Nnterhaltungsblatt des Horivürts Nr. 77. Sonntag, den 18. April. 1897. 13, (Nachdruck v-rboteu.) Ein alkev Streit. Roman aus dem bayerischen Volksleben der sechziger Jahre von Wilhelmine v. Hillern. Mit einem Schlag ist das ganze Bild verändert, denn dem größeren Feind gegenüber müssen die kleineren'Feinde zusammenhalten, das Elenient versöhnt die Elemente.— Waffen- stillstand! Und nun sind's wieder die alten, echten Haberer, die braven Söhne eines braven Volks,— denn, statt zu fliehen und den Moment zu benützen, bilden sie in ihren Höllen- masken Kette mit den Gendarmen und helfen löschen. Andre dringen mit keckem Muth durch den Rauch und das Funkengestöber ins Haus und retten die Fahrniß. Der Pfarrer jammert nur um seine kostbare Bibliothek, sein einziger unersetzlicher Besitz. Gleich steht ein Vermummter oben unter den brennenden Balken wie ein Feuerteufel und wirst Buch um Buch zum Fenster heraus, als handle sich's um ein lustiges Ballspiel und die Bände flattern aufgeblättert wie Tauben aus dem brennenden Schlag.— Unten fängt der Pfarrer sie auf und nicht eher will der Retter auslassen, bis das letzte Buch drunten wäre. Alles ruft ihm zu— es sieht so gefährlich aus. Man richtet die Spritzen aus ihn, der Wasser- strahl ist aber ebenso gefährlich für ihn— denn er wäscht ihm die Schwärze vom Gesicht. Der Pfarrer bittet und befiehlt, herab- zukommen,— umsonst. In der Dienstbeflissenheit derselbe eigen- sinnige Ungehorsam, wie in der Auflehnung. Der Pfarrer schüttelt den Kopf.»Mau kann nichts thun, als sie gehen lassen/ sagt er nachdenklich— und der Worte Sinn tief ist!— Ein Poltern und Krachen im Innern des Hauses,— die Treppe ist eingefallen,— der kühne Waghals da oben ist unrettbar den Flammen überliefert— es handelt sich um Sekunden. Alles blickt in atheniloser Spannung hinaus und ruft durch einander:„Leitern— legt d' Leitern an— er kann ja nimmer'runter— Jesus Maria, er brennt scho." Die große Perrücke von Werg, die den Haberer noch unkenntlich gemacht, fängt jetzt Feuer. Er muß sie abreißen und einer der schönsten und reichsten Bauernsöhne des Jsarthals kommt zum Vorschein, umleuchtet von Glanz des wüthenden Elements. —„Im Namen des Gesetzes beseht' ich Dir runter zu kommen, eh' die Leiter Feuer sangt!" schreit der Kommandant hinaus. „ I pfeif' Enk was auf Enker G'setz,— jetzt kimm i scho selber," antwortet der Bursch', und behend wie eine Katze schwingt er sich aus die Sprossen und klettert herunter, noch einen Pack der letzten gefährdeten Bücher im Arm.„Da Herr Pfarrer," lacht er gutmüthig,„san Enkere Schätz!" „Ich weiß in der That nicht, wie ich Ihnen danken soll," sagt der Pfarrer verlegen. Der Gendarm lehrt es ihn, indem er dem Retter die Hand auf die Schulter legt. „Im Namen des Gesetzes,— auf was Du pfeifen thuft— verHaft ich Dich, Florian Mayer!" „So— aa no—!" sagt der Barsch mit unverwüst- licker Laune und schaut auf seine versengten Hände und Kleider. „No, nur zu— aber z'erst derf i no löschen helfen, gelt? Und nachher kannst ja schauen, ob D' mi kriegst!" „'s Nachbarhaus brennt— schützt's Nachbarhans," ertönt eine neue Hiobsbotschaft— und ehe der Gendarm sich's ver- sieht, sitzt der„Teufelskerl" auch schon rittlings auf dem glimmenden Dach, dirigirt die Spritze auf die gefährdeten Stellen und ruft lachend herunter:„Hol mi!" „Lassen Sie ihn!" wehrt der Pfarrer den» Kommandanten, der zornig in das Hans stürzen will,„die Sache muß anders ausgetragen werden? Ich kann den Menschen, der mir meine Bücher mit Lebensgefahr dem Feuer entriß, nicht verhaften lassen." Er sieht sich um und überblickt die Massen der seltsamen Spnkgestalten, s die mit todesverachtendem Eifer werk arbeiten.„Der Fall liegt nicht so Gewalt ist da nicht viel zu machen, das und.mehr." „Bravo Pfarrer," schreit der Bursch von oben herunter; „jetzt samer wieder guat!" „Aber wir find nit guat mit cinand!" schreit der Kom- Mandant hinauf und kommt dem Gendarm zu Hilfe.„Für am Rettunas- einfach! Mit seh' ich mehr Narren halten lassen wir uns nit. Der Kerl wird dingfest g'macht— kost's, was es will! Drauf!" Mit dem Gewehrkolben schlagen sie nun die verschlossene Thür des angesengten Hauses ein. Aber im selben Moment sind sie auch schon umringt von einem Schwärm der un» kenntlichen Larven, die sich zwischen sie und das Haus stellen.„Nix da— wir lassen kein'm von die Unsrigen was g'schehen! Dös wär' noch schöner! Da derfür helfen mir euch löschen, daß ma uns wegsangt mitten in der Arbeit? So hab'n wir nit g'wettet— Bruderl! Weg'n uns kann dös ganz Pfarrhaus niederbrenne—'s ist eh' Staatseigenthum und g'schicht niemand kei Schaden—!" „Z'rnck!"— Die Gendarmen werden von der Wucht des neuanwachsenden Aufstands zurückgeschoben, immer mehr lassen vom Rettungswerk ab und gesellen sich zu den anderen. Die Gendarmen kommen ins Gedräng.—„Scharf laden!" komman- dirt der Wachtmeister. Ein Wnthschrei antwortet ihm. Nun reißen die Haberer auch die Büchsen von den Schultern und stehen schußfertig da.—-„Aus Leben und Tod!" ruft der Habermeister entschlossen. „Gebr die Thür frei oder ich lass' den Platz säubern!" verwarnt der Kommandant. Erneutes Wuthgchml, aber keinen Fuß breit geben sie nach. „Ich forder' Euch zum zweiten Mal auf, den Platz gut- willig zu verlassen." „Gutwillig! Was kann ma von uns noch gutwillig verlangen, nachdem ma uns anfeindet und verfolgt, jähre- lang, als wollt' ma uns ausrotten, uns und unfern alten Brauch? Was hab'n denn wir gethan, daß ma auf uns zielen darf, wie auf tolle Hund? Jetzt ist's Maß voll!— Mehr geht nimmer, werd's wie's will!" „Also Ihr gebt nicht nach? Ich frag' zum dritten Mal!" „Nein— und zum hundertsten Mal: Nein!" Die Menge steht wie festgemauert,— Aug' im Auge mit dem Feind,— die Büchsen angelegt zum Schuß. Eine lange schwüle Pause.— das Unglück naht, die Saat ist reif.— Ein Schuß fällt. Jener erste Schuß, von dem nie jemand weiß, wer ihn gethan? „Feuer!" lautet darauf das Kommando. Und:„Feuer!" antwortet das rasende, einst so gut- artige Volk. Die Salven knattern herüber, hinüber. Hier und dort stürzen Leute. Und abermals wird geladen und abermals abgedrückt. Die Haberer sind in der Ueberzahl. Die Gendarmen beginnen nach rückwärts zu weichen. „Für unser gut's Recht!" ruft der Habermeister, in ge- waltigem Anlauf vorstoßend. Da saust pfeifend eine Kugel durch die Lust und schlägt dumpf in einen weichen Gegenstand, — ein gebrochener Wehelaut:„Jetzt ist's g'sehlt!"— Der Habermeister sinkt zusammen.— Ein Schmerzeusschrei ringsum. Ist Bester— ihr Führer ist gefallen,— nun ist der Widerstand gebrochen!— Mit Donuergetös stürzt der Dachstuhl vom Pfarrhaus ein— die Haberer achten nicht mehr darauf,— eine neue Salbe überschüttet sie mit heißem Blei, mitten unter dem Kugelregen heben sie den Körper des Meisters auf— und ihre letzten Waffen sind nur noch Flüche auf die Häupter ihrer Verfolger. Groß ist die Zahl der Gefallenen, die sie zu bergen Hab en und doch geht alles mit Gedankenschnelle.— Der Pfarr- Hof verlodert ungelöscht— die Habcrer sind in die Nacht ver- 'chwunden. Der Falsche. Von alle dem hat Lenz nichts mehr gehört und gesehen. Gleich beim Beginn des Handgemenges hat er sich davon ge- chlichen. Nicht aus Feigheit, nicht vor dem Feind, sondern zor seinem eigenen Gewissen. Er will zu Baldl, um sich dort einer Maske zu entledigen und den Ruß abzuwaschen, damit er so schnell wie möglich zum Vater heim kann und keine Spur seines Thuns ihn verräth.— Aber ein paar Gendarmen haben ihn wegschleichen sehen»ud verfolgt.— Eine Jagd hat nun begonnen. —„Steh, oder wir schießen,"— stehen bleiben, sich■fangen lassen und entdeckt werden,— daß der alte elende Mann erfährt, wie fein Sohn unter Jenen war, die ihn schier zn Tod ge- martert,— das heißt verflucht sein, diesseits und jenseits, — doppelt verflucht, vom Vater und von der Kirche,— dann lieber gleich sterben, als so weiterleben! Wohl sieht er, wie sich der Himmel aufs neue roth färbt,— und hört das Feuriogeschrei�— ihn kümmert's nicht— nur fort— fort!„Steh'— oder wir schießen— rufen die Verfolger zum zweitenmal. „So schießt!" ist die verzweifelte Antwort und weiter geht die Flucht, unter dem Schutz der Nacht und der Ver- trautheit mit dem Weg. Hinter ihm knallten zwei Schüsse, — sie fehlten ihr Ziel,— er ist heil. Die Gendarmen müssen neu laden. Zetzt hat er einen Vorsprung, er schlägt sich seitlings, das muß sie täuschen und als er sie wieder hört, hat er den Berg erreicht, auf dem die todte Mühl' liegt. Wie ein gejagter Hirsch fliegt er den steilen Hang grad hin- auf— und schneidet den Weg ab, den die fremden Gendarmen in der Dunkelheit suchen müssen. Droben im Haus sind die Geschwister die ganze Nacht auf. Sie sitzen in der Wohnstube und beten vor Angst. Das Auf- lärmen der Haberer, dann das Sturmläuten, das Schießen und jetzt die Röthe am Himmel— die zwei armen Einsamen hier oben in dem abgelegenen„Einödhof" fühlen alle Schauer der unbekannten Schrecknisse doppelt mit— So erbeben sie bis ins Herz hinein, als es dreimal an die Thür klopft:„Macht auf, schnell, schnell!" „Heiliger Gott!" Wiltraud schlägt ein Kreuz und eilt hinaus.„Wer ist's?" „Ich, der Lenz, laß' mich'nein, nur schnell!" Das Mädchen kann vor Zittern den Schlüssel kaum um- drehen, die Hände versagen ihr— es dünkt ihr eine Ewig- keit, bis sie aufbringt, sie hat ja die Angst in seinem Ruf gehört. Als müsse sie einen Versinkenden ans Ufer ziehen, so saßt sie ihn, als die Thüre aufgeht, und zieht ihn herein, dann schlägt sie die Thüre ins Schloß und schließt mechanisch wieder zu.„Lenz, mei alles!" ruft sie in unaussprechlicher Liebe und sinkt ihm trotz seiner grauenhasten Larve an die Brust. „Traudl— Sebald— rettet's mich!" schreit Lenz, der wie irrsinnig in die Wohnstube taumelt und stürzt dem Freund zu Füßen.„Baldl, hilf mir,— die Gendarmen kommen— sie sind mir auf'm Fuß— mein' Vater brächt's um, wenn's'raus käm, daß i bei dem Treiben war! Baldl, Du hast kein Vater mehr, der Dich verfluchen und verstoßen thät,— Du hast niemand z'fürchten.— Thu's für mich, da nimm mei G'wand"— er wirst die Vermummung ab und reißt ein paar Kohlen aus dem Ofen—„mach' Dich schwarz— sag'. Du sei'st g'wesen, laß Dich verhasten, und derweil zeigt mir d' Traudl den Weg durch d' Sagrinne in d' Schlucht.—'s dauert nit lang— und i mach' Dich zum reichen Kerl für Dei Lebtag!,— I thät's ja g'wiß nit verlange— aber der Vater, der Vater, — wer lieber Gott— wie er dag'standen ist und hat zittert!" „I versteh', was D' willst— i soll's auf mich nehmen, daß d Gendarmen Dich nit weiter verfolgen," sagt Sebald. (Fortsetzung folgt.) SonnkAgsplauvevei. Wiederum tönen die Osterklänge durch die Welt. Ihre lante Feierlichkeit ist geblieben, aber was sie vordem den Menschen heim- lich anvertrauten, das verstehen die Bürger von heute zum große» Theil nicht mehr. Wenn vordem die Osterglocken erklangen, so läuteten sie Erdenlust und Freude ein; und selbst da ein Faust am Ende seiner Tage zu sein wähnte, hat der Jubel der Osterklänge den Verzagten der mütterlichen Erde wiedergegeben. Was einst wie eine heitere Symphonie durch die Lüfte scholl, kann jetzt nicht mehr recht die Pulse eines zagen Bürgergeschlechts höher schlagen machen. Zu matter Ceremonie ist geworden, waS einst einen brausenden Lebensinhalt hatte. Die Oster- glocken läuten, wie ehedem. Aber was ihr Geläute sinnbildlich ver- kündete, das Drängen nach Licht, die ungeberdige Daseinssreude, wie sie der hoffnung.gebärende Frühling schafft, wird von den Müden nicht mehr begriffen. Zu den tobten Symbole», mit denen diese müde Gesellschaft sich hinschleppt, an denen sie an seltenen Festtagen noch einmal ihre starren Glieder wärmen möchte, gehört auch das feierliche Klingen der Osterglocken. De? seligen, blüthenreichen Frühlings mag sich freuen, wer schaffende Kraft füblt, wer Früchte erwartet von seinem Thun. wer das Vertrauen in sich hat, die Zukunft nach seinem Sinne gestalten zu dürfen. Wer aber das Vertrauen aus den Händen gleiten ließ, wer in krampfhafter Gier den Tag genießt, weil ihn die Furcht vor un- gewisser Zukunft nicht verläßt, dessen Frohsinn ist eine geheuchelte Maskerade. Sei» Osterjubel kommt aus gepreßter Brust. Er ist matlherzig, wie die übliche Beschwörung der unversiegbaren Menschen- liebe, der man a» den Ostertagen überall begegnen kann. Welche überfließende Empfindsamkeit von der„Kreuz-Zeitung" bis zu den„Hamburger Nachrichten"! Man könnte meinen, aller Haß sei auf Erden verschwunden, die zärtlichste Brüderlichkeit regiere. Auf ihren inneren Werth freilich darf man die sentimentale Phrase nicht prüfen. Im selben Blatt, in dem die opferbereite Liebe als höchste religiöse Pflicht in beweglichen Worten gepriesen wird, schichtet man den Scheiterhaufen selbst für jene Theologen, die nur um ein Haar breit vom starren Dogma sich entfernen. Aus den Lippen die gütige Liebe, im Herzen die lückische Unduldsamkeit und die Rachbegier, zu strafen und zu verfolgen. Hier träufelt man Milde in süßen Worten, dort ruft man erbittert nach mehr Polizei- gewalt, immer mehr Polizeigewalt. Halbwissenschastliche Jrrthümer, thöricht ausschweifende Jünglingsphantasien werden zu ungeheueren Gefahren sür das Slaatsleben gestempelt. Man will sich ausregen, man will sein Blut in Wallung bringen. Mit wahrem Behagen stürzt man sich ans irgend eine tolle Aeußerung eines Herostratischen Bürschchens. als ob von solchen Tollheiten einer Welt Wohl und Wehe abhinge. Man konnte das wieder an der Wirkung erleben, die der Prozeß Koschemann auf gewisse Kreise geübt hat. Wie wurde dem Philister das richtige Gruseln beigebracht; wie wurde er in einzelnen Zeitungen belehrt, daß eine Hölle von Dämonen losgelassen sei. Das war das seltsamste in dem seltsamen Prozeß, daß sich eine Presse fand, die polizeifrommer war, als die Polizei selbst, die einen armseligen Menschen, wie diesen Koschemann, zu einer Art von finsterem, schwarzen Titanen mache» wollte. Der Gerichtshof entschied für die Schuld Koschemauns. Nunmehr können sie befriedigt ansathmen, die da meinte», das„Beweismaterial werde leider nicht so erdrückend sein", um ein abschreckendes Beispiel aufzustellen. Die führenden Männer der Sozialdemokratie haben längst die wirre Renommage gebrandmarkt, wie sie in Aeußerungen Herostratischen Größenwahns sich kundgiebt. Wer hebt aber diese Renommisten, wer fördert sie in ihrem Eitelkeits- ivahn, wer könnte geradezu nach alter krimineller Erfahrung zur Nacheiserung verlocken? Wer anders als jene Elemente in einer Presse, die nach Gewaltmaßregeln lechzt, die einen Koschemann, der auf eine langwierige Kette von Indizien hin verurtheilt wurde, im ver- größerten Maßstab eines höllischen Geistes erscheinen läßt. Es ist beinahe tragikomisch, wie diesmal beim österlichen Läuten auch sonst der Lenzesjubel unserer Bürgerschaft klingt. Welche niühsamen Anstrengungen, das Gesicht in feierlich-heitere Falten zu legen, und welch' süß-säuerlicher Effekt im ganzen! Kaum sind die loyal-dynastischen Feste verrauscht, kaum hat ruhmrednerischer Patriolismus sich in Worten übernommen, die wie ein Ei dem anderen dem vielverspotteten Gloiregeschrei der Franzosen von einst glichen, kaum hat man von unerhörter WeltmachtsteUung geträumt: und die bittere Wirklichkeit kommt und zeigt ein völlig verwandeltes Gesicht. Das seltsame Spektakel vor Kreta wird endlos in die Länge gezogen, und das schneidigste Weltmachtdiktat hat nichts zu bedeuten. Das syrupartige Gerede von der allumfassenden Liebe in den Osterbetrachtungen der Blätter, und die harten Thatsachen, von denen heute niemand weiß, welchen explosiven Stoff sie mit sich führen. Eine seltsame Einbildung, daß irgend eine Macht bei der allgemein herrschenden tiefreichenden Spannung, bei dem allgemein lauernden Zustand, dessen glorreicher Ausdruck der„bewaffnete Frieden" ist, die Kraft eines ehrlichen Maklers, das Gewicht eines Schiedsamtes beilegen möchte. Haben doch solche Illusionen schon zu den komischsten Zwischenfällen geführt. Eine solche komische Episode war ein Sturm im Wasserglas, den ein Theil der italienischen Studentenschaft ins Werk setzte. Unsere italienischen Verbündeten stehen in der hellenischen Frage auf einem ganz anderen Standpunkt, als die amtlichen Kreise in Deutschland. Das machte namentlich den italienischen Studenten, die die hitzigsten Griechensreunde sind, viel Kopfzerbrechen und erregte ihren Unwillen. Nun sollte eine größere Gesellschaft italienischer Studenten Berlin und andere deutsche Städte zu„Studienzwecken" besuchen. Das fuhr den heißblütigsten dieser jungen Leute durch den Kops. Sie hätte» es lieber gesehen, daß die begeisterte italienische Studentenschaft das „griechenseindliche Deutschland" mit Nichtachtung gestraft hätte. Es entstand ein kleiner Aufruhr an den Universitäten. Man solle nicht nach Deutschland reisen. Welches Unglück! Aber der Sturm im Glase Wasser hatte sich rasch gelegt. Die Herren Studenten kamen doch und besuchten in der Charwoche sogar Berlin. Welches Glück! Und Verbrüderungsfeste wurden gefeiert, ein Kommers löste den andern ab, und gebechert wurde und musizirt und mit patriotischen Hurrahrufen wurde toastirt, so daß es fast verwunderlich bleibt, wie unsere italienischen Gäste zu Studienzwecken Zeit fanden. Jeden- falls haben sie große Gelenkigkeit im Ueberwinden ihres Unmuths bewährt. Dafür haben es ihnen aber auch die Unsrigen zum Lohne gezeigt. Ja, ja, die wissen zu imponiren, und höchst ergötzlich war die Lektüre unserer Lokalblätter. Wie sie aufmarschirten, unsere Studenten, voll in Wichs, mit sorgfältig gescheiteltem Haupt, in tadellosem Burschen- glänz und in strammer Haltung, da mußten sich die armer Italiener, wenn man den lokalpatriotischen Ergüssen der Blätter glauben darf. wie die Waisenknabe» vorgekommen sein. Sie waren anfangs so betreten und von der Pracht geblendet, daß sie nicht recht wußten, od sie's am Ende statt mit Studenten nicht mit Offizieren zu thun hätten, das war wenigstens gedruckt zu lesen. Und einer der Italiener, voll von Bewunderung über die reichverschnürte Pekesche eines Berliners, soll gar ausgerufen haben: Welcher Reichthum und Tlonz unter den deutschen Studenten. Und wie dann bei den Koni- Wersen das schneidige, durchdringende Kommando der sogenannten Chargirten erklang, wie werden die italienischen Gäste erst da vor Ehrfurcht erbebt sein! Welcher Triumph deutschen studentischen Geistes. ES muß besonders erhebend gewesen sein. Von der Echneidigkeit und der straffen Disziplin der Italiener bei Schläger- klirren und Gläserklingen hat kein Wort verlautet. Höchstens hieß es von ihnen, daß einzelne sehr markante, geistvolle Köpfe unter ihnen auffielen. Aber darauf kommt es ja nicht an. In späten Vorfrühling fällt diesmal das Osterfest. Trotzdem der April uns mehr die rauhe, als die freundliche warme Seite seines Wesens gezeigt hat, grünt es lebhaft überall. Auf den Zierplätzen Berlins ist es nicht mehr kahl, und in den Vorgärten der Häuser hat stch bereits Blüthenpracht entfaltet, nicht niehr weit ist es zum Maie». Nicht mit banger Verzagtheit, nicht mit ungewisser Frage a»f den Lippen feiert dann das Prole- tariat fein Frühlingsfest. Die Liebe, die unversiegbare ewige Menschenliebe, die jetzt mit so reichem Wortschwall von den bürgerlichen Klassen erhoben wird, sucht man alsbald zu begraben, wenn das Ostergeläuie verklungen ist. Dann koinmen die Gewalt- androhungcn und die Chikanen wider die Sozialdemokratie und ihre Bekenner wieder zu Ansehen. Wie das Proletariat durch das Liebes« geflenne nicht eingefangen wird, so wird es auch durch die drohende Ge- berde nicht abgeschreckt. Seine Feste haben noch ihren unausgeschöpften Lebensgchalt. Das Proletariat vernimmt den Frühlingsjubel, den» er klingt innerlich in ihm wieder trotz aller Widerwärtigkeiten der Gegenwart. Es darf den Frühling feiern, denn es ist selber noch des Frühlings voll; und es erhofft von seinem Thun Früchte, von seinein Wirken eine freie, menschenverbindende, nicht menschen- trennende Zukunft._ Alpha. Ein Opkergnng. Als der Zug über die Spree ratterte, zerflatterten die letzten Nebelsetzen, und breit legte sich die Sonne auf die glitzernden Wässer. Jetzt tauchten auch die grotesken Giebel und Dächer des Fischerei- gebäudes auf, aber sie erschienen verblaßt, verwaschen wie die ganze vorsommerliche Herrlichkeit. Um so jugendfrischer repräsentirte sich der Park. Eine Symphonie in Grün. Als wäre es mit Pastell- stiften hingestricheu, erscheint das zarte Roth der Schwarzpappel- kätzchen, das helle Grün der Hängebirke, das frischere der Ahorne, das fahle, flauniige der springenden Kastanienknospen, das satte iLrün der schon ganze Ballen und geschlossene Flächen bildenden Büsche und Hecken und Grasflecke. Ich schreite die gepflasterte Hauptstraße hinab, und aller Frnhlingszanber ist verflogen. Zu meiner Rechten«in weites, ödes, von kahlen Bäumen umstandenes Trümmerfeld. Wo im Vorjahr die vier Rieseuesfen qualmten, fußhoher Kalk- und Gipsstaub, ver- mischt mit Sand, Ziegel- und Steinbrocke». Ausgefahrene Wege, in denen der Fuß sich bis über die Knöchel in Sandmehl vergräbt, führen zmn einstigen Bauhof. Einige Spitzbogen, aufgesührt aus Kuustsandstein, und Reste des bunten Töpserci-Gebäudes zeigen noch von früherer Pracht, von dem stillsten und schönsten Winkel, den die vorjährige Ausstellung auswies. Ganze Hausen glasirtcr Ziegel, gebrannter Giebelverzierungen bedecken den Boden, in allen Farben leuchten sie. Wie leicht hatten es hier die Unternehmer mit dem Bauen! Auf den Sand wurde eine Schicht Beton gelegt, Zement darüber gestrichen, dieser geglättet oder mit geometrischen Figuren verziert, die man eindrückte: der Grund war gegeben, über dem sich die Gebäude erhoben. Ich stehe auf dem Platze, über den sich einst die Riesenkuppel des Hauptgebäudes spannte. Jetzt ist's ein Sandberg, zusammen- gehalten von eingerammten Stämmen, die man mit Bretter» ver- dunden. Wo sie laufen, endete einst das Querschiff. Mein Blick schweift nach Westen. Zu taufenden hat man die viereckigen Zementplatten ausgehoben, auf den Kopf gestellt und an einander- gelehnt. Wie ein Eisstoß sieht es aus, dessen Schollen zur Ruhe gekommen. Wüthendes Spatzengeschrei läßt mich umblicken. Auf einigen herumliegenden Kapitälen hat sich ein ganzer Schwärm niedergelassen, zwei Männchen raufen sich, daß die Federn fliege», vor den vergnügt zuschauenden Weibchen. Ich gehe weiter. Kein Schreiten ist es, mehr ein Springen, Turnen, über Löcker, Sand- und Steinhaufen. Da, über dem dreistrahligen Zementfundament erhob sich der Kameel- bronnen des Herrn Schmechten. Jetzt wackelt neben ihm eine windschiefe Bude, die den Abbruchsarbeitern als Kantine dient. Eine zweite, besser gebaute Bude steht hinter ihr, an eine ihrer Wände hat ein Schalk in großen rothen Buchstaben das Wort„Registcred 1897" geschrieben. Vielleicht ist dieses Brettergefüge das Modell zu jenen Baubuden, die die Stadt schon seit langem ihren Arbeitern gewähren soll, und die Geschichte zieht stch nur deshalb so in die Länge, weil der Magistrat erst ein Patent nehmen will. Von der großen Fontäne ist keine Spur mehr vorhanden, und nur ein stinkender Sumpf erinnert»och an das dreischalige Wasserbecken. Auch das Bismarck- Standbild ist verschwunden, nur der Sockel ist geblieben. Echte Größe und wirkliches Verdienst findet aber immer noch seine Werthung: Auf dem rothen Sandstein steht in Kreide- schrist:.Kühnemann sein Sockel". Unwillkürlich sucht der Blick den Wasserthurm. Er ist ver- fchwunden wie das Hauptrestaurant, wie fast alle AusstcflungSbaute� rechts der Hauptstraße. Acht in den Boden gerannme disenschieiieu die oben sich einander nähern, bezeichnen die Stelle, an der selbst der Abriß noch Menschenleben kostete. Das Bayerische Wirthshaus am See steht noch. Etwas verwittert schaut es schoü aus. Adam und Eva haben Farbe gelassen. Jobann von Nepomuk hat de» Kopf verloren. Aber die über den Altan hängenden Halterbub-Hosen sind»och so echt wie vor Jahr und Tag. Heller Sonnenschein liegt auf dem Platze vor dem Gebäude. Von einem Feldstuhl erhebt sich ei» Mann und blickt schmunzelnd bald auf die Schänke, bald auf das Papier, das er in den Händen hält: Er hat das Wirthshaus in Aquarellfarben gemalt, und das Bild ist gelungen. Ich wende mich dem Vorbau zu und lasse mich snieder. Sofort beginnt der Kellner einen Plausch: Wie schön das Wetter, wer der jetzige Pachter sei, und daß das Gebäude hier, ausgeführt in festen Materialien, diesen Sonnner irgendwo in der Umgebung Berlins von neuem erstehen werde. Ich lasse ihn reden. Meine Augen haften an einer Weide, deren voll aufgebrochene Kätzchen den Baum wie eine» gelben Woll- Ballen erscheinen laffen. Und ich lächle und lache: Vor mir tobt die Palm-Schlacht. Vor vielen Jahren war es. In einer katholischen Kirche drängte sich vorn beim Altar eine Schaar von wohl hundert Burschen und Bürschlein. Bauernsöhne waren darunter, Taglöhner- buben und auch jüngere Knechte. Und jeder von ihnen hielt in seiner Linken einen Bündel zusammengeschnürter„Palmzweige", das oft doppelt so lang war als er, in der Rechten aber hatte er eine Weidengerte. Es war Palmsonntag, und die„Palmzweige" sollte» geweiht und gesegnet werde», damit sie nach Ostern zusammen mit Kreuzchen aus„Judasholz" auf die Saalfelder gesteckt werde» konnten. Schon während der„Passion" hatte es unter dem Haufen zu rumoren begonnen. Einige Bauernsöhne wollten sich vordrängen. da sie aber später gekommen waren, wurden sie zurückgestoßen. Jetzt stieg der Pfarrer mit dem Wedel vom Altar herab, um die Weihe-Zercmonie vorzunehmen. Wieder begann das Drängen, Drucken und Stoßen; da schwirrte eine Gerte hernieder, und das Raufen war fertig. Die einen schlugen mit ihren Büschen zu, daß die Kätzchen nach allen Seiten spritzten; andere kehrten die Bündel um»nd gebrauchten den Stock, der dem Buschen als Fuß diente, in den Kirchenstühlen jammerten die Mütter, von den Emporen herab schrieen die Väter. Kreidebleich stand der Pfarrer da, keines Wortes mächtig. Ich war damals fromm wie der Sohn eines Küsters und stand als Ministrant nnt dem Weihwasserkeffel, der gut seine acht Maaß hielt, neben dem Pfarrer. Als aber das Raufen gar nicht aufhören wollte, regte sich auch in mir das Waldfinkenblut. Hinaus zu ihnen konnte ich nicht, das hinderte das Holzgitter. Da faßte ich den Kessel mit beiden Händen und goß feinen Inhalt in den dichtesten Haufen. Die Getroffenen erschienen sofort wie gebadete Mäuse. Ei» Lachen schlug auf— die Schlacht war zu Ende. Wo das Theater Alt-Berlin stand, ragt ein Klamottenhaufen. Mitten unter ihnen trauert«in vertrockneter Riesen-Lorbeerkranz. Es wird ihn wohl Herr Blumenreich vergessen haben. Wen» er Finderlohn zahlt, kann ihm die Stelle angegeben werden. Von Alt- Berlin ist kein Rabitzfetzcn übrig geblieben, aber das Riesen-Fern- rohr, das Urnenhäuschen»nd das Skelett der Thurmbahn kann noch bewundert werden. Das„nasse Viereck" ist sehr trocken ge- worden: Eine Schuttstätte, gleichend dem Mülllagerplatz draußen bei Weißcnsee. Nur der Platz, auf dem der Wohllhäter Abraham hauste, ist frische, grüne Wiese.--- Und nun möchte ich ein paar Worte zur Stadtverwaltung sprechen. Wenn es sich um ein paar Mark rückständiger Steuern handelt, dann weiß die Stadt Berlin den armen Teufel, der sie schuldet, zu finden und zu fassen. Die Stadt Berlin ist die Eigen- thümerin des Treptower Parkes. Der Ausstellungs-Ausschuß hat die Benutzung des Parkes nur unter der Bedingung erhalten, daß er nach der Ausstellung den Park wieder in demselben Zustande übergiebt, wie er ihn erhalten. Seit Schluß der Ausstellung ist ein halbes Jahr verflossen, der Ausschuß hat noch keinen Spatenstich thuen lassen. Versteht die Stadt Berlin ihre Rechte wohl gegen Steuerrückständler, bei denen es sich um einige Mark, nicht aber gegen Kommerzien« und geheime Kommerzienräthe z» wahren, wenn es, wie hier, um weit mehr als um hunderttausend Mark gehl? Wenn der Ausstellungs-Ausschuß Ende April die Offertenausschreibung vornimmt, dann kann leicht der ganze Sommer vergehen, bis die Parkregulirung zu Ende ist. Wenn man den Treptower Park, diese grüne Lunge des Ostens und Südostens, gleich ein ganzes Jahr außer Thätigkeit setzen will, zu was hat man ihn dann geschaffen? Freilich, es handelt sich hier nicht um faules Thiergartenpublikum; nur um Arbeiter und kleine Handwerker. Aber dieses„Kleinzeug" ist auch noch da, und es weiß, was sein Recht ist, und sodert es.— Kleines Feuilleton. — Ter menschliche Bart. Nach Darwin und den»leisten Zoologen ist unser Bart noch eine thierische Bildung. Er ist bei gewissen Thieren entstanden durch geschlechtliche Zuchtwahl, indem die Weibchen solche Männchen, die durch einen schönen Bart ge- schmückt waren, den übrigen vorzogen. Auf die Weibchen wurde er nicht vererbt, weil die Männchen den umgekehrten Geschmack hatten. Von unseren affenähnlichen Vorsahren, die wohl wie die meisten Affen bei Männchen einen Bart halten, ist er uns überliefert. Dafür spreche a»ch, daß der uienschliche Fötus, und zwar in beiden Geschlechtern, stärkeren Haarwuchs uin den Mund habe. Daß auch gelegenUich Frauen eine» Bart haben. beruhe auf der Variabilität aller sogenannten sekundären Geschlechts- Charaktere.— Eine in jeder Beziehung entgegen- gefetzte Anficht vertritt A. Brandt. Er faßt den Bart nicht als Erbstück, sondern als Neuerwerbung auf. so daß selbst der ge» legentlich bei Frauen auftretende eine prophetische Bedeutung habe. Seine Gründe find folgende: Der Bart der Thiers fei nicht mit dem des Menschen zu vergleichen, da ersterer aus gewöhnlichen Haaren, letzterer aus Dauerhaaren, d. h. solchen mit unbegrenztem Wachsthum bestehe, wie fie bei Thieren nur an Mähne und Schweis des Pferdes und Mähne des Löwen, aber nicht in so allsgeprägter Weise vor- kommen. Da die embryonale Behaaarung nicht auf unsere Säuger. fondern auf die gemeinsamen Ursäuger-Vorfahren, zurückweise, sei der embryonale Pseudobart ohne Bedeutung. Außerdem geht dieser ja auch vor der Geburt verloren, und der echte Bart beginnt erst im 14. bis 16. Jahre, mit dem Beginn der Mann- barkeit, zusprossen. Dies spricht also schon für seine Auslegung als späte Neuerwerbung, ebenso wie seine schöne Ausbildung und hohe Differenzirilng. Brandt führt Beispiele von 1.70, 2,50 Meter und mehr Barllänge aus. Von geschlechtlicher Zuchtwahl könne bei dem verschiedeneu Geschmack« verschiedener Völker keine Rede sein, da bei manchen, die ohnehin fast bartlos sind, jedes Haar geivaltsam entfernt wird, während andere stolz auf eine:, möglichst großen und starken Bart find. Daß zu den ersteren gerade viele niedere, zu den letzteren weit höhere Bölkerstänime gehören, wäre unverständlich. wenn der Bart ein thierisches Erbstück sei. Wie der Mann in feiner ganze» Orgauisatioushöhe der Frau vorausgeeilt ist, so sei er es auch in bezug auf den Bart. Aber langsam komme die Frau nach. so daß jetzt schon etiva 10 pCt. der Frauen stärkeren Bartwuchs haben. Die Frau der Zukunft würde also ebenfalls mit einem Barte geziert sein.—(.Umschau".) Literarisches. n. F. Schik:.Adam und Eva". Ein Mt. Zürich 133«. Verlagsmagazin.(I. Schabelitz.)— Zehn Jahre hat Graf Attingen dem Jesuitenorden angehört; da erklärt der 39 jährige plötzlich seinen Austritt. Die soziale Frage, die Arbeitersrage, hat es ihm angelhau; ihr will er sei»« Zukunft weihen. Sein Bruder ist verzweifelt, Rom bestürzt. Während der erstere alle Hebel in Be- ivegung setzt, um den Skandal zu verhindern, haben die Römtinge bereits ihre» Entschluß gefaßt: die ganze Schande muß auf den Ab- trünnigen falle». Die Baronin Ortner, die Frau eines liberalen Polilikers, die bisher Geheimberichte für die Jesuiten lieferte, liebt den Expate». Rom sah dieses Berhältniß nicht ungern; jetzt soll die Welt erfahren, daß die Lieb« zu diesem Weibe der alleinige Grund für Attingen's Austritt aus dem Orden ist. Der Exjesuit vereitelt jedoch die zu diesem Zwecke sofort in Szene gesetzte Jntrigue und bleibt Sieger.— Der Berfaffer liebt die lieber- schwen glichkeiten; der Dialog bewegt sich fast durchweg aus Stelz» süßen, sodaß man am Ende aus den hochtrabenden Redensarten nicht recht klug wird. Herr Schik gehört offenbar noch zu den Leuten, welche die Weisheit für um so tiefer halten, je dunNer Rede und Aus- druck find. Ein Beispiel fiir viele. Der Exjesuit empfängt eine Arbeiter- Deputation, und ein Mitglied derselben redet ihn wie folgt au: „Sprich! Dein Wort ist That in unserer Hand. Seltsame Ver- bindung ist Dir eigen mit Zeiten, die je waren; es strömen die Gedanke» durch der Jahrtansende Gestrüpp, und alles bleibt zurück, was unserer Zeit nicht frommt. Wir sind die Kleinen, in den Kamps gebannt. Du bist der Urlaut, dem kein Ohr entkommt. Du tönest fort!" Das reinste Blech!— Kulturhistorisches. — lr. Sonderbare Gesetze. Eine der originellsten Parlamentsakte ist ohne Zweifel die unter t der Regierung Eduard Hl. von England durchgegangene„Regelung der Mahl« zeiten der Bürgerschaft". Der um die Mägen seiner Unterthanen besorgte König verbot, bei den Mittag- und Abendmahlzeiten mehr als 2 Gänge zu serviren. Nur einige festgesetzte Feiertage sollten die Ausnahme dieser Regel bilden. Dieses Gesetz ist nie widerrufen worden. Zu den absurdesten Gesetzen gehört auch das noch in krast bestehende schottischejjDiktluu, welches alle jene Neugeborenen als tadtgeboren bezeichnet, welche vor ihrem Tod« nicht geschrieen haben, gleichviel ob derselbe gleich oder erst mehrere Stunden nach der Geburt eintritt. Hat das Kmd auch nnr einen Schrei ausge- stoßen, so gilt es als„gesetzlich gestorben". In früheren Zeilen er- achtete der noch heute so puritanische Staat von England es auch als unerläßlich, über die Moral und sittliche Wohlfahrt seiner Nnter- thanen zu wachen. Ein Gesetz, welches zu Anfang des 17. Jahrhunderts entstand, legte jedem, wofern er nicht allsouutäglich die Kirche besuchte, eine Geldstrafe von einem Schilling auf. Von neun Jahren auswärts waren beide Geschlechter dem Gesetze unter- morsen. Der Gottesdieuer, der»achweisen konnte, daß eines der Schafe seiner Gemeinde vom Wege des Heils abgeirrt ist, hatte das Recht, eine Belohnung von 2 Pfund Sterlm, 40 Mark, zu er- heben. Das Gesetz lvar ziemlich detaillirt ausgearbeitet, ein Beweis, wie wenig.christlich", wie sehr„verderbt" das Volk zn jener„guten akten Zeit" schon gewesen sein muß. Die während des Gottesdienstes in Kneipen angetroffenen Abtrünnigen find außerdem zu einer dreinial so hohen Geldstrafe, der Wirth zu einer Geldstrafe von der zehnfachen Höhe des Betrages verurtheilt worden. Dieses Gesetz ist sogar noch 1365 streng durch- geführt ivorden. In diesem Jahre würbe in London ein Diener zu einer empfindlichen Geldstrafe verurtheilt, well er trotz des Befehl? seiner Herrin sich weigerte, die Kirche zu besuchen.— Aus dem Pflanzeuleben. — Die Garten-Hyaeinthe(Hyacinthus(mentalis) hatte öfter Klagen darüber veranlaßt, daß Gärtner und Händler, die viel mit den Zwiebeln hantirt hatten, Ausschlag an den Händen be- kamen, den man von einem scharfen und flüchtigen Giftstoff ab- leitete, ohne daß die Ursache völlig klar festgestellt worden iväre. Wie Dr. Morris am ö. November 139« vor der Londoner Linne- scheu Gesellschaft ausführte, ist dies nunmehr im Jodrell- Laboratorium zu Kew nochgeholt worden, und es zeigte sich, daß die von trockenen wie von feuchten Zwiebel- schalen ausgehende Reizung durch Raphiden, daß heißt Bündel nadelscharfer Krystalle von oxalsaurem Kalk be- wirkt werden, deren Spitzen leicht in die Haut dringen. Sie treten besonders aus den trockenen äußeren Schalen hervor, und Dr. D. H. Scott überzeugte sich durch Versuche, daß die zahl- reichen feinen Spitzen den Reiz erzeugen. Am schnierzhastesten wirkten die Raphiden der römischen Hyacinthe(2. o. var. albtüus). — Man nimmt bekanntlich an, daß dies« Raphiden den Knollen und Blättern vieler Pflanzen als Schutz gegen das Gefreffemverden durch Schnecken und vierfüßige Thier« dienen; in der That ist der Schmerz, den sie auf der Zunge verursachen, sehr heftig, wovon sich jeder überzeugen kann, der ein kleines Stück vom Blatte der be- kannten Zimmer-Calla(Bichardia) zu essen versucht. Der Schmerz des stärksten spanischen Pfeffers ist ein Kinderspiel gegen das Stechen, welches die Krystalle des Kalkoxalats hervorrufen, aber die Schnecken würden auch kein Blatt dieser Aroideen übrig lassen, wen» letztere nicht diesen kräftigen Selbstschutz besüße».— („Prometheus.") Humoristisches. — Der Pfarrer(am Neujahrstage):„Aber, lieber Mc Ginty, schämen Sie sich nicht, so betrunken zu sein! Da wir jetzt einen neuen wichtigen Abschnitt im menschlichen Leben beginnen, sollten Sie den heutigen Tag nicht vorübergehen lassen, sondern dem Trunk entsagen und ein neues Leben ansangen." M c Ginty;„Well, Hochwürden, ich mein', ich wart' lieber noch drei Jahr'." Der Psarrer:„Drei Jahre? Warum dmn gerade drei Jahre?" Mc Ginty:«Well, dann sang' ich gleich ä neies Jahr- hundert an."—(„Puck") Vermischtes vom Tage. — In Osterburg versteigerte der Gerichtsvollzieher an, letzten Dienstag öffentlich gegen Baarbezahlnng einen silbernen, stark ver- goldeten Kammerherrnschlüssel.— — In Innsbruck wurde der 23 Jahre alte Büchsenmacher- gehilfe Karl Menk auf Ansuchen deutscher Gerichte„wegen an« archistischer Umtriebe" verhaftet. Menk ist ein gebürtiger Däne.— — Verhungert ist ans Martinsruh am Hainzenberg (Graubünden) ein SSjähriger Mann von Kazis. Er wurde in einem Stalle todt aufgefunden.— — Eine feine Annonce findet sich im„Fränkischen Wald":„Wer mich noch einmal mit den Namen Schlöppgosche» oder Rapsebuschel benennt,»verde ich gerichtlich belangen. Adam Eißenbeißer, Agent für Auswanderer nach Amerika. Auch Hab« ich 2 Regulateure zu verkaufen."— — München. 17. April. Der frühere Direktor der bayerischen Hypotheken- und Wechselbank, Joh. B. v. Stroell, ist heule Nacht von dein Fenster feines Schlafzimmers in den Hof hinabgestürzt und blieb sofort todt.— — Der österreichische Generalmajor Heinrich Polko ist »vahnsinnig geivorden.— — I» Preßburg ermordete ein irrsinniger, pe>»sionirter Honved-Hanptmann seine schlafende Haushälterin mit einer Holz- hacke.— — Die Holzstoff- und Pappenfabrik von Weigend n. Wache in Krimsdorf(Böhmen) ist niedergebrannt.— — In Andalusien(Süd- Spanien) herrscht Hungersnoth. In der Gemarkung Jerez allein giebt es 12000 arbeitslose Land- arbeiter.— — In Warschau, Radom und Lnblin»vurden in den letzten Tagen 53 Mädchenhändler verhastet. Die Bande verkaufte die Mädchen nach Brasilien nnd Argentinien.— — EinthenresEi. In London»vsrrde vor einigen Tagen ein gut erhaltenes Ei des jetzt ausgestorbene» Seealks versteigert. Das Edinburger Freie Mnsenm zahlte dafür 5600 M.— — Das Segelschiff„Auguste imd Julie" gerieth bei der Insel Martinique(West-Indien) in Brand nnd zerfprang. Die Mann- schast konnte sich nach der Insel retten.—_ Verantwortlicher Redakteur: Robert Schmidt in Berlin. Druck und Verlag von Max Bading in Berlin.