warnen wir überhaupt die Parteigenossen vor allen lärmenden Straßenkundgebungen in der nächsten Zeit." In Salzburg kam es gestern abend zu neuerlichen Ansamm- lungen; Gendarmerie und Militär schritten ein und säuberten die Straßen. AuS der Menge wurden Steine geschleudert, jedoch wurde niemand verwundet. Von der Waffe wurde kein Gebrauch gemacht. Sechs Personen wurden verhaftet. Säbclduell zwischen Wolf und Krzcpek. In Wien fand vorgestern in einer Privatfechtschule ein Säbelduell zwischen dem RcichsratSabgeordncten Wolf ideutschradikal) und den, tschechischen Landtagsabgeordnetcn Krzepek statt.— Dr. Wolf erhielt zwei Säbel- hiebe. Er scheint jedoch nur leicht verletzt zu sei». Krzepck blieb unverletzt. Veranlaffung zum Zweikampf gab die in einem böhmischen Provinzialblatte veröffentlichte Erklärung Krzepeks, Wolf fordere immer nur ungefährliche Gegner zum Duell heraus. Die Folge war, daß Wolf dem Landtagsabgeordneten Krzepek seine Zeugen sandte.— Nußland. Hungersnot. Wir berichteten kürzlich über. die durch d i c vorjährige Mißernte hervorgerufene Hungersnot in den Gouvernements Samara und Cherson. Jetzt steht Rußland aber- mals vor einer Mißernte. Das neue Mißernte-Gebiet umfaßt die Gouvernements Bessarabicn, Cherson, den größten Teil des Gouvernements Tauricn und den Süden von Podolien. Ursache ist die entsetzliche Dürre in den Monaten Juni und Juli. Die„Köln. Ztg." bringt über das neue Mißernte-Gebiet von ihrem Petersburger Korrespondenten folgenden näheren Bericht: Die wirtschaftlichen Verhältnisse des diesjährigen Mißernte-GebieteS erscheinen bei weitem geordneter und günstiger als die der im ver« flossenen Jahre heimgesuchten südöstlichen Provinzen. Die Bauen: sind dort im großen und ganzen wohlhabender als hier, weil sie feit dem Hungerjahr 189l/S2 gute Durchjchnittscrntcn gehabt haben und dem Staate die damals gemachten Vorschüsse und gestundeten Steuern fast abgezahlt haben, im schwer betroffenen Gouvernement Cherson bis auf 20 000 Rubel, in Tannen und Poltawa bis auf einige Steuerrückstände, während die übrigen Gouvmicmcnts im Jahre 1891 verschont blieben. Außerdem hat ein großer Teil der Bevölkerung, nämlich die dort ansässigen deutschen Kolonisten, so- weit sie auf selbsterworbencm Lande sitzen, und die russischen Gutsbesitzer, sich durch Beleihung des Landes bei den großen Agrarbanken, durch Gründung gegenseitiger Hilfsvereine und durch rechtzeitiges Abschließen von Verträgen für die Lieferung von Saatkorn selbst geholfen. Die Chersoncr Agrarbank hat z. B. im Laufe der letzten drei Monate für 4 Millionen Rubel niehr Dar- lchcn erteilt, als in dem entsprechenden Zeitraum des Vorjahres. Viel schlimmer als die deutschen Kolonisten sind die russischen, auf Gc»nei»deland sitzenden Bauern daran. Ihnen steht weder ein Ver« sügungsrccht über das in guten Erutcjahrcn in besonderen Speichern aufgeschüttete Getreide, noch eine Verpfändung des Landes zu. Sie nnissen geduldig auf Hilfe von scitcri des Staates warten und meist eine Bittschrift nach der andern au den örtlichen Gouverneur absenden, um bei der Verteilung der staat- lichen Summen nicht übergangen zu werden. Leider geschieht das bei der in den meisten russischen Bauerugcmeindcn bestehenden Mißwirtschaft sehr oft, und zwar aus folgenden Gründen: Jedes Dorf befindet sich nut wenigen Ausnahmen in der Hand eines„Kulak" (d. h. F�ust) oder Wucherers, der die Geldgeschäfte des ganzen Dorfes besorgt und in erster Linie Dorfschulz und Gcmcinderat fest in der Hand hält, oft sogar selbst im Gcmeindcrat sitzt. Diesen Leuten, die das Volk in einer unerhörten Weise aussaugen, ist es darum zu thun, gegen Versetzung der künftigen Ernte den Bauern Geld vorzustrecken, um es zehn- und zwanzigfach wiederzuerhalten. Daher liegt es in ihrem Interesse, die Forderung der Bauern um Vorschüsse an die Regierung so niedrig als irgend möglich angesetzt zu wissen, was ihnen bei ihrem Einfluß auf den Schulzen immer gelingt. Zu diesen Umständen tritt die wirtschaftliche Rückständigkcit er- schwerend hinzu: die veraltete Dreifelderwirtschaft, die nachlässige Bebauung der Felder, die similose AbHolzung der Wälder an den Flußläufen schwächen den Bauer naturgemäß in seiner Widerstands- traft, und dazu kommt die Unbildung des Volkes und die Branntweinpest. Kein Wunder, daß jedes Unglücksjahr den Bauer weiter herabbringt. Indessen sind die diesesmal betroffenen Provinzen, wie gesagt, nicht so hilflos. Nach den Voranschlägen der Regierung werden sich die zu leistenden Vorschüsse auf etwa 15 Millionen Rubel belaufen, von denen 6 Millionen Rubel allein dem Gouvernement Cherson zu gute kommen sollen, die übrigen 9 Millionen dagegen auf Bessarabien, Taurien. Podolien, Poltawa und Styno im Betrage von 1 bis zu 2 Millionen entfallen; eine Summe, die zu den im letzten Hungerjahre vom Staate veraus- gabten Geldern sich wie 1: 4 verhält. Immerhin werden namentlich die Bauerngemeinden schwer zu leiden haben und die Notwendig- keit einer einschneidenden Reform der Regierung wieder vor Augen führen.— Wie lebt der Zar? Immer schrecklichere Nachrichten hört man über den Hunger in Rußland. Die Leute sterben zu Tausenden an Typhus und Skorbut. Im ganzen Rußland sammelt man Beiträge für diese Unglücklichen. Wie aber lebt das„Väterchen" dieses Volkes? Die Warschauer Zeitschrift„Robotnik" gewährt uns einen Einblick in die Küche des Zaren. Die Hauptverwaltung liegt in den Händen eines gewissen Grafen Bcnkendorff und dessen französischen Hilfsbeamten fKammerfouriercu). Die Kanzlei des letzteren zählt 16 Schreiber. Das Personal des Kammerfouriers besteht aus 4 Hilfs- fourieren, 24 sog.„officiers'de bouche", 84 Lakaien, 18 Hilfslakcien, 54 Büffetdiencrn. Die eigentliche Küche besteht aus 2 Chefs, 4 Unterchcfs, 38 Köchen, 20 Hilfsköchen, 32 Unterköchen. Dazu gehören noch 25 Bäcker und Konditoren. 273 Mann sind also mit der Ernährung des Zaren beschäftigt, während Taufende von Müttern kein Stück Brot für ihre an Hunger sterbenden Kinder haben. Serbien. TaS Standgericht sprach 7 der Teilnahme an hochverräterischen Umtrieben beschuldigte Personen frei. Unter den Freigesprochenen, welche säintlich der radikalen Partei angehören, befindet sich ein ehe- maliger Gerichtspräsident.— Die Familie Gonld. Nelv Dorf, 21. Juli 1899. (Eig. Ber.) Durch die europäischen, namentlich auch deutschen Bläiter gingen kürzlich eigenartige Meldungen über eine Nordland- fahrt, die Herr und Frau Gould aus New Jork auf ihrer Dacht „Niagara" ansführten. Wer sind Herr und Frau Gould? Die Antwort stellt zugleich ein Sittenbild aus der kapitalistischen Hochwelt dar. _ Howard Gould ist ein junger Mann, der von seinem Bater, dem berüchtigten Wucherer Iah Gould, etwa dreißig Millionen Dollars erbte. Dieser begann seine Laufbahn als ehrbarer Hausierer in den Straßen New Dorks. Im Handel mit abgetragenen Hosen und alten Hüten ersparte er genug, um das einträglichere Geschäft eines Geld- Verleihers gegen Wncherzinscn betreiben zu können. So groß war in diesem der Profit, daß er sich bald auch schon mit Grundeigentums- schwindel befassen konnte, und schließlich etablierte er sich als Börsen- makler. In dieser Eigenschaft erreichte er den Höhepunkt seines vielseitigen Daseins. Es gab kein Schwindelnnternehmen, dessen Aktien er nicht unter die Leute zu bringen wußte. Der berühmte schwarze Freitag an der New Dorker Börse, an dem Banken und Genossenschaften krachten, an dem Taufende die Ersparnisse saurer Arbeit verloren, war fein Werk. Er ging daraus als hundertfacher Millionär hervor, denn er allein hatte auf Baisse spekuliert und mit Erfolg. Er war gemacht. Seit jenem Tage war der Name Gould in Amerika nur mit nicht gerade ehrenvollen Bcilvorten genannt. Doch was lag Iah Gould an solchen Aeußerlichkciten I Er fuhr fort Geld zusammenzuscharren. Er kaufte ganze Eisenbahn- shsteme und baute die New Dorker Stadtbahn, dabei wurde ihm mehrmals Beomtcnbestcchung nachgewiesen und zweimal Meineid vorgeworfen. Doch er konnte sich's leisten. Bei seinem Tode hinter- ließ er seinen fünf Kindern etwa 150 Millionen Dollars. Aber selbst mit solchem Reichtum konnten sie den Flecken, der mit des Vaters Namen an ihnen haftete, nicht abwaschen. Als echte Parvenüs sahen sie das höchste Menschenglück im Verkehr mit der sogenannten„ersten Gesellschaft", den„400" von New Doork, die bekanntermaßen mehr Äastcngcist zeigen, als in allen Ländern Europas zusammen gefunden wird; eine Thatsache, die um so amüsanter wirkt, als die Großväter dieser Talmi- Aristokraten sich im Schweinehandel oder ähnlichen Erwerbs- zweigen bereicherten. Diese„Gesellschaft" pflegt zwar sonst an- gcsichts etlicher Millionen mit einem»non olet"(Geld riecht nicht) dem Neuling die Thllre zu öffnen, doch nicht so den Kindern eines Iah Gould. der es selbst ihnen, seinen Standcsgenossen, die doch die gleichen Kniffe brauchten, zu toll getrieben hatten. �Diesmal hieß es: „olet"(es riecht doch), und das will sehr viel sagen. So muhten sich die armen Kinderchen anderweitig schadlos halten, und das thaten sie denn auch. Der Name wenigstens eines der drei Brüder Gould befand sich stets in den Spalten der Zei- tungen, die mit einer in Deutschland unbekannten Rücksichtslosigkeit hier allerhand Skandalgeschichtchen zu berichten wissen, und auch die eine der beiden Schwestern wußte von sich reden zu machen. Bei einem Theaterbesuch verliebte sie sich in einen jugendlichen Schauspieler, schrieb ihm und man traf sich. Nach langem Widerstreben willigte die Familie Gould'in Annies Verlobung mit dem jugendlichen Liehaber ein. Er wurde von seinen zukünftigen Verwandten auf deren Kosten zum Studium auf eine Universität geschickt und Annie Gould ging auf Reisen. Da lernte sie in Paris den Grafen Castellane kennen, löste die Ver- lobung nut ihrem Bühnenhelden und laufte sich den ver- schuldeten Grafen, der kürzlich als ihr Gemahl einen Millionenpalast in Paris errichtet hat und für ein Gartenfest die Kleinigkeit von 100 000 Fr. bezahlte. Dank dem wohlgespicktcn Portemonnaie der Frau Gräfin ist er kürzlich zum Deputierten er- lvählt und arbeilet mit den Millionen des republikanischen Geldwucherers Gould als Hauptfcind der Revisionisten an der Wiederaufrichtung des Königtums von Gottes Gnaden in Frankreich. Der Hang zum Bühnenvölkchen scheint übrigens der ganzen Familie gemein zu sein, denn zwei Brüder der Frau Gräfin find nur ganz„gewöhnlichen" Schauspielerinnen verheiratet. Howard Gould. der Besitzer eben jener„Niagara", die in diesem Sommer Norlvegen besuchte, erkor sich Fräulein Kathryn Clemn,onS. Sie war nicht mehr jung, als er sie kennen lernte, dafür aber desto reicher an Erfahrung, wenn auch nicht gerade als Schauspielerin, denn eine solche war sie selten nur, gewissermaßen im Nebenamts, wenn die Zeiten schlecht waren; meist beschränkte sie sich darauf, wohlhabenden Kavalieren das Leben in eleganten Badeorten anziehender zu gestalten, auch auf den Renn- Plätzen Englands und Amerikas war sie eine bekannte Figur. Die Liebe brachte ihr eine Millionenheirat mit der„Niagara" als Hochzcits- gescheut. Glücklicher- und anerkennenswertcrweise versteht sie ganz wie der gräfliche Schwager das Geld unter die Leute zu bringen, und darum sei es der klugen Schönen von Herzen gegönnt. Ueber- Haupt scheinen die Gould-Millionen zu zerrinnen, wie sie gewonnen wurden. Georg Gould, der älteste der Brüder, bezahlte kürzlich an Zoll allein für ein Porzellanservice, das seine Frau in Paris ge- kauft, 8000 Dollars. Auch sie ist Schauspielerin, und zwar eine wirkliche gewesen. Zweifelsohne war es sehr ehrbar von den Herren Gould, ihre Schönen zu heiraten, statt sie nach Art großer Herren mit einigen Diamanten abzufinden. Und so darf man sich über ihre gesellschaftlichen Erfolge mit- freuen, zumal es ja auch ein Zeichen der fortwährenden Demo- kratisicrnug ist, daß zu Ehren solcher Millionär-Hochzcitsreisenden auf deutschen Schiffe» die anrerikanische Flagge gehißt wird. Nnvkei-AAchviLzten« Die Art, wie der französische Einignngskongrest zusammen- zusetzen ist und wie die Delegierten zu wählen sind, beschäftigt jetzt die französischen Arbeiter. Während den bisherigen Vorschlägen nur eine Vertretung nach Wahlkreisen zu Grnnde gelegt ward, hat jetzt eine Arbeitergruppe, die„Föderation der sociali'stischen Arbeiter", eine Vertretung nach der Kopfzahl aller im Einigungs- komiteevertretenenGr uppen un dOrganisationen vorgeschlagen. Die Entscheidung muß allerdings noch im Laufe dieses Monats erfolgen, da sonst ein Tagen des Kongresses im September nicht möglich ist. Unserem Pariser Korrespondenten bin ich die Erklärung schuldig, daß er in einem Punkt bezüglich Devilles recht hat— dieser ist allerdings nicht mehr Mitglied der g u e s d i st i s ch e n Arbeiterpartei— und das schon seit beinahe 10 Jahren. Sein Ver- hältnis zur i o c i a l i st i s ch e n Partei als ganzes ist unver- ändert geblieben. Wie ich einem heute empfangenen Briefe entnehme, billigt Deville den Eintritt Millerands in die Regierung, miß- billigt aber, daß Jaures die Dreyfussache zur P a r t e i s a ch e gemacht hat. Er steht also genau aus dem umgekehrten Standpunkt wie Kautsky. Die durch die„Affaire" hervorgebrachte Verwirrung ist noch größer als ich angenommen hatte. Berlin, 7. August 1899. W. Liebknecht. Rnssisch-polnische Parteipresse. Am 23. Juli ist die 32. Nummer des Warschauer„Robotnik" erschienen. Mit dieser Nummer beginnt das Organ der socialistischen Partei Polens sein sechstes Jahr. In einem kurzen Bericht über die fünfjährige Thätigkeit des„Robotnik" lesen wir, daß während im Anfange im ganzen 1200 Exem- plare gedruckt wurden, von denen die Hälfte wie Flug- blätter verstreut wurde, um weitere Kreise mit der Zeitschrift bekannt zu machen, jetzt über 1600 reguläre Abonnenten vorhanden sind. In dem Artikel„Finnland" ist das Verhalten der russischen Regierung in Finnland charakterisiert. Der folgende Ar- tikel ist den sogenannten„Nüchternhcitskuratorien" gewidmet, in welchem gezeigt wird, daß diese Einrichtungen nichts weiter sind als ein neuer Versuch unter der Maske der Ve- kämpfung der Trunksucht das Volk einer noch strengeren Aussicht der Behörden zu unterwerfen. Es wird hier den Arbeitern gezeigt, wie sie sich zu betragen haben, um der Kontrolle der Behörden zu entgehen. Die„Chronik des Auslandes" macht die polnischen Arbeiter mit den wichtigsten Begebenheiten in Deutschland, Frank- reich, Belgien, Dänemark, Oestreich bekannt. Der reichlichen„Landes- Chronik" gehen die vielen trefflichen Korrespondenzen aus Lodz, Radom, Kielce, Ostrowiec, Pabianice und Bialystok voran. Diew inhaltsreiche und interessante Nummer wird endlich mit einem über die große Warschauer Streikbewegung berichtenden Artikel gc- schlössen.— Poliiriliches, Gerichtliches ustn. — Die Genossen Staman» und Kicpckohl find von der Straflammer in Magdeburg als Berufungsinstanz von der Anklage des groben Unfugs freigesprochen worden. Das Landgericht konnte die Kriterien des groben Unfugs in der Handlung der Angeklagten nicht finden, weil die Flugblattverbreitung erstens nicht öffentlich geschehen ist, und der Inhalt des Bohkott-Flugblatts an sich nichts Strafbares enthalte. — Wegen Beleidigung eines SteinbrnchSbesitzerS in Gommern wurde der Redacteur der„Magdebnrgischen Volksstimme", Genosse Haupt, zu 50 M. Geldstrafe verurteilt. In Rennes. Die„abgeurteilte Sache" steht nun aufs Neue vor dem Militär- gericht. Nach einem Kampfe, der die ganze Welt erregt und das französische Volk in seinen tiefsten Tiefen aufgewühlt, erwartet der Gefangene der Teufelsinsel jetzt seine Erlösung, erwartet die Justiz- tragödie ihre Sühne. Der Rechtsfall, der sich allmählich zu einem Verziveiflungskampf zlvischen der demokratischen Republik und ihren militaristisch-klerikalen Feinden ausgewachsen hat, verengt sich zunächst wieder zur Aktion der Justiz. Daß Drcyfus als ein freier Mann Renne? verlassen wird, scheint kaum mehr zweifelhaft. Ob freilich das eigentliche Ge- heimniS des Falles Drcyfus, die ersten Ursachen des Frevels, seine Anstifter und deren Motive sich in den Verhandlungen entschleiern werden, glauben wir kaum. Nach der Erledigung des Prozesses dürfte bald der Gottesfricde eintreten, den Frankreich für seine Weltansstellnng braucht— sofern nicht unerwartete Zwischenfälle eintreten. Die Verhandlungen der Revision begannen am Montag in Rennes, wo die Zeugen Casimir Perier, Boisdcffre, Billot, von dem das Gerücht behauptet, er»volle erklären, er sei getäuscht worden und glaube nicht mehr an die Schuld Dotyfus', ferner Gonse und Perier antvesend»varen. Paty de Cla,n ist zur rechten Zeit er- krankt; sein Arzt erklärt, er dürfe nicht nach Reimes. Auch Esterhnzy »vird nicht in Rennes erscheinen. Es wiinmelt in der Stadt von Journalisten aus aller Welt. Das Kriegsgericht ivollte die ans- wärtige Presse zuerst vollständig ausschließen, schließlich»vurden ihr zivöls Stehplätze beivilligt. Die vorschriftöinäßigen Kundgebungen fehlen nicht. Bei der Ankunft Billots»vurden Rufe laut«es lebe die Armee I"»vorauf andere Personen crtviderten,„es lebe die Republik I Nieder mit den Pfaffen!" In Paris veranstalteten Gruppen von Socialiften»md Frei- denkern die sich alljährlich»viederholende Kundgebuirg vor dem Denkmal Etienne Dolcts auf der Place Maubert. Darauf zog ein Trupp von etlva 200 Manifestanten nach der Rue Montmartre und brachte dort vor den Bureaus des„Jntransigeant" unter Schmährufen auf Rochefort Hochrufe auf Zola und JauräS aus. Es wurden Gegen« rufe laut,»vorauf es zu einem Zusammenstoß kam, bei welchem 2 Personen verlvundet wurden. Die Polizei zerstreute die Menge. Bei Oeffiinng des Sitzungssaales stürmen Publikum und Journalisten lärinend hinein, um Platz zu suchen. Ein Pikett Infanterie nimmt im Saale Aufstellung. Die angrenzende»» Straßen sind durch Gendarmerie abgesperrt. Es herrscht völlige Ruhe. D e n» a n g e und L a b o r i, die Verteidiger des Drcyfus. begeben sich mit ihren Sekretären an ihre Plätze. Casimir Perier, geschmückt mit der Rosette der Ehrcnlegion, nimmt zwischen Billot und Chanoine seinen Zengensitz ein. Diese tragen Uniform Hinter ihnen sitzen Zurlinden, Mercier und Cavaignac. Der Gerichtsdiencr meldet das Erscheinen des Kriegs- gerichts. Um 6V« Uhr war Drcyfus in Uiuform, begleitet von Gendarnlerie-Offiziercn, zwischen einer doppelten Soldatenreihe über die Straße nach dein Gymnasium geführt worden. Die Ueberführung erfolgte sehr schnell. Nur»venige sahen den Ge- fangenen. Einzelne riefen:„Da ist er!" D re y fus betritt in stolzer Haltung den Saal. Der Gerichts- schreiber verliest den Kassationsbeschlnß, de» Bericht des Majors dOrnicscheville im Prozesse 1894 und zählt die Hauptpunkte der An- klage auf. Hierauf erfolgt der Aufruf der Zeugen; einige fehlen, unter ihnen E st e r h a z y. Der Präsident verlas sodann die von ihin aufgestellte Ergänznngs-Zeugenlifte,»velche folgende Rainen enthält: Hauptmann Antonie, Oberstleutnant Guörin, Major Mitry, Armee- Controleur Peyrolles, Germain-Dubreuil, Dillou u. a. Der Regierungökommissar Carriäre erklärt, General Chanoine und Botschaftsrat Palsologue seien amtlich beauf- tragt, zu den beiden geheimen Doffiers Erklärungen zu liefern,»veshalb sie nicht als Zeuge»» auftreten könnten. Die Prüfung dieser Gehcimakten»verde vier Tage dauern.(Rufe inl Auditorium: Oh I) Der Präsident vertagt hierauf die Sitzung. Dreyfus»vird währenddessen in ein Ncbenziiilmcr abgeführt. Nach Wiedereröffnung der Sitzung teilt der Rc- gierungskomniissar Carriöre mit, das Nichterscheinen Esterhazy's hindere die Verhandlungen nicht, es sei gleichgültig, ob er konnne oder nicht. Der Gerichtshof zieht sich sodann wieder zur Beratung zurück. Der Präsident teilt danach den Beschluß mit, daß»vegcn des Fehlens einiger Zeugen, darunter auch du Paty de Clains und der Frau Pays die Verhandlung nicht verschoben werden könne. Während der Verlesung des Berichts OrmcschcvillcS Dom Jahre 1894 gab Drcyfus kein Zeichen uon Niigeduld kund. Diese Anklageschrift von 1894 mit ihren Geschichten von ausgehaltenen Weibern und in Spielhöllen verbrachten Ztächtcn, die seitdem al Spitzellügen vom Polizeipräfckten Lepine selbst anerkannt lvordcn find, macht den merkwürdigsten Eindruck. Ilm 9 Ilhr 29 Minuten lvar die Verlesung beendet. Der Vorsitzende Jouanst zeigt nach der Verlesung Drcyfus das ,i, zwei Buchdeckel eingeklebte Begleitschreiben, das die einzige Unterlage der Anklage bildet . kragt:„Sind Sie der Schreiber dieses Schrift- stucks?„Sie sind angeklagt, einem Agenten einer fremden Macht die in dem Bvrdereau aufgeführten geheimen Dokumente ausgeliefert zu haben, um diese Macht zu veranlassen, Feindseligkeiten oder einen Krieg gegen Frankreich zu nnternehmen." DreyfuS tmit erhobener, vor Erregung bebender Stimme): „Herr Oberst, ich habe dies nicht geschrieben! Ich bin unschuldig an allem, was die Anklage mir vorwirft. Ich wiederhole heute, ivas 1894 und seitdem immer erklärt habe: Ich bin iliischiildig k Ich kämpfe für die Ehre meiner Familie, meiner Kinder! Beim Namen dieser Unschuldigen schwöre ich: Ich bin unschuldig."(Bewegung im Zuhorerrani».) Präsident:„Sie stellen also in Abrede, schiildig zu sein?" Dreyfns:„Ja."(Bewegniig.) Präsident:„Sie wohnte» in Bourges den Versuchen mit der hydrapneumatischen Bremse bei nud konnten also die im Bvrdereau erwähnten Auskünfte liefern?" Dreyfns:„Ich hatte nur allgeineinc Kenntnis davon und habe niemals Uebungen init dem Geschütz„129 kurz" beigelvohnt. Das Verhör über das Bordercau ivird fortgesetzt. Im Zeugen- zimmer ist inzwischen die Witwe Henrys erschienen: die Generale Ganse, Mercicr, Raget, Boisdcfsre und mehrere andere Offiziere bc- grüßen sie und drücken ihr die Hand. D r e y f u s stellt alles, was ihm vorgeworfen wird, in Abrede oder crkärt, daß er sichrer Vorfälle nicht erinnere. Er giebt zu. daß er dreimal in Deutschland gewesen sei: er Icngnct aber, im Jahre 1886 in Mülhausen die deutschen Manöver verfolgt, sich mit .. deutschen Dragoneroffizicr unterhalten, mit diesem gefrühstückt und ihm das Gelvehrinodcll von 1886 gezeigt zn haben. Er erinnere sich nicht, vom Hauptmann Rvmusat eine Mitteilung über das Geschoß Nobin erbeten zu haben. Indiskrete Fragen, bc- sonders über Eisenbahn-Transporte, habe er an seine Kameraden nicht gestellt. Im Jahre 1884 sei er nicht in Brüssel gelvesen. Mit einer Dame in der Rne Bizet habe er oberflächliche Ve- zichungen unterhalten, der zum Nachrichtendienst gehörige Major Geudron habe ihn dort eingeführt. Er habe erst im itaufe des Pro- zesses vom Jahre 1894 erfahren, daß diese Dame der Spionage ver- dächtig gewesen sei. Drcyfus betrachtet sodann genau dnS ihm vor- gclcgtc Diktat du Patt) d e C l a in s. Er erkennt au, daß es seine Handschrift sei, die am Schlüsse fester geworden sei, nachdem er sich in die Situation hineingefundeil hatte. Der Präsident fragte den Angeklagten, was vorgefallen sei, als ihn nach seiner Verurteilung du Paly de Elam im Gefängnis Cherche-Midi aufsuchte. Dreyfns erwidert:„Du Paty fragte mich, ob ich etwa Unwichtiges mitgeteilt habe, um anderes zu erlangen: ich antwortete „Nein" und setzte hinzu, man dürfe keiuen Ilnschnldigen verurteilen; dies sei schrecklich. Ich ersuchte ihn, er möge den KricgSminister bitten, Licht über die Affaire zn schaffen. Von einem fremden Militär» attachs, dem ich die Kehle durchdolchcn werde, habe ich nicht ge- fprochen. Vielmehr bat ich du Paty, die Nachforschungen fortzu- setzen und sagte dabei, die Regierung habe die Mittel dazu, sie könne die Attaches befragen; wenn ich an der Stelle der Regierung wäre, würde ich, anstatt einen Unschuldigen verurteilen zii lassen, die Attaches zwingen zn sprechen und wenn ich ihnen auch den Dolch an die Kehle setzen müßte." Auf die Frage des Präsidenten, ob er am Tage seiner Dcgra- dation etlvas zu Lebriiii-Reiianlt gesprochen habe, erklärt Drcyfus, er habe gesagt, er ivolle angesichts des Volkes seine U n- schuld ausrufen. Wenn er von dem Minister, welcher ivüßte, daß er unschuldig sei, gesprochen habe, so hätte er damit auf seine Unter- Haltung mit du Paty de Elam hingedeutet. Sein Ausruf, in I Jahren werde man erkennen, daß er nnschuldig sei, berge keinen Hinter- gcdanken. Man hätte es abgelehnt, sofort Licht z« verbreiten mit der Erklärung, die auswärtige Politik stehe dein entgegen. Es war erst in zwei bis drei Jahren die Wahrheit zu erhoffen. Darauf wird auf Antrag des Regierungskoinmissars Earriere mit 5 gegen 2 Stimmen beschlossen, vier Tage laug, während der Mitteilung der Gchciniakten, bei geschlossenen Thiircn zu verhandeln. Die Sitzung wird um 11 Uhr geschlossen Die Rückkehr des Hauptmanns Drcyfus ins Militärgefäiignis vollzieht sich ohne die geringste Störung. Die Räumung des Saale geschieht ohne Zivischenfall. In der Stadt herrscht größte Ruhe. � Aus dem Verhör ist folgendes nachzutragen: Auf die Frage des Präsidenten:„Welche Unterredung hatten Sic mit Lebrun Renault?" erwiderte Drcyfns:„Diese/ Unterredung war ein Monolog; ich sagte ihm:„Ich bin unschuldig." Ich hatte die Empfindung, daß man dcni erregten Volke da draußen einen Menschen zeigen wolle, welcher da� vcrabschciiungswürdigste Verbrechen begangen habe, dessen ein Soldat fähig sei. Ich gab mir Rechenschaft über die patriotische Beklemmung, ivelche dieses Volk bedrückte, und ich lvollte ihm zurufen, daß ich nicht der Schuldige sei, ich lvollte vor dem Volke nieine Unschuld laut beteuern. Ich fügte hinzu:„Der Minister weiß es ivohl". Dies bezog sich darauf, was ich dem Obersten du Paty de Elam bei seinem Besuche gesagt hatte. Ich hatte ge- äußert:„Sagen Sie dem Minister, daß ich nicht schuldig bin". Weiterhin sagt der Präsident: In der Kriegsschule warf man Ihnen vor, gesagt zn haben, die Elsässcr seien unter dem deutschen Regimes glücklicher daran als unter dem französischen. Drcyfus antwortete, er habe diese Aeutzerung niemals gethan. Vorsitzender: Welchem Umstände schreiben Sie die in der Schule erhaltenen schlechten Noten zu? DrcysnS: Es war gesagt worden, daß man im Gcneralstab keinen Juden ivolle. Nach dem Zweck seines Aufenthalts in Elsaß befragt, erklärte Dreyfns, er habe sich unterrichten wollen. Vorsitzender: Erstreckten sich Ihre Studien auch auf die Frage der Transporte? Dreyfns: Ja. ich habe diese Frage studiert. Vorsitzender: Hatten Sie Beziehungen zn einer Frau B. und welcher Natioiralität ivar dieselbe? Drcyfns: Sie war Ocsterreicherin. Vorsitzender: Wie konnten Sie als Offizier des Gencralstabs derartige Beziehungen haben? Dreyfns: Ich habe niemals Indiskretionen begangen. Vorsitzender: Im Jahre 1894 sollen Sie erklärt haben, Sie hätten bei einer Dame große Summen verloren? Drcyfns: Das ist falsch, ich habe niemals gespielt. Auf eine weitere Frage des Vorsitzenden erklärt Drcyfus, er habe weder du Paty du Elam. noch Henry, noch Picquart, noch Esterhazy gekannt und habe niemals an Esierhazy geschrieben. •* * lieber die Dauer des Dreyfus-ProzcsieS ist vielfach die Meinung verbreitet, daß der Prozeß nicht so lange dauern wird, als man erwartet, und vielleicht in zwölf Tagen be- endet sein wird. Die Taktik der Dreyfus-Gegner ist darauf gerichtet. Zwischenfälle hervorzurufen, welche rne ergänzende Utitersuchnng nötig machen. Dadurch soll die Vertagung des Prozesses hervor- gerufen werden, vielleicht bis nach dem Wicderzusammcntrul der Kammer. Dann hofft man, das jetzige Ministerium stürzen und den Prozeß unter einem reaktionären Ministermm neu beginnen zu können. Aber es ist ivenig Aussicht vorhanden, daß dieses Manöver gelingt. Im Gegenteil wird ziemlich allgemein erwartet, daß der Prozeß mit einem glatten Freisprnch endet. Die tclegraphische Vcrichtcrstattnng zivischen Rennes und Paris über den Prozeß wird voraussichtlich sehr viel zu wünschen übrig lassen. In der„Voss. Ztg." wird darauf hingewiesen, daß es zwischen Rennes und Paris nur fün Drähte giebt. Diese fünf Drähte sind zur gleichzeitigen Beförderung von zwanzig Telegrammen zu gebrauchen. Nun ist berechnet worden daß gegen 399 Zeiriingsberichterstatter über die Verhandlungen täg lich mindestens 599999 Worte drahten werden. Wie sollen zlvanzig Apparate diese Arbeit leisten? Im Postministerium versichert man daß jeder Apparat in 14 bis 15 stündiger ununterbrochener Arbeit sehr wohl 25 999 Worte absenden könne. Diese wenig tröstliche Zusicherung bietet nur die Gewähr, daß die Telegramme, die vor- mirtags aufgeliefert worden sind, bis abends 11 Uhr abtelegraphiert sein werden. Die großen Pariser Blätter haben für die Verhandlungstage nmfasiende Vorbereitungen getroffen.„Figaro" mietete einen eigenen Draht. Der Bund der Pariser Berichterstatter gedenkt, täglich den vollen Wortlaut, 24- bis 39 999 Worte, nach Paris zu senden. GeutULksitzStftlwfzes. Deutsches Reich. Dic Töpfer in Forst sind in eine Lohnbewegung eingetreten. Sie fordern v'/e stündige Arbeitszeit, 19 Proz. Lohnerhöhung, wenn auswärts gearbeitet wird, Entschädigung der Zeitversäumnis für den Weg von und zur Arbeitsstätte, desgleichen Ersatz für Bahnfahrt und Vergütung für erhöhte Ausgaben bei der Beköstigung, Freigabe des l. Mai. Heute, Montagmichmittag, findet gemeinsame Beratung zwischen Lohnkommission und Innung über dic Forderungen statt. Zur Lohnbewegung der Tischler in Forst i. L. Fünf Arbeit- gcber haben am Sonnabend die Forderungen sofort bewilligt. Dic jenigcu Gesellen, ivelche ohne Kündigung arbeiteten, haben am Montag früh die Arbeit niedergelegt. Die JiinniigSmitglicder haben am Sonnabend und Sonntag Besprechungen gehabt und sind im wesentlichen mit den Forderungen einverstanden. Sie wollen anstatt S9stündige K9stündigc Arbeitszeit und in dringenden Fällen die Zu lassung der Ucbcrslnndcnnrbeit. Da es ein altes Herkommen der hiesigen Tischlergrscllcn ist, Montags eine Stunde später anzufangen, ivird wohl an dieser einen Stunde die Forderung nicht scheitern. Am Dienstag findet gemeinsame Unterhandlung der Arbeiter und Arbeitgeber statt. Znzng ist noch fernzuhalten. Lohnbewegung der Bauhilssarbeitcr in Cottbus. Durch Einführung der zehnstündige» Arbeitszeit auf den hiesigen Bauten sind die Bauhilfsarbeiter in ihrem Einkommen, da sie stundenweise bezahlt werden, geschmälert. Sie haben deshalb am Sonnabend beschlossen, für die Kalk- und Steinträger 39 Pf. und für die übrigen Stnndcnarbeiter 28 Pf. zu fordern. Eine Kommission von fünf Mitgliedern soll den Unternehmern diese Forderung unter- breiten. Vom Formerstrcik in Leipzig. Im Organ der Metall industriellen findet sich dieses Inserat: „Infolge Betriebsvergrößernng(!!!) suchen wir leistungsfähige Eisengießereien(wie viel?) nnt reichen Erfahrungen im Grünformen und Gießen von Hohlgntzsiändcrn mit getrockneten Kernen. Da zur Zeit Strcikaebiet(!!!) nur Offerten erbeten von Firmen, die nach Modellcmpfang Streik nicht zu befürchten haben unter A. D. 621 an die Expedition des„Jnvalldendank" Leipzig. Es ist nur zu wünsche», daß sich keine Firnia findet, die„nach Modellempfang Streik nicht zu befürchten hat." In Apolda sollte in öffentlicher Versanimlniig die Thatjache besprochen werden, daß verschiedene dortige Finnen Leipziger Modelle empfangen hatten. Diese Versammlung wurde wegen Gefahr für die öffentliche Ordnung verboten. Infolgedessen ist eine allgemeine Lohnbewegung der Metallarbeiter am Orte mit Einschluß der G e w e r k v e r e i n l e r zu erwarten. § 153. Der Maurer Josef Wagner von Augsburg wurde vom Schöffengericht wegen Beleidigung, konkurrierend mit einem Ver- gehen ans 8 153 der Rcicks-Gcwerbc-Ordnnng. zu acht Tagen Ge- fängnis verurteilt. Wagner, ein verheirateter' Mann, hatte sich dein Manrcrstrcik angeschlossen und kurz nach dessen Beginn, am 23. Mai, vor einem Neubau in der Stadtjägcrstraße dem„arbeitswilligen" Maurer Adolf Spinglcr einige Vorwürfe gemacht. Dafür muß er nnn ohne Zuchthausgcsctz acht Tage brummen. ZkilSland. Die MassenauSspcrrung in Dänemark. Mit deutlich erkennbarer Absicht werden fortgesetzt Nachrichten verbreitet über Vereinbarungen zwischen den kämpfenden Parteien, die das baldige Ende der Aussperrung in Aussicht stellen. Es haben sich dadurch auch bereits viele deutsche Arbeiter verleiten lassen, nach Dänemark zu kommen. Wie uns heute, Montag, telcgrgphisch aus Kopenhagen gemeldet wird, sind alle Nachrichten über die Beendigung der AuSsperrnng unwahr: der Kampf dauert unverändert fort. Die Ausgesperrten ersuchen darum, dic Aufklärung jibcr diesen Sach- verhalt in die weitesten Kreise zu tragen, damit ihnen der Kampf nicht unnütz erschwert werde. Ein ncncr Maschincnarbciter-Ltreik schien in England zu drohen. Die Maschincnarbeitcr, dic sich von ihrer Niederlage im Jahre 1897 völlig erholt haben und sogar kampfkräftiger als da- mals sind, forderten im Juni eine wöchentlickie Lohnerhöhung um 2 Mark<2 Shilling). Diese ward verweigert und cS kam zn Verhandlungen, dic sich in die Länge zogen und vorige Woche einen ziemlich gereizten Charakter trugen. Für letzten Freitag wurde nun eine neue gemeinschaftliche Sitzung anberaumt, die man für ent- scheidend hielt. In dieser Sitzung, an welcher die Führer der Arbeiter- und der Unternehmerorganisation teilnahmen, kam es aber ziemlich schnell zu einer Verständigung. Die Arbeitgeber haben sich bereit erklärt, die Woche 1 Shilling(1 Mark) mehr zn zahlen unter der Bedingung, daß ein Schiedsmann(Ilmpire) sich über den GcschästSstand im Monat Februar und im Monat Juni ausspreche. n n d laute der Spruch im Sinne der Arbeiter, so solle der Shilling für dic Wochen vom Juni bis jetzt nachgezahlt werden. Falle der Spruch dagegen im Sinne der Unternehmer aus, so solle die Zahlung des Shillings aufhören, das Bezahlte jedoch nicht zurück- gefordert werden. Tics wurde von den Arbeiten« angenommen und die Gefahr eines neuen Riesenstreiks ist abgewendet.— Für die städtischen Straffei, bahn-Llnflestellteii in Zürich hat der Stadtrat die tägliche Arveiiszeit aus 19�/, Stunden festgesetzt. Tie italienischen Bauarbeiter in Mfe tz(Lothringen) sind seit einigen Tagen in eine Lohnbewegung eingetreten, wobei es sich hauptsächlich um die bei den großen Fortsbantcn gezahlten Löhne handelt. Ermangeln die italienischen Arbeiter am Platze auch einer ausreichenden Organisation, so werden sie doch von den Arbeitern ihrer Heimat insofern unterstützt, als diese sich bemühen, den Zuzug ihrer Landslentc nach dem gesperrten Orte fernzuhalten. Dic Be- wegung ist ohne jedes Znlhun der gewerkschaftlich organisierten Arbeiterschaft von Metz zu stände gekommen und legt ein erfreuliches Zeugnis dafür ab. daß auch die bisher als besonders willfährig und anspruchslos betrachteten italienischen Arbeiter es endlich satt haben, sich als Lohndrücker gegenüber ihren deutschen Bernfsgenosscn ge- brauchen zu lassen. Die Arbeiterbewegung in Russisch- Polen, In diesem Sommer, wie sonst gewöhnlich in dieser Jahreszeit, ist dic Arbeiter- bewegung Warschaus außerordentlich lebhaft. Den besten Beweis dafür liefert die große Anzahl der Streiks, hauptsächlich unter den Handwerkern. Die Klempner habe» die Verkürzung der Arbeits- zeit um eine Stunde gefordert und eine Erhöhung des Arbeitslohnes, so daß der niedrigste neun Rubel wöchentlich beträgt. Schon nach einigen Tagen haben die Besitzer der kleineren Wertstätten den Forderungen der Arbeiter nachgcge n und nach drei Wochen war der Sieg der Arbeiter ein allgemeiner. Den Sattlern ging es nicht schlimmer. Nach einem kurzem Wider- stand der Meister haben sie die Arbeitszeit um eine Stunde ver- lürzt. Dic Bäcker haben einen großen Streik veranstaltet, indem sie verlangen, daß die Arbeitszeit nnt den Pausen zusammen nicht länger als zwölf Stunden dauert, daß an Sonntagen die Arbeit eingestellt werden soll, und daß die Gesellen nicht>. von den Meistern Kost und Wohnung erhalten sollen. Der Streik ist noch nicht beendet. Nur wenige Meister haben bis jetzt nachgegeben, aber die gute Organisation der Arbeiter kann den erfolgreichen Ausgang des Streiks wohl sichern. Einen ungeheuren Streik haben die jüdischen Schuhmacher angefangen, deren An- zahl in Warschau gegen 3999 beträgt. Sie verlangen den zehn- stundigen Arbeitstag. In den»leisten Werkstätten sind sie siegreich gewesen, in einigen haben sie anstatt IVsstiiiidiger Mittagspause nur eine Stunde Arbeitsunterbrechung erkämpft. Die jüdischen Drechsler haben nach einem vierwöchigen Steik(299Mann) den Zehnstundentag er- rungen, anstatt der bisherigen 12 und 14 Stunden. Die Bildhauer haben nach 2wöchigem Streik den zehnstündigen Arbeitstag überall eingeführt, der vorher nur in 6 Werkstätten existierte. Vom 22. Juli an'streiken die Schreiner und Z i ni m e r l e n t e. In der Fabrik von Handtke haben 1999 Arbeiter der Einführung eines neuen Zahlmigssystems erfolgreich widerstanden. In der Fabrik„Vulkan" haben die Drücker nach 2tägigem Streik die Lohnerhöhung erkämpft. In Lodz hat ein erfolgreicher' Streik der Tischler in einer größeren Fabrik die Arbeiter der vielen anderen Fabriken zum Streik an- geregt._ Sociales. Zum Kampf wider dic Lungenschwindsucht! Ter Düffel- dorfer socialdeinokratische Volksverein hatte sich an die Stadt- Verwaltung gewandt mit der Bitte, im Kampf wider die Schwind- sucht die'Initiative zu ergreifen durch den Bau einer eigenen Lüngenheilaiistalt, oder sich mit der Alters- und JnvaliditätS- Versicherung zu solchem Zwecke in Verbindung zu setzen. Darauf ist nun folgende Antwort erfolgt:! Auf die Eingabe vom 23. d. M. erwidere ich Ihnen ergebenst, daß unter Beteiligung erheblicher Geldmittel von hiesigen Ein- gesessenen sich vor kurzem eine Gesellschaft mit beschränkter Haftung zur Errichtung von Volksheilslätten für heilbare Lungen- kranke gebildet hat. welche es sich zur Aufgabe stellt, die Erbauung und den Betrieb von Heilstätten für bedürftige Lungenkranke aps den minderbemittelten Klassen, vornehmlich aus dem Arbeiter- stände, zu bewirken. Die zu erbauende Anstalt ist zunächst bestimmt unter anderm für die Bewohner der Kreise Düsseldorf Stadt und Land. In Vertretung: G r e v e. Die Stadt Düsseldorf überläßt demnach wiederum eine hochwichtige sociale That dem Privatkapital. Im übrigen ist die Er- richlung einer solchen Anstalt mit Freuden zu begrüßen. Möchten andere nachfolgen und namentlich auch der Staat dein Ruf des Tnbcrkulose-KongresscS folgen, Heilstätten zu erbauen! SnbmissionSblüte. Die Angebote für den zweimaligen An- strich der Eisenbahnsprecbrllcke bei Kottbns mit Schuppcnpauzerfarbe Ichwanken zwischen 2598,23 M. und 847,59 M. Zum JnnungSkasseuwcscn hat daS hessische Ministerium eine sehr anerkennenswerte Entscheidung getroffen. Danach sollen JnnungS- Krankenkassen nur dann genehmigt werden, wenn sie mindestens gleiche Leistungen wie die Orts-Krankenkassen bieten. Vom Stand- punkte der So'cialreforM ist diese Entscheidung sehr zu begrüßen, ist sie doch geeignet, die große Masse der be» Kleinmeistern beschäftigten Arbeitern vor großen Nachteilen durch Jmiungs-Krankenkaffen zu bewahren. Uetzke TlKchvichten und Depeschen. Esse«, 7. August.(W. T. B.) Wie die„Rhciniich-Westfälischc Zeitung" erfährt,' hat das Ober-Hofmarschallanit an den Ober- bürgerineister von Dortmund folgendes Telegramm gerichtet:„In Beantwortung Ihres Schreibens vorn 39. Juli sowie des heutigen Telegramms' sind wir in der angenehmen Lage, mitzuteilen, daß Sc. Majestät der Kaiser zur Hafcncinwcihnng am 11. August in Dortmund eintrifft." Salzburg, 7. August.(B. H.) Die Verhängung des kleinen Belagerungszustandes über Salzburg steht bevor. Krakau, 7. August.(B. H.) Der Wiener Schnellzug ist auf der Station Krzeszowice auf einen Güterzug aufgefahren, wobei niehrcre Lastwaggons zertrümmert, fünf Reisende leicht verletzt wurden. PariS, 7. August.(W. T. B.) Dem Minister des Aenßcrn „elcassö wurden vom Kaiser von Rußland die Jnsignien des Alexander-Newsky-Ordcns in Diamauten verliehen. Paris, 7. August.(W. T. B.) General Pierron ist unter Bc- lassung in seiner Stellung als kommandierender General des 7. Armee- korps an Stelle des Generals Nsgrier zum Mitglied des Obersten KricgSratS ernannt worden. London, 7. August.(W. T. B.) Unterhaus. Chamberlain erklärt, bis der Vorschlag'bezüglich der Einsetzung einer gemeinschaftlichen Konimission zur' Prüfung der neuen Wahlrechtsgcsetze von der Regierung von Transvaal angenommen worden, sei er außer Stände' über die Zusainmensetzung der Kommission eine Erklärung abzugeben. Ihre Aufgabe werde sein, beiden Rc- gieriliigcn darüber zu berichten, ob die jüngst vom VolkSraad angenommenen Vorschläge den Ausländern eine sofortige wesentliche Pe'rtretung sichern und wenn dieses nicht der Fall sein sollte, welche Abänderungen des Gesetzes dieses Ergebnis herbeiführen würden. Er glaube nicht, daß dies lange Zeit erfordern werde.— Parlaments- nntcrsekrctär Brodrick erklärt, die nencsten Nachrichten aus Samoa besagten, daß die Eingeborenen in ihre Dörfer zurückgekehrt seien und Ruhe auf der Insel herrsche; der Bericht der Komniissio» sei noch nicht eingegangen, er könne daher keine Ansicht über denselben äußern. Petersburg, 7. August.(W. T. B.) Bei dem am Sonnabend vom Grasen Mnrawjew zu Ehren TelcasiSö veranstaltete» Diner brachte Graf Mnrawjew folgenden Truiksprnch aus:„Meine Herren l Indem ich meinen thcuren französischen Kollegen willkommen heiße. erhebe ich mein Glas, trinke auf fein Wohl und spreche nnferem liebenswürdigen Gast meinen Dank dafür ans, daß er durch die Schnelligkeit seiner Reise abermals bewiesen hat, in welchem Mvße die Bande, ivelche Frankreich so eng mit Rußland verknüpfen, Paris und Petersburg einander näher gebracht haben Tclcasss erwiderte:„Meine Herren! Ich bin tief bewegt von dcni Empfange, welchen man dem französischen Minister dcS Aeußcrn hier bereitet hat. und indem ich mich glücklich schätze, nach Ihnen, Herr Graf, zu konstatieren, daß die zuni gemeinsamen Wohle unserer beiden Länder geknüpften Bande noch innigere geworden stnd und 'ich auch in Zukunft nur noch vielseitiger gestalten können, bitte ich mn dic Erlaubniß, Ihr Wohl trinken' und die Ilcbcrzcngung ansprechen zu dürfen, daß durch den häufigen Austausch freimdschaft- lichcr Besuche die Entfernmig zwischen Petersburg und Paris eine immer geringere werden möge." Kap Haiticn, 7. Angiist.(W. T. B.) Die Generale Pablo Neyes. Raimar Pachleo, Jose JiinencS und andere haben zu Gunsten von Juan Isidor Jimcncs zu de» Waffen gegriffen und halten Sabaneta und Gnayalin besetzt. Man nimmt an, daß der Gou- vcrnenr von Montechristi sich ohne Verstärkungen nicht werde be- haupten können._ 'Verantwortlicher Redacteur: Robert Schmidt in Berlin. Für den Jnserat-nteil veranüvortlich: Th. Glocke in Berlin. Druck und Verlag von Max Babing in Berlin. Hierzu 1 Beilage»nd ttulerhaltiiiigsblatt. osssn Volkmar über die bayrische»» Wahlen. In der Wiener„Wage" veröffentlicht Genosse v. Volkmar Betrachtungen üvcr die bayrischen Landtagswahlcn. Er nennt die in diesem Fall geübte Wnhliaklik„sehr einfach und sehr leicht erklärlich". Nach den 18!)3cr RcichStagswahlcn sind die verschiedenen Par- tcicn in Bayern prozentual vertreten: Ccntrutn 38,8, Liberale aller Schattierungen IV, 1, verschiedene Baucrnbünde 18,2, Socialdcmokratie 18, Demokraten 2,4, Konservative 1,9, Sonstige 1,6 Prozent.„Da die Zahl der zu wählenden Abgeordneten löv beträgt, so würde die Kaminer unter einem gerechten Wahlsystem folgende Zusammensetzung ergeben: Ccntnim 62, Liberale 30, Baucrnbünde 29, Soeialdeinorrntie 29, Dcinolratcn 4, Konservative 3, Sonstige 2. „Aber das veraltete bayrische Wahlverfahrcn bereitet den Minderheitsparteicn und vor allem der Socialdemokratie so viele Schwierigkeiten, daß es ihnen völlig unmöglich gemacht ist, ihr Recht aus eine ihrer Stärke entsprechende parlamentarische Vertretung auch nur annähernd durchzusetzen. Unser Wahlgesetz bietet nämlich, ivenn man von der Klassenwahl und der öffentlichen Stimmabgabc ab- sieht, eine fast lückenlose Zusammenfassung alles Unrechts und Wider- sinns, die sich iir den Wahlgesetze» anderer Länder zerstreut finden. Wir haben einen Census, es ivird indirekt gewählt, und das Wahlrecht ist je nach dem Wohnsitz des Wählers ein höchst ungleiches. Tie Wahl- kreise sind nämlich nicht nach ihrer thatsächlichen Bevölkerungszahl eingeteilt, sondern nach der Volkszählung von 1875, so daß die Hunderttausende von Einwohnern, um die«tädte und die Industrie- orte seitdem zugenommen haben, ganz außer Berechnung bleiben. So kommt es, daß in Nürnberg erst auf 50 000 und in München gar auf 70 000 Seelen ein Abgeordneter entfällt, während in manchen ländlichen Kreisen bereits 25— 28 000 Einwohner einen Abgeordneten wählen könne». Diese Ungleichheit findet aber eine weitere Vcr- schärfung bei der Einteilung der Unvahlbczirke, welche gleichfalls nach jener alten Volkszählung stattfindet und ivobci es vorkommt, daß in manchen iiinerstädtischen Bezirken 300—400 Wähler 6—7 Wahlmänner wählen, während in neuerstandenen äußeren Stadt- vierteln auf 3000 und mehr Wähler oft nur 3—4 Wahlmänncr ent- fallen. Auf diese Weise haben die Wähler der Großstädte, in denen die Socialdcmokratie ihre stärkste Vertretung hat, nur zwischen einem Drittel utzd der Hälfte des Wahlrechts ländlicher Kreise; und inner- halb der einzelnen großstädtischen Bezirke sinkt das Wahlrecht der Arbeiter, Kleingewerbetreibenden, Bediensteten wieder bis auf ein Ztvanzigstel des Wahlrechts, das die vermögenden Klassen, und bis zu auf ein Vierzigste! his Sechzigste! desjenigen herab, das die Landbewohner haben. „Die Krönung des Gebäudes bildet die Einrichtung der Listen- wähl. Von wenigen Ausnahmen abgesehen, haben wir nicht— wie bei den ReichstagSwahlen— Kreise für je einen Abgeordneten, sondern es werden in der Regel je 2 bis 5 Abgeordnete zusammen gcivählt. Hängt es nun schon bei den Urwahlcn oft von der Stimme eines Wählers ab, ob diese oder jene Partei drei bis sieben Wahlmänncr mehr oder weniger erhält, so kann bei den Abgcordnetemvahlcn eine auch nur mit einer einzigen Stimme in der Mehrheit befindliche Partei die s ä m t l i ch e n Mandate des Wahlkreises einstecken, während alle übrigen Parteien ganz leer ausgehen, völlig unvertrcten bleiben. Dabei gicbt es keine relative Mehrheit. Ist nicht eine Partei allen anderen zusammen überlegen, so mutz bei den Abgcordnctcnwahlcn, wie auch bei den llrlvahlcn, solange fortgcwählt ivcrdc», bis entlvedcr ein Teil erlahmt und seine Kandidaten fallen läßt, oder bis irgend ein Zufall den Ausschlag gicbt— lvie 1893 einmal mir der plötzliche Tod eines Centrumswahlmanncs einer ganzen Reihe vergeblichen Wahlgängcn ein Ende machen konnte und den Liberalen zuin Siege verhalf,— oder aber bis eine förmliche Vereinbarung aller Parteien oder eines Teiles derselben zur Verteilung der Mandate unter sich der Sache ein Ende macht. Ja, den MindcrheitSpartcicii ist durch die Bestimmung, daß die nicht erschienenen Wahlmänncr unter Um- ständen die Kosten eines vereitelten Wählgangcs zu tragen haben, selbst das Recht des Fernbleibens genommen, so daß ihre Wahl- männcr gezwungen werden können, falls sie keinen anderen Ansiveg finden, durch Stimmabgabe direkt oder indirekt persönlich zum Sieg der Gegenpartei beizutragen. „Diese grotesken Bestimmungen haben bewirkt, daß die taktischen W a h l v c r e i n b a r u n g e n in Bayern seit langem zu einer allgemeinen Einrichtung geworden sind, von der alle Parteien Gebrauch machen und gegebenenfalls Gebrauch machen müssen, weil sie eine notwendige Folge des bestehenden Wahlverfnhrcns sind und die einzige Möglichkeit bieten, dessen Verkehrtheiten einigermaßen zu korrigieren. I m II n t c r s ch i e d zu dem, was w i r S o c i a l- demo'kraten als„Kompromisse" bezeichnen und stets grundsätzlich bekämpft haben, nämlich zu p r o g r a m m a t i s ch e n V e r c i n b a r u n g e n, lassen solche Wahlverabrcdungen rein taktischer Natur das ganze Wesen und die Unabhängigkeit der bc- r e i 1 1 g t c n P a r t e i e n v ö l l i g unberührt und können deshalb auch von den einander entgegengesetzten Richtungen zu A u g c n b I i ck s z w e ck e n abgeschlossen werde n. So haben bei unseren letzten Wahlen solche Verabredungen stattgefunden zwischen: Liberalen und Bauembünden, Liberalen und Lund der Landwirte, Liberalen und Konservativen, Ccntrum und Konservativen, Socialdcmokratie und Volkspartci, Socialdemokratie und Centrum. Was im besonderen die Socialdemokratie betrifft, so bildet das allgemeine, teilweise geradezu ungeheure Anwachsen ihrer Stimmen eines der charakteristischen Merkmale der letzten Wahlbewcgung... Im ganzen Land vermehrte sich die Zahl unserer Wahlmänncr von 376 m 1893 auf 642... Diese Ergebnisse waren gewiß glänzende und würden uns bei jedem halbwegs vernünftigen Wahlgesetz ohne weiteres eine Reihe von Mandaten gesichert haben. Durch das bestehende Wahlverfahren mit seiner Listenwahl und seiner zu Gunsten der Liberalen gemachten Wahlkrciscintcilung aber hätte es mit Leichtigkeit dahin kommen können, daß die Socialdemokratie trotz der großen Zahl ihrer Urwähler und Wahlmänner in München I wie in Spcicr ohne jede Vertretung geblieben wäre. „Es konnte, wie es 1893 in München 1 geschehen ist, in einer Reihe von Urwahlbczirken zu einem Zusammengehen zwischen Libc- ralen und Centrum kvnimcn, wodurch eine Zahl unserer Wahlmänner unterliegen konnte, die hinreichend war, uns in die Minderheit zu bringen. Wenn unsere beiden Gegner aber auch während der Ur- wählen einander ferne blieben, was konnte dann bei den Abgeordneten- wählen geschehen? München I hat 344 Wahlmänner, wovon 166 uns, gl dcm Centriim und 87 den Liberalen gehörten; die absolute Mehr- heit betrug 173. In Spcier waren von 243 Wahlmänncrn 83 uns, 60 dem Bund der Landwirte, 52 dem Centrum, 45 den National- liberalen 3 den Demokraten zugefallen; absolute Mehrheit 122. Es konnte nun zweierlei geschehen: Entweder wir und die übrigen Parteien stimmten ohne Rücksicht auf einander nur für die eigenen Kandidaten Dann mußte die Wahlhandlung unaufhörlich wieder- holt werden ohne daß eine gültige Wahl zu stände kommen konute. Wobei vorausgesetzt ist, daß alle unsere Wahlmänner. welche zumeist ans Arbeitern und Kleingewerbetreibenden bestanden, die fottgesetzte Vecinträchtiaunq ihres Verdienstes und die Drohung mit Maßregelung hätten ertragen können, und daß nicht Krankheit oder Veränderung des Wohnsitzes infolge von Arbeitsverlust in ihre Reihe größere Lücke gerissen hätten, als in die der Gegner. Dann konnten zlvar freilich die Gegner nicht durchdringen, aber auch wir nicht, und die Kreise blieben ganz ohne Vertretung. Oder aber— und das ist das Wahrscheinlichere, ja Gewisse— cö kann früher oder später zu Ver- abrednngen der gegnerischen Parteien wider uns komincn. Tann aber wäre gerade' diejenige Partei künstlich in die Minderheit ge- bracht worden, die in beiden Wahlkreisen zifferiininßig die stärkste ist, die im Landtag als Triebfeder jedes politischen, socialen und kulturellen Fortschrittes wirkt, die insbesondere seit Jahren allein ernstlich und unermüdct für die endliche Beseitigung des jetzigen Wablgesetzes samt all seinen Begleiterscheinungen kämpft, und deren Verstärkung im Landtag deshalb von hohem Jntcressc für das bayrische Volk und Land war. „Sollte diesem äußersten Unrecht vorgebeugt werden, und wollte die Socialdemokratie nicht sich und ihre Wähler um die Frucht des Wnhlkampfcs bringen,— so gab es nach Lage der Dinge keinen andern Weg, als daß wir, gern oder ungern, auch unsererseits zu dem herkömmlichen Nüttel der Wahlverabrcdung griffen, das oft genug gegen uns angcivcndet worden war und nun auch einmal zur Sicherung unseres Rechts und gleichzeitig zur gründlichen Er- schüttcrung des bestehenden Wahlvcrfahrens nutzbar gemacht werden konnte. „Von den beiden in Betracht kommenden Parteien hielten die Liberalen— die sich in beiden Kreisen seit langem im Besitz der Mandate befunden hatten—, auf die zu ihren Gunsten zurccht- geschnittene Wahlkreiseinteilung pochend, ihre Stellung für im« angreifbar und dachten deshalb in ihrem Hochmut nicht daran, die Folgen jener Parteilichkeit durch freiwillige Abtretung eines Teiles der Mandate abzuschwächen. Sie konnten also nicht in Bctrackst kommen. „Blieb nur das C e n t r u m; das war bisher, gleich uns. in München I ebenso wie in der Pfalz, durch die Listenwahl von jeder Vertretung im Landtag ausgeschlossen. Zwar wollte ein Teil der Partei, bestehend aus Beamten und Grvßbürgern, um jeden Preis an dem alten Grundsatz festhalten, daß das Ccntrum niemals mit der Sociaidemokralie einen wie immer beschaffenen Pakt schließen könne, und deshalb lieber Fühlung mit den Liberalen suchen. Aber wenn im Centrum bisher jede Stimmzcttelabgabe für einen Socialdcmokratcn als ein Verrat an der Kirche und ein Eidbruch am Staat hingestellt werden konnte, und wenn noch bei den vorjährigen Rcichstagswahlen der Einfluß des Hofes und der höheren Geistlichkeit die Massen der Ccntrumswählcr bewogen hatte, zur Bekämpfung der Socialdemo- kratie die Liberalen zu unterstützen, so war hierin mittlerweile eine bedeutende Aendcrnng eingetreten. Die Arbeiter, Hand- werkcr und V c d i e n st e t e n, die das C e n t r u m in den katholischen Arbeitervereinen organisiert hatte, uni sie der Socialdemokratie fernzu- halten und als dien st bereite Hilfstruppen zu verwenden, hatten sich allmählich fühlen g e- lernt.... Die katholischen Arbeiter vor allem waren es, die mit aller Entschiedenheit darauf hindrängten, daß das liberale Vertrctungsnionopol um jeden Preis zu brechen und daß zu diesem Zwecke mit den Socialdcmokratcn eine Vcr- cinbarimg zu treffen sei. Und als diese dann zur Thatsachc wurde, da waren die katholischen Arbeiter wiederum die ersten', die einen Kandidaten aus � ihren Reihen ausstellten, den bürgerlichen Elementen großmütig die Aufstellung des anderen unter der Bc- dingnng überlassend, daß dazu ein Mann„ans dem praktischen Leben" genommen werde. So wurde denn, allen Mahnungen und Warnungen der alten Führer entgegen, die Wnhlvcrabredimg mit uns vom Ccntrnm mit großer Mehrheit beschlossen und in offizieller Form festgestellt. „Socialdcmokratie und Centrum gingen im ersten Wahlgang vollständig selbständig vor und bekämpften sich gegenseitig um so nachdrücklicher, als zugleich die Wahl in München 11 mit seinem einen Abgeordneten ausschließlich zwischen beiden Parteien ansge- fochten wurde.... „So stellt sich denn das anscheinend so„unerklärliche" Bündnis einfach als ein rein äußerliches AngenblickSLbcreinkommcn dar, eine taktische Maßregel, die ein unsinniges Gesetz zwei Parteien trotz all ihrer sonstigen Gegnerschaft aufzwingt, wenn nicht trotz aller erzielten Erfolge beide Parteien von einer dritten rechtlos gemacht werden wollen. Man hat hier eine Proportionalwahl unter Umgehung des Gesetzes vor sich, allerdings eine mangelhafte, indem die bisher herrschende Partei ausgeschlossen wird. Aber das läßt sich einmal nicht anders machen. Hätte nicht die liberale Partei— zusammen mit dein Ccntrnm— die elementarste Pflicht der Volksvertretung so sehr vcr- gcsscn, daß während eines Vicrtcljahrhundcrts kein einziger ernst- haster Schritt zu einer Rcfonn des Wahlrechts geschehen ist, dann hätte ihr und uns dieser Vorgang erspart bleiben können. Aber wer so lange die Vorteile a»S einem Unrecht schmunzelnd eingestrichen hat, der darf sich nicht beklagen, wenn ihm auch einmal dessen Nach- teile fühlbar werden und wenn diejenigen, die so lange vergeblich ein besseres Wahlgesetz gefordert haben, sich schließlich jedes Nüttels bedienen, um aller Welt zu zeigen, wie die Folgen des bestehende» Gesetzes nicht immer nur als bequeme Handhabe zur Unterdrückung der Socialdcmokratie wirken, sondern unter Umständen auch die Verteidiger des Gesetzes selbst in den Nacken schlagen können. Wenn der Schrecken und die Trauer der Liberalen über ihre ebenso unerwartete wie wohlverdiente Niederlage, sowie die naheliegende Erkenntnis beim Ccntrum, daß bei einem längeren Fortbestehen des jetzigen Wahlunrcchts auch ihm einmal Gleiches widerfahren könnte, den ncugcwähltcn Landtag dazu treiben, die so lange zurückgehaltene Wahlreform cndlick, in Gang zu bringen und ein Wahlrecht zu schaffen, das die Möglichkeit gicbt, daß unsere Landtagswahlcn ans einer Fälschung des Volkswillcns zu einem getreuen Ausdruck des- selben werden— dann wird unser taktisches Vorgehen allein schon dadurch seinen Zweck erreicht und sich für das bayrische Volk reich- lich gelohnt haben!"— UoKerfes. Arbcitcr-Bildnngöschnlc. Die Mitglieder werden gebeten, die entliehenen Bücher morgen, Mittwochabend, zurückzugeben, da die Bibliothek bis auf weiteres zwecks Umzugs geschlossen ivird. Wieder- beginn der Kurse Mitte Oktober im„Englischen Hof", Neue Roß- st r a ß e 3, Hof part. Der Vorstand. DaS Sängerscst des Arbeiter- TäugcrbuiidcS hat die Vcr- liner Arbeiterschaft am Sonntag zu zehutanscndcn nach ocm bekannten Lokal Schloß W c i ß e n s e c hinausgclockt. Masscnfcstlichkcitcn waren in der Hauptstadt der deutschen Socialdcmokratie ja schon früher da; aber wir glauben, daß nur wenig Veranstaltungen onfziizählen sind, die sich eines stärkeren Besuches erfreuten, als die gestrige Bundes- fcier. Man hatte das große von Herrn Meyer geschmackvoll dekorierte Lokal durch Vermehrung der Tische und Bänke entsprechend her- gerichtet und dennoch war es für die am Nachmittag gekommenen Be- suchcr unmöglich, einen Sitz zu erhaschen; und an den Wcißbicrschänken mangelte cS— ob mit oder ohne Schuld der Inhaber möge im- untersucht bleiben— ständig an Schankgläsern. So war denn, so- weit die Leib- unh Magcnfrage in Betracht kam, zum Teil nur von ciiicm relativen Vergnügen zu reden, und ein Glück kann es fast genannt werden, daß ein kurzer aber kräftiger Regenguß wenigstens die Staubbildimg für den Abend verhinderte. Dennoch zeigten sich die Besucher nicht allein vom besten Humor beseelt, sondern übten auch in dem Gewühl eine musterhafte Tisciplin. Der bei solchen Gelegenheiten aufgestellte Grundsatz der Arbeiterschaft, sich selber Polizei zu sein, wurde in jeder Hinsicht vortrefflich bethätigt. Aber auch die Organe der königlich preußischen Behörde übten die �Ordnungspflicht.'In ihrer Weise allerdings. Als bedeutendste That der zum Glück nicht sehr stark vertretenen Gcndamicrie ist zu verzeichnen, daß einem Arbeiter eine Anzahl socialdemokratischcr Druck- fachen konfiscicrt wurden, zu deren Vertrieb er nach Meinung des Beamten der behördlichen Konzession bedurft hätte. Doch ging diese That, wie gesagt, ohne unangenehme Begleitumstände vorüber. Das Programm, an dem etwa 200 Gesangvereine mitwirkten, deren Banner den Festplatz harmonisch umgaben, gelang durchweg vortrefflich und fand in seiner eindnlcksvollen Größe eine aufmerk- same und beifallsfreudige Zuhörerschaft. Imposant wirkte auch der Festzug, den die Sänger um 4 Uhr nachmittags veranstaltet hatten. Auch die Musikkapellen waren gut verteilt und kamen vorzüglich zur Geltung; ein Feuerwerk bildete den Beschluß des prächtigen Abends. Es wäre ungerecht, wollten wir nicht einer Einrichtung der Berliner Arbeiterschaft gedenken, die sich auch hier wieder vortrefflich bewährte. Wir meinen die Arbeiter- S a m a r i t e r- Kolonne, die, mit zwei Lazarcttzclten ausgerüstet, unter der Leitung zweier Acrzte iinenniidlich einsprang. Ivo es Hilfe zu leisten gab. Die Kolonne wurde in 30 Fällen in Anspruch genommen; besonders hatte das leidige starke Schnüren unter der Damenwelt verschiedene Opfer an Ohnmachisanfällcn gefordert. Die vorzüglich orgqnisierte Institution der Samariter verdient entschiedenste Beachtung und Förderung in der Berliner Arbeiterschaft. Die F-cricnzeit ist für die Volksschule zu Ende. Einige in der Pädagogik nicht allzu geschickte Lehrer zetern ein paar Tage lang gricsgrämlich über die Verwilderung der Kinder und jammern etwa auch darüber, daß diese und jene Stelle aus dem geistvollen Lutherischen Katechismus und verschiedene Daten aus der unausgesetzt ruhmreichen Geschichte der Hohcnzollern verschwitzt worden sind. Bald aber geht alles wieder seinen Wcrkcllags- gang und dem verständigen Pädagogen drängen sich höchstens noch Betrachtungen auf über die Einwirkung der Ferien auf die körpcr- lichc Entwickclung des Kindes. Nach oben und nach unten hin sind da, um ein Durchschnittsbild zu erlangen, zwei Kategorien besonders zu betrachten. Nach unten hin jene unglücklichen Wesen, denen auch die Ferienzeit keinen einzigen Lichtstrahl der Freude brachte, die im zerlumpten Gewände vier Wochen lang mit Flicgenstöcken oder Streichhölzern hausieren gingen und in allen Menschen, die noch sittlicher Empfindungen fähig sind, ein Gefühl des Mitleids mit ihrem Elend und des Zornes über die göttliche Weltordnung, die solches ermöglicht, wachrief. Diese Kinder scheiden bei der Wertung ans als immerhin ansnahmsweise Opfer jenes Molochs, der dem schönen Wort„Lasset die Kindlein zu mir kommen" in unserem Zeitalter einen wahrhaft infernalischen Sinn unterzulegen wußte. Auch die Kinder jener Eltern, die nicht aNein für eine gut geschmierte Frühstücksstulle, sondern im Sommer auch für einen kurzen Landaufenthalt sorgen können, mären ihrer winzigen Zahl wegen kaum in Rechnung zu stellen. Anders ist es schon mit den eigentlichen Ferienkolonisten. Ihrer Zahl nach spielen auch sie relativ nur eine höchst bescheidene Rolle. Aber sie sind sowohl wegen der Patina im Gesicht als wegen der Abenteuer, die sie zu vermelden wissen. Gegen- stand des Neides und der Bewunderung unter ihren Mit- schillern, mögen sie nun in der Ostsee' gepanscht oder all- morgcntlich bescheiden die lästige und unnütze Reklame- tafcl mit der Aufschrift„Ferienkolonie" nach° Schmarqen- dorf getragen haben. Sie fühlen sich wenigstens für den Anfang körperlich und wohl auch geistig gestählt,' und ihre Rolle ist gewissermaßen die der passiven Unznfriedciihcitspioniere unter der übrig bleibenden großen Masse der Berliner Kinder, die während der verflossciicn vier Wochen nichts hatten als den öden und gcfahr- drohenden Asphalt des heimischen Straßcnpflastcrs. Lange'dauert die Ucbcrhcbung jener heimgekehrten pcrsons of colom- j» gerade nicht. Berliner Luft und Berliner Elend sorgen so intensiv für eine ausgleichende Gerechtigkeit, daß in wenigen Wochen jede äußere Abzeichen verschwunden sind. Tic Franc» an der Berliner Universität sind im letzten Jahr auch in vielen Anstalten hervorgetreten, in welchen eine grinid- kichere wissenschaftliche Ausbildung erfolgt. Im psychologischen Seminar war unter 7 Personen, welche wissenschaftliche Arbeiten ausführten, eine Dame, Fräulein von KarpinSka. Im philologischen Proseminar des Instituts für Altertumskunde werden 2 Frauen als ordentliche Mitglieder verzeichnet. An den Hebungen bei Wagner und Schmoller im staatswisscitschaftlich- statistischen Seminar bc- tciligtcn sich je zivci Damen, bei Scring drei, und bei Mcitzen ließ sich bei der systematischen Behandlung von Theorie und Technik der Statistik eine Dame einschreiben.'In der modernen Abteilung des germanischen Seminars(Erich Schmidt) lieferten einige Damen teils mündliche, teils schriftliche Referate Dem romanischen Seminar(Toblcr) gehörten zwei Frauen, die bereits im Schuldienst standen, als Mitglieder an; andere Damen waren als Zuhörer zugelassen; auch an den italienischen Hebungen des Lektors Dr. Hcckcr beteiligte sich eine Hospitnutin. Selbst'im Seminar zurAnSbildung der Studierenden im wissenschaftlichen Rechnen finden wir während des letzten Winters initer« Mitgliedern eine Dame. Die erste weibliche Doktorin der Berliner Universität, Fräulein Dr. Elsa Ncmiiann, ist unter den Autoren verzeichnet, die im physi- kalischcn Institut wissenschaftliche Arbeiten ausgeführt haben; ihre Doktorschrift„über die Polarisationskapacirät umkehrbarer Elektroden" erschien in Wiedcmaims Anualcn. Jmbotanischen Institut iSchwendcnerj arbeitete im Winter unter 12 vorgerückteren Praktikanten eine Dame. Endlich sind noch die Zeichnungen zu erwähnen, welche Frau Anna Matschic-Hcld, Fräulein von Zglinicka und Fräulein Mörkcl für ivisicuschajtlichc Arbeiten und die zoologische Schnusamniluna des Museums für Naturkunde gefertigt haben. Ein Problem für Spiritisten. Unter ständige polizeiliche Bc- wachung gestellt ist das Hans Neue Königstr. 60,' in dem ein im- heimlicher Kobold allerlei Unfug treibt. Dieser Unfug hat in der letzten Zeit derartig zugenommen, daß die Hausbewohner kaum mehr in der Lage sind, in den Abendstunden in den Hof hinabgehen zu können. Seil ctiva drei Wochen werden allabendlich Preßkohlen. CoakeS, Bierflaschen, Knochen und ähnliche Gegenstände auf den Hof hinabgeworfen, und, wiewohl eine Anzahl Kriminalbeamte unter der Leitung eines Kommissars das Grundstück wiedcrholentlich bc- setzten, gelang es doch nicht. des ThätcrS habhaft zu werben oder auch nur den Unfug zu hindern. Ohne Respekt vor der An- Wesenheit der Beamten fliegen die Gegenstände in die Tiefe und leider ist es auch nicht möglich. die FIngrichtnng fest- zustellen, da der„Spuk" sein Unwesen nur in der Dunkelheit treibt. Die Bcniiruhigungcn der Hausbewohner begannen bereits vor Ostern. Damals wurden Briefe unflätigsten Inhalts auf die Treppen gelegt, die Geländer, Thürgriffe usw. mit Unrat und grüner Seife besudelt, größere Posten Lumpen zu Ballen znsammcngczogcn. mit Petroleum getränkt und dann an den Wohnungöthnren zur Ent- zündung gebracht, und ähnliches mehr. Als vermeintliche Urheberin dieser ttcbelthatcu wurde bekanntlich ein Dienstmädchen festgenommen und unter Anklage gestellt, doch mußte die Verhandlung vertagt werden. Neuerdings sind durch die Polizei verschiedene andere Personen, unter anderen eine Waschfrau, in Haft genommen, jedoch ließ sich in keinem Falle der Verdacht anstecht erhalten, und so setzt der Poltergeist auch jetzt noch seine nichtswürdige Thätigkeit fort. Im städtischen Obdach befanden sich am 1. Juli d. I. 39 Familien mit 147 Personen und 60 Einzelpersonen. Am 1. August war der Bestand 44 Familien mit 188 Personen und 68 Einzel- Personen. Im Laufe bes Monats Juli wurde das städtische Obdach von 16 301 nächtlich Obdachlosen und zwar von 15 396 Männern und 905 Frauen benutzt. Von diesen Personen wurden 73 hiesigen Krankcnhänsern, 3 der Anstalt Hcrzbcrge, 3 der Anstalt für Epilcp- tische Wuhlgartcn. 27 der Geschlechtskrankcu-Station und 70 der Polizei überwiesen.— Gebadet haben im Monat Juli im städtischen Obdach 7878 Personen. Der hiesige Cirkns Renz soll in diesem Winter an den Cirkns- dircktor Herrn Schumann verpachtet werden, der gegenwärtig im CirknS Renz zu Hamburg Vorstellungen gicbt. Fortschritte im ReichSpostwcsen. lieber die Behandlung im- richtig verwendeter Wertzeichen anderer Postvcrwaltungcii, also g. B._ in Preußen der bayrischen oder wilrttcmbcrgischcn Posd Wertzeichen, hat jetzt daS Rcichs-Postamt eine neue LZcrfügung erlasscn< Danach sollen auf den Po st karten des deutschen Wechsel- Verkehrs, die unnchlig mit Wertzeichen dcsBestinimungsgebicts frankiert und daher nur»nt einer Zutaxe zu belegen sind, fortan die Wert- zeichen stets von der Aufgabe-Postanftalt mit dein Aufgabe- st e m p e l entwertet werden. In allen sonstigen Fällen der unrichtigen Verwertung von Wertzeichen einer anderen Postverwaltung, d. h. bei Briefen und allen übrigen Sendungen, welche durch Aufkleben von Postmarken frankiert werden, sind die Wertzeichen wie bisher durch einen daiiebenzusetzenden Vermerk als ungültig zu bc- zeichnen, nicht aber zu cntivertcn. Es wäre natürlich zu viel, wenn man im geeinten deutschen Vaterlande die bayrischen und württembergischcn Postwertzeichen ein- fach überall als gültig anerkennen wollte. Schulze- Delitlsch- Archiv. Auf eine Anregung von Ludolf Paristus ist die Errichtung eines Schnlze-Delitzsch-Ärchivs beschlossen worden. An der Organisation dieses Archivs wird gegenwärtig fleißig gearbeitet. Es soll darin sicheres Material gesaninrelt werden zu einer späteren gründlichen Darstellung der Wirksamkeit SchulzcS, in erster Linie auf dem genossenschaftlichen Felde. Mit dem Stofsinangcl in der Zeit der sauren Gurke muß cS unter den Sensatiopsblättern doch schlimm bestellt sein, als allgemein zugegeben wird. Gestern erschien ein Abonnent der„Deutschen Warte" bei uns mit der Klage. daß sein bisheriges Leibblatt den lokalen Teil so wenig abwechslungsreich gestalte. Als der Arme die Beläge für seine Behauptung vorzeigte, mußten wir ihm recht geben. An sich recht � interessante Mitteilungen über ein durch- gehendes Pferd, einen irrsinnigen Wcchselfälschcr, über den Tod durch Sturz aus einer Droschke und über das traurige Geschick einer Hilfsbremserfrau fanden sich im Lokalbericht der Sonntag-Nnmmer abgedruckt, nachdem ganz derselbe Satz bereits die Sonnabend-Nummer des Blattes geziert hatte. Ebenfalls enthielt der Gcrichtstcil der Sonntag-Nummer wörtlich dieselben Berichte, wie dies Nessort der vorhergegangenen Nummer. Früher hob die„Deutsche Warte" ihren Stoffmangel damit, daß sie Original-Korrcspondenzcn aus anderen Blättern stahl und sie als politische Original-Korreipondenzcn ihrer eigenen fingierten Berichterstatter abdruckte. Das neue Versahren hat vor solcher Methode allerdings den Vorzug der Ehrlichkeit! ei ist aber, wenn auch immerhin originell, so doch nicht abivcchslungs reich genug, um sich auf die Dauer durchführen zu lassen. tl H"fCC merkwürdigen Umständen umS Leben gekommen rst die 60 Jahre alte Frau Dr. Kotelmann, Elise geb. Warmuth, die Witive eines Oberlehrers, die seit dem 1. April d.' I. iin Erdgeschoß des HauseS Waldcrsccstr. 1 zwei Stuben und Küche für sich allein bewohnte. Die alte Dame hatte ein etwas sonderliches Wesen. Sic ging sehr selten aus, empfing niemanden und hatte auch keinerlei Dienstpersonal. Ein immer stärker Iverdender Verwesungsgeruch lenkte nun dieser Tage die Aufmerksamkeit der Hausgenossen' auf die Wohnung der Frau K. Am Sonntagmorgcn ließ der Hausverwalter die Räume durch einen Schlosser öffnen. Man fand nun die alte Dame in einer merkwürdigen Lage tot auf: sie kniete angekleidet vor einem Stuhle, und der Hals lag gerade auf der Stuhlkante und zeigte einen ziemlich tiefen Eindruck von dieser. Daß an der Frau, die für wohlhabend gilt, ein Verbrechen verübt worden sei ist nicht wahrscheinlich. AuS dem Eindruck am Halse will man au einen Selbstmord schließen. Jedenfalls bedarf der Fall noch der Klärung. . Den Tod durch Ertrinken fand vorgestern nachmittag der 11 jährige Ferienkolonist Tobias aus Berlin im Zenipclburgcr See. Der Knabe hatte sich mit mehreren Altersgenosseiy ohne die Ankunft des beaufsichtigenden Lehrers abzuwarten, in die Bade- anstalt begeben und war auf das in den See hineinragende Sprung- brett getreten, als die hinter ihm nicht fcstgcschlossene Äjür sich durch den Wind öffnete und dcni Kleinen einen Stoß versetzte, der ihn hinabwarf. Er versank sogleich in der sehr bedeutenden Tiefe und feine Leiche wurde erst nach mehrstündigem Suchen von Fischern geborgen. Erschossen hat sich Sonntagmorgen der 33 Jahre alte Arbeiter Gottlob Wienicke aus der Eisenbahnstr. 34. Wicnicke, der in einer Brotfabrik in der Wustcrhauscnerstraße beschäftigt war, lebte seit vier Jahren von seiner Frau getrennt und war tiefsinnig. Iscber den Selbstmord eines vereideten Maklers wird be- nchtct: Selbstmord hat in der Nacht zum Montag der 47 Jahre alte, aus Danzig gebürtige, vereidete Kursmakler Heinrich Gold- stein aus der Königgrätzerstr. 69 verübt. Goldstein lebte als Jung geselle mit zwei älteren Schwestern zusammen. Er galt als reicher Mann und hatte eine Wohnung im ersten Stock inne. Sonntag war er den Tag übey, ganz heiter. In der Nacht gegen 1 Uhr hörten seine Schwestern in seinem Zimmer ein Geräusch, das sie veraulaßte, aufzustehen und nachzusehen. Zu ihrcin Entsetzen fanden die beiden Damen ihren Bruder an einem in der Schlafzimmerthür befindlichen Nagel hängen. Er hatte sich mit der Schnur von einem Fenster- vorhange so fest aufgeknüpft, daß die Schwestern ihn nicht abnehmen konnten. Ein sofort Herbeigeholter Schutzniann schnitt den Erhängten ab; ein Arzt mußte aber feststellen, daß unterdessen der Tod bereits eingetreten Ivar. Die Angehörigen des Verstorbenen haben für den Selbstmord keine Erklärung. Wahrscheinlich hat Goldstein selbst darüber in einem Schreiben Auskunft gegeben, das die Polizei be- schlagnahmt hat, ohne es zu öffnen. Das Schlafziminer wurde von der Polizei verschlossen. Ein jüngerer Bruder Goldsteins, der eben falls Makler ivar und in der Cuvrystraße wohnte, hat vor einigen Jahren gleichfalls durch Selbstmord geendet. Schlechter Geschäftsgang infolge starken Wettbewerbs hat dem 40 Jahre alten Blumenhändler Karl Tfchmfchke aus der Bär waldstr. 35 den Revolver in die Hand gedrückt. Der Mann besaß seit Oktober v. I. in dem Eckhause Bärwald- und Bcrgmannstraße einen Laden und glaubte, daß er wegen der Nähe mehrerer Kirch- Höfe ein großes Geschäft machen werde. In dieser Hoffnung sah er sich getäuscht und griff zum Revolver. Er liegt im Krankenhaus am Urban, anscheinend nicht lebensgefährlich, darnieder. Feuer im Lcssing-Theatcr. Durch Kurzschluß der elektrischen Leitung entstand Sonnlag Abend im Garderobcraum des Lessinq- Theaters Feuer. Es brannte Holzbekleidung, doch konnte die Gefahr bald beseitigt werden. Vergiftet hat sich auS Liebesgram in einem Lupincnfelbe bei Wittenberg der 22 Jahre alte Droguist Schulze aus Schöncberg bei Berlin. Herr I. Jaag teilt uns mit, daß feine Frau den Selbstmord, über den wir in Nr. 171 berichteten, nicht infolge eines ehelichen Zwistes begangen hat. Ein schwerer Unfall hat sich wieder auf der Eisenbahn in Spandau zugetragen. Der Rangierer Kosmit befand sich aus einem Rangierzuge auf freier Strecke zwischen Lehrter und Ham- burger Bahnhof und beugte sich— es war gegen 3>/e Uhr nach- mitrags— zum Wagen hinaus, um zu sehen, ob die Geleise frei seien: da kam der Vorortzug Nauen-�Berlin heran, dessen Maschine den Mann faßte und herunterritz; der Verunglückte wurde mit töt- lichen Verletzungen nach dem Krankenhause gebracht. Fliegerrennen in Friedenau. DaS Hauptergebnis des Sonn- tags war der unerwartete Sieg, den der Italiener Pontccchi über Arend errang. Als vorzügliche Tandcmfahrer zeigte» sich Büchner und Seidl. Die einzelnen Rennen verliefen wie folgt: Fricdenauer Hauptfahren. Klasse A. 1000 Meter. 900 Mark. 1. Pontccchi(Florenz). Jeit 1, 52, 1.— 2. Willy Arend(Hannover).— 3. Büchner(Berlin). Siegte nach Kampf. Klasse B. 1000 Meter. 400 Mark. 1. Krob(Bielefeld). Zeit 1, 48, 1.*- 2. Snchctzki(Benthen).— 3. Grandpierre(Berlin). Leicht gewonnen. Klaffe C. Prämicnfahre», 3000 Meter, 150 M. 1. Siebenmann (Berlin). Zeit 4, 01, 2.— 2. Nopper(München).— 3. O. Peter (Berlin). Siegte leicht. Fricdenauer Handicap, 1609 Meter, 300 M. 1. O. Peter(Berlin). Zeit 2, 05, 3.— 2. Kudela(Prag).— 3. Suchetzki(Veulhcu). Ge- wann leicht. Zweisitzer-Hanptfahrcn. 3000 Meter, 600 M. 1. Büchner-Seidl. Zeit 4. 31, 3.— 2. Minozzi-Franz Verhcycn.— 3. Gougolz-Parlby. llebcrlegcn gewonnen. Zweisitzer- Vorgabefahren. 1609 Meter, 300 M. 1. Sensburg- Oberberger. Zeit 1, 57, 2.— 2. Bezien-Krob.— 3. Scheuermann- Heidenreich. Leicht gewonnen. Fcucrbcricht. In der Zwischenzeit hat die Wehr eine Reihe flciiier Brände zu löschen gehabt. Koppenplatz 9 gingen Kisten und altes Gerümpel in Flammen auf. Weißen burger- st r a ß e 40 und Gneifenaustraße 56 erfolgten kleine Zimmer- brände. Ein Alarm nach der Halleschen Straße 21 war durch niedergedrückten Rauch hervorgerufen. Auf freiem Felde au der E ck e r t st r a ß e war ein Posten Stroh in Brand geraten. Ein Zimmcrbrand, der S e b a st i a n st r a ß e 84 zu beseitigen war, zerstörte Gardinen und Möbel. Nach Großbeer enftratze 56 b wurde die Wehr gerufen, weil hier auf einem freien Platze Müll in Brand geraten war. Sonntag früh 3 llhr stand Müller- st r a tz e 7 ein Teil des Dachstuhles vom linken Seitenflügel in Flammen, die nach etlva cinstündiger Arbeit abgelöscht wurden. und war elegant gekleidet. Sie trug einen Ver- Aus den Nachbarorte». Nixdorf. Socialdemokratischer Verein„Vorwärts". Dienstag den 3. August, abends 3�/z Uhr, findet in Peters Salon, Knese- beckstr. 113, eine Mitgliederversammlung statt. Tagesordnung: Vor- trag des Genossen Obst über:„Die politische Organisation". In dieser Versammlung sind auch Billets zur Treptower Sternwarte zu haben. Neue Mitglieder werden aufgenommen, Gäste haben Zutritt. Siehe Annonce und Säulcnanschlag. Der Vorstand. Ter Gewerbe- Inspektor für die Vororte Berlins. Herr Gewcrberat I a e g e r, der sein Jnspektionsbureau in der Elsholz- straße hat, ist als Hilfsarbeiter in das Ministerium für Handel und Gewerbe berufen worden. Friedenau. Der vcmnßte Knabe Ludwig Rad oll a ist jetzt von den Eltern in dem W a i s e n h a u s e in der Alten Jakob- straße crniittclt worden. Er war mit einer Kompagnie Soldaten bis zum Bclle-Allianccplatz gelaufen und von einem Schutzmann zur Rcvicrwache gebracht, wo er bis Mittwoch früh verblieb. Da er nicht anzugeben vermochte, wo seine Eltern wohnen, wurde er dem Waiscnhause übergeben. Ju Groff-Lichtcrfcldc ist das Wahrzeichen der Sparsamkeit des preußischen Eisenbahnfiskus zu schauen. Schon seit 6 Wochen hat die Uhr des Bahnhofsgebäudes Lichterfclde-Ost trotz oder wegen der Posadowskhschcn Denkschrift die Arbeit eingestellt und sich bis heute hartnäckig geweigert, der Zeiten Lauf anzuzeigen. Es versteht sich daß bei einer Einrichtung, die nur den verwöhnten Ansprüchen und der Bequcnilichkeit dcS reise noen Publikums dient, nicht sofort tic in den Säckel gegriffen werden kann. So hat man denn kurz ent schlössen zu dcni einzig wahren und billigen Mittel der Abhilfe ge griffen und daS„Zeichen der Zeit" nüt einem Schauerlappen — nebenbei bemerkt mit dem schäbigsten Exemplar seiner Gattung verhängt. Bei der sprüchlvörtlichen Sparsamkeit des)EisenbahnfiSkuS dürfte die Annahme gerechtfertigt erscheinen, daß dies Fragment eines Schanerlappens der Bahnbofsvcrwaltung von einer gutherzigen und mildthätigen Schanerfrau schenkungsweise überlassen worden ist. Aus Itixdorf. Die Prostituierte Puline Schulz aus der Knese bcckstratze hatte bei Ausübung ihres unsauberen Gewerbes einem verheirateten Manne ein Portemonnaie mit Inhalt cutivcndet und dasselbe hinter einem Gartcnzaun versteckt. Hier wurde es aui gefunden, nachdem die Sch. bereits verhaftet worden, den Diebstahl aber hartnäckig ableugnete. Erst nachdem ihr gesagt worden, wo sie das gestohlene Gut versteckt, bequemte sich die Schulz zur Ablegung eines Geständnisses.— Ebenfalls wegen Dieb tahls'verhaftet wurde gestern der Drechsler Alfred P.. der erst vor drei Tagen aus'der Strafanstalt zu Tegel entlassen worden war, wo er gleichfalls eine Freiheitsstrafe wegen Eigentums vergehen verbüßt hatte.— Weil ihn feine Wirtin angeblich erstechen wolle, suchte in der Nacht zum Montag der Schleifer Rudolf K. aus der Hermanustraße Obdach im Polizcigcwahrsam, der ihm auch gewährt wurde.— In der Hasenheide wurden am Sonntag der Bäcker O. und der Gymnasiast R. aus Berlin polizeilich festgestellt, weil beide in Gemeinschaft»üt einem Dritten anständige Damen in der frechsten Weise belästigten. Tie Bauarbeiten ans dem Gelände von Witflebcn bei Eharlottcnburg werden in der nächsten Zeit begonnen lvcrden. Die angrenzenden Hauptstratzenzüge, die Svarezstraße, die Bismarck� traße und der Königsweg werden durch die Bebauung keine Vcr> änderung erleiden, dagegen wird die Kantstratze in gerader Richtung quer durch den Park geführt werden, und zwar Nuttels einer Brücke über den Lietzcnsee hinweg. Die Kantstraße, die in den Königsweg etwa bei der jetzigen Eisenbahnbrücke einmünden soll, wird eine direkte Verbindung nach dem Grunewald schaffen, und infolge dessen ivohl einen erheblichen Teil des Verkehrs auf dem Kurfürstendamm nach ihrer Fertigstellung übernehmen. Zwischen diesen Hauptstraßen werden dann eine Anzahl von Nebenstraßen sich anschticßcn. Am Nordostcnde des Lietzensees wird ein Schmuckplatz von fast 1500 Ouadratruthen Fläche angelegt werden und daran sich eine Villenkolonie anschließen. Für die Pflasterung der Straßen ist Asphalt- resp. Holzpflaster vorgesehen. � Für die Verbindung Witz Icbcns mit Berlin wird außer durch die Straßenbahnen noch durch die Stadt- und Ringbahn Sorge getragen werden. Es wird, wie die„Grundbes.-Ztg. des Westens" hört, beabsichtigt, eine Station „Witzlebcn" anzulegen, von der man nicht nur direkt nach Westend und Charlottenburg', sondern auch nach Halensee und Grunewald ge- langen kann. Tie Große Berliner Straßenbahn will dann ihre Linien bis direkt zu dieser neu zu errichtenden Station führen. Für die Herstellung und die Kanalisicrung der Straßen, den Bau der Brücke, der Uferbefestigungen:c. sind die Kosten auf etlva 2Vs Millionen veranschlagt. Der Selbstmordversuch zweier Schwester» wird auS W e i ß e n s e e gemeldet. In der Langhansstraße wohnt die Witive Sawiskowski mit ihren beiden 17« resp. 15 jährigen Töchtern, die in einer Fabrik dcS Nordostcns als Arbeiterinnen thätig sind. Das ältere Mädchen Klara hatte eine Liebschaft mit einem ebenfalls daselbst be- chäftigten Zurichter unterhalten, das Verhältnis war jedoch von dem letztercll gelost worden. Tie S. war darüber ganz untröstlich und beschloß, zu sterben. Sie teilte dies der jüngeren Schwester Emma mit. Auch diese scheint die Lust am Leben verloren zu haben, denn ie versprach der Schwester, niit ihr vereint in den Tod zu gehen. Am Sonnabendnachmittag gegen 5 Uhr baten die Mädchen die Mutter, ihnen doch bei ihrer in Berlin wohnenden Schneiderin Kleider ab- zuholen, da sie am Sonntagmorgcn mit Freundinnen einen Aus- lug unternehmen wollten. Als Frau S. gegen 7 Uhr abends zurückkehrte, fand sie die Thür ihrer Wohnung verschlossen. Dies fiel ihr auf. da die Töchter versprochen hatten, zu Hause zu bleiben. Da auf wiederholtes Klopfen nicht geöffnet wurde, so holte sich die geängstigtc Frau den Vicewirt zu Hilfe, der das Schloß der Korridor- thür erbrach.— Im Schlafzimmer fand man beide jungen Mädchen bewußtlos auf dem Bette liegend; ein sofort hinzugenifencr Arzt konstatierte, daß dieselben Gift genommen hatten und zwar, wie sich herausstellte,„Berliner Blau", das die Lebensmüden in nicht nnerheblicheu Quantitäten getrunken hatten. Die beiden Selbstinord- kandidatinnen wurden nach einem Berliner Krankenhause geschafft. Die Leiche einer Radfahrerin ist gestern vonnittag an der Sprecstraßenbrücke zu Eharlottenburg aus dem Wasser gelandet worden. Sie scheint etwa 20 Jahre alt gewesen zu sein, hat schwarzes Haar lobungSring. I» die Untersuchung gegen den„ReichSglöckner" Gchlsen sind auck drei Beamte der städtischen Verivaltung von Charlotten- bürg verwickelt. Dieselben werden beschuldigt, unter Bruch des Amtsgehcimniffcs Gchlsen Material zu seine» Angriffen gegen den Magistrat geliefert zu haben. Die Untersuchung gegen den immer noch in Haft befindlichen Herausgeber des Charlottenburger Wochen- blattcs ist so umfangreich geworden, daß angeblich die Erhebung der Anklage und die Verhandlung im Laufe dieses Jahres nicht mehr erwartet wird(?). Die Bemühryigen der Freunde des Häftlings, seine Freilassung zu erreichen, dürften vorläufig ohne Erfolg bleiben. Ein schwerer Unfall im Strasteubahubctricbe hat sich am Sountagabend in Treptow zugetragen. DaS schöne Wetter hatte Tausende von Ausflüglern in den Park und an die Oberspree ge- lockt. Ein großer'Teil ließ sich mit den Dampfern zurückbcfördcrn, ebenso viele aber benutzten die elektrische Straßenbahn. Hier gab es daher in den Abendstunden an den Ausgangspunkten ein großes Gedränge. Die Wagen der Linie Treptow— Behrenstratze waren so begehrt, daß Leute anderthalb Stunden warten mußten, bevor es ihnen gelang, einen Platz zu erhaschen. Wie die Harrenden bei solcher' Gelegenheit zu thun pflegen, eilten sie den ans Berlin kommenden Wagen entgegen, um hinauf zu klettern, bevor sie noch den Endpunkt erreicht hatten. Die Schaffner. und Wagenführer sind diesem gefährlichen Treiben gegenüber machtlos. Eine ganze Zeit lang ging gestern Abend alles gut. Um 93/4 Uhr ging kurz vor der Endweiche der Sturm von neuem an. Männer, Frauen und Kinder fließen und drängten sich, um sich ja einen Platz zu sichern. Schon hatte eine Anzahl Fahr- gäste ihren Platz erobert, als plötzlich, während der Wagen sich iangsam seinem Endziele näherte, zlvei junge Danien von der Platt- form und dem Trittbrett wieder herunterfielen und eine dritte über sie hinweg unter den Wagen stürzte. Der Unglücklichen, Fräulein Solomon aus der Kochstraße, ging ein Rad über den rechten Unter- schenke! und zerschmetterte ihn. Äerzte, die sich unter dem Publikum befanden, leisteten der Unglücklichen Hilfe, ließen sie zunächst nach der Rettungswache am Görlitzer Bahnhof und von dort in das jüdische Krankenhaus bringen. Das Bein ist so schwer verletzt, daß cS wahrscheinlich abgenommen werden muß. Vesser nrmlnngen. Die Kupferschmiede nahmen in einer öffentlichen Versamm- lung, die am Sonnabend bei Feind, Weinstr. 11 stattfand, den Rechenschaftsbericht des Kassierers vom Dispositionsfonds entgegen. In der Zeit vom 5. Februar bis 31. Juli betrugen die Einnahmen 2075,77 M., die Ausgaben 1078,77 M., es bleibt somit ein Bestand von 1197,— M. Dem Kassierer wurde einstimmig Decharge erteilt. Hierauf gab ein Wiener Kollege einen Ucberblick über den Stteik der Wiener Kupferschmiede. Die Versammlung beschloß in erster Linie, den Wiener Streik zu unterstützen, und setzte fest, daß während der Dauer des- selben jeder BerlincrKupferschmied ivöchentlich 50 Pf. zumDisposittons- fonds zu zahlen hat. Der übliche 15 Pf.-Beitrag soll während dieser Zci: ausfallen. Nunmehr erstattete der Delegierte zur Gewerk- schafts-Kommiision Bericht über seine Thätigkeit. Er ging ins- besondere auf die letzten Debatten über Aenderung des Ab« stimmungsmodus ein. In der Diskussion über den Bericht ivurde eine Aenderung, die den großen Gewerkschaften daZ Ueber- gcwicht in der Gewerkschaftskommission giebt, nicht gut ge- heißen. Der Vertrauensmann theilte mit, daß er sich icinerzeit an den Vorstand der alten Innung gewandt und denselben ersucht habe, zur Beratung der Statuten der neuen Zwangsinuung nicht nur den alten GesellenauSschuß, sondern auch Vertreter der nicht bei JnnungSmeistcrn arbeitenden Gesellen heran- zuziehen. Der Jnnungsvorslaud hat diesem Verlangen nicht Folge gegeben. Da seil dem 15. Juli die Zwangsinnung besteht, von der Wahl eines Gesellenausschusscs aber noch nichts bekannt ge- worden ist, so beauftragte die Versammlung den Vertrauensmann, den weiteren Verlauf der Angelegenheit im Auge zu behalten und die Interessen der Gesellen wahrzunehmen. Hierauf erfolgte die Neuwahl des Kassierers der Konnnission, des stell- vertretenden Vertrauensmannes und eines Bezirkskassierers. Zu dem Thema„Die Kupferschmiede in der Denkschrift zur Zuchthaus- vorläge" wurde ausgeführt: Auf Seite 25 der Denkschrift fei von einem Kupferschmied die Rede, der auf der Germaniawcrft in Kick arbeitete, wegen Nichtzugehörigkeit zum Verband aber von seinen Mitarbeitern derart chikaniert worden sei, daß er seine tcllung aufgegeben und aus� Furcht vor der Rache seiner Peiniger u bringen. Die„SchleS- all beleuchtet und fest- nicht gewagt habe, diese zur Strafanzeige lvig-Holstemsche Volkszcitung" hat diesen gestellt, daß der Held der Denkschrift allerdings dem Verbände fern stand, jedoch habe sich darum niemand gekümmert. Nachdem der brave Kupferschmied aber seine Kollegen beim Meister angeschwärzt hatte. billiger arbeitete wie sie und sie in jeder Weise zu schädigen suchte, da sei er wohl mehrfach. wenn auch m weit harmloserer Form, als es die Denkschrift hinstellt, gehänselt worden. Deshalb habe er aber die Arbeit nicht auf- gegeben, sondern Ivie er selber sagte, weil er eine bessere Stellung antreten wollte. Daß der Betreffende aus Furcht vor den. Terra- listen" nicht gewagt habe, dieselben anzuzeigen, sei gleichfalls falsch. Er habe vielmehr die Geschichte der Polizei angezeigt, dieselbe fei aber, jedenfalls weil ihr die Sache zu kleinlich und zu dunim vor- kam, nicht darauf eingegangen.— Im Anschluß an diesen Fall wurde der„Wert" des Dcnkschriftenntaterials gewürdigt und die Znchthausvorlage verurteilt. Tie Bau-, Erd- und gewerblichen Hilfsarbeiter Deutsch« lands, Zahlstelle Berlin l, hielten am 6. d. M. ihre regelmäßige Mitgliederversammlung ab. Genosse H ü b s ch hielt einen längeren Vortrag über das Thema:„Wie die Arbeiter die sociale Gesetz- gebung ausnützen können". Der Vortrag wurde mit großem Beifall aufgenommen. Die Verbandsangelegenheiten, in denen der Kassierer Rennt Haler über die Aufnahme von über 100 Mit- gliedern in letzter Zeit berichtete und eine wo möglich noch größere in nächster Zeit in Aussicht stellte, wurden nach kurzer Besprechung erledigt und darauf die Versammlung geschlossen. Leffentliche Bersamiulmig der männlichen und weiblichen Dienenden Dienstag, den 8. August er., abends 9 Uhr in der Berliner Ressource, ziomniandantenstrafte 57. Referate haben übenioinmen: 1. Herr Rektor Buchholz, 2. Fräulein Steffcnhagcn und Z. Herr Rcdacteur Perlmann, über die Dienstbolcnkalamität, deren Ursache und. Beseitigung. Verein der selbständigen Fensterputzer. Bersammlung DienStag, abends 8 Uhr, bei Mehrwald, Alte Jalobsir. 61/82. Vgidy-Berciiiigiiiig. Dienstag, den 8. August, abends 8 Uhr, ge- felligcs Zusammensein Königgrätzerstrabe III. Bund der dentscheii Bodenresormer, Dienstag, den 8. August, abends 8»/, Uhr, Neue Akad. Bieryallen, Doroiheenstraße 7. Disputation 1 Genügt die Bodenreform? Gegner: Dr. Manrenbrecher, L. Eschwegc, Maifels.— Gäste, auch Damen, willkouluien. Vermifchkess Weber einen Eisenbahnunfall wird amtlich gemeldet: Sonn- tag, 11 Uhr 50 Mimiten nachts, ist auf dem Bahnhofe Jävenitz, anscheinend infolge eines beschädigten WagenS. ein Güterzug entgleist. Personen nicht verletzt. Strecke' voraussichtlich bis Mittag gesperrt. Die Schnellzüge werden über Magdeburg geleitet, bei Personenzügen wird an der Unfallstelle umgestiegen. Raubansall anf einen Briefträger. DaS Polizeipräsidium teilt mit: Gestern vormittag zwischen 9 und 10 Uhr wurde ein Naubaiifall iilittels eines Revolvers auf einen Landbricfträger zwischen Cobbel und Mahlivinkel gemacht. Ter Thätcr hat den Weg über die Landstraße Kehlberg, Burg, Genthin und Branden- bürg nach Berlin eingeschlagen. Der Thäter ist etwa 1,66 Meter groß, etwa 80 Zahre alt, hat dunkles Haar und dunklen Schnurr« dort, dunklen Änzuz und Ueberzicher mit schwarz-rot karriertem Futter und Halb�chutje mit schiefen Absätzen. Er spricht schlesischen Dialekp Auch war er im Besitze von russischem Golde. Nähere An- gaben über den Ttätcr werden von dem Polizeipräsidium erbeten. zu der- auf das Züricher Zürich, Antine Eifisch- Alpine Freuten. Vier Abstürze sind in den Alpen zeichnen. Davon enrfallen drei auf die Schweiz, einer Salzkammergut..lutcrm 5. August meldet die„Neue Zeitung" aus Zermatt: Herr A. Varnrann von mit den Führern Joachim Tabin und Antille verließen gcsteur früh die Klubhütte Mountet im thal, um das Z'nal-Rothorn zn überschreiten. Auf dem Abstieg nach Zermatt cur unteren AbHange des großen Schneegrgtes, d/r den Triftgletscher voni eigentlichen Fclsmassiv des Rotho'rns trennt, veranstalteten du Touristen eine Nutschpartie, die eine Lawine per- ursachte und fi> über die steile Felswand auf den Triftgscischer hinunterriß. Zvei Herren ans Paris, die ebenfalls nach Zcrmatt abstiegen, sähe» dem Unglück zu und brachten die Nachricht nach Zcrmatt. Eine Karawane von 20 Führern ist heute morgen von hier aufgebrochen, am die Leichen abzuholen.— Adclboden, 5. August. An: Tschentenberg ist ein Dr. Herz aus Paris abgestürzt und tot aus- gefunden worden.— In der Nähe von Ganipeln(Wallis), Ivo er mit Vcrmcssmgen für die Lütschbcrgbahn beschäftigt war, ist In- genienr Etiame ans Genf abgestürzt, der vor kurzem am Züricher Polytechnikrm seine Studien beendigt hat. Er erlitt einen schweren Beinbruch.— Aussee, 5. August. Zwischen dem Loser und der Drieschward stürzte ein junger Tourist aus Wien ab. Nach fünf- stündigem Suchen gelang es dem Bergführer, den Abgestürzten unter Anvcndung von Seilen zu retten. Ter Gipfel des llugmiimicutuniS. Ter antisemitische Redactem August Büchner bekani in Nr. 29S der„Münchener Neuest. Nachrichtm" folgende Todesanzeige:„Trauer-Nune. Der allgülige Allfadur hat unseren viellieben Edeling und Gaugrafen, den sehr geehrten Herrn Redactcur August Büchner, Stifter unserer Mark- genossenschaft, zu sich nach Walhall gerufen. Unter seiner 16jährigen Leitung als Hunno gedieh der Verein und mit uns werden viele alte Sanzesbrüder des geraden, offenen, deutschen Mannes in Treue gedenken. Ihm wird der GrabcShügel überhöht am Freitag, den 30. dieses Mondes, nachmittags 3�4 Uhr. im südlichen Friedhofe. München 2m/im 28. im Brachmond. Die altgerm. Marigenossen- schaft Män.-Ges.-Ver. Germania München. I. A.: Dngwin, Wechsalhuno. Eiscnbahnkatastrophc bei PaviS.» Sonnabendabend gegen 10 Uhr fand auf dem Bahnhof zu Jnvisy-sur-Orge infolge Vcrsagens des Semaphors ein Zusammenstoß zwischen zwei Eilzügen statt, welche beide in einem Zwischenräume von fünf Minuten von Paris nach Nantes abgelassen waren. Fünf Waggons des ersten Zuges wurden zertrümmert. Die Zahl der bei dem Unglück Ge- töteten beträgt 17, die der Verletzten 73. Die Eiscnbahngcscllschaft hat einen Hilfszug nach der Unfallstätte entsandt. Der Minister der öffentlichen Arbeiten hat sich nach Jnvisy begeben, um die Untersuchung einzuleiten, und ist Sonntag um S Uhr wieder nach Paris zurückgekehrt. Präsident Lonbet hat einen Ordonnanz- offizicr nach Juvisy zu den bei dem Eiscnbahnunfall Verwundeten geschickt. Der Zusammenstoß der beiden Züge ereignete sich um 10 Uhr S Minuten abends; es waren zwei Züge, von denen der erste um 9 Uhr 3S Minuten, der zweite um 9 Uhr 40 Minuten abgelassen war. Der erste Zug hatte in Juvisy gehalten. Es ist noch nicht festgestellt, ob das Versagen des Semaphors durch einen Betriebs- fehler oder durch einen Sturmwind, der herrschte, herbeigeführt worden ist. Von den Verwundeten sind vier schwer, mehrere tätlich verletzt. In den Steinbrüchen zu Ciucy erfolgte am Sonnabend eine Explosion, durch welche sechs Arbeiter getötet und fünf verwundet wurden. Kür den Inhalt der Jnscrnle »derniiiiuit die Siedaktion dein Publikum gegeuiibrr keinerlei Veraniwortnug. Thraker. Dienstag, den S. August. NeueS Oper»- Thealer. Die FlederniauS. Anfang 7'/, Uhr. Lessina. Im weihen Röh'l. Anfang l'/a Uhr. Neues. Die Wahrsagerin. Hierauf: Abschiedssouper. Anfang 8 Uhr. Westen. Der Mikado. Anfang 7hj Uhr. Schiller. Tell. Anfang 7»/, Uhr. Eenlral. Der Heiratsmarkt. Anfang 8 Uhr. Friedrich- Wilhelmstädtisches. Germinal oder: Der Streik der Bergarbeiter. Anfang 8 Uhr. lillexandcrplatz. Nana. Anfang 8 Uhr. Ostend. Die Kubanerin. Anfang 7V, Uhr. Metropol. Berlin lacht! Ansang 8 Uhr Bellc-Zilliance. Dpeclalltäten-Vor- stellung. Ansang 8 Uhr. Apollo. Frau Lima. Specialitätem Vorstellung. Anfang 8 Uhr. ReichShalle». Stettiner Sänger. Anfang 8 Uhr. Paffnge- Paiioptikm». Speciali- täleii-Vorstellung. Urania. Anvalidcnstr. 57/0%. Täglich abends von 5— 10 Uhr: Sternwarte. Wnh-Cttl Wtijj- Theater. Gr. Frauksurierstrasje I3L. Novit«! Novit«! Die Kttbaneritt. Aktuelles Schauspiel in 7 Bilden: _ v. Okonkowsky. Anfang 8 Uhr.-%aQ Borzugsbillets haben Gültigkeit. Morgen: Dieselbe Worftelluiig.. Heute im Garten: Benefiz für Heising und Free. Bolls-Somnierfcst. Neues Augnst-Programm. 27 Nummern. Ansang 5 Uhr. Saisonkarlen haben Gültigkeit. Donnerstag i Somnierfest der ver- einigten Tischlermeister. Tchisltr-Theater (Walliicr-Theatcr). lHl o tv i t z- O p e r». Dienstag, abends B/, Uhr: Gastspiel Simeon lugartl: Dvll. Große Oper in 4 Akten von Rossini. Mittwoch, abendS 7-/, Uhr- VolliitllmIIeb» vponi-Vorstellung bei halben Preisen: ver Freischütz. Donnerstag, ab dS. 7»/, Uhr: Her Trompotsr von Säkktugen. Oper von Victor Nehkcr Freitag, abends 7V, Uhr: GasN'piel Adele Borghl und Ilcnedetto Lnclganl. __ Carmen._ Crnkval Tljrakvr Direktion: lose perencrx. Lustspirl-GiifembleGrl.bllllx krause vom tgl. Schattspielhaus, Herr Otto pablau vom Schiller-Theater, Herr kick. Ewald vom Thalia-Theater als Gäste.) Der Heiratsmarkt. Schwank in Z Akten v. G. Okonkowski. Ansang 8 Uhr. Morgen und folgende Tage: Die- selbe Vorstellung. Netropol-�dkater. kekrenstr. 55/57. Grdsster Sttlsoii-Krfolg!!! Berlin lacht! und das reizende Presse-Ballett. Hierzu: Neues Speclallt.-Programm. U. a. Robinson Baker-Trio. Japanesen Fuhushima Truppe. Wemer-Amorot- Company etc. etc. A n f a n g 8 C h r. Apollo-Theater. Zum lOO. male: FranlAina Festvorstellung mit einem Prolog von Otto Reutter. Femer: K Otto Rentier« u, das grosse Speclalltäten-Programm. Anfang V-8 Uhr. Vorverkauf täglich im Theater und beim„KUnstlerdank", Unter den Linden 69. Pnhlmanna Vaudeville- Theater Inhaber F. Lehmann, Schänh. Allee 118, Kastan.-Allee 97/99. Täglich: Lou�ert, Tdeater n, Specialitäten-Vorstellung. Prater-Theater Kastanien-Allee 7/9. Täglich: vorn» Rcfd. VolkSstnck mit Gesang u. Tanz p. Hugo Schulz, Musik von A. Kersten. Kostümsoubrette Fräul. lucle Sarow. Gebr. blllardo, Grot. Duett. Tauma-tzuartett, Gesang und Tanz. Oie 3 Schänbrunns, hil- inorislisches Bilderbuch. The4FIashe>. Crccutrics. Ballettgescllfchaft llöring. Vendaro-Trio, Excrcltie« am Hand- Trapez. Daniel-Truppe, Pantomime. Konzert und Ball. Eintritt Sonntags und wochentags 30 Pf., num. Platz 30 Pf. Kalho, Die antikatholifche Landkarte. Die Regierungen der katholischen Kantone Schwyz und Zug wollten eine Schulwandkarte herstellen lassen und wandten sich zu dem Zwecke an die Regierung des protestantischen Kantons Zürich mit der Bitte um Ueberlassung ihrer Platte. Bor dem Gebrauch wurde in Schwyz der Z w i n g l i st e i n, d. h. das Denkmal des bei Kappel gefallenen Zwingli, sorgfältig ausradiert, damit die Karte in katholischen Schulen keinen Schaden anrichte. Nach der Rückgabe mußten sich aber die be« treffenden Regierungen einen gesalzenen Brief der Züricher Negierung gefallen lassen. AuS New Jork wird vom Sonntag berichtet: Der L a n d u n g s s ch I i p p in der Mount-Desert-Jnsel(Maine) stürzte ein. 200 Personen, welche die Ankunft des nordatlantischcn Ge- schwaders erwarteten, fielen ins Wasser, 20 Personen ertranken.— I» Bridgeport, Connecticut, fiel ein Elsenbahnzug von der Bockbrücke in der Nähe von Stratford in einer Höhe von 00 Fuß hcrnb. Von den 46 Reisenden, die sich im Zuge befanden, sollen 30 getötet worden sein. Briefkasten der Redaktion. Die inrlstischc Sprrchstuiibe wird Dienstags, Donnerstags und Freitags abends von 6 bis 8 Uhr abgehalten. Hcrzfelde. W. H., Rathcnowerstraste 1. Gebrüder L., Spandauer- brücke 8. I. K. 101. Ihre Frage wird gerne beantwortet, doch Strafporto mächten wir künftig nicht gerne bezahlen. „Zwei Dummköpfe tn»— doch das sagen wir nicht: die Mobil- machung gegen Dänemark war Januar 1864. Die Trennung von Oestrich fand 1866 statt. I. Tch. Die falsche Schreibweise des Namens auf Geburtsscheinen beraubt den Betreffenden keineswegs seines Erbrechts, kann aber Scherereien verursachen. Die Berichtigung einer Eintragung in dem Standesamtsrcgistcr erfolgt auf Grund gerichtlicher Anordnung. Wollen Sie die Berichtigung einer standesamtlichen Urlunde herbeiführen, so müssen Sie sich in Preufien an das Landgericht wenden. Handelt es sich um eine kirchliche Urkunde, so müssen Sie die kirchlichen Organe angehen.— P. U. 10. Die Eltern müssen in solchem Fall die Kosten wagen. Zuständig zur Ueberweimng in eine Zwangserziehungs- anstalt ist daö Vormuudschastsgcricht.— Wettende Gipsstr. 10, Neun. Krankenhaus Moabit. Beschweren Sie sich bei der Direktion. Sollte von dort keine Abhilfe erfolgen, dann werden wir der Sache näher treten. Radau 1004. 1. Borsigmühle. 2. Ja. 3. Bis zum vollendeten 6. Lebensjahre werden 12,56 bis 15, von da ab bis zum vollendeten 14. Lebensjahre 15—18 M. monatlich als angemessene Sätze erachtet; gesetzlich fixierte Sätze giebt es nicht. 117. Wie stelle ich das Eigentum meiner Frau am besten sicher? Der einfachste Weg zur Sicherstellung des Vermögens der Ehefrau ist der, daß vor der Heirat die Brautleute das Vermögen der Braut auszeichnen und dann mit dem Vermogensverzeichnis sich zum Amts- gericht begeben. Dort erklären dann beide zu gerichtlichem Protokoll, daß sie die Ehe mit einander eingehen wo llen, femer erklärt der Bräutlgam: Ich anerkenne, daß daö in dem überreichten Verzeichnis Aufnotierte Eigen- tum meiner Braut ist und verzichte auf mein ehemännliches Nießbrauchs- und Verwaltungsrccht. Dieser Ve rtrag erleickitert bei etwaigen Jnter vcntionen sehr den Eigcntuinsbeweis. Ist der beschriebene Weg vor der Heirat verabsäumt oder will der Ehemann Vermögen auf seine Ehefrau übertragen, so können sich auch nach geschlossener Ehe die Eheleute auf das Amtsgericht begeben und dort einen Vertrag verlautbaren. In diesem Vertrag erklärt der Ehemann etwa: ich anerkenne, d aß die in dem überreichten Verzeichnis unter 1-Iv aufgeführten Geaenstände zum eingebrachten Vermögen meiner Ehefrau gehören, schenke ihr die unter 11—15 aufgcsührre» Gegenstände und verzichte auf mein eherechtliches Nießbrauchs- und Verwaltuiigsrccht. Die Ehefrau erklärt etwa: die von meinem Ehemann in diesem Vertrag erklärten Anerkenntnisse, Verzichte und Schenkungen nehme ich a». Solcher Vertrag wirkt nur gegenüber künftigen Gläubigem und tritt erst zlvei Jahre nach seinem Abschluß voll in Wirksamkeit. — K. 100. Sie müssen Ihre Forderung eiullagcn.— 21. H. 3. Es braucht erst dann, wenn der Betreffende Zahlungen nicht leistet, geklagt zu werden. Zweckmäßig ist«8 aber, von ihm zu verlangen, daß er in einer öffentlichen Urkunde(vor Notar oder Gericht) anerkennt, der Vater dcS Kindes zu sein und sich zur Alimentenzahlung in bestimmter Höhe verpflichtet. Marktpreise von Berlin am 3. Anglist 1899 nach Ermittelungen des kgl. Polizeipräiidiums. 15.96 14.96 13.56 15.66 14.96 14,36 4.32 8,66 46,- 50,- 70,— 10,- 1,60 1,20 Toune 14,70 13,80 13,- 15,— 14,40 13,80 4,- 4,20 25,- 26,- 30,- 6,— 1,20 1- pon der Schweinefleisch Kalbfleisch Hammelfleisch Butter Eier Karpfen Aale Zander Hechte Barsche Schleie Bleie Krebse 1 kg 60 Ptiick l kg xcr Schock 1,60 1,60 1,60 2,40 4- 2,00 2,80 2,60 2,40 1,80 2,50 1,40 12, I,- 1,- 1,- 2,- 2,20 1,80 1,20 1,20 1,20 0,80 1,10 0,80 2,- Ccutralsielle der Preuß. Landwirt- *)Weizen D.-Etr. »)Roggcu Futter-Gcrsie„ Hgs» gut „ mittel gering„ Richtslroh Heu 4)Erbsen, i)Speisebohiien„ t)81iifcu„ Kartoffeln, neue Rludfleisch, Keule 1kg do. Bauch„ t) Ermittelt pro-------..., fchastskamuier- Notirniugsstelle- und umgerechnet vom Pollzetpralidmm für de» Doppel-Ceutiicr. ch) Kleinhandelspreise. Produkten markt vom 7. August. Der MittagSverkehr setzte auf matte Tendciizberichte aus Nordamerika und anhaltend günstige Emte- berichte auS dem Jnlande schwächer ein. Im weiteren Verlause trat indes bald eine Erholung ein; die Preise für Weizen und Roggen komiten die anfänglichen Einbußen wieder einholen. Anregend wirkte das Nachlassen des inländischen Angebots und das Fallen des Barometers, welches auf baldigen Regen schließen läßt. Russischer Roggen war zu nachgebenden, aber noch immer nicht rentablen Preisen offeriert. Hafer blieb im Preise ziemlich unverändert. Rüböl konnte bei geringem Angebot seine letzten Preise gut behaupten.„, ,, Kartoffelfavrikate. Feuchte Kartoffelstärke per 100 Kg. brutto inkl. Sack— M. Prima trockene Kartoffelstärke per 100 Kg. brutto inkl. Sack und Mehl 19,30 M. Supra trockene Kartoffelstärke per 100 Kg. 19,20 M., do. Sekunda 00,00-00,00 M. Prima Kartoffelmehl per 100 Kg. 19,20 M., do. Supra- M., do. Sekunda 00,00-00,00 M.- Am Spiritus markt blieben die Preise unverändert. 25 000 Liter 70er loco wurden mit 42,30 M. gehandelt. Das Termingeschäft lag sehr still. In Getreide und Miihlenfabrikatcn fand kein offizieller Verkehr statt. Der Frühmarkt war auf einige Nachfrage nach greifbarer Ware, besonders Roggen, fest. �„ Berlins Getreide- und M-hlzufuhren zu Wasser vom 5. August mittags bis 7. August mittags betrugen 365 Tonnen Weizen, 697 Tonnen MaiS, 2500 Doppel-Centner Weizenmehl, 750 Doppel-Centner Roggenmehl. Eicrbericht Pom 7. August. Normale Eier 2,55—2,95 M., kleine 2,15-2,20 M. Tendenz: still. Berlins Eierzufuhren betrugen in voriger Woche 679 892 Kg., davon 667 000 Kg. per Nicderschlestsche, 5690 Kg. per Ostbahn. 5820 per Stettiner Bahn. Die Ausfuhr betrug 53 516 Kg., davon 16 490 Kg. per Niederschlesische, 3294 Kg. per Anhalter, 7590 Kg. per Stettiner, 1420 Kg. per Nord-, 2570 Kg. per Görlitzer, 2024 Kg. per Hamburger-Lehrter und 19338 Kg. per Potsdamer Bahn. Witter, liigStibersicht vom 7. Slngnst I«vS, morgens« Nhr. Statioue» Swiiicmdc. Hamburg Berlin Wiesbaden München Wien ö S B- 758SSO 760, N 758SW 760,910 763 W 760Still 1 Wetter Ichciter 2wolkig 1 heiter Icheiter 3uwlkenl Owolkenl CSE C' d 0 Zu» «■4, Stationen Haparanda Petersburg Cork Abcrdcen Paris LS Z6 Z- rt a JO S Z s 757 NNO 75MNW 760;®O 767, NO 762ONO Wetter 2 heiter liheiter �wolkig Uhlb.bed, ichedcckt a» &u. St» 11 10 19 15 19 Wetter-Prognose für Dienstag, de» 8. August 18Sg. Kühler, veränderlich, vielfach wolkig bei mäßigen nordwestlichen Winden, etwas Regen und Gewitterneigimg. Berliner Wetterbureau. u Taulicnstrassc 48/10. Um 8 Uhr: Im Thealer: Das Land der Fjorde. Invnlidcnstr. 57/02: Tägl. Sterjnvarte. Kachmittagg täglich 5—10 Uhr. Passaye-Panopticum Geöffnet von 9 Uhr früh bis 10 Uhr abends. Zk««! Kea! Das urkomische Böckebupger Bauern- Ensemble. Anfang der Vorstellung 6 Uhr abends. lax Kliems Sommer-Theater llaticiilicidc 14—15. Artistische Leitung: Pank Milbitz. Tiiglilh: Croßes Karteil-Koilzert. Ailftretcn des gesamten Schauspiel-«. Spceialitäten-Personals. Nur erstklassige Kräfte. lleorg Viecher(Liedersängcr), llrnet ilUhne(CHnrakter-Koniiker), Vrilzl Verrl (Kostüm- Soubrette), Plvetz Carella-Troupe(Melange-Akt), Klara und Paul Clemens(Transformatiolls- Duo), I-Ing-Pulng(Chinesische Akrobaten), The Cowas(Original-Ercenlrics). Acnes{gediegene» ifauiilicn- JErogrannn. — Jffntree: Wochentags 20 Pf. i Kntrcc: Sonntags 25 Pt. Numerierter Platz 40 Pf Numerierter Platz 50 Pf. tlnkang des Konzerts täglich 4 Uhr.| Anfang der Vorstellung 6 Uhr. Iii de» Festsnleii: Grosser Ball, Die Kassecküche ist geöffnet. Älax lilllein. ■ CASTANS PANOPTICÜMl Die Hcnsationcllcn aar lebenden'«« Photographien!| In Lebensgrösse. Die russische UintinH« Damenkapelle in moskowltlschen Kostümen. Viele neue»lastiigche Grnppen and Figaren. NeichsHallen. O arten resp. Saal �täglich: Stettiner Sänger (Metzsel, Pietro. Britto», Sleidl. Krone. K i r ch m a y e r, Schneider und Schräder). Anfang wochentags 8 Uhr, Sonntags 7 Uhr. Vorher: Konzert. Entree 60 Pf., Borperkauf für die Wochentage 40 Pf. Numeriert u. Loge 75 Pf. bis 2 M. Jeden Freitag: Neues Programm. Schweizer-Garten Am Königötlior(Ringbahn) Am Friedrichshai». TiigW: Theater- nad Ättlalltaten-NorSellmlg. Jede» Mittwoch: � Grones �ontUicn� ttnt» Kindorfe�t. Auftreten des nenen KUiistlcr-Dnscmbles. Jeden Abend von 10—11 Uhr: Novität. Iber Novität l Ober-ZZemse von Miautscliou. Ausstattungs-Burleske mit Gesang in 3 Bildern von I. Eisner.- Musik von Max Schmidt. Volksbelustigungen aller Art. Im Saale: EsSIbB» Wedding-Park PI Ulier- Strasse &Q Norddeutsche Särger. Biegler, Wolf, Hohenberg etc. Entree 20 Pf., Vorzugsbillets 15 Pf. Eröffnung des Detail- er leanfs Ostvnlii» vk Hermann Imbs 71 Rüdersdorscr Strasse 71, am K ü st r i>i c r Platz. Täglich: Konzert. Thcutcr- imb Speeialitäten-Borstellnng. Nur erstklassige Nummern. Ansang: Sonntags 4 Uhr. Entree20Pf. Kinder 10 Pf. Sperrsitz Nachzahl. 20 Pf. Anfang: Wochent. 5 Uhr. Entree 10 Pf. Kinder 10 Pf. 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Sliigust, abends 8l/2 Uhr: NLitgliedor�Vevlntnnrlung-WU im Lokal„Königshof", Bnlowstrasje 37. Tages-Ordnung: 1. Vortrag des Genolsen P. Jahn über:„Welthandel und Kolonial- Politik" 2. Diskussioin legitimiert. Um rege Beteiligung ersucht "8/14 Der Borstand. Zur Beachtung! Alle Mitglieder, welche ihre Beiträge bis Monat Juli entrichtet haben, können die Broschüre„Die ZuchthauSvorlage vor dem Reichstage" in Empfang nehmen._ Sonntag den 13. August, findet eine Gesamtbestchtigung der Treptower Sternwarte statt. Treffpunkt nachmittags 4 Uhr im Lokal von Landsberg hinter dem Karpfenteich. Billets sind noch in allen Zahl- stellen zu haben, und werden die Mitglieder gebeten, sich recht zahlreich und pünktlich einzufinden. Der Vorstand. s Hayner. i _ SormIdcmIttMcher Wihlimei« fut de« 6. Berliner Zieiihstags-Wnlildreis. Den Mitgliedern zur Nachricht, dafi zur Partie i»ach Treptow �Sternwarte) noch Billets bei den Bczirksführern zu haben sind. Dieselbe findet am 18. AnguMt von den Abteilungen Wedding, Oranienburger Borstadt und Gesundbrunnen statt. Die Abfahrt wird noch bekannt gegeben Die Genossen dcr� Schönhauser Borstadt besuchen die Sternwarte am ?,?k. i. mii3 sind noch Billets bei den Bezirksführern zu haben. _7/s£L l>er Vorstand. Deutscher Holzarbeiter-Verband' Mittwoch, 9. August. abendS 8V« Uhr, bei CoKn, Benthstr. 20/81; Vertranensmänner-Berfammlnng für sämtliche Bezirke imb Branchen. Tagesordnung: Die Lohnbewegung der Bautischler. Wcrkstattdisserenzcn. £.0' Jede Werkstatt unch vertreten sein. 1