Anterhaltungsblatt des Horwürts Nr. 86. Sonnabend, den 1. Mai. 1897. 221 tNachdruil verböte») Ein nlkev Skveik. Roman aus dem bayerischen Volksleben der sechziger Jahre von Wilhelm ine v. Hillern. „Nun?' „Der brave Kerl, aus so einer rechtlichen, angeseheilen Familie—* Gcmming murmelt es zwischen den Zähnen; „den haben sie heut eing'scharrt hinter der Kirchhofsmauer.' „Was?* schreit der Habermeister und springt ans, das war zu viel, jetzt reißt die allzu scharf gespannte Saite.„Herr- gott— mei Hand! Gieb mir mei Hand wieder!' Mit der Kraft des Fiebers und der Verzweiflung reißt er den Stutzen von der Wand.„Wart nur, Florian, Tu liegst nit lang allein da draußen—' „Habermeister!' ruft Gemming und entwindet mit einem Ruck dem schwachen Mann die Waffe.„Was soll das heißen — seid Ihr bei Sinnen?' Wiltraud fängt den Taumelnden in ihren Armen auf. „Bei Sinnen wär' ich schon, ivenn i noch g'sund und stark mär'!' sagt er mit hinsterbender Stimme.„Aber so— habl's recht, Herr Gemming! Was will unsereins machen?" Er lacht— ein herzzerreißendes Lachen:„Dahin haben sie's also gebracht,'s ganze Land hat uns respektirt und jetzt? Der Meister zum Krüppel g'schossen, die Mitglieder zerstreut— tobt, im Sand eing'scharrt— o Du alter, großer Kaiser— so endet Dei Habererordeu!" Er bleibt Wiltraud und dem Freund wie leblos in den Armen.— Sie bringen ihn, ohne ein Wort zu reden zu Bett und setzen sich still daneben. Allniälig geht die Ohnmacht in einen unruhigen Schlummer über. Wiltraud kann nicht weinen, ihr ist, als wäre ihr die Aufgabe geworden, allen Schmerz der Menschheit auf einmal auszukosten.— Wer das erlebt hat, kann nie wieder froh werden!— Aengstlich lauschen sie den Athemzügen und den verworrenen Lauten des Schlafenden. Wiltraud neigt sich zu Gemniing herüber und flüstert leise:„Gelt, Herr Gemming, Oes verlaßt's uns nit heut Nacht? Mir ist so Angst!' Gemming nickt ihr nur stumm zu. Dann harren sie standhast an dem bangen Schmerzens- lager aus— eine lange qualvolle Nacht. Gegen Morgen wird der Kranke ruhiger und sein Schlaf scheint fester und wohlthätiger zu werden. „Gott sei Dank," haucht Wiltraud kaum hörbar dem lauschenden Gemming zu.— Der horcht aber gespannt auf etwas anderes und berührt im Dunkeln Wiltraud's Arm, um sie aufmerksam zu machen. Jetzt hört sie es auch. Ei» Wagen mit krächzenden Rädern fährt den Berg herauf und hält vor der Thür. Ein lauter Peitschenknall. „Das ist die Frau!' sagt Gemming. „O Gott, so früh— und er schlaft grab so gut!" Wil- traud ist es zu Muth, als müsse sie einer Hinrichtung bei- wohnen. Hände und Füße sterben ihr ab vor Äugst. Ein zweiter heftiger Peitschenknall. Mit einem Schmerzenslaut fährt der Kranke aus dem Schlaf:„Was ist?' „Mei lieber Poschinger, Ihre Frau kommt— Sie zu holen—'s ist leider Zeit." Und wie der Verurtheilte, der zum Schaffst geholt wird, fügt sich der elende Mann, gehorsam— aber seinen Körper schüttelt der Frost. Wiltraud, ihrer Bewegung nicht mehr Herr, will hinunter, um zu öffnen. „Wiltraud— tönt hinter ihr ein brechender Laut. Sie kehrt um und eilt zu ihm hin. „Noch vorher adje sagen—/ bittet Tenner und kniet im Bett aus. Sie versteht ihn— es ist der letzte Abschied—! Und sie schlingt die Arme um die abgezehrte Gestalt und einen Augenblick ruht sein Haupt an ihrer Brust, ihre Lippen be- rühren seine kalte Stirn und ihre Thränen netzen sein Haar. „Jetzt— will ich all-s ertragen!' flüstert er. Gott segn' Dich tausend, tausendmal!' An der Thür wird gepoltert und eine keifende un- geduldige Frauenstimme ist zu hören. Wiltraud eilt hinaus. — Ihr ist zu Mnth, als fei sie plötzlich gewachsen. Wie die Pflanze, die der Regen niederschlägt, während er im Innern ihr Wachsthum fördert. „No, da geht's a Zeit her, bis ei'm anfg'macht wird! Z'crst sprengt ma d'Leut' her, daß ma meint,'s ging scho an Hals und Krag'n und nachd' laßt ma's nit eini!"— So schimpfend tritt ein robustes Weib ins Haus. Der erste Tagesschein zeigt ihre hübschen, aber groben Züge. „Gruaß Gott! I möcht mein Ma' holen. Seid's Oes des Frau'nzimmer, wo'n pflegt hat?" „Ja", sagt Wiltraud, unwillkürlich einen Schritt von ihr zurücktretend:„Wünsch guten Morgen! Ter Herr ist oben in der Kammer." „Z'erst muß i für's Pferd sorgen! Habt's koao Knecht?' „Nein!' „Und aa koan' Stall, wo ma's einistell'n kunnt.' „Stall schon, aber da ist d' Geiß drin und weiterS ist nit aufg'schütt!' „Hm! anbinden kah ma's aa nit—.' „Wann's a Decfn habt's, nachd' kann ma's ja stehn lassen, und der Herr Gemming, der droben ist, haltet'S Enk vielleicht so lang.' „Meintswegen," sagt die Frau und wirft dem Thier? so plump die Decke über, daß es erschrickt und zur Seite springt. „Heh— la!' schreit sie und reißt eS am Zügel:„Kahst nit steha?' „Wiltraud zieht sich das Herz zusammen:„Wie wird die den armen Manu pflegen, wenn sie so mit dem Pserd umgeht! Gott steh' ihm bei!' Sie steigt die Treppe hinauf:„Herr Gemming, wärt's nit so gut, dera Frau's Roß z'halten, daß i sie'rauf in'd Stub'n führen kann?" Gemming hat unterdessen den Freund angekleidet und ist gerne bereit.„Muth, lieber Tenner,'s geht auch vorüber— wie alles. Das ganze G'frett von hentzutag ist's nit werth, daß sich a vernünftiger Mensch drum'runter kränkt," tröstete er ihn. Aber man sieht ihm an, daß er selbst des Trostes be- dürfte.— Dann verläßt et das Zimmer und Wiltraud führt die Frau herauf. Tenner sitzt matt auf dem Bettrand, als die breite, in ihren dicken Winterkleidern doppelt unförmige Gestalt sich zur Thür hereinschiebt. Unterdessen ist es hell geworden. Sie bleibt einen Augen- blick stehen und schaut ihn zweifelhaft an. „Grüß Di Gott,' sagt Tenner.mit heiserer, verfallener Stimme. „Ja, Jesas— bist es Du wirklich? I Hab Di schier nimmer kennt!' Sie geht widerstrebend zu ihn» hin und reicht ihm die Hand in ihrem rauhen wollenen Fausthandschuh.„Ro — so grüaß Di halt Gott,— Tu machst schöne Sachen! Jetzt bist ruinirt für Dei Lebtag.— Dös war wohl der Müh' werth, dös Um'nanderthuan mit dcua Haberer,— daderfür hast Di so zurichten dürfen!' „Frau," sagt Wiltraud bittend,„seht's deun nit, wie schwach er ist? Wie kann ma denn da noch Borwürf machen!" „I kann doch nit sagen, daß i mi drüber fren'?" „Dös verlangt niemand, aber so viel menschlich's G'sühl kann a jed's hab'n, daß es'n Kranken nit noch plagt!" „So? vielleicht aa noch schönthuan,— wann einer nit an Weib und Kinder denkt? No. da bist ja in'ra guateu Schual g'wesen. Wann T' so'n Umgang hast— na wundert mi nix mehr—!" Sie stampft in der Kammer umher und packt Tenner's Sachen zusammen, die ihr Wiltraud reicht. Tcnner spricht kein Wort. Sein Blick hängt an Wiltraud, als wolle er sich aus ihren bleichen edeln Zügen Geduld trinken. Wiltraud dringt das noch immer nöthige Verbandzeug herbei und will es der Frau erklären, aber die weist sie zurück:„Da dervon versteh i nix— mit Sclles gieb i mi nit ab. Dös kann er sich d'hoam vom Bader thuau lassen. Er soll's nur zahlen, kost eh' scho g'nua die E'schicht—'S geht alles in ei'm hin!' Wiltraud stockt das Blut in den Adern.„Frau, wollt's denn den Mann umbringen?" JD wei, da bringt scbo m i no z'erst der Verdruß um!" Sie knittert das Verbandzeug in einen unordentlichen Bausch zusammen und wirst es in den Sack.„Wildern ging er, hat er g'sagt, wie er fnrt ist, so hat er mi ang'logen! Jetzt bringt ma an Sack voll Wundhadern ins Haus, statt'n schöne Stuck Wildbret in d' Kuchl." Sie nimmt einen weiner- lichen Ton an, während sie in den Sachen kramt.„Da hat ein'n's ganz Dorf beneidt, wie wir g'heirath hab'n, daß i den Tcnner krieg! Jetzt was Hab' i?'n z'sammg'schossenen Haberer und'n Exkommnnizirten derzu. Da werd i'n Ehe ausheben, wann i durchs Torf fahr!— Dös Hütt' i wissen soll'n, daß Du! bei die Haberer bist, da Hütt' i lieber da Goaßhirt g'nommen,— der Hütt' ein' wenigstens nit so an'glogen wie Du:— Was hast mir alles vorg'macht, wann d' ganze Rächt fort- blieben bist, und i war so dumm und hab's glaubt.— In allem bin i ang'führt, in allem! Als a Ganzer Hab' i die g'heirat — und als a Halbster muß i die jetzt haben. Aber dös sag' i dir— auf der Gaß'n zeig' i mi nit mit dir und wann d' stirbst, ohne G'läut,— i geh dir nit mit der Leich." „Frau!" ruft Wildtraud, an allen Gliedern zitternd— und stellt sich wie schützend neben den Kranken.„Seid's denn noch a Mensch? Tenner legt Wildtraud warnend die Hand auf den Arm:„Sie muß sich halt aussprechen, sie meint's nit so bös!" „Ja wohl mein' i's bös' Da kennst mi nit. I bin a christliches Weib und will'n christlichen Mann! I wollt dir's no verzeihen, daß i di als'n Krüppleten umanand ziehg'n muaß,'s ganze Leben,— aber daß d' e x k o m m u n i- z i r t bist— dös verzeih' i dir n i t." Wiltraud macht eine Bewegung, als wolle sie Gemming rufen.— Tenner hält sie zurück:„Laß nur, Wiltraud. Sie hat, von ihrem Standpunkt aus, recht!— I hab's ja g'wußt, daß es so kommt, und muß es tragen, wie's Gott über mich verhängt." „Ja, natürlich! D u mußt's trag'n? I moan, i muaß es trag'n. Denn i Hab' die Last und die Arbeit und du darfst hinsitzen und nixthuan! No was machst denn du für a G'sicht?" fährt sie Wiltraud an:„Dich geht's gar nix an. Sag' Du lieber, was ma z' zahlen hab'n für die Ver- pstegung? Schuldig bleiben wollen wir nix!" „Dös braucht's nimmer,'s ist schon in Ordnung." (Fortsetzung folgt.) Mert. Wie liebt' ich dich! Wem, du kamst: Vor dir den jauchzenden Sturm, der die Wolken jagte und die Nebel von den Kuppen scheuchte, der in den Föhren sang und die struppige» Häupter der Tannen zauste, in den Büschen wühlte und die Fichten warf, die mit hundert Fingern in die Erde griffen; mit dir die Sonne, die den Schnee sog von Halde und Hügel, in, Tann und Thal das Leben weckte, Finkenschlag und Amselruf, Tanberrncken und Birk- hahnbalzen und der Haidelerche Lied, verschwimmend im laue» Abendgedämmer. Wie liebt' ich dich! Der du die Waldwiesen schmücktest uud bunte Anemonen webtest in ihr grünes Kleid. Der du die Quellen löstest und öffnetest das stille Auge der Waldbronnen. Der du die Schwalbe sandtest zum ein- samen Hause, de» Flieder küßtest und Blüthenschnee warfst über die Frnchtbäume des Gartens. Der du die summende Fliege er- wecktest und die brummende Hummel, die zischende Wespe und den gaukelnden Feuerfalken. Der du die Winlcrflöre hobest von der Welt und sie mir zeigtest, sonnenübergossen, bis zu den blauen Höhen.., Wie liebt' ich dich!... »* * Wie sehnte ich mich nach dir! Aus dem Steingewirr der Stadt heraus, aus dem lichtlosen Hinterhofe, aus der dumpfen kalten Stube. Wenn die letzte Kohle im Ofen verglommen, vom gekerbten Brote das Letzte verzehrt war, hoffte ich aus dich und deine milde Wärme. Ueber die muffige Weisheit verstaubter Scharteken hinweg dacht' ich an dich. Wenn die protzigen Kobold- Häupter reicher Söhne die Geistes-Frohn zur Pein mir machten, sah ich dich in deiner Schöne, und ich ertrug's. Wenn der letzte Ausweg verlegt mir schien, dacht' ich deiner, und ich ertrug's. Wenn du kamst, kam die Sonne, Licht und Wärme, neuer Muth zum Leben. Als die Hoffnung selbst erschienst du mir, daher- schreitend im lichten Kleid des Frühmorgens. In den Frostnächten des Winters, in den langen Tagen der Roth, in den Stunden, da der Kleinmuth Herr ward über mich und die Verzagtheit... wie sehnte ich mich nach dir!... Wie sie dich lieben, meine Brüder! Der Sonn' entgegen kommen sie heute, dich zu grüßen. Dich, die rieselnden Sonnen- fäden, das zarte Grün der Bäume, die Blumen der Wiese, den Grashalm, der am Wege sprießt und die leichte» tanzenden Schatten. Wie fie dich lieben, meine Brüder! Das Symbol ihres Strebens bist du ihnen. Stolzes Kraftgefühl gießt du in ihre Herzen, zum treuen Ausharren stärkst du sie. Als Unterpfand des Erfolges giltst du ihnen. Einer Welt zum Trotz lieben sie dich, meine Brüder. Nicht schreckt sie die Macht, nicht Gewalt, Böswilligkeit nicht und nicht giftiger Hohn. Was kann ihnen der Haß anhaben, den Vereinten? Ten Jugendstarken, den Wachsenden? Ihnen, die so zahlreich sind wie die Blätter der Baume, die Halme des Feldes? Die Zuversicht ist mit ihnen und die Gewißheit. Jede springende Knospe sagt es ihnen, jeder Blüthenzweig... Wie sie dich lieben, meine Brüder?... *• Wie sie dich ersehne», meine Brüder! Sie, die protziger Ueber- muth heut an den Maschine» hält, unter schwirrenden Riemen und an brodelnden Kesseln, au glühende» Oefen, an Schraubstock und Werkbank. Wie sie dein gedenken, wenn sie auch fern sind! Wie sie dich ersehnen, dich und die Kraft, dich zu lieben, wie die Brüder! Sie sehen dich nicht, aber sie wissen, wer du bist. Auch ihr Tröster bist du, ihr Zukunftsweiser. Fern sind sie, aber bei dir und ihren Brüdern im Geiste. Wie sie dich ersehnen, meine Brüder! dich und den Tag, da alle Ketten fallen, da alle frei sind, die Menschen- antlitz tragen, frei und lenzesselig und lebensfreudig, den Maientag der Welt.... Wie sie dich ersehnen, meine Brüder!... HVochenpIsudevei. Viel gepriesen und mehr noch verlästert wird das junge Berlin. Kaum schivankt das Urlheil über irgend eine Großstadt so sehr, als über die jüngste aller Riesenstädte. Was über sie gedacht und gesagt worden, ob man sie den Wasserkopf des Reiches, ob das Sauunel- decken genannt hat, in das die Arbeits- und Wirthschaftsencrgie des Reichs allmälig einströmt; ob man sie staunend einem jugendlichen Recken verglich oder sie den protzigen Lüinmel hieß: Gleichgiltig hat diese Stadt in ihrer Beweglichkeit und unmäßigen Art niemanden entlassen. Wie man in ihr heftig gedrängt und geschoben wird, so fordert sie zur Parteinahme auf. Nur eins hat man unserem Berlin selten nachgerühmt: daß es eine reizumflossene Stadt wäre, daß hier dem Fremden das Lebe» leicht einginge. Und dennoch hat dies Berlin eine Periode, wo es vom Zander der Schönheit gestreift wird. Wenn so, wie jetzt, die wohlige Frühlingswärnie nach langen, rauhen Tagen sich jäh über die Straßen ergießt, dann mag man gern das uniforme Einerlei dieses Häusermeers vergessen, dann verlangsamt sich auch der Schritt des Haftenden für eine kleine Weile; dann liegt es wie ein Hauch stiller Feierlichkeit, selbst über jenen Gassengevierten, in denen sonst rastlos und ewig gleichförmig der geschäftige Betrieb seinen Gang geht, in denen Arbeitsstätte sich an Arbeitsstätte reiht. Auch die gewiß karge» Bäumchen, die inner» halb der langgestreckten, beklemmend langgestreckten Häuserreihen mühselig genug emporwachsen, bedecke» sich mit zartem Grün. Es ist wie ei» leises Aufflackern inmitten ängstlicher Schwüle. Herr Dr. Langerhans, Stadlvater von Berlin, liebt gewiß sein Berlin mit väterlicher Zärtlichkeit. Herr Tr. Langerhans hat eine berühint gewordene Tante in Paris, bei der er über mancherlei, was das öffentliche Leben anlangt, schon Erkundigungen eingezogen hat. Die gute Tante in Paris wird Herrn Dr. Langerhans wohl auch davon unterhalten haben, was im glanzvollen Paris von feiten der Gemeinde für Kunst und Wissenschaft geschehe. Das hat sicherlich seinen Ehrgeiz gestachelt; und so durfte Dr. Langerhans am letzten Donnerstag, als die Stadtverordnete» über die Verschönerung Berlins beriethen, mit Nachdruck ausrufen: Wir müssen doch von Stadl wegen Kunst und Wisscuschafl unterstütze». Für mich hat das Wort„Verschönerung" stets einen»na»- genehmen Beiklang. Was nicht schön und stolz geworden ist in reideit, aus glücklicher Geistesanlage heraus, von der Gunst der erhältnisse emporgehoben, das sucht man hernach zu„verschönern". Es erinnert an Flickiverk. Die Grazien haben Berlin vieles versagt. Es sind mannigfache Faktoren, die da mitspreche». Eine verhältnißmäßig junge Kulturstätte ist in Berlin geschaffen. Nicht gerade aus üppigen, Unierboden, in rauher Entwicklung war sie entstanden. In der Zeit der soldatischen und kapitalistischen Eroberer konnte jene Freiheit unmöglich gedeihen, in der das künstlerische Tempe- rament sich auszuleben vermag und von der jede künstlerische Eni» faltung im lebendigen Sinne abhängig ist. Nur so kann sie volks- befruchtend wirken. Aber es liegt nicht in der Natur der Eroberer, Künste und Wissenschaften sreiherrlich gedeihen zu lassen. Für die Wurzeln aller Gestaltungskraft und allen Forscherdranges haben sie in ihrem eifernden Sinn kein Verständniß; sie können nicht anders. fie muffen darnach trachten, Wissen und Künste für ihre Macht- zwecke zu formen und zu nütze». Es kann zum Beispiel ein wirklich kunstfroher Herr stolze Schlöffer auf landschaftlich wundersamen Plätzen errichten. Was er aber stnnt, ist Ausfluß seines Macht- gefühls, seines rein persönlichen Machtgefühls. Das Gefühl de- rauscht ihn und er meint, mit dem französischen„Sonnenkönig", mit Ludwig IV. welteifern zu können. Er wird also, wie es der unglückliche Bayernfürst Ludwig that, seine Liebhabereien in Nach- ahmung einer vergangenen Periode ausführen lassen. So kostbar sie seien, sie werden immer etwas Seltsam-Bizarres bleiben. Man wird sie vielleicht verwundert anstaune»: aber es wird von ihnen keine recht erwärmende, strahlende Kraft auf die Volksseele übergehen. Die hat ihr besonderes Feingefühl; und wenn man in breilere Schichte» Kunstverständniß tragen will, so kann man doch dieser Volksseele nicht kommandiren, das oder jenes hast du zu verarbeite» und in dich aufzunehmen. Nur jene künstlerische Nahrung wird die Volksseele begierig auf- saugen, die ihrem besonderen Feingefühl, ihrer Weltanschauung, ihrer geistigen Empfänglichkeit entspricht. Ich weiß nicht, ob die Tante des Herrn Langerhans in Paris, die einst werlhvolle Auf- schlüsse über die politische Grnndstimmung der Franzosen gab, darüber nachgedacht hat, warum durch die Bevölkerung von Paris — und nicht etwa nur in einzelnen bevorzugten Kreisen— eine stärkere Schönheitsfreude offenkundig hindurch zieht, als bei uns. Nicht die Sehnsucht nach künstlerischer Erbauung ist damit gemeint, — die ist vielleicht in Berlin stärker erregt; sondern die Bethätigung in kleinen und kleinsten Lebenszüge»; in der Freude an irgend einem geschmackvollen kunstgewerblichen Stück in der Art, auf dem ärmlichen Gewand durch eine Kleinigkeit das Zeichen individuellen Geschmacks aufzuprägen. Sollte da nicht der Einfluß langjähriger Tradition und Volkserziehung deutlich sich aussprechen? Dieser Einfluß hinwieder konnte doch nur gewonnen werden, weil die Kunstpflege auf demokratischer Grundlage sich e»t- wickelt hat. Bei uns zu Lande wohnt der Kunstäußerung leicht etwas Steif-Sonntägliches an, um nicht zu sagen, etwas Parademäßiges. Lange sträubte man sich dagegen, Phantasie und Kunst auch»m Werktngsdinge zu verwenden, und die Kunstjünger hielten ihr Werk für eine Art von weihevollem Mysterium. Sie schufen lieber Arbeit um Arbeit unnütz. Gemälde und Bildwerk wanderten von Aus- stellung zu Ausstellung, kaum beachtet und nicht bezahlt, wenn nur die vermeintliche„Künstlerehre" oder eine gcivisse„akademische Würde" gewahrt blieb. Daß ei» Mensch in einer Skizze, die er anscheinend leicht bin- geworfen hat, in einem Kunstblatt, in dem er eine Zeit- und Ge- sellschaftserscheinnng in unverhüllter Wahrheit erfaßt, mehr Geist und Genie entivickeln könne, vor allem aber niehr Persönliches leisten dürfe, als ei» Mann, der höchst würdige, aber höchst überflüssige „schwere" und umfangreiche Arbeiten liefert, das war dem Pariser Esprit schon lange verständlich, ehe bei uns das Verständniß hiefür langsam reifte. Daß man einen täglichen Gebrauchsgegenstand durch hohen Formsin» adeln und selbst das mißachtete Anschlagsplakat zu einem Zierstück gestalten könne, auch diese Wahrheit war ihrer ganzen Bedeutung»ach dem Volksverständniß drüben längst vertraut, das ist ein gewichtiger Vorsprung. Nu» konimt bei uns der gute stadtväterlichc Wille. Der Berather der Gemeinde ist einmal feiertäglich gestimmt. Er sitzt ans seinem Sorgenstnhl, faßt mit der Hand nach seinem Kinn und dann sagt er in höchst respektvoller Entschließung:„Kinnings," es muß etwas geschehen. Berlin muß wieder einmal verschönert werden. Es geht nicht mehr anders. Die Tante in Paris meint auch, die Berliner dürsten nicht zurückstehe». Für Kunst und Wissenschaft muß etwas gethan werden. Also muß für das Kaiser Friedrich-Denkmal gesorgt werden, wir leben nun einmal in einer denkmalwüthigen Periode. Dann ver- gesseu wir unsere Hofoper nicht, wie es sich für gelreue Unterthanen ziemt. Das Opernhaus muß auch äußerlich auf«inen würdigeren Stand gebracht werden. Es ist in der Stadtverordneten-Versamm- lung schon erwähnt worden, wie wenig volksthllmliche Bedeutung dies Kunstinstitut habe. Freilich, es ist ein Hofthealer. Und doch giebt es ein Hoftheater, und ein prunkvolleres»och dazu, das wenigstens eine Abschlagszahlung ans kunstbegierige Volk leistete. Es ist das Neue Wiener Bnrgtheater, dessen Direktor Dr. Burckbard volksthühmliche Klassikervorstellungen einführte. In einer Broschüre hat Burckhard eingehend geschildert, wie sich die Arbeitervereine zu dem neuen Unternehmen stellten, welch intensiv aufmerkendes Publikum man gewann, wie die Mitwirkenden diesem neuen Publikum nicht blos gaben, sondern auch von ihm empfingen und wie selbst;die verwöhntesten Schauspieler Wiens zum Schluß sich vor diesen Zuschauern gern versuchten und angeregt wurden. Und das Komteffentheater, wie man das Burgtheater ironisch zu nennen pflegt, hat dadurch nichts an höfischem Glanz eingebüßt. Die jungen Gräfinnen waren nicht weiter vom plebejischen Dunst belästigt. Auf ähnliches können wir hier lange warten. Dafür erhalten wir zur. Belehrnng schon im Herbst dieses Jahres die viel- besprochene» Slandbckder in der Siegesallee. Es werden Denkmäler Brandenburg'scher Herren errichtet, die die Phantasie des Lebenden in nichts erregen können. Ihr Andenken ist verschollen und nur mit dem Konversationslexikon in der Hand wird man begreisen können, wen und was fie vorstellen. Die Volksseele wird fragen: Was ist mir Hekuba? Und das eben ist eZ, was die Verschönerungen Neu« Berlins so häufig kennzeichnet. Die Kunst ist nicht freier Selbstzweck; sie ist in schulmeisterlichen Dienst gestellt. Das macht sie sonntäglick, steif und unfruchtbar im hohen Sinne. Daher kommt auch der fehlerhafte Kreis, in dem wir uns bewegen. Wie soll Kunstverständniß und Kunstoegeisterung in weite Kreise getragen werden, wenn die Kunstpflege, wie sie lhat- sächlich geübt wird, diesen Kreisen nichts zu sagen hat nnd keinerlei Idee, die in ihnen lebendig waltet, versinnbildlicht? Vielleicht löst die kluge Tante in Paris diesen inneren Widerspruch.— _ Alpha. Mleines FeuiUrkon Neber Vorkommen«nd Gewi»»nng>>es ErdölcS sprach in der„Wissenschaftlichen Vereinigung" zu Hamburg unlängst Dr. M. Albrecht. Wir geben aus dem Vortrage folgendes wieder: Heute- wird Erdöl in allen fünf Erdtheilen gefunden oder durch trockene Destillation bituminöser Stoffe hergestellt, allerdings nicht überall in solchem Umfange, daß ei» beachtenswcrther gewerblicher Betrieb damit verknüpft ist. Für die Versorgung des Weltmarktes mit Petroleum ist nur von Bedeutung das Vorkomme» in de» Vereinigten Staaten von Nordamerika und in Baku am Kaspischen Meere. In allerjüngster Zeit wird Petroleum aus- geführt von Sumatra und Java, Großnij im Kaukasus, Galizien, Rumänien und Peru. Das in Italien, Deutschland, Kalifornien. Canada, Indien, Japan, Argentinien, Australien und an anderen Orten gewonnene Erdöl wird im Lande selbst verbraucht. Das Vorkommen in Afrika bietet zunächst nur wissenschaslliches Jnter- esse dar. Der Vortragende schätzt an der Hand der ihm zur Ver- fügung stehenden Daten die heutige Gesammterzeugnng der Erde an rohem Erdöl auf rund 100 Millionen Fässer k 1,87 Hektoliter oder 1,5 Doppelzentner pro Jahr, woran betheiligt sind: die Vereinigten Staaten von Nordamerika mit 47 Millionen Fässern, Baku mit 40 Millionen Fässern, Sumatra nnd Java mit 3 Millionen Fässern, Großnij(Kaukasus) mit 2,5 Millionen Fässern, Peru mit 2,5 Millionen Fässern. Oesterreich-llngarn mit 2 Btillionen Fässern, Kanada»lit 0,8 Mill. Fässern, Rumänien mit 0,5 Mill. Fässern, Indien(Birma) mit 0,3 Millionen Fässern, Deutschland, das übrige Rußland, Japan, Argentinien, Kalifornien, Italien u. a. mit 1.4 Millionen Fässern. Das Erdöl wird in Schichten verschiedenen Alters und in Tiefen bis zu 600 Meter gefunden. Es besteht ans einem Gemisch ge- sättigter und ungesättigter Kohlenwasserstoffe, wenig durch sauer- sloff-, schwesel- oder stickstoffhaltige Produkte verunreinigt und ent- hält häufig feste Kohlenwasserstoffe, Paraffine nnd Vaseline, i» Lösung. Von den verschiedenen Theorien über die Entstehung des Erdöles zählt heute diejenige über die Entstehung aus thierische» Ueberresten die meisten Anhänger, seitdem auf Anregung von Engler aus Thran, Pfahlmnscheln und getrockneten Fischen durch Destillation unter hohem Druck dem Erdöl ähnliche Kohlenwasserstoffe gewonnen werden.— Literarisches. — Die„Justice", unser Londoner Brnderblatt, hat eine Sondernummer zum Maisest veranstaltet, welche soeben in unsere Hände gelangt. Dieselbe zeichnet sich gleicheriveise dilrch ihre Reichhaltigkeit wie durch gute Ausstattung aus. Der Inhalt trägt einen durchaus iniernntionalen Charakter. In einem ein- leitenden Artikel werden den Sozialisten aller Länder brüderliche Grüße dargebracht. Sodann giebt Genosse Hyndma» einen Ueber- blick über die internationale Lage nnd Charles W. Dilke über die Kreta-Frage und damit zusammenhängende Probleme. Englische Beiträge zu der Festnumnier stammen ferner von Bax, Cuuninghame Graham und Tom Man». Außerdem hat die Re- daktion sich bemüht, de» englischen Parteigenossen eine Umschau über die Arbeiterbewegung in den verschiedene» anderen Ländern zu bieten, und hat zu diesem Zwecke von bekannten Genosse» der ver- schiedenen Nationen Beiträge erbeten. Von diesen seien erwähnt: der Artikel Liebknecht'» über den„Ersten Mai in Deutschland" und der von Vera Sassulitsch über die Bewegung der Arbeiterklasse in Rußland; auch die französischen, holländischen, spanischen, italie- nischen Genossen haben interessante Artikel beigetrage». Für die künstlerische Ausstattung dieser Maigabe hat Waller Crane wieder treffliches beigebracht. Die von ihm gezeichnete Karte zeigt einen Arbeitsmann, welcher ans tief niedergedrückter Schulter einen großen goldgesüllten Kaste» trägt, auf dessen Höhe drei Kapitalistentypen, den Profit, die Rente, den Zins darstellend, sitze»; von der Seite tritt eine Mädchengestalt an den schwer Be- lasteten, welche in der Rechten einen Siegeskranz trygl, in der Linken eine Standarte mit der Inschrift:„Der Arbeiter Maitag" hält, auf deren Bändern zu lesen ist:„Das Land für vas Volk— Produktion für den Gebrauch, nicht für de» Prosit— das Wohl- ergehen Aller." Schließlich hat Crane auch einen„Sang für den Tag der Arbeit" gewidmet. Die ganze Festnummer macht den besten Eindruck.— — Akademie Goncourt. Die Versteigerung der von Goncourt hinterlassenen Kunstschätze und Bücher geht ihrem Ende entgegen und wird ungefähr anderthalb Millionen eintragen. Ob- schon die japanische Sammlung verhältnißmäbig schlecht abgesetzt wurde, so erklärt Alphonse Daudet dennoch das Gesammtergebniß für sehr befriedigend nnd für mehr als genügend, um die Akademie Goncourt genau nach de» Bestimmungen deL Testaments ins Lebe» zu rufen. Weis die Ansprüche der entfernten Verwandten Goncourt's betrifft, so hält sie Daudet, wie er einem Mitarbeiter des„Gaulois" versicherte, für wenig begründet. Alle Wünsche Goncourt's werden nach ihm sehr bald in Erfüllung gehen.— Medizinisches. — Ueber«ine neue Ausnutznng der Röntgen- Strahlen in der Medizin berichten in der neuesten Nummer der„Deutsch, med. Wochenschr.� Dr. Dahlfeld und Pohrt in Riga. Es handelt sich»m den Nachweis von Fremdkörpern im Auge mit Hilfe der Röntgen-Strahlen. Verletzungen des Auges durch metallische Fremdkörper ereignen sich nicht selten in der Metallbearbeitung, bei Schlossern und Maschinenbauern. Bisher war die Verwendung der Röntgen-Strahlen zum Nachweise von metallischen Fremdkörpern im Auge nicht versucht worden, weil die Anschauung bestand, daß die Röntgenstrahlen das knöcherne Gehäuse, in dem der Augapfel liegt, nicht durchdringen. Es wurde dabei übersehen. daß die Knochenwandungen der Augenhöhle, abgesehen von den Rändern, sehr dünn sind. Thatsächlich sind sie für Röntgen-Strahlen bis zll einem gewissen Grade durchgängig. Das zeigten Aufnahulen, die Dahlfeld und Pohrt so sertigten, daß sie au die eine Schläfe die photographische Platte anlegte» und die Hittorj'sche Röhre in 10 bis 15 Zentimeter Entsernung von der anderen Schläfe auf- stellten. Es galt für sie, sich zu vergewissern, ob in solchen Aus. nahmen metallische Fremdkörper in der Augenhöhle überhaupt hervor- treten, ob sie nicht vielmehr verdeckt werden. Dafür nutzten Dahl- feld und Pohrt Personen aus, bei denen ein Augapfel infolge Er- krankung geschrumpft ist und die Augenhöhle infolge dessen nicht ganz ausfüllt. Solchen Personen wurden neben den ge- schrumpften Angapfel möglichst weit nach hinten kleine Fremd- körper, wie Schrotkörner und Drahtstückchen, in die Augenhöhle gelegt und durch in Kokain getauchte Wattebäusche in ihrer Lage sestgehalten. Bei der photographischen Aufnahme mit Röntgen- Strahlen wurde die Platte an die Schläfe der Seite gelegt, wo sich der Fremdkörper befand. Die Hittorf-Röhre stand der andern gegenüber. Die Versuche hatten ein günstiges Ergebniß. Die Fremd- körper waren auf dem Röntgen-Bilde jedesmal deutlich sichtbar. Die Probe auf das Exempel, ob auch unter natürlichen Verhältnissen nach einer Verletzung des Auges durch einen metallischen Körper dieser mit Hilfe der Röntgen-Strahlen werde nachzuweisen sein, machten Dahlfeld und Pohrt an einem 24jährigen Arbeiter, dem drei Wochen zuvor ein Stück Eisen gegen das rechte Auge geflogen war. Seine Kameraden hatten ihm sofort„ein Stück" aus dem Auge«ntfernt, so daß der Patient die feste Ueberzeugung hatte, es könne ein Fremdkörper nicht mehr im Auge vorhanden fein. Er hatte daher dem Arzt, der ihn zuerst behandelte, jede» operative» Eingriff verweigert. Die Untersuchung des Auges ließ die Anwesenheit eines Fremdkörpers zwar sehr wahrscheinlich er- scheinen; mit Sicherheit konnte dieser jedoch nicht festgestellt werden. Gewißheit brachte die Röntgen-Aufnahme, die freilich mit technischen Schwierigkeiten verknüpft war. Es waren drei Aufnahmen»öthig. Es war nach dem Ergebniß unerläßlich, den Augapfel im ganze» herauszunehmen. Die Sektion des Augapfels ergab, daß«in kleines Eisenstückchen von S Millimeter Länge und je 1 Millimeter Breite und Höhe an dein Kreuzungspunkte des vertikalen Meridians und des Aequators des Auges vorhanden war. Das Eiscnstückchen wog 0,006 Gramni.— Aus der Pflanzeuwelt. — Die Piassava-Faser und ihre Ersatzmittel. Die Ansprüche der Technik an die verschiedenen Fasern, die uns das Pflanzenreich liefert, sind je nach dem Zwecke der Verwendung ver- schiedeuer Art. Entweder soll die Faser zu feinen Geweben versponnen oder zu Bindfaden und Taue» gedreht oder Bürsten und Besen verarbeitet werden k. Zu dem letztgenannten Zweck« dient die Piassava-Faser. Es ist eine fischbeinarlige, tiefbraune, glänz- lose Faser von der Dicke einer Stricknadel; sie verbindet mit großer Dauerhaftigkeit eine außerordentliche Widerstands. fähigkeit gegen abwechselnde Trockenheit und Nässe und wird deshalb zu Straßenbesen und Straßenreinigungsmaschinen, auch zu Bürsten ec. benutzt. Sie stammt von einer brasi. lianischen Palnie, AUelea funifera, die an den sumpfigen, überflutheten Ufern der Nebenflüsse des Amazonenstroms und Orinoco gedeiht. Die Faser wird aus den zähen Gefäßbündeln der Blattscheiden gebildet, die nach Zerstörung der übrigen Gewebe dieser Scheide an dem Stamme frei herunterhängen. Die größere Nachfrage und ein Mangel an dieser Faser führte Mitte der achtziger Jahre eine Preissteigerung herbei, wodurch man sich ver- anlaßt sah, nach einem Erfatzmitlel zu suchen. Man fand dieses zunächst in der westafrikanischen Raphia-Piassava, den Fasern(Gefäß- bündeln) der unteren Blattstielenden der Wein-Palme. Luxtu» viaikera, die in Westaftika an den Flußnfern mit der Oelpalme und Mangrove ausgedehnte Dickichte bildet. Die Palme liefert den Eingeborenen in dem Safte einen Palmwein, in den 3 bis 5 Meter langen Blattstielen der Fiederblätter ein Material zum Bau der Dächer und Zäune ihrer Hütten, in der abgezogenen Oberhaut der Fiedern einen haltbaren Bast(Raphia-Bast), der aller- dings in Länge und Haltbarkeit zc. mit demjenigen einer verwandten Art aus Madagaskar nicht konkurriren kann. Durch einen Fäulnißprozeß wird aus dem unteren Ende der Blattstiele die dunkelbraune bis lichttölhliche Faser isolirt. Sodann er- schien auf dem Markte eine Madagaskar- Piassava,«ine ziemlich lange, braune, aber feinere und biegsamere Faser, deren Nr- sprungspflanze lange Zeil unbekannt blieb, bis es den Nach- forschungen der Kew Gardens gelang, dieselbe 1395 zu erhallen und sie als eine neue Palme, Dict�ooperma fibrosnm, zu beschreibe!'. Sie wächst im Innern von Madagaskar und wird dort„Bonilra" genannt. Der 5 Fuß hohe und 2'/? Zoll dicke Stamm wird bis zur Basis mit einer dichten Masse von Fasern bekleidet, die aus de» inneren Scheiden und der Rind« der abgestorbenen Blattstiele ge- bildet werden.— Ein weiteres Ersatzmittel liefert die Palmyra- Piassava. die Faser der Blattstiele der Palmyra- oder Deleb-Palme. Borassus flabellifer, di« von Senegambien bis Ceylon und de» Sunda- Inseln verbreitet ist. Auch Kitool. die Faser» der Blatt- scheide der Brennpalme, Caryota ureus, in Vorder- und Hiuterindieu kann zu ähnlichen Zwecken verwendet werden.— Humoristisches. — Bon einem alten Hamburger Schiffskapitän, der durch die schwersten Stürme sein Schiff mit größter Sicherheit geführt und der wegen seiner seemännischen Tüchtigkeit wie Bieder- keit in hohem, wohlverdienten Ansehen stand, dem aber jeder gesell» schastliche Schliff vollständig fremd war, wird der„Tgl. Rundsch." von einem Ohren- und Augenzeugen folgend« drastisch« Geschichte er- zählt: Als er einst mit seinem Schiffe in einen» amerikanischen Hafen lag, erhielt einer seiner Fahrgäste gerade zur Zeit des Mittagessens den Besuch des bekannten Schriftstellers Gerstaecker. Als er seinen Besuch in den Speifesaal führte, fragte der Kapitän seinen Reisenden leise:„Wat is dat för'» Kirl?" Als dieser ihm darauf erwiderte, es sei der bekannte Schriftsteller Gerstaecker, rief der Kapitän mit Stentorstimme:„Stuart! bring' för den Schriber ok en Töller Szupp!" Da der Kapitän sich, wie es überhaupt seine Art war, sehr gastfrei erivieS,»sollte Gerstaecker ihm doch einige freund- liche Worte sagen, und äußert« bei dem Abschiede:„Es hat mich sehr gefreut, Sie persönlich kennen zu lernen; ich bade von Ihnen schon so viel gelesen»md gehört!" Ohne eine Miene zu ver- ziehen, antwortete der alt« Seebär:„So— o? Ick vun Se noch gor nix!"— — Von, Lissaer Rasirtarif. Alle Deutschen sind zivar vor dem Gesetz gleich, aber nicht vor den Nafirmessern in Lissa. Ja den dortigen Barbiergeschäften ist nämlich folgender„Rasirtarif" angeschlagen: Für Honoratioren 20 Pf.— für den Mittelstand 15 Pf.— für Arbeiter 10 Pf. Die Unterschiede in der Preislage sollen sich besonders in der Schärfe der Messer fühlbar machen. Die Hauplschwierigkeit in der Durchführung dieses Tarifes liegt für den Barbierherrn darin, seine Kunde» richtig zu beurtheileu, ivas sogar bei den Einheimischen nicht leicht fallen soll; denn man erzählt sich. es sei vorgekoiinnen, daß ein Lissaer bei Begini» des Monats in der ersten, am 15. in der Mittelstandsklasse und am letzten nach dem Arbeitertarif sich rasiren ließ. Weil verivickelter aber»vird die Sache, sobald ein Fremder auf der Bildfläche erscheint. Ein Posener, der kürzlich Lissa besucht«, berichtet der„Pos. Ztg." z. B.. daß die aus dem Meister, einem Gehilfen und den beiden Lehrlingen bestehende Preisrichterschaft lauge geschivankt habe, ob sie ihn in die Mittelstands, oder Honoratiorenklasse versetzen sollte. Schließlich gaben aber die beiden Lehrlinge den Ausschlag, und»mser Posener wurde uin 20 Pfennig« gekränkt. Man kann sich denken, init welcher Würde der neugebackene Mandarin erster Klasse von Lissa w P. das Geschäft verließ.— Vermischtes vom Tage. — In Schlesien»md der Pfalz haben Frühjahrsge, vitter starken Schade» angerichtet.— — Die Färberei-Abtheilung der Weberei von Zrvanziger in Peterswaldau(Schlesien) ist vollständig niedergebrannt.— — In Rußheim bei Karlsruhe streiken die Pfarrwähler. In zwei Wahlgängen wurden von sämintlichen Abstimmenden»veiße Zettel abgegeben. Meinen ivahrscheinlich, es ginge auch ohne Pfarrer.— — In Z w i ck a u ist die Kaserne bis auf die Grundmauern niedergebrannt. Drei Soldaten sollen in den Flcunmen um- gekommen, ein Offizier leicht, ein Feldwebel schwer durch herab- stürzende Trümmer verwundet worden sein.— — Im Dorfe Rippicha(Provinz Sachsen) ist einem Ein- »vohner ein Strafmandat in der Höh« von 1 M- zugegangen, weil er bei dem Begräbniß einet Dorfinsasse» nicht mit einem Cylinder auf dem Haupte erschienen ist. Es soll nämlich durch Gemeinde- beschloß in jenem Dorfe festgesetzt fein, daß beim Begräbniß jeder im schwarze» Anzüge und mit einer Angströhre zu erscheinen hat. — Und da fürchtet sich Herr Richter,»vell es im„Zukunftsstaat" nur einerlei Hosen geben soll!— — In M o n t m ö d y bei Sedan ist der Tunnel der Ardennen- lini« zum größten Theil eingestürzt. Ein Zug war gerad« ei». gefahren, konnte aber noch rechtzeitig bremfen. Wenigstens einen Monat wird es dauern, bis der Schaden auSgebess-rt fein»vird.— Veranlivortlicher Redakteur: Robert Schmidt in Berlin. Druck und Verlag von Max Babing in Berlin.