Anterhaltungsblatt des Vorwärts Nr. 83. Mittwoch, den 23. April. 1897. 19] (Nachdruck verboten) Ein nlkev Skreii. Roman auS dem bayerischen Volksleben der sechziger Jahre von Wilhelmine v. Hillern. „Ja, i thu' g'wiß alles pünktlich," sagt Wiltraud bedrückt. „Aber, Herr Doktor, eins muß i Enk sagen,— dös Häusl g'hört ja nimmer mei. Oes werd's Enk erinnern vom Vater sein' Tod her?' „Ja, ja, ich weiß!' „Bis in a paar Täg kommt der G'richtsvollzieher, und wenn der Bissinger hört, daß dös der Habermeister ist, der, wo ihm trieben hat, da laßt er'n scho gar nit drin.' „Darüber kann ich Sie beruhigen, Wiltraud,' sagt der Doktor.„Bissinger ist gegenwärtig nicht in der Verfassung, irgend welche Maßnahmen zu treffen. Ich wurde heute zu ihm gerufen und fand ihn in einem Zustand völliger Nervenzerrüttung. Dabei ist seine Angst so groß wie sein Haß, und es dürfte nicht schwer sein, ihn zu überzeugen, daß er nie mehr sicher vor den Haberern ist, wenn er Sie aus Ihrem väterlichen Haus jagt.— Da lassen Sie nur mich sorgen. Ich mische mich sonst nicht in Privatsachen, aber wo es der Zustand eines Patienten erfordert, da ist es meine Pflicht. Adieu!' Ter Doktor grüßt eilig, wie alle Aerzte, und geht. Wil traud sieht ihm nach.„Den hat's heut' scho' auch mitg'nomma — wann er sich's glei' nit ankenne laßt.— So a Kranker, wie der da droben, der muß ein'n ja dauern. Jesus, lieber Gott, wie wird's erst dem seiner Frau sein, wann sie ihren Mann so wiedersieht!' Wiltraud geht an ihre Arbeit und zündet Feuer auf dem Herd an. Sie hat von dem Geld der Habercr gestern etwas Vorrath angeschafft, wie sie meinte, für ihren Bruder und sich,— das kommt jetzt einem Fremden zu gute. Einem Fremden? Nein— ein Unglücklicher ist kein Fremder! Aber, wenn der Kranke kräftige Suppen braucht— wo nimmt sie jetzt das Geld her, um Fleisch zu kaufen, nachdem sie alles dem Sebald mitgegeben? Sie steht rathlos vor dieser Frage. „Dirndl, was hast?" fragt Gemming, der soeben von droben kommt, es ist seine Gewohnheit alle Leute, die er gern hat, ohne weiteres zu dutzen.—„Wem sinnst nach— dem Lenz?' „O mei,— dös kann i scho bald nimmer erinnern, daß i de» k e n n', so lang ist's her!' sagt Wiltraud herb. „Was? Hast ihn denn nit heut morgen g'sehen? Die Haberer haben mi's ja erzählt— die Kerl werden alles inne—" „Ja richtig— heut früh—! I hätt' g'meint—'s war scho viel länger—!' „Hast recht—'s liegt zu viel dazwischen—" „Ja,' sagt Wiltraud mit seltsamer Betonung— langsam das Wort wiederholend—„'s liegt z' viel dazwischen!' Gemming streift sie mit einem raschen Blick. „Hm! Da ist auch nit alles, wie's sein soll.' Er will Wiltraud die Tasse mit der Milch für den Kranken abnehmen, aber sie wehrt ab:„I bring's ihm scho selber.' „Wiltraud, das sag' i Dir, wenn der Bub' nit gegen Dich ist, wie sich's g'hört, na kriegt er's mit mir zu thun!' „Ach, Herr Gemming, laßt's doch den aus'm Spiel, i Hab'n ganz andern Kummer,' sagt Wiltraud absichtlich trocken und derb. „Ja, was denn?' „Kei Geld Hab' i— für a Fleisch z'holen, wann der Kranke eins essen soll, und da Hab' i drüber nachdenkt, wen i drum ansprechen soll?' „Mich!' sagt Gemming. „O mei, Oes habt's ja selber kein's!' „Aber krieg'n kann ich's gleich! Wer mit den Haberern zu thun hat, kommt nie in Verlegenheit.' „Recht habt's, Herr Lieutenant", sagt eine Stimme unten an der Treppe. Der Rugmeister kehrt soeben aus dem Dorf zurück.„Was braucht die Jungfer?" „Nur so viel, daß i für die nächste Zeit unserm kranken Pcschinger was z' essen geben kann!" „Da hast derweil zehn Gulden. Ich Hab grad nit mehr bei mir. Aber bis übermorgen kommt wieder ein's!" „Dank schön," sagt Wiltraud:„I thät's g'wiß nit nehma, — aber i Hab' kein Kreuzer im Haus." „Du brauchst Dich nit z'entschuldigen, Dein Bruder büßt für den Lenz— wir wissen alles— und wer für'n Haberer was thut, für den thun d' Haberer au was und unser Geld ist sein Geld! Solang einer sitzt, kriegt er alle Tag vom Orden einen Gulden fünfundvierzig Kreuzer Unterstützung. Die zahlen wir vorläufig Dir aus. Da brauchst Dich nit z' be» danken, dös ist so G'setz bei uns— dös kriegt a jeder. Und außerdem zahlt der Orden's Kostgeld für den Ver- mundeten." „Dös braucht's nachher nit, dös war' ja viel z'oiel," sagt Wiltraud beschämt.„Aber i muß zu mei'm Kranken und ihm sein Milch bringa, sonst wird er mir z' schwach!' Damit verschwindet sie in die Kammer. Gemming will ihr nach— aber der Rugmeister winkt ihm zu bleiben. „Grad ist mir der Doktor verkemma und da Hab' i 'n g'fragt, weg'm Tenner.— Er sagt, drei Wochen mindestens ging's, bis er transportabel wär'! Wir müss'n also was thun, weger dem Häusl.— Der Lenz hat mir g'sagt, er will sein' Vätern dazu bringen, daß er die todte Mühl' verkauft und er, der Lenz kauft sie selber— wir soll'» ihm nur's Geld vorstrecken und'n Scheinkäufer stellen— er will's der Wiltraud bardn erhalten, aber sie dürft nie erfahren, daß er derhinter steckt.— Jetzt leihen wir ihm's Kapital, bis der Alte ihm's G'schäst übergiebt, nachher kann er's uns z'ruckzahlen,'s ist nit theuer. Der Allmeyer war ihm halt fünfhundert Gulden drauf schuldig uud's ganz Anwesen ist keine achthundert werth. Der Lenz will ihm's doppelte bieten, sonst laßt er's nit her. Der Doktor thut auch derzu helfen.— Jetzt wär' nur die Frag, wo'n Scheiukäufcr finden? Und nachher müss'n ma erst noch dem Madl weismachen— wir hätten's ihr kauft und nit der Lenz. Die Liebsleut, die hab'n halt so extrige Sachen." „Ja, da ist guter Rath theuer," brummt Gemming in den Bart.„Ich thät' Euch gleich den Strohmann machen, aber mir würo' ja kein Mensch zutrauen, daß ich so viel Geld hätt',— d' Leut' würden meinen, ich hab's g'stohlen!" Der Rugmeister nimmt eine Prise Tabak und nickt zu« stimmend:„Ja freili'!' „Ich müßt eben fort und einen unter meinen Bekannten in der Umgegend suchen—' „Ja, dös wär' scho' recht.— aber wir brauchen Jhna halt hier auch— wegen'm Lüagen—!' „Wegen was?" fragt Gemming. „Ja mei! Wenn d' Gendarme Wind kriegeten und käma, wer soll ihnen denn was vorlüagen, wann Sie nit da sind?" „Hm! Das hat was Wahres!" „Dös Madl, dös weißt'm ja nit z' helfen, wann ff'n Poschinger da finden. Ma muß sagen,'s sei a Göd von ihm, oder so was und hätt' d' Mühl'n ang'schaut und hätt' sich derfall'n in der Schlucht!— Meine S' nit?" „Ja, ja, so was könnt' man sag'n,— wenn sie's glauben!" „O Jhna scho, Herr Gemming. So versteht ja kei Mensch s' Leutaführen wie Sie, und wenn Sie's im Spaß so gut könna— nachd' könna Sie's im Ernst auch!" „Ja, mein Lieber, das ist a heikle Sach: Im Spaß lügen, ist was anders, als im Ernst! Da giebt's halt so — Ansichten.— Indessen für'nen Freund wie der Tenner geht alles, da lüg' ich'm Teufel ein Ohr weg. Der Mann soll mir nit auch noch ins Zuchthaus— der hat so schon g'nug!" „Gelt's, dös Unglück! Wann ma denkt,'n Arm verlieren — noch dazu den rechten. No, er ist a Wohlhabender, er hat z' leben. Aber für den ist'S nit g'lebt, wann's nit g'arbeitet ist.— Will sehen— wie dös geht--!" Er schüttelt kummervoll das Haupt. „Ist sonst noch jemand gefangen worden— etwa der Florian Mayer?" „Ach warum nit gar, a Haberer ist nit so leicht z' fliegen. Der einzig', den's verwuschen haben, ivar der Sebald, und dös war gar feiner—" sagt der Rugmeister und der Triumph lacht ihm aus den alten Augen,„da hab'n s''»Fang g'macht!" Wiltrand öffnet leise die Thür und winkt dem Rüg- meister:„Er hat nach Euch g'sragt!" „Glei fimm i!" ruft der Biann, aber vorher nimmt er Gemming bei der Hand und zieht ihn einen Schritt von der Thür weg.„I bring's schier nit über's Herz— und doch muß i's ihm sagen, denn dös leid't kein' Aufschub— weil glei'n andrer g'wählt werden muß—" „Was beim?" fragt Gemming beunruhigt:„kann ihn noch was Aergeres treffen, als ihn schon'troffen hat?" „O, mei lieber Herr Gemming," flüstert der Greis,„'s S ch w e r st e kommt erst noch,— jetzt kann er ja nimmer unser Haber mei st er sein!" (Fortsetzung folgt) »Nachdruck oerdclen.) 2i Das stlfc Nliidchen. Von Guy de Mau passant. Deutsch von FranzHofen. Frau Leeacheur, die instinktiv gegen alles, ivas nicht vom Lande war, feindlich war, suhlte in ihrem bornirten Gehirn eine Art von Haß gegen das exlatische Wesen der alten Jungser. Sie hatte ein Wort gefunden, um sie zu bezeichnen, ein offenbar verächtlich ge- meinte? Wort, das— Gott weiß wie— aus ihre Lippen gekomme» war und durch irgend ein mystisches und verworrenes Reagiren des Gehirns ihr in Erinnerung gebracht wurde. Sie sagte„Das ist ne Dämonische",»nd dies Wort, aus dies ernste sentimentale Wesen angewandt, erschien mir von nnwiderstehlicher Komik. Auch ich nannte sie nur noch„die Dämonische" und fand ein tolles Ver- gnügen diese Silben ganz laut auszurufen, wenn ich sie bemerkt». Ich fragte die Mutter Lecacheur:„Nun, was macht unsere Dämonische heute?" Und die Bäuerin antwortete entrüstet:—„Glauben Sie, se hat ne Kröte, die man us ne Tatze getreten hatte, und se hat se in ihr Zimmer getragen und se hat se in ihr Handbecken ge- than und hat se wie» Mensch gepflegt. Wenn das»ich ne Ver- unglimpfung is!" Ein ander Mal hatte fle, als sie am Fuße des Felsabhangs am Meere spazieren ging, einen großen Fisch, der eben gefangen worden war, gekaust, nur um ihn wieder ins Wasser zu werfen. Und der Matrose halte sie schrecklich beschimpst, da er, obwohl er reichlich bezahlt worden war, ärgerlicher war, als wen» sie ihm das Geld aus der Tasche genommen hätte. Noch einen Monat drauf konnte er nicht davon spreche», ohne sich aufzuregen und die größten In- jnrien auszustoßen. O ja, sie war schon eine Dämonische, diese Miß Harriet, die Mutter Laeacheur hatte einen genialen Einfall gehabt, als sie sie so taufte. Der Stallknecht, den man Sapeur nannte, da er in jungen Jahren in Afrika gedient hatte, war anderer Meinung.„Die hat ne Vergangenheit gehabt", sagte er boshaft. Wenn die arme Person das gewußt hätte. Die kleine Magd Cslestine bediente sie auch nicht gern, ohne daß ich den Grund er- fahren konnte. Vielleicht nur deshalb, weil sie eine Frau von einer andern Rasse, von einer andern Zunge, von einer andern Religio» war. Kurz, weil sie eine Dämonische war. Sie verbrachte ihre Zeit damit, durch das Land zu streifen, sie suchte und betete Gott in der Natur an. Ich fand sie einen Abend auf den Knien in einem Gebüsch. Da ich etwas Rothes durch die Blätter erkannt hatte, schlug ich die Aeste zurück, und Miß Harriet richtete sich, verwirrt, daß man sie so gesehen hatte, auf, und starrte mich an, wie Katzen, die man an. Tage überrascht. Zuweilen bemerkte ich sie, wenn ich in den Felsen arbeitete, plötzlich am Uferabhang einen Semaphor gleichend. Sie blickte in- brünstig über das weite, goldleuchtende Meer und den endlosen, mit purpurnen Feuer erfüllten Himmel. Zuweilen sah ich sie im Thale. sie ging mit dem elastischen Schritt der Engländerinnen und ich lies ihr nach, ich weiß nicht, wodurch angezogen, nur um ihr verklärtes Gesicht, ihre trockenen Gesichtszüge, die sonst nichtssagend von einer inner», tiefen Freude voll ivaren, zu sehen. Oft begegnete ich ihr auch im Winkel eines Meierhofes auf dem Grase im Schatten eines Apfelbaunies sitzend. Ihr kleines biblisches Buch lag offen auf den Knien, ihr Blick schweifte in die Ferne. Ich reiste nicht mehr fort, denn ich gewann dieses ruhige Land, an das mich tausend Liebesbande knüpften, die weite», sanften Ge- filde lieb. Ich befand mich wohl in dieser unbekannten Ferne, fern von alleni, nah nur der Mutter Erde, der guten, gesunden, schönen grüne» Erde, die wir selbst eines Tages mit unserm Körper nähren. Vielleicht, ich muß es zugeben, hielt mich auch ein bißchen Neu« gierde bei Mutter Leeacheur zurück. Ich wollte erfahren, was in den einsamen Seelen dieser alten umherreisenden Engländerinnen vorgeht. Wir wurden auf merkwürdige Weise bekannt. Ich hatte eine Studie vollendet, die mir trefflich erschien: sie war es a»ch. Fünf- zehn Jahre später wurde sie um 10000 Franks verkauft. Sie war übrigens so einfach, wie 2X2— 4 ist und gegen alle akademischen Regeln. Die rechte Seite meiner Leinwand stellte einen Felsen dar, einen riesigen Felsen mit Auswüchsen mit braunem, gelbem und röthlichem Seegras bewachsen, aus dem die Sonne wie ölig leuchtete. Das Licht— man sah es nicht, da das Gestirn in meinem Rücken verborgen war— fiel auf den Stein und vergoldete ihn. So war's. Der Vordergrund blendend vor Licht, in Flammen, herrlich. Links das Meer, nicht das blaue Meer, das Schiefermeer, nein das Jademeer, grünlich, milchig und hart wie der dunkel umwölkte Himmel. Ich war dermaßen mit meiner Arbeit zufrieden, daß ich vor Vergnügen tanzte, als ich sie nach der Herberge zurück brachte. Ich wollte, die ganze Welt sollte sie gleich sehen. Ich erinnere mich, daß ich sie einer Kuh am Rückwege zeigte und ihr zurief: „Da, sieh mal Alte. So was wird dir sobald nicht wieder vor die Augen kommen." Beim Hause angelangt rief ich sogleich die Mutter Leeacheur, indem ich aus vollem Halse schrie: „Holla, Patronin, komnien Sie mal ran und sehen Sie!" Die Bäuerin kam und betrachtete mein Werk mit ihrem blöden Auge, das nichts unterschied; das nicht einmal sah, ob es einen Ochsen oder ein Haus darstellte. Da kam Miß Harriet gerade zurück und ging hinter mir, gerade in dem Augenblick, wo ich meine Leinwand mit ausgestreckten Armen der Herbergswirthin hinhielt, vorüber. Die Dämonische mußte sie sehen, denn ich hielt absichtlich die Sache so, daß sie ihrem Auge nicht entgehen konnte. Sie blieb ergriffen, verwundert stehen. Augenscheinlich, da war ihr Fels, auf de» sie kletterte,»m nach Herzenslust zu träumen. Sie murmelte ein britannisches. so akzentuirtes nnd schmeichel« Haftes„Aoh", daß ich mich lächelnd zu ihr umwandte und sagte: „Das ist meine letzte Studie, gnädiges Fräulein." Sie murmelte begeistert, komisch und doch ergreifend: „Ol mei» Herr, Sie thun begreifen die Natur in gefühlvoller Weise." Auf Ehre, ich erröthete, mehr bewegt durch diese Schmeichelei, als wenn sie von einer Königin gekommen wäre. Ich war erobert, besiegt, gefangen. Mein Wort, umarmen hätte ich sie können. Ich setzte mich bei Tische'neben sie wie immer. Sie sprach zum ersten Male, indem sie ihren Gedanken zu wiederholte» Malen mit lauter Stimme Ausdruck gab:„O, ich lieben so die Natur." Ich bot ihr Brot, Wasser, Wein an. Sie nahm es jetzt mit einem leichten, mumienhaften Lächeln an. Ich begann, von Land und Leuten mit ihr zu reden. Nach dem Effen standen wir auf und gingen durch den Hof, denn ohne Zweifel angezogen durch den riesigen Sonnenbrand, der untergehend das Meer beleuchtete, öffnete ich die Barriere, die zur stüste führte, und wir gingen beide Seite an Seite wie zwei Leute, die zufrieden sind, daß sie sich verstanden und ganz begriffen habe». Es war ein lauer, weicher Abend, einer jener Abende des Wohlbehagens, wo Körper nnd Geist glücklich sind. Alles ist Freude, alles Lust. Die laue, von Gräser- und Alpeuduft erfüllte Lnst liebkost den Geruchssinn mit ihrem milden Dust, liebkost den Geist mit ihrem Seegeschniack, liebkost den Geist mit seiner durchdringenden Weich- heit. Wir gingen nun am Rande des Abgrundes, oberhalb des weiten, tosende» Meeres, das hundert Meter unter uns seine Wellen brach. Und wir tranken mit offenem Munde, weiter Brust d«n frischen Wind, der über das Weltmeer gekommen war nnd uns über die Haut strich, langsam und salzig durch die langen Küsse der Wogen. In ihren karrirten Shawl gehüllt sah die Engländerin erleuchtet mit offenem Munde zu, wie die riesige Sonne sich ins Meer senkte. Vor uns, dort unten an der Grenze des Gesichtskreises, zeichnete ei» Dreimaster mit vollen Segeln seine Silhuette auf dem feuerfarbeue» Himmel ab nnd ein Dampfer fuhr qualmend in der Nähe vorüber, indem er hinter sich eine endlofe Rauchwolke, die sich über den ganzen Horizont hinzog, ließ. Die rothe Kugel sank langsam immer tiefer hinab. Bald be» rührte sie das Wasser gerade hinter dem unbewegliche» Schiff, welches wie in einem Feuermeer inmitten des glänzende» Gestirnes erschien. Sie senkte sich allmälig. Der Ozean»ahm sie auf. Man sah sie schwimmen, sich verschleiern, endlich verschwinden. Nun war's zu Ende. Nur das kleine Fahrzeug zeichnete sich noch immer in Umrissen aus dem goldigen Grunde des fernen Himmels ab. Miß Harriet betrachtete mit andächtigen Blicken das Flammen- ende des Tages. Sicher hatte sie eine unbändige Lust, den Himmel, das Meer, den ganzen Horizont zu umarmen. Sie murmelte:„Ach! Ich lieben.... ich lieben.... ich lieben...." Ich sah eine Thräne in ihren Augen. Sie begann wieder:„Ich wollten sein ein kleiner Vogel, um fliegen zu thun ins Firmament." Sie stand, wie ich sie oft gesehen, gerade auf dem Felsenufer. so roth wie ihr Purpurshawl. Ich hatte Lust, sie in meineni Skizzen- buche abzuzeichnen. Man hätte es eine Karrikatnr der Begeisterung nennen können. Ich drehte mich um. um nicht zu lächeln. Dann sprach ich mit ihr von der Malerei, wie mit einem Kameraden, indem ich die Töne, die Tinten und Stärken mit lech- Nischen Benennungen bezeichnete. Sie hörte mir aufuierlsam zu, ver- stand oder suchte den dunklen Sinn einzelner Worte zu erralhen. in meine Gedanken einzudringen. Bon Zeit zu Zeit bemerkte sie:„O! ich verstehen, ich verstehen, das sein sehr gefühlvoll." Wir kehrten zurück. Am nächste» Tage kam sie, als sie mich sah, herbei und drückte mir lebhaft die Hand. Wir waren gleich Freunde. Sie war ein braves Geschöpf, die eine Art Theilseele hatte, die sprungweise in Begeisterung überging. Ihr fehlte das Gleich- gewicht wie allen Frauen, die bis zu ihrem fünfzigsten Jahr Jungfern geblieben sind. Sie triefte vor Unschuld, dennoch hatte sie in ihrem erzen etwas Junges, leicht Entzündbares bewahrt. Sie liebte die atnr und die Thiere mit einer exaltirten Liebe, wie ein alter ver- stärktcr Trank, mit der sinnliche» Liebe, die sie keinem Manne ge- geben hatte. Arme einsame Seele», traurig an den Tadle ä'düte's herum- irrend, arme lächerliche und beklagenswerthe Wesen, ich liebe Euch, seit ich jene kannte! Bald merkte ich, daß sie mir etwas zu sage» hätte und es doch nicht wagte. Ich amüsirte mich über ihre Schüchternheit. Wenn ich morgens mit meinem Malzeug auf dem Rücken loszog, begleitete sie mich bis zur Grenze des Dorfes, stumm, offenbar verwirrt nach Worten suchend, wie sie beginnen sollte. Dann verließ sie mich plötzlich und ging rasch mit ihrem wiegenden Schritte fort. Endlich faßt« sie sich eines Tages ein Herz:„Ich möchten sehe» Sie, wie Sie machen das Gemälde? Wollten Sie? Ich sein sehr neugierig." Sie erröthele. als ob sie etwas sehr Gewagtes ge- sagt hätte. Ich führte sie in de» Grund des Petit-Val, wo ich eine große Studie begann. Sie blieb hinter mir stehen und folgte meinen Bewegungen mit gespanntester Aufmerksamkeit. Dann glaubte sie plötzlich, sie störe mich vielleicht und sagte .Danke". Damit ging sie fort. Doch binnen kurzem wurde sie zutraulicher und begann mich jeden Tag mit sichtlichem Vergnügen zu begleiten. Unter dem Arm trug sie ihren Feldstnhl, da sie nicht zugeben wollte, daß ich ihn nehme und setzte sich an meine Seile. So blieb sie stundenlang stumm und unbeiveglich, indem sie mit dem Auge der Spitze meines Pinsels in alleu ihren Bewegungen folgte. Wenn ich durch einen tüchtige» Patzen Farbe, den ich rasch mit dem Messer anbrachte, eine richtige, imerwartets Wirkung gewann, stieß sie wider Willen ein leises„Ach" des Erstannens, der Freude und der Bewiinderung aus. Sie hatte ein Gefühl zärtliche» Respekts vor meiiie» Bildern. Meine Studie» erschienen ihr wie Denkmale der Heiligkeit; oft sprach sie mir von Gott»nd suchte mich zu bekehren. (Fortsetzung folgt.) Die Veeliuev GsekenbAtt� NusZkellung. Auf den ersten Blick, und soweit sie uns i» den einzelnen Ge- bänden entgegentritt, erscheint sie in der Hauptsache als«ine Blumen- und Gewächsausstellnng. Sieht man näher ,», dann gewahrt man allerdings auch die verschiedenen ausgestellten Gartengerälhe, die wissenschnstliche Abtheilung, die von der landwirthschaftlichen Hoch- schule beigestellt wurde, die Obst- und Beerenweine, die Bindereien, die im Pavillon der Stadt Berlin Platz gefunden. Hat man Glück, dann stößt man auch auf die Kainit-Sylvinit-Carnallit-Salzlhon- und Harlsalz-Sammlnng, welche die Staßfurter Kaliwerke gesandt. Die Haupt-»nd Glanzstücke der Ausstellung hat das ehemalige Chemiegebäude ausgenommen. Der ganze weite Raum schwimmt in Tust; und nach jedem zehnten Schritt löst ein Leitdufl den andern ab. Ten harmonischsten Eindruck gewährt die Rotunde: ein ge- schlosscnes Bild. Man hat sie in einen terrassenförmig aufsteigende» Felsgrund verwandelt. Und den ganzen Raum hinauf bis zu den Fichten, die das Bild umkränzen, leuchten die hellen Blüthenballe der Rhododendron und Azaleen in weiß und rosa, in lila und ieuer gelb. Und mitten durch die Blülhenpracht plätschert eine Quelle herab und sammelt ihre Wasser in einem flachen Becken. Tritt man in das Qnerschiff, so schlägt einem sofort der süße Geruch des Flieders und der betäubende Duft der Hyacinthen entgegen. Sie und Narzissen, Tulpen und Crocus süllen fast ganz die linke Hälfte. Wie verwaschen erscheinen nebe» ihren satten, leuchtenden Farben die blaßrothen, innen rein weißen an blätterlose» Zweigen sitzenden Blüthen der Magnolien. Interessanter, ivenn auch nicht auffallender, sind die in der rechten Hälfte des Querschiffes untergebrachten Blattpflanzen. Der erste Blick glaubt einen Laubwald zu schauen, de» der Herbst gefärbt; alle Farben der Palette sprühen und tanzen vor dem trunkenen Auge. An die Stelle der Blüthe ist das Blatt getrete». Welche Farbenzusammeustellung! Hier ein dunkelgrünes Blatt mit rolhen Nippen, dort ein hellgrünes mit unregelmäßigen weißen Flecken, eine dritte Pflanze zeigt schwarzen Stengel und schwarze Rippe», das Blatt ist fast fahl. Wieder ein anderes ist weiß, grün getigert, das daneben dunkelgrün mit einem rothen Saume, ein noch satteres zeigt«inen gelben Rand. Die älteren Blätter des Nidulariuin sind fast grün, die jüngeren hellrolh, die ganz� Pflanze erscheint wie aus Blech geschnitten. Die Blätter einer anderen Pflanze sind schier so groß wie ein Tischtuch. Eine» sehr eigenihümlichen Eindruck machen die Nexenthes-Arte». Die Blatt- rippe setzt sich über die Blattspitze hinaus fort, ringelt sich nach ab- wärls und erweitert sich schließlich zu einem Näpfchen, das einen Teckel besitzt, der sich auf einen mechanische» Reiz hin schließt. Das ist keine Blüthe, wohl aber eine Jnsektenfalle! Die Issxentkss sind fleischfressende Pflanzen. Sehenswerth ist auch die aus Ostafrika stammende Nedirulla, mit krästigen Stengeln, großen Blättern und rosa-rothen Blüthenbüscheln. Das ganze Längsschiff ist angefüllt mit Rosen, mit den hoch- stämmigen meistens zartfarbigen Rosen des Treibhauses. Schreiten wir nun das linke Seitenschiff hinab, so sagt ein Blick, daß die Azalea noch immer die Modeblnme ist. Nur die bunte Lilie kann sich in etwas mit ihr messen, Hortensie und Kamelie, deren Blüthe wie ein Wachsgebilde erscheint, treten vollständig in den Hinter- grund. Die Fuchsie tritt nur sporadisch auf, die Nelke aber ist in zahlreichen schön gezeichnete» Exemplaren zu sehen. Fußhohe Orangen- bäumchen voll gelber Früchte werden bei den Kindern, kleinen und größere», großes Gefalle» finden. Das rechte Seilenschiff beherrscht eine umfangreiche Orchideen- Kollektion. Sie wäre noch reicher und prächtiger ausgefallen, wen» der Frost nicht so manche der Blüthen geschwärtzt und vernichtet hätte. Die Blüthen der Orchidee» sind ebenso phantastisch nach ihrer Form, als schön in der Farbe. Man siebt immer wieder neue Formen und neue Nüaneen. Und all die tropische Schönheil ist nur geworden, um Insekten anzulockcn, die den befruchtenden Staub bringen. Die Säulen des Hauptschiffes sind bis zu den Kapitalen mit Kronawettreiser» umwunden, zur Füllung sind Palmen, SIraukazie», Lorbeer und Myrthe verwandt. Es sind Myrthen ausgestellt, dere» Stämme die Dicke eines Unterschenkels erreichen. Soweit die Blumen in Frage kommen, ist das beste im Chemie- gebäude zusammengetragen. Was im ehemaligen Nahrungsmittel- nnd im Fischereigebäude zu sehen ist, bietet kein besonderes Interesse mehr, wenn man einige sehr schöne Exemplare von Aaronsstab und eine sehr reichhaltige Sammlung von Alpenveilchen und die ivenigen Agaven ausnimmt. Was der eine oder andere Kommerzienrath nach dem Treptower Park gesandt hat, süllt zwar de» Raum, weiter aber ist damit nichts los. Hinter dem Chemiegebäude sind in einem Treibhaus mehrere Kundert Cacteen untergebracht. Man liebt heute diese siachlichen Dinger nicht mehr, selten nur, daß noch ein alter hartgesottener Junggeselle, um einen Kameraden zu haben, sich ein Exemplar hält. Wenn man sie aber, wie hier, alle vor sich hat in ihren verschiedenen grotesken Formen, vom hundertjährigen, kürbisgroßen Patriarchen bis zum winzigen Sämling, machen sie einem doch Spaß. Schade. daß so wenige blühen. Von den ins Freie gepflanzten Ziersträuchern, den Nadelhölzern n. s. w. wird man sich erst ein Bild machen können, wenn die Ausstellung vollendet, und die Vegetation etwas weiter vor- geschrillen ist. Denn vollendet ist auch diese Ausstellung nicht, wenn sie auch heute eröffnet wird. Vor Sonntag lohnt sich ein Besuch wohl kaum. Dann aber wird er wohl manchem eine Freude bereiten. Den Zkühncmnnns und Goldberger aber, die den Treptower Park in den jetzigen Schandzustand gelassen haben, werden die Ohren klingen, länger dann vierzehn Tage.— Kleines Feuilleton. t. Die Ausutchnng der Nilkatarakte. Professor Farbe?, der englische Elektriker, der eben ans Wadi Haifa zurückgekehrt ist, hat sich über den Plan, die Wasserkraft der Nilkatarakte zur Erzeugung von Elektrizität auszunutzen, überaus günstig ausgesprochen. Er ist der Ansicht, daß auch die allgemeinen Bedingungen für ihren Ge- brauch als Betriebskraft in Egypten ungewöhnlich günstig liegen. Seiner Meinung nach würde die Wasserkraft im stände sei», das ganze Jahr hindurch die Eisenbahn, die Baumwollmühle», Zucker- sabriken. die Bewässerungsmaschinen zc. zu treiben, auch würde die Kraft über Entfernungen von einigen Hunderl englischen Meilen zu übertrage» sein, ohne daß die Kosten der gelieferten Kraft die der Kohle erreichte». Professor Fordes befindet sich auf dem Heimwege nach England, wird jedoch im September nach Egypten zurückkehre», um die Untersuchungen zu vervollständigen und der egyptischen Ne« gierung ein Projekt zu unterbreiten.— Literarisches. x. b. Arthur P f u n g st,„ L a s k a r i s". Eine Dichtung. Dritter Thcil„Philalethes". Tümmler, Berlin 1837.— Der alte Goethe hat recht: Wenn der Mensch hofft, ist er schon betrogen. Als ich aus dem Titelblatt dieses Buches jenes ebenso weise, wie für den Schriftsteller fast unausführbare Horazische Wort:„Nomina prematur in annum" sah— jenes Wort, das ungefähr soviel be- beutet: Du sollst Deine literarischen Schöpfungen neun Jahre im Schreibpult liegen lassen, ehe Du sie der Mitwelt übergiebst; denn erst dann wirst Du ihner�mit hinreichender Selbstkritik gegenüber- treten können— als ich dieses Wort sah, hoffte ich, daß der Autor nach diesem Spruch gehandelt, daß ich vor ein ausgereiftes Kunst- werk treten würde. Las also»nd las, und siehe da— schon war ich betrogen. Die Dichtung hat über dreihundert zehnzeiliger ge« reimter Strophe». Die Sprache geht auf Stelze» und bläht pd) auf, ohne aber die geringste induvidnelle Mitgabe zu besitzen. Apostrophirungeu sind häufig, es kommen Worte zu tage wie„sächsischer". Eine Aufeinanderfolge von ch s fch mag in slavischen Sprachen angewandt werden, Deutsche können sie nicht ohne Niesen aussprechen. Die unliebsam bekannten lyrischen Re« quistten sind vom Leichenraben bis zum Blaublümelein vertreten. Der Held des Buches Laskaris ist ein eigenartiger Heiliger, wäre die Polizei gezwungen, einen Steckbrief hinter ihm zu erlasien, müßte er ungefähr so lauten: verschwimmt ins Wesenlose; steht mit beiden Füßen in der Luft; redet sehr viel, aber sagt garnichts. Wenn Herr Pfungst etwas mitzulhecken hat, das werth ist, gehört zu werden, so wäre es besser, wenn er es nicht in Versen thäle; seine dichterische Begabung ist durchaus unoriginell.— Ku«st. In Paris wurden vor einigen Tagen auf einer Kunst» Versteigerung für drei große Gobelins mit allegorischen Dar» stellnugen des Götterlebens(Opfer Apollos, CereS und Juno, die durch die Warnungen des Alters beunruhigte Jugend) mit gold- gewirktem Rande und dem Wappen der La Ferronnays 42 ovo Fr. gezahlt.— Geographisches. K. Die Thierw elt der Insel Borkum. Professor Schneider-Dresden hat vom Jahre 1336 biS 1895 die Fauna der ostfriesischen Insel Borkum stndirt. Während man bis 1336 auf der Insel nur 240 Arten kannte und daher die Fauna der Insel wie der Ostsee-Jnseln als äußerst arm schilderte, ist es Professor Schneider gelungen, auf Borkum 2350 Arten von Thiere» aufzufinden, darunter 25 Arten, zumeist Küfer und Schnecken, die in Deutschland bis jetzt überhaupt noch nicht gefunden wurden.— — Nach einer Mittheilung von Vennkoff an die Pariser Geographische Gesellschaft hat der A r a x e S aufgehört ei» Nebenfluß des Kura zu sein; der Fluß fließt gegenwärtig in seinem alten Bett direkt in das Kaspische Meer und mündet dort i» die Kisi- lagatsch-Bai. Da die Bewohner mit dieser Veränderung sehr zu- friede» sind, so haben sie die russische Regierung ersucht, Maß- Uahmeu zu tressen, um den jetzigen Znstand dauernd zu wahren.— Archäologisches. — E i n altassyrischer Bogen wurde in einem Grabe der 26. Dynastie zu Theben in Egypten durch Professor Flinders Petrie zusammen mit einem altegyptischen Bogen angefunden. Altegyptische Bogen sind bekannt,»nd ein solcher im Berliner Museum ist. wie der„Globus" schreibt, durch Dr. v. Lnschan beschrieben worden. Der vorliegende wahrscheinlich altassyrische ist aber der erste seiner Art und nun von Henry Balfour sammt den dazu gehörigen Pfeilen im„Journal of the Anthropological Institute" Februar 1397 abgebildet und beschrieben worden. Es gleicht den besten Abbildungen assyrischer Bogen ans den Denkmälern, und die 26. Dynastie Egyptens, welche in betracht kommt, herrschte(siebentes bis achtes Jahrhundert vor Christus) über Assyrien. Der Bogen, welcher zu den zusammengesetzten gehört, ist ganz unegyptisch in seiner Form, die auf einen mehr nordischen Ursprung hinweist. Er ist mannigfaltig zusammengesetzt, besteht aus zweierlei Arte» Holz, schwarzem Horn, Thiersehnen, einem Leim und ist in einem Ueber- z»g von Birkenrinde befindlich. Die Birke kommt in Egypten nicht vor. Auch die bei dem Bogen befindlichen Pfeile sind unegyptisch und gleiche» denen auf assyrischen Denkmälern. Der Bogen ist ver- muthlich als assyrische Kriegsbeute»ach Egypten gelangt, wo er gegen 2400 Jahre geruht hat, bis er heute wieder, ziemlich gut erhalten, au das Tageslicht gelangte.— Astronomisches. — Die Sternwarte zu Green 10 ich hat von Sir Henry Thompson ein neues Teleskop geschenkt erhalten, das zu den mächtigsten Instrumenten für astronomische Forschungen mittels Photographie zählt. Das neue Instrument ist genau zwei Mal so groß— sowohl an der Oeffnung, als auch in der Focal- Länge— wie das größte bisherige pholographische Teleskop der Sternwarte. Große Sorgfalt ist bei der Errichtung desselben verwandt worden, so daß es auf sehr fester Grundlage liegt und so weit wie möglich frei von Zittern ist. Unter den Verbesserungen, die hierbei vor- genommen wurden, ist die wichtigste, daß durch die Modifizirung deS Gestells eine völlig circumpolarische Bewegung des Instrumentes möglich gemacht ist, selbst wenn es auf den Pol gerichtet ist. Jeder Stern kann somit von dem Instrumente verfolgt werden, bis er am Horizonte untergegangen. Die Polarachse wird mittels einer sehr sorgfältig geschnittenen endlosen Schraube durch eine Trcibnhr in Bewegung gesetzt. Diese Uhr wird durch ein Gewicht von 12 Zentnern getrieben, das alle acht Minuten um einen Fuß fällt, und dem Beobachter ist die Mühe, auf die Uhr zu achten, genommen, da durch einen kleinen elektrischen Motor dafür gesorgt ist. daß die Uhr fortwährend aufgezogen bleibt, ohne daß ihr Gang dadurch irgendwie gestört wird. Auch die Vorkehrungen zur Auf- »ahme von photographischen Bildern der Gestirne sind äußerst sorg- fältig durchdacht und enthalten viele Verbesserungen der bisherigen Methoden. Alles in allem genommen hat das Instrument ein Gewicht von 10 bis 12 Tonnen, wovon die Hälfte auf die beweg- lichen Theile kommt. Das ObjektglaS des großen Refraktors wiegt mit der Zelle, in der es angebracht ist, zirka 350 Pfund, die Flint- scheide 163 Pfund und die Krone 92 Pfund. Der Spiegel des Reflektors wiegt mit feiner Zelle etwa 5 Zentner und der an« gehängte Spektroskop zirka 180 Pfund.— Technisches. — Am Tyne ist. wie man der„Voss. Ztg." schreibt, ein kleines Torpedoboot gebaut worden, daß auf seinen Probe» fahrten eine durchschnittliche Fahrgeschwindigkeit von 32V« Knoten die Stunde entwickelt hat. Das Schiff ist 100 Fuß lang, und die größte Breite beträgt nur 9 Fuß. Der Kiel ist so scharf wie ein« Messerschneide. Die ganze Konstruktion läuft darauf hinaus. Wind und Wellen möglichst geringen Widerstand zu bieten. Die Wasser« Verdrängung beläuft sich nur auf 40 Tons. Getrieben wird das Boot mittels Dampfturbinen. Deshalb hat ei sei» Erfinder, Charles A. Parson von Wylam,„Turbinen" getauft. Die Well« der Turbinen macht bei voller Kraft 2200 Umdrehungen in der Minute.— Humoristisches. c. e. Moderne Indianer. Die Behauptung» der Indianer fei für die kaukasische Zivilisation nicht zugänglich, muß im Lichte der jüngsten Erfahrungen geradezu als Verleumdung er« scheinen. Es ist allbekannt, daß die Cherokesen und Cheyennes im Jndianer-Territorium der Vereinigten Staaten ganz nach europäi« schein Muster ihre Beamten wählen und eine nationale Gesetzgebung besitzen, welche über das Wohl des Volkes wacht. Es ist auch be» kannt, daß die Rothhäute„smarte" Industrielle sind. Verstehen sie es doch,„echte" Skalps zu verfertigen und unzählige, Jahrhunderte alte, von dem alten berühmten Häuptling„Heulender Wolf" oder „Schreiender Adler" auf eine entartete Nachwelt vererbte Pfeifen, Tomahawks. Bogen, Pfeile und Pfeilköcher, sowie prächtigen Feder- schmuck in so großer Menge herzustellen, daß jeder Nachfrage genügt werden kann. Und als Handelsleute nehmen sie es mit dem gewiegtesten Kaufmanne auf, denn sie können, wenn sie dergleichen„Alterthümer" feilbieten, mit der unschuldigsten Miene von der Welt Behauptungen aufstellen, die dem hartgesottensten Reiseonkel die Rölhe der Scham in die Wangen treiben würden. Das ist. wie gesagt, alles bekannt. und doch waren immer noch Zweifel möglich, ob die Indianer auch sozusagen„voll und ganz" in das Wesen der amerikanischen Zivili- sation eindringen, ob sie sich dieselbe in ihrer höchsten Ausbildung würden aneignen können. Diese Zweifel sind jetzt gehoben durch di Thatsache, daß die Tuscarora-Jndianer von Oneida County, New- Jork, dieser Tage dem Senator Lodge, der als Vorkämpfer der Einwandernngserschwerung gilt,«ine sorgfältig ausgearbeitete Bitt- schrift zugehenßließen, in welcher sie um„Schutz", nachsuchten gegen die armseligen„Pauper"-Jndianer Kanada's. Die Tuscarora» Indianer drücken in jener Bittschrift die Hoffnung aus, daß die neue Einwanderungsvorlage auf irgend eine Weise jene kanadischen Indianer ausschließen werde, welche jeden Sommer „dutzendweise" über die Grenze kommen, um im Herbste wieder in ihre nördliche Heimath zurückzukehren. Diese Indianer kommen nicht in Onkel Sam's Lande, um, im gewöhnlichen Sinne des Wortes, zu arbeiten, aber sie sind in anderen geldmachenden„Be- rufen" thätig. Sief verkaufen gleich ihren amerikanischen Vettern „uralte" Pfeifen und Streitäxte, Friedenspfeifen und„von schönen Häuptlingslöchtern stammende" Perlstickereien, die in Montreal sabrikmäßig hergestellt werden, und sie wahrsagen auch. Das sind aber gerade die Berufe, in denen auch die amerikanischen Indianer mit Vorliebe thätig sind, und die nach Ansicht der Tuscaroras den rothen Kindern Onkel Sam's einzig und allein vorbehalten sein sollten. Daher verlangen sie Schutz gegeu ihre kanadischen Brüder. Au» gesichts dieses feinfühlige» Verständnisses für diese schönste Blüthe des amerikanischen Gedankens muß nun wohl die beleidigende Rederei von der angeblichen Zivilisationsunfähigkeit der Rothhäut« endlich ganz verstummen.— Vermischtes vom Tage. — Als Grünfutter verzollt wurde ein Lorbeerkranz, den das„Eimsbütteler Männerqnartett von 1894" am Sarge des kürzlich verstorbenen Komponisten Johannes BrahmS in Wien niederlegen ließ. Der Ueberbringer der Spende mußte an die österreichische Zollbehörde für den Kranz 1 Gulden 31 Kreuzer Zoll, 36 Kreuzer Agio und noch extra 32 Kreuzer Zustellungsgebühren bezahlen. Zoll mußte deshalb dezahlt werden, weil an den Schleifen des Kranzes sich Goldfransen befanden.— — Charlotte Wolter, die Tragödin des Wiener Burg» theaters, liegt'im Sterben.— — Von, P a l a t i n in R 0 m ist ein deutscher Tourist abge- stürzt. Er stützte sich auf eine hölzerne Brüstung, diese war morsch und gab nach. Der Verunglückte fand auf der Stelle seinen Tod. Seine Frau war Zeugin des Unglücks.— — Der Tenorist S t a g n 0. der in Gemeinschaft mit Frau Gemma Bellincioni auch niehrere Male in Berlin aufgetreten, ist in Genua am Herzschlag verstorben.— — In London ereignete sich am 26. April abends in einem Stadtbahnzuge bei Aldersgate-Strect-Bahnhof eine Explosion. Ein Wagen wurde beinahe gänzlich zerstört, eine Person wurde getödtet, mehrere verwundet. Wie vermuthet wird, ist die zur Beleuchtung de? Wagens mitgeführle Gasmenge explodirt.— ce. Im Staate N e w- A 0 r k ist der Verkauf von Pferdefleisch als Nahrungsmittel durch ein Gesetz verboten worden.—_ Verantwortlicher Redakteur: Robert Schmidt in Berlin. Druck und Verlag von Max Bading in Berlin.