Anlerhaltungsblatl des vorwärts Nr. 70. Donnerstag, den 8. April. 1897. (Nachdruck verboten.) 6i Ein slkev Skveik. Nomon an» dem bayerischen Volksleben der sechziger Jahre von W i l h e l ni i n c v. H i l l e r n. „O niei," sagt diese verlegen;„i Hab' ja nix ihnen dürfen, ivas bei christliche Lent' der Brauch ist— mit'm Gnldenflnckl bin i z'frieden— da will i Enk noch derfür bct'n Ter Fremde gicbt ihr den Gulden.„Bei Tn für Dich selber, daß Dir unser Herrgott die Bosheit verzeiht! Und hörst— weg'n dem Bogel halt'st Dei Goschen— oder's giebt amal'n Strohwisch aufs Dach!" Und damit ist der Mann verschwunden. „Jesus Maria," schreit das Weib.„A Haberer! Sind die wieder um d' Weg? No da können s' heul' in der Kirche nms z'höreu krieg'n!— Also mit die H a b e r e r haben's die da drinn sagt sie nack) einigem Besinnen leise zu dem ver- trauten Schreiner.„Dös ist gut, daß nian's weiß. Dös steck' i aber der Pfarrersköchin— wann i auch dös von dem Bogel verschweigen muß!" „Ah, der Baldl. der ein'zog'ne Bua— ist bei die Habcrer? Ja. ja, stille Wasscrln san tief!" sagt bedeutsam der Schreiner, steckt sein Geld ein und fährt mit seinem Karren davon. Tic Gruben» aber bleibt noch da. Sie muß doch sehen, was aus der Trandl geivordeil ist, und sich wieder ein bißt ivohl dran bei ihr machen, denn ivcr mit den Haberern gut Freund ist,— der ist zu fürchten. Wiltraud sitzt, von den Armen des Bruders umschlungen, auf der Bank»eben dem Sarg. Ihr Haupt ruht kraftlos an Sebalds Schulter, ihr Athenl geht kurz und bang. Sie ist völlig zusammengebrochen. Die Grüderin zeigt jetzt, was für ein christliches Weib sie ist und nimmt sich um sie au.„Ja, Du arm's Lent, Du bist ja ganz vom Verstand. Hast noch nit amal'n Kaffee trunken?" Und als Wiltraud mechanisch mit dem Kopf schüttelt, jammert sie voll Mitgefühl:„Ja, was ist dös! Wie kann ma denn dös alles aushalten, wenn ma nix im Leib hat!" Wiltraud deutet mit einem bittenden Blick auf den Bruder. »Ja, ja, i versteh schon! I mach Enk jetzt'n gnet'n Kaffee. Wo hast ihn denn,— in der Tischschubladen? Brot hast kein's im Hans und g'wiß an kein Zucker?" Trandl verneint.„I hab's ganz vergessen!" „O mein Gott! Ja no,— dann müßt'S ihn halt bitter trinken." „Trandl", sagt Baldl, als die Gruberin in der Küche ist, „i spring noch g'schivind ins Dorf'nunter und hol' Dir was »'essen!" „Das geht nit, wir haben kein' Kreuzer mehr im Haus—!" flüstert Wiltraud ihm zu. Er aber flüstert ebenso leise:„Dös lhuct nix. I Hab' a Geld!" „Um Gotteswillen!— Woher?" „A Fremder, a ganz a fremder Mann hat mir's grab, eh' der Schreiner kommen ist, in d' Hand druckt und g'sagt: Für's Nöthigfte! und vor i ihm danken könnt Hab', war er weg." „Wer kann denn dös g'wesen sein?" sagt Wiltraud miß- tranisch:„Baldl— i hoff' nit, daß Du mit die Haberer im Einvcrständniß bist? Sag' mir's ehrlich!" „Ich? Nein g'wiß nit,— aber der Lenz—" „Sei still!" sagt Wiltraud erschrocken. Die Gruberin kommt niit dem Kaffee und für die brennenden Lippen der beiden Verschmachteten ist der bittere Trank doch ein Labsal. „So, jetzt könnt's es wenigstens aushalten!" sagt das Weib und schlürft den Rest, den Wiltraud ihr ausnöthigt. „Kannst jetzt wieder stehen? probir's amal! Grad fangen sie's Läuten an, und da kommen auch scho Weiber und.Männer den Berg'rauf." Sie hilft Wiltraud sich aufrichten.„Es geht,— es muß gehen," sagt diese schwach und hält sich standhast ausreckt. „Jesus's Weihwasser— bring's Weihwasser!" erinnert die Gruberin, die sich berufen fühlt, bei solchen Gelegenheiten den Herrn Pfarrer zu vertreten. Scbald holt alles herbei. Wiltraud kann kaum den Fuß rühren. Von Sebald unterstützt, schleppt sie sich den Leute» entgegen. „Mir scheint, die kriegst an bald," wispert eine der Frauen dem Leichenweib ins Ohr.— Diese nickt ihr de- dcutsam zu. „Sic trägt's gar zu schwer!" meint eine andere. „O niei, dös sind Lent', die hab'n kei Religion, die schicken sich halt nit drein!" zischelt die Gruberin. „Jesus, wie schaut die aus!" sagt eine dritte, nachdem sie's Weihwasser gegeben hat.„Gar a so arg muß mer doch an nit thnen,— niei,— der ist gut anfg'hebt." „Ja, ja, dös ist g'wiß", bestätigt der Chor der Weiber. Jetzt fahren sie alle auseinander—„der Herr Pfarrer kimmt." Mit so eiligen Schritten, als es die Würde seines Aintes nur irgend erlaubt, kommt der geistliche Herr im Geleite zweier Ministranten daher. Er muß es heute schnell machen, denn er hat wichtigere Dinge vor. Ist es doch heute ein großer, ein seltener Tag, der ganz besonders gefeiert werden muß— der Tag, wo endlich einmal wieder eine kirchliche Manifestation stattsindet.— Der Hirtenbrief ist eingetroffen! Jedermann weiß, was das heißt. Was ist so eine arme, kleine Leiche für einen Mann, der sich in diesem Augenblick als den Vertreter der höchsten Kirchen- gemalt empfindet!— Solche niedere Dienste thnt man eben in vorschristsgcmäßer, christlicher Demnth, aber der Geist weilt bei Wichtigerem.— Die Gruberin hätte das von dem Vogel nicht einmal anbringe» können, wenn sie auch gewollt hätte, so zerstreut und unnahbar war der Herr Pfarrer heut.— Rasch war der Sarg eingesegnet, und eben so rasch, ohne Wiltraud und ihren Bruder eines Blickes zu würdigen, ging es nun dem Sarg voran, den Berg hinunter. Die Träger müffen sich schleunen, daß sie mit ihrer Last nachkommen. „Zum Glück ist das arme Manndle nit schwer,'s war scho schier nix mehr an ihm, als Haut und Beiner!"— sagen die Leute.— Aber Wiltraud kaiin so schnell nicht folgen, ihre Knie zittern, und sie strebt, von ihrem Bruder geführt, vergebens vorwärts, so daß eine ivcite Lücke zwischen ihr und dem Zug entsteht.— Auch Gcmming geht mit den Leidtragenden, wie er's gestern versprochen hat. Dann folgen die Männer, die Lehrer mit den Schulbuben und zuletzt die Weiber, alle betend, wie sich's gehört. Endlich gelangt man ans den Kirchhos. Der Herr Pfarrer und die Träger mit dem Sarg sind schon lang da, und der Herr Pfarrer richtet einen strengen Blick auf Wiltraud, die das ganze Trauergeleit aufhält. „Sagt mir nur," brummt Gemming leise,„was ist denn das für a G'läut, wie mit der Armensündcrglock?" „'s ist halt ein Begräbniß dritter Klaff'—" erklärt Sebald,„da läut't man nicht mit der großen Glock,— sonst wär' ja kein Unterschied zwischen die Armen und Reichen!" „So?" murmelt Gemming zwischen den Zähnen,— „für den braven Mann— nix als das Zügenglöckl? No wartet. Euch will ich helfen!" Und mit drei Schritten ist er im Glockenthurm und befiehlt den Buben, den großen Strang zu ziehen. Diese schauen ihn erschrocken an.„Dös dürs'n wir nit!" „Dös woll'n wir sehen, ob ihr das nit dürft, ös Lakel! Da an dem Strang wird g'litten und wann der Herr Pfarrer fragt, na sagt nur: Ich hätt's gethan, der Gemming! Marsch vorwärts!" Dann eilt er wieder zurück und als Wiltraud ans Grab tritt, läutet schön und feierlich die große Glocke.— Der Geistliche sieht erstaunt den MeZm an— dieser schüttelt den Kops, als könne er es nicht erklären. Es ist eben ein Jrrthum von den Buben— und im Augenblick nichts zu machen. Man kann nicht das ganze Begräbniß aufhalten, daß die Sache noch mehr ver- zögcrr ivird, als sie ohnehin durch die Langsamkeit der Tochter ist.— Unter den üblichen Formeln wird nun der Todte ohne weiteres ins Grab gesenkt. Der Geistliche verliest die Per» sonalien und betet das Vaterunser. Etwas Weihrauch wird gespendet. Der Lehrer singt mit den Schulkindern das Benediktns. Die Erde rollt auf den Sarg und„die Seich ist vorbei!" Wiltrand steht noch immer wie erstarrt und wartet ans die Leichenrede. Aber schon hat der Geistliche dem Grab den Rücken gewendet, und zugleich bricht auch das Geläut ab, so jäh, als wäre der Strang plötzlich angehalten worden. „Um Gottcswillen, hat denn der Herr Pfarrer die Leichen- red' vergessen?" „Ja, meinst denn, der Herr Pfarrer halt' Euch noch a Leichenred'? Dei Vater hat ja nit amal mehr beicht't. Kaum, daß er ihm die letzte Oelnng noch hat geben könne. Ihr habt's ja wieder g'wartct bis auf'n letzten Augenblick, eh' ihr ihn g'holt habt. Akkurat wie's Dei Vater beim Tod von Deiner Mutter g'macht hat! Die ist auch g'storben ohne Ver- sehen, dös liegt scheint's so bei Euch in der Familie! Und da derfür soll Euch der Herr Pfarrer wahrscheinlich noch a Lobred halten?* Wiltraud blickt stumm auf die Sprecherin. Es ist eine alte Frau mit stechenden Augen. Wiltraud läßt alles ohne Erwiderung über sich ergehen. Da umschlingen sie sanft zwei Arme und ein süßes Mädchengesicht lehnt sich an das ihre. Es ist die Liesey vom Kraspler, eine Freundin aus der Sonntagsschule.„Nimm Dir's nit zu Herzen, arme Traudl,— die Schlcichert ist ein böses Weib, die kennt man schon!" Wiltraud ist es, als ob ein Engel zu ihr spräche, sie drückt ihr dankbar die Hand. „Jesus, da ist der wieder!" ruft plötzlich hinter Wiltraud die Gruberin und zeigt zitternd vor Aufregung nach deni Grab. Ist es ein Zauber— grad' in diesem Augenblick? Der rauhe Erdhügel ist mit grünem Tannenreis überdeckt und in der Mitte ein voller Kranz von gelben Haferähren. Bei diesem steckt ein Stäblein mit einem Zettel, nach Habererart, auf dem in großen Lettern geschrieben steht: „Schlaf' Du nur in guter Ruh'— Dem Tage der Vergeltung zu!" Der Mann ist aber, bis Wiltraud sich recht besinnt, ver- schwnnden. „Da schau— was Dir Deine Freund' für a schöne Grabschrist g'macht haben. Da brauchst jetzt denkerst kci Kreuz mehr, dös kannst Dir sparen," sagt die Gruberin mit überströmender Bosheit. „I Hab' keine Freund', die mit Habcrkränz' umgehen. Wann's aber auch Haberer sind, ua sind's wenigstens Leut', die 's Andenken vom a armen braven Mann in Ehren halten und seine Kinder nit schinden!" Die Gruberin muß ihr die Autwort schuldig bleiben, denn jetzt darf sich die große Glocke mit recht hören lassen. Es läutet ins Amt. Liesey sprengt noch Weihwasser auf das Grab und beide Mädchen beten ein letztes Vaterunser. Dann nimmt Lisey Wiltraud an der Hand und zieht sie sauft mit fort, der Kirche zu. Die Gruberin läuft voraus— sie will um keinen Preis mit„so einer" zusammen in die Kirche kommen.— Beim Weihbrunnen trifft sie die Pfarrersköchin:„O Fräulein Luis'," raunt sie ihr zu,„ich hab'n Sack voll Neuigkeiten." »Ja, Frau Gruber," kommen j' nur heut Nachmittag und erzählen s' mir alles." Sie treten ins Gotteshaus. Die Gruberin überläuft ein Schauder, als habe sie den Gottseibeiuns gesehen. Der Fremde steht ganz hinten unter dem Chor und schaut sie mit, wie es ihr vorkommt, funkelnden Augen au. „Jesus!" denkt sie bei sich.„Das wird a Wohlthat sein, wann den«'»> Handwerk g'legt wird!" Aber auch Wiltraud bemerkt einige Minuten später das fremde Gesicht. Es ist heute ein Zudrang zur Kirche, wie seit Menschen- gedenken nicht.— Von nah und fern kommen die Leute zu Fuß und zu Wagen und beim Hochbrän reicht der Gaststall nicht mehr aus, so viel fremde Fuhrwerke sind da.— Im ganzen Bezirk ist's herum, daß heute dem Habererunwesen ein End' g'macht wird, und der Triumph aller, die Ursache haben, das Habergericht zu fürchten, die schon von ihm betroffen oder bedroht sind, ist nngemesseu.— Heute hat der Hochbräu einen großen Tag— eine Einkehr, wie noch keine erlebt war, und lauter fidele Leut'— denn Schadenfreud' ist doch die schönste Freud'! Aber auch an finsteren Mienen und unheimlichen Ge- stalten mit drohender Haltung fehlt es nicht. Diese gehen nicht ins Bräuhaus— sondern stehen rottenwcis an den Straßenecken zusammen und blicken in trotzigem Schweigen vor sich hin. „Dös sau ein'— dös san ei'!" zischeln die Leute im Vorbeigehen spöttisch. „Lacht nur uit z' fruah! Mir sind noch nit so weit!" murmeln ihnen die andern zwischen den Zähnen nach. So drängt sich Freund und Feind beim ersten Glockenruf zu dichten Haufen in die Kirche herein. Alle Bänke sind überfüllt,— auf dem Steinboden knien die Leute, Knie an Knie. Die Treppen, die zum Chor führen, sind gesteckt voll bis oben hinauf.— Der Meßner und ein paar Kirchen- Vorsteher sollen die Stiegen säubern, weil es gefährlich ist, wenn zuviel Menschen drauf sind. Aber die Fremden thun grad, als verständen sie kein Deutsch, und wie die Herren es versuchen, sie anzufassen und mit Gewalt herunterzuziehen, stecken sie die Hände in die Hosentaschen und thun garnichts als— feststehen! „Dös ist eine g'fährliche G'sellfchast bei'nander," sagt der Mesner.„Da ist nit gut anbinden!" „Laßt man's heut noch gehen— nachher ist's doch vorbei mit ihrer Macht!" trösten sich die Herren und ziehen sich zurück. Und immer neue drängen herein, es ist trotz der Jahres- zeit eine Schwüle znni Ersticken, und schivül ist die ganze Stimmung.— Sogar den Schadenfrohen vergeht vor lauter Jast und Enge das Lachen. (Fortsehuug folgt.) Fim letzkev Aus dem Englischen von Hugo P ö tz s ch. „Hast Du Sam geweckt?" „Ja! Aber ich höre ihn noch nicht aufstehen", antwortete Fran Carler ihrem Manne, während sie das kleine Zimmer, in dem sie eben ihren Thee getrunken, verließ. Sie ging bis zum Fuße einer schmalen Treppe und rief: k»Sam! Sam! Es ist Zeit anfzustehen." „Gut, Mutter!" antwortete oben eine Stimme, die in einem kurzen, trocknen Huste» erstarb. „Welch schrecklichen Husten der arme Junge hat", sagte seine Mutler, als sie wieder ins Zimmer zurückkehrte. „Ja, und's ist auch kein Wunder," meinte ihr Mann.„Er ist so oft naß geworden die letzte Zeit, und in seine zerrissenen Schuhe dringt das Wasser. Wir müsse» sehen, ob wir ihm nicht heute noch ein Paar kaufen." „Sain ist nicht der Einzige, der Schuhiverk nöthig hat," be- merkte die Frau, einen bezeichnenden Blick ans die Stiefeln ihres Mannes werfend, welche dieser sich eben anzog.„Und da ist Jimmy und Sally, die auch neue Schuhe brauchen, und Sally braucht einen neuen siiock. Das arme Kind geht beinahe in Lumpe». Ich habe geflickt, so lange es ging, bis die Flicken nicht mehr an einander halten wollten, und mein Herz thnt mir weh, wenn ich sie so zur Schule gehen lassen muß, und sie zittert vor Kälte, das arme Ding. Ich iveiß nicht, wie ich mich anders einrichten soll. Wenn ich die nothivendigcn Lebensmittel eingekauft und die Feuerung und d.e Mielhe bezahlt habe, dann bleibt nichts mehr übrig für Schuhzeug oder Kleidung oder sonst etwas." Der Mann seufzte und schwieg. Es war die alte Geschichte, die ihn durch sei» ganzes Leben verfolgt: Endlose Armuth. Er stand auf. durchschritt das Zimmer, als wollte er hinausgehe»; dann drehte er sich um, und blickte sein Weib an, als ob er etwas sagen wollte. Aber er schwieg; er ging zum Kamin, stützte seinen Ellenbogen auf dem Sims und starrte in das Feuer. „Was ist Dir, Jim? Du bist so niedergeschlagen diesen Morgen," fragte die Frau. Ter Mann gab keine Antivort, als aber ein junger Bursche von etwa IC Jahren eintrat, wandte er sich an diesen: „Beeile Dich Sam, es ist bald sieben Uhr und es wird Zeit, daß wir gehen." Sam trank in Eile seine Tasse Thee und aß ei» Stück Butter« brod, das die Mutter ihm vorgesetzt, und die beiden gingen. Es war ein kalter, nebliger Morgen, die Luft voll feuchten Rauches, der sich auf sie herniedersenkte und sie durchfeuchtete mit jener eisigen, erstarrenden Klebrigkeit des Londoner Nebels. Das Pflaster der Straße», die sie zu passiren hatten, war schlüpfrig und schmutzig. Das Gehen unangenehm und schwer. Eine Zeit lang gingen sie schweigend»eben einander her, so schnell der schlechte Weg es ihnen gestattete. Nur die Hustenansälle des jungen Mannes unterbrachen dann und wann da? düstere Schweigen. „Du hast doch zu Hause nichts gesagt davon?" fragte der Vater endlich. „Nein!" antwortete der junge Mann.„Hast Du von etwas erfahren?" „Nein!" Und beide schritten weiter, ohne zu sprechen. Jim Carters Herz war schwer, seine Gedanken düster, als er an der Seite seines Sohnes durch die äußeren Bezirke des südlichen London dahin schritt, an Castle vorüber, hinunter nach Blacksriars Sioad, und sich dem mächtigen Strom der Arbeiter anschloß, die von dem Läuten der Fabrikglocken gerufen und angetrieben, in unimter- brochenen Reihen dahineilte», ihren Arbeitsstätten zu. Und er halte Ursache, niedergeschlagen zu sein. Es mar heute fein letzter Tag bei Ellis u. Spriggs. Er hatte dort gearbeitet, als Jüngling und Mann fünfunddreipig Jahre lang, und jetzt hatte» sie jedensalls gedacht, er sei zu alt für ihre Arbeit. Vor einem Monate war ihm gesagt worden, daß er sich lieber nach einem anderen Platz umsehen möge, sie brauchten seine Dienste nicht länger; da er aber so lange bei ihnen in Stellung gewesen, so wollten sie ihn nicht fortschicken, ohne ihm Gelegenheit gegeben zu haben, einen anderen Herrn zu finden. So viel Rücksicht! Und Jim war dankbar dafür; er wußte wohl, nur wenige Prinzipale hätten so gütig gehandelt. Freilich, genutzt hatte es ihm herzlich wenig. Tag für Tag, Woche für Woche hatte er nach einer anderen Anstellung gesucht. Er hatte sich bei seinen Bekannten erkundigt, er hat seine Arbeitskraft in den Zeitungen feilgeboten und war nach den Inseraten in den Blätter» gerannt. Es war alles umsonst gewesen. Für jede freie Stelle, für die er sich meldete, waren hunderte von Bewerbern vor- hande», jüngere, als er. Gerade die lange Beschäftigung bei Ellis und Spriggs sprach gegen ihn. Die Ellis n. Spriggs gehörten nicht zu denen, die einen fleißigen, ehrlichen und geschickten Arbeiter e»l- lassen, wenn er ihnen noch einen Nutzen bringen kann. So war der Monat zu Ende gegangen, und au» Freitag hatte der Werkführer ihm gesagt, daß der nächste Tag der letzte für ihn sein werde bei Ellis n. Spriggs. Es war, als wenn der Henker ihm angekündigt hätte, daß morgen der Tag seiner Exekution sei. Er hatte den alten Ellis— so nannte man jetzt den Chef der Firma— gekannt, so lange er zurückdenken konnte. Es waren damals, als Jack ElliS feine Stellung verließ, um Geschäfte ans eigene Hand zn machen, allerhand lomische Gerüchte im Umlauf gewesen über die Art, wie Herr Ellis zu dem nölhigen Gelde gelangt sei. Etivas Genanes wußte man nicht, und Jini hatte sich nicht darum gekümmert. Ellis aber war jedensalls schlau genug gewesen, die guten Eigenschaften des jungen Jim zu erkennen und er hatte ihn beredet, init ihm zn kommen, und er bot ihm eine» Schilling Extralohn für die Woche. Das ivar vor nun fünf und dreißig Jahre» gewesen, und gar vieles hatte sich seitdem geändert. Wer hätte wohl damals geglaubt, daß der kleine enge Laden des Herrn Jack Ellis, in den, Jim seine einzige Hilfe war, sich z» der Wcllfirma von Ellis n. Spriggs in der St. Pauls Churchyard aus- rvachse» ivürde? Ja, Jack Ellis hatte Glück gehabt im Leben; er war ein ge- machter Mann. Und doch, er hatte weder besondere Kenntnisse, noch rvar er etwa von großer Herzensgüte. Im Gegentheil, er war bekannt als ein grober, unwissender Patron und von der Arbeit hatte er sich möglichst zurückgehalten. So hatte man ihm allgemein eine nahe Pleite prophezeit, als er sein Geschäft begann. Aber er verfügte über einen geivisfe» geschäftliche» Spürsinn, der ihn in den Stand setzte, die Werkzeuge seines Erfolges zu erkennen n»b zu gc- brauche». Er ivar nicht zu bequem, darauf zn sehen, daß diejenige», die er beschäftigte, ihren Lohn auch vollauf verdiente». Und so hatte er anch den Jim Carter sich ausgesucht.(Schluß folgt.) Vlemes Feuillekon — Tic Verbreitung der Bibel. Das„Mac Clure Magazine" theilt einige interessante Ziffern über die Verbreitung der Bibel mit. Die englische Bibelgesellschaft hat seit dem Jahre 1808 163 840 230 Exemplare in Umlauf gebracht. Diese kolossale Zahl von Büchern wird hauptsächlich in drei Orten gedruckt: i» Oxford, Cambridge und in der„Druckerei der Königin". Die Oxforder Druckereien drucken Bibeln seit drei Jahrhunderten; die erste datirt von 1569. Man kann in dieser leistungsfähigen Anstalt die Bibel in jeder Sprache, alt oder»e», setzen; persische, sanskrit, chinesische, hebräische Bibeln gehören zum Tagesgebrauch, aber vor den selteneren Dialekten schreckt man um deswillen nicht zurück. Die Bibel wird in dieser Druckerei in dreihundertundzwanzig verschiedenen Sprachen hergestellt. In den Schaukästen der Bibelgesellschaft wird mancher merkwürdige Band der Bibel ausbewahrt, so z. B. eine in Genf 1560 gedruckte Bibel, die den Satz enthält, daß Adam und Eva sich daran begaben, Feigenblätter zusammenzunähen, um daraus Hosen zu machen;„In biblo des culottes' ist daher der alte historische Name dieser Genfer Bibel. Noch merkwürdiger ist ein anderes Exemplar im Besitze der Bibelgesellschaft, das im Jahre 1632 gedruckt, die Worte enthält:„Tu sollst ehebrechen", die Negation ist im Setzkaste» wahrscheinlich stecken geblieben! Der unglückliche Setzer, der diese Bibel in Umlauf brachte, hatte 1000 M. Buße zu zahle».— Diese Bibeln werden von de»„wilden" Völkern auch sehr gern genommen; sie kosten ja nichts. Freilich wunder» sich dann die Missionäre, wen» sie nach einiger Zeit wiederkommen, welche hunderterlei Verwendung das schöne, gute Papier, auf das der Bibeltexl gedruckt war, in der Zwischenzeit gefunden.— ' Infolge des ungehcnreu Bedarfes au Guttapercha sind die tropischen Iscmanara gutta, die diesen Saft liefern, dem Ver- schwinden nahe. Man hat aber zwei neue Banmarten gefunden, welche die Guttapercha liefern. Am Nigerstrome zwischen dem oberen Senegal und dem Nil ist ein hochstämmiger Banm, der Bntyro-Parker, von den Eingeborenen Karö genannt, gefunden worden, welcher dem Ansehen und den Eigenschaften»ach eine gleich treffliche Guttapercha liefert und leicht ausbeutbar ist. In Guyana und im Norden Südamerikas ist auch ein Baum in der Ausbeutung begriffen: Bullet-Tree ist sei» wissenschaftlicher, Balata sein ge« wöhnlicher Name. Sei» dicker Saft ist thenrer als die Guttapercha, aber er ist auch iveicher in der gewöhnlichen Temperatur, wie weniger zerbrechlich unter dem Einflüsse der Kälte.-- Theater. — Im F r i e d r i ch W i l h e l m st ä d t i s ch e n Theater ist am Dienstag ein Stück aufgeführt worden, das bergehoch über dem wüsten Premierenschund steht, der in den letzten Monaten in diesem Kunstinstilut geschäftsmäßig ausgeboten wurde.„Kaiu's Tod". Drama in einem Akt, von Martin Weg euer, handelt vom Menschheitsproblem, das die Denker aller Zeiten zn lösen ver» sucht haben. Der Dichter führt Byron auf die Bühne, wie er den „Kain" vollendet hat und nun vergeblich nach Antworten auf seine Fragen nach den Zielen der Menschheit ringt. Da erscheint die weibliche Hanptgestalt seiner eigenen Dichtung. Adah, Kaiu's Weib, und zeigt ihm im Tranmbilde den versöhnenden Schluß des� Menschheitsdramas. Kain, der herrisch-stolze Träger des Wissens und der Macht der Welt verschmäht den Trank der Ver- jüngung, den er Jahrtausende hindurch aus der Hand seines Be> gleilers Lncifer genommen hat; er sehnt den Tod herbei. Im harten Ringen mit seinem Begleiter findet Kain das Wort, das ihm Erlösung bringt; er zeiht den Geist der Selbstsucht der ewigen Lüge. Zwar setzt der Gipfel des Erkennens seinem Wirken ein Ende, aber den Sterbenden tröstet Adah als Genius der Dichtkunst; die Verstoßene führt ihm auch Abel entgegen, de» einfachen Arbeits- mann, der seinem Mörder versöhnend die Hand reicht. In Byron, dem der neuen Zeit entgegen strebenden Dichter und Denker erkennt Kain seinen Sohn Enoch wieder; der Träger des alten Weltgehaltes sinkt ins Grab, ausgesöhnt mit den neuen Zielen der Menschheit. Dem Dichter sei es zu gute gehalten, daß er sich die Lösung der sozialen Frage gar zu idyllisch einsach vorstellt; ein Mann, der viel- leicht auch ein wenig davon verstand, hat schon vor hundert Jahren kaustisch bemerkt, daß die große Krankheit sich nicht einfach durch Rosenöl und Moschus heilen lasse. Aber als Dichtwerk ist„Kains' Tod" anerkennenswerth. Die Darstellung stand natürlich nicht auf der töhe. Byron, Kain und Adah wurden von den Herren Tichy und auer sowie von Fräulein Grieprecht brav gespielt; unter aller Kritik waren die Herren Eißseldt und Hartberg als Darsteller des Lncifer nud des Abel.— — D i e erste Lesung. Sobald ein neues Stück im Bureau des„ T h e a t r e Frangais" eingelaufen ist, wird es ohne Ver- zng den beiden Lektoren Paul Perret und Ed. Cadol übergeben. Wird es schon in dieser Instanz für unmöglich erklärt, so erhält es der'Autor sofort zurück. Andernfalls geht das Manuskript mit einem Berichte an den Direktor, Herrn Claretie, der sich mit den Herren der höhere» Prüfungskommission in Verbindung setzt. Bald darauf erhält der Verfasser eine höfliche Einladung, sich zu einer bestimmten Stunde im Hause Moliere's einzufinden,»m sein •toliick vorzulesen. Natürlich findet sich der Autor stets um eine Stunde früher ein. Er nimmt zunächst in einem Wartezimmer Platz und drückt sein Manuskript krampfhaft an sich. Die schönen Schauspielerinne», die auf dein Wege zur Probe das Wartezimmer durchschreiten, sehen ihn verstohlen an und flüstern einander mit- leidig zu:„C'est un auteur!" Selbst die ihm befreundeten Schau- spieler thun, als ob sie ihn nicht sehen, und drücken sich an ihm vor- über, denn sie wissen, daß von zehn Dramatikern neun schon bei der Leseprobe verunglücke». Endlich wird der Harrende von einem Herrn in Schwarz erlöst, der ihn in das Arbeitszimmer des Herrn Claretie führt. Der liebenswürdige Direktor spricht ihm Trost zn.„Wir erhalten so viele Stücke", pflegt er bei solchen Anlässen zn bemerken,„daß es Sie nicht wundern darf, wenn Ihr Werk nicht angenommen wird. Aber lassen Sie den Muth nicht sinken." Nach diesem zweifelhaften Tröste wird der Autor in die Lesehalle, einen imposanten, mit großen Gemälden und Büsten ausgeschmückten Saal, geleitet, in dessen Mitte ihm ein mächtiger grüner Tisch entgegengrinst. Am Haupt des Tisches er- hebt sich ein kleines Pult, vor dem der Dichter Platz nimmt. An seiner Seite läßt sich M. Claretie nieder und rund um den Tisch die Herren Sozieläre mit vollem Antheil MM. Mounet-Sully, Worms, de Feraudy, Leloir, Le Bargy, Silvain, Prudhon, Boucher, Baillcl. Der Autor fängt nnl vibrirender Stimme an zu lesen, während der Direktor mit verschränkten Armen zn- hört, und all die glattrasirten Scharfrichter Notizen machen oder einander leise Bemerkungen zuflüstern. Nach dem ersten Akte hält der Aermsle inne und trinkt einen Schluck von dem vor ihm stehenden Kognak, den das Theater zum besten giebt. Dabei wirft er einen verstohlenen Blick ans seine Peiniger, die kühl und theil- nahmslos dasitzen, und fährt dann mit einem tiescn Seufzer fort. Nach Schluß der Vorlesung wird er in das Kabinet des Direktors zurückgeführt, während die Kommission zur Abstimmung schreitet. Diese geschieht entweder geheim oder durch Er- heben der Hände. Inzwischen wischt sich der vollständig zusammen- gebrochene Autor den kalten Schweiß von der Stirne. Endlich hört er den Direktor, der sein Schicksal in Händen hat, herannahe». Schon an seiner Miene kann er sehen, woran er ist. Ist das Stück angenommen, so kommt M. Claretie strahlenden Antlitzes herein, schüttelt die Hände des Verfassers und sagt:„Ich gratulire Ihnen." Hat die Kommission„Nein" gesagt, so setzt er eine Miene tiefsten schmerzlichen Mitgefühls aus und erfaßt schweigend die Hände des Abgewi-seNen, dessen Gesicht mit einem Male leichenfahl wird. Nur n>c»ige Anserwählte, wie Sardvn. Pailleron. entgehen dieser qnal- vollen Prozedur; bei ihnen ist die erste Lesung eine bloße For- malität. und die Annahme des Stückes schon im Vorhinein außer Frage.— Erziehung und Unterricht. z. Und der Platz fand s i ch d o ch! Wie stark im rnssi- scheu Volk das Bedürfniß nach Bildung ist, das läßt sich an folgen- dem Borkommniß ermessen: Im Torfe Solnizy des Gouvernements Tschernigmv führte ein Bauer seinen Jungen in die Schule. Der Lehrer sagte ihm mit Bedauern:„Man kann ihn nicht aufnehmen, Brüderchen, es giebt keinen Platz mehr." Der Bauer tvars einen prüfenden Blick in das Schulzimmer: Wirklich! Die Strnwelpeterköpse wogte» in dichter Menge hinter ihren Bänken.„Hm!" machte der Bauer, er nahm seinen Knaben bei der Hand und ging fort. Tags darauf erschien er wieder— und wieder mit seinem Jungen. Der Lehrer wird böse:„Aber ich Hab' Dir doch gesagt, daß es keinen Platz mehr giebt!"„So... hm!... Aber ich Hab' doch einen Platz gefunden," erklärte der Bauer feierlich nud verschwindet hinter der Thür. Nach einer halben Minute bringt er eine kleine, selbstverfertigte Bank herein, stellt sie neben«ine der Klasseubäuke hin und sagt:„Da hock mal her. mein Junge, da hast'n Platz!"— Und der Knabe blieb da. die':» Tag und alle die anderen.— Aus dm Thierlebe». — Ein diebischer Fuchs. In seinem Werke„In Nacht und Eis"(Leipzig. F. A. Brockhaus) erzählt Nausen aus der Zeit, als er auf der kleinen Insel„Witnam Land" mit seinem Ge- fährten Johanseu«inenWinter verbrachte, unter anderem auch folgendes: „Jener Fuchs spielte uns viele Streichs; was er fortbewegen kann, schleppt er weg. Einmal hatte er schon das Band durchgenagt, mit dem das Fell vor der Thür befestigt ist, und hin und wieder hören wir ihn wieder an dieser Arbeil; wir müssen hinausgehen und an das Dach des Eingangs klopsen. Heute hat er eins unserer Segel fortgeschleppt, in welchem unser Salzwasjereis lag. Wir waren nicht wenig erschreckt, als wir Eis holen nwllten und das Segel sammt allem fort war. Wir waren nicht im Zweifel, wer dagewesen war, konnten aber unter keinen Umständen unser kostbares Segel aufgeben, von welchem unsere Fahrt nach Spitzbergen im Frühjahr abhing. Wir forschten daher in der Dunkelheit danach aus der Geröllhaide, auf der Ebene und nach der See hinab. Wir suchten überall, aber nichts>var davon zu sehen. Wir hatten es schließlich fast aufgegeben, und Johausen ivnr hiliabgegange», um anderes Salzwassereis zu hole», da fand er das Segel am Strande. Unsere Freude ivar groß. Wunderbar war aber, daß der Fuchs das große Segel, das noch dazu voll Eis war, soweit hatte tragen können. Auf dem Wege abwärts hatte sich das Segel geöffnet, worauf er nichts mehr damit hatte anfangen können. Aber was will er mit solchen Dingen? Will er in seinem Wiuterban darauf liegen? Man sollte es fast meinen. Ich wünschte nur, ich könnte seine» Bau finden und das Thermometer wieder bekommen, sowie das Knäuel Segelgar» und die Harpunenleine ,ind all' die andere» kost- baren Dinge, die es gestohlen hat, das Vieh!"— Technisches. — A u t o in a t i s ch e T e l e p h o» c. In Skandinavien erfreut sich der Fernsprecher einer ganz besonderen Gunst des Publikums; und so hat die außerordentliche Inanspruchnahme der Apparate hier zu Einrichtungen geführt, die als vorbildlich bezeichnet werden könnten. Unter anderen sind in Christiania, wie„Die Tecknil" milthcilt, öffentliche Fernsprcchstellen eingerichtet, die für jedermann ohne weiteres zugänglich sind; die freistehenden, geschmackvoll ein- gerichteten Kioske enthalten selbstkafsireude Telephonapparale, die beim Einwurf eincS entsprechenden Geldstückes den Zlnruf-Jnduktor einschalten und das Amt anzurufen ermöglichen. Nach Beendigung des Gesprächs versetzt der Beamte mittels eines Stromes, den er von der Station aus nach dem Kiosk sendet, das automatische Telephon iu den Nnsangszustand. Ein Stadtgespräch von solch eiuer öffeut- licheu Fernsprechstelle aus kostet 16 Oere— 18 Pf.— Humoristisches. — Mo d ern e Pharmakologie. Eine lustige Satire über die iu der neueren Pharmakologie gebräuchlichen, ellenlange» Bezeichnungen von Medikamenten bringt ein englisches Blatt, welches einen jungen Arzt Folgendes erzählen läßt:„Ich wurde jüngst zu einem Patienten geruse», Namens Djoahnne Sidleo- metzhler. Sonderbare, mir bis jetzt unbekannte Symptome brachten mich im ersten Augenblick ans die Vermulhung, Patient hätte seinen eigenen Namen verschluckt; eine genauere Unter- suchuug belehrte mich jedoch eines besseren, und ich stellte die Diagnose aus Typhomalariopneumophthisicotrichinotetanoataxio- phreticosphenisie. Da ich die krankheitserregenden Bacillen bald erkannte, war auch die Behandlung von selbst gegeben und ich ver- schrieb Betanaphtholalphamonosulphat, kombiuirt mit Salicyl- aldehydmetylphenilhydrazin. Gegen die Schlaslosigkeit wurde Trichloraldehydphenildimetylpyrazolen verordnet. Die Frau des Patienten fragte mich, von welchem Uebel er befallen sei, und als ich ibr kurz den Namen der Krankheit nannte, sagte sie„Yen!" und wurde dabei ganz bleich. Als ich den nächsten Tag den Kranken untersuchte, fand ich, daß sein Leiden den vorzüglichen Medikamenten Stand gehalten hatte, und daher verschrieb ich ein neues Rezept, nnd zioar: Tbotra. Iiydrobetenaplitolarnni..... 4 gr. Thioparatoluidinsulphonat....... 6 gr. Aeid. orthosnlpbarnidobeng. anh.... 3 gr. Arnido acetopara phenitidini..... 1,5 gr. Jede Sluude einen Eßlöffel. Als der Apotheker das Rezept zu Ende gelesen halte, fiel er in «ine lange Ohnmacht. Das Befinden des Patienten ist leidlich, es scheint jedoch irgend etwas im Sprachzentrum in Unordnung zn sei»; er murmelt immer etwas vor sich hin, und zwar in einer viel- silbigen Sprache, die nur dem modernen Pharmako- Chemiker ver- ständlich ist.— Vermischtes vom Tage. — I» Friedewald bei Kolberg hat Einer seinen Bruder mit einem Hackenstiele erschlagen.— — In R o st o ck wurde eine Witlwe, während sie in der Nacht in einem Holzlager mit einem Schuhmann zusammen war, von einem Stoß Bretter erschlagen. Der Schutzmann ist verheirathet und Familienvater. Er wurde vom Dienste snspendirt. Die Witlwe hinterläßt mehrere Kinder.— — In S t r a n p i tz im Riesengebirge haben die Patrioten nicht blos eine Zentenarfeier abgehalten, sie haben auch darüber im Jnserateutheil eines Blattes einen Festbericht veröffentlicht. Der Schluß des Cantus lautet: „Wir waren beisammen bis Morgens früh, Da haben wir gezecht nnd gesungen, Ich glaube, die Hnnderljahrseier ist sonst wohl nie So gut wie die nns're gelungen."— — Frommer Industriezweig. Im Jnseratentheil des „Wupperlhaler Bolksblatl" findet sich folgende Anpreisung:„Direkt unter Garantie aus Palästina bezogen, gefertigt ans eiuer bei Jerusalem vorkouiuieuden Doruenart, aus der die Dornenkrone unseres Heilands geflochten war, versendet in 2 Größen: 1. Größe 1,80 M.; 2. Größe 2,50 M.; frei ins Haus." — Nach einer Meldung des Herrn Dr. Bnjakowsky-Charlotten- brunn liegt iu Sophienau(Schlesien) kein Fall von schwarzen, sondern von modifizirlen Blattern(Variolois) vor.— — Fünf Tage ohne Wohnung und Unterkunflsstelle ist i» S traß bürg zu Monatsansaug eine Familie umhergeirrt; ihre Möbel standen auf freier Straße.— — Eine zwölfhundertjährige Eiche befindet sich im Bamberger Lande am Fuße des Geisberges bei Geisfeld(Hanplsmoorwald). Der mindestens 1200 Jahre alle Banm hat eine Stammlänge von 22 Meier nnd einen durchschnittlichei« Umfang von 7 Meter.— — Die Tochter des Wiener Abgeordneten Dr. Kronawelter wurde an der niederösterreichischen Grenze in Kreuzstetten auf» gefunden.— — E i n K r e» z e r« F r e n n d läßt seine Stimme in einem deiitsch-amerikanischen Blatte vernehmen. Zu dem Beschluß des Reichstags, der die beiden Kreuzer verweigerte, sagt er:„Daß die Reichslagsbummler das(daß die Handelsflotte geschützt werden muß) nicht einsehen können, kennzeichnet sie als politische Kinds» köpfe, die durch ihr Treiben alle Freunde Deutschlands mit einem Gemisch von Zorn nnd Verachtung erfüllen.— — In R e i s n i g(Untersteiermark) hat am 5. April ein Erd- bebe» stattgesunde».— — I» M i s k o l c z(Ungarn) wurden sieben Franc» verhaftet. Sie sollen Mitglieder einer Giflmischerbande sein. Bisher sind 23 Verbrechen ermittelt, die den Verhasteten zur Last gelegt werden.— — Ii» Dorfe V e t t l a ch(Kanton Solothur«) versuchte eine ganze Familie Selbstmord durch Ausstellen eines mit glühenden Kohlen gefüllten Beckens in dem von 6 Personen bewohnten Zimmer. Die Mutter nnd die vier Kinder wurden durch die Gase getödtet; der Vater hat sich wieder erholt nnd befindet sich außer Gefahr.— — Seine eigene 17 jährige Tochter, deren Lebenswandel ihm nicht gefiel, erschoß in Paris ein Tischler. Dann jagte er sich selbst zivci Kugeln in den Kopf.— — Aus dem Museo del Prado zu Madrid wurde ein von Murillo herrührender Karton, den Unterricht der kleinen Maria durch ihre Mutter Anna darstellend, gestohlen.— — I» einer Fabrik für Fcnerwerkskörper bei Lissabon wurden durch eine Explosion 20 Personen gelödtet und viele ver- wundet.— — Das Ueberschwen, mungsgebiet in Nordamerika ist 800(englisch«) Meilen lang und 5—40 Meilen breit. 60 000 Personen haben ihr Eigenthum verloren, 50 Städte und Dörfer stehen unter Wasser.—, — Wie jetzt bekannt wird, wurden Milte Januar auf Reu- Guinea ein englischer Regierungsbevollinäcdtigter. 5 Goldgräber, S schwarze Polizeisoldaten uiid 30 schwarze Träger von den Ein- geborenen niedergemacht. Es Handelle sich um Streitigkeiten ivegen ver Goldfelder.—_ Beranlivortllcher Revatteur: Augnst Jacobcy in Berlin. Druck und«erlag von Max Babing in Berlin.