Anlerhaltungsblatt des Vorwärts Nr. 84. Donnerstag, den 29. April. 1397. (Nachdruck verboten.) � Gin alker Skrerk. Roman aus dem bayerischen Volksleben der sechziger Jahre von Wilhelmine v. Hillern. Uuter-Lichtzeit. Die Kommission ist eingetroffen. Als Hauptzeugen waren vorgeladen: Lorenz Bissinger, der Sohn des erkrankten, durch das Haberfeldtreiben so schwer geschädigten Hochbräu Bissinger, — ferner August Gemming, Schriftsteller und Premierlieuteuant außer Dienst, Herr Pfarrer Zwänger und Herr Doktor Vorderer von hier. Lorenz hat auf grund seiner nahen Verwandtschast als Sohn des Bissiuger den Zeugeneid, beziehungsweise Handschlag verweigert. Der Untersuchungs» richter hat ihn bei der Einvernahme darüber belehrt, daß der Sohn das Recht habe, in Streitsachen des Vaters die Zeugenschast abzulehnen, und Lenz hat ohne Be- sinnen von diesem Recht Gebrauch gemacht.— So ist ihm doch die eine furchtbare Nothwendigkeit erspart, deren Gespenst ihn unablässig verfolgte und fast zur Verzweiflung trieb: die, zu schwören, oder zu bekennen. Eine endlose Untersuchung mit einer Masse von in- kompetenten Zeugen, fast das ganze Dorf— erfolgt und ohne jedes Resultat, wie immer.— Da hilft kein Drohen, kein Bitten— das Geheimniß der Habercr bleibt undurch- dringlich. Selbst ihre erbittertsten Feinde— im Moment, wo es gilt vor Gericht gegen sie auszusagen, stellen sich auf ihre Seite und vertuschen alles. So groß ist die Macht und das Ansehe» dieses Bundes, daß der Nichtbetheiligte lieber jede Strafe aus sich nehmen will, als die Rache der Haberer. Und doch ist es nur eine moralische Macht, die sie ausüben, denn sie schädigen niemanden materiell. Sie greifen nur schonungslos den Leuten ins Gewissen, sie decken auf, was verborgen bleiben möchte und halten dem Laster einen Spiegel vor, in dem es sich zur Fratze verzerrt sieht. „Da hält alles zusammen!* sagt der Untersuchungsrichter, »das Verfahren wird geschlossen werden muffen aus Mangel an Beweisen für die Schuld der einzelnen.* Die Kommission erhebt die Anklage auf„Störung des öffentlichen Friedens—" mit unbezweifelbarem Recht. Ein Massentreiben, wie noch keines war, Brandstiftung, Ver- höhnung der Geistlichkeit,— offener Aufruhr mit der Waffe in der Hand— Gewalt und Todtschlag! Giebt es noch ein Verbrechen, was zur Vervollständigung des Begriffs Land- friedensbruch fehlte? Sicher nicht— die Thaten sind alle erwiesen, nur die Thäter nicht zu ermitteln. Es muß also zu einem summarischen Verfahren geschritten werden und in diesem Anbetracht, sowie als Strafe für die Hartnäckigkeit der Bevölkerung in der Verweigerung jeder Aussage, wird einstweilen über den ganzen Ort Zwangseinquartierung verhängt. Damit � ist der Ort zu gründe gerichtet.— So sind denn die Unschuldigen mit den Schuldigen bestraft.— Die moralischen Urheber des ganzen Unglücks jedoch, die,— der eine durch Unredlichkeit, der andre durch Härte und Kälte—, die Leute so weit gebracht, bis das Maß überlief, diese sind natürlich die Märtyrer des Tags, die bedauernswerthen Opfer brutaler Willkür, und man ist ihnen eine exemplarische Geuugthuung schuldig. Nur einer ist da, der den Muth hat, dem Unter- suchungsrichter die Verhältniffe wahrheitsgemäß darzulegen und für die Haberer einzutreten. Gemming! Aber was ist das Zeugniß des verrufenen Mannes, wo solche That- fachen sprechen? Nicht mehr und nicht weniger als die Stimme der Krähe, die der anderen die Augen nicht aus- hackt!— Das thut dem Gemming am wehsten, daß man den Freunden nichts mehr nützen kann, wenn man das An- sehen verlor! Bevor man ihn vernahm, hoffte man, von ihm wenigstens einen Theil der Wahrheit zu erfahren, das heißt dessen, was man für Wahrheit hielt.— Er sagte auch die Wahrheit, aber in ganz anderm Sinn. Eine brauch- bare Aussage ist von ihm nicht zu bekommen,— das heißt eine solche, die sich gegen die Haberer verwerthen ließ. Ebenso wenig vom Doktor. Nun ist n>an ausschließ- lieh auf das Zeugniß des Herrn Pfarrers Zwänger au- gewiesen, der mit größter Ruhe und Objektivität die ver- nichtendsten Argumente gegen das ganze Habererwese« vorbringt.— Er ist also fast der einzige Belastungszeuge, mit Ausnahme der Gendarmerie, und man setzt nun die letzte Hoffnung auf die später in München stattfindende Vernehmung des gefangenen Haberers, Sebald Allmeyer, nach den Rapporte» ein schwächlicher, schüchterner Mensch, der nicht einmal ver» sucht habe, seine Schuld zu leugnen und noch weniger den Muth haben würde, den Untersuchungsrichtern die geforderten Aufschlüsse zn verweigern. So verläßt die Kommission, unbefriedigt über die geringen Resultate und aufs höchste erbittert über die»Verlogen- heit dieser Bevölkerung* den Ort.—»Auch der Lorenz— vom Hochbräu— spielte eine sonderbare Rolle. Ein Sohn, der nicht mit Freuden die Gelegenheit ergreist, für seinen Vater Zeugniß abzulegen! Und doch soll er ein vortrefflicher Sohn sein, der den Alten ausopfernd pflegt. Es ist also gar nicht zu erklären!" »Ja, das wird noch was kosten, bis dieses Habererunwesen aufgehellt ist!* So sagen die Herren im Vorbeifahren und schauen zerstreut hinauf nach dem hübsch gelegenen, kleinen Häuschen dort oben am Berghang, wo Wiltraud den Habermeister pflegt. Aber die Hoffnung auf die Geständnisse des Sebald hat die Herren ebenfalls getäuscht. Mit der größten Bescheidenheit und Sanftmuth erklärt er bei den Verhören, nichts auszusagen, als was seine Schuld beträfe, die er keinen Augenblick leugne. Auf die Vorstellung deS Untersuchungsrichters, daß er durch ein umfangreiches Bekenntniß über seine Mitschuldigen u. s. w. seine Lage bedeutend verbessern und sein Strafmaß verringern werde, zuckt er verlegen die Achseln und betheuert, er könne nichts weiter sagen! Das Urtheil wird gesprochen, und Sebald erhält eine Ge> fängnißstrafe von ein und ein halb Jahren, wegen»Störung des öffentlichen Friedens*. Mildernde Umstände werden in Hinsicht auf seine Verweigerung jeglicher.vom Gericht verlangter Aufschlüsse nicht angenommen. Eine schwere Zeit steht wie eine Gewitterwolke über dem Dorf und der tobten Mühle. Wiltraud sieht niemanden, als die wenigen, die zu ihrem Krailkcn kommen, und so ziehen die Ereignisse an ihr vorüber wie eine Gefahr an einem Schlum- meruden vorbeigeht.— Aber die Stunde des Erwachens naht auch ihr. Bisher hat nichts sie in ihrem Liebeswerk, an ihrem Pflegling, dem Habermeister, gestört. Indessen hat es Lenz mit Hilfe der Haberer und ihrer gewohnten List und Schlau- heit durchgesetzt, das kleine Anwesen für Wiltraud zu retten, und eines Tages kommt der Rugmeister voll Freude und überbringt ihr den zerrissenen Schuldschein vom Bissinger. »Die Haberer haben zusammengelegt und die Hypothek ab- gezahlt. Nun gehört das Haus wieder ihr!* Mehr sagt man ihr nicht und braucht sie nicht zn wissen.— Wiltraud in ihrer natürlichen Bescheidenheit und Rechtlichkeit— weiß sich nicht zu helfen. Mit tiefer Beschämung und widerstrebend fragt sie: „Wie komm' i zn so'ma G'schenk?* und nur der Gedanke, daß es geschah, um dem Verwundeten das schützende Asyl zu sichern, erklärt ihr die Sache.— Und noch einer braucht die Heimath ja so nothwendig,— ihr Bruder, wenn er,— Gott weiß wie elend, zurückkommt! Ja es ist eine große, un- verhoffte Wohlthat, und sie nimmt sie an.„I will's Euch an Eurem Kranken vergelten, z'tausendmal,— sonst kann i Euch ja nix thun!" sagt sie einfach. Und sie hält Wort. Der Habernrnster fängt an, sich unter ihrer Pflege zu er- holen. Du Heilung schreitet normal fort, und es ist ihr ein- ziger Trost, zu sehen, daß sie dem Unglücklichen seine furcht« bare Lage erleichtert, daß sie ihn in mancher Stunde der Muthlosigkcit vor Verzweiflung rettet. Die Seele des Mannes ist bedenklich umdüstert, und Wiltraud sowohl wie den Arzt beängstigt seine fast übernatürliche Ruhe und sein Schweigen. Auch daß er immer abwehrt, wenn Wil- traud seiner Frau schreiben will, zu kommen und nach ihrem Mann zu sehen, ist auffallend. Nur wenn er ganz allein mit Wiltraud ist, und sie ihm in ihrer schlichten Art vom Vater und Bruder erzählt,— oder von ihrem Vögelchen und von der Geiß, die so gescheit ist und sich immer am Fenster meldet, wenn die Stallthür zu ist,— da fliegt manch- mal eir kacheln über sein Gesicht und seine dunklen Augen ruhen mit stiller Rührung auf ihr.— Wenn der Arzt in solcher Stunde kommt, da geht sein Puls ruhig, aber sowie Wiltraud das Limmer verläßt, wird er nervös und unruhig.— Wie unentbehrlich ist sie ihm aber auch!— Er kann sich ja gar nicht Helsen, ohne sie, mit der einen Hand. Wenn sie da ist, fühlt er es nicht so bitter, weil sie ihn in allem unterstützt. Sie giebt ihm zu essen wie einem Kind— sie merkt jeden Wunsch, ehe er ihn ausspricht, und so freundlich und freudig thut sie alles, daß es ihm nie peinlich zu sein braucht.— Nur wenn er eine Weile allein ist, übermannt ihn das Gefühl seiner Hilflosigkeit, und kommt sie dann wieder herein, so findet sie ihn so düster vor sich hinstarrend, daß ihr Angst und bang um ihn wird. „I mein imnier, er überträgt's nit!" sagt Wiltraud eines Tages zum Doktor. Dieser zuckt die Achseln:„Das dumpfe Brüte» gefällt mir auch nicht. Mir wär's lieber, er klagte und schimpfte.— Lacht er denn auch nicht, wenn der Gemming ihm seine Schnurren vormacht?" „Nein, nie!" „Das ist freilich schlimm. Machen wir, daß wir ihn sobald wie möglich nach Haus zu Weib und Kind bringen—" „O mei, Herr Doktor, da wär's eh' nit g'holfen," sagt Wiltraud bedrückt:„I mein' alleweil, die leben nit recht gut mit'nander. I Hab' neulich g'sehen, wie ihm der Rugmeister seine Kleider und Wäsch bracht hat— da war a Brief derbei. Der Rugmeister hat'n ihm aufg'macht. Mit der linken Hand bat er'n g'halten und die hat ganz zittert wie er'n g'lesen hat. Dann hat er'n mit die Zähn und der eine Hand in Fetzen g'rissen und'm Rugmeister geb'n zum verbrenne! Dös sollt' doch nit sein, wenn d' Leut anand' gern hab'n?" „Freilich nicht!" lächelt der Doktor— denn auch er kann sich eines Lächeln des Entzückens nicht erwehren, wenn er das wundervolle Geschöpf ansieht. Wie sie da vor ihm steht in ihrer milden und doch so unnahbaren Frauenwürde! Ein vollentfaltetes Weib, eine keimende Welt von Kraft und Liebes- fülle im Busen und doch ein Kind an Unschuld und Einfalt — und so schön dabei— so ahnungslos schön— mit dem schlanken Kops auf dem stolzen Nacken und den großen, traurigen Rehaugen. Der Doktor muß es unwillkürlich be- wundernd denken, während er das Mädchen so anschaut. Dann sagt er kopsschüttelnd:„Es ist doch besser, wenn der Mann wieder in seine Gewohnheit kommt!" „Wie S' meine, Herr Doktor," antwortet Wiltraud bereit- willig.„Mir thut's leid, wann i ihn hergeb'n muß und er vielleicht nicht gut'pflegt wird daheim.„Jhna würd's auch leid thun, wann S''n Patienten, mit dem S' Jhna recht Müah geb'n hätt'n,'ma andern Arzt überlassen müßten, wo S' nicht sicher wären, ob er Jhna nit verderbt, was Sie guat g'macht hab'n!" „Ja, da haben Sie recht, Wiltraud." „No seht's, so ist's mir. Er wird mir scho rech� ab- gehen,— aber ganz wie S' wollen. Wann soll er denn surt?" „Wenn die Heilung so weiter schreitet, können wir ihn bis in acht oder zehn Tagen entlassen!" Als Wiltraud nach dieser Unterredung, die wie immer vor der Thür des Patienten gehalten wurde, zu ihm hinein- kommt, findet sie ihn leichenblaß und seine eingesunkenen Augen leuchlen fieberhaft. „Also jetzt muß i mi an den Gedanken g'wöhne, daß i heimg'schickt werd— Wiltraud?" „Habt's g'hört, was wir g'redt haben?" „Ja!" sagt der Mann und dem Mädchen schaudert vor seinem Ausdruck.„No Oes werd's Enk auch freuen, wann's wieder zu die Kindcrln hoam kimmt's?" sagt sie, sich zum Lächeln zwingend. Tenner schaut lange zu Boden, dann schlägt er die Augen wieder auf und heftet sie aus das Mädchen.„Wißt, Wiltraud, dös ist so: hier mein' i— i sei neugeboren und sei halt nur mit ei'm Arm auf d' Welt komme,— und wüßt's nit anders! Aber daheim, wo i als a ganzer Mensch g'lebt Hab', da kann i mich nimmer als a halber eing'wöhne!" Wiltraud schweigt, denn sie kann nicht lügen und sie fühlt ja, wie schrecklich wahr das ist. „Und wißt's, Wiltraud," fährt er fort,„so lang i bei Euch war, Hab' i au mein' Arm nit vermißt.— Oes habt's es ja nie dazu komme lassen.— Aber ohne Euch bin i der elendste Krüppel aus'm Erdsboden— da ist a jed's ang'schossen Stück Wild besser dran, was wenigstens in Ruh' verenden kann, wenn sich's wo verschlieft!" Wiltraud fühlt den grenzenlosen Schmerz, der durch diese Worte zuckt. Sie nimmt seine Linke in die Hand und prüft ängstlich den Puls.„O, lieber Gott, Poschinger. Oes müßt's Euch nit so aufregen, sonst kriegt's wieder's Fieber. I bitt' Euch— da muß i ja weine!" „Wiltraud!" schreit es plötzlich aus der tiefsten Seele des Mannes auf,— er läßt sich vom Stuhl auf die Knie herab- gleiten.„Wiltraud,— verzeih' mir,— i kann nimmer leben ohne Dich!" (Fortsetzung folgt.) (Nachvruck Virboten.) Vas Alke NlÄdchen. Bon Guy de Maupafsant. Deutsch von FranzHofen. O! Ihr lieber Gott war ein Biedermann, eine Art Dorf- Philosoph ohne große Mittel und ohne große Macht, denn sie stellte sich ihn stets betrübt über ein Unrecht, das vor seinen Augen be- gangen worden wäre, vor,— als ob er es nicht hätte hindern können. Uebrigens stand sie mit ihm im besten Einvernehmen und schien selbst Verlraute seiner Geheimnisse und seines Kummers zu sein. Sie sagte„Gott will" oder„Gott will nicht" wie ein Unter- offizier. der einem Rekruten sagt:„Der Herr Oberst hat be- sohlen." Sie beklagte von Grund ihres Herzens aus meine Unwissenheit in beziig aus die hinimlischen Weisungen iiiid suchte mich mit aller Macht aufzuklären; jeden Tag fand ich i» meinen Taschen, in meinem Hut, wenn ich ihn am Boden liegen ließ, in meinem Mal- kästen, in meinen Schuhen, die ich morgens zum Putzen vor»iei»e Thüre stellte, die kleine» Pietätsbroschüren, die sie ohne Zweifel direkt ans dem Paradies empfing. Ich behandelte sie wie eine alte Freundin mit herzlichem Frei- muth. Aber bald merkte ich, daß sich in ihrem Benehmen etwas geändert hatte. Ich hatte in der ersten Zeit nicht so genau darauf geachtet. Wenn ich arbeitete, sei's im Grunde meines Thales, sei's an einem Kreuzweg, sah ich sie plötzlich auftauchen; sie kam mit ihrem raschen rythmischen Schritt daher. Sie setzte sich hastig, außer Athem. als ob sie rasch gelaufen wäre, oder eine tiefe Erregung sie beherrsche. Sie war sehr roth, englisch roth, wie es kein anderes Volk besitzt; dann wurde sie ohne äußere Veranlassung blaß, erdfahl und schien die Besinnung zu verliere». Allmälig indcß sah ich, wie sie ihren gewöhnlichen Ausdruck annahm; dann begann sie zu sprechen. Drauf hörte sie plötzlich mitten in einem Satze auf, stand auf und eilte so rasch und merkwürdig fort, daß ich suchte, ob ich nichts gethan hätte, was ihr hätte mißfallen oder sie beleidigen können. Schließlich glaubte ich, es seien ihre gewöhnlichen Allüren, die sie offenbar in der ersten Zeit unserer Bekanntschaft mir zu Ehren etwas modifizirt hatte. Wenn sie nach der Wirthschast nach stundenlangem Gehen längs der windgepeitschten Küste zurückkehrte, waren ihre langen in Spiralen gedrehten Haare ausgelöst und hingen herab, als ob ihre Stütz! zerbrochen wäre. Früher kümmerte sie sich nicht weiter darum und kam so zum Essen ohne Ziererei, so sehr sie auch ihre Schivester. die Windsbraut, zerzaust hatte. Jetzt stieg sie nach ihrem Zimmer herauf, um, was ich ihre Lampen- gläser nannte, in Ordnung zu bringe». Und wenn ich ihr eine ver- trauliche Galanterie, die sie sonst immer verletzte, sagte:„Sie sind heut schön wie ein Stern, Miß Harriet", stieg ihr sogleich etwas Blut in die Wangen, das Blut eines jungen Mädchens, das Blut von fünf- zehn Jahren. Dann wurde sie wieder ganz wild und ging nicht mehr mit, wenn ich malte. Ich dachte:„Das ist eine Krise und wird vorüber- gehen." Aber es ging nicht vorüber. Wenn ich jetzt mit ihr sprach, antwortete sie mir gemachter Gleichgilligkeit oder lieser Erregung. Sie war brüsk, ungeduldig, nervös. Ich sah sie nur noch bei den Mahlzeiten, auch sprachen ivir nicht mehr. Ich dachte, ich hätte sie wirklich mit etwas schwer gekränkt und fragte sie eines Abends: „Miß Harriet. warum sind Sie jetzt anders gegen mich wie früher? Was habe ich gethan, das Ihr Mißfalle» erregt hat? Sie mache» mich besorgt!" Sie antwortete mit komisch ärgerlicher Betonung:„Ich fein immer mit Sie derselbe wie früher. Das sei» nicht wahr, nicht wahr." lief fort und schloß sich in ihrem Zimmer ein. Manchmal sah sie mich eigenthümlich an. Ich habe mir oft seit jener Zeit gesagt, daß die zum Tode Berurtheilten so aussehen müssen, wenn man ihnen ihr letztes Stündchen ankündigt. In ihrem Auge war eine Art Irrsinn, ein geheimnißvoller heftiger Irrsinn und noch etwas anderes,«in Fieber, eine rasende Sehnsucht, ungeduldig und ohnmächtig nach etwas Unerfülltem und Unerfüll- baren lechzend. Und es schien mir auch, daß in ihr ein Kampf vor sich ging, in dem ihr Herz gegen eine unbekannte Kraft, die sie zwingen wollte, stritt und vielleicht noch etwas... Was weiß ich? Was weiß ich? III. In seltsamer Weise erfuhr ich Ausklärimg. Seit einiger Zeit arbeitete ich jeden Morgen von Sonnenauf- gang an, an einem Bilde mit folgendem Sujet: Ein tiefer Hohlweg, eingeschlossen und beherrscht von zwei Böschungen, von Brombeersträuchern und Bäumen bewachsen, dehnte sich verloren, getaucht in jenen milchigen Nebel, der wie Watte bei Tagesanbruch zuweilen über den Thälern dahinfluthet. Und niitten in diesem weiten durchsichtigen Dunstmeer sah man, oder vielmehr errieth man, wie ein Menschenpaar, ein Bursche und ein Mädchen, daherkamen. Sie umarmten, umschlangen sich, sie hatte das Köpfchen an ihn gelehnt, er neigte sich zu ihr, Lippe ruhte auf Lippe. Der erste Sonnenstrahl gleitet durch die Zweige und durch- dringl den Morgennebel, er beleuchtet ihn hinter den ländlichen Liebenden mit einem rosigen Widerschein. Weit läßt er ihre Schatten in die silberne Klarheit dringen. Es war gelungen, auf Ehre, sehr gut gelungen. Ich arbeitete an dem Abhang der nach dem kleine» Thale von Etretat führt. An dem Morgen hatte ich Glück, der Nebel, den ich brauchte, schwebte in der Thal über dem Hohlweg. Etwas richtete sich vor niir, wie ein Phantom auf, es war Miß Harriet. Als sie mich sah, wollte sie fliehen. Aber ich rief sie und schrie:„Kommen Sie, kommen Sie doch her, gnädiges Fräulein, ich habe ein Bildchen für Sie." Sie näherte sich wie bedauernd, daß sie nur herankommen müsse, um nicht unhöflich zu erscheinen. Ich hielt ihr meine Skizze hin. Sie sagte nichts, sondern sah es lange schweigend an, dann brach sie jäh in Thränen aus. Sie weinte nervös und krampfhaft wie Leute, die lange gegen Thränen angekämpft haben, die sich nicht länger halten können und sich gehen lassen, obwohl sie noch Widerstand leisten. Ich sprang hastig auf, selbst bewegt von dein Kummer, den ich nicht begriff, und nahn> ihre Hände in einer Anwandlung brüsker Zuneigung, einem echt französischen Zuge, denn unsere Landsleute Handel» schneller als sie überlegen. Sie ließ einige Augenblicke ihre Hände in den meinen, und ich suhlte sie zittern, als ob alle ihre Nerven in Aufruhr wären. Dann zog sie sie jäh zurück oder vielmehr entriß sie mir. Ich hatte dies Zittern wieder erkannt, da ich es schon gefühlt hatte i und nichts konnte mich darüber täuschen. Ach! Das Liebes- beben eines Weibes, ob sie nun fünfzehn oder fünfzig Jahre hat, ob sie dem Volke oder der guten Gesellschaft angehört, geht mir so gradaus zum Herzen, daß ich es stets ohne Zögern erkenne. Ihr ganzes armes Wesen schien verwirrt, in Aufruhr, ohn- mäcktig, überwältigt. Ich wußte es. Sie ging fort, ohne daß ich ein Wort gesagt hatte, und ließ mich verwundert wie vor einem Räthsel und verzweifelt als ob ich ei» Verbrechen begangen hätte. Zum Dejeuner kehrte ich nicht zurück. Ich machte eine» Spazier- gang am Felseuufer und hatte ebensosehr Lust zum Weinen wie zum Lachen, da ich das Abenteuer komisch und beklagenswerlh fand, mich lächerlich fühlte und sie unglücklich zum Wahnsinnigwerde» wähnte. Ich fragte mich, was ich thun solle. Ich war der Ansicht, daß ich nur noch abreisen könnte, und ent- schloß mich sogleich kurz dazu. Nachdem ich bis zum Diner herumgestreift war, kehrte ich zur Essenszeit etwas traurig und träumerisch zurück. Man setzte sich wie gewöhnlich zu Tisch. Miß Harriet war da, aß bedächtig, ohne mit irgend jemand zu sprechen oder auch nur die Augen zu erheben. Im übrigen war ihr Gesicht und ihr Wes e» wie sonst. Ich wartete bis zum Schluß der Mahlzeit, dann wandte ich mich an die Wirlhin.„Frau Lecacheur, ich kann mit meiner Abreise nicht länger verziehen." Die gute Frau rief erstaunt und ärgerlich mit ihrer schleppe»- den Stimme:„Was sagen Sie da, mein Herr! Sie wollen uns ver- lassen! Wir waren schon so sehr an Sie gewöhnt!" Ich sah aus einer Ecke Miß Harriet an, sie hatte nicht ge- zitterr. Aber Celeste, die kleine Jungser, hob die Augen nach mir. Es war ein dickes Mädel von acdtzehn Jahren, roth, frisch, stark wie ein Pferd und, was selten ist, blitzsauber. Ich umarmle sie zuweilen in allen Ecken, aus alter Herbergsgast-Gewohnheit, weiter nichts. Und das Essen ging zu Ende. Ich zündete mir unter den Apfelbäumen eine Pfeife an und ging kreuz und quer von einem Ende zum anderen. Alle die Be- lrachtungen, die ich am Tage angestellt hatte, die seltsame Ent- deckung vom Morgen, diese groteske, leidenschaftliche Liebe zu mir, die Erinnerungen, die mir infolge dieser Erkenntniß gekommen waren, reizende, verwirrende Erinnerungen, vielleicht auch der Blick, den mir die Magd bei der Ankündigung meiner Abreise zugeworfen, alles das zusammen vermengt, erregte jetzt ein übermüthiges Gefühl in meinem Körper, ein Prickeln von Küssen auf meinen Lippen und in meinen Adern das gewisse Etwas, das uns Tollheiten machen läßt. Die Nacht kam. Ihre Schatten glitten unter den Bäumen, und ich bemerkte Celeste, die de» Hühnerstall auf der anderen Seite der Umfriedung schließen ging. Ich stand behutsam auf und lies ihr vor- sichtig, damit sie nichts merke, nach. Als sie aber wieder erschien, nachdem sie die kleine Treppe, auf der die Hühner aus und ei» gehen, entfernt hatte, ergriff ich sie und überschüttete ihr großes dickes Gesicht mit einem Regen von Liebkosungen. Sie wehrte sich lachend: sie war an dergleichen gewöhnt. Warum ich sie heftig zurückgestoßen habe? Warum ich mich jählings umwendete? Wie konnte ich fühlen, daß jemand hinter mir sei? Es war Miß Harriet, die zurückkam und uns gesehen hatte und die unbeweglich wie vor einer Geistererscheinung stehen blieb. Dann verschwand sie in der Nacht. Ich ging verwirrt voll Scham ins Haus, verzweifelter, so von ihr überrascht worden zu sein, als wenn sie mich ein Verbrechen begehen gesehen hätte. Ich schlief schlecht, äußerst nervös gepeinigt von trüben Ahnungen. Ich glaubte weinen zu hören. Ohne Zweifel täuschte ich mich. Mehrmals glaubte ich, man ginge im Hanse herum und öffne die Außenthür. Gegen Morgen übermannte mich die Müdigkeit, und ich fiel endlich in Schlaf. Ich wachte spät auf und zeigte mich erst zum Dejeuner, noch immer verwirrt, da ich nicht wußte, was für ein Gesicht ich machen sollte. Man hatte Miß Harriet noch nicht gesehen. Man wartete auf sie, aber sie kam nicht. Mutter Lecacheur ging in ihr Zimmer, aber die Engländeriu war fort. Sie nwßte vor Tages« anbruch fortgegangen sein, wie sie oft that, um den Sonnenaufgang zu sehe». Man wunderte sich also nicht und setzte sich schweigend zum Essen. (Schluß folgt.) Kleines Fenillekon. — Die durch das Lese» erzeugte Müdigkeit uud Au- streugung der Augen ist von Harold Griffing und I. Franz zun, Gegenstand einer eingehenden Untersuchung gemacht worden. Auf grund derselbe» hat es sich ergeben, daß der Haupteiufluß in dieser Hinsicht in den Dimensionen der Zeichen zu suche» ist, und zwar ist es nicht rathsam, Buchstaben und Zeichen unterhalb der Minimal- größe von I.S Millimelern zu wählen, da das Auge sonst ungemein rasch ermüdet. Die Stärke der Belichtung hat beim Tageslicht keinen wesentlichen Einfluß. Ist jedoch die zur Beleuchtung zur Verfügung stehende Lichtquelle geringer als zehn Normalkerzen, so tritt eine ungünstige Wirkung ein, welche bedeutend einflußreicher ist als die von den Zeichendimensionen abhängige, und es läßt sich eine Helligkeit von etwg 100 Normalkerze» als eine besonders vortheilhafte betrachten. Das weiße Licht ist dem gelben Licht bei der künstlichen Beleuchtung vorzuziehen, ebenso wie die Verwendung von weiße», Papier als das vortheilhaftefte anzusehen ist. Die Form der Buchstaben und Zeichen hat sich als weniger einflußreich erwiesen als ihre Stärke.— Literarisches. n. I ü t h e, Gustav:„Entehrt." Modernes Drama in 3 Aufzügen. Magdeburg, 1837. Wallher Nieman».— Der Polizei- Präsident einer Provinzialhauptstadt hat wegen einiger im Uebereifer begangener Gesetzwidrigkeiten eine Rüge erhalten. Das betreffende, ge- Heime Aktenstück ist auf den Schreibtisch eines freisinnigen Redakteurs ge- weht worden, der es der Oeffentlichkeit übergeben will. Der Stellvertreter des Polizeipräsidenten, ein heimlich mit der Tochter jenes Redakteurs Verlobter Baron, erhält durch seine Braut Nachricht von diesem Vorhabe»»nd zwar in dem Augenblicke, wo er im Begriff ist, sei» heimliches Verlöbniß zu einem öffentlichen zu machen und wo ihm der Zufall ein Schriftstück in die Hände gespielt hat, ans dem hervor- geht, daß der zukünftige Schwiegervater vor 40 Jahren wegen einer aus Roth begangenen Urkundenfälschung mit 8 Tagen Gefängniß bestraft worden ist.— Aus diesen Begebenheiten hat der Verfasser ein spitzfindig ausgeklügeltes, aber nicht ungeschickt inszenirtes Drama geschaffen, das jedoch nie erschütternd wirken wird, weil ihm jede innere, logische Wahrscheinlichkeit fehlt. Der Konflikt ,st künstlich geschaffen. Wenn die auftretenden Personen nicht fast sämmllich Gespenster sähen und nur einigermaßen mit Ueberlegnng handelten, mußte die Geschichte trotz der Standes- und Partei- vorurtheile das gemüthlichste Ende nehmen. Für die Tragik dieses „Entehrt" fehlt einen, anderen Mensche» jedes ernsthafte Ver- ständniß.— Theater. — Ludwig F u l d a' s neues einaktiges Lustspiel„L ä st i g e Schönheit" wurde vor einige» Tagen in Stuttgart zum ersten Male ausgeführt. Es soll freundlich aufgenommen worden sei». Erziehung und Unterricht. — Der Ausschuß, den die L e i p z i g e r Universitäts-Professorc» zur Veranstaltung von Hochschulvorträgen für jeder- mann eingesetzt haben, erstattet soeben seinen erste» Bericht. Da- »ach sind 12 Vorträge veranstaltet worden, die von inSgesannnt 10 548 Hörern besucht wurden. Die Vorträge hielten elf Professoren und ein Privatdozent. Es wurden 650 Serienkarte», für alle Vor- träge, ausgegeben, außerdem für jeden Vortrag Einzel- karten, deren Anzahl zwischen 500 und 850 schwankte. Die Serienkarten kosteten 1 M., die Einzelkarten 10 Pf.; beide waren nur im Vorverkauf zu haben. Die Kontrolle und Abnahme der — 3! Karten war 20 Studireuden anvertraut. Alle Vorträge sollten in dem der Universität gehörigen Czermak'schen Spektalorium stattfinden, das vom Kultusministerium zur Verfügung gestellt war; auch wollte das Ministerium unentgeltlich für Heizung und Beleuchtung sorgen. Indessen erwies sich der nur 450 Personen fastende Raum als viel zu klein, und man wandte sich nun an den Direktor des Karola-Theaters. Dieses Theater, das bei einer aus- gezeichneten Akustik 1150 Personen aufnimmt, war fast immer bis auf den letzten Platz gefüllt. Der besuchteste Vortrag(mit etwa 1250 Zuhörern), der ausnahmsweise im Theatcrsaale des Krystall- palastes stattfand, war der von Professor Sohm über den Dienst- vertrag nach dem Bürgerlichen Gesetzbuch. Die Einnahmen aus dem Kartenverkauf betrugen 1284,60 M., die gesammteu Ausgaben da- gegen nur 1071,51 M.— Archäologisches. — Im heiligen Bezirk von E l e u s i s(Griechenland) wurde in letzter Zeit an verschiedenen Stellen eine Anzahl rothfiguriger Vasenscherben gefunden, die jetzt von P. Hartwig in Dresden zu einer Komposition vereinigt worden sind, die das überraschende Er- gebniß gehabt hat, daß wir in ihr, wie Hartwig im neuesten Heft der„Mittheilungen des deutschen archäologischen Instituts(Athen. Abth.)" berichtet, zum ersten Mal eine groß angelegte, figurenreiche Darstellung des Raubes der Proserpina aus älterer Zeit erhalten haben. Das Gefäß, dem die einzelnen Scherben an- gebören, war«in großer Becher, der in vollständigem Znstande eine Höhe von etwa 25 Zentimeter erreicht haben mag. und stammt aus dem 5. Jahrhunderl v. Chr. Während die bisher einzige un- bestrittene Darstellung der Entführung der Proserpina durch Pluto auf einem Gesäß einheimischer griechischer Arbeit— es ist dies die nolanische Amphora in Neapel— nichts weiter als eine der lahmen Vcrfolgungsszenen ist, die in späterer Zeit bis zur Ermüdung wiederholt wurde», haben wir hier ein wirkliches Bild, einen mit Lebendigkeit erfaßten Vorgang, Stimmung in den Figuren und eine wohl abgewogene Vertheilung. Eine besondere Bedeutung erhält das Vasenbild mit dem Raube der Proserpina noch dadurch, daß es Irin heiligen Bezirke der großen Göttinnen in Eleusis selbst ent- stammt, daß es dort als ein Weihegeschenk von den Hände» einer gewissen Anthippe niedergelegt war. deren Namen uns der Fuß des Gesäßes erhalten hat. Im elensinischen Bilderkreise dürfte dieses ans Trümmern wiedergewonnene Bild durch die Schönheit seiner kiiustlerifchen Ausführung und die Klarheit der Exposition weitaus die erste Stelle einnehmen.— Aus dem Thierlebe». — Der Gesichts- und Farbensinn der Sprung- spinnen(.Attidas), die oft außerordentlich mit Farben geschmückt auftrete», ist seit längerer Zeit von G. W. und E. G. Peckham, den erfolgreichsten Beobachtern dieser Spinnengruppe, stndirt worden, und die Ergebnisse dieser durch acht Sommer an zwanzig ver- schiedeuen Arte» gemachten, nach vielen Hunderten zählende» Ver- suche sind nunmehr in den Berichten der Wiscousin-Akademie ver- össentlicht worden. Die Bewegungen und Stellunge» dieser Spinnen. die ihren Weibchen ihre oft metallisch schimmernden Zierathe von der günstigsten Seite zu zeigen suchen und dabei förmliche Tänze vollführen, sind wunderbar lebendig und ansdruckvoll, auch ganz verschieden, wenn ein Männchen oder ein Weibchen in ihren Gesichtskreis tritt. Dadurch konnte vor allem auch die Gefichtsweite dieser vieläugigen Thiere festgestellt werden. Ihr Gesammtergebniß fassen die Beobachter in folgende Sätze zusammen:„Die Sprnngspinnen(Attidae) erkennen ihre Beute (welche aus kleinen Insekten besteht), wenn dieselbe bewegungslos dasitzt, erst aus einer Entfernung von fünf Zoll, bemerke» aber in Bewegung befindliche Insekten aus weit größeren Entfernungen; sie erblicken einander mit Bestimmtheit auf mindestens zwölf Zoll. Die Beobachtungen an geblendeten Spinnen und die zahlreichen Fälle, in welchen solche Thiere dicht bei einander gesetzt werden konnten, ohne einander wahrzunehmen, zeigten, da die Gegenwart von Individuen des anderen Gesäilechls nicht zu ihrem Bewußtsein kam, daß der Gesichtssinn und nicht der Geruch sie zu einander führt. Jeder andere Erklärungsversuch blieb unzureichend.»— („Prometheus".) Technisches. — Denaturirung von Salz und Spiritus. Prof. H. Erdmann in Halle wendete sich in einem Vortrag vor dem Eächsisch-Anhallischen Bezirksverein deutscher Chemiker gegen die unwirihschaftlich« und unangenehm»» jetzt»bliche Art der Denaturirung von Salz mit Eisenoxyd und Mermuth und von Spiritus mit Pyridinbasen. Beim Spiritus betrage» die Kosten der Denaturirung an Ort und Stelle 10 bis 15 pCt. seines Werthes, beim Salz sind sie noch höher und hier spielt auch die Fracht für das zugesetzte, unlösliche und unverdauliche Nichtsalz eine Rolle. Tie technische Brauchbarkeit werde zudem, namentlich bei Spiritus, durch Zumischung von rohem Alylalkohol oder Pyridinbasen ein- geschränkt, z. B. für Brennzwecke. Er empfiehlt zur Denaturirung Theerfarbstoffe. die bei ihrer außerordentliche» Färbekraft nur in sebr kleine» Mengen zugesetzt zu werden branchten. Beim Alkohol könne noch ein leicht erkennbarer, farbloser Stoff von hervor- stechendem Geschmack, wie z. B. Formaldehyd, zugefügt werden.— Verantwortlicher Redakteur: Hugo Pötzsch in Verl 6— Humoristisches. — Die„gute alte Zeit". Wenn der Schulrath H. zur Besichtigung ans die mecklenburgischen Dörfer geht, fragt er auch die Leute gesprächsweise nach ihrem Lehrer. Bei einer solchen Gelegen- heit entspann sich nun folgendes Gespräch: Schulrath: Wie füd Ii denn mit Jugen nien Lehrer tofreden? Bauer: O, dat geiht woll an. Aewer hüt ward jo nix Rechts mehr in de Scholen lehrt; bi mine Tiden was dat ganz anners. Schulrath: Na, wat hewt Ii denn librt? Bauer: Reken und Schriben und Katekiffen und Gesang. Schulrath: Wo vel Stüer bethalt Ii denn? Bauer: Sößundörtig Mark. Schulrath: Und de Nahwer? Bauer: Söß- untwintig. Schulrath: Un de anner Nahwer? Bauer: Ja, det is en riken Kirl; dei betahlt hunnertunachteihn Mark. Schulrath: Ii hewt jo reken lihrt; nu seggt mi mal, wat betahlt Ii drei denn losammen? Nach langem Schweigen kommt endlich und etwas zögernd die Antwort: Ja, int Reken was ick man swack. Schul- ralh: Kikt mal, ick heww hier ne Jngabe kregen von Juge Ge» meind«, dat künnt Ii mal vörlesen. Bauer: Ree— Schribens kann ick nich gaud lesen. Schulrath: Dor stahn ok Namens ünner un een Krüz? Wer iS denn dat Rrüz? Bauer: Ja— ja— dat Krüz dat bün ick.— Vermischtes vom Tage. — In L a n d s b e r g a. W. ist eine Wittwe mit ihrer IKjährigen Tochter, mit der sie sich zusammengebunden hatte, in den Kanal gesprungen. Beide find ertrunken. Die Tochter soll sich in einem Ladengeschäft etwas haben zu schulden kommen lassen. Der Prinzipal ließ sich von der Mutter 200 M. zahlen. Trotzdem wurde die Anzeige erstattet. Bei der todten Frau fand man die Briefe, die sie während ihrer Brautzeit mit ihrem späteren Manne gewechselt, und Briese von ihren, verstorbenen Sohne.— — Ein Ostelbier soll unlängst vier Kameele haben kommen lassen, um sie vor den Pflug zu spannen. Wird er zu ihnen„Sie" oder„Du" sagen?— — Liebenswürdig? Iii Salzburg wollten unlängst die„aufgelösten" E>senbahner ein« Versammlung abhalte». Das dazu einladende Plakat war der Landesverwaltnng zu scharf, sie setzte sich auf die Hosen und dichtete einen neuen Text. Der aber ivar wieder den Arbeitern zu zahm, und so war alle Liebesmüh für die Katz.— — Ans dem Bahnhof« Oberhausen(Rheinprovinz) ist ein im Bau begriffener Lokomotivschuppen eingestürzt. Ein Arbeiter wurde erschlage», einer schwer, drei andere leicht verletzt.— — In M i st o r f bei Schwaan in Mecklenburg erhängte sich der zwölfjährige Sohn eines Bahnwärters. Seine Mutter ist seit zehn Jahren krank, das Elend im Bahnwärterhaus grenzenlos. Das soll de» stillen Jungen in den Tod getrieben haben.— — Im israelitischen Spital zu Straßburg haben die Aerzte ihre Thäligkeit eingestellt, weil die Verwaltung aus Kosten der Kranken sparen wollte.— — In einer abseits gelegenen dunklen Ecke de? Chors der Franziskaner-Kirche in W a i tz e n(Ungarn) fand man«inen todten Mönch. Der Mann hatte sich am 8. März in die dunkle Ecke zurück- gezogen und war, wie eine von ihm stammende Inschrift besagt. freiwillig Hungers gestorben.— — Im Pariser Renaissance-Theater wird gegenwärtig ein Stück„Snobs" gegeben. Bei dem Eingang zur Bühne drängen sich »un seit einiger Zeil reiche, dumme Jungen, um im dritten Akt als Statisten in den,„Bar" zu dienen.— — Warschau zählt gegenwärtig 630 000 Einivohner.— — Ans Madagaskar herrscht die Rattenpest. Das hat aus der Insel Besorg,>iß deshalb hervorgernfe», weil die Rattenpest ge- wöhnlich der Bubonen-Pest voranzugehen pflegt.— — Newport News(Virginia, Nordamerika). 27. April. Heute wüthete im hiesigen Hafen ein« heftige Fenersbrunst. Zwei Landnngsbrücken mit den dort gelagerten Maaren, ferner der englische Dampfer„Clintonia" und der Bremer Segler „I. D. Bischoff" mit eine», Theile ihrer Ladung geriethe» in Brand. Der gesammte Schaden wird auf 2lje Millionen Dollars geschätzt. darunter Getreide und Maaren im Werth« von 1 Million Dollars. Der Kapitän Kriete des ,J. D. Bischoff" erlitt schwere Brand- wunden und drei Matrosen ertranken. Auch der norwegische Dampfer„Solveig" erlitt schweren Brandschaden.— ce. Eine Korruption?- Geschichte aus dem Staate New-Dork ist dieser Tage ans Licht gekommen. Ein gewisser Tun, er erhielt vor einiger Zeit das Amt eines Kasiellans im Kapitol zu Albany. Als Besoldung bekam er 100 Dollars monatlich. Uiiter feiner Aufsicht arbeitete», sieben Scheuerfrauen, von denen jede ein Gehalt von 50 Dollars für den Monat bezog. Bald nach seiner Jnstallirung brachte Turner seine Gattin in das Staatsgebände. und diese bezog ein reguläres Monatsgehall als Waschfrau. Ihr folgten die Töchter und Schwestern Turner's. welche ebenfalls 50 Dollars monatlich bezogen. Dasselbe war mit zwei Dienstmädchen Turner's der Fall, die jetzt angegeben haben, sie hätten nie einen Besen im Kapitol angerührt, sondern blos als Dienstmädchen in der Turner'schen Familie fungirt und dafür je 15 Dollars monatlich erhalten, während Turner sich aus der Staats- lasse 100 Dollars für die Mädchen auszahlen ließ.— ,. Druck und Verlag von Max Pading in Berlin.