Hlnterhallimgsblatt des Uorwärls Nr. 90. Freitag, den 7. Mai. 1897. (Nachdtuil verboien.) � Ein altev Streik. Roman aus dem bayerischen Volksleben der sechziger Jahre von W i l h e l m i ii e v. H i l l e r n. „Mach Dir kei Hoffnung, Lenz,— Du mnßt's endlich glauben, daß es mit uns zwei aus ist für die Welt! Aber dös kann i Dir sagen. Du bist's nit allein, den's Heimweh verzehrt!— Meinst, mir thut's nit auch weh, wenn i denk, wie's war nnd sei könnt'— und wie's jetzt ist? Meinst, i Hab' nit auch scho nianchmal meine Arm' aus- breit't und laut'nausg'schrien:„Lenz, m e i Lenz, wo bist?" Und Hab' mich dann auf den harten Erdboden draußen bei der Schlucht g'worfen nnd die Stein' naßg'weint, um den Lenz, der amal mit mir dort g'sessen ist beim tobten Mühlrad und so gut war und so brav!" „Aber Traudl, i begreis' Dich nit. I bm ja doch der gleiche, der i damals war." „Nein— Du bist's nit! Schau, dös ist grab,— wie soll i sag'n?— denk. Du hältst an G'schmnck'n, wo d' g'meint hättst, er war' von Gold und nachher thast inne wer'n, daß er von Messing ist, thät' Di dös nit kränken? Und jetzt stell Dir vor, wie dös erst sein muß, wenn ma sich im a Mensch so täuscht, der eim's Liebste auf der Welt war! Dös wird wohl a Schmerz sei wie's kein größere giebt— und um so ein'n wird ma wohl weina, sei ganz's Lebtag! Verstehst jetzt, wie i's mein', wenn i sag'. Du bist nimnier derselbe, der D' warst—?" Lenz senkt die Blicke zu Boden und kämpft zwischen Stolz nnd Scham:„Dös braucht aushalten!" sagt er, tödtlich getroffen. „Aber jetzt weißt wenigstens, daß Du nit der einzig' bist, dem's Herz weh thut. Gelt? Und wannst künftig nit schlafen kannst— oder's Dich anwandelt, daß D' meinst. Du haltft's nimnier aus,— dann denk' nur: die Traudl muß es auch aushalten und klagt nit!" Sie reicht ihm die Hand. Er faßt sie leidenschaftlich: „Geh jetzt heim, Lenz, da kommen Leut' vom Dorf her. Mach's Dir und mir nit schwer, da ist nix z' ändern. Du g'hörst Dei'm Vater und ich dem Sebald,— und so b'hüt Dich Gott!" Er zieht ihre Hand an seine Lippen, aber nicht um sie zu küssen,— das ist nicht Bancrnart. Mit seinen scharfen Zähnen beißt er ihr ein tiefes blaues Mal in den Finger:„So— jetzt weißt, wie/s in mei'm Herzen nagt und thut!" ruft er mit verzehrendem Blick und eilt von bannen. Wiltrand aber kehrt um und geht zn ihrem Haus zurück. „Nein, i darf nit ins Dorf, er darf mich nimmer sehen!" Noch in derselben Stunde schnürt sie ihr Bündel und zieht hinaus aus die Wanderschaft, ohne zu wissen, wohin. Einfach der nächsten fremden Ortschaft zu. Dort will sie von Haus zu Hans um einen Dienst fragen. Sie will ja keinen Lohn für ihre Arbeit, nur ein Obdach weit vom Dorf weg,— daß der Lcuz Ruhe bekommt,— und sie auch! „Augentrost". Es ist ein schöner klarer Dezembcrtag, als Wiltraud dahin schreitet, eineni unbekannten Ziele zu. Sie hat ihr bestes Ge- wand angelegt, nicht um sich schön zu machen— daran denkt sie nicht, sondern um ein bischen reputirlich auszn'eien, damit man sie nicht für eine Landstreicherin hält.— So geht sie immer der Straße nach und wo sie an einen Einödhof kommt, da klopft sie an nnd wiederholt den Spruch:„Braucht's kei Magd? Mei Vater ist g'storben und da möcht' i mir jetzt'n Platz suchen— oder tagwerkeu." Aber überall vergebens. Bei dem einen ist keine Arbeit, die andern fragen nach einem Zeuguiß vom Pfarrer— oder vom Vorsteher— und da sie keines besitzt und es sich auch nicht verschaffen zn können scheint— schließen sich ihr die Thüren zu. Eine einzige Bäuerin auf einem schönen Hof hätte nicht übel Lust und schaut die saubere kräftige Dirn' wohlwollend an:„Kumm eini in d' Stuben, daß mir mit- onand reden," sagt sie. Wiltraud schlägt das Herz vor Freude, denn zu der Frau hatte sie Vertrauen. Es ist alles so wohlhäbig und reinlich im Haus, und die Frau sieht so verständig drein. „So sitz Di nieder! Was verlangst denn Lohn?" „Ach i bin z'frieden, wann i's Essen Hab'!" sagt Wiltraud unbesonnen.„Mir ist's nur um'n Unterkomme in'n guaten Haus." Jetzt wird die Bäuerin ganz anders, das Freundliche in ihrem Gesicht ist auf einmal weg.„Hm!" macht sie:„Eine Dirn, die ohne Lohn diene will? Dös paßt mir nit! Da ist alleweil a Haken!" „G'wiß nit!" betheuert Wiltraud erschrocken, dös hat kein'n Haken, als daß i nit so allein sei mag derheim und weil'» mir nit ums Geld ist." „A rechte Arbeit ist ihren Lohn werth und so Leut', die kei'n Lohn verlange, gegen die hat man halt a Miß- trauen. G'wöhnlich woll'n s' nix arbeiten— oder sind sonst nix Recht's." Wiltraud steht auf.„Dös Hab' i halt nit g'wußt, i bin in dem allen nit so bewandert. I thät' scho arbeiten— wegen dem!"— Die Frau schaut ihr prüfend in die Augen.„Hast denn kein Mutter mehr, daß D' so alloa da'rumzigeunerst?" „Mei Mutter ist g'storben, wo i a Kind war." „So! Und jetzt hast gar niemand eigens?" „Nur noch'n Bruder." „So! Und wo ist dann der?" Wiltraud wird dunkelroth und schlägt die Augen nieder. „Der ist grad— im G'säugniß." „Aha! Siehst, i hab's g'wußt— da hab'n wir'n ja schon, den Haken," ruft die Frau— nicht boshaft, aber streng abweisend.„Nein, nein,— a Dirn, die'n Bruder im G'fängniß hat— nimmt niemand! Da spar' Dir nur die Müh." Wiltraud hämmert's in den Schläfen. Ihr ist als wanke der Boden unter ihren Füßen. An diese Seite des Verhängnisses hat sie noch gar nicht gedacht. Also auch ihre Existenz ver- nichtet,— auch ihr die Möglichkeit genommen,.sich auf rechtliche Weise ihr Brot zu verdienen!— Sie erwidert der Frau kein Wort mehr,— es würde ihr ja doch nicht ge- glaubt.— Sie grüßt still und verläßt das Haus. Schon neigt sich der Tag. Sie ist müde. Was soll sie thun? Umkehren! Sie braucht zwei gute Stunden zurück und die arme Geiß wird auch nach Futter schreien. Wenn sie noch weiter geht, wird es immer später und— es ist ja doch hoff- nungslos!— Das ist's, was sie auf einmal so müd' gemacht hat. In dem Augenblick, wo die Frau das zu ihr sagte, war's, als ließen all ihre Kräfte nach.— Jetzt hat sie den letzten Halt verloren. Sie setzt sich auf einen Stein am Weg, sie muß ein wenig ausruhen. „Ja, was machst denn Du da, Wiltraud?" sagt eine rauhe Männerstimme, nnd der Tritt schwerer Nagelschuhe kommt auf sie zn. Wiltraud blickt den Sprecher au wie einen rettenden Engel, es ist halt wieder ein Haberer— sie hat ja sonst niemand mehr— einer der Männer, welche den Habermeister zu ihr brachten.— Er trägt eine Holzer- axt über der Schulter und ist eben im Begriff Feierabend zu machen. „Ach, grüß Di Gott!" ruft ihm Wiltraud entgegen. „Wo ist denn der Poschinger, daß Du'n so alloa laßt?" frägt der Mann, ihr derb die Hand schüttelnd. „Fort, sei Frau hat'n g'holt—" „O, der arm' Deifl,"— sagt der Holzer mitleidig; „der kriegt's schlecht! Dem wär' a guatcr Tag g'schehen, wann er g'storben wär', statt mit dem Weibsbild weiter leben, wo er sich jetzt alles g'sallen lassen muaß! Und Du, gehst Tu über Land?" „I Hab' mir woll'n'n Dienst suchen— aber's nimmt mi niemand— wegen— wegen—'m Baldl!"— „Ja! dös laßt sich denken. Aber da wüßt i Dir scho' a Stell: Du bist ja jetzt doch eine von die Unsrigen— komm mit auf d' Wasserscheid, da ist unser Sammelplatz. Der Wirth kann's eh' nimmer allein machen und a Fremde darf er nit nehmen. Willst?" „Aber da sind scheint's lauter Mannsbilder und kei Frau." „D' Frau machst Tu! Und da kannst ruhig se� weg'n die Männsbildev! Dös giebt's nit, daß a Haberer sich was z' Schulden kommen ließ gegenüber'n Madl. Naa, der war' glei ansg'stoßen aus'm Orden." „So komm i mit," sagt Wiltraud mit raschem Entschluß. „Ist's noch weit?" .'„A halbe Stund, die alt' Straß' aufi!" �-„Aber i Hab' halt d' Geiß z' Haus, für die muß i noch sorgen, vor i den Dienst antritt!" „Dös will i Dir scho z' G'fallen thun. I geh ja doch den Weg. Was soll dermit g'scheh'n?" „Mitnehmen möcht' i's in'n Dienst und für heut bist so gut und gicbst ihr noch a Futter. Da hast den Schlüss'l. Morgen hol i mir's dann." „Recht ist's!" „Und, wenn i Dich um was bitten dürft, möchtst nit so gnat sei und heut Nacht bei ihr schlafen, daß dem Thierl nix g'schieht so allein im Haus." Der Mann lächelt gutmüthig:„No ja,— auf mi wart niemand, i kann schlafen, wo's ist." �So— jetzt Hab' i mei Haus b'stellt"— sagt sie beruhigt —„und also in Gott's Namen auf d' Wasserscheid,'s ist mir jetzt schon amal b'stimmt, da i nimmer ans die Haberer'raus- kumm." Sie geht schweigend neben dem Führer her. Ihre Lippen sind bitter und trotzig zusammengepreßt. In der Haberer- kneipe muß sie ihr Unterkommen suchen— oder zu Haus von Haberer-Wohlthaten leben!— Verfehmt ist sie mit den Ver- fehmten! So lange sie Wohlthaten übte an den unglücklichen Leuten, war sie noch stolz, jetzt aber muß sie Wohlthaten von ihnen annehmen und das demüthigt sie tödtlich. So, stumm, erreichen sie die Höhe des alten Steiges. In der ödesten, trostlosesten Gegend, einer kahlen verschneiten Hochebene, nur von dunkeln Waldungen begrenzt— liegt das alte baufällige Wirthshaus vor ihr.— Sie würde am liebsten wieder umkehren, aber sie ist nicht der Charakter, einen einmal gefaßten Entschluß aufzugeben. Die bürgerliche Gesellschaft hat sie ausgestoßen, hier wird sie aufgenomuien— und sie will sich dankbar zeigen und mit dem einzigen, ver- gelten, was sie vermag, mit Arbeit und Pflichttreue.— Rasch hat sie sich mit dem Wirth unter der Vermittlung ihres Gewährsmannes verständigt, und nun ist das unheimliche, verwahrloste Hans ihre Zufluchtsstätte— fast mehr ein Ver- bannnngsort. Zum Glück ist sie an Stürme gewöhnt vom Wind- bruch her, denn sonst müßte sie sterben vor Grausen, wenn es von allen vier Himmelsgegenden dahcrbranst, als seien alle Schrecken der Nacht entfesselt, und sie mit dem alten Wirth ganz allein in denl einsamen Bau ist, wo alles wackelt und ächzt, wo bald die zerbrochenen Scheiben klirren und die losen Dach- schindeln klappern,— bald herabhängende Latten und Stangen gespenstisch an die Mauer klopfen. Dann und wann das Bellen eines Fuchses, der ums Küchenfenster schleicht— der Lockruf eines Wilderers in der Ferne, auch ivohl ein kreischender Juchzer irgend eines ansgeiviescnen Land- streichers, der den Elementen und der Menschheit Trotz bietet und, wo er an einer friedlichen Behausung vorüber- zieht, zur Rache die Einwohner ans dem Schlafe iveckt, so daß es jede lebendige Kreatur durchschanert, als gelte der Hohnschrei des Obdachlosen auch ihr, die unter Dach und Fach geborgen auf dem Lager ruht.— Und wenn dazu der Weststnrm ganze Schneelasten ans Fenster treibt, daß die Eisnadcln das Glas peitschen,— dann schwirrt und klirrt es, wie wenn die Racheengel in den Lüften ihre Schwerter schleifen!— Das ist die Musik, die allnächtlich das Ohr des verbrannten Mädchens martert. Nichts ist hier mehr wahr, als die düstere Mär' von der Vergänglichkeit alles Irdischen, die ihr das wilde„Nachtg'jaid" da oben auf der Hochebene zum Brausen der Elemente singt. Und wenn dann auch die Sonne am Morgen aufgeht und ihr die Friedensbotschaft des Lebens und des Neuivcrdens verkündet, so glaubt sie nicht daran! In solchen Schulen werden die trotzigen Seelen ge- zogen, jener Muth der Verzweiflung, der zum Kampf mit der Gewalt— zu allein sähig macht, nur nicht zur Ergebung und zum Dulden!— (Fortsetzung folgt.) Vulknvzttstiittdv in Gviechenlomv. Die„Geographische Zeilschrist", welche der Leipziger Professor Hettner herausgiebt.f veröffentlicht eine sehr lesbare, längere Stndie über„Griechenland und seine Elcllung im Orient" aus der Feder des Bonner Privatdozente» Dr. Alfred Philippson. Wir entnehmen derselben die folgenden zeltgeinüsien Schilderungen: Der heutige griechische Staat setzt sich aus Theilen zusammen, die seit dem Alterthum recht verschiedene Geschicke und eine ver« schiedene Mischung der Bevölkerung erfahren haben und infolge dessen recht abweichende Kulturzustände und Eigeuthümlichkeiten der Bevölkerung ausweisen. Die ionischen Inseln haben sich lange Jahrhunderte der Ruhe und geordneter Verwaltung erfreut; die britische Herrschast hat sie mit vortreffliche» Fahrstraße» beschenkt. Sie bilden den kultivirtesten. reichsten und geordnetsten Theil des griechischen Staates. I» zweiter Linie stehen die freilich von Natur unfruchtbaren Ky- kladen. Die Bewohner beider Inselgruppen haben eine Beimischung italienischen Blutes erfahren, der sich in Typus, Sprache und Name» äußert. Die Bewohner des F e st l a n d e s, einschließlich Enböas, habe» dagegen zweifellos f l a v i s ch e und alba- nesische, im Norden auch ivalachische Elemente in sich auf- genommen, über deren Stärke freilich die Ansichte» auseinander gehe». Aber beiden Nationalitäten fehlt ein besonderes Nationalgesühl voll- ständig: sie bedienen sich als Schriftsprache des Griechischen, dessen sämmtliche Männer mächtig sind, sie haben sich dem Griechenthum in Sitten und Denkweise angepaßt, und vor allem: sie wollen Griechen fein und als solche gelten und sind daher politisch auch als Griechen anzusehen. Ei» großer Theil der hervor- ragendsten Freiheitskämpfer und der Stifter nationaler Jnstilnle in Athen, der leitende» Staatsmänner und Schriftsteller Griechenlands waren und sind albanesischen und ivalachische» Stammes. Praktisch genommen bildet daher Griechenland eine» rein national-griechische» Staat. Noch ausgesprochener ist die E i n h e i t d e r N c l i g i o n. Die Mohammedaner sind, bis ans geringe Reste in Thessalien, aus« gewandert. Die Bewohner des griechischen Festlandes haben, infolge ihrer abweichenden Blutmischnng und der langen Leiden und Kämpfe des Mittelalters und der Neuzeit die Anschauungen des Klauwesens, des Faustrechtes, der Blutrache, des Klephtenthums noch nicht ganz über- wunden, doch ist ein steigender Fortschritt der Gesittung und gesetzliche» Ordnung nicht zu leugnen. Das Klephtenwese» ist jetzt aus die neuen Provinzen Nordgriechenlands und den Westen Mittelgriechenlauds be- schränkt. Tie strenge Blutrache und die Faniilienfehdcn blühen nur noch i» der Man!(Maina); freilich, die Neigung, Streitigkeile» und Beleidigungen durch Dolch und Flintenkugeln zu erledigen, worin man keine nnehrenhasle Handlung sieht, hastet noch im ganzen Lande fest, besonders im Peloponnes. Ans den wilden Zeiten ist auch die Anschauung von der Heiligkeit und Unverletzlichlcit der Familicn- bande überkommen. Kein Grieche aus dem Volke wird einen noch so entserntc» Vetter, wenn er ein Verbrechen begangen, der Obrig- keit ausliefern. Die Rücksicht ans die Familie gehl allem anderen vor. Hiermit ist ei» ausgezeichnetes Fainilieuleben, Sitten- reinheit, Achtung vor den Eltern und dem Alter überhaupt ver- bunden, die zu den schönsten Züge» des griechischen Volksthnms gehört. Kein Jüngling wird sich in Anwesenheit älterer Personen unansgefordert setze» oder rauchen. Kein junger Mann darf Heirathen, so lange er noch eine linverheirathete Schivester hat; lind dergleichen Züge ließen sich»och manche anführe». Ein starkes Gefühl sozialer Gleichheit beherrscht das ganze griechische Volk; ein Adel existirt nicht, der Reichste und der Aermstc, der Minister wie der Tagelöhner verkehre» in den gleichen ungezwungenen Formen auf Du und Du. Niehls über- rascht de» Abendländer inekr. als der freie Zutritt jedes Mannes ans dem Volle zu den Minislern, ohne daß er um Audienz bitte» oder in der Toilette die mindeste Rücksicht zu nehmen brauchte. Die festländischen Griechen, namentlich die Bergbewohner, sind nieist schlanke, sehnige Leute. Sie sind zäh im Ertragen von Strapazen, aber nicht in der Leistuug starker körperlicher Arbeit; gewandt und tapfer, gastfrei, unternehmend und auf ihren Vorlheil bedacht, leicht auffassend und wißbegierig, munter und gesprächig, aber meist lief eindringender und ansdaneruder geistiger Zlrbeit wenig gewachsen; leicht entflammbar, aber auch leicht niedergeschlagen, kurz echte und rechte Südländer. Dem Fernstehenden gegenüber wird es mit dem Wort und der Ehrlichkeit nichtj sehr genau genommen; trügerische Versprechungen, Aufschneiderei und Ruhmredigkeit be- gegnet»m» recht häufig, wenn auch Diebstahl zu den Seltenheiten gehört. Dem Feinde gegenüber sind vollends dem Griechen alle Mittel recht; sein Haß ist unversöhnlich bis zur wildesten Grau- samkeit. Im ganzen genommen sind die Landbewohner und ebenso die Seeleute Griechenlands ein Volk, das neben manchen Schattenseiten des Charakters doch viele treffliche Eigenschaste» besitzt, die man um so mehr würdigen lernt, je näher man mit ihm bekannt wird, ein Volk vo» ausgeprägter Eigenart. hoher Intelligenz nnd frischer Kraft. Leider kann man dasselbe nicht von de» Städtern, den sogenannten Gebildeten, den Beamte» sage», bei denen, natürlich einzelne treffliche Persönlichkeiten ausgenommen, eingebildetes Halb- wissen, Großmannssiicht, gewissenloses, eigennütziges Parteigelriebe und eine furchtbare Bestechlichkeit und Parteilichkeit eingerissen ist. Die Ursachen dafür liege» iricht in einer besonderen Verderbtheit des Bolkscharakters, sondern in dem schnellen Uebergang von Sklaverei und Faustrecht zur ungebundenste» politischen Frei« heit. Die Fehler des griechischen Volkes sind nicht diejenigen einer verkommenen alternden Nation, sonder» es sind Kinderkrank» heiten, hervorgerufen durch allzu schnelle Entwickelung; sie können bei vernünftiger Behandlung geheilt oder wenigstens gebessert werden. Die wichtigste wirthschaftliche Grundlage deS griechischen Volkes ist der Ackerbau. Die Fläche des anaebauten Landes ist verhältnißmäbig sehr gering, nur 13 bis IS pCi.. und noch geringer ist das wirklich srnchtbare angebaute Land der Ebenen. Große Strecken gerade der sruchtbare» Niederungen, namentlich Thessaliens, liegen noch als Weideland brach, während umgekehrt in den Gebirge» und auf den Insel» meist jedes brauchbare Fleckchen Erde ausgenutzt ist. Meist wird der Ackerbau, namentlich der Ge- treide- und Weinbau, noch in der extensivsten und rohesten Weise betriebe». Die Bauern sind meist freie Eigenthümer des Bodens, große Güter sind selten, ebenso allzu starke Parzellirung. Ein Proletariat giebt es nicht, eine zudringliche Bettelei, wie in Italien und Spanien, ist nicht vorhanden. Wenn das griechische Volk durchaus nicht reich ist, so kann von einer eigentlichen Armuth gar nicht die Rede sein. Eine Schattenseite ist freilich der schlechte Zustand des Kredit- wesens, der unglaublich hohe Zinsfuß, der Meliorationen ganz un- möglich macht. Ganz anders ist es allerdings in den Niederungen Nord- griechenlands. Hier herrscht noch das türkische Tzifliksysiein, wenn auch jetzt meist mit griechischen Grnndherren; die Bauern sind nur Pächter, die in der drückendsten Abhängigkeit von den Latifundien- besitzer» stehen. Die Bevölkerung ist ans dem reichen Bode» körper- lieh und moralisch verkommen und armselig. Die Zustände erinnern sehr an Sizilien und sind hier wie dort die Hauptursache des uu- ansrottbareu Briganlenthums. Neuerdings hat man die Besserung der thessalischcn AgrarverKälinisje ernstlich in Angriff genommen. Das wichtigste Erzengniß Griechenlands ist die K o r i n t h e, die ans den Ebenen und Hügelländern des nördlichen und westlichen Peloponnes, Aetoliens und der ionische» Inseln gedeiht. Meilen- weit dehnen sich die Koriiilhenfclder aus, unterbrochen von statt- lickcn reichen Dörfern. Die Korinthengegende» sind die reichsten und in stärkster Volksvermchrnng begriffenen Landschaften Griechen- lands. In den letzten Jahren ist allerdings infolge geringere» Ver- brauchs Fraickreichs und Ueberproduktion ein starker Preissall ein- gelrele», der viele kleinere Besitzer ruinirt hat. Die zweilwichtigsle Frucht ist der Wein, der in Griechenland in großer Masse e> zeugt, aber auch verbraucht wird, da er das tägliche Getränk des Volles bildet. Ter Weinanssuhr steht eine große Zuknnst bevor, ja man kann annehmen, daß der materielle Fortschritt Griechenlands sich im wesentlichen auf den Weinbau gründen wird. Auch für den Oelbaum ist Giiechenland vorzüglich geeignet, doch leidet auch die Oelaussnhr nntcr der schlechten Bearbeitung. Die im Mittelalter so wichtige S e i d e» z u ch t(südlichec Pelo- ponneS. Thessalien) ist sehr zurückgegangen. Die eigentlichen Süd- srnchte, außer Feigen, kommen nur in verhältnißmäßig geringer Menge znr Ailsfnhr, am meisten noch von den Inseln. Noch ist serner die Baumwolle zu erwähnen, die in den Ebene» Böotiens und Thessaliens angebaut wird, aber»ur einen Theil des Bedarfes Griechenlands deckt. Der G c t r e i d e-» n d M a i s b a», der durch die genannten Früchte von dem besten Boden verdrängt ist, vermag den Bedarf Griechenlands nicht zu besriedigen. Nur Thessalien, dessen Ebene» vorwiegend Ccrealie» trage», giebt Brolfrncht ab und eine Anzahl Gebirge erzeugen den eigenen Bedarf. Dagegen sind die Korinthen»nd Wein bauende» Gegenden ivie die Schiffer- orte auf die Einfuhr von der Türkei und Rußland angewiesen. Griechenland bezog 18SS für 27,6 Millionen Franks Gelreide vom Auslande. Erfreulicherweise»i»n»t diese Einsuhr ab, ein gutes Zeiche» für den Fortschritt der griechischen Landivirthschast. Stächst dem Ackerbau ist die!i l c i n v i e h z u ch t für die Aoltsernährmig von der größten Bedentnng. Aber trotz der grobe» Flächen, die sie in Anspruch nimmt, trotz der Verwüstung, die sie in den Wälder» anrichtet, muß Griechenland alljährlich eine» bedeutenden Zuschuß an thierischen Produkten vom Ausland beziehe». Die Bedinglingen für die Industrie sind in Griechenland sehr ungünstig. Bauniwvll- und Wollspinnereien und auch Webereien, Gerbereien u. a. m. bestehen im Piräus, in Livadia, Syra, Patras und Chalkis; Seidenspinnereien in Sparta und Kalamata; Spirituosenfabriken im Piräns und in EnKöa. Doch bleibt Griechenland nach wie vor auf die europäische Industrie angewicse». Nicht unbeträchtlich ist ans dem Lande das kleine Handwerk»nd die Haus- industrie der Frauen, die beide noch heute einen große» Theil der Kleidung und des Hausgeräths der ländlichen Bevölkerung er- zeugen. Der Bedarf Griechenlands an europäischen Industrie- Erzeng- nisten und an NahrnngSmittel» veranlaßt eine sehr starke Ein- fuhr, welche durch die Ausfuhr nicht ganz gedeckt wird(1383 Einfuhr 109,1. Aussuhr 95.7 Millionen Franks; 1895, insolge der Korinthenkrisis. 106,8 bez. 71,2). An der Einsuhr von Fabrikate» belheiligt sich Deiitschland in hervorragendein, stets steigendem Maße, was aus der osfizielle» Statistik nicht genügend erhellt, da die deutschen Waare» meist über Genua und Trieft verschifft werden. Der Außenhandel Griechenlands übertrifft bedeutend de» des gleich- großen Serbien und auch den des größere» Bulgarien. Die griechische Handelsflotte ist heule wieder eine der bedeutendste» des Ntiltelineeres und, besonders die Dampferflotte. noch in der Zunahme begriffe». Sie zählte 1892 5894 Schiffe (darunter 162 Dampfer) mit 311 550 Tons»nd 22 440 Mann Be- satzuttg, zum theil allerdings ganz eleiue Segler von 6—12 Tons, weiche die griechischen Gewässer kaum verlassen. Daß Griechenland in den letzte» Jahrzehnten in günstiger wirth- schaftlicher E n t iv i ck e l u n g begriffen ist. die durch den unseligen Staatsbankrott und die Korinthenkrise wohl nur vorübergehend beeinträchtigt wird, zeigt sich in dem stetigen starken Wachsthum seiner Bevölkerung. Die Bevölkerung des Staates, in den Grenzen vor 1881,»ahm von 1879 bis 1889 von I 654 000 auf I 843 000 zu. also um 1,14 pCt. jährlich; der ganze Staat vom Frühjahr 1889 bis Herbst 1896 von 2137 000 auf 2 418 000, also um 1,4 pCt. jährlich, eine Zunahme, die unter den europäischen Staaten»ur»och Serbien erreicht. Starkes Wachsthum zeigt vor allem die Hauptstadt Athen, die sich aus einem kleinen Landstädtchen heute zu einer statt- liche», ja man kann sagen glänzenden Großstadt entwickelt hat, wo sich das geistige Leben des Hellenismus konzentrirt. Die wirlhschaftliche» Fortschritte des Landes ivürde» noch viel bedeutender sein, wenn die Verkehrswege sich in besserem Zustande befänden. Trotz ungezählter Millionen, die für Fahr- siraßen ausgegeben sind, giebt es doch nur wenige Linien, die ivirk- lich fahrbar sind, und auch diese sind meist im Zustande großer Vernachlässigung. Ueberall im Lande trifft nia» planlos angefangene und unvollendet gelassene oder Ivieder verfallene Stücke von Fahr- straßen, die, zu Wahlzivccke» begonnen, vom nächsten Ministerinin wieder liegen gelassen worden sind. Aehnlich verhält es sich mit den Brücken- und Hafenbauten und sogar zum theil mit den Eisenbahnen- Das Eisenbahnnetz ist noch sehr unentivickelt. Im ganzen sind jetzt erst 938 Kilometer in Betrieb, außer der Lokalbahn Athen-Piräus alles Schmalspurbahnen. Die große normal« spurige Nordbahn Athen-Larissa, die später nach Salonik zum An- schluß an das europäische Eisenbahnnetz fortgeführt werden sollte, ist Millen im Bau stecke» geblieben, nachdem ei» großer Theil der Arbeit gethan war, ohne daß auch nur eine Theilstrecke i» Betrieb genommen werden konnte. Die sast fertigen Strecken ver- fallen wieder. Desto entwickelter ist der Seeverkehr. Zahlreiche Dampfer ver- kehren regelmäßig zwischen allen Inseln«nd Küsteuorten Griechen- lands. Änch das Post-»nd Teleginphenwesen ist genügend aus- gebildet und arbeitet sicher und verhältnißmäßig schnell. Ganz Hervorragendes leistet Griechenland, im Verhältniß zu dein im allgemeinen»och niedrigen Kulturzustande und der vielfach dünnen und ärmlichen Bevölkerung, im Eleinentarunlcrricht. Nicht nur die Zahl der Schulen, fondern auch die Tüchtigkeil der Lehrer, der Umfang des Lehrstoffes und sogar die Lehnnittel sind, in anbetrachl der Umstände, nur zu rühmen. Freilich ist der Schulbesuch und die Zahl der Analphabeten in den verschiedenen Landschaften lebr ver- schieden, da kein Schulzwang besteht. Das weibliche Geschlecht steht in der Bildung noch sehr weit zurück. Die höhere Schul« bildung i» de»„Gymnasien", namentlich in den kleine» Provinz- Anstalten, ist aber eine sehr dürstige und daher das Wissen der sogenannten gebildeten Stände im allgemeinen unbefriedigend. Der Zudrang zu den„gelehrten" Bernsen ist infolge dieser geringe» Ansprüche, die man an das Wissen derselbe» stellt, ein un- geheurer. Die Zahl der Aerzte und Rechtsanwälte ist ganz außer- ordentlich; ihre Qualität steht dafür meist im umgekehrten Ver- hältniß zu ihrer Zahl. Dadurch ivird ei» gelehrtes Proletariat von Stellenjägern großgezogen, ivelches mit eine Hanptiirsachc der un- glücklichen politischen Verhältnisse des Landes ist. Es ist durchaus nichts Auffallendes, in einem Gendarm oder einem Kellner einen Man» zu entdecken, der die juristischen Examina absolvirt hat. Meist ist. mit geringzähligen Ausnahiuen, nach Abschluß der Slitdien von einer Weiterbildung oder auch nur von ernster Lektüre ivenig die Rede. Das Politisiren, das Zeitunglese» und Kaffcehanslebe» »imuit alle Mußestunde» in Anspruch. Dies alles gilt hauptsächlich von den Provinze». In Athen da- gegen sind sowohl die Bildnngsanstalten besser als die Strebsamkeit weit größer. Hier vereinigt sich das ganze wissenschaftliche, schön- geistige und politische Leben nicht nur Griechenlands, sondern des gesannnteu Hellenismus; hier lebt die geistige Führerschaft der griechische» Nation, darunter eine grobe Zahl von Persönlichkeiten hervorragende» Geistes»nd Charakters. Eine beträchtliche Zahl ivissenschafilicher, künstlerischer und gemeinnütziger Anstalten erhebt sich in der schmncken, sich immer mehr europäisirenden Stad�. Diese Anstalten sind zumeist Privalsti'tungen reicher im Ausland s-bender Griechen. Der Athener spielt schon jetzt in Griechenland eine ahn- liche Rolle, wie der Pariser in Frankreich, der Berliner in Nord« dentschtand. Die Kirche übt, so bigott auch die Mehrzahl der Griechen ist. in, öffentlichen Leben Griechenlands nur eine geringe Wirksamkeit aus. Die llnbildnng und Armseligkeil des niederen KleruS ist der- artig, daß sein Einfluß gleich Null ist; von einer geistlichen Leitung des Volkes kann, wenigstens auf dein Lande, keine Siede sein.— Wenn man alle diese Verhältnisse, daz» auch die politischen, ins Auge faßt, so kommt man zu dem Gesammturtheil: Griechenland kann nie ivieder eine große Bedeutung aus dem Weltmarkt, in der Wellpolitik und Welikn'ltur erlangen, aber es kann nntcr sorg- samer»nd verständiger Weiterentwickelung seiner natürlichen Gabe» eine erfreuliche Wohlhabenheit und eine ansehnlich« Kulturstufe er- reiche».—_ Vlvinvs» Feuilleton t. Ter Verbrauch alkoholischer Getränke in Großbritannien und Irland war im Jahre 1896 uu, einen Betrag von nicht iMitigcv als(P/a Millionen Pfund(ISO Millionen Mark) größer als im Vorjahre. Die Gesammtaiisgabc erreichte in diesem Jahre die unglaubliche Summe von 2 379 444 600 M., das ist der höchste Betrag, den der Verbrauch alkoholischer Getränke in dein Vereinigten Königreich bisher überhaupt erreicht hat. obgleich die jährliche Äns- gäbe pro Kopf der Bevölkerung in de» Jahren 1671— 78 größer mar. Tie Ursache für das Wiederansteigen des Konsums nach einer vorübergehende» Besserung ist nicht erkennbar, denn es ist wahr- scheiulich. daß die Zahl der völlige Enthaltsamkeit Uebeuden in der Vermehrung begriffen ist.— Literarisches. — Zu einer Ehrengabe an Detlev von Liliencron fordert eine Anzahl Schriftsteller und Künstler in einein Aufrufe ans. Beiträge mit dein Vermerk:.Für die Lilinicron- Stiftung" nimmt Konsul L. Auerbach. Berlin. Taubenstr. 20, entgegen.— Völkerkunde. — Das Bad im M aha in akan- Teiche. Das ent- sühnende Bad im Maharnalan-Teiche hatte am 17. Februar d. I. eine nngehenr« Pilgerschaar nach der alten Siadt Konibakonuin hin- gezogen. Zu diesem Bade wird heiliges GangeSwasser ver>ve»det, welches trotz der großen Entfernung dorthin in den Teich gebracht wird. Der Ganges ist ja ans dem Haupte Sivas entsprungen und durchfloß Himmel, Erde und Unterwelt; wer an seinen Ufern stirbt, oder vor seinem Tode von seinem Wasser trinkt, ist des Paradieses sicher. Aus diesem Grunde trägt man Sterbende zn ihm und ver- sendet sei» Wasser weithin. Da in diesem Jahre Hungersnoth und Pest die Vevölkernng Indiens in besondere Aufregung versetzt mid die Hrilsbedürfuiffe sich dadurch gesteigert haben.so wurde auch das religiöse Fest Mahainakan am 17. Februar in der heiligen Stadt Koiiibakonnm mit besonderer Pracht und unter besonders großem Pilgerzudrauge gc- feiert. Die Stadt Kombakonuin. deren Name„Mündung des Wasserkrugcs" bedeutet, liegt in einer fruchtbaren Ebene des Ravery- Deltas im Distrikt Tandschor der Präsidentschaft Madras, nicht weit von der Küste. Nach dem letzten Zeusns hatte sie 54 300 Ein- wohner, darunter 51 000 Hindus. Sie war früher Hauptstadt des Tlcholareiches und gilt heute noch als einer der heiligsten Orte der ganzen Präsidentschaft Madras, sie ist der Sitz der tiefsten Hindu- geledrsninkeit und wird wie eine einheimische Universität angesehen. Zahlreich sind die Tempel und heiligen Teiche und unter diesen ist einer, der sich dadurch auszeichnet, daß in jedem zwölften Jahre sein Wasser eine so entsühnende Kraft gewinnt, daß ein Bad darin olle Sünden und körperlichen Leiden von dein Benutzer wegnimmt. Nicht nur aus den benachbarten Siädten, wie Madras, Tranqnebar, Mayaperam, sondern ans großer Ferne strömten die Pilger zu Fuß oder meistens mit der Eisenbahn herbei, welche die Tausende kaum fortschaffen konnte. Man rechnet, daß diesmal über 300 000 Pilger an dem einen Tage versammelt waren. Große Prozessionen durch- zogen Kouibakoniim, die reinigende Zeremonie des Mahamakan fand statt und alle die 300 000 stürzten sich nach und nach, von 1 Uhr bis Mitternacht in den trüben, mit allem möglichen Schinntz dieser Menschenmenge verunreinigten Teich. Nach dem Verlasse» des Teiches folgte allerdings ein wirklich den Körper reinigendes Bad im Kaveryflusse.—(„Globus.") Mcdiziuisches. — Essig als Heilmittel. Der Essig ist ein wichtiges Heilmittel, das um so mehr empsehlenswerth ist, da es schnell zur Hand ist. Waschungen des Rückens dienen dazu, verschiedene Schwächezustände des Körpers zu beseitigen und auch wohlihuend ans ihn einzuwirken. Ferner ist Essigwasscr ein ausgezeichnetes Mittel, um alle faulenden Organismen aus dem Munde und aus der Rachendöhle zn entfernen. Es ist daher ein gutes Gurgelmittel zur Verhütung von Tiphtheritis und für Desinfektion des Halses bei ansgebrochener Krankheit. Man spüle zu diesem Zwecke die genannten Organe täglich mehrere Male mit etwas Essig- wasser aus. Bei Heiserkeit kann man Essigwasser mit etwas Kochsalz vermischt zum Gurgeln anwenden. Essigdämpfe reinigen die Luft. Essigwaschungen bei hitzigen Fieber» wirken kühlend und erfrischend, auch sind sie bei Nachlschweißcii zu empiehlea, am besten zur Hälfte mit Wasser ve, dünnt. Essig- Überschläge bei Kopfschmerzen und Essigwaschungen bei Ohnuiachten find ttstgemei» gebräuchlich. Essigwaschungen sind ein Vorbeugungs- mittel jegcn Anfliegen. Essig ist überhaupt ein desinfizirendes und pilztödundes Mittel ersten Range-, von dein man heute ivegen der viele» neuen chemischen Mittel nicht genügend Gebranch macht. Essigwasser wirkt desinfizirend als Waschwasser nach Berührung mit infizirenden Stoffen. Essigdämpfe haben eine ausgesprochene lindernde Wirkung bei Kindern, welche au der häutigen Bräun, krank liegen, sie vermindern die Athemnoth und erleichtern die Ablösung der Häute. Eisig ist auch ei» Gegenmittel bei Vergiftungen aus Ällalien, Lauge, Pottasch« ic., sowie auch bei Vergiftungen mit narkotischen Glflen, Opium, Belladonna. Nikotin iL. Weiter findet er Verwendung bei Unglück-iällen, ent- standen durch de» gebrannte», ätzende» Kalk, durck Aetz-Ainmoniak, Salmiakgeist, fenicr gegen die Zersetzungsgifte(Wurst-, Fleisch- und Fischgift), sowie auch gegen eine Anzahl pflanzlicher Gifte(Schier- ling. Herbstzeitlose, Gislschwämme. weiß« Nießwurz).— Meteorologisches. — Ein Nebelgewitter wurde am 28. April auf Helgo- land beobachtet. Während des ganzen Tages herrschte dicker, niedrig ziehender Nebel. In der Nacht nin Vall Uhr kam dann das Ge- wilter. Die elektrischen Entladungen folgten rasch aus einander. Den Ursprungsort der Blitze selbst konnte man nicht wahrnehmen, auch nicht unterscheiden, da die Entladungen in Form von Flächen- oder Linienblitzen startfanden, vielmehr zeigte sich, meist sehr hoch am Himmel, ein großer Theil der mit dichtem Nedelgewölk erfüllten Atmosphäre intensiv blau erleuchtet. Während des ganzen Gewitters, das etwa bis 11 Uhr nachts dauerte, war die Luft bei ungefähr gleichbleibender, ziemlich niedriger Temperatur fast vollkonnue» ruhig, der Nebel hielt bis zum Nachmittag des folgende» Tages an und nur gegen Ende des Gewitters fiel ei» leichter, kurzer Regen.— Nebelgewitter gehören zu den seltenen Erscheinungen. Aus Helgoland rst innerhalb 25 Jahren nnr das«ine beobachtet worden.— Technisches. — lieber die neuerfundene Flachdruck-Rotations- maschine wird der„Franks. Ztg." berichtet: Die Maschine macht zunächst das Einlegen der Bogen überflüssig und liefert eine größere Anzahl Exemplare als eine Buchdrnck-Schnellpreffe. Gegen alle Gewohnheit steht das Fundament mit dein Schriftsatz(nicht Stereo- typie) fest, unbeweglich, während der Druckzylinder und die Anstrag- walzen sich hin und zurück bewegen. Die Papierrolle ist wie bei Rotationsmaschinen am hinteren Ende angebracht. Zunächst wird der Echöudruck(erstes Fundament), dann der Wiederdruck(zweites Fundament) hergestellt. Sobald Bor- und üliickseite bedruckt sind, wird das Papier an der richtigen Stelle abgeschnitten und bogen- iveise ausgelegt. Au der Auslegestelle kann ei» beliebiger Falzapparat angebracht werden. Die Farbeverreibung ist vorzüglich, die Anlage genau, der Schnitt präzis. Die Maschine, die 3500 Exemplare pro Stund« liefert, eignet sich für den Druck von Zeilungen, Werken, Prospekte», Beilagen ze. Wunderbar ist das Anhakten der Maschine. In demselben Augenblick, wo die Abstellung erfolgt, hält die Ma» schine mit einem Ruck. Die beide» Drnckzyliuder haben keinen größere» Umsang, wie eben unbedingt»öthig, und die ganze Ma- schine erfordert nur eine Kraft von zwei Pferdestärken. Sie ist 3,80 Meter lang und 1,70 Meter breit und kostet 10—14 000 M. je »ach Größe und Vorrichtungen.— Humoristisches. — Stolz mag ich die Italienerin. Ans einer ihrer italienischen Reisen halten Brahms und Billroth den in Rom lebenden B. Wichmann besucht, und dieser hatte sie mit echt italieni» scher Küche, die seine Köchin Mora vorzüglich zu bereiten verstand, bewirthet. Die Köpfe der drei Freunde waren nach und nach über den italienischen Weinen etwas heiß geworden, und als man ans die Künste Mora's zn spreche» kam, sagte Brahms, der gerne was gutes aß,„das Mädel müßte man Heirathen!" Als Mora wieder eintrat, rief ihr Wichman» scherzend zu, ein großer deutscher Künstler begehre sie zur Gattin, noch dazu ein Musiker. Sie liebe doch so die Musik, daß sie schon den ganzen Tag singe. Da aber richtete Mora stolz sich auf:„8cmo romana!" sagte sie, Brahms von unten bis oben messend,„iSata, al Ponte rotto, non sposeco mai un harbaro!"(Eine Römerin bin ich! Am Ponte Rotto geboren, einen Barbaren heirathe ich nie!)— Sprach's und verschwand.— Vermischtes vom Tage. — A l t m ä r k i s ch« Hochzeit. Am 4. und 5. Mai feierte in Gr.- Gerstedl der Sohn des Ackermanns Schulz seine Hochzeit. 400 Personen waren geladen. Zum HochzeilsschniauS wurden 2 Rinder, 2 Schweine. 5 Ztälber, 5 Hainincl und 90 Hühner ge- schlachtet. 8 Zentner Mehl wurden zn 156 Bnlterkuchen, 16 Blech- knchen, 63 Topfkuchen, 72 Stolle» und 600 Pfannkuchen verbacken. Dazu kamen noch 16 große Torten vom Zuckerbäcker.— Hat der Hochzciler nicht das Zeug zn einem notbleidende»„Plötz- Bruder?" — In Hamburg sprang ei» junger Brasillaner in Gegen- wart seiner Frau im Hemde ans dem vierte» Stock eines Hotels. Er wurde zerschmettert aufgehoben.— — Im Tnrkanka- Schachte zn K u t t e n b e r g in Böhmen ist man ans eine mächtige Silberader gestoßen. Die Kntlenberger Silberbergwerke gehörte» Jahrhunderte hindurch zu den reichste» Europas. Später wurde ihre Ausbeute innner geringer.— c.e. In Odessa(Rußland) wurden einem Juwelier Brillanten im Werihc von 80 000 Rubel gestohlen.— — Mittels Dynamit in die Lust gesprengt wurde in Sunds- wall(Schweden) in der Nacht zum Dienstag ei» kleines Haus, das von einer Arbeiterfamilie beivohnl wurde. Die Frau des Arbeiters, eine 18>ährige Tochter und«in 6jähnger Sohn wurden gelödtel, drei andere Kinder erlitten schwere Verletzungen.— — Ans W e r n o j e(Gebiet Semirelschensk in Turkefta») wird ein heftiges Erdbeben gemeldet.— — In der gesetzgebenden Bersammlung von Arizona(Nord- amerika) hat, wie die„Daily News" berichten, der Sprecher eine Vorlage«ingebracht, die das Herausgeben und Pudlizireii einer Zeitung in de»» Terruorimn zu einem Verbrechen stempelt. Die Vorlage ivurde im Verlaufe einer Viertelstunde ohne Debatte in erster, zweiter und dritter Lesung angenommen.— Die nächste Nummer des Unterhaltungsblatles erscheint Sonn- tag, den 9. Mai._ BeranlivorMcher Redakteur: Robert Schmidt in Berlm. Druck und Verlag von Max Babing in Berlin.