Anterhaltungsblatt des vorwärts Nr. 81. Sonntag, den 25. April. 1897. (Nachdruck verboten) 17i Ein nltev Skveik. Roman aus dem bayerischen Volksleben der sechziger Jahre von W i l h e l m i n e v. H i l l e r n. Das Schwerste. Was ist das für ein seltsames, geheimnisvolles Leben und Regen in der todten Müble? Wiltrand bleibt erschrocken unter der Thür stehen, als sie von ihrem traurigen Gang heimkommt.— Spukt es in dem verödeten Haus? Haben sich Vagabunden eingeschlichen, während es offen stand Sie ist allein, schutzlos— was soll sie thun? Sie horcht. Es ist ein Flüstern und Raunen und Knistern im Gebälk, wie von vielen Tritten auf leisen Sohlen. Aber nur einen Augenblick zögert sie— was kann i h r noch kommen? Sie fürchtet nichts mehr! Daun tritt sie ein, harre ihrer, was da wolle. In der unteren Wohnstube brennt ein Feuer im Ofen und davor kauert ein Mann und wirft allerhand sonderbare Dinge hinein, deren ein großer Pack aufgehäuft nehmen ihm liegt. Masken, Felle, Fetzen aller Art. Wiltraud starrt das Blut in den Adern— Haberer! Ist sie denn heute ganz im Bann der unseligen Verfehmten? „Was giebt's da?" fragt sie mit fester Stimme,— denn noch ist es ihr Haus und noch hat sie ihr Hausrecht zu wahren. „Geh nur'nauf in d' Kammer, da wirst's sehen!" ist die kurze Antwort. Wiltraud ahnt ein neues Verhängnis. Sie läuft die Treppe hinauf, nach der Kammer. Vor der Thür tritt ihr Gemming entgegen. Er ist bleich, und seine zerrissenen Kleider, sowie ein paar breite Schrammen im Gesicht zeigen die Spuren von den Kämpfen der Nacht.—„Gelt, Wiltraud, da bringen wir Ihnen was Schön's ins Haus?" sagt er in seiner persiflirenden Weise, aber sein Ton ist anders als sonst. „Um Gottes willen, Herr Gemming, wie seid Ihr zu- g'richt?" ruft Wiltraud erschrocken,„da muß es ja graußlig hergange sei!" „Ach, die paar Kratzer, die acht ich nicht.— Aber drin liegt einer, den hat's anders g'habt!" „Wer?" „Unser braver Habermeister, Sie kennen ihn ja—" Wiltraud besinnt sich, schüttelt aber mit dem Kopf. „Der bei Ihrem Vater seiner Leich' da war und ihm den Kranz aufs Grab g'legt hat— der, mit dem streugen Blick—" „Ach, der? So, war dös der Habermeister? Ja, waS ist denn dem g'schehen?" „Einen Arm haben sie ihm abg'schossen, grad oben am Schultergelenk!" „Jesus, was für Unglück!" „Gelt?" sagt Gemming.„Ja, um den ist's schad'! So a Prachtmensch, und so zug'richtet, daß man nit weiß, ob's nit a Gnad' und Barmherzigkeit wär', wenn man ihn noch vollends umbrächt'!" „Gottes willen, Herr Gemming, so was z' sagen!" „Ja, ja, ich weiß schon, ich thu's auch nit. Aber ich sag' nur, em Thier ließ man nit so lang leiden; eine Flieg', der die Flügel ausg'rissen sind, tritt man todt. Aber ein Mensch muß sich noch ein ganzes Leben als Krüppel'rumschiuden—" er spuckt ingrimmig aus:„Pfui Teufl, über d i e Welt- ordnung!" „Aber, Herr Gemming, i bitt' Jhna, so muffen S' nit reden!— Sie meincn's doch nit so—'s ist nur, daß es g'schimpft ist!" Gemming sieht sie verblüfft an.„Kannst recht haben! Aber weißt,'s Schimpfen hat auch was für sich. I mein' als amal, wenn man recht schimpft, hat der da droben doch ein Einsehen und giebt a bißl nach!" „Mei, Herr Gemming, was habt's Oes für n' Begriff! 's ist nur a Glück, daß unser Herrgott g'schciter ist und's Euch nit so anrechnet, wie's rauskommt! I denk mir halt, der kennt Euch schon!" „Guck, Madl, Du bist vernünftiger, als alle die Studirten. Du thätst mir g'fallen!" „Aber Ihr m i r nit, Herr Gemming?" sagte Wiltraud ruhig. „Ja, ja, ich möcht' auch gar nicht, daß ich Dir g'fiel, Du wärst mir schon z' gut für so'n Kerl, wie ich bin! I bin a'brochene Existenz, a Scherben, in dem sich nix Ernst's mehr ansammeln kann. Du bist was Ganzes und kannst was Ganzes verlange! Aber g'fallen thust mir halt, dös darf man doch sag'n?" „Ja, ja! Aber, Herr Gemming. Oes redt's wieder nix G'scheit's! Was wird's mit dem Verwundeten? Was g'schieht denn?" „Jetzt im Augenblick gar nix! Wir müssen auf'n Doktor warten,'s ist einer ins Dorf hinein und holt ihn— auf sein Doktoreid, daß er nix verrathet, was er sieht und hört. Der alte Rugmeister ist gangen, der macht's schon schlau. Die G'fahr für uns alle ist groß— aber die G'fahr für dem Habermeister sein Leben ist halt noch größer!" „No seht's, da war's Euch doch nit so ernst mit dem Umbringen vorhin." sagt Wiltrand lächelnd.„Eure Reden sind alleweil schlechter, als Oes selber!" „Dös sehen aber'd Leut' nit ein— das ist ja mein Unglück!" „Da thät i halt schweigen an Eurer Stell'!" sagt Wiltrand mit ihrer gewohnten strengen Wahrhaftigkeit. Aber jetzt möcht' i nach dem armen Mann schauen, kann man 'nein?" „Freilich— wir sind ja froh, wenn Dn uns hilfst." Wiltraud tritt leise ein. Aus ihrem Bett ausgestreckt ruht der Habermeister, todtenblaß, mit geschlossenen Augen. Der rechte Arm liegt neben ihm wie ein fremdes Glied, mit um- gekehrtem Handrücken— man sieht, daß er aus dem Gelenk ist.— Eine dunkle Blutspur an der Schulter zeigt den Mangel- haften Verband. Einige Genossen, deren Masken soeben verbrannt ivorden, stehen herum. Wiltraud betrachtet ihn schmerzlich. „Jesus, was a Jammer, der g'suude, feste Mann!" aber rasch faßt sie sich und macht sich liebevoll am Bett des Bewußtlosen zu schaffen. Da giebt es hundert Dinge, die nur ein Weib sieht und versteht. Und die Männer schauen ihr bewundernd zu, wie sicher und wie zart sie den hilflosen Körper lagert und wie sie in der Schnelligkeit für alles sorgt. „O lieber Gott, die arme Hand ist schon ganz kalt und abg'storbeu," sagt sie schaudernd und sucht das leblose Glied in ihren Händen zu erwärmen. „Da Kammer schon am rechten Ort, besser hätt'n wir's gar nit treffen können!" sagen die Haberer untereinander. „Ja, wie seid's denn eigentlich da'rein komma?" fragt nun Wiltraud, die über das Unerwartete, was sie hier traf, das Nächstliegende vergeffen hat. „Im Dorf ist a Strafkompagnie cing'ruckt. Da wären ma nirgends mehr sicher g'weseu und haben ihn aus'ma Stadel, wo er g'legen hat,'raus thun müss'n," erzählt einer der Männer. Und der andere fährt fort:„Wir hab'n� ihn halt bis ins nächste Ort tragen wollen— aber z'mal ist er so schwach worden, daß wir ihn nimmer weiter transportiren kunnten. Da bist Du uns eing'sallen und wir haben denkt, Du nimmst 'n schon auf." „Ja, da habt's recht g'habt!" sagt Wiltrand mit leuchtenden Augen, denn welche Wohlthat ist es für sie, die Vereinsamte, den eigenen Schmerz zu vergessen in der Pflege und Sorge für einen andern Armen und Hilfsbedürftigen. „Wie wir da'rauf kommen sind, war's Hänsl offen und leer," spricht der Mann weiter.„Und da hab'n wir'n halt derweil'reing'legt!" „Recht war's," nickt Wiltraud und reicht den Leuten dir Hand zum Willkomm. „Wir danken schön," sagen die Männer. „Wie heißt denn der Mann?" fragt Wiltraud. Die Leute sehen sich verlegen an.„Weißt, dös darf niemand wissen, wer nit zu die Habercr g'hört.— Sei Haberernamen ist halt Poschinger, und so darfst ihn Du auch heißen." Wiltrand nickt.„I versteh' schon, mehr braucht's nit." „'s ist kei Mißtrauen," erklärt einer der Männer.„Aber 322 schau,'s ist für Dich selber besser, wannst amal in a Unter suchung kämst und kannst mit guatem G'wifs'n sag'n, daß D 'n nit kennst." „Freili, sreili— was ma nit weiß, kann ma nit vev rathen und kann ein'm niemand was anhaben!" „So ist's"— sagen die Männer. Und also bleibt Tenner für Wiltraud der Poschinger. Gemming hat indessen den Kranken beobachtet und wird unruhig.„Schaut nur, was er für blaue Flecken kriegt— wenn der Doktor nit bald kommt— sürcht' ich, giebt's den Brand." „O lieber Gott! dös wär' ja gräßlich." Wiltraud faßt den Unglücklichen wie schützend in die Arme.„Du armer. armer Mann! Hat er g'wiß auch noch Frau und Kinder?" „Freili! Vier Kinder und d' Frau!" „Die arme Seel', der muß man gleich B'richt geben." „O mei— Die erfahrt's no srüha g'nuag—" sagen die Männer so abweisend,� daß Wiltraud nichts mehr zu er- widern wagt. „Bitte sehr um Entschuldigung, daß ich so lang habe warten lassen—" ertönt jetzt des Doktors laute Stimme. Er reicht Gemming die Hand und grüßt Wiltraud freundlich „So, so, Wiltraud— wieder einmal barmherzige Schwester? Aber wie kommen Sie denn zu der Einquartierung, he?" „Sie sind halt'rein, während i fort war—'s Haus hat offen g'standen!" „So, so, ja, ja, die Ha--- wollt' sagen die— ich Hab' natürlich keine Ahnung, wer die Herren sind— die geniren sich nicht!" wirst er mit Humor hin und schickt sich an, den Verwundeten zu untersuchen.„Darf ich bitten— wir wollen das Bett von der Wand rücken! So!" er zieht sein Operationsetui heraus und legt den Rock ab.„Da handelt sich's jedenfalls um eine Schußfraktur,— wollen sehen, wo die Kugel sitzt! Assistiren Sie, Wiltraud— wir kennen uns ja vom Vater her, den Sie so brav gepflegt haben. So, bitte, schlitzen Sie gleich das Hemd auf, den Aermel entlang, und nehmen Sie den Nothverband weg."(Fortsetzung folgt.) Von vor Mimsselev HVelkousstellu ng. (Originalbericht des„Vorwärts".) Brüssel, den 23. April 1897. Morgen, am Sonnabend, den 24. April, wird die Brüsseler Weltausstellung für das Publikum geöffnet werde». Natürlich ist sie, wie es bei Ausstellungen so üblich, nicht fertig, obwohl alle maßgebenden Persönlichkeiten bis zuletzt stets auf das eifrigste ver- sichert hatten, daß die Ausstellung zum festgesetzten Zeitpunkte bis aus den letzten Hammerschlag fertig sein würde. Zeit genug zur Vorbereilung haben die Leiter allerdings gehabt. Im Prinzip war die Ausstellung bereits im Jahre 1891 beschlossene Sache. In Regierungskreisen scheint man ihr jedoch h> der ersten Zeit einige Schwierigkeiten bereitet zu haben, die wohl ihren Haupt- grund darin hatten, daß Antwerpen aus die nächste Ausstellung Anspruch machte, nachdem Brüssel im Jahre 1838 bereits seine Ausstellung gehabt hatte. Nichtsdestoweniger wurde nach langem Hin und Her am 18. Mai 1893 eine Aktie» Gesellschaft mit einem Kapital von 1 Million Franks gegründet, die den Namen„Limxolles-Exxositicm, societe anonyme" führte und nach ihrem Statut den Zweck verfolgte, möglichst bald in Brüssel eine Weltausstellung zu stände z» bringe». Die Gesellschaft beschloß deshalb, die Ausstellung im Frühjahr 1394 beginnen zu lassen und setzte sich zu diesem Zwecke von neuem mit der Regierung in Ver- bindung, um sich deren Unterstützung und Förderung für ihr Unter nehmen zu sichern. Aber sie kamen zu spät. Die Antwerpener waren früher aufgestanden. Sie hatten, um sich von den Brüsselern nicht das Geschäft verderben zu lassen, in aller Heimlichkeit gleich- falls eine» Ausstellungsplan ausgearbeitet und halten sich als gute Kauf- leute sofort der Zustimmung der Regierung versichert. Nun entbrannte ein böser Jnteressenkampf zwischen den beiden Großstädten des Landes. Selbstverständlich waren es rein private Interessen, um die man kämpfte, und alle die nationalen Phrasen und ähnlichen schönen Dinge, die dabei vorgebracht wurden, hatten natürlich weiter keinen Zweck, als das nackte Geldinteresse der Macher zu verdecke» und wohlanständig zu machen. Schließlich verfiel ein schlauer Kopf ans die Idee, eine Zwillings-Ausstellung zu veranstalten und die Aus- stellungen in Brüssel und Antwerpen gleichzeitig stattfinden zu lassen. Hiergegen legten aber die Antwerpener, die den Fremden erklärlicher- weise allein das Fell über die Ohren ziehen wollten und die Gesell- schast von Brüssel bei dieser Thätigkeit durchaus entbehren konnten, ganz energisch Verwahrung ein, und da sie die formelle Zusage der Regierung hatten, mußten die Brüsseler schließlich mit schwerem Herzen zurück- treten. Natürlich mußte man jetzt einige Zeit verstreichen lassen, dir sich»ach jeder Ausstellung unter den Industriellen eine gewisse Aus- stellungsmüdigkeit einstellt, die erst allmälig wieder überwunden wird, und so wurde denn das Jahr 1896 j» Aussicht genommen. Doch jetzt kam ein neues Moment hinzu, dos die Vertagung der Ausstellung auf ein weiteres Jahr zur Folge hatte. Herr Leopold II.. der klagefrohe König der Belgier, der bekanntlich mit seinem Privat- säckel sehr bedeutend bei dem merkwürdigen Gebilde des unabhängigen Kongostaates intercssirl ist und der diese verunglückte Spekulation gern seinen europäischen„Unlerthanen" aufhalsen möchte, für diesen Wunsch aber wenig Gegenliebe findet, halte, da er so leichter zu seinem Ziele zu gelangen hoffte, den Plan gefaßt, seinen bockbeinigen Unlerthanen und allen, die es sonst sehen wollten, recht deutlich vor Augen zu führen, ei» wie vortreffliches und entwickelungsfähiges Land sein Privatstaat am Kongo wäre. Es sollte deshalb in dem königlichen Schlosse Tervueren eine Kolonialausstellung gemacht und daran anschließend ein ständiges Kolonialmuseum geschaffen werden. Das ließ sich aber vor dem Jahre 1397 nicht mehr machen, und da es wünschenswerth erschien, die Kongo-Ausstellung in den Rahmen einer Weltausstellung aufzunehmen, damit die Absicht nicht gar zu deutlich zu erkennen wäre, so wurde schließlich die Weltausstellung ans das Jahr 1897 vertagt, und jetzt schien ihr auch die königliche Gnadensonne und die Regierung that nun ihr möglichstes, um ihr helfend und fördernd zur Seile zu stehen. Und trotz dieser langen Zeit der Vorbereitung ist die Aus- stellung nicht zum scstgcsetzten Tage fertig. Ja, sie ist so unfertig, daß man die offizielle Eröffnungsfeier mit obligaten Choralgesängeu, Reden, Hochs(Hurrahs!) und militärischem Schaugcpränge auf den I. Mai und, wie man neuerdings hört, sogar auf den 9. Mai ver- schoben hat. Wenn man das schlechte Wetter dafür verantwortlich machen will, so dürste man das kaum als genügende Entschuldigung gelten lassem Wie gesagt, ist die Ausstellung von einer Aktiengesellschaft unter- nommen worden, deren Geschäftsführung jedoch der Kontrolle der Regierung untersteht. Selbstverständlich hoffen die Aktionäre, ein hübsches Geschäft zu machen und die Regierung unterstützt sie dabei natürlich kräftigst. So konnte dem. auch hier die übliche Ausstellungslotlerie nicht schien. Du. Spicileidenschafl wird eben überall als ein sehr ausbeutunasfähigc- Feld betrachtet, und schließ- lich kann man es der Brüsseler Ausstellung nicht verdenken, wenn sie es nicht anders macht wie die anderen Ausstellungen. Der Hauptgewinn der Lotterie' ist eine 26 Kilogramm schwere Gruppe ans massivem Golde, einen Elefanten darstellend, der einen Tiger zermalmt, und bei Beschreibung dieses Gewinnes macht die offizielle Ansstellungs-Zeilung die freundliche Bemerkung:„Es bleibt nur zu wünschen, daß Dame Fortuna dieses große Laos einem braven und ehrenhaften Arbeiter in den Schooß wirst." Hoffentlich gehen nun alle braven und ehrenhasie». Arbeiter hin und kaufen sich Aus- stcllungsloose, damit sie eventuell in die Lage kommen, eine goldene Elesantengruppe aus ihren Nipptisch zu stellen. Daß der König der Belgier Protektor der Ausstellung ist und einige ähnliche Dinge dürften unsere Leser wenig interessiren. Aber die Regierung hat auch unter den verschiedenarligsten Titeln Gelder bewilligt, die der Ausstellung direkt oder indirekt zu gute kommen. Am bemerkenswerthesten ist hier wohl der Fonds von 390 009 Fr., der zu Preisen für die Lösung einer großen Reihe von Aufgaben, die von der Ausstellung gestellt worden sind, Verwendung finden soll. Es ist das die Verwirklichung im großen einer Idee, die von Herrn Sonzse, einem der Leiter der letzten Brüsseler Ausstellung im Jahre 1833 ausgesprochen und im kleinen auch verwirklicht worden ist. Das Ziel des Herrn Sonzee ist,„in jedem Lande durch kompetente und zu Koniniissionen vereinigte Fachmänner der Wissenschaft und der Industrie eine permanente Enquete darüber anzustellen, welches für den Forlschritt der wissenschaftlichen und industriellen Produktion die wichtigsten Fragen sind, deren Lösung zunächst wünschenswerlh erscheint. Die durch diese Enquete des Fortschritts festgestelllen Desiderata sollen dann veröffentlicht und ihre Kenntniß möglichst in der ganzen Welt verbreitet werden; in bestimmten Zeiträumen sollen dann Wettbewerbe zur Ausschreibung gelangen, um die Ernnder anzuspornen und sie sür ihre erfolgreiche» Be- mühnngen sofort zu belohnen." Innerhalb aller Abtheilungeu der Ausstellung find nun Kom- Missionen gebildet worden, die mit sauerem Schweiße eine un- geheure Anzahl von„Fragen" zusammengetragen haben, deren Lösung ihnen zunächst ivünschenswerth erscheint, und bei jeder Frage ist sür die beste Lösung ein Preis ausgesetzt worden. Selbst für den Interessenten ist es schwer, sich durch die mehrere hundert Fragen, von denen fast jede noch nähere Erklärungen benölhigt hat.hindurchzuwinden. ist hier entschieden des Guten zu viel gelhan und weniger wäre mehr gewesen, namentlich da infolge der riesigen Anzahl der Fragen die Preise sür die Lösungen recht gering ausfallen mußten. Nur einige Fragen aus der zweiten Sektion, soziales Leben. eien hier als Beispiele genannt. Für die beste Monographie über )ie Organisation und die Arbeitsbedingungen in der Groß-, Klein- und Hansindustrie und im Handwerk sind 1000 Fr. ausgesetzt. Mit 500 Fr. wird eine Erfindung belohnt, die die Unfälle infolge von Kettenbrüchen beseitigt. Ferner werden gewünscht: eine Vorrichtung, die das Zerquetschen der Finger bei Stampsmaschinen und Pressen unmöglich macht(Preis 300 Fr.); eine Vorrichtung. die die Arbeiter gegen die Unfälle beim Zerspringen der Wasserstandsanzeiger der Dampfmaschinen schützt(1S0 Fr.): ein Dampfgenerator, der sparsam arbeitet und bei dem jede Explosioos- gefahr ausgeschlossen ist(1000 Fr.); ein vollkommen gefahrloser Dampfkessel(8 Preise a 850 Fr. sür kleine, mittlere und große Kessel); eine Arbeitsmethode, die es bei der Fabrikation von Blei- weiß nach dem deutschen Verfahren ermöglicht, das Produkt aus den Karbonationskammern herauszuschaffen, ohne daß die Arbeiter sich in dieselben hinein zu begeben brauchen; eine vollkommen ge- fahrlose Belenchtungsart in den Pulverfabriken(500 Fr.); eine vollkommen gefahrlose automatische Schwefelholzmaschine(1000 Fr.); «ine selbstthätige Vorrichtung zur Schließung der Eisenbahnschranken, die den Wärter nicht zwingt, das Geleise zu betreren und die Sicherheit der Passanten und Fuhrwerke gewährleistet; eine Schutzvorrichtung, die das Quetschen der Hände beim Zuwerfen der Eisenbahn- Thülen verhindert; eine Vor- richlung, die das An- und Abkuppeln der Eisenbahn- Waggons gefahrlos macht(400 Franks); eine populäre Abhandlung, die die Arbeiter eines speziellen Industriezweiges über die ge- «ignetsten Maßregeln zur Abwendung von Unfällen aufklärt(300 Fr.); der Plan einer städtischen Arbeiterwohnung, die solid gebaut und gesund sein muß und einen gewissen ästhetischen Charakter trägt bei Herstellungskosten, ohne Grund und Boden, von 1500 bis 4000 Fr. (1200 Fr.); ein praktisches Mittel, die Statistiken der verschiedenen Länder leicht vergleichbar zu machen(250 Fr); eine kleine Abhand» lung von höchstens 30 Seilen über die Gründung und die Organi- sation einer Raiffeisen'schen Darlehnskasse(100 Fr.) u. s. w. Die Zahl der Frage» der zweiten Sektion allein betrögt 75. Den Besuchern der Brüsseler Weltausstellung werden natürlich außer der Ausstellung selbst noch alle möglichen sonstigen Genüsse versprochen, von Monarchenbcsnchen herab bis zum Cancan de- rühmter Tingeltangeleusen. Unsere Leser werden jedoch mit uns einverstanden sein, wenn wir diese Seite der Ausstellung mit Still- schweigen übergehen.—_ X. SonnkAZSplAudevei. In einem Drama Tolstoi's giebt es ein erschütterndes Zwie- gespräch zwischen einem alte» Landarbeiter und einem Dorskind. Der Alle ist ein Lebensphilosoph in seiner Art und er schildert dem Kinde die„Macht der Finstermß", die nnheilgebärende Macht der Unwissenheit und der Unkultur. Jnzivischen begeht im Kellergewölbe der rohe Bauer eine Unthat, ein fürchterliches Beispiel zur Lehre des Alte». Die Macht der Finsterniß hat den Bauer bezwungen. Der Schmied Pietro Acciariti. dessen Name heute in aller Welt Munde ist, entstammt einer Gegend und einem Ort, in denen heute noch die volle Macht der Finsterniß wirkt, in denen heute noch Aber« glaube und Verbrechen innig mit einander verbunden sind. Jtalien.�>as herrliche, hat seinen Großmachtstranm bitter bezahlen müssen. Des Volkes Schultern sind wundgedrückt durch die Lasten und zur leib- lichen Roth hat sich das geistige Elend gesellt. In weite Land- strecken dringt von modernem Geist, von moderner Schule kaum ein Hauch; und ein Stamm, von Natur reich beanlagt, verkümmert in Dunkelheit. Pietro Acciaritis Heimath gehört zu den dunkelsten Landstrichen Italiens. Die Mnssenarinuth, verzweifelte Unwissenheit erhält dort noch den Brigantaggio. das Räuberwesen. Wie man einst in den bedrücktesten Theilen von Ungarn die Leute, die auf Raub ausgingen, ini Volksmund„Arme Bursche" nannte, wie um ihr Dasein sich«ine romantische Legende spann, so ähnlich wird es noch in den Bergnestern Italiens ge- halten, wo das Brigantenwesen, diese heftigste Anklage gegen Mißivirthschafl und Unvermögen der Regierenden, heute noch nicht erstorben ist. Pietro Acciariti hat in dumpfer Verzweiflung dahingebrütet. Im Bann der Finsterniß war er erwachse»; seine geistige Schulung reichte nicht so weit, als daß er im eigenen Jammer der Gemein- samkeit hätte gedenken können. An wen sollte er sich anschließen? An wem sich aufrichten? Er war wie ein einsam verhungerndes Thier; und der einsam Verhungernde stürzte sich mit wahnwitzigen Instinkten in die verzweifelte Thorenthat. Die Römer aber, die nach dem Attentat Acciariti's hingingen und in den Redaktionsräume» des sozialistischen Blattes„Avanti" die Fenster einwarfen, haben sich wie die Kinder geberdet, die ebenfalls noch tief in der Finsterniß stecken. Sie haben das Eine nock nicht begreifen gelernt, daß die internationale sozialistische Presse mit ihren Mahnrufen zum Zusammenschluß Aller, die sich bedrängt und geknechtet fühlen, mit ihren Anstrengungen, für die Bildnngs- hungrigen zu schaffen und zu sorge», eben die Macht der Finsterniß am leidenschastlichsten bekämpft, jene Macht, aus der die Unglücks- thaten der Einzelnen, der Vereinsamten emporivachsen. Wer noch vorwärts zu schauen vermag, wen das Gemeinsamkeitsgefühl erfüllt, wer sich dessen bewußt bleibt, ein Arbeiter zu sei» für jene, die da kommen werden, der wird feiner ganzen Sinnesrichtung nach nicht auf den Weg der„Desperados", der verzweifelten Eingänger, ge- drängt iverden. Ist es nicht an sich auffällig, daß die Attentate der jüngsten Jahre von Leuten ausgingen, die keinerlei Gemeinschaft anhingen, die nicht einmal dem Schreckgespenst der Bourgeoisie, dem Anarchis- mus fröhnten? Nicht einmal als Verschwörernaturen kann man die Italiener, wie Casati und jetzt Acciariti bezeichnen. Sie handeln wie blindgereizte Sonderlinge, auf eigene Faust. Keine Spur von Gemcinbeivußtscin leitet sie; von einem Gemeinbewußlsein vielleicht, das selbst im ungeheuerlichen Jrrthum hervorleuchten könnte. Sie gehorchen dem ungezügelten Temperament; und kein Kultureinfluß hat auf dies Temperament bestimmend eingewirkt. Noch ist Acciariti's Attentat mff den König Humbert politisch nicht ausgebeutet worden; aber schon schlägt enisesselte Thoreuwnth weit über alle Stränge. Acciariti's Schicksal ist besiegelt. Man sollte meinen, das müßte den monarchischesten Gemüthern Vergeltung genug sein. Aber die gewerbsmäßigen Retter der Gesellschaft verlieren alle Besinnung oder sie heucheln übermäßige Loyalität. Sie könne» es nicht erwarten, bis die Gesellschaft am unseligen Acciariti Ver- geltung übt, man müßte, meinen sie, solche Leute wie tolle Bestie» behandeln. Das Schaffot also genügt nicht mehr, vielleicht ein Gafsentreiben mit Knütteln und Spießruthen, bis die Rachdürstigen Wonne schlürfen in vollen Zügen. Auch aus der Finsterniß ent- stammt solche Blut- und Foltergier, die sich nicht zu begreife» ve- müht, die von vornherein alles von sich abwehrt, was eine That erklären könnte. Sie fühlen nicht, wie sehr sie selber den Grund untergraben, ans dem sie stehen, wenn sie das Bürgerihui» zu immer blind- wüthigerem Haß bewegen. Wenn alle Fähigkeit, Dinge unbefangen zu prüfen, dahin ist, dann verdunkeln auch die lebhaft gereizten Klässeninstinkle das klare Rechtsbewußlsein; und'ibereaschenbe'Tat« scheidungen iverden gefällt. Fast hätte nian es licht aiehr«noartet, daß auch in einem nicht unbeträchtlichen Theil der bürgerlicheit Presse der Prozeß Koschemann glossirt wird, wie ts thatsächlich ge- schießt; daß doch Zweifel und Bedenken über den Ausgang des Prozesses, über die inneren Einflüsse, die auf den Klasseuinstinkt den Geschivorenen gewirkt haben mögen, sich auch in diesen Kreisen mehren. Wenn es nach den Rückwärtsstürmern ginge, hätten solche Zuckungen im Bürgerthum längst schon auf- gehört. Die forsche Schneidigkeit„wider die Kanaille" hätte sie überwunden; sie, die mit allen„Sentimentalitäten" g'-ündlich aufräumt. Manchmal wird die Macht der Finsterniß für«in paar Augen- blicke durch ein Helles Gelächter versä encht. So war es in diesen Tagen ebenfalls, die sonst nur von Kriegs- und Blutgeruch erfüllt waren. Armer Teufel Bitru! Dir ist's auf Deinem Erdenwallen nicht gut ergange». Eine ganze Literatur wurde über den Satan Bitru und den freimaurerischen Spuk, den er in den Menschcnköpfen anrichtet, geschrieben. Wer ist Miß Vaughan, die über Bitrn so interessante Aufklärungen giebt, war eine Vexirfrage geworden. Gelehrte Theologen vertieften sich in die Daseinsmöglichkeiteu Bitru's, hohe kirchliche Würdenträger traten dem Satansglaubcn durchaus nicht entgegen; die Geister überhitzten sich, und es war ergötzlich anzusehen, worauf man nur um Bitru's willen versteh Das olles am Ausgang des vielgepriesenen 19. Jahrhunderts. Und nun ist Bitru gar nicht gewesen; und nun entpuppt sich das grausame Spiel als Werk Taxil's, der halb Eulenspiegel, halb wüster Spe- kulant war. Ein moderner gauklerischer Cagliostro kommt, und nach seiner Lockpfeife tanzen Kleriker und Laien. Ei» Hexenspuk wird losgelassen»nd tausende von Gläubigen schwören auf ihn. Die klaren Sinne werden wirr; müde Seelen,»lüde Zeiten! Als Herr Taxil kürzlich mit höhnischem Lachen volle Aufklärung über sein Treiben gab, da brach die Erbitterung unter einer Schaar von Betrogenen los. Man drohte dem lustigen Taxil mit Schirmen und Stöcken. Die Herrschaften hätten sich selbst prügeln sollen, prügeln für ihre Narrheit und ihren abergläubischen Wahn. Nickt jeder hat de» offenen Mnlh, den der russische Würdenträger in Gogol's grimmiger Satire vom Revisor hat. Der Mann, der durch einen kleinen Schelm gcbrandschatzt wurde, weil er gleichfalls seinen Nächsten zu brandschatzen gewöhnt war, hat sich selbst vor einer ganzen Gesellschaft geohrseigt und in sich selbst den Typus Nußlands gezüchtigt. Eine stille Erheiterung in trüben Zeiten gewährt gegenwärtig auch der neu entbrannte Streit um das Kaiser Wilhelm- Denkmal auf der Schloßfreiheit. Nun kommt das preußische Soldatenauge und prüft ängstlich und bemerkt allerlei Unkorrektes an dem Monument. Die guten Leute eutdecken erst jetzt, daß Begas nicht der Bildhauer„der Reiterstiefcl" sei. Vielleicht sitzt noch der oder jener Knopf an der Uniform des Reiters nicht richtig; und wie um alles in der Welt wird nur ein weiblicher Genius mit einem galoppirenden Gaul Schritt holten können? Wozu braucht denn ein wackerer Reitersinann überhaupt einen weib- lichen Genius? Oh, diese Korrekte»! Wenn die einmal in künst- lerischen Dingen zu fragen beginnen und ihren Witz leuchten lasse»! Wenn gegen das Denkmal von Begas nichts iveiter ein- zuwenden wäre, als was die Militaristisch- Aengstlichen aus- zusetzen haben, dann könnte es ruhig ein Meister- iverk ersten Ranges genannt iverden. Am Ende will doch ein Monument mit anderen Augen gemessen iverden, als etwa ein Reiter beim Paradeexerzieren angesehen ivird. An dem kleinen äußerlichen Kram, an unwesentlichen Kleinigkeiten liegt es wirklich nicht. Im Kern steckt der Jrrthum. An der groß- spnrigcn Thcatralik liegt es. Ein vosirendes Heldenthum ohne Innerlichkeit, ein bleibendes Schaustück ohne Kraft breitet sich aus. Koulissenarchitcktur umgiebt das ganze wie eine Atrappe. Künstige Beobachter werde» vielleicht in dem Denkmal das Beispiel einer Epoche und einer herrschenden Gesellschaft erblicken, die über ihre Kraft hinaus strebte. Großthnerisch, nicht künstlerisch groß ist das Monument._ Alpha. ZNAifeMl äktev. Als erster erschien der„W a h r e I a k o b". der seiner laufenden Nummer vom 13. April den Charakter eincs MaisestblalkeS gab. Das Leitgcdicht,„Der Zukunft goldene Tage", stamm lvon Robert Seidel, in der Erzählung„Brnnhilden's Erwachen" wird der Volks- glaube über die Vorgänge in der Walpurgisnacht und altdeutscher Göllerglaube nicht ohne Geschick mit dein Ringen u»d Strebe» des Proletariats in Verbindung gebracht. Das Vollbild„Arbeiterfest" bringt in realistischer Darstellung eine Nachtversammlung unier freiem Himmel zur Anschauung. Die 14seitige Nummer enthält weiter ei» in Noten gesetztes Marschlied„Der Achtstundentag". Bild und Biographie des jüngst verstorbenen Abgeordneten Schnitze- Königsberg und eine von Naturwahrheit schreiende Stist-Skizze von Marcus, die als Illustration zu der im Hamburger Dialekt geschriebenen Szene„Plünn und Knaken"(Lumpen und Knoche») dient. Der„Süddeutsche Postillon" giebt drei große Bilder, die auf den Mai und die Maifeier bezug haben. Die Farbengebung erinnert etwas au Neu-Ruppin und die Umrißzeichnung liebäugelt iu manchem mit der exzentrischen Darstellungsweise der neueren Zeichner. Um so klarer und einheitlicher wirkt die Zeichnung:„Des ArbeitsmanneS Maibaum" von Walter Crane. Ganz prächtig ist die kurze Satire:„Vaterland! Heimath! Herd!" Das Festblalt der ö st erreichischen Genossen ver- dankt seineu gesaminten Maibilderschmuck Walter Crane. Leider ist die Farbengebung der beiden Bilder etwas gar zu bunt ausgefallen, auch der Druck läßt zu wünsche» übrig, so daß die Wiener Ge- Nossen gut lhun würden, ein vertrauliches Wort mit ihrem Drucker zu sprechen. Mit schriftstellerischen Beiträgen sind Karl und Minna Kautsky vertreten. Der Festschrift liegt ei» doppelseitiges Gedenk- blatt bei: Die ersten sozialdemokratischen Abgeordneten im öfter- reichischen Parlamente. Die Thätigkeit des früheren Abgeordneten Engelbert Pernerslorfer. dessen Bild ebenfalls gebracht wird, erfährt eine entsprechende Würdigung. Und nun zum deutschen Maifestblatt. Wie immer ist es achtseilig erschiene», und zwei Bilder bringt es wie immer. Die Titelzeichnung stammt von Marcus. Am Waldrand steht ein Arbeiter in mittleren Jahren, der eine» jauchzenden kleinen Jungen hoch emporhält. Hinter den Beiden nahen die anderen Fest- genossen durch de» Hochwald her. Ueber den kleinen, bloßsüßigen Kerl und über die beiden jungen Leute, die dem Arbeiter folgen, könnte man verschiedenes reden; der Arbeiter selbst ist eine Prachtleistniig. Das doppelseitige Hauplbild hat Peter Bauer in München gezeichnet. Die ans einem erhöhten Platz sitzende Freiheit reicht einer nach ihm mit zehrenden Hände» verlangenden Arbeiter-Gmppe das Geistesschwert. Die Darstellung dieses Vorganges bildet das eigentliche Bild. Um denselben herum werden iu einer rahmenartigen Zierleiste die einzelne» Szenen einer Maifeier zur Anschauung gebracht. Der Zeichner hat sich also auf das Gebiet des Schriftstellers begeben, er hat statt eines Vor- ganges deren mehrere geschildert, Vorgänge, die nicht gleichzeitig, sondern hinler einander i» die Erscheinung treten. Dadurch aber leidet die Einheitlichkeit des Ganzen. Als einzigen Entschuldigungsgrund mag der Künstler anführen, daß diese Dar- stellungsarl eben heute Mode ist. Das zeige» z. B. auch die zum Kopf der„Neuen Welt" neu hinzugekommenen beiden Zierleisten. Was die übrigen Qualitäten des Bildes betrifft, so erscheinen alle diejenigen Einzelheilen ganz ausgezeichnet, bei deren Darstellung sich der Künstler a» die Wirklichkeit halten konnte. Seine Arbeiter sind wirkliche Arbeiter, die Kopse von sprechender Lebenswahrheit. Wo es aber galt, den Gedankeninhalt, die Idee des Sozialismus, die Bestrebungen seiner Anhänger zu fassen, da versagte die Kraft. Die Allegorie niit der Freiheit und dem Geistcsschwert.könnte für eine» „Volksbildungsverein" passe», die Freiheit selbst erscheint in dem Bilde als hölzernes Gestelle. Sehr sauber aber und ansprechend ist die Ausführung. Der schriftstellerische Theil wurde diesmal von jüngere» Parteifedern besorgt. Er ist gut wie immer. Etwas lebhafter wohl als sonst, aber das kann man sich schon gefallen lasse».—_ Mleinrs Fouillekon — DaS Ende eines Philosophen. Um das Jahr 100 nach Christi lebte in Athen der Philosoph Demonax. Ueber seine letzten Lebenslage. berichtet uns Lucia» aus Samosata: Ohne je Einem durch Forderungen oder Bitten lästig gefallen zu sein, erreichte er, den Freunden nützlich und mit dem seltene» Glücke, nie einen Feind gehabt zu haben, frei von Krankheit und Schmerz, das Aller von beinahe hundert Jahren. Sowohl dicAthener selbst, wie auch alle Hellenen liebten ihn so sehr, daß die leitenden Männer sich erhoben, wenn er vorbeiging, und daß alle ein ehrerbietiges Schweige» beobachtete». Als er schon sehr hoch bejahrt war, pflegte er in das erste beste HauS zu gehen, um zu essen und zu schlafen; und wenn das geschah. so glaubten die darin Wohnenden, daß ein Gott oder ein Schntzgeist ihnen erschienen sei. Ging er über de» Markt, so faßte» ihn die Brotfrauen am Anne und jede bat ihn. von ihr ein Brot zu nehme», und diejenige, von der er sich eines geben lieb, hielt es für ein Glück. Sogar die Kinder brachten ihm Obst und «annteii ihn Vater. Bei einem Ausruhr, der einst in Athen statt- fand, trat er iu die Versammlung und bewirkte durch sein bloßes Erscheinen Stillschweigen. Als er sah, daß die Stimmung der Bürger sich bereits geändert hatte, entfernte er sich, ohne ein Wort zu sagen. Nachdem er aber die Ueberzeugung gewonnen hatte, daß er nicht mehr im stände sei, sich selbst zu helfen, schied er, indem er sich jeglicher Speise enthielt, heiter und mit derselben Miene, die man stets an ihm wahrnahm, aus dem Leben. Die Athener bestatteten ihn mit großer Feierlichkeit auf Staatskosten, betrauerten ihn lange und erwiese» sogar der steinernen Bank, ans der er sich auszuruhen pflegte, wenn er müde war, eine Art göttlicher Verehrung: sie bekränzten sie zu Ehren des Mannes, weil sie glaubte», daß auch der Stein, aus dem« so häufig gesessen, etwas Heiliges geworden sei.— Kunst. In wenigen Tagen wird die diesjährige„große Kunstansstellung" im Ausstellungspalast eröffnet. Sie wird diesmal einen mehr lokalen Charakter habe» und vor Aufregungen und Ueberraschungen können wir zienilich sicher sein. In den Berliner Kunstsälen wird es inzwischen still. Nur bei G u r l i t t hat ein junger Künstler namens Franz Staffen mit einem Zyklus„Der Tod" einiges Aufsehen erregt. Freilich muß man von den lächerlichen Uebertrcibungen absehen, die in Berlin bei den Entdeckungen der Vierteljahrgenies im Schwang sind, um den tastenden Phantasten Staffen gerecht zu würdigen. Ihm hat's der ungleich genialischere Max Klinger angethan. Auch er ringt nacb symbolischen Ideen; oft will aber sei» Wollen höher hinaus, als sein Können. Manches verschwimmt, und die gelähmte Phantasie kommt der Gedankenwelt des Künstlers nicht gleich, so wenn er in Michel Angela das gewaltige, einsame Schaffen, in Beethoven den erhabenen Künstler, der die Angst des Lebens und des Todes bezwingt, synibolisiren will. Schärfer, bestimmter schon wird des Künstlers Absicht in Werken, wie Mammon auf goldenem Thron über einem Berg von Leichen, oder in der realistischen Studie „Alkohol" ausgeprägt. Trotz aller Unklarheit und Gährung ein Talent von unzweifelhaft künstlerischer Empfindung. Klarer als in den großgewollten und unzulänglich ausgeführten Studien„von, Tode" wird das bei Beobachlnng der Skizzen und Radirungen Staffen's. Hier geht von manchen« Blatt reine, ivarme Wirkung aus, so von einer Studie, die den inneren Charakter des Künstlers sehr lebhaft beleuchtet: die Melancholie beugt sich über einen Künstler und küßt ihn tief und innig. Von des Gedankens Blässe wenig angekränkelt ist R o ch o I l' s Kunst hingegen,«vie sie bei Schulte i» einer Sammel- ansstellung'sich giebt. Rocholl, der frühere Offizier, ist Soldat««!- und Schlachtenmaler. Er ist so klug, kein Schlachtengeivimmel auf die Leiiuvand zaubern zu wollen; er hält sich an einen Ausschnitt, eine knappe Szene aus dem Krieg. Nicht seine Schrecken, den Soldaten- Elan«in Krieg hebt er besonders hervor. Das«»acht ihn zum Lieblingsmaler des Osfizierkasinos.— Humoristisches. — Kunstverständige. Auf einem großen Hamburger Personendampfer wickelte sich zwischen dem Kapitän, der sich eben verheirathe« hatte. und einem seiner Offiziere folgendes kunst- verständige Gespräch ab:„Nä, Kaplein,— Se hebb'n sick jo ok«voll noch so'n Klimperkasten anschafft?"—„Ja, so'» Ding hoirt der ja nu mal to!" enviderte der Kapitän.—„Köst man verdammt veel Geld!" meinte der Offizier.„Kann Ehr Fru den» speln?"—„Ja «voll, kann se!„Lotl' is dod" u»„August, sollst mal'ruiiterkominen" spelt se man so slank rünner!"—„Süht de Kasten de,«» ok en Beten imuck nt?" fragte der Osfizier weiter.—„Ja. sein, dal mutt'n seggen! He is vun sivart fein polirt Holt mit schön afdreihte Foit, dal en Staat för de ganze Stniv is, un wenn'n den Deckel opsleiht, so sind door eerst de swarten un witte» Dinger, op de 'rümmer fingereert würd un doräwer is so'n schoin vergold' Bild vun-- vun-- na,»vo heet de Kirl noch?! I-- villi den, de eegentli de ganze Musik ersunnen hett!"—„Na, ick»veet all Bescheed!" rief der Offizier—„Beelhoven!"—„Ja, dat stimmt! so heet de Kirl ok!"— Vermischtes von« Tage. — In Bitterfeld riß ein dreijähriges Kind eine Schüssel mit kochendem Kartoffelwasser, die die Mutter auf de» Tlsch ge- stellt hatte, herab, und verbrannte sich derart, daß es starb.— — Die Mutter Friedrich Nietzsche's ist in Naumburg a. S. gestorben. Sie blieb bis zu ihrem Tode die gläubige Psarrersfrau und hatte wohl so gut wie kein Verftändniß für die geistige Be« deutung ihres Sohnes.— ce. In M e s s i>« a erhängte sich am 20. April in seiner Werk- statt der 7ö Jahre alle Lithograph Heinrich B ü h r i n g, ein ge- borner Berliner, der seit 30 Jahren in Italien lebte. Nahrung»« sorgen habe» ihn in den Tod getrieben.— — Am Sonnabend vor Ostern verfolgte in Sud a p e st ei» junger Mann ein Mädchen ans der Straße mit Anträgen. In seinem Eifer sah er nicht auf seine Umgebung, gerieth unter einen Motorwagen und wurde gelödtet.— — Der türkische Gesandte in Athen, Assim Bey, mußte, als er bei Ausbruch des Krieges abreisen wollte, von seiner Regierung ausgelöst werden. So viel Schulde» hatte er. Man hatte ihm eine ganze Zeit kein Gehalt ausgezahlt.— — Nach einem aus Havanna kommenden Telegramm der„Köln, Ztg." ist die nach New-Aork gehende Barke„Nellie-Sniieth" von dem amerikanischen Dampfer„Grande Ducheffe' angerannt worden und gesunken. Kapitän, Steuermann und vier Mann der Besatzung sind ertrunken.—_ Verantwortlicher Redakteur: Robert Schmidt in Berlin. Druck und Verlag von Max Babing in Berlin.