Wnterhaltungsblatt des Vorwärts Nr. 88. Mittwoch, den 5. Mai. 1897. 24] (S.a Jjtuud verboten.) Ein nlkev Skrrik. Roman aus dem bayerischen Volksleben der sechziger Jahre von Wilhelmine v. Hillern. „Aber ich thu's nit— ös könnt's machen, was's wollts. — Da spring i eher in d' Klamm'nunter!—'s war' über- Haupt's beste, was i thun könnt'— na wär' a Ruh\" fügt sie bitter hinzu und blickt auf ihre gerungenen, abgearbeiteten Hände herunter. Die Gendarmen stehen unschlüssig.„Mit Gewalt ist da schwer was machen!' sagen sie untereinander.„Und gutwillig geht die nie! Man kann sie doch nit binden— oder gar schlagen und stoßen,— ein anständiges Frauenzimmer!" Da kommt jemand rasch durch den Hausflur:„Gott sei Dank, der Doktor!" „Was giebt's da? Wo ist der Patient?" fragt der Arzt schon auf der Treppe. „Fort,— sei Frau hat ihn g'holt,— o Herr Doktor, und jetzt wollen s' mich verhaften und durch's Dorf führen, weil i'n beherbergt Hab'! „Seien Sie ruhig, Wiltraud— in der Sache bin nur ich verantwortlich und ich werde mich verantworten.—" Er wendet sich an die Gendarmen:„Ich bitte, das Mädchen unbehelligt zu lassen. I ch hatte es übernommen, die Be- Hörden zu verständigen und ich unterließ dies in Rücksicht auf die Person und das Befinden meines Kranken.— Ich stehe jeden Augenblick dem Herrn Untersuchungsrichter zur Verfügung und behalte mir das weitere bis dahin vor.— Für die Wiltraud Allmeyer bürge ich. Mein Name und meine Eigen schaft als Arzt dürften wohl Sicherheit genug sein?" „Ganz gewiß, Herr Doktor", sagt der Kommandant ver- bindlich. „Also, meine Herrn, dann ist der Fall erledigt? „Wie Herr Doktor wünschen. Ich darf aber über das eben Gesprochene Bericht erstatten?" „Natürlich— alles was Ihre Pflicht ist!" Der Kommandant schreibt eifrig in sein Buch.„Darf ich Herrn Doktor bitten,— wenn Sie nur so gefällig wären, das hier zu Protokoll Gegebene zu unterzeichnen!" „Recht gern!" Der Doktor unterschreibt.„So!" „Danke gehorsamst!" sagte der Kommandant.„Habe die Ehre!" „Guten Morgen!" Die Gendarmen grüßen militärisch und verlassen das Haus. Wiltraud reicht dem Arzt die Hand:„I dank' halt viel- mals, Herr Doktor,— dös war a Wohlthat. I hätt' mir ja nit z' helfen g'wußt ohne Jhna!" „Bitte,— war ja nur Menschen- und Freundespflicht." „Wann nur jetzt Sie nit in Ung'legenheiten kommen?" meint Wiltraud bekümmert. „Das lassen Sie sich nicht grämen— mir können sie nicht an, und im schlimmsten Fall zahl' ich eine Ordnungsstrafe. Ich habe es durchaus kein Hehl, daß ich diese Haberjagd nicht billige.— Ich sagte es den Herrn von der Kommission bereits, ich finde dieses Auspauschen der Sache zu einer Ge- fahr für Staat und Kirche einfach lächerlich. Man soll doch den Bauern ihre Sündenregister ablesen lassen, rauhe Steine schleifen sich untereinander ab. Das schadet ihnen gar nichts. Im Gegentheil,— mancher nimmt sich doch mehr in acht! So etwas ist Privat- und Gemeinde-Angelegenheit. Und ist ja auch nur aus!— Die der Randal dabei bäuerisch roh,— so ist er für Bauernohren bestimmt, die halten's schon ganze Geschichte ist nichts als eine Maskerade, bei welcher die Maskirten den Unmaskirten wie auf jeder Redoute, nn- angenehme Wahrheiten sagen. Eine zu moralischen Zwecken etwas gröblich ausgeübte Maskenfreiheit! Das ist kein Grund, sonst friedlichen Bürgern den Charakter von.Auf- rührern und Religionsverächtern anzudichten— respektive sie durch Zwangsmaßregeln dazu zu machen." „O, Herr Doktor, aber ös seid's g'scheidt!" sagt Wiltraud bewundernd. „Aber jetzt sagen Sie mir, Wiltraud, was ist aus unserm Freund geworden?" Wiltraud erzählt nun alles und welch' qualvollem Da- sein der Unglückliche an der Seite des brutalen Weibes ent« gegen geht. „Schade um den Mann!" sagt der Doktor— und daZ wird natürlich immer schlimmer, denn solchen Weibern im« ponirt nur physische Kraft. Das Geistige in dem Mann ist da verloren." „Wenn dös nur a gutes End' nimmt?" sagt Wiltraud. Der Arzt zuckt die Achseln:„Ich fürchte sehr für ihn. Ich Hab' seinem geistigen Zustand schon nicht mehr recht ge- traut! Der Verlust des Armes— und wenn dazu noch die Umgebung es ihn recht unzart fühlen läßt—". Der Doktor schüttelt den Kopf.„Da ist halt auch wieder ein Mensch ganz unnöthig ruinirt.—„Na, ich werde mich schon noch um Hals und Kragen reden!" Er geht.„Adieu, Wiltraud? Ruhen Sie sich gut aus, Sie können's auch brauchen." „A braver Mann der Doktor!" Wiltraud sieht ihm lang nach.„Wenn's uns den nur lassen, weil er so gut ist.—" Sie geht in das verödete Haus zurück. Wie schauerlich einsam ist es jetzt.— Sie geht hinauf in die Kammer und räumt auf.— Sie meint, der Kranke müsse noch dort auf dem Bett liegen und sie mit seinen traurig bittenden Augen anschauen. Das leere Schmerzenslager ist ihr ganz unheimlich. Sie geht wieder hinunter in die Küche. Es hat schon Mittag geläutet, und noch brennt kein Feuer auf dem Herd.„Für wen koch' i jetzt?" fragt sie sich.„Für mich? O mei? dös war der Müh' werth!" Sie setzt sich auf die kalte Herdplatte und trinkt etwas Milch. Dann schneidet sie ein paar Brocken Brot in den Rest und ißt es aus.— Was thut sie nun? Die Abende sind so lang im Winter, und sie war noch nie allein. Denn gleich nach der Verhaftung des Bruders kam ja der Habermeister ins Haus.„Ach Gott, wie wird dös werden. Wann i alleweil strick', oder spinn', aber nix redt und nix hör, da muß i ja's Reden verlerna." War es nicht eben, als höre sie einen ganz leisen, zag- haften Schritt? Wiltraud erschrickt fast.— Ach nein, es war ja nur in ihrem aufgeregten Kopf. Wer sollte denn'rumgehen? Geister giebt es ja— bei Tag— keine? Aber jetzt klopft es wirklich an die Kücheuthür.„Rur 'rein!" ruft Wiltraud. Ein bleiches schüchternes Mädchengesicht schaut durch die halbgeöffnete Thür. Wiltraud springt auf und läuft ihr entgegen:„JesuS, Du arm's Leut— Liesey, bist es Du wirklich? O mei Seel, wie D' mi Dn dauerst!" „Dös is schön von Dir Traudl, daß D' mi nit a'nauS- stoßt, wie mir's die andern drin im Dorf thun!" „Ja, wär' nit aus— wann ma bei so an Unglück kei Mitleid hätt'! Komm doch eini und sitz her. I mach' Dir g'schwind a Feuer— weißt in d' Stuben mag i gar nimmer, seit alles draus wegg'storben und wegg'holt worden ist." Sie schnitzelt Spähne, während sie spricht, und rasch prasselt ein wärmendes Feuer auf dem Herd.„So, setz Di her," sie rückt ihr einen Schemel zurecht. Da gleitet ihr Blick erschrocken über die Gestalt des Mädchens hin.„Jesus, so steht's mit Dir?" „Ja— gelt!" Liesey verbirgt das Geficht in den Händen und schluchzt. „O Du unglücklichs Leut! Jetzt ist's ja ganz g'fehlt!" „O Wiltraud, Du kannst Dir kein Begriff machen— was dös ist! Z'erst hat's der alt Mayer nit zugeben woll'n, weil er mein Vater nit mag. Nachd'— weil's halt so— war, hat's der Florian doch durchg'setzt. In drei Wochen hätt'n wir Hochzeit g'macht— und jetzt,— hat mei Kind, wann's auf d' Welt kommt, kein' Vater— und i Hab' die Schand!" „Arm's Liesey! Und was sagt denn der Herr Pfarrer? Steht Dir der nit a bißl bei?" „O mei! Der sagt halt,'s sei die Straf Gottes für mein Leichtsinn und mei Sünd! Wann hätt' denn der je a guats Wort für ein'n?" „Nein, g'wiß nit!" murmelt Wiltraud.„Der mag kein' Menschen— und ihn mag aber auch niemand!" „Siehst, Wiltraud— a diamal mein' i grab, i müßt' aus der Welt lauf'n vor Angst! Und da Hab' i denkt, jetzt geh' i zu Dir anßi— vielleicht wird's mir daheroben bei Dir leichter. Du»hast ja'n Haberer zum Bruder und heut hat's g'heißen, sie hätten noch ein'» bei Dir g'funden, aber er sei ihna durch!" Wiltraud fühlt die innere Zusammengehörigkeit, die ihr das Schicksal mit dem der Haberer aufgedrungen, seit Sebald den Schein von Lenzens That auf sich genommen. „Und dann Hab' i g'meint, wann i mit Dir spräch, vielleicht könnst ebbas thuen, daß i a kleine Unterstützung von die Haberer bekam, für später, für mei arm's Kind —'s ist doch a Habererkind! Und sie unterstützen ja jeden, der bei'n Treiben z' Schaden kommen ist. Weißt i that' di g'wiß nit plagen,— aber jetzt— dös Dach, dös kost' halt au wieder Geld und der Vater weißt so nit, wie er's ausbringen soll!—" Wiltraud sinnt nach.„I weiß halt nit, wann i wieder ein'n von die Haberer seh?" „Kommen keine mehr zu Dir?" „Seit uns d' Gendarmen aus der Spur sind, trauen sie sich wohl schwerlich mehr'rein! Aber— i Hab' a bißl was von die Haberer— dös will i Dir derweil geb'n— Du hast a näheres Anrecht drauf als i— Dci Florian war a Haberer!" „Dei Bald! doch aber auch!" Wiltraud stockt einen Augenblick, dann sagt sie schroff: „Dös ist ganz was anders." Sie geht in ihre Kammer und holt ihre kleine Barschast.„Da," sagt sie zurückkehrend: „Nimm's— i gib Dir's von Herzen gern, Du arme, arme Seel'!" „O, D u bist gut! Vergelt Dir's Gott tausendmal! Da sag'n d' Leut', Du seist böS! Dir thut ma amal Unrecht,— naa, was es doch für Menschen giebt." „So, schimpfen s' recht über mich im Dorf? Und kumm 's ganz' Jahr nit nei!" „Ja— wenn D' dös wißt, was die Dir alles nach- reden." „I will's nit wissen!" unterbricht Wiltraud stolz die Mittheilung:„I leb' da heroben still für mich und thu', was i für recht halt,— i kümmer mich nix um dös Geratsch!" „Hast recht. Du bist halt weit dervon— i wollt, i könnt's auch so mach'n. Aber wann ma so mitten drin ist, da müßt man sich grad' d' Ohren zustopfen.— Wann ma gar nit weiß, wo's herkommt—'s ist grad' als ob's ein'n anflög'—! Eh' ma sich's versieht, ist ma wieder was inne wor'n, was ei'm weh thnt. I denk' manchmal, wann's wußten, wie's mir z' Muth ist, ob's ihna nit der Sünden fürchten thäten!" Das Mädchen holt ties'Athem.„I krieg' als schier da Schnaufer nimmer, wann i dra denk'! I thua mi scho recht schwer. Seit dem Schrecken gestern, wo's mir mein' Florian so derher bracht hab'n— halb verkohlt,— tragt mi fast kei Fuaß mehr und i mein' immer, da ist was in mir vor- gange, was nit richtig sei kunnt'." >» Wiltraud hat indessen eine Suppe gekocht und setzt sie ihr vor.„Kei so Gedanken mußt Dir jetzt nit mach'n— kumm, iß a warme Supp'n, dös wird Dir gut thun." Sie betrachtet wehmütig das liebliche Gesicht mit den verweinten Augen und der fast durchsichtigen Blässe. Wie die kleinen mageren Finger kaum den zinnernen Löffel zum Munde führen können. „Du arme Haut— bist ja ganz steif vor Frieren, — oder vor Schwäche? Komm, i halt Dir's." Und sie kniet nieder neben der Sünderin, sie die Reine— und hält ihr die Schüssel ganz nah hin, daß sie besser essen kann und nöthigt ihr liebreich jeden Schluck auf mit Wort und Blick.— Sie ahnt nicht in ihrem erbarmungsvollen Eifer, daß vor dem Küchensenster einer steht, der ihr mit gefalteten Händen zusieht, wie der Verdammte, der von den Gnaden- Mitteln ausgeschlossen ist.— So oft sie den Kops wendet, verschwindet er ebenso rasch.— Lenz! Ob sie ihn wohl noch erkennen würde, wenn sie ihn in der Nähe sehen könnte? Er ist ein anderer geworden, innerlich und äußer- lich. Das jugendlich Weiche seines frischen Gesichts ist ver- schwunden. Er ist um zehn Jahre gereifter. Ernst und scharf sind die Züge geworden,— der Schmerz hat sie ausgefeilt, Schuld und Gewissensbisse ihre verdüsternden Schatten darüber geworfen. Er hat gedacht und gegrübelt in dieser Zeit, wo ihn das Verhängniß zwischen zwei Pflichten stellte, die gleich stark an seinem Herzen rissen— und er hat nie mit sich ins reine kommen können, welche von beiden die heiligere wäre.— Solch innerer Widerstreit in einer einfachen Natur, die jeder Selbstverantwortung ungewohnt, bis dahin schlicht und recht ihre normal vor- gezeichneten Bahnen ging, dringt wie der Spaltenpilz in den Baum, zerstörend ins gesunde Leben. Und während alles im Ort von seinem Lob überfließt, was für ein vortrefflicher Mensch und braver Sohn er sei,— kann er niemand mehr gerade in die Augen schauen— am wenigsten der, zu welcher ihn sein ganzes Sein hinzieht.— O, wenn sie barmherzig wäre! Aber sie ist es gegen alle Leute, nur nicht gegen ihn.— Sie trifft ja in allem das Rechte— so wird auch das das Rechte sein!— In solchen Erwägungen steht er da draußen und schaut verstohlen herein. Jetzt duckt er sich und schiebt ein kleines, ledernes Säckchen aufs äußerste Fenstersims. Dann zieht er sich ganz zurück, um von weitem zu beobachten, ob sie es findet. (Fortsetzung folgt.) KUtgela Navpnzi» ein Opfev dev russischen Gesängniise.'l Bon Einem, der die Unglückliche kannte. Die Tbatsachen, die ich Ihnen erzählen will, ereigneten sich im Jahre 1895. Am 3. Mai fanden i» Moskau zahlreiche Ver- haslungen statt, die mit einer selbst in Rußland»»gewöhnlichen Rücksichtslosigkeit betriebe» wurden. Leute wurden in ihren Bellen aufgegriffen; die Polizei versperrte die Thüren; Alles, was ihr unler die Hände kam, wurde mit Beschlag belegt, Zahnpulver und Zahn« bürsten nicht ausgeschlossen. An einer Stelle wurde ein Stück feltcs Schweinefleisch konfiszirt, da es verdächtig war, irgendwie zu Dynamit» zwecken verwendet zu sei». Es versteht sich von selbst, daß eine große Menge Leute verhaftet wurden, die von Pollilik nicht das ge- ringste wußten. Unter den Verhafteten befand sich ein junges Mädchen, Angela Karpuzi, welche Slndenti» in den Kursen für Assistenzärzte war. Ihr einziges Vergehen war, daß sie einen Bekannte» hatte, der sich bereits unter den Verdächtigen befand. Einmal halle sie in seiner Gesellschaft ein Theater besucht. Auf dem Heimweg von dort trat er in«ine Chemikalienhandlung und kaufte eine Kleinigkeit. Alles dies wurde erspäht und für genügend gehalten, das junge Mädchen zu verhaften. Zu jener Zeit lernte ich zufällig Angela Karpuzi kennen. Sie war ein sehr nervöses, etwas aufgeregtes, lebhaftes und gutmüthiges Geschöpf, das nicdt de» entferntesten Antheil an revolutionärer Thätigkeit hatte. Sie arbeitete hart in ihrem Fach, las viel, besaß ein scharfes Auge und Ohr für das soziale Leben ihres Kreises, aber sie sprach sehr wenig, da sie sich in sozialen Dingen für nicht ge- nügend unterrichtet hielt. Die Untersuchung, die Haft und Gefangenschaft brachten einen qualvolle», niederschlagende» Eindruck auf sie hervor. Ihre Nervosität nahm zu, sie gerieth in einen Zustand beständiger Unruhe. Da sie wußte, daß die bloße Thalsache, einen Ver» dächtigen zu kennen, genügte, um sich eine harte Strafe zu- zuziehen, begann sie sich Tag und Nacht ihre Bekannlen ins Gedächtniß zu rufen, und die Furcht, sie ins Unglück zu stürzen, gewann Macht über sie. Woche ans Woche verging, ohne daß sie zu einem Verhör geführt wurde; die einfache Erklärung hierfür war die, daß die Gendarmen ihre Existenz vollständig ver- gessen hatten. Aber in ihren» aufgeregten Zustand schob sie dieser Thatsache sofort einen besonderen Sinn unter, der für ge»vöh»Iich nur gar zu sehr gerechtfertigt ist. Sie kam zu dem Schluß, daß man die Absicht hätte, sie durch Einsamkeit und Mangel an Be- schäftigung so mürbe zu machen, bis sie einige Namen von„Ver- schivörern" preisgäbe. Sie erinnerte sich alles dessen,>vas sie zur Zeit, als sie noch frei»var, über die Gewissenlosigkeit der Polizei und über die Ruchlosigkeit ihrer Mittel gehört hatte, wenn es galt, Geständnisse zu erpressen. Eines Nachts erivachte sie unter furchtbarem Schreien, Klagen und Bitte». Sie glaubte die Stimme eine ihrer Freundinnen zu hören. Dies war eine Halluzination, aber der armen Gefangenen brachte sie die Ueberzeugung bei, daß sie von feiten der Gendarnren einen Ueberfall zu erivarten habe, und daß man sie,»veun auch nicht direkt foltern, so doch wenigstens hypnotisiren und in dem dadurch hervorgeruseuen Zustand zivingen»vürde, ihre Freunde zu verrathen. Von diesen» Augenblick an beschloß das unglückliche Mädchen, nicht mehr zu schlafen, aus Furcht in» Schlafe hypnotisirt zu»vcrden; sie »vanderte die ganze Nacht in ihrer Zelle aus»nd ab. Zuweilen be- merkte sie,»vie das»vachsame Auge des Aussehers durch die„Judas- palte" spähte, und ivenn dann am andern Morgen ein Wärter sie vielleicht aus Mitgefühl fragte:„Warum schlafen Sie nicht, Fräu» lein?"»vurde ihr Verdacht noch bestärkt. Ihre Befürchtungen erhielten eine neue Nahrung. Es kam ihr in den Sinn, daß die Aussetzer, um sie zum Schlafen zu bringen, ihrem Essen ei» Narkotikum beimischen könnten; sie weigerte sich daher, irgend»velche Nahrungsmittel zu sich zu nehmen, und gab sich so systematisch den» Verhungern preis. Das Resultat kann nian ich leicht vorstellen. Der Geist der Unglücklichen verwirrte sich und las Opfer der Willkür hatte nun eine Tortur zu erdulden, di» ') Aus„Free Russia". Nach einer Uebersetzung der„Frank- mrter Zeitung".— furchtbarer war, als irgend ein Torqueinada sie hätte erdenken können. Physische noch so grausame Qualen sind meist von Ruhe- pausen unlerbroche», aber Fräulein Karpuzi befand sich Tag und Nacht unaufhörlich in den Klanen der Angst. Stets allein, ohne Beschäftigung, konnte sie den schreckliche» Sinnestäuschungen, von denen sie befallen, nicht entrinnen. Eines Nachts hörte sie, wie es ihr schien, ganz deutlich Geräusch auf dem Korridor, eilige Schritte, Kettenrasseln und das Kom- mando eines Offiziers. Sie schaute durch das Fenster und be- merkte, wie sie glaubte, eine ganze Reihe Galgen. Die Menge ans dem Korridor setzt sich in Bewegung, aber sobald sie den Ausgang erreicht und die Galgen erblickt, fährt sie, von Entsetzen ergriffen, zurück und stürzt i» die Bajonette, die auf sie gerichtet sind. Das Geschrei der Männer, das Stöhnen und Jammern der Frauen dringt an ihr Ohr; zuletzt steht sie, wie ihr geliebter Bruder Andreas zum Galgen geschleppt wird. Er schreit um Hilfe und ruft sie beim Namen. Eine Anzahl Leute folgen nach; alle ihre Freunde, Verwandte» und Bekannten werden gehängt und alle widersetzen sich und schreie». Ihr Widerstand hat brutale Schläge und Züchtigungen zur Folge und schließlich werden alle gehängt. Sie allein bleibt auf der Welt zurück. Wahrscheinlich hat man sie vergessen, aber ohne Zweifel wird nian noch kommen, um auch sie hinzurichte». Man hat nur zu gut gehört, wie sie die Leute anflehte, ihren arme» Bruder zu schone» und ihre Freunde nicht zu quälen. Aber der Tot ist nicht das schlimmste, das ihrer wartet. Man weiß, daß sie schwach ist, und man wird Mittel an- wenden, um sie zum Sprechen zu bringe». Eine unbeschreibliche Angst ergreift Besitz von ihr, sie ist sicher, den Torturen, die ihrer warten, nicht widerstehe» zu können, und sie wird unschuldige Leute ins Unglück bringen. Es giebt nur e i n Mittel, diesem Furcht- bare» zu entrinnen, das ist: vorher zu sterben. In einem Wirbel fieberischer Gedanken wird Plan ans Plan erwogen und wieder verworfen, und endlich ergreift die Gefangene ein Handtuch, be- festigt es mit zitternden Händen an einem Haken am Fenster, macht eine Schlinge und legt sie um ihren Hals; aber ihre zitternde» Hände und ihr verwirrter Sinn lassen das Vorhaben nicht gelingen, sie stürzt mit dein Handtuch zu Boden. Der dumpfe Ton des Falles vermehrte noch ihre Angst. Die Wärter könnten ihn gehört habe» und nun ihren Plan vereiteln. Sie macht Ordnung in ihrer Zelle, legt sich auf ihr Bett nieder, bedeckt sich bis über den Kopf mit einem Tuch, nimmt den Deckel eines Zinnkessels und beginnt damit ihr Handgelenk aufzureißen und sich die Pulsader zu öffnen. Das i» der That ist der beste Plan. Keiner würde etwas bemerken und der Tod wäre gewiß. Sie sägt und sägt, aber es dauert ihr zu lange. Gut, sie besitzt ja einen metallenen Kamm, mit dem wird es befser geh». Schließlich kommt das Blut, färbt ihr Hemd und Tuch, und sie sinkt i» eine Ohnmacht. Alles dies geschah i» der Nacht, und als sie durch den furcht- baren Schmerz au der Hand erwachte, war es schon Tag. Wieder war ihre erste Empfindung eine intensive Furcht, daß die Wärter ihren Selbstmordversuch bemerken und ihren Tod verhindern würden. Sie ergriff den Kam», aufs neue und setzte ihr Zerstörungswerk fort, aber diesmal befand sich des Wärters Auge thalsächlich an der „Judasklappe". Die Zellenthür wurde hastig geöffnet, das Mädchen festgehalten, der Kamm ihrer Hand entwunden, ein Arzt herbei- gerufen und ihr Handgelenk verbunden. Kurze Zeit darauf kam der Direktor und theilte ihr mit, sie sollte bald vernommen werden. Aber sie verstand diese Nachricht ans ihre eigene Weise und fragte, ob sie jetzt bald gehängt werden würde. Man suchte sie zu überzeugen, daß vom Hängen gar keine Rede sei; aber dies änderte ihren Glauben nicht, bewirkte vielmehr nur, daß sie gar nicht mehr sprach. Sie vertheilte alle Kleinig- leiten, die in ihrem Besitz waren, unter die Aufseher und Gefängniß- wärter, sagte alle» ein herzliches Lebewohl, als ob sie zum Sterben ginge, und folgte den beiden Polizisten, welche sie geleiteten. Ehe das Verhör vor Gericht beginnen sollte, forderte man sie auf, ihren Namen zu schreiben und andere«bliche Formalitäten zu erfüllen. „Wie?" fragte sie erstaunt.„Kann ich nicht ohne dies alles gehängt werden Diese Frage verursachte einige Verwunderung, aber als die Be- amtin ihre Unterschrift betrachteten, wurde das Aufsehen noch größer, denn die Buchstaben waren unleserlich und verwirrt und man er- kannte daraus den Geisteszustand der Acrmsten. Der Kronanwalt, von Mitleid ergriffen, befahl, daß man ihr eine Tasse Thee bringe. aber als ihr diese gereicht wurde, gerielh Frl. Karpuzi in Un- ruhe, und fragte, ob sie denn vergiftet und nicht gehängt werden sollte, wie alle ihre Freunde und Verwandten. Die Richter, denen immer unbehaglicher zu Muthe wurde, versuchten andere Mittel, um die Gefangene zu Verstand zu bringen. Man ließ mehrere Tassen Thee bringen und der Kronanwalt bat sie, eine beliebige für ihn auszuwählen, die er dann trinke» wolle; aber dies schien gar keine Wirkung auf sie auszuüben und von deir Präliminarien des Verhörs sichtlich ermüdet, antwortete sie: „Uebrigens ist mir alles gleich, ich will ihn trinken. Ihr habt mir ja doch alles getödtet, was ich auf der Welt besaß, mögt Ihr jetzt auch mich tödlen." Sie nahm dann ein wenig Thee zu sich. Trotz alledem machten die Richter jetzt neue Versuche, sie einem Verhör zu unterziehen. Aber sie gab auf keine Frage Antwort. sondern wiederHolle nur die Klage, daß alle ihre Freunde umgebracht seien. Als der Kronanwalt schließlich sah, daß er es mit einer Wahnsinnigen zu thun hatte, fragte er sie, ob sie nicht in das Ge« sängnißhospital gehen ivollte. Sie erwiderte, ihr sei alles gleich. Nack einer Berathung kamen die Herren zu dem Beschlüsse, sie ihrem Schicksale zu überlassen. Eine Droschke wurde geholt, der Kutscher erhielt die Weisung, Frl. Karpuzi nach ihrer früheren Wohnung zu fahren, und sie wurde in Freiheit gesetzt. Als die Wohnungsinhaberin den Znftand des Mädchens sah, schickte sie sofort zu ihrem Bruder. Die Unglückliche erkannte ihn, hielt ihn aber für ein Gespenst. Alsdann wurde sie der Pflege eines be- kannten russische» Psychiaters, Herrn Dr. Korsakow, übergeben, der an diesem Fall ein lebhaftes Interesse nahm und keine Mühe scheute, die Wahrheit zu erforschen und Material zu sammeln, um ihn aufzuhellen. Sein Rath war, die Kranke so bald als möglich aus Moskau zu entfernen. Die Häupter der Moskauer Spionage (Oldrraunoe Otdelenie) weigerten sich eine Zeit lang, dies zu gestatten und beharrten darauf, daß das leidende Mädchen selber um die Erlaubniß nachsuchen müsse. Aber schließlich wurde dies Gesuch doch gewährt und Fräulein Karpuzi ging nach Südrußland. In der Stadt Novorossysk, in der sie Aufenthalt nahm, ließ die Polizei sie eine Zeit lang unbehelligt. Langsam begann das junge Mädchen zu genesen und es wäre sicher in kurzem vollständig gesund geworden; aber als die Polizei die Besserung ihres Zustandes bemerkte, begann sie wieder ihr böses Werk. Angela Kalpuzi wurde aufs neue ver- folgt, inquisitorischen Frage» unterworfen u. f. w. und ihre frühere Manie kehrte zurück. Was seither aus ihr geworden ist, weiß ich nicht, aber was ich Ihnen erzählt habe, genügt, um zu zeige», welche Tragödien eines Tages enthüllt werden könnten, wen» es möglich wäre, die Akten des Spionagebureans einmal ans Licht zv ziehen.—_ Kleines Feuilleton* — Heber englische Landgüter und ihre Erhaltung bringt das Aprilheft des„Cornhil Magazine" eine statistische Zusammen- stellung. Es geht daraus hervor, daß es in Großbritannien etwa 900 Herrensitze giebt, daruiiter 60 ersten Ranges, die 200 bis 600 Personen Dienerschaft beherberge»; 200 zweite» Ranges, wo 100— 150 Diener und Handwerker gehalten werden, und 640 dritten Ranges, die blos einen Troß von etwa 50 Leute» bergen. Der Ber- fasser der Artikels, Mr. Cornish, wählt zum Maßstab der Regie« koste» einen Landsitz i» der Grasschaft Suffolk, wo die Löhne für die 170 Bedienstete» 8000 Pfund Sterling(160 000 M.) im Jahre be- trugen. Die Erhallung eines Wildparkes wird mit etwa 750 Pfund Sterling jährlich eingestellt. Mit Ausnahme der dort Angestellten zieht aber die Allgemeinheit keinen oder doch sehr geringfügige» Nutze» aus diesen kolossalen Ausgabe». Ein paar Spaziergänge oder Sportsgebiete, mit sehr beschränktem Benutzungsrecht— das sind so ziemlich die einzigen Vortheile, welche der Bevölkerung, die in der Nähe solcher Herreusitze wohnt, zufallen.— Theater. — Der Name„Theater des Westens" wird nächstens verschwinde». Das Theater selbst soll Direktor Prasch vom Berliner Theater pachten, als stellvertretender Direktor soll Max Hofpauer sungiren.— Unterschrieben ist der Kontrakt noch nicht.— — c. e. Der bekannte italienische Roman- Schriftsteller Gabriele d'Annnnzio hat ein einaktiges Drama vollendet, welches„KoZiio di una mattina di primavera"(„Ein Frühlingsmorgen» Traum") betitelt ist und im Juni im Pariser Renaissance- Theater zur ersten Aufführung kommen soll. Die Hauptrolle wird Eleonora D u s e spielen.— Kunst. — Eine» H a u s s ch a tz moderner Kunst giebt die Gesellschaft für vervielfältigende Kunst in Wie n heraus. Das Werk erscheint in 20 Lieferungen mit je 5 Blatt Radirungen nach Gemälden moderner Meister. Formal 30: 40 Zentimeter in Original- Umschlag. Die Lieferung kostet 3 Mark. Die Sammlung enthält Radirungen»ach Landschaften, Genrebildern, Historienbildern, Porträts von Böcklin, Defregger, Feuerbach, Grützner, Liebermann. Gabriel Max, Uhde, Schwind, Schindler, Waldmüller n. a., die Radirungen stammen von Bürkner, Halm, Hecht, Krauskopf, Krüger, Unger, Wocrnle u. a. Heft I enthält: A. Böcklin, Villa am Meer. Radirnng von W. Hecht. H. Kauffmann, Verliebt. Radirung von H. Bürkner. Fr. A. von Kaulbach, Ein Maitag. Radirmig von W. Unger. E. Grützner, Klosterschäfflerei. Radirnng von C. Vaditz. F. von Uhde, Aus dem Heimweg. Radirung von W. Unger.— — Die Fahrräder-Fabrik Bernh. Stoeiver in Stettin schreibt Preise von 300, 200 und 100 M. für Fahrrad-Plakate aus. Die näheren Bedingungen werde» von der Firma auf Wunsch mitgetheilt.— Erziehung und Unterricht. — Die Schädlichkeit des Frühaufstehens für kleine Schulkinder hat nach der„Mgdbg. Ztg." ein Lehrer durch folgenden Versuch nachgewiesen. Er konnte sich lange den Umstand nicht erklären, warum seine im Alter von 6 Jahren stehenden Kleinen an der ersten Unterrichtsstunde nur selten mit völlig befriedigendem Erfolge theilnahmen. Eines Tages kam er nun auf de» originellen Einfall, zn folgendem Experimente zu greifen. Eine Viertelstunde nach dem Beginn des Unterrichts sagte er zu der kleine» Schaar:„Kinder, Ihr braucht jetzt uicht auf- zupassen, macht's Euch so bequem wie möglich, und schlaft auch, wen« Ihr wollt!" Eine lautlose Slille tral ein. Und siehe da! Als er nach etwa einer Viertelstunde den Unterricht fortsetzen wollte, stellte es sich heraus, daß von 48 Kindern 38, also drei Viertel der Klasse, schliefen. Nun wurde es ihm klar, weshalb die Kleinen dem Unterricht nicht so folgten, wie er es gewünscht; sie hatten nicht ausgeschlafen!— In England beginnt der Schulunterricht in den letzten Klassen erst um 8 Uhr.— Aus dem Thierleben. — Selbstverstümmelung bei den Regen- Würmern. Wie bei Stachelhäutern, Krebsen. Spinnen und anderen wirbellosen Thieren kommt auch bei Ringelwürmern ein gelegentliches Abwerfen von Körperlheilen vor; bei Regenwürmern ivar es, so viel bekannt, noch nicht beobachtet worden. Herr Hescheler in Zürich hat sich nunmehr durch zahlreiche Beobachtungen überzeugt, daß diese Thier« in der Gefahr die Selbstamputation vollziehen, jedoch nie in der vorderen Hälfte des Körpers, sondern i» der Region zwischen dem 48. und SV. Körperringe, an irgend einer Stelle zwischen zwei Ringen. Bei de» Krebsthieren und Eidechsen sind bekanntlich ebenfalls bestimmte Körperstclle» für diese sogenannte Antotomie, die man sich nicht als freiwillige» Akt vor- stellen darf, anatomisch vorgerichtet.—(„Prometheus") Meteorologisches. — Ueber den Seebär derOstsee und verwandte Er- scheinungen hielt Professor Hayn in der Physikalisch-ökonomischen Gesellschaft zu Königsberg i. Pr, am 5. März 1896 einen Vortrag, dem der„Globus" das folgende entnimmt: Mit dem Namen„See- bar" bezeichnet mau besonders im westlichen Theile der Ostfee ein plötzliches, auch bei ganz ruhigem Wetter und glatter See vor- kommendes, in der Regel mehrmals wiederholtes Aufwallen und Steigen des Meeres. Es kann hierdurch ein allerdings nur schmaler Küstensaum vorübergehend überfiuthet und auch wohl Schaden an- gerichtet werden. Auch auf hoher See macht sich die Erscheinung dem Schiffer in der Form eines seebebeuartigen Stoßes bemerkbar. Der Name„Seebär" ist wahrscheinlich durch Entstellung des alte» Wortes babr= Woge entstanden, das auch in dem französischen „darre" noch anklingt. Sehr häufig scheint das Phänomen nicht zu sein und auch die wenigen beobachteten Fälle find meist ungenügend beschrieben. Eine Ausnahm« machte der Seebär, welcher in der Nacht vom 16. zum 17. Mai 1883 an den vor- pommerschen Küste» auftrat, der von Credner sorgfältig bearbeitet worden ist. Der Seebär der Ostsee ist theils als ein seismisches, t Heils als ein meteorologisches Phänomen aufgefaßt worden. Die Wahrheit durste wohl in der Mitte liegen. Bei mehreren Seebären in der Ostsee wird ein eigenthümliches Schallphänomen er- ivähnt, welches der ungewöhnlichen Meeresbewegung voranging. Aus sehr verschiedenen Gegenden der Erde liegen nun Bericht« vor, welche zwar wenig oder nichts von ungewöhnlichen Wellen- bewegunge», wohl aber vieles von der Schallerscheinung zu melden wissen. Belgien, Nordfrankreich, der Kanal, ja vielleicht die ganze Nordsee bis Island besitze» die sogenannten„wist puffers", das sind unbestimmte, dumpf«, aber von Schüffen wie vom Donner wohl zu unterscheidende Detonationen, welche vorwiegend im Sommer an heißen, stillen Tagen gehört werden und nach dem Glauben der Küstenwächler und Seeleule auf schönes Wetter schließen lassen. Auch aus dem Innern Enropa's würden»och manche ähnliche Beobachtungen gesammelt werden können, wenn diese Schallphänomene, licht— falls sie überhaupt beachtet werden— irrlhumlich für ferne Schüsse oder Explosionen geHallen würden. Auch das sogenannte„Wetterschießen" iu der Schweiz scheint hierher zu gehören. Dasselbe wird zwischen Alpe» und Iura, doch auch auf der Nordseite des Jura gegen das Elsaß hin wahrgenommen. Es zeigt sich als ein sehr dumpfes kanonen- schußartiges Gelöse und bevorzugt stille heitere Sommertage, an denen aber ein leichter Dunst das Hlmmelsgewölbe zu überziehen beginnt. Gewöhnlich folgt bald Regen darauf. Mit Gewittern hängt es sicher nicht zusammen. Außerhalb Europa's ist es zunächst die Fundy-Bay, an deren 5iüste» wiederum an stillen, warme» und dunstigen Sommertage» eine ganz ähnliche Schallerscheinung beob- achtet zu werden pflegt. Ganz besonders aber ist das Mündungs- land des Ganges der sogenannten, Burwal gnns" wegen bekannt. die von der Stadt Barisal(östlich von Kalkutta) ihren Namen habe». Auch hier handelt es sich um meist sehr dumpfe Detonationen, welche zwar zu allen Tages- und Nachtzeiten eintreten. aber klare, ruhige Tages- stunden offenbar bevorzugen. Der Bezirk, in dem die Barisal gnns gehört werden, ist ziemlich klein. Nach Hahn werden wir der Wahrheit am nächste» kommen, wenn wir die manigfachen alhmo- spärjschen Schallphänomene, welche man als Wctterschicße», Barisal guns. mist puffer und dergleichen bezeichnet, theils als Erdbeben- geräusche, theils aber— und wohl vorwiegend— als Wirkungen lokaler Temperatur« und Druclstörungen betrachten. Diese Störungen, die gewöhnlich auf kleinem Raum austreten, verrathen sich dem Beobachter zuweilen nur durch Schallphänomene, können aber, wenn sie Meere oder Landseen berühren, auch Fluthwellen nach Art des Seebären hervorrufen. Die Störungen sind an schwülen, stille« Tagen und an stark erwärmten Küsten häufiger als sonst. Alle sonst versuchten Erklärungen, wie Brandungsgeräusch, zerplatzende Meteore, eigenthümliche Gewittererscheinungen, bei denen die Blitze unsichtbar bleiben. Erdbebengeräusche, können nur vereinzelt heran- gezogen werden.— Humoristisches. — Kindermund. In der„Tägl. Rundsch." plaudert eine Tante von ihren kleinen Nichten und Neffen:„Da ist ersteus „Lenchen"; verwöhnt und verzogen wie nur je ein«„Einzige" war. Jüngst gehe ich mit ihr nach dem Thiergarten. In den ersten fünf Minuten ist sämmtliche„Besänftigungsschokolade", die für mindestens drei Stunden ausreichen sollte, verzehrt. Zum Glück finden sich ein paar Spielgefährtinnen, die Lenchen interessant genug scheinen, um sich mit ihnen in einen Saudhaufen zurückzuziehe». In demselben Augenblick sehe ich eine Bekannte vorübergehen, die ich lange nicht gesehen, ich begrüße sie und wir gehen«ine Weile auf und ab. ich immer den Sandhaufen mit Lenchen im Auge behaltend. Da plötzlich erhebt sich verworrenes Geschrei. Ich sehe Lenchen auf die Bank zustürzen, die ich soeben verlassen, und noch ver- zweifelteres Wehgebrüll ertönt. Als ich in ihren Sehkreis gelange, stürzt sie mir in die Arme und schluchzt vor- wurfsvoll:„Aber Tante Augufte.- wie kannst Du mich denn ganz allein lassen? Was hätten«vir denn gemacht, weun uns das einzige Kind verloren gegangen wäre."— Weniger empfind- sain ist mein Neffe Franz, so ein richtiger Berliner Junge. Neulich bekam er ein Schwesterchen; sei» Vater zeigte ihm glückstrahlend das Kiffen-Bündel, aus dem nur eben das Köpfchen der Neugeborenen herausschaute und machte ihn in sanfter Weise auf die bereits vor- handene» Schönheiten der kleinen Dam«, wie„schöne, blaue Guckel- chen, kleines süßes Mündchen" ic. aufmerksam. Franz aber stellt sich, ohne Spur von Rührung, breitbeinig vor das Kiffen hin und fragt nach kurzer kritischer Musterung:„Hat sie Beeue?"— Sehr für ausgleichende Gerechtigkeit, sogar für Lynchjustiz sind»rein Nicht- chen Erna und ihr Bruder Fritz. Als ich letzthin in ihr Zimmer komme, sehe ich sie beide, hochrolh vor Erregung, mit Stöcken auf ihr neuestes, schönstes Märchenbuch losschlage».„Um Gotteswillen. Kinder, was macht Ihr denn da?"—„Tante Auguste", sagte Erna, sich den Schweiß von der Stirn wischend, aber im vollen Bewußtsein ihrer sittlichen That,„Tante Auguste, wir hau'» die böse Königin!"— . Vermischtes vom Tage. — In Schwel»t grassirt seit Anfang des vorigen MonatS die Genickstarre. Fünf Personen sind bereits an der Krankheit ge- starben.— —„Ein Akt unglückseliger B e r i r r n n g." In der „Dortm. Ztg." vom 23. April 1397 findet sich folgend« Annonce: „E n t l o b u n g. Irrigen Ausstreuungen zu begegnen, erklärt Unterzeichneter. daß er seine Verlobung mit Fräulein Emilie Wagner, älteste Tochter der Unlernehmerswittwe Frau H. Wagner, Witten a. R, als Akt unglückseliger Verirrung bereits seit Ansang August vorigen Jahres als aufgehoben erachtet. Aschaffenburg. Ernst Kreowski. Schristfleller und Chefredakteur." — Magdeburg. Am Montag Abend wüthele in dem Hause. in dem das Pincus'sche Weiß- und Wollwaarengeschäst untergebracht ist. eine große Feuersbrunst. Das Gebäude war im Nu verqualmt. Ein Dienstmädchen stürzte sich aus dein vierten Stock und siel auf einen Lehrer und dessen 12 jährigen Sohn. Das Dienstmädchen und der Bursche wurden getödtet. der Lehrer schwer verwundet.— — In, R u p e n s d o r s e r Holz bei Schöneberg in Mecklen- bürg ist gestern(Diensiag) früh ein Mädchen ermordet worden.— — Wie die„Köln. Volksztg." aus Uerdingen meldet, hat sich dort am Sonntag Abend eine Frau mit zwei sich heftig sträubenden Kindern in den Rhein gestürzt. Alle drei sind er- trunken.— — Beim Franz Joseph- Bahnhof in Wien stieß am Montag in der Nacht ein Wagen der elektrischen Straßenbahn mit einem Pferdebahnwagen zusammen: vier Personen wurden schwer verletzt.— — In Neuilly bei Paris hat eine junge Iran sich und ihr» zwei Kinder im Alter von vier und zwei Jahren vergiftet. Der Manu hatte das Vermögen au der Börse verspielt.— — I» der Kathedrale von T o u r n a i erschoß ein junger Mann ein junges Mädchen. Es hatte seine Liebe verschmäht.— — London. 4. Mai. Der Schriftsteller Oscar Wilde ist aus dem Gesängniß entlasse» worden.— — Das Elend in Zlndalusien(Südspanien). Die Stadt Ecija wird von Hungrigen förmlich belagert. Den Gutsbesitzern ist es nicht niehr»töglich, ihren Angestellten draußen Nahrungsmittel zugehen zu lassen, wodurch das Elend nur noch vermehrt wird. Einige Mühle» sind bereits übersallen und ihrer ganzen Mehl- vorräthe beraubt worden. Die Behörden wagen nicht, die Gen» darmerie auf's Land zu schicken, um die Ordnung ausrecht zu er- halten, weil sie fürchten, daß die Hungrigen dann in die Stadt ein- dringen und dort das Unterste zu oberst kehren werden.—_ Verantwortlicher Redakteur: Robert Schmidt in Berlin. Druck und Verlag von Max Bading in Berlin.