Unterhallungsblatt des Ionvärts Nr. 71. Freitag, den 9. April. 1897. (Nachdruck verboten.) 7i Ein sttev Skrvik. Roman aus dem bayerischen Volksleben der sechziger Jahre von W i l h e l m i n e v. H i l l e r n. Die Mnsik ist heute extra schön. Das Kyrie und Gloria sind vorüber, aber niemand hört d'rauf.— Die Kirchthüren mußten offen bleiben, weil man die Menge, die sich darunter staute, weder herein noch heraus schieben konnte. Jetzt endlich ist der Moment gekommen, Ivo der Geistliche auf die Kanzel steigt.— Wie eine heiße Wolke umfangen ihn da oben die aussteigenden Dünste der eingekeilten Maffcu. Auch ihm glüht der Kopf und die Aufregung zwingt ihn doch, ein paar Sekunden Athcni zu schöpfen. Seil tausend Jahren ist er der erste, der au dieser Stelle das Veto der höchsten Ge- malt gegen Gewalten einlegen soll, die so lang mit dem Schein eines alten Rechts ihren Terrorismus geübt, durch nichts ein- geschränkt als den angeborenen braven und rechtlichen Sinn des bayerischen Volks.— Was daraus wird, wenn an stelle dieser freiwilligen Beschränkung, die sich ja bei den Leuten nicht absprechen läßt, plötzlich eine Beschränkung von a n ß e u tritt? Ob unter der aufgedrungenen äußeren Disziplin nicht die bisher geübte Selbstdisziplin verloren geht? Es ist einmal ein Kampf, der heraufbeschworen wird, und nieniand kann sagen, ob die Gewalten unterdrückt oder erst recht entfesselt werden. Ter Pfarrer ist sich der Ver- antwortuug eines solchen Schrittes voll bewußt— aber diese Verantwortung trifft ja nicht ihn— sondern seine Obern. Er ist der Diener, der nur zu gehorchen hat,— und so kann er sich ungetrübt dem Gefühl von Ueberlegenheit hingeben, welches die Macht ohne Seb st Verantwortung dem Diener verleiht.— Er kniet nieder und verrichtet das Gebet. Dann tritt er an den Rand der Kanzel vor. Da steht er eine Weile still— den Bogen der Erwartung zum Zerreißen spannend. Aller Augen sind der Kanzel zu- gewendet. Er aber steht unbeweglich und schaut unverrückt nach einer Stelle hin. Es sind die fremden Gestalten, die sich so gewaltthätig auf der Treppe zum Chor postirt.— Diese fixirr er mit einem langen scharfen Blick, und sie erwidern diesen Blick mit der ganzen zähen Hartnäckigkeit ihres Volks- schlags:„Wcr's am längsten ausholt!'— Der Pfarrer kann's nicht so laug aushallen, denn er muß den Hirtenbrief verlesen. Der Kampf beginnt. Wie ein Fcldmarschall nach dem ersten abgeschlagenen Angriff das Gros seiner Streitkräfte entfaltet— so entfaltet nun der Streiter da oben das Blatt, welches die schwerste Waffe in den Händen der Kirche, den Bannspruch, enthält.— Mau hört das Rauschen und Knistern des Papiers von den Wölbungen wicderhallen wie den Flügelschlag eines Ver- hängniffes. Vor tausend Jahren, würde die Gemeinde wie zerschmettert auf ihr Antlitz niedergesunken sein vor diesem Flügelschlag— aber heute? Tie einen Schadenfreude, die andern Trotz im Herzen— das ist das Publikum, was heute zuhört,— der Brief kommt um tausend Jahre zu spät! „Wer bist Tu, der Tu einen fremden Knecht richtest? Er steht und fällt seineni Herrn!" beginnt der Pfarrer mit der Miene des allein berufenen Richters.„An diese Worte des Evangeliums anknüpfend, hat sich unser hoch- würdigster Oberhirt, der Herr Erzbischof Gregorius, schon vor drei Jahren des näheren in einem Hirtenbriefe aus- gesprochen, der danials nur eine liebevolle Verwarnung enthielt — und leider erfolglos blieb.— In jenem, wie uns scheint, längst vergessenen Schreiben hieß es weiter: Unmöglich kann ein Aergerniß durch ein anderes Aergcruiß aufgehoben, eine Sünde durch eine andere wieder gut gemacht werden. Das aber wollen diejenigen thun, welche an dem Frevel des sogenannten Haberfeldtreibens sich betheiligen. Rücksichtslos und unbe- kümmert um die Folgen stören sie die nächtliche Ruhe ihrer Umgebung. Durch wildes Toben und Lärmen verletzen sie das Rechts- und Sittlichkeitsgefühl von Alt und Jung, ärgern und verführen sie die Unschuld durch Ablesen unflätiger Lieder und Sprüche und bringen Menschen in die schreckliche Gefahr, sogar ein Meineidiger oder auch ein Mörder zu werden, um sich dadurch der verdienten Strafe zu entziehen. Die Erfahrung bestätigt dies in traurigster Weise, das ruchlose Treiben besteht fort, und so folgt denn der srnchrlosen Ver- Mahnung von vor drei Jahren das heutige Schreiben, welches icy hienut zu Eurer Kenntniß zu bringen den hohen Auftrag habe."— Er liest: „Wir Gregorius, durch Gottes Barmherzigkeit und des heiligen apostolischen Stuhles Guade, Erzbischof von München-Freising:c.:c. entbieten"— folgen die üblichen Prämilinarien. „Zu Unserm tiefsten Schmerze mußten Wir es erleben, daß Unser oft und eindringlich gegen den argen, öffent- lichcn Frevel des Haberfeldtreibens erhobenes, oberhirtliches Wort von einem, wenn auch nur kleinen, Theile der Be- völkernng Unserer Erzdiöcese hartnäckig überhört oder geradezu verachtet wird. „Wir sehen Uns darum genöthigt. Unseren Mund neuer- dings zu lauter Klage über ein Verbrechen zu öffnen, das, indem es nicht nur Zucht uud Ehrbarkeit verletzt und Eigen- thum und Leben bedroht, sondern auch im hartnäckigen Trotze gegen die von Gott gesetzte Obrigkeit sich auflehnt und ins- besondere den fortwährend erneuerten Mahnungen und Bitten des Oberhirtcn beharrlichen Ungehorsam öffentlich entgegensetzt, die Grundpfeiler der christlichen Gesellschaft anzugreifen sich erdreistet. „Wir beklagen es namentlich aufs tiefste, daß christliche Eltern ihre kaum deni Knabenalter entwachsenen Söhne von einem Unfnge so schmählicher und verderblicher Art zurück- zuhalten entweder nicht die 5krast oder gar nicht einmal den Willen mehr haben. „Nachdem Wir nun aber durch Unsre Hirtenworte vom 8. November 1863, durch Unsre Ordinatserlaffe vom LS. No- vember 1864 und 16. Februar 1866 in Ermahnungen und Warnungen Uns erschöpft, und in dem letztgenannten Ans- schreiben auch bereits den größeren Kirchenbann allen Anstiftern und Theilnehmcrn genannten Frevels angedroht haben, so dürfen wir nicht länger mehr säumen, von der Uns von Gott verliehenen geistlichen Strasgewalt den nothgcdrungenen Ge- brauch zu machen.* „Im Namen des dreieinigen Gottes des Vaters, des Sohnes uud des heiligen Geistes, und Kraft der Uns von Gott gegebenen Gewalt in Unsrer Erzdiöcese zu binden und zu lösen, verhängen Wir darum hiemit für die Zukunft über alle Anstifter und T heil- nehm er des sogenannten Haberfeldtreibens die größere Exkommunikation oder den größeren Kirchenbann!" Wie ein leises Murren geht es durch den Raum. „Diese kirchliche Strafe soll alle jene treffen, welche den bezeichneten Frevel durch Wort oder That einleiten, zu den Vorbereitungen durch irgend eine That mithelfen, bei der AuS- führuug sich irgendwie betheiligen; sie tritt mit der sündhaften That selbst in kraft und dies auch dann, wenn das frevelhafte Unternehmen blos versucht, seine Durchführung aber theilweise oder ganz verhindert wurde. „Der größere Kirchenbann beraubt aber alle von ihm Getroffenen des Anrechts auf den Gebrauch der heiligen Sakramente. „Wer denselben durch eine offenkundig gewordene That bewirkt hat, darf, wenn er nicht vor seinem Tode noch wenigstens deutliche Zeichen der Reue gegeben hat. weder nach kirchlichem Gebrauche beerdigt, noch�durch einen Seelengottes- dienst getröstet werden. „Von dieser größereu Exkommunikation kann endlich kein Priester Unserer Erzdiözese, den Fall der Todesgefahr allein ausgenommen, ohne Unsre besonders zu erbittende Voll« macht lossprechen. „Möge der barmherzige Gott Uns wenigstens den Trost verleihen, daß, nachdem Unsere väterlichen Mahnungen und Warnungen bisher den gewünschten, allseitigen Erfolg nicht fanden, doch diese Unsre gerechte Strafbcstimmung und die, den hartnäckigen Frevlern bevorstehenden, göttlichen Strafgerichte die so lange schon ersehnte, heilsame Wirkung thun möchten. „Gegenwärtiges ist in allen Kirchen der Erzdiözese bei Ge- legenheit des nächsten sonntäglichen Gottesdienstes zn verkündigen. „Gegeben zn München am 30. Oktober 1866. j- Gregorius, Erzbischof von München-Freising." Der Pfarrer schweigt einige Augenblicke. Das Herz schlägt ihm, seine Hände zittern, als müßte der Bann auch den treffen, der ihn verlas— denn es ist ihm zu Muth, als habe er eben selbst Haberfeld getrieben— ein großes, furchtbares,— zwar in einer heiligen Sache, aber doch ein Treiben! TodtenstUk herrscht in der Kirche, selbst die Schadenfrohen empfinden einen Schauder, wie ihn auch der Brandstifter suhlen mag, wenn er das Haus in Flammen sieht, das er an- gezündet.— In dumpfem Brüten stehen die verdächtigen Fremden,— dann aber wie ein Mann und als hätten sie sich stumm untereinander verständigt, brechen sie jäh aus und gehen, ohne die Wandlung abzuwarten. Ein bedenkliches Gedränge entsteht,— man will ihnen nicht Platz machen. Aber so mächtig ist der Anprall der muskelzähen Gestalten, daß kein Widerstand möglich ist und unter Schimpfen und Jammern lassen die Leute die finstere Schaar, einen hinter dem anderen, durch. Mit festen, laut schallenden Tritten schreiten sie hinaus, nehmen auch kein Weih- w aller mehr und künimern sich nichts darum, daß der ganze geräuschvolle Aufstand hinter ihnen großes Aergerniß erregt. Wer aber in den verschlossenen Mienen lesen könnte, wo sie vorüber kommen, der würde entsetzt zurückweichen vor dem, was da geschrieben steht. Es ist eine Geschichte von Schmerz und Scham, von innerem Aufruhr und Erbitterung, wie sie seit den Zeiten der Acht- und Banngerichte nicht erlebt wurde, und stall des Weihwassers, das die Zornigen verschmähen, perlt mancher Tropfen an den gesenkten Wimpern. Wie vom Sturm gejagt, ohne ein Wort zu reden, ohne Aufenthalt eilt die Schaar weiter. Ucber den Friedhof hin, zum Dorf hinaus. Hinter ihnen läutet's die Wandlung, und es ist, als riefe der altvertraute Klang ihnen nach:„Kinder, kommt zurück, der Vater ist jetzt da— dem könnt ihr's klagen, wenn Euch Unrecht geschah!" Sie schütteln die Köpfe. Dahinein—? Nie mehr. Sie würden doch nicht zu ihrem Recht gelangen. Es giebt kein Recht mehr für sie.— Die feindliche Gestalt ihres Anklägers steht zwischen ihnen und dem Vater,— sie geben es auf, ihn zu suchen. „Nur weiter!" Und weiter geht's durchs Dorf im Eilmarsch. (Fortsetzung folgt.) Jim letzter Gsg. Aus dein Englischen von Hugo P ö tz s ch. (Schluß.) Ihm, Jim Carter, war das Glück nicht so günstig gewesen. Ehrlich, arbeitssam und gewissenhaft hatte Herr EUis an ihm einen treue» Diener;»ind das wußte er auch. Darlini war auch Carler bei allen Veränderungen, die im Laufe der Zeit sich vollzogen hatten, auf seinem alten Posten geblieben. Die besten Arbeiter sind nicht die besten Antreiber; und so war der stille, nüchterne Jim niemals avanzirt. Er halte innner ruhig seiner Arbeit obgelegen, so wie er es seiner Pflicht gemäß erachtete. Er hatte auch niemals einen Groll gefühlt gegen Ellis. Warum sollte er? Selbst jetzt halte er durchaus nicht das Gefühl, daß ihm Unrecht geschehen wäre. Halten sie ihn doch behalten, so lange er arbeite» konnte. Was konnte er mehr erwarten? Das Glück war dem Ellis nur günstiger geivese», nichts weiter. Er mochte wohl ein wenig gegen sein Schicksal murren, helfen konnte das ihm eben so wenig, als wenn er hätte versuchen wollen, den Londoner Nebel zu beseitigen, der ihm so lästig war, oder den Nege», der die Wege anfgeiveichl hatte z» einem schlnm- migeu Brei, der in seine zerrissenen Stiefel drang. Mr. Ellis blieb darum doch der Millionär, und er ei» Tagelöhner. Und doch, das Leben war hart mit ihm umgesprungen. Immer und immer wieder hatte er gehofft, sei» Glück werde sich zeigeil. Er hatte ansgeichant nach jenem glückbringenden Augenblick, der, wie man sagt, sich jedem Menschen einmal biete. Aber feine Zeit war niemals gekommen. Er war auch stets sehr bedächtig gewesen. Ucberzengt von der Unvorsichtigkeit früher Vcr- heirathung, war er ledig geblieben, bis er 3b Jahre alt geivorde»; dann hatte er sich eine Frau genommen, den» er hatte keine Ver- wandten oder Freunde, bei denen er hätte wohnen könne». Und er glaubte, daß mit einer Frau z» wirthschaflen vielleicht doch nicht ganz so theuer kommen würde, als mit einer Wirthin. Jetzt ivar er ein alter Mann— über 50 Jahre alt, arbeitslos, ohne'Aussicht, eine» anderen Platz zu finden, und mit einer Frau und drei Kindern, von denen der Aclteste gerade erst angefangen halte zu arbeite». Sei» Gang durch's Leben war ein schwerer gewesen, und er war recht müde geworden. Er hatte wenig Freude darin gefunden. Alles, was er verdient hatte— und er Halle immer gearbeitet— war gerade genügend gewesen jür die Miethe und für de» Kaufmann, de» Bäcker und de» Fleischer. Woche um Woche war der Lohn schon angeschrieben für Einkäufe, ehe er verdient war. Jeden Sonnabend f Abend mußte irgend etwas Nothwendiges gekauft werden, das nur beschafft werden konnte, indem man andere Schulden unbezahlt ließ, oder indem man ein oder daS andere Stück Möbel nach dem Leihhaus trug. Mit den Kindern waren neue Sorgen gekommen. Der Hauswirth schraubte die Miethe in die Höhe; es mußte weiter nach der äußeren Stadt gezogen werden. Das kostete entweder so und so viel Pferdebahngeld oder es be- deutele eine Stunde Weg des Morgens und Abends von und zur Arbeit. Es war ein endloser Kampf mit dem Hunger. Kein Wunder. daß seine Frau alt aussah und verwelkt, trotzdem sie um zehn Jahre jünger war als er. Manchmal dachte er, sie habe nicht genug zu essen und sie verheimliche ihm das. Aber sie klagte nie, und er hatte niemals gefragt. Er war oft genug selbst hungrig. Aber es war nichts mehr da, und auch kein Geld, also nutzte es nichts, zu klagen. Auch die Kinder waren manchmal hungrig. Aber was ließ sich da thun? Wenn sie alles, was dagewesen, aufgegessen hatten, mußten sie eben hungrig bleiben. Uebrigens hatte er oft gehört, daß es garnicht gut sei, allzuviel zu esse». Manchmal dachte er, es sei ein Elend, daß er Kinder habe. ja, daß er überhaupt geheirathet. Aber dann, war es vielleicht überhaupt schade, daß er lebte. Und waren nicht genug andere, denen es nicht besser ging, als ihm? Ja, in der That, vielen ging es noch viel schlechter. Da waren eine Menge, die fast immer außer Arbeit sich befanden. Wie diese wohl lebten? Er konnte es nicht begreifen. Das war das schreckliche, das er immer befürchtete: arbeitslos zu werden. Und jetzt ivar es wirklich gekommen— heute war sein letzter Tag bei Ellis u. Spriggs. Die Aroeil begann um S Uhr und endete am Sonnabend um 2 Uhr. Der Morgen ging bald herum. Die Lohnzahlung hatte stattgefunden, und die Arbeiter verließen die Fabrikräume zu zweien, zu dreien nach verschiedenen Richtungen. Carter wendete sich mit seinem Sohne und einigeii andere» hinunter nach Ludgate Hill. „Komm', Carter," sagte einer seiner Kamerade» zu ihm, als sie an der Straßenecke angekommen waren, wo ihr Weg sich theilte, „komm', laß uns ei» Glas zusammen nehmen. Es kann lange dauern, che wir uns wieder einmal sehen, Jim." „Du gehst lieber nach Hause, San»", sagte Carler, sich an den Burschen»vendeild.„Hier nimm das init Dir," setzte er hinzu, indem er ihm etivas Geld gab,„damit die Mutter nicht auf mich zu warleu braucht, obgleich ich selbst auch nicht lange ausbleiben »verde." Das Abschiedsglas ivar bald getrunken, und es war kaum 3 Uhr geworden, als sie»vieder an derselben Ecke standen und sich verabschiedeten. „Ich hoffe, daß Du bald etivas finde»»virst, Jim, und darin besuche uns bald, damit»vir hören,»vie es Dir geht," sagten seine Arbeitsgenosse», als sie ihm die Hand zum Abschied gaben. Damit bogen sie um die Ecke und Carter ivar allein. Einige Minuten blieb er unentschlossen stehen. Ein drückendes Gefühl des Verlaffenseins und der Hoffnungslosigkeit kam über ihn. Das erste Mal, seit er die Schule verlassen, ivar er ohne Arbeit. Er halte nichts zu thnn; es wurde seiner nicht begehrt— er existirle eigentlich nicht mehr. Er wankte fort, der nahe» Brücke zu. Es wurde schon dunkel, und der niederfallende Nebel war noch dicker geworden und hüllte alles in düstres Grau. Carter lehnte sich gegen das Geländer der Brücke und schaute hinunter in die Tiefe des schnell dahin fluthenden Stromes, in dessen Wellen sich die fahlen Lichter der Uferlaternen widerspiegelte». Eine lange Zeit stand er da, und seine Glieder wurden starr vor Kälte. Was sollte er zu Hause, dachte er, es war so schon stets trübselig genug gewesen— lind nun jetzt erst? Er»lochte seiner Frau nicht mit der traurigen Neuigkeit uuter die Aiigen treten, daß er arbeitslos sei, einer Nachricht, die er ihr»och verheimlicht hatte in der Hoffnung, inzwischen andere Arbeil zu finden. Mit diesen Gedanken, die in ihm wuchsen und alle anderen überwältigte», starrte er»och immer hinab in die dunkle Fluth. Es schien, als ob das Wasser eine verlockende Anziehungskrast auf ihn ausübe. Endlich wandte er sich zum Gehen. Aber der Ein» druck war zu stark. Er lief langsam und folgte dem Laufe des Wassers. Oft schritt er etivas schneller, dann blieb er wieder un- entschlossen stehen und immer wieder suchten seine Blicke das fluthende Wasser. Und ganz finster war es und neblig. Dann und wan» hörte er den gemessenen schwere» Schritt der Konstabler, und er ging schneller, aber sobald diese ihn überholt, ging er wieder langsam. Er hatte ja Zeit, viel Zeit. Er war weit weg jetzt von der Brücke, und nur dumpf traf das Geräusch von dem endlose» Wagenverkehr, der sich über die Brücke ergoß, sein Ohr. Er lehnte sich über die Uferbrüstung, aber der Nebel war so dick, daß er das Waffer nicht mehr erkennen könnt«. Er war allein, abgeschlossen von der Welt. Eingehüllt war er vom feuchten, kalten Nebel, und drüben über der Brüstung war auch Nebel und der Strom; Finsterniß und Vergessenheit.— Er schwang sich auf die Mauer. Ha! Er mußte sich beeile»; da kam schon wieder ein Polizeimaiin. Er kniete auf dem Mauerrand und stützte sich auf seine Hände. Dan» schwang er sich hinüber.--- Dem Konstabler war es, als habe er ein dumpfes Aufschlagen im Wasser gehört. Er leuchtete mit seiner Blendlaterne über die Mauer. Aber der Nebel war dick, er konnte nichts sehen.— Veim Lzzxpttokifottv. „Sprechstunde für Dcii.,e„ 10 bis 11 Uhr"— so vergewisserte ich'»ich»och einmal an Hausthüre, ehe ich die Treppen hinauf- stieg. Etwas abenteuerlich kam mir mein Unternehmen doch vor, aber anderen hatte ja der Magneliseur und Hypnotiseur geholfen, warum nicht auch mir? schließlich, weh that es nicht, schaden konnte es auch nicht, warum also uicht de» Versuch machen? Ich wurde in ein kleine* Kabinet geführt, in dem der Schreib- tisch des Herrn„Doktors" stai,d. und genöthigt, mich zu setzen. Di- Sprechstunde hatte schon begon>aeii, ich hörte im Nebenzimmer, von dem ich nur durch eine Portier« getrennt zu sein schien. Stimm-»- gemurmel. Plötzlich unterschied jZ, die Worte:„Morgen früh 8 Uhr werden Sie gesund sein.— S, � und jetzt schlafen Sie, Frau Oberstlieutenant." Wieder Gemurmel, es klang fast wie eine Zauber- formet, dann Hörteich nichts mehr, �ggie seltsam diese Kur", dachte ich,„und recht einfach"— da, ich fuhr zusammen, auf der Schwelle stand er. der Mann, der durch sei,.,e magnetisch- Kraft, nur durch Berühren und Hände-Auflegen Krai che heilen konnte und durch die Gewalt seines Blickes und die Macht seines Wortes die Handlungen anderer zu bestimmen vermochte. Doch, einstweilen erschien er mir durchaus nicht wie ein Zauberer; er begrüßte mich, nöthigte mich durch eine Haudbewegung»eben seinen. Schreibtisch und fing an, seine Notizen zu machen. Alles ganz ges chäftsmäßig. Und geschäfts- mäßig wurde auch die Konsultation vorh»x bezahlt. „Also an dauernde» Kopfschmerzen leiden Sie?— Und an Schlaflosigkeit?— Gut, komme» Sie. b. tte."— Er schlug die Gardine zurück, ich stand im eigentlichen Operationszimmer. Es war ein dämmeriger ilianni, die Fenster dich t verhüllt mit farbige» Stores, grünliche Reflexe auf allen Gegenstän den. auch auf den Ge- fichtern der Schlafenden. Drei Patientin»-.',' ,varen anwesend, wenigstens körperlich; die eine lag starr und steckf in LeicheusteUuug auf der Chaiselongue, zwei andere schliefen in bequemen Sesseln. Ich unterschied leicht die Frau Oberstlieutenant, sicher die sehr korpulente Dame in, weißen Haar Neben sie wurtde ich plazirt. Mir war beklommen zu Muthe. Doch Unsinn, ich wer.-de mich doch nicht fürchten, ich war ja hier in einem ganz gewöhnlich. e,, Zimmer im zweiten Stock eines Berliner Miethshauses, draußen rollte die Großstadt. Was konnte mir den» passircn? Also Mulh! Die Manipulationen begannen. Ich fühlte, wie der b,Nag»e- tiseur seine beiden Hände auf meine Haare senkte, sie an die Wai.jge» hinuntergleiten lieh, doch ohne sie zu berühre». Es kitzelte, iech machte eine kleine Bewegung nach rückwärts.„Sitzen Sie ganz still," sagte er,„sehen Sie inich fest an." Ich that es.„Ein hübscher Mann"' dachte ich,„etwas ungepflegt; weniger Bart würde ihm besser stehen.„Sehen Sie mir fest in die Augen— so— und jetzt schließen Sie sie— und jetzt schlafen Sie."— Aber wie sollte ich plötzlich schlafen können, ich füdlte mich putzmunter— das mußte ich ihm doch zeigen, es>väre ja sonst Betrug; ich machte also die Augen groß auf. Wieder sagte er:„Sehen Sie mich starr an, und wen» ich sage,.jetzt schlafen Sie,' dann werden Sie schlafen." Er trat zurück und machte mit den Händen wiegende Bewegungen, die mich einschläfern sollten, doch so dicht, so dicht, daß er meine Wimpern berührte. Unwillkürlich schloß ich die Auge» wieder.„So, jetzt werden Sie schlafen,— nun können Sie die Augenlider nicht mehr aufmachen, wenn ich es nicht will."„Wirklich nicht?" dachte ich, das muß ich doch probiren,"— ohne Schwierigkeit schlug ich sie auf. Der„Doktor" ließ sich jedoch nicht ans der Ruhe bringen. Wieder machte er in der Luft langsame Bewegungen, wie zwei Flügel gingen seine Hände dicht vor nur auf und nieder.„Wenn er mich nur nicht kratzt,— ich muß ihn länger ansehen, viel- leicht gelingt es dann. Der Mensch hat eigentlich schöne Augen. Sie glühten mich förmlich an in dem grünlichen Lichte. Und ich bin innner noch nicht schtäferig, es ist recht beschämend, eine Aus- nähme zu machen, die anderen schlafen so schön. Ich werde die Augen zumachen, vielleicht kommt dann der Schlaf auf natürlichem Wege, hier in dem weichen Sessel, i» dem ruhige» Zimmer, wo sich nichts regt." Noch mehrmals hörte ich ihn sagen:„Jetzt werden Sie einschlafen,— jetzt schlafen Sie ein,"— er dehnte die Vokale lang aus beim Sprechen—„so, und halte werden Sie keine Kopf- schmerzen mehr haben, heute nicht, und morgen auch nicht, und werden heute eine gute Nachtruhe haben, fest und gut schlafen— so Er ließ von mir ab, ich fühlte es. denn ich war ja vollständig wach, aber ich hielt die Augen geschlossen und rührte mich nicht mehr, in der festen Absicht, einzuschlafen. Ich hörte ihn auf seine» weichen Sohlen davongehen, nebenan ivurde eine Thür leise geöffnet und»vieder geschlossen, er war fort. Ein ganzes Weilchen wartete ich, doch der Schlaf wollte nun einmal nicht kommen. Meine drei Gefährtinnen rührten sich nicht, ob sie wirklich schliefe»? Die Neu» gierde packle mich. Ich öffnete die Augen und sah mich um. Die Frau Oberstlieutenant neben mir hatte die fette, beringte Hand auf die Stuhllehne gelegt. Ich tippte ganz leise daran und flüsterte:„Frau Oberstlieutenant. schlafen Sie?"—„Nein." ertönte ebenso leise die Autwort, und sie richtete sich auf.—„Mich hat er auch nicht einschläfern können."—„Ob wohl die andern beide» schlafen?" Ich wendete mich nach der Dame im zweiten Lehnstuhl.„Schlafen Sie?" fragte ich hinüber.—„Nein, ich auch uichr," antwortete sie. ohne ihre Stellung zu ändern oder die Augen alifzuschlagen, sie war »och ganz im Banne.—„Aber warum haben Sie denn so gethan?" —„Er sagte, ich würde die Augen nicht mehr aufmachen können, und da habe ich es gar nicht versuch t." „Aber die Dame auf dem Sopha scheint wirklich zu schlafen. wir wollen sie nicht wecken." sagte die Frau Oberstlieutenant. „Wenn sie wirklich in der Hypnose liegt, dann merkt sie ja nichts," mit diesen Worten stand ich auf und trat zu ihr. Sie lag wie eine Todte, kaum daß sie athmete. Ich strich mit dem Finger ganz leise über ihre Nasenspitze. Sie verzog das Gesicht, machte die Augen auf und bewegte die Glieder. Fast erschrocken fuhr ich zurück. „Haben Sie wirklich geschlafen?" fragte ich.„Nein, gar nicht, ich habe alles mit angehört."—„Aber Sie lagen ja so starr?"—„Ja. er sagte, ich würde jetzt kein Glied mehr rühren können, und da habe ich es geglaubt."—„Aber um Himmelswillen,>vas machen ivir, wenn er wieder hereinkommt?" Da, in demselben Augenblick erschien er auch sch»n auf der Schwelle. Jetzt war die Reihe, starr zu sein, an ihm.„Das ist mir ja eine niedliche Bescheerung," sagte er, die Stirn runzelnd. aber doch möglichst gelassen.„Daran sind Sie wohl schuld, gnädige Frau", wendete er sich zu mir.„Ich dachte mir es gleich, Sie sind schwer zu hypnotisiren, ich muß Sie ganz allein vornehmen, bitte wollen Sie heute Nachmittag um 5 Uhr wiederkommen". Und er komplimentirte mich nach der Thür.„Jawohl", sagte ich sehr klein» laut uud trollte von banne». Ich war wirklich sehr in Verlegenheit und fühlte mich recht beschämt. Aber schon auf der Treppe, als die kühle Straßenlust mich anwehte, wich das Gefühl— denn eigentlich war ich doch nicht die blamirte— und machte einer Anwandlung von Heiterkeit Platz, die schließlich in fröhliches Lachen ausartete. Ich lachte und lachte auf dem ganzen Heimwege, während ich den Borgang noch einmal im Geiste durchlebte, und fühlte allerdings in diesem Augen- blicke nichts von meinen alltäglichen Kopfschmerzen. Hingegangen bm ich aber nicht wieder.— (Aerztliches Vereinsblatt für Deutschland.) Vleinvs Feuilleton» — Wie die Seekrankheit entsteht. Von einem mit mathe» matischen und physikalischen Kenntniffen ausgerüsteten Ozeanreisenden ist nach dem„Hann. Cour." kürzlich die mechanische Wirkung der Schiffsbewegung auf de» menschliche» Körper beobachtet und analysirt worden. Das unangenehme dieser Bewegung ist, daß jeder Punkt des Schiffes in vielleicht 5—10 Sekunde» oft bis zu 7 Meter ge- hoben und gesenkt wird. Das, was die Empfindung so unerträglich d'eeinflußt, sind die an dem Körper wirkenden Kräfte. Der Druck zw.'scheu uns und dem Boden entspricht genau der Bewegung welche„>>as Schiff macht. Schiff und Mensch fallen in das Wellen- thal; es besteht fast keine Beziehung mehr zwischen beiden. Aber im Fallen umächst die Kraft des Auftriebs, je mehr das Schiff ein. taucht. Diesels wird aus der beschleunigten in eine verzögerte Be- wegung gebracht; auch die Bewegung des Menschen muß sich dem aupassen; infolge- dessen wird der Druck zwischen Boden und Fuß immer größer. Dabei geht die Bewegungsrichlung nach unten. Endlich wird das Drucckmaximnm erreicht, die Bewegung gelangt ans den Nullpunkt und gecht dann aufwärts, der Druck nimmt ad. Mit dem Geschwindigkeitsma-rimum passirt man die Gleichgewichts- läge, gegen die obere Grenze vecr'angsamt sich die Bewegung immer mehr. Am tiefsten Punkte übermäßig-, schwer, fühlt man sich am höchsten Punkte frei schwebend. Wir vfwde» Qif0 das nervenzerrüttende Gefühl eines fortgesetzten Wechsels..'.'.'Ceres Körper- gewichtes. Ferner ist der Zwiespalt in unserem Körpergefühle träglich, der durch die Bewegung herbeigeführt wird: während man einen großen Druck von unten her verspürt, also glaube» möchte, man werde geHobe», geht man thatsächlich hinunter, und umgekehrt, während der Druck immer abnimmt, man also die Empfindung hat, der Bode» verschwinde unter einem und man sinke, steigt man that- sächlich hinauf.— t. Die Spatzen und die Laudwirthschaft. Ueber den Schaden. den der Spatz anrichtet, hat»ach der„liovno Scientifique" die Seine-Präfeklur eine Erhebung bei allen Landbautreibenden in der Umgebung von Paris veranstaltet. Die Ergebnisse wurden kürzlich durch Paul Biucey veröffentlicht. Diese sind für unseren Spatz sehr ungünstig ausgefallen. Nur fünf Gemeinden unter 08 nahmen ihn einigermaßen in Schutz, 17 hielten ihn für weder schädlich noch nützlich, während 40 unter allen Umständen aus feine Verfolgung und Ausrottung drangen; diese letzteren forderten, daß das Recht zur Verfolgung des Sperlings für jede Jahreszeit freigegeben würde. Vincey hat eine Schätzung der Schäden versucht, die durch die Sperlinge am Getreide verursacht werde», und ist zu der Ansicht ge- langt, daß dieselben in deni fraglichen Gebiete die Summe von 200 000 Frs. jährlich übersteigen; außerdem macht er darauf auf- merksam, daß der Ueberflnß a» bequem zu erreichender Nahrung den Stadtsperling von seiner nützlichen Gewohnheit des Insekten- fangens gänzlich zurückgebracht hat. sodaß dem großen Schaden, den er der Landwirthschast zufügt, gar kein Nutzen mehr gegenüber» steht.— Theater. — Im Volks-Theater fährt man fort, auS der, älteren Berliner Lokalpossen solche herauszusuchen, die dem harmlosen Theil de? Publikums im Südosten mundgerecht liegen. Auch Wllken's Volksstück„Hopfen raths Erben" schlägt üi diese Art. Es ist gar erbaulich anzu>eyen, wie der Protzenhochmulh. der imserümpfcnd selbst die Bande der Familie lockert, schließlich zu Falle kommt und in den kläglichen Räumen einer Berliner Volks- kücke ein« schwere Zeit der Demüthigung und Prüfung durchmachen muß. Aber nachdem die Läuterung vollzogen, wird auch der kernige Bierbrauergeist des seligen Hopfenrath wieder wach; der unvermeid- liche Bruder, der sich und seiner angestammlcn Einfachheit treu geblieben, sichert der zu soliden Sitten bekehrten Verwandtschaft die Existenz, die in der heutigen Welt die einzig behagliche ist: Um «ine kleine Brauerei herum gruppirt stch im Schlußbilde selige Zufriedenheit! Wer da denkt, daß unter der rücksichtslos geübten Herrschaft des Großkapitalismns«in solches Bild doch einigen Widerspruch hervorrufen muß. der irrt sich. Das Publikum weidet sich an dem lieblichen Märchen und klatscht vergnügt Beifall. Dem Stücke kan, eine flotte und stimmungsvolle Aufführung zu statten. Die Herren Winkler und Brodel schufen zwei drastische Berliner Gestalten; die Dame» Senden, Müller und Martens thate» gleichfalls munter ihr« Pflicht. Ein ganz prächtiger Komiker ist Herr Reiff, der diesmal die episodische Rolle eines Droschken- kutschers darzustellen hatte.— AnS dem Pflanzenleben. — Die Symbiose im Pflanzenreiche. Ueber dieses Thema sprach jüngst Dr. Esser im Berein zur Beförderung des Nalurhistorische» Museums in Köln. Ein erst in den letzten Jahr- zehnten erschlossenes und mit großem Erfolge durchforschtes Gebiet der Naturwissenschaft ist dasjenige, welches die Abhängigkeit der verschiedenen Organisnien von einander in sich faßt, und eines der anziehendsten Abhängigkeitsverhältnisse entstehe durch das unmittel- bare Zufanmieuleben verschiedenartiger Organismen sowie die da- durch bedingte Becinflussnng ihrer Lebenslhätigkeiten. Solche Ver- Hältnisse bezeichnet die Wiffenschast als„Symbiose". In der Pflanzenwell giebt es für die Art und Weise, wie sich verschiedene Organismen zu gemeinsamem Haushalte verbinde», kaum ein lehr- reicheres Beispiel, als die Flechten, bei denen ein Pilz und eine Alge in ei» Gegenseitigkcitsverhältuiß treten und dadurch die Fähigkeit erlangen, auch an solchen Orten ihre Lebensthätigkeiten zu voll- führen, wo jedem von ihnen allem das Fortkommen unmöglich wäre. Der Pilz besorgt für den Haushalt die Herbeischaffung des Wassers und der Nährsalze aus dem Boden, die grüne Alge übernimmt den Erwerb des Kohlenstoffs durch Zersetzung der Kohlensäure der Luft. Eigenthümliche symbiotische Verhältnisse be- stehe» zwischen einer Menge höher entwickelter Pflanzen and den Pilzen derart, daß das gesammte Wurzelsystem jener ,nit Pilzen in inniger Verbindung steht. So sind alle Wurzeln«ujerer Eiiche», Buche», Birken. Tannen u. s. w. von einem dichten Pelzmantel überdeckt, sodaß also der Baum alle aus dem Boden aufzii' nehmenden Stoffe sauimt der gewaltigen Menge Wassers, deren er'oedürflig ist. nur durch Vermiltelnng der Pilze erlangt; für den �Pilz scheint der Vortheil aus dem gemeinsamen Haushalt darin zu liegen, daß ihm die Wurzel die Entnahme organischer Nahrn""g gewährt. Bei vielen Orchideen und Haidekrautarten drr.uge» die Pilzfäden sogar in das Innere der Zellen ein. und wachsen dort zu dichten Knäueln heran, welche die Zelle bald ganz ausfüllen, ohne jedoch ihre Leb«.nsfunktionen zu beeinträch- tige». In den älteren Theilcn'der Wurzel findet mau die Pilz- knäuel bis ans wenige Reste-zerstört, und man nimmt an. daß die Pflanze den Pilz--»u, einer gewissen Entwickelungsstuse erdrückt und sich der'':..''tym angehäuften Eiweißstoffe bemächtigt. Von ganz be- ' Wilderer Wichtigkeit für unsere laudivirthschaftlichcn Betriebe ist die Symbiose der Schmetterlingsblütler mit kleinen, spaltpilzähulichen Organismen. An den Wurzeln jener Pflanzeu, z. B. der Erbsen, Bohnen. Lupine». Wicke», findet man stets gallenähnliche Knöllchen. die in ihrem Junern Kolonien von mikroskopisch kleineu Lebewesen beherbergen. Diese gelangen aus dem Boden in die Wurzel hinein und geben der Pflanze die Fähigkeit, den freien Stickstoff der Luft anfzunehinen, weshalb man sie Sticksloffsammler nennt. Die Land- wirlhschaft benutzt jene Fähigkeit der genannten Pflanzen, um den Boden kostenlos mit Stickstoffdnnger zu versehen, indem sie zu ge- wissen Zeiten die genannten Pflanzen auf den Feldern anbaut, die- selben auf der Höhe der Entwickelung in den Boden einpflügt, wo sie dann bei der Verwesung den der Luft entnoinmenen Stickstoff den» Erdreich übergeben.— Geographisches. — Hebet d i e Besteigung des Aeoncagua(Chile) durch den Engländer E. A. Fitzgerald werden jetzt ans Valparaiso nähere Einzelheiten gemeldet: Am 7. Dezeniber v.J. brach der Zug von Mendoza ans. Außer Fitzzerald bestand er ans dem Geologen Bines, dem Jngenienr Lightbody, dem Naturforscher Philipp Gosse, dem Ingenieur Alba» de Trafford, den schweizer Führern Mathias Zubriggen, Josef Pollinger, Lonis Pollinger und Lochmaster, sowie den Dienern Zante Niccols nnd Fritz Loribel. Um den Berg zu er- klimmen, rückte der Zug zuerst in das Horcones-Thal. Dort wurde in einer Höhe von 12500 Fuß ein Lager aufgeschlagen. Ei» zweites Lager wnrde 14 000 Fuß über dem Meere eingerichtet und 18 000 Fuß hoch vor dein Berg« selbst das letzte. An» 15 Januar versuchte Fitzgerald selbst, nur von Zubrigge» begleitet, de» Gipfel des Berges zu erreichen. In einer Höhe von 23 000 Fuß aber konnte Verantivortlicher Redaktmr: Zlngust Jacobey in Be» er nicht mehr. Zubriggen tloini» allein weiter und es glückte ihm wirklich, am Nachmittag des erwähnten Tages seinen Fuß auf die Spitze des zfconcagua zu setzen. Fast einen Monat später erstieg auch der G-mloge Bines die Bergspltze »ach»eiiliftlnidigem Klettern. Er brach letzten Lager»m 8 Uhr morgens ans und langte um 5 Uhr nachmittags auf de», höchsten Gipfel des Aeoncagua an. Bines erz-ihlt. daß er iinmer nur 4—5 Meter»veiter koininen konnte. DrM", mißte er sich hinstrecken, um Athem zu holen. Nur auf diese Weise war es möglich, in solcher Höhe vorwärts zu gelang«,' Die Spitze bildet eine 80 Quadratmeter messende Fläche."Der Stille Ozean glich, vom Aeoncagua aus gesehen, einem spieaiclglatte» Teich. Als mn Nachmittag die Sonne schien, sah de'- Ozean ans»vie ein Feuerineer oder eine ungeheure Fenersbrnnst. Die Wolken zertheilten sich nur dann und»vann. Bines untersi-chte den geologischen Bai» des Berges. Er besteht ans Porphyr. welcher von einer dicken Thon- kcuste bedeckt ist. Diese kann kcune Vegetation trage». Die Süd- seile des Aconcagna bilden klein e Spitzen.— Astronomisches. ie. Ei»» großer MondMas»vird jetzt von der Lick-Sten, warte in Kalifornien herausgegeben- Der Atlas imrd nach seiner Vollendung mindestens 60 Tafeln ninfass-n. außerdem eine Ueberflchtskarte. Alle Cliches sind von Photographien genoinmen, die mit dem großen Fernrohre der Stern-.~rtc von 90 cm Oeffnung ausgenommen sind oder noch aufgenommen»-"'ben. Die Karte inird denselben Maßstab erhalten»vie der bekam"ie Handatlas von Beer»». Mädler. durch denselben erhält das Mondbiis einen Durchmesser von 80 cm. Auch seitens des Obser valoriums zn Paris ist durch die Astronomen Lölvy n. Pniseux ein großer Mondnllas nach Photographien in Vordereitung, bei»r-elcheni das Mondbild aber einen Durchmesser vo>» 2 in 60 cm eriicillen»vird.— Humoristisches. — Eine Kapuzinerpredigl gegen das Trinken resp. Saufen der �Deutschen läßt Peter Rosegger im letzten Heft der Schrempf's�-yen„Wahrheit" los. Der Schluß des Artikels lautet: „Wenn r-s der wahrhaftig bis zu Schande nnd Spott herunter- gekomm e->en Menschheit Ernst ist mit ihrer ferneren Existenz, so , verden.» Regenten nnd Gesetzgeber erstehen, die die Erzeugung aller gristUgen Getränke, sofern dieselben nicbt»iiediziinschei» Zwecken d'.enen, kurzerhand verbieten. Ohne Volksabstimmung, denn das Volk sinmnt sich nnr zn gerne selber ins Berderven. sondern kraft des persönlichen Herrschcrivillens, der da klar sieht, was allen Menschen ohne Ausnahme frommt. Es»vird»vcgcn Abschaffung der Spirituosen weder die Geselligkeit anfhoren noch die Freude, noch die Begeisterung. Wenn es einmal nicht mehr möglich sein »vird, sich künstliche Räusche anzutriitkei». dann»vird sich die natürliche Begeisterung»vieder einfinden, die weiße, leuchtende Flamme, die so lange von der blauen erstickt worden ist."— Aber Pelerl?!-- Vermischtes von» Tage. — In einen, Strohschober, der unlängst in der Nähe von Breslau abbrannte, hatten sich 20 Obdachlos« verkrochen. Der eine brannte, als er hervorkam, über und über.— — Die Schntzmannschaft der Stadt W e r d a n(Sachsen)»vnrde mit Gummischläuchen bewaffnet.— — In L i l h a n e n ist der Kibitz, der dort vor vier Jahrzehnten noch in ungeheuren Mengen anzutreffen»var, fast ausgestorben. Ursache: das Sammelii von Kibitzeier».— — Niedergebrannt ist in Tomnszoiv bei Lodz(Rnss. Polen) die große Färberei nnd Appreturanstalt der Gebrüder Fürstemvald.— — Aus dem Brentner Joch bei K n f st e i»(Tyrol) wurde der Notarialskandidat Fitchs aus Friedriche Hase» erhängt anfgefuude».— Ein 13jähriger Realschüler hat sich in Erfurt erschossen. Grund? Schlechte Zensur.— — N a>i s e»i's Begleiter, Kapitän Sverdrup, hat bei der»orivegischen Regierung«inen Antrag eingebracht, wonach er um Uebcrlaffiing der„Frain" zu einer wissenschaftlichen arktischen Expedilion ersucht, die im Frühjahr 1898»»nlcr seiner Leit»l»g statt- finden soll.— — I u N o g e a» t a. d. Marne(Frankreich) fand am 4. April ein Wettstreit im Peitschenknalle» statt. 50 Wetlbeiverber halte« sich eingefunden. Es kamen 36 verschiedene Arten des Peitschen» knallens zu tage. Zum Schlüsse knallten alle Belverber in cboro. — Mich schauderhaft schön geklungen dabei,.— ce. Feine Praktiken. Der italienische Eisenbahnminister hat die Beschwerdebücher abgeschafft und dafür in de» Bahnhöfen Briefkästen anbringen lasse». Die Beschwerden müssen aber, ivem, sie berücksichtigt»verde» sollen, ans Stempelpapier geschrieben — Der l7jährige Sohn des Gouverneurs von Georgia (Nord-Amerika) ist mit einer Vierzehnjährigen durchgebrannt. Ei» Landpastor hat die beiden für 8 M. getraut.— Die nächste Nummer des UnterhaltungsblatleS erscheint Sonn» tag, de» IL April._____ in, Druck und Verlag von Max Bading in Berlin.