Mnterhaltimgsblatl des vorwärts 3!r. 64. Mittwoch, den 31. März. 1897.* (Nachdruck oerboten.) Evinnrvungvtt io] rincs Vommunekämpfers. Von Henry Brissac. (Schluß.) Ich habe einige mich persönlich betreffende Thatsachen erzählt, die mir ein geivisses Interesse zu haben scheinen. Ich brauche über die folgenden Jahre nur summarisch zu berichten, nm meine Aufgabe beendet zu haben. Jd) habe gesagt, daß die Aerzte im allgemeinen den Ver- nrtheilten der Kommune gegenüber eine wohlwollende Haltung zeigten. Davon ist aber vor alleni ein Korse auszunehmen, dessen ich schon Erwähnung getkan habe, Oberarzt der Insel Non bis 1876. In seinem Dienst ließ er sich vertreten, und so war sein Amt nur eine reichlich bezahlte Sinekure. In Nrnimea stationirt, wo er keine Konklirrenten hatte, war er darauf bedacht, sich eine reiche Privatkniidschaft zu verschaffen iind knmnicrtc sid) nur liebender um die Sträf- linge. Im Hospital sowohl wie in der Ambulanz erschien er selten. Jd) hatte nnr zwei bis drei Berührungen mit ihm. Das erste Mal war er in Begleitung eines jungen Arztes, den er, auf mid) deutend, fragte:„Und der da?" Unter dieser therapeutischell Formel erkundigte er sich»ad) dem Stande der Kranken. Das ziveite Mal, zwei Jahre später, sah er mich im Hospital Tn Mavais ivieder. Er war allein und konstatirte etwas niigednldig, daß ich nur einen leichten Husten habe. Gleichwohl stellte"er mir keine Entlassung ans dem Hospital ans, sondern verordnete mir ein sehr geist- reiches, allzu heroisches Mittel, nm mir noch einen Denk- zettcl nach seiner Weise zu geben, nämlich: ein Zugpflaster auf die Brust. In stillsdiweigendem Einverstäudiiiß mit dem Unterarzte traf ich ani nächsten Tage Vorsorge, die vorauszusehenden Folgen des Mittels unwirksain zu machen. Seitdem ich, im Januar 1873, aus der Ambulanz ciltlassen war, bin id) nicht mehr ernstlich krank geivesen, mit Ausnahme davon, daß ich den Skorbut, der mich fünf Monate lang ver- folgte, hatte, und einen chronisch gewordenen Rachenkatarrh. Jd> blieb fast die ganze Zeil von Arbeit befreit, entweder in meinein Eefangenenhausc oder im Krankenhause. Dieses ein- siedlerisdie Leben zog ich denn doch der Sklaverei in den Zimmcrhöfen vor. Mit dem verächtlichen Aufseherpersonal konnte man sich in eine Debatte nicht einlassen. Es duldete keinen Wider- spruch; es hatte in gewissen Dingen absolute Macht, und das vermehrte ihre grausame Thorheit. Sie theilten eben den Haß gegen die Republik und die politischen Bcrurtheiltcn mit ihren Vorgesetzten. Erwähnen muß ich auch die oft skandalösen Zudringlich- keiten von„Brüdern" und„Schwestern" am Krankenbette von Zwangssträflingen, deren himmlisches Heil so sehr ihre fromme Sorgfalt in Anspruch nimmt, daß sie die ohnedies nur elende irdisd)e Pflege ganz vernachlässigen. Die Mausten besitzen in Neukaledonien umfangreidze Privilegien, die sie sehr billig durch Kanaken, die in den Sckooß der katholischen Kird)e aufgenommen sind, ausbeuten lassen. Alle politischen Ereignisse Frankreichs übten ihre Wirkung auch aus die Kommnnesträflinge. Ich glaube nicht, daß ich alle die unbegreiflichen BeHandlungsweisen durdizumadjen gehabt hätte, die ich wirklich erfahren habe, wenn ich nicht bei voller Reaktion nach dem Regierungsautritt von Mac Diahon 1873 auf der Insel Nou ausgeschifft worden wäre. Als die Neuigkeit bekannt wurde, drückten die Aufseher in hohem Grade ihre Zufriedenheit aus. Sie tranken auf den Untergang der Republik und erklärten, daß man mit dem Philisterthum ein Ende machen müsse. Eine einzige Chance für uns zeigte sich am drohenden Horizonte: Das Ende der verhaßten Nationalversammlung zu Bordeaux, die sich verewigen zu»vollen schien. Aber die Jahre verstrichen und die Bauern und die Abgeordneten vom flachen Lande trotzten allen modernen Ideen nach wie vor. Die Verfassung von 1875 beseitigte einstweilen die Be- fürchtung eines achten Thrones. Die Generalwahlen, dachten wir alle, würden eine Majorität für das linke Zentrum, aber jd)licßlich doch eine republikanische Majorität herbeiführen. Ungeachtet ihres Widerwillens würde sie ohne Zweifel für eine theilweise Amnestie stimmen, und wir Zwangssträflinge würden eine weitgehende Umwandlung der Strafen erlangen. Der Zeitpunkt der Wahlen wurde endlich bestimmt. Einige von uns waren im stände, die Rediensthafts- berichte von Vorversammlungen dieses linken Zentrums zu lesen. O Täuschung! Es beschließt, jede Amnestie von der Hand zu weisen. Herrliche, zu unseren gunsten im Senate und in der Kammer gehaltene Reden appelliren umsonst an die Ge- red>tigkeit, an die Humanität, an eine hodisinirige Politik. Dufanre verspricht Begnadigung im allerrcichlichsten Maße, was beinahe drei Jahre lang nur Spottgelächter hervorrief. Da verloren etwa ein Dutzend von uns, darunter Trinqnct und Jean Attemane, alle Hoffnung und versudsten einen Fluchtversuch, wurden aber wieder ergriffen und„in die vierte" geworfen und meist in doppelte Ketten gelegt. Der Antritt des Ministeriums vom 16. Mai erfüllte uns mit neuer Angst. Wir erwogen die Chancen, die ein neuer„zweiter Dezember" haben könnte, und wenn uns unsere Vernunft zu den» Schlüsse führte, daß ein solcher Versnd) end- giltig scheitern müsse, so ließ uns der Zynismus anderer die ganze Kalamität eines neuen Bürgerkrieges befürchten. Die Wahlen vom Oktober 1877 verscheuchten das Gespenst. Immerhin aber bevölkerten die von den Kriegsgerichten Ver- nrtheilten noch die Gefängnisse und Neukaledonien. Dnsaure erklärt, daß die Begnadigungen, ivie er versprochen habe,„im größten Maßstäbe" zugestanden worden seien, und fragte erhobeneu Hauptes, ob die Majorität noch mehr hoffe. Die Ausstellung von 1878 schob unsere Hoffnungen noch weiter hinaus, denn das politische Interesse wurde durch die Entfaltung dieses Glanzes in den Hintergrund gedrängt. Wir vertagten sie bis zur Erneuerung und Ergänzung des Senats. Unsere Erwartung wurde übertroffen. Nicht nur ivurde den monarchisch) gesinnten Senatoren von den Wählern der Lauspaß gegeben, sondern Mac Mahon, der das Säiimpfliche seiner Rolle einsieht, giebt sich selbst den Laufpaß. Und wer tritt an seine Stelle? Ein erprobter Republikaner von t843. Als uns ein Telegramm den Regierungsantritt Grevys meldete, waren wir vor Freude außer uns und illuminirten in unserem Gefangenenhause, das jetzt fast nur von politischen Gefangenen bewohnt war. Diese Illumination a giorno(bei Tage) war mittelst einiger Kerzen beiverkstelligt, die wir in der Kantine gekauft hatten. Die einen, voll Illusionen, sagten: Die allgemeine Amnestie ist besdilossene Sad)e! Die anderen antworteten: Die traurigen Republikaner vom linken Zentrum, ja von der Linken selbst werden ganz sicher nur eine theilweise Amnestie besdsticßen, aber Grövy wird uns alle begnadigen. Man hat Monsieur Grövy am Werke gesehen. Mit geiziger, dürrer Hand hat er blindlings die Begnadigungen und einfachen Strafumwandlungen verlheilt. Kein Prinzip hat ihn dabei geleitet: Zufall und Beeinflussungen haben alles entschieden. Dieselben Erdschollen des Bagno der Insel Nou, die auf die Opfer Mac Mahons, des Monarchisten, kollerten, haben auch die unter der Präsidentschasts Grevys, des Republikaners, dort Gefallenen zugedeckt. Als die ersten Amncstirten Ende Juni 1879 abgereist waren, hatte jeder von uns schriftlich folgende alberne Frage zu beantworten: Wollen Sie auf der Insel Nou bleiben, oder wollen Sie nach der Halbinsel Ducos versetzt werden? Natürlich stimmte alles einstimmig für die Halbinsel. Von da an rechneten wir allerdings darauf, daß die Stunde unserer Abfahrt geschlagen habe. Aber Tag aus Tag verrann, und wir blieben in unserer Sumpfgegend. Jndignirt und auf ministerielle Instruktionen gestützt, vertraten wir den Standpunkt. daß wir den Dcportirten gleichgestellt seien; daß man uns ohne Recht auf der Insel Ron zurückhalte und daß wir die Arbeit verweigerten. Offen« Rebellion. Diese Situation ohne Präzedenzfall verdutzte die hohen Funktionäre und die Wärter, die nicht streng vorzugehen wagten. Endlich, einen Monat nach der erstaunlichen Frage, kameiz wir nach der Halbinsel. Seit einiger Zeit hatte man uns von den anderen Gc- fangenen nach und nach abgesondert: eine Maßregel, auf die wir sd)on nicht mehr gehofft hatten. Die düstern Felsschroffeu der Bai von Tindu, wo sich unsere Strohhütten erhoben, erschienen uns im Vergleich mit der verwünschten Insel wie ein Eden. Die neue Luft, die dort unsere Lungen badete, war nicht mehr von den Miasmen der Entehrung infizirt, und der Anblick der Sträflingswärter, die übrigens in ihrer Haltung verändert waren, war»ms nicht mehr so unerträglich. Wir»vurden mehr als je aüßerordent- liche Zwangssträflinge: zu Zwangsarbeit verurtheilt, ohne zu ihr verhalten zu»verdcy; verurtheilt, keinen Bart zu tragen, als seiner nicht wiirro!, aber ihn nichtsdestoweniger tragend, wobei uns die Verivaltung stillschiveigend geivähren ließ. Das schivairkende Ministerium, das einerseits gab, andererseits vor- enthielt, machte uns zn lebendigen ivai»delnden Widersprüchen. ljeder Kurier brachte nun ministerielle Gunstbezeigungen, und jeder suchte sich in dieser Tombola-Lotterie seinen Gewini» heraus: Begnadigung, Verbannung, oder— er ging ganz leer aus. Ich erfuhr am 1. Oktober, daß ich unter der Nummer 41g, zweite Sektion, begnadigt»var. Die letztere Bezeichnung reihte mich mit meinen Kameraden unter die befreiten Zwangs- sträflinge ein, die befugt waren,»»ach Frankreich zurückzu- kehren. Ucbcr die unwürdige Beha»idlui»g, die»»»an uns in einer gewissen Beziehung bis zuletzt zu theil»verde»» ließ, habe ich dem Gouverneur von Nenkaledonieu einen Brief geschrieben, der von ihn»,»vie ich später erfahren, dem Ministerium vor- gelegt»vorden ist. Sein wesentlicher Inhalt ist folgender: „Das einem gewöhnlichen Galeerensträfling ans die Stirn gedrückte Brandmal»vird einen politischen Verurtheilten nie entehren, und die übliche Verivaltungspraxis vermag nicht, durch eine leere Formalität von„Sektion" und„Nummer", das wieder zu erschaffen,»vas"die Macht der Thatsachen ein- mal zerstört hat. Man hat»ins einer Umgebung entnommen, die in Wirklichkeit nicht die nnsrige ist; folglich dürfen auch unsere Namen nicht kunterbunt mit denen einer Kategorie zusammengeivorsen werde»», die nicht die unsrige ist. Ich erlaube»i»ir, Ihre wohlivollende Aufmerksamkeit, Herr Gouverneur, aus ein Verhältniß zu leitkcn, das durchaus wider- sprnchsvoll ist, da es eine gemeinsame Liste für Menschen eröffnet, die der gesu»»de Verstand längst hätte von einander absondern sollen. Die Begnadigten von gestern,»vclche die Amncstirten von heute sind, liefern den Beweis, daß es nicht gut ist, die Namenseintragung des Bagno auf die Begnadigten von heute zu übertrage»», die die Amnestirten von morgen«sein werden." Diejenigen, deren Strafen»»»ngeivandelt»vorden, hatten das Recht, nach Nouinea zu gehen. Kommen und gehen ist ein konstitutionelles Recht, dessen Ausübung ich seit 8i Jahren Gefangenschaft verloren hatte. Nun übte ich es aufs neue in Noumöa aus: ohne Handschellen, ohne Begleitung von Gendarlnen. Stolz„ging und kam" ich,»vie ein freier Manu, durch Straßen mit Holzhäusern und Vera»»den und Kaufläden, über denen unaufhörlich der Bankrott schwebt; ans dem Boulevard des Italiens, wo„Musik" zu hören ist,»vo mau die schwarzen Füße der Melänesierinnen der neuen Hebriden unter den feuerrothen Tuniken hervorglänzen sieht. Noumsa ist eine traurige Stadt, ein Ort, in dem man mit dem Ellbogen links und rechts an eine Bevölkerung von Abenteurern stößt, die nicht dahin gekommen sind, uin den Moiityoii-Prcis*) zu geivinnen; wo mau auf Schritt und Tritt arme»» Frauenzimmern begegnet, die ihren Lebensunterhalt aus den» Preise herausschlagen, den sie für die mit ihren Leibern ge- währten Genüsse nehmen;»vo»nan im Cafe unliebsam durch Händedrücke ehemaliger Galeerensträflinge überrascht wird, die jetzt. ihre Freiheit»vieder erlangt und uns bei ihrem erschreckend treuen Gedächtnisse wiedererkannt haben;»vo inan fast»nit der Nase mit seinen alten Gefäng»»ißwärtern znsaininenstößt, die uns verdutzt ansehen, oder mit Trupps von Zivangs- sträflingen erster Klasse, die dich groß ansehe»»»»»d murmeln: „Da,'n alter Kamerad!" Am 26. November 1879»vurde ich auf der„Creuse" ein- geschifft, die von dem deutschen Sprichworte:„Immer langsam vorail" nichts so gut behalten hatte, als das Adverb „langsain". Die„Creuse" ist ein Schiff gemischter Gattung, dessen Segel und Dampfkraft um die Wette auszuruhen bestrebt waren. Der Kanal von Suez wurde als ein viel zu kurzer Weg für die ihrem Vaterlande ') Montyon»var ein französischer Philanthrop(geb. 1733, gest. 1820). Nach ihm ist der Tugendpreis der franz. Akademie für literarische Werke, die die Moralilät fördern, benannt. Wiedergegebenen erachtet, die fieberhaft die Stunden zählten — nein, wir mußten Kap Horn»»msegelu. Die glückliche Vereinigung von Wind und Dampf ver» schaffte uns eine höllische Fahrt von 133 Tage»»,»vährend ich hinwärts in 95 Tagen auf einem einfachen Segler— der „Loire"— angekommen war. Der Marineminister hatte, sagt man, einen Versuch mit einein gemischten System machen wollen. Warum hat das gerade aus unsere Kosten geschehen müssen?! Ain 5. April 1866 landeten»vir in Brest,»vo uns das republikanische Komitee voll liebenswürdiger Besorgtheit ein reizendes Bankett gab, das auch für unsere Mägen nichts weniger als überflüssig war. Endlich, den nächsten Tag, stiegen»vir in Paris ans dem Wagen, umgeben von einer dicht gedrängten Menge von Familien uiid Freunden. Welches Stiinmengebrause, als sich die Einzelnen anriefen und zl»riefen! Thränen strömten auf die Tausende von Händen hernieder, die einander uinklammertcn, und eille Umarmung folgte der andern. Hinter nns das Bagno, vor uns Paris!... Unser Glück»var groß!... iNachdvuck verboten.) VivlrhAllnbnlz. Es ist gegen Mitte April. Auf den langgestreckten Hauen der deutschen Mittelgebirge sind die Triebe der Föhren schon zolllang hcrvorgeschosse». Als märe» sie mit Fett bestrichen, glänzen die jungen, lichtgrüue» Bläitchen der Hängebirke aus dein dunklen Nadelmeer der Schmarzkiefern hervor. Auf den langen, schmalen Aeckerchen,»velche in die Waldparzellen einschneiden, führt der Bauer des Walddorfes seinen Pflug und streut den Samen zu seinem Brotgetreide: Sommerroggen und Gerste mit eiuei» Drittel Hafer gemischt. Und hinter ihm, wie ein treuer Hund,»vandelt beständig die Saatkrähe; ihren Luchsangen und ihrem zufahrenden Schnabel entgeht»veder ein cniporgeworfener Engerling noch die fliehende Maus, der die wühlende Pflugschaar das Haus zerstört. Es ist gegen Mitte April. Der Schnepfenstrich ist längst zu Ende, die paar Auerhäbne, die sich aus dem Hochgebirge ins flachere Land verirrt, sind entweder abgeschossen oder ivieder ver- flogen, durchs Stangenholz dröhnt der dumpfe Ruf der großen Waldtaube. Da kommt ein Schreibebrief des alten Försters Sichel auf meinen Schreibtisch geflogen: „Seit acht Tage»„rebellen" die Hähne auf allen Haue»». Dem „Naz" ist einer am helllichten Tag schon auf den Holzbirnbaum geflogen. Die Hütte» sind fertig. Kommen Sie!" Der alte Sichel war der Nachbar meines Vaters. An» Sonn- abend gegen Abend bin ich bei ihm. Am alten, lieben Forsthanse hat sich nichts geändert. Noch steht die»»ächtige Eiche und klopft init ihren Fingern an die Fenster des Erkers, und an der Stirnseite des freundlichen Hauses reckt der alte Birnbaum seine verkrümmten Arme bis zun» Hirschgeivcih des Giebels empor. Von drei Seiten schiebt sich der Wald an das Heim des Försters und die ivenigen Holzhauerhütten heran, nur gegen Norden hin schiveift der Blick schrankenlos über die»vie Silber erglänzenden Bäche und Teiche, die großscholligen Aecker und saftigen Wiesen der Niederung. In der Ferfte winke» die rothen Dächer eines Wall- sahrtsortes, ragen die schivarzen Thürme einer Stadt, verschivimmen im blauen Dust die Kämme des Gebirges. Es ivnrde»venig gesprochen an diesem Abend Mischen uns beiden, mir und dem Förster, ei» jeder dachte nur an den kom- mende» Tag. Am anderen Morgen, kurz nach z'vei Uhr, trommelte der alte Waldläufer schon an meine Kamnierlhür. Als ich das große Wohn- zimmer hinabkam, brodelte bereits der Kaffee im Schuellsieder. Und nun schnell einigen Schlucken des schivarzen, erwärmenden Getränkes, einige Bisse» karten Schwarzbrotes hinterder geschickt, und hinaus ging's in die Nacht. Es war ein toller Marsch über die Wurzeln achtzigjährigen Hochwaldes, in dem es finster»var»vie in einem Sack, aus Iägersteige» und gänzlich zerfahrene» Waldwegen. End- lich,»ach mehr als einftündigem Marschire», Tasten. Tappen und Springen sind»vir anf dem Langhau. Auch er hat sich kani» ver- ändert in de» zwanzig Jahren, seitdem ich ihn nicht mehr gesehen. In dem fahlen Lichte, das vom ivolkenlosen Morgenhimmel ausgehl, erscheine» die»veit auseinander stehenden Jung- föhren»och ebenso verkümmert»vie ehedem, aber unten am Bache sind die Espen und Erlen mächtig emporgeschossen, und die holzige» Stengel der Erika reichen schier bis zu den Knieen empor. Der alte Sichel stellt mich in eine der aus»venigen Kiefern- ästen zusammeugefügtcn Hütten nnd nimmt seinen Stand einige hundert Schritte»veiter aufivärts hinter einem andern Schirme. Noch ist's' ruhig, kirchenstill. Nur ab und zu dringt ans lauschende Ohr das glucksende Singen der über Steingeröll rinnenden Wasser im Thale. Aber schon koinmt der Morgenwind, rauscht in den Krouen des Hochwaldes, raschelt im dürren Brombeergesträuch und säuselt in de» langen Nadeln der Juugsöhre». Und mit ihm wird es anf dein langgestreckte», nach Osten gelegene» Hau lebendig. Das fingerhnlgroße Goldhähnchen schüttelt sein Gefieder, hüpft von Ast zu Ast uud stößt sein klingendes„Si! Si!" hervor; zu ihrem Tagewerk erheben sich die ivispernden Meise»; aus dem Dickicht ertönt das halblaute„Gäh! Gäh!" des erwachte» Hähers, und die Schwarzdrossel probirt, schlaftrunken noch, versuchsweise einige ihrer Tone und Läufe. Aus einmal vernimmt mein gespanntes Ohr einige Töne, die mir alles Blut nach dem Kopfe lreibeu. Es klingt, als würden rasch hinter einander einige Weinflaschen entkorkt. Und schon hebt das Schleifen an, langgezogen, als führe ein Wetzstein schärfend längs der Schneide einer Sense. Etwas wie Neid beginnt in mir auszukeimen; der balzende Birkhahn mnß dem alten Sichel prächtig zum Schusse kommen. Wieder lausche ich und muß unwillkürlich lächeln. Der Hahn hat eine Strophe seines Liebes- gesanges beendet, aber ich habe kein Abschnappen vernommen. Jetzt weiß ich, daß der alte Schlaumeier ober mir mit Zunge, Mittelfinger und Backe das Balze» nachgeahmt, um die Hähne, die ihm zu lange zu zögern scheinen, zu reize». Während ich noch über die List des Allen schmunzle,' fährt mit einem Satze eine schwarze Kugel aus den Kiefernbüschen auf die freie Stelle vor meinem Schirm und entpuppt fich als ein Kapitalhah». Und sofort erhebt er seinen Lock- und Kampsruf:„Pa— pa— pa!" Gleich kommt die Henne hcrangetrippell und beantwortet den Liebesgesang des Hahnes mit leisen, gluckenden Tönen. Alles Jagdsieber ist von mir gewichen, meine Hand ist ruhig, als stände ich auf dem Scheiben- stände. Wie prächtig erscheint der ganz in Liebeslust aufgehende Vogel! Ueber den rollende» Augen leuchte» uud zittern, strotzend von Blut, im Halbkreise rothe, seine Fleischstäbchen, die metallisch schimmernde» Hals- uud Bruitfedern sind gesträubt, die hängenden Flügel erreichen den Erdboden und der aufgerichtete Steiß mit dem aus schlohweißen Daunen aufsteigende» Doppel- spiel steht senkrecht zur fiörperachse. Und jetzt mitten im lang- gezogenen„Schleife,,« macht er einen Satz, mannshoch schier und klasterlang. Dann ivieder dreht er sich im Kreise und, immer noch schleifend, springt, hupft, beinahe im Dreivierteltakt, streicht er, daß seine Schwinge» sie streifen, an seiner Dulzinea vorbei, die mit ge- sonklen, Kops eifrig auf den Boden pickt, als iväre dort Aesung im Ueberfluß. Und, als hätte» die anderen Standhähne nur auf das Signal gewartet, mit einem Male breche» sie los: drüben an der anderen Lehne, weiter unten am Bache, oben beim alten Sichel. Oft balzen zwei zu gleicher Zeit, dann lösen sie einander wieder ab. und man kann ganz deutlich unterscheide», was ein älterer Hahn ist und was ei» jüngerer. Im Osten rölhet sich leicht der Himmel, über die breiten Wipfel der überständige» Föhre» des gegenüber liegenden Hanges zucken die ersten Feuerpfeile der anfgehenden Sonne. Jetzt ist's Zeit. Ich warte noch, bis mein Hahn abermals zum Balzen angehoben und mir voll die breite Brust zuwendet, dann ei» rascher Blick nach dem Bisirkorn, ein Ruck am Züngerl, und im Feuer bricht der liebestolle Sänger zusammen. Im zerfließenden Pnlverdampf streicht die Henne mit prasselndem Flügelschlage durchs Föhrengebüsch zur Niederung ab Während ich den todten Hahn ausnehme und aus- bluten lasse, tritt der alte Sichel heran. Er nickt befriedigt über den Kernschuß, dann tippt er mir leicht aus die Schulter uud meint in seiner ruhige» Weise:„Nach meinem Geschmack ist diese Art von Birkhahnjagd nicht. Ich hätte zwei Hähne haben können. Keine zwanzig Schritte von meinem Stand fochten sie das schönste Dncll aus. Aber soll ich Vortheil ziehen aus der Liebesrascrei dieser Schwarz- röcke? Uud was ist denn dran an so einem Kerl? Zaundürr ist er um diese Zeit, wie'ne alte Krähe. Verspüre ich einmal Appetit»ach einem Birkhahnbrale», dann gehe ich im September— wie es jeder alte Jäger thut. und auch Ihr Bater hat sich an diese Regel gehalten— mit meinem alten Waldmann an die Waldlisiöre, nach den Feldern zu und- pirsch' mir einen. Um die Zeit ist der Hahn fett und sein Fleisch weiß und zart wie das eines Huhnes. Das Schießen eines balzenden Hahnes setze ich gleich hinter das Niederknalle» eines Hirsches, der»i der Brunst ist... Das Schöne an der Birkhahnbalz ist nicht die Jagd, sondern der Genuß, den ein frischer Frühlingsmorgen im Walde bietet... Sehen Sie, die Sonne ist hinter den alten Föhren da drüben hervor. Wie das jetzt singt, trillert, schmettert, jubilirt und tollt, in den Büsche», au den Wasser- ädern und im Hochwalde, auf allen Resten n»d in alle» Zweigen! Was habt Ihr in Euren Städten dem vergleichbar Der Alte war verstummt. Auch ich war ernst geworden. Uud langsam schritten wir heimwärts. Nicolaus Kra»ß. Nleinrs Feuilleko». — Die kältesten Ostern feierte Nansen vor drei Jahren, als sein Schiff in den Eiswüstcn des Pols festgebannt lag. Die Temperatur betrug 32 Grad Roauniur unter Null. Er berichtet darüber in der 11. Lieferung seines Werks„In Nacht und Eis' (Leipzig, F. A. Brockhaus):„Montag, 26. März IS93. Wir liegen ohne Bewegung; keine Drift. Wie lange wird das danern? Wie stolz und triumphirend war ich bei der letzten Tag- n»d Nachtgleiche, die ganze Welt erschien mir hell; jetzt bin ich nicht mehr stolz. Die Sonne steigt empor und taucht die Eisebene» in ihre» Glanz. Der Frühling kommt, bringt aber keine Freude mit. Hier ist es so ein- sam und kalt wie je. Die Seele erstarrt. Sieben weitere Jahre eines solchen Lebens oder vielleicht nur vier— wie wird die Seele dann sein? Und sie...? Wenn ich meinem Sehnen nur freien Spielraum lassen, die Seele auf- thauen lassen dürfte. O, ich sehne mich weit mehr, als ich eingestehen darf. Ich habe nicht den Muth, an die Zukunft zu denken... Und wie ivird es zu Hause werden, wenn Jahr auf Jahr vergeht und niemand kommt? Noch immer muß ich warten und die Drift beobachten; aber wenn sie die verkehrte Richtung ein» schlage» sollte, dann werde ich alle Brücken hinter mir abbrechen und alles aus einem Marsch nach Norden über das Eis wage». Ich weiß nichts Besseres zu thu». Es wird eine gefährliche Reise sein. eine Frage um Leben oder Tod; aber habe ich eine andere Wahl? Es ist des Mannes unwürdig, eine Aufgabe zu übernehmen und sie dann aufzugebe», wenn der Höhepunkt der Schlacht bevorsteht. Es giebt nur einen Weg, und der ist Vorwärts!'— — lieber de» Aufbau der Korallenriffe haben Bohrungen des Prof. Sollns ans der Insel Funafuti interessante Aufschlüsse ge- geben. Es gelang allerdings nur, bis zu 32 Metern Tiefe Bohrlöcher hinabzutreiben, weil dann der mit Gewalt in die Bohrhöhlung ein- dringende Schwemmsand die Arbeiten hemmte. Aus den Ergebnissen der Versuche geht hervor, daß der Körper eines Atolls oder Korallen- riffes nicht aus einer sesteu Korallenmasse besteht, sondern in seinem ganzen Aufbau einem riesigen Schwamm aus Koralle mit weiten Oeffuungen ähnelt, die entweder leer oder mit Sand gefüllt sind. Bei den Bohrungen stieß mau nämlich nur zeitweise auf festes Korallen- gestein, dazwischen wieder auf Sand k. Die sehr höhleureiche Natur des Riffs war auch schon daraus ersichtlich, daß bei jeder großen Welle, die an den Strand schlug, die Bohrer gehoben wurden und nach ihrer Entfernung Wasser aus dem Bohrloche aufspritzte. Auch einige Vertiefnnge» in der Milte des Sliffs füllten sich bei jeder Flulh mit Seewasser, das während der Ebbe wieder ablief, oft so schnell, daß es kleine Trchkolke bildet. Der Sand besteht nur zum kleinsten Theil aus Korallen- und Muschelstttcken. Kieselalgen und Foraminiseren sind reichlicher vertreten. Sehr wichtig sind nun die Lolhunge», die Kapitän Field innerhalb und außerhalb des Atolls vorgenommen hat. die in vier Richtungen bis zu einer Tiefe von 800 Fade» reichen und fast mit einander übereinstimmen. Es geht daraus hervor, daß bei 140 Faden Tiefe etwa ein plötzlicher steiler Anstieg nach dem Ufer zu sich findet. Allgemein gesprochen kann ina» Funafuti als de» Gipfel eines unter Wasser liegende» kegelförmigen Berges beschreiben, dessen Grundfläche in einer Tiefe von 2000 Faden die Form einer regelmäßigen, 30 Meilen langen und 23 Meilen breiten Ellipse hat. Er steigt ailfaiigs sehr laugsam an, von 400 bis 140 Faden in einem Winkel von 30 Grad, dann tritt eine plötzliche Steigung zu 75 bis 30 Grad auf, die sich dann nach dem Strande zu, beim lebende» Riff, allmälig abflacht. Die oberen 140 Fade» bilden ivahrscheinlich das eigentliche Korallenriff. Der kegelförmige Berg unterhalb der 140 Fadenlinie ähnelt sehr einem Vulkan; ivcnn es wirklich ein solcher ist. dann müßte sei» Krater einen Durchmesser von»lindestens 10 Meilen gehabt haben.— Literarisches. n. Maximilian Ferdinand:„Sexual-Moral der Gegenwart.' Leipzig. Wilhelm Friedrich.— Der Ver- fasser steht vollständig im Banne der Nietzsche'schen Philosophie. Er schwärmt für die Herrscherstellung des Starken und Weisen, der unbekümmert nm menschliche Satzunge» nur seinen Neigungen lebt. Er erweitert diesen Begriff allerdings noch dahin, daß er diese Ans- nahmestellung nicht nur einer einzelnen Person, sondern einer ganzeit Nation, in seinem Falle der deutschen, zubilligt. Ja er geht sogar soweit, von Nietzsche zu sagen:„Sein Deutschenhaß war paradoxe Deutschleidenschaft." Abgesehen von dieser fast beängstigenden „Deutschleidenschaft" zeigt sich der Verfasser im allgemeinen als aufgeklärter, wenn auch nicht immer selbständiger Denker. Seine-Arbeit ist frei von dem Phrasengeklingel ähn- licher Schriften(„Rembrandt als Erziehe'-"«.); hinter dem, was er sagt, steckt ei» Sinn. Dieser Sinn mag in viele» Fällen falsche und irrthümliche Auffassimgen wirthschaftlicher, sozialer und geistiger Verhältnisse widerspiegeln, aber niemals ist er nnklar. Die rücksichtslose Kritik, die der Verfasser an unseren heutigen wirthschastlichen und sozialen Verhältnissen, an her- gebrachten geschlechtlichen, religiösen und rechtlichen Anschauungen übt, entschädigt wenigstens einigermaßen für die vollständige Un- kenntniß, die er ans wirthschaftlichem Gebiete zur Schau stellt. Dieser Mangel an natioualökonomischer Bildung tritt besonders scharf in der Stellung hervor, die er der modernen Arbeiter- bewegung, der Sozialdemokratie, gegenüber einnimmt. Hier steht er ganz auf dem beschränkte» Standpunkte des reaktionären Klein- bürgers.— Theater. — Friedrich-Wilhelm städtisches Theater. Die berühmten Premisre» ini Tempel des Herrn Samst erheiterten bisher durch ihre unfreiwillige Komik. Diese löbliche Eigenschaft mangelt dem Charakterbilde des Herrn Schneideck„ Im Maler- Atelier" gänzlich. Das Montag Abend aufgeführte Stück soll natürlich Künstlerleben schildern: Geldnoth, Mißmnth. frohe Laune, dummes Mäcenatenthni», Liebelei und was sonst noch nach Philisterbegriffe» dazu gehört, ist hier aneinandergereiht. Im Maler-Alelier sucht eine kleine Kokette zunächst mit einem reellen Maler, dann mit einem Raisonneur von Lyriker umständlich an- zndandeln, um schließlich doch ihren fade» Vetter zu heirathen. den sie bis dahin nicht ausstehen konnte. Herr Schneideck hat gehört, dal, bei einem»loderneu Dichter der Dialog eine Hauptsorsche au?- machen muß. doch bedenkt er nicht, daß i» den Worten, wenn auch kein Gedantenreichlhum. so doch etwas Witz stecken soll. Da ist denn doch die unfreiwillig« Komik vorznziehe». Gespielt wurde mit einer AuSnabme mittelmäßig. Ein Fräulein Weinholz gab den koketten Backfisch recht ansprechend.— Aus dem Thierleben. — Vermehrung der C i r r a t u l i d e n. Verschiedene Ringelwürmer haben eine recht seltsame Vermehrungsweise. Sie verlänger» sich zur Zeit der Geschlechtsreife, und die Hinteren Ringe, welche alleiii Geschlechtsdrüsen enthalten und Eier erzeugen, be- kommen ansehnliche Rnderfäde». so daß der Wurmkörper dann in zwei Regionen zerfällt: eine vordere träge, unfruchtbare, kaum schwimmfähige und eine Hintere fruchtbare und lebhafte. Auf dem erste» Abschnitt dieser Hintere» Region erscheinen sodann Sinnes- organe und besonders Augen, kurz, es bildet sich dort mitten im . Leibe ein förmlicher zweiler Kopf, der um so merkwürdiger ist, als dem eigentliche» Vorderkopse des Thieres mitunter die itlugen mangeln. So bald der Hinterkopf ausgebildet ist, löst sich dieses ganze, von ihm geführte Körperstück mit den zahlreichen Eier» los und schwimmt munter von dannen, um die Eier zu verbreiten, während das träge Vorderstnck ebenfalls am Leben bleibt und wieder neue Hinterleibs- ringe erzeugt. Die Herren Mesuil und Caullery legten der Pariser Akademie am 28. September 1836 analoge, von ihnen an Cirratu- liden gemachte Beobachtungen vor, und zwar einer Gruppe von Ringelwürmern, die ihren Rainen von den sadenförniig verlängerten Kiemen erhielten und bei denen nia» diese Fortpflanzungsarr noch nicht beobachtet hatte. Sie ist aber für diese Thiere um so wichtiger, als die Cirratuliden häufig eine festsitzende Lebensweise führen und daher für ihre Verbreilung eines Stadiums bedürfe», in welchem die reifen Eier tu weitem Umfange nmhergesiihrt und ausgesäet werden.—(„Prometheus.") Aus dem Pflanzenleben. — Einwirkung des Alanns auf Hortensien- Blüthe». Die Hortensie, unsere bekannte Gartenpflanze (ItyiranAea hortensis oder speeiosa), welche für gewöhlich rosarolh blüht, erhält auf»lauchem Bode» die Eigenschaft, b l a» zu blühen. Diese Thatsache ist de» Gärtnern schon lange bekannt, »velcher Art aber die chemische Wirkung war, welcher Körper in der Erde überhaupt die Blaufärbung der Hortensien bewirkt, das war bisher noch ein Räthsel. Nunmehr hat Hans Molisch dieser Frage eine Reihe von Versuchen gewidmet und znuächst festzustellen gesucht, ob es that- sächlich Bodenarten giebt, welche ohne jeden weiteren Zusatz eine bläuende Wirkung ausübe», und ferner, ob gewisse Zusätze diese Eigenschaft einer Bodenart verleihen können. Uebereinstimmend lehrten eine große Zahl von Versuchen, daß gewöhnlicher A l a u n ei»« recht stark bläuende Wirkung auf die Blüthenfarbe der Hortensie ausübt. Oftmals weist die Farbe viele Nebergänge ans, vom Hellviolett bis zum Himmekblau; selbst au einer und derselben Pflanze kann die bläuliche Farbe verschiede» stark sei». ja es kommt vor, daß die Dolden desselben Stockes zum thcil blau gefärbt sind, z»n> theil nicht. Sonst kann die Blaufärbung au allen Thcilen der Blüthe auftreten, am Blüthen- stiel, am Kelch, an der Blumenkrone, den Staubfäden u. s.>v. Be- kanntlich stellt der Alaun ein Doppelsalz dar, das aus schwefelsaurer Thonerde(Aluminiumsulfat) und schwefelsaurem Kali zusamme»- gesetzt ist. Von den beiden ist es»u» das Zlluminiumsulfat, welches de» Hortensien die blaue Farbe giebt. Aber auch manche Bodenarten bläuen ohne Zusatz vo» Chemikalien die Blüthen i» hohem Grade, so zum Beispiel Moorerde und Haideerde aus Böhme»; welche Stoffe i» den Bodenarten wirksam sind, ist noch der chemischen Untersuchung zu ermitleln vorbehalte». Viele Pflanzensreunde ziehe» Hortensien mit blaue» Blüthen solchen mit rothen vor; ihnen kann zur Erziel», ig der blauen Farbe � e Verivendung des Alauns nur empföhle» werden, sobald sie über natürliche Bodenarten, denen das Vermögen der Bläunng zukommt, nicht verfüge». Der Alaun kommt in «rbsen- bis haselnußgroßen Stücken zur Verwendung, indem»ra» einen Scherben auf das Abzugsloch des Topfes legt, etwas Blumen- erde darauf thut und diese mit einem miltelgroße» Löffel voll Alaun bedeckt. Nu» wird der Wurzelballen darauf gestellt, und der ZwischWraum zivischen Topf und Ballen mit Blumenerde und Alaun- lörnern vollgesüllt.—(„Tgl. Ruudsch.") Technisches. — Verbesserung des Torfs als Brennstoff. Einer größeren Verwendung des Torfes als Brennstoff trat bisher sei» geringer Heizwerth, sei» großes Volumen und sein bedeutender Aschengehalt hindernd entgegen. In jüngster Zeit hat man versucht, dem Torf gleich an der Gewinnuiigsstelle seinen bedeuiendeu Wassergehalt zu entziehen, ihn ähnlich zu behandeln wie Stein- kohle, die man verkoken, Holz, das man verkohlen will. Das neueste Verfahren stammt von dem Noriveger Rosendahl. Nach ihm wird der Torf in geschlossenen Retorten bis auf 250 Grad erhitzt und in dieser Temperatur 7 Stunde» lang erhalte». A» Gewicht gehen dabei nur etwa 20 pCl. verloren, weil Theer und Gase nicht ausscheide». Analysen dieses so behandelte» Torses haben ergeben: 65 pCt. Kohlenstoff, 16 pCt. Sauerstoff, 6 pCt. Wasserstoff, 3,7 pCt. Wasser und nur 5 pCt. Asche. Proben, die auf den Krupp'schen Werke» vorgenommen wurde», haben ergeben, daß dieser Torf sich auch für die Zwecke der Eisengießerei eignet. Die Tonne Torskohle stellt sich ans rnnd 7 M.— Humoristisches. — Ein chinesischer D ü„her. Der„Ostastatische Lloyd" veröffentlicht i» seiner letzte» Nummer eine Uebersetzung des»ach- stehende» Gedichtes von L i- T a i« p o: Mondschein. Vor meinem Bette Ich Mondschein seh', Als wär' der Boden Bedeckt mit Schnee.' Ich schau' zu», Mond auf. Der droben blinkt, Und denk' der Heimalb: Das Haupt mir sinkt. Trotz der Einfachheit und Allgeineinoerständlichkeit der Verse fand sich doch ein chinesischer Kommentator, der über die Zeilen orakel» mußte.„Li-Tai-po". sagt der Kommentator", zeichnet sich in diesem Gedicht durch außerordentliche Kürze, Klarheit und Natürlichkeit ans. Durch diese Natürlichkeit bringt er es zu Wege, daß man sich bei seinen Worten viel mehr denken niuß, als sie direkt besagen. Der helle Schein des Mondes fällt vor sein Bett. Er ist eine» Augenblick im Zweifel, ob es nicht etwa weißer Reif sei. Wir wissen, ohne daß es uns der Dichter sagt, daß er schlief, aufgewacht ist und sich noch in dem ersten Stadium des Er« wachens befindet, in welchem die Gedanken etwas verwirrt sind. Er denkt sogleich an den Reif, d. h. an den Tagesanbruch, an den Augenblick, wo man aufbricht. Ist das nicht der erste Gedanke eines Wanderers, ivelcher erwacht? Er hebt den Kopf hoch, bemerkt den Mond und betrachtet ihn. Darauf senkt er ihn wieder und denkt an seine Heimath. Er war jedenfalls entweder ein Wanderer oder ein Verbannter. Beim Anblick des helle» Lichtes denkt er naturgemäß daran, daß daffelbe auch die Plätze beleuchtet, welche ihm thener sind, und er empfindet schmerzlich, daß er eine so schöne Nacht fern von seinem Heim verbringen muß. Der Dichter hat uns bis hierher seinen Gedankengang so scharf vorgezeichnet, daß wir»ns davon nicht entfernen konnte». Durch die Worte:„Ich denk' der Heimath" weist er jeden auf die traurigen Gedanken hi», die ihn selbst in der Ferne befallen würden, so daß jeder, der das Gedicht gelesen hat, in Nachdenken versinkt."— Vermischtes vom Tage. — In N i e d e r- A l t- L a u b a n rettete ein sechsjähriger Knabe mit eigener Lebensgefahr eine» Altersgenossen, der ins Wasser gefallen war.— — Kontra H a r d e». Die Eisenbahn-Direktion Elberfeld hat an die Bahnhofs-Buchhandlungen thres Bezirkes unter dem 24. März nachstehende Verfügung erlassen:„In der letzten Zeit hat die in Berlin erscheinende Wochenschrift„Die Zukunft" wieder- holt anstößige, seichte und Aergerniß erregende Artikel veröffentlicht. Sie werden daher veranlaßt, Äiiordnuiig dahin zu treffe», daß das öffentliche, in die Augen fallende Ausstellen der Wochenschrift und jede sonstige Reklame zur Feilhaltung derselben durch die Bahnhoss- Buchhandlungen unterbleibt."— Alles gerettet!— — In Königshofen, einem Vorort von Straßburg, erschoß ein Unteroffizier seine Braut und verletzte sich schwer am Kopfe.— — I» W a s s e r l o s bei Alzenau(Bayern) erlangte ein 46jähriger Mann, der 13 Jahre krank lag und seil 12 Jahren die Sprache verloren hatte, kurz vor seinem Tode die Sprache wieder und»ahm vo» seinen Angehörigen rührenden Abschied. Neun Stunden später starb er.— — In B a i n d l bei Ravensburg(Württemberg) ist ein l'/ejähriges Kind auf sonderbare Weise»ms Leben gekommen. Das Kind, das vor dem Hause spielte, fiel nebe»«ine» Gartenzaun, blieb mit dem Halstuche an eine», hervorstehenden Nagel hängen und erstickte.— — Bei der Kesselexplosion in O r a v i c z a(Ungarn) wurden 5 Arbeiter getödtet, 5 oder 6 lebensgefährlich und viele andere mehr oder minder schwer verletzt.— — Auf Beschluß der b e l g i s ch e» Kammer erhält derjenige eine Staalsprämie von 50 000 Franks, der eine chemische Masse er- findet, die den iv e i ß e n Phosphor bei der Anfertigung der Zündhölzchen ersetzt.— — Der Prinz von Wales raucht„Sonntags-Zigarren", von denen das Stück 18 M. kostet.— c, e, Preßknebel n» g in A m e r i k a. Die New Jorker Legislatur soll, wie New-Iorker Blätter berichte», die Absicht haben, durch Einsetzung einer regelrechten Zensurbehörde, der alle Zeitungs- artikel vor der Veröffentlichung unterbreitet werden müssen, die Preßsreiheit zu vernichten.— c. e. Einen feinen Bürgermeister besitzt B o iv l i n g Green(Ohio, Nordamerika). Unlängst hatte er sich so betrunken. daß er von der Polizei anfgegriffe» und in der Polizeistatio» mit Vagabunden und anderen Gewohnheitssäuferi» in eine Zelle gesteckt wurde. Am nächste» Morgen während des üblichen Verhörs ver- »rtheilte er sich selbst wegen Trunkenheit und unordentliche» Be- tragens zu 5 Dollars Strafe und Koste».— Verantwortlicher Redakteur: August Jacobey in Berlin. Druck und Berlag vo» Max Badiug in Berlin.