Mnterhaltungsblatt des Forivärts Nr. 48. Dienstag, den 9. März. 1897. 2si Fakob der Letzte. Eine Waldbauerngeschichte aus unseren Tagen. Von Peter Rosegge r. Jakob besucht seine Kinder. Die jungen Pächtersleute in der Gemeinau hatten ein Kind bekommen. Als ob das Töchterlein mit großer Absicht keine geborene Altenmooserin sein wollte, war es gerade drei Tage nach der Auswanderung ans Licht der Welt gegangen. In der Gmeinau, wo weit und breit kein Waldbaum stand, schien dieses Licht der Welt auch viel Heller und wärmer, als in den Waldschatten der Sandach. Die Angerl schrieb dem Vater Jakob, er möchte kommen und seine kleine Enkelin ansehen.„Ist er nur erst einmal da/ sagte sie zu ihrem Florian,„dann wollen wir es ihm hier so lieb und gut machen, daß er auf sein Altenmoos vergessen soll." „Dazu wirst Du ein großes Glück von Nöthen haben," sagte der Florian. „Wenn ich's auch nicht so auslegen kann, wie gern wir ihn haben, so meine ich doch, er müßt' es verspüren, wie man beim Ofen die Wärme verspürt, ohne daß man Feuer zu sehen braucht." Der Florian schaute seinem Weib ins Auge und war stolz darauf, daß sie so feine und gescheite Gedanken hatte.„Wenn die kleine Mirl auch so wird!" „Die wird noch gescheiter," sagte sie,„in der ist auch Deine Gescheitheit dabei. Die wird erst einen Buckelkorb haben müssen, daß sie ihren Verstand ertragen kann." So neckten sich die beiden. Dann richteten sie dem Vater Jakob das gute Stübel ein nnd sie selbst zogen mit dem Kinde in die Nebenkammer. Sie ordneten alles so an, wie sie wußten, daß es der Vater ge- wohnt war, nur daß sie es viel feiner und behaglicher zu machen wußten, als es im Reuthofe je gewesen. Ter Jakob machte sich im nächsten Frühjahre denn auch wirklich auf nnd reiste nach der Gemeinau. Als er in das weite Thal hinaus kam, wunderte er sich, wie da alles schon so schön sommerlich war, während in Altenmoos noch überall der Schnee lag, der schmutzige, mit Fichtennadeln und Zapfen- schuppen durchsetzte Schnee. Auf den schlechten Wegen waren noch die Eiskrusten oder rann das trübe Wasser. Hier im Thale der Gemeinau lagen die Straßen blendend weiß und trocken, und der Maiwind fächelte Staub empor. Auf den Feldern grünte die junge Saat, Apfebänme blühten und auf den Wiesenraine» schnitten die Häuslerinnen schon junges Futter. Der Jakob freute sich an der schönen Welt nnd gönnte es den Leuten der Gemeinau, daß sie eine solche Heimath hatten. Das Hans seiner Kinder war schwer zu erfragen. Uebcrall stattliche Gehöfte, überall vielwissende Leute, aber von den aus dem Gebirge Eingewanderten wollte keiner gehört haben. Endlich erinnerte sich ein Weib, daß im Steinhäusel seit einem Jahre fremde Pächtersleute hauseten. Man sehe sie fast nie, sie wären immer daheim auf dem Anwesen und sehr fleißig. aber sie verstünden nicht recht zu wirthschaften, sie machten alles so, wie sie es im Gebirge, aus dem sie gekommen, ge- macht hätten, nnd das tauge hier nicht und sie würden tüchtig zu thun haben, um sich aufrecht zu halten. Draußen hinter dem Dorfe war ein dürrrer steiniger Bühel, fast der einzige Steingrund in diesem fruchtbaren Thale. Und dahinter duckte sich das Häusel, in welchem die Altenmooserleute lebten. Ein alter halbverdorrter Birnbaum ragte mit seinen starren Besen über den Dachgiebel auf, ab- seits war noch einiges Buschwerk und dann Ingen die Aecker- lein, auf deren fahlen Erdgrunde das Korn emporsprießte in röthlichen Spitzen. Das Häusel war viel kleiner, als der akob nach dem breiten, zu allen Seiten weit hinausstehenden trohdach vermuthet hatte, aber um dasselbe war Brennholz nnd Gerathe in guter Ordnung geschichtet und gerichtet. Die Angerl war vor der Hausthüre eben damit beschäftigt, weißen Federflaum auf ein Brett zu streuen und in der Sonne zu lockern. „Schau, schau, was in der Gemeinau die Schafe für eine feine Wolle geben!" Mit diesen Worten trat der Jakob vor und begrüßte seine Tochter. Diese sprang ihm mit einem Freudenschrei an den Hals. So heftig war sie ihn in Altenmoos nie angesprungen. „Ja," lachte sie hernach,„das ist aber keine Schafwolle, das sind Bettfedern." „So, Bettfedern! Hoch hinaus! Gefreut mich, daß Euch schon die Federn wachsen. Hoch hinaus „Ist nicht so vornehm, wie es ausschaut," sagte die Angerl.„Fliegen thun wir noch alleweil nicht. Nein, wirkliche Federn, so weit haben wir es noch nicht gebracht, beileib nicht. Das da ist nur der weiße Flaum, der im Herbst auf den Disteln wachst. Disteln haben wir genug ans unserem Grund, so nutzen wir sie und habe ich im vorigen Herbst den Flaum gesammelt, man liegt just so gut darauf, wie auf Federn.— Aber Vater, so kommt doch in die Stube, ihr müßt ja die kleine Mirl anschauen.— Mirl! Mirl!" rief sie in die Stube voraus,„der Aehndl(Großvater) kommt! der Aehndl ist da!" Das kleine Mädchen hockte im Nest, guckte mit seinen blauen Auglein ein wenig befremdet auf den großen Mann, der jetzt eintrat, den es im Leben nie gesehen hatte, von dem jetzt so viel Aufhebens war und dem es gar das Händel und einen Kuß geben sollte! „Ganz dem Friede! seine Augen hat sie," sagte Jakob mit Befriedigung,„und das ist brav von Euch, daß Ihr der Kleinen den Namen von der Groß...utter gegeben habt. Nur solltet Ihr aus dem schönen Namen Maria nicht das Mirl machen." „Mirl!" rief die Angerl lachend,„gefällt Euch das nicht! Da in der Gemeinau ist es halt so der Brauch und jede Maria heißen sie Mirl." „Nun ja," niurmelte der Jakob halb für sich hin,„wenn's so der Brauch ist in der Gemeinau, nachyer ist's freilich was anderes." „Ich will sie Euch zu Lieb' aber gerne Maria heißen," sagte die Augerl.„Was ich doch kindisch bin! Da schwatzen und Ihr habt nichts Warmes im Magen. Zuerst muß ich noch den Florian rufen, der thut auf dem Felde draußen Steine graben." „Steine graben!' sagte der Jakob,„auch hier müsset Ihr reuten!" Sie war schon fort und er saß im Stübel allein bei seiner Enkelin. Da wurde ihm ganz warm ums Herz. Und als er das weiche Händchen festhielt und als ihn das schöne blondlockige Kind so klug und treuherzig anblickte, da war ihm schier, als wäre er nach langem Irren in der Fremde heim« gekommen. So blieb der Jakob nun ein Weilchen im Steinhäusel. Am ersten Tage that er nichts, als mit der kleinen Maria spielen und scherzen und in der kleinen Wirthschaft des Schwiegersohnes sowie im Dorfe herumgehen. Da sah er allerhand Neues. Manches gefiel ihm nicht übel, aber zu dem meisten schüttelte er den Kopf.—„Viel Schale und wenig Kern!" sagte er. Am zweiten Tage that er sich nach einer Be- schästignng um, aber es gab nichts Rechtes und die Werkzeuge waren ihn» unhandlich. Der Florian ging ins Tagwerk aus, das war sein Haupterwerb und er mußte bisweilen viel herum- fragen, bis er Tagwerk fand.„Ist auch wieder was Neues," bemerkte der Jakob einmal,„zu Altenmoos betteln arme Leute blos ums Essen, dahier auch um Arbeit." Die Kost, welche die Angerl ihrem Vater vorsetzte, wollte ihm nicht recht schmecken. Gut war sie freilich und mit Fleiß gekocht; sogar Kaffee. Butter und Honig gab's. Aber der Jakob dachte bei jedem Bissen daran, daß er um theures Geld gekauft werden müsse, und ein richtiger Ge- birgsbauer sieht in solcher Gebarung den Untergang, selbst wenn die gekaufte Kost mit den Einnahmen im Verhältniß stünde. An seiner Tochter sah er jetzt eine Art Leichtsinn, den er daheim nicht an ihr bemerkt hatte. Nur heiter sein und den Tag loben, es wird sich schon geben. Nicht beständig das Leben sich mit Sorgen und Grämen verkümmern. Klopft die Roth an und man macht nicht aus, so geht sie wieder voriiber.— Das war so das Denken der Angerl. Dem Jakob gefiel, das durchaus nicht. Die Weltlente trösten sich alle ähnlich, bevor sie zu gründe gehen.— Je besser sie es mit ihm meinte, je auf- merksamer sie ihn betreute und bediente, desto unbehaglicher ward ihm. Eines Tages fragte die Angerl ihren Vater, ob er nicht in Egypten einen Bekannten habe. „Wieso denn in Egypten?" fragte er. „Es ist keine müßige Frage," sagte die Angerl. „In Egypten einen Bekannten? Wüßte keinen, es wäre denn der egyptische Josef aus der Bibel." Nun erzählte sie ihm, daß vor kurzem ein Kapuziner mit einer Schmalz-Sammelbüchse in der Gemeinau umgegangen. Derselbe sei auch in das Steinhäusel gekommen, habe anfangs einen schönen Spruch aufgesagt, sich dann zum Tisch gesetzt und von einer weiten Reise erzählt, die er vor einem Jahr ins heilige Land gemacht. Hernach habe es die Rede gegeben, daß sie, die Angerl, eine Altenmoserin thäte sein und hieran habe der Pater erzählt, daß er ans dem Rothen Meer— das sei genau dasielbe, ans welchem die Soldaten des Pharao er- trunken— mit einem Seemann bekannt geworden wäre. Ter sei so wild und braun gewesen, wie ein Mohr aus dem Egyptcnland, habe aber deutsch geredet. Der Mensch habe von Sandeben gesprochen, sogar von Altenmoos gewußt und sich erkundigt nach dem Jakob Stcinreutcr und seineu Leuten. Er habe alle bei ihren Namen genannt, aber nichts weiter gesagt. Ob er— fragte die Angerl den Vater— sich nicht denken könne, wer dieser Mensch gewesen sei? JnS Egyptenland, so weit könne er nicht denken, wenn er nicht die heilige Schrift vor sich habe, antivortete der Jakob, es sei wahrscheinlich einer der Auswanderer gewesen, die sm, in der l ganzen Welt zerstreut hätten und vor lauter Grimm und Aerger über ihr Mißgeschick allerlei Farben bekämen. Solch sachtes Jneinanderweben von Heimath und Fremde war dem Jakob unheimlich. Und das Nichlsthun machte ihn allmälig ganz müde und verdrießlich. Einmal nahm er den Spaten und ging an den Feldrain, um Steine auszugraben, es war aber keiner nichr drin. Tann ging er hinauf an den Bühel und Hub dort an. Steine zu lockern. Es- wird nicht schaden, wenn man den Bühel reutet, dachte er, wie sich's heute zeigt, haben sie ii etlichen Jahren eine Stube voll Kinder, da werden sie wohl neue Aecker brauchen. Aber je mehr Steine der Jakob ausgrub, desto mehr waren noch drin. Und endlich kani der Eigenlhümer des Anwesens Herbeigeschliffelt, der fragte den Jakob barsch, was er da mache! Er lasse au seinem Boden nrcht herumwühlen. «Ihr solltet ja froh sein, wenn man Euch den Boden fruchtbar macht," wendete der Jakob ein. „Froh sein!" lachte der Eigenthümcr schrill auf,„das auch noch' Und sich recht schön bedanken bei den Herreu Gebirgsdo-eui, daß sie zu uns herabkommcn. Schön bedanken dafür, daß sie uns mit ihrer vorweltlichcn Bergwirthschaft die Felder verderben und die Pacht schuldig bleiben schon im ersten Jahr. Ja wohl, ich bedank' mich schön für solche Leut'!" „Jetzt ist von nichts als von den Steinen zu reden, die ich Euch aus dem Grund gegraben habe," sagte der Jakob. „Ich will sie wieder drin haben!" schrie der Eigenthümcr. „Nächsie Woche kommen die Grundausmesser und da braucht man unfruchtbaren Boden." „Ich verstehe schon," sagte der Jakob,„es ist eine schöne Wirtschaft. Es ist eine schöne Wirthschaft." Jfcou diesem Tage an wollte es ihn gar nicht mehr freuen in der Gemeinau. Auch sagte er, es sei ihm die Luft zu schwül, er habe immer die Empfindung, als liege ein Gewitter im Himmel. Daß die Leute hier anders gekleidet waren und anders wohnten als in Altenmoos, daß sie im Sprechen viele Worte anders betonten, das war ihm gleich anfangs aufgefallen. Jetzt Hub derlei nachgerade an, in ihm ein Gefühl des Ekels zu erregen, und an den lauen Abenden, wenn die Mairosen dufteten und die Nachtigall schlug, da wurde ihm übel. Niedergeschlagen, erschöpft und trank war er an manchem Tage. Und als der Frühling so seine ganze Herrlichkeit ent- faltet hatte, ja hochsommerlich geworden war im Thale, da sagte der Jakob zu seiner Tochter:„Jetzt wird wohl auch zu Altenmoos der Auswärts gekommen sein. Jetzt will ich halt in Gottesnamen wieder heimgehen und Korn und Erdäpfel und Kohl anbauen." Sie wollte ihn schon fragen, ob er sich's denn nicht überlegt hätte? Ob es ihm nicht in dem schönen Thal besser gefalle als im Hintergebirge? Ob ihm die guten Wege und Stege hier nicht recht wären? Und das Stübcl mit der kleinen Maria! Und anderes, was bequemer und besser wäre, als im Gebirg. Aber der Vater kam ihr zuvor und sagte: „Ehe ich wieder fortgeh, Angerl, hätte ich noch gern ein Wörtel mit Dir geredet. Mit Dir und Deinem Mann. Ich muß mich tausendmal bedanken für alles Gute, was ich bei Euch genossen habe. Und was mich am allermeisten gefreut, daß Ihr so glücklich und zufrieden miteinander lebt. Ihr seid brave, fleißige Leut' und thut's mir deswegen um so weher..." Ob er etwas auf dem Herzen habe? fragte sie ihn. Da rückte er heraus und sagte:„Ich möcht' Euch nicht beleidigen, nichts weniger als das, aber ich sag's aufrichtig und m u ß es sagen: Eure Wirthschaft da, die gefällt mir gar nicht. Ja freilich ist es schön und lustig in der Gemeinau, wer hier heimgesessen ist und einen eigenen Hof hat. Aber wie Ihr da lebt, das taugt nicht. So lange Dein Mann noch als Tagelöhner Erwerb findet und tüchtig arbeiten kann, so lauge Ihr alle gesund seid, mag's zur Noth noch gehen. Sobald aber das geringste Mißgeschick kommt— und es bleibt nicht aus, es kommt!— seid Ihr Bettelleute. Daun wird's heißen: Nach Altenmoos! Und in Altenmoos wird's heißen: Bei uns ist nichts mehr. Ja, so lange sie gesund und stark gewesen, haben sie von daheim nichts wissen wollen, haben es fürnehm gegeben, haben seidenes Gewand getragen und Kaffee getrunken. Jetzt als Bettelleute sind sie da, jetzt wissen sie die Heimath zu finden.— Nein, Kinder, solches ivollt' ich mir nicht nachsagen lassen, da wollt' ich mich bei- zciten besinnen und hausen und bauen daheim und mich von niemand knechten und spotten lassen. Schau, Angerl, ich meine, noch thäl's bei Euch früh genug sein. Packt Eure Sachen zusammen— heißt das die kleine Maria und die Wiege, sonst habt Ihr ohnehin nichts— und kommt mit mir auf den Reuthof. Seid klug und kommt. Wir werden uns gut miteinander vertragen, ick bin ja nicht rechthaberisch, Ihr sollt Herr sein, auch Deinen Kaffee sollst haben, Angerl; es steht noch nicht so schlecht daheim. Meine Kinder, ich möcht' Euch um nnch haben. Kommt mit!" Die Angerl fand anfangs auf solche Vorstellungen keine Antwort. Endlich ftihr sie sich mit der flachen Hand über das Gesicht und sagte:„Es ist halt gar so traurig, Vater! Ihr kränkt Euch um uns und wir kränken uns um Euch. Wir möchten gern beieinander leben uu d werden doch zur Zeit, wo wir uns beistehen sollten, weil auseinander sein und ver- lassen sterben müssen....' „An mir ist die Schuld nicht," sagte er und seine Stimme war heiser.„Ich bin verblieben, wo mich Gott hat hingesetzt." Einen Tag später nahm er im Steinhäusel Abschied. Der kleinen Maria steckte er einen alten doppelten Silberthaler hinter das Busentüchlcin, weiter machte er nicht viel Worte und Zärtlichkeit. Dem Florian sagte er noch:„Wenn ich weiß und gewiß weiß, es ist Euch recht so, wie es ist und wie es kommen wird, so will ich mir auch nichts mehr draus machen. Haltet Euch in Ehren, das ist die Hauptsache." Mit diesen Worten hat er sich abgewendet und ist davon» gegangen. Heim! Heim! Schon sonst, wenn er des Morgens von Altenmoos nach Sandcben gegangen, kehrte er am Nach- mittag? mit einer Freude und Sehnsucht heim, als wäre er jahrelang in der Fremde gewesen. Um wie viel mehr erst an diesem Tage! Als ob er daheim alles noch so fände, wie früher... Unterwegs gegen das Gebirge traf der Jakob mit dem Staudenhuber zusammen. Ter Staudenhuber, das war ein Viehhändler, als solcher überall und auch zu Altenmoos be« kannt. Der Jakob kannte ihn als Ehrenmann, nur daß man sich bei einem Handel hüten müsse vor seiner Pfiffigkeit. Nun das gehört zum Geschäft. Ein Schelm, der beini Viehhandel nicht Spitzbub' ist! geht das Sprichwort. Der Viehhändler hat auf seinen Vortheil zu schauen. Daß sein Vortheil des anderen Nachtheil ist, wer kann dafür?— Der Staudenhuber hatte ein rothes rundes Gesicht, das immer lächelte; ein solches Gesicht soll jeder Viehhändler haben, es trägt "i ein. Die beiden Männer gingen eine Strecke lang miteinander und plauderten über allerlei. Begonnen hatte das Gespräch der Staudenhuber mit dem Ausdruck der Befriedigung über das schöne Wetter und wie das eine gute Kornernte verspreche. eiil Viehhändler wird nicht lange beim Wetter und Korn verweilen, bald sprang er über auf das Vieh, und für das braucht er freilich auch schönes Wetter, beständig trockenes Wetter, Dürre, welche die Viehpreise allemal niederdrückt und sein Geschäft hebt. Er fragte, wer etwa zu Altenmoos junge Zugochsen stehen habe, oder saubere Kalben? (Fortsetzung folgt.) Die nrueMniverfitsk undHoch�lsznle von Drü�el. Brüssel, Anfang März 1397. Wir könne» die Ansmerksamkeil unserer Freunde im Auslande nicht genug auf die neue Universität und Hochschule i» Brüssel lenken. Vor zwei Jahren wurde sie für alle diejenigen gegründet, welche der An- ficht sind, daß unsere höheren Lehranstalleu die erzieherische Rolle nicht erfüllen, die ihr Hauptzweck und ihre schönste soziale Bestiinmung ist. Die alten Lehranstalten bilden Spezialisten und auch inauchmal Gelehrte, aber keine Männer, keine Menschen; denn d>e- jeuige», welche heule unterrichten, sind keine Männer, es sind Gelehrte, die anslalt die höchsten sozialen Tugenden zu besitzen, sich im Gegentdeil nur zu oft durch Dünkel und Selbstüberhebung auszeichne»; sich von der Welt abschließen, die si» umgiebt. und sich nur mit ihrer Spezialität und um dieser selbst willen beschäftige». Das domo sum — ich bin ein Mensch— des römischen Dichters ist für sie ein todter Buchstabe; sie ziehen jene skeptische, egoistische GeneraUo» heran, die jedes Ideals bar ist und heutzutage jeden höheren Aufschwung niederhält. Die geistige Bewegung, welche die ökonomisch- politisch« Bewegung der Arbeiterpartei Belgiens begleitet, hat dieses neue Werk ins Leber gerufen, dessen Ziel es ist,„Menschen heranzubilden, die ganz von der menschliche» Größe und Würde durchdrungen sind", wie einer unserer Professoren bei der Eröfsnungssitzung der Universität sagte:„Mensche». die mit allen ihren Fiber», mit all ihrem Denken, mit all ihren Herzensempsindungen fühlen, welch' enge Baude sie mit der ganzen Menschheit verbinden— Menschen, die jene Energie und Lebensfreudigkeit besitzen, welche zum Handeln führt— Menschen, geschickt mit der Hand wie mit dem Kopf, de- wafinel mit allen Hilfsniitteln dei Wissenschaft, um ihr Handeln z» leiten und voller Begeisterung und Versländiiiß für die Kunst, die das Leben veredelt.- Und das Werk, welches mit so vielen Schwierigkeiten zu känipsen hatte, aber auch mit der nöthigen Thalkraft eingerichtet ward. bat schon weit mehr Erfolg gehabt, als wir zu hoffen gewagt hotten. Gegnerschaft zeglicher Art hat ihn« nicht geschadet, und heute, wr reife Frucht die Anstrengungen und die Hingabe belohnt, fletschen unsere Feinde in ohnmächtiger Wuth die Zähne und ver- doppeln ihre niedrigen Angriffe. Um sc besser! Ihre Wuth zeigt, das sie sich getroffen fühlen. Die Universität umsaßt zwei Sektionen, zuerst die der vier Fakultäten. Philosophie, Jurisprudenz, Wissenschaften.(Physik, Mathematik rc.) und Medizin, deren Gesammtheit das ausmacht. was das belgische Gesetz„Universität" nennt, und von denen jede die Zahl und die Art der Kurse einschließt, die das Gesetz ver- langt, damit die Diplome welche am Ende des Jahres nach dem Examen ansgeiheilt werde», gesetzlichen Werth habe» und zu den verschiedenen durch das Gesetz anerkannten Berufs- diplomen führen: wie den Doktordiplomen der Philosophie, der Rechte, der Medizin und der Wiffenschaften. Von der Ansicht ausgehend, daß der obligatorisch ertheilte Unterricht in den Fakultäten bei weitem nicht ausreicht, um, was wir einen Menschen nennen, zu bilden, hat man nebe» der Universität mit den vier Fakultäten noch die Hochschule, oder wie es genauer heißt: das Institut der hohen Wissen- s ch a f t e n geschaffen, in dem die verschiedensten Unterrichtsfächer gelehrt werden. Und wir können sagen, daß unser Institut auf dem Wege ist, sich zu einer internationale» Universität zu entwickeln. Sowohl mit bezug auf die Zuhörer wie mit bezug ans die Pro- sefforen wird das Institut«in internationaler Zusammenkunfts- ort seil». Unter den 100 Zuhörern, die sich im Lauf« des letzten Jahres einschriebe». waren alle Nationalitäten vertreten, und die Gesammtheit der Professoren des neu beginnenden Jahres weist berühmte Namen aus ganz Europa auf. Es lesen: Max Nordau: Psychologie und Soziologie der Kunst. Petrucci: Positive Aesthetik. Sumplowicz: Streifzüge durch die neue deutsche Dichtkunst. De Roberty: Die Moral. Tarde: Die soziale Bedeutung des friedlichen Wettbewerbs und deS Krieges. Novikow: Die Gründzüge der politischen Oekonomie. KowaleSky: Entwickelung der ökonomischen verhältuiffe. E. Ferri: Strafrechtliche Soziologie. P. B a s j a r d i n S: Die Größe der Jetztzeit. Elisse Reclus: Geographie: Iran, Turan, Kaukasus und Mesopotamien. E l i e Reclus: Entwickelung der Religionen. Roorda: Mathematische und physisch« Wiffenschaften. Lazare: Die ökonomische Geschichte der Juden deS Occidents seit ihrer Zerstreuung. Galiment: Egiptologischer KursuS. Ich nenne hierbei nicht die Namen der Belgier, die noch zu diesem prächtigen Ensemble gehören. Nur die Klinstkiirse w»ll ich noch erwähnen, weil die Gründer der Universität durch sie daS ganze Gewicht, das sie auf diese, bis jetzt in der Erziehung ver» nachlässigte Seite legen, beweisen wollen. Edmond Pi.ard u. Verhae�ea: Die Beschichte der Kunst. E d in. Picard: Die Erneuerung deS Theater?. E ck h o u d: Das englische Theater und die Zeit Shakespeare's. t a n k a r: Geschichte der Baukunst. uffrath: Geschichte der Musik. D e st r o e: Die ersten italienischen Maler. Vandervelde: Die industriellen und ornamentalen Künste.—- Das Buch. Das ist's, was wir nach zwei Jahren zu stand« bringen konnten. Ist es nicht ein sicheres Unterpfand für eine herrliche Zukunft? Dürfen wir alle uns nicht freuen, daß in Brüssel, der Stadt, die unter allen Städten Europa's sich am besten zu einem internationalen Sammelpunkt eignet, ein Werk zu stände komm', an welchem Kräfte aus der ganzen Welt mitarbeiten, und welches daS großartigste der Gegenwart werden kann, wenn die Freund« aller Nationen ihm ihre Mitwirkung gewähren wollen? Möchten doch alle Freunde des Schönen und Guten darauf be» dacht sein, das gute Werk zu fördern und die Bemühungen der Gründer zu unterstützen. Dr. Emile V i n ck. 1�. B, Die Verwaltung der Universität beschäftigt sich gegen- ivärtig mit der Gründung einer Universitäls-Halle, entsprechend den IMversitj Halls in England und besonders der Halle, die Pro« fessor Geddes in Edinbnrg gegründet hat. Es wäre dies ein Haus, in dem Studenten und Professoren wohnen und ihren ganzen Unter- halt haben können. Die Ausstattung müßte mit allem nöthigen Komfort bei wünschenswerther Sparsamkeit erfolgen, und ein ge» räumiger Saal sür das tägliche gemeinsame Leben müßte eingerichtet werden; in diesem Saale köunten gesellige Abende für alle Freunde der Universität stattfinde». * O Dem Bericht unseres Genosse» Vinck will ich ein paar Worte hinzufügen. Die freie Brüsseler Universität verdankt, wie wohl alles Freie auf Erde», ihren Ursprung der Unterdrückung. Die Mehrheit der Professoren der alten, staatlichen Universität Brüssel wollten es Elisse Reclus. dem vorher ein Lehrkursus angeboten»vorden war.»ach der letzte» Anarchisteuhatz in Frankreich nicht mehr er- laude», weitere Vorlesungen an der Universität zu halten. Dieser Akt roher Intoleranz erbitterte den Rektor der Universität, unseren treffliche» Genossen Hektor Denis— jetzt sozialistisches Kamnlermitglied— dermaßen, daß er das Rektorat niederlegte und die Gründung der„freien Universität und Hochschule" in die Hand nahm. Wie das Werk gediehen ist, sieht der Leser ays vorstehendem Artikel, der keine Uebertreibungen enthält. Natürlich ist das Unter- nehmen erst in dem Ansangsstadium, allein es entwickelt sich so rasch und es hat solche Kräfte zur Verfügung, daß an dem vollen Gelingen kein Zweifel ist. Als ich vorigen Sommer im Juli auf der Reise nach Lille und London mit Singer und Fischer nach Brüssel kam, wurden wir von den dortigen Freunden auch i» die freie Universität geführt. Es ist kein sehr großer, aber vorläufig aus- reichender und durchaus solider Bau, welcher der Anstalt dauernd gesichert ist. Die freie Universität ist, wie oben mitgetheilt, vom Staat anerkannt, und von seite» des Staates Belgien wie der Stadt Brüssel werde» keine Hindernisse in den Weg gelegt— eine That- sache, die uns recht beschämend die kleinliche Misere deS deutschen Vaterlands ins Gedächtniß rief. Und nun schließe ich mit einem Gut Glück der freie» Universität von Brüssel! Vivat. floreat, crescat! Sie lebe, blühe, wachse! Berlin, 8. März 1897. W. Liebknecht. Kleines Feuillekon- — Splitter. Die politische» Amphibien empfinden, wenn ihnen die Haut abgezogen wird, höchstens eine angenehme Kühle. Daher ihr wiederholter Häutungsprozeß.— Friedrich Stoltze. — Deutschland hat die Buchdruckerkunst erfunden und— bald darauf(1480) die erste Zensur.— Theodor Mündt. — Man muß seine Gedanken auf Eis legen, wenn man sich in die Hitze des Streites begeben will.— Nietzsche. — Die Kirche ist der sichtbare Ausdruck des bösen Geivissens des Staates.— F. Th. Bischer. — Moralkasuistische Zweifelfrage. Ist es für ein streng sitt- licheS Gemüth nicht verletzend, Männer- und Frauenwäsche ge- meinschastlich zum Trocknen aufgehängt zn sehen?— W. — Blumenluxus. Der amerikanische Millionär W. W. Astor bezahlte unlängst einem englischen Rosenzüchter für einen einzigen Rosenftock von einer ganz besonderen Varietät 0000 Dollars(24 000 M.) Die Orchideensammlung der Kaiserin Friedrich repräsentirt einen Werth von mehr als einer halben Million Mark; die des englischen Staatsmannes Chamberlain den Werth von 3—400 000 M. Der Erzherzog Joseph von Oesterreich hat Blumen im Werth« von 800 000 M.; und die Rosensammlung der Miß Alice Rothschild wird ans 200 000 M. geschätzt.— Literarisches. n. Universalpillen. Gedichte von Krause- M a l o» n e k. Leipzig, Verlag von Oswald Mutze.— Im ersten Augenblicke weiß mau nicht recht, was man ans dem Büchelchen mache» soll. Man sreut fich über de» frischen und derbe» Humor, der viele der Gedichte durchweht, nnd den kräftigen Spott, de» der Verfasser zuweilen sehr glücklich an Mensche» und gesell- schaftlichen Einrichtungen ansläßt; dann aber ärgert man sich wieder über die vielen Verstöße gegen die Form und Technik des Versbaues, die keine rechte Zufriedenheit mit dem Gebotenen aufkommen lassen. Schließlich sagt man sich jedoch, daß an so anspruchslose Kleinig- keilen kein allzu strenger Maßflab gelegt werden darf. Einzelnes ist auch in der Form ganz hübsch gelungen. Im allgemeinen aber hat u, ail die Empfindung, daß der Verfasser mehr zu seinem eigenen Vergnügen als zu dem anderer Leute schaffen wollte.— Theater. — Im Belle- Alliance-Theater wurde am Sonntag Nachmittag Schiller's„Jungfrau von Orleans" vor einem äußerst zahlreichen Publikum gegeben, da? die ernsten Bemühungen der Regie und der Darsteller, dem schwierigen Stück gerecht zu werden, mit reichem Beifall belohnte. Die Hauptrolle lag in der Hand von Martha Frey; Herr Türk gab den Talbot.— Physiologisches. — Ueber den Einfluß des Zuckergenusses ans die Leistungsfähigkeit der Muskulatur schreibt Dr. K. Arnold in der Zeitschrift des deutsch-österreichischen Alpen- Vereins folgendes: In Alpinistenkreisen ist hinlänglich bekannt, daß sich bei an- sirengenden Hochtouren ein vermehrtes Bedürsniß zum Genuffe süßer Nahrungs- nnd Gennßmittel einstellt, und viele Touristen, die zu Haufe keine Bonbons anrühren, verzehren solche auf Hochtouren in großer Menge. Häufig kann man beobachten, wie gern Führer übriggebliebenen Zucker unterwegs verzehren. Dieser Genuß von Zuckerstoffcn(zu denen aber das Saccharin nicht ge- hört, da es den menschlichen Organismus, ohne eine Veräuderniig zu erleiden, passirl) ist häufig ein instinktiver, da sich viele Menschen auch heule noch nicht der physiologischen, zuerst von Wislicenns und Fick bei einer Besteigung des Fanlhorns festgestellten Thalsache bewußt sind, daß die Quelle unserer Kraft nicht in den dem Körper zugeführten Eiweißstoffen(Fleisch), sondern in den ge- »offenen Kohlehydraten(Stärke, Zucker, Fett) zu suchen ist. Schnm- bürg und Zuntz haben es auf Veranlassung des preußischen Kriegs- Ministeriums unternommen, mittels eines von Moffo kon- struirten Apparates zu prüfen, ob der Genuß kleiner Zuckermengen die ermüdeten Muskeln zu neuen Leistungen befähige. Um ein objektives Resultat zu erhallen, war der Versuchs- person die Bedeutung der Versuche völlig unbekannt. Sie erhielt an einem Tage eine süße Flüssigkeit zu trinken, welche 30 Gramm Zucker enthielt, am nächsten Tage aber eine solche, welche so viel Saccharin enthielt, daß durch den Geschmack beide Flüssigkeiten nicht unterschieden werden konnten. Wurde nun vor der Arbeit an dem Mosso'schen Apparat eine sehr große Muskelarbeit verrichtet, so konnte an de» Tagen mit Zuckergenuß eine entschieden größere Arbeit geleistet werden als an den Tagen mit Saccharingenuß. In- folge der vorhergebenden starken Mnskelthäiigkeit ist das Blut sehr arm an Zucker geworden, und kann sich deshalb eine geringe Zucker- zufuhr in erhöhter Arbeitsleistung geltend machen.— Aus dem Pttanzeulcben. t Gestörter Pfianzen schlaf. Der Däne 38. Johannsen hat experimentelle Untersuchungen darüber angestellt, ob es ein Mittel gäbe, die natürliche Ruhezeit des Pflanzenwachsthnms ohne Schaden für die Pflanze abzukürzen. Alle Pflanzen bedürfen, selbst unter den günstigsten klimatischen Bedingungen, eine Zeit der Ruhe, in der das Wachsthum unterbrochen und die Lebensthätigkeit ver- langsamt wird. Ju unseren Breiten ist der Winter die gegebene Jahreszeit für die Entwickelungspausen, in wärmeren Gegenden fallt dieselbe theils in die Regenzeit, theils in die Trockenzeit, lheils in die Zeit größter Zlbkühlnng oder wiederum gerade in die Zeit größter Hitze. Johannsen setzte eine Pflanze während ihrer Ruhezeit der Einwirkung eines Reizmittels aus, indem er die Wurzeln oder die Knospen 24 Stunden lang mit Aether- oder Chloroformdämpsen behandelte. Die Folge davon war, daß diese Pflanze ihren Wachsthumstrieb schneller wiedergewann als eine andere derselben Art, die sonst unter denselben Bedingungen gehalten wurde, aber nicht so behandelt worden war. Auch Knollen von Orchideen, die in einem stark geheizten Räume vollständig ge- trocknet waren, gelangten unter Einwirkung solcher Mittel schneller zur Vegetation als unter gewöhnlichen Verhältnissen.— Geographisches. � Das Klima der russischen Insel Sachalin bietet die abnorme Erscheinung, daß es auf den Abhängen der aus Iura-, Kreide- und Tertiärschichten gebildeten Berge, welche das Rückgrat der Insel bilden und sich bis ans 2200 Meter erheben, wärmer ist, als in der Ebene. Während an den tief- gelegenen Küstenstrichen Birken, Ahorne, Eichen, Fichten, Tannen und andere nordische Bäume uudurchdringliche Wälder bilden, begegnet man in dem höher gelegenen Innern der Insel Aralien, Hortensien. Bambusdickichten, Ilex crenata und anderen japanischen Pflanzen. Es scheint, daß die oberen Luftströmungen, welche diese Insel be- streiche», vorwiegend wärmer sind, als die tieferen, unmittelbar vom Meere kommenden, nnd daß sich so die Erscheinungen dieser verkehrten Welt erklären; denn eine andere Deutung, die Ableitung von der größeren Schwere der kalten Luft, die nach der Ebene ab- fließe, während sich darüber wärmere Schichte» lagern sollen, dürfte keine genauere Prüfung vertragen. Auch der Vergleich mit den Nachtfrösten, die bei uns am meisten geschützte Thäler bedrohen, während die Höhen frei ausgehen, scheint nicht stalthast, um diese ungewöhnliche Pflanzenvertheilung zu erklären.— Humoristisches. — Originelle Fopperei. Im Jahre IfWS bestand in London ein literarischer Klub, dessen Witzbold der Humorist Albert Smith war, und dem auch der langhaarige Verleger Langford als Mitglied angehörte. Als Langford in dem heißen Sommer 1846 sein H ,ar etwas kürzer geschnitten haben wollte, gerieth er an einen Haarkünstler, der ihn fast kahl rasirte.„Himmel, Langford, wer hat Ihnen die Haare abgeschnitten rief im Klub ein Freund nach dem andern, als man des Arnim ansichtig wurde, und der entsetzte Langford mtfloh schließlich nach Hause. Am nächsten Morgen brach er früher als sonst aus seiner Wohnung in der Vorstadt auf, um durch den Strand, Fleet Street nach Cheapside in seine Buchhandlung zu gehen. Da, als er den Strand hinabging, begegnete ihm ein Zug von Plakatträgern. mit dem Plakate:„Wer hat Langfords Haare abgeschnitten?" Ebenso in Cheapside und ganz dasselbe abends auf dem Wege in den Klub. Dort berichtete Langsord die Geschichte ganz verstört dem verdutzten Smith, der ihn„erschüttert" anhörte. Nach einigen Tagen, als die Plakate noch immer nicht verschwinden wollten, war Langsord verzweifelt. Smith rieth ihm, er solle doch für kurze Zeit nach dem Festlande gehen, biS die Haare wieder ge- wachsen wären, empfahl ihm Chamounix, wo er ihm gleich- zeitig eine Gefälligkeit besorgen könne nnd versah ihn mit einem zu bestellenden Packet nnd mit Empfehlungen an Führer und Wirthe. Langsord reiste, aber als er an einem der nächsten Tage frohen Miuhes den Montanverl bestieg, fand er an einem gigau- tischen Felsen die Frage:„Wer hat Langford's Haare geschnitten?" Und diese Frage, die er alsbald im ganzen Thale in Chamounix überall fand, wo sie irgend angebracht werden konnte, und die, ohne es natürlich zu ahnen, er selbst in dem Packet« mitgebracht hatte, trieb ihn wieder heimwärts.— Vermischtes vom Tage. — E ni i l R i t t e r s h a u s, den die Nationalliberalen für einen Dichter hielten, der der übrigen Menschheit aber bekannter war als Generalvertreter verschiedener Versicherungs- Gesellschaften, ist ge- storben.— — Gegen die„Schwestern" Barrifon haben die anderen Artisten eine Bewegung eingeleitet. Die Petition an das Ministerium soll bereits tausende von Unterscbristen zählen. Sie. die Artisten, meinen, sie, die„Schwestern" Barrison, träten die öffentliche Sittlichkeit mit Füßen.— -— In P o s e n hat die Warthe die niedriger belegenen Straßen überfluthet. Die Holzplätze an der Flußstraße stehen tief im Wasser.— — Im Seminargebäude in Weimar entstand bei Vorführung physikalischer Experimente eine Explosion des Gasometers. Mehrere der Umstehenden wurden zum theil erheblich verletzt.— — Bayerische Sozialpolitik. Nach dem„Münch. Bote" beabsichtigt die bayerische Regierung eine Strafbestimmung gegen das schlechte Einschänken des Bieres einzusühreu.— g. In München kommt in der heurigen Salvatorsaifon in- folge des schwebenden Salvatorstreites neben Salvator noch Starrenbier, Namenloses, X-Bier und— Sal mutter zum Aus- schank.— — In M ü n ch e n hat eine Kellnerin auf ihrrn früherrn Ge' liebten geschossen nnd ihn verwundet. Hierauf kehrte sie den Re« volver gegen sich und wurde sofort gelödtet.— — Mailand. Im Dorfe A r s i e bei Feltre im Landbezirk Venedig ist nach dem Blatte„La Sera" eine mysteriöse Krankheit ausgebrochen. Vier Todte gab es in wenigen Tagen. Die Kranken und Leichen zeigen sonderbare Flecken. Die Bevölke- rung befindet sich in der höchsten Aufregung.— — Ende Februar wurde von einem Westindienfahrer bei den Zl z o r e n eine Bark aufgefischt. In der Kajüte des Wracks fand man drei bis auf die Knochen abgemagerte Leichen. Ein Hund, der kein Pfund Fleisch mehr ans die Rippen hatte, lebte noch und kroch winselnd von einer der Leichen herunter. Aus den Schiffspapieren war zu ersehen, daß die Bark in einem Sturm zum Wrack geworden war und dann 0 Wochen hilflos auf dem Meere umhertrieb, ohne ein Schiff zu treffe».— — Slus Spitzbergen wird in diesem Jahre eine Post- a n st a l t errichtet werden._ Verantwortlicher Redakteur: August Jacobcu in Berlin. Druck nnd Verlag von Max Babing in Berlin.