Mnterhaltungsblatt des Worwärts Nr. 93. Mittwoch, den 12. Mai. 1897. (Nachdruck verboten.) � Ein nliev Skveik. Roman aus dem bayerischen Volksleben der sechziger Jahre von Wilhelmine v. Hillern. Heimkehr. Ein halbes Jahr ist vorüber. Auf der Wasserscheid blieb alles beim alten. Der Frühling und der Sommer bringen hier keine Veränderungen, ausgenommen, daß der weite Gras- boden grün, statt weiß ist.— Die Nadelhölzer am Rande der Wiesen sind immer gleich dunkel. Nur die Luft ist weich und duftig und die Junisonne fängt schon an, der Hoch- ebene die Scheitel kahl zu brennen.— Der Spuk der langen Winternächte hat aufgehört. In Wiltrand's ver- düsterter Seele entschwinden allmälig seine Schatten.— Auch trägt ihr manchmal ein schmeichelnder, weicher Hauch die Botschaft herauf, daß da drunten in der Welt die Blumen blühen, daß es so schön sei in den Gärten, — daß es in dem Jungholz am Windbruch so geheimnißvoll rausche und goldiggrüne Lichter durch das frische Laub werfe! — Und dann ist es ihr jedesmal, als höre sie in weiter, weiter Ferne das alte Mühlrad wieder gehen. Sie kann machen, was sie will, das Geräusch verfolgt sie unablässig Nur wenn sie recht inbrünstig an den Sebald denkt— verl stiimmt es. Das sind nun so die Sommergespinnste— mittäglicher Spuk, wie's im Winter mitternächtlicher Spuk war."Dann nimmt sie ein Joch mit ein paar schweren Wasser- kübeln, die sie am Brunnen gefüllt hat, auf den Nacken und trägt die Last so stolz ins Hans, als wär's ein Königsmantel, der ihr von den Schultern hinge. „Arbeit vertreibt die Spinnweben inwendig und aus- wendig."— Die Genossen kommen und gehen wie immer. Sie bringen jetzt öfter Nachrichten von drunten, weil der Sommer und die nahe Heuzeit mehr Bewegung und Verkehr gestattet, als im Winter.— Alle wetteifern miteinander, dem „Angentrost" was Neues zu berichten, ihr eine duftende Nelke oder gar eine goldene Schnur auf den Hut und was derlei Herrlichkeiten mehr sind, mitzubringen, und jeder ist belohnt, wenn sie ihm einen freundlichen Blick dafür gönnt. So herrscht sie da oben in ihrem kleinen Reich und hat's gut— was man eben im Volk unter„gut haben" ver- steht.— Aber's ist was eigenes mit ihr, sie lacht nie. Sie wird täglich schöner und anmuthiger. Und doch ist zwischen den starken Brauen eine Falte auf der jugendlichen Stirn, die im strengsten Widerspruch zu der wunderbar aufgegangenen Mädchenblüthe steht. Auch der lieblich geschweifte Mund hat immer den gleichen herben, ver- schlossenen Zug, und die Gestalt scheint noch größer und höher als früher. „Möcht' nit mit der anbinden!" sagt ein Wanderer im Heraufkommeu zum andern, als die zwei Wiltraud stehen sehen. „Grüß Gott!" sagen sie. „Grüß Gott!" antwortet Wiltraud mißtrauisch und giebt das Erkennungszeichen des Ordens. Die beiden erwidern es regelrecht. „Also Haberer!" „Freili!" „Wo kommt's her?" „Aus Tirol. Wir haben g'hört, daß die Strafkompagnie drunten wieder abgezogen ist, und daß die Hetz' soweit'n End' hat.— Da sind wir wiederkommen und hab'n uns drin um'n Arbeit g'schaut beim Neubau vom Pfarrhans. Dös denkt doch keiner, bauen thaten, wann Aber's ist schon fast fertig Arbeiter mehr." „So ist d' Strafkompagnie fort?" „Ja, schon seiter am Mittwoch." „Wo habt's ei'kehrt?" „Beim Hochbräu! Wir haben doch schauen wollen, er denn jetzt für a Bier braut!" „Wieso?" „No, ob's Treiben was g'holfen hat!" „'s war aber wirklich besser als früher," schaltet der jüngere ein, der auch was reden möchte. daß wir so frech wären und da mit wir's hätt'n niederbrenne g'holfen. und da brauchen s' keine neuen fragt Wiltraud. was „Habt's den Hochbräu au g'sehen?" „Raa, der ist ja auf den Schrecken hin ganz lahm blieb'n, heißt's. Der Sohn, der sei tüchtig— der hat's meist' unter sich.— Der Alte hätt' ihm's scho lang übergeben, wann er Heirathen thät— aber er mag nit. Dös ist a so a b'sonderer." „Ja, und von die Treiben will er au nix mehr wiss'n," sagt der ältere. Wiltraud wendet sich rasch ab.„Geht's eini in d' Stuben, ös werd's Durst haben,'s macht heiß, da aufi." „Ja—" sagt der eine und wirft den Rucksack ab.— Der Jüngere starrt aber immer noch voll Staunen und Wohlgefallen Wiltraud an.„Wo bist dann Du her?" „Von der tobten Mühl' am Windbruch." „Wie heißt denn?" „Ja, no— hier heiß i halt Augentrost,— so haben si mich'tauft." „Donnerwetter, da hätt' i Taufpath' sein mög'n! Nimmst mi nit nachträglich zum Göd? Vielleicht wirst g'firmt au no bei die Haberer— aber da wirst Dir scho für ein'n gesorgt haben—!" „Sitz hin— und trink! I bin so Spaßetteln nit g'wohnt!" sagt Wildtraud stolz und stellt ihm den Bier- krug hin. „O jcrum! Jetzt Hab' i mi scho g'freut, daß ma amal a saubere Schenkdirn krieg'n,— jetzt bist so eine, wo gar nix z' wollen ist!?" „I bin überhaupt kei Schenkdirn. I bin da als Haus- tochter, und die Hiesigen wissen dös alle und wird sich keiner was gegen mich erlauben." Der Bursche zieht den Hut und steht auf.„Ah, i bitt' um Entschuldigung, Fräulein Königin— i werd' mir's merken." Wiltraud geht ruhig, als habe sie nichts gehört, aus der Schenkstube. „Gelt', i Hab' Dir's g'sagt, mit dera nwcht' i nit an- binden. Sigst es— i bin halt alleweil der G'scheitere." „Naa— dös is eine—!" sagt der andere verblüfft. „Wer weiß," fährt der erste fort.„Nix Ordinärig's ist di nit.'s giebt a diemal so vornehme Damen, die sich als Sennerinneu oder so was verkleiden—!" „Ja, warum nit gar— vornehme Dam',— spinne thut die, sonst nix." „Willst stad sei? Mit dera hat's jedenfalls a b'sondere Bewandtniß— dös sieht man ihr doch an," warnt der andre. „Wir waren ja so lang' fort und wissen nix, was seither vorganga ist—" Indessen ist Wiltraud vors Haus getreten und hat nach dem Wirth, den sie jetzt„Vater" nennt, ausgeschaut. Der Alte ist hellte nach dem Markt gefahren, um Einkäufe zu machen. Sie braucht nicht mehr lange zu warten. Eben kommt das Gefährt die Steig herauf. Aber der Wirth ist nicht allein, er bringt noch jemand mit.— Es ist der Gemeindediener. „Bist da, mei Madl," ruft ihr der Alte zu.„I Hab' scho fast Zeitlang nach Dir g'habt.— So— grüß Di Gott!" „Grüß Gott, Vater!" sagt Wiltraud und nimmt dem Alten die Zügel ab, um das Pferd auszuschirren. „Da Hab' i den G'meind'sdicner aufsitzen laff'n, der war grab auf'm Weg zu Dir!" „Zu mir?" fragt Wiltraud erschrocken, denn was kann ihr von daher gutes kommen? Sie hält inne mit dem Aus- spannen und sieht den Mann fragend an. Der öffnet seine Ledertasche und zieht ein Amtsschreiben heraus.„Das ist heut' früh für Dich kommen." Wiltraud hat die Zügel in der Hand und kann es nicht nehmen. „Wart', i spann selber aus", sagt der Wirth,„daß Du lesen kannst." Wiltraud entfaltet angstvoll das Papier. Es enthält in wenig Worten die Aufforderung der Zuchthausdirektion in München an die Gemeindeverwaltung, den Sebald Allmeyer am dreizehnten dieses Monats von der nächsten Bahn- station abholen zu laffen, da derselbe auf ärztlichen Antrag in seine Heimath entlassen sei. Wiltraud steht wie erstarrt, sie liest und liest, bis ihr die Buchstaben verschwimmen, und kann doch nichts anderes heraus- lesen, als daß Sebald frei— aber schwer krank ist— vielleicht schon verloren, sonst hätten sie ihn nicht heimgeschickt.— Ihr schwindelt— Freude, den Bruder wieder zu haben, Schmerz, ihn s o wieder zu bekonimen— Angst und Hoffnung reißen an ihrer Seele. Sie sinkt dem alten Wirth an die Brust und giebt ihm den Brief. „Ja, um Gottes willen— was ist da g'schehn?" sagt der erschrocken und liest das Schreiben.«Hm, dös ist freilich arg!— Heut ist ja der dreizehnte! Da käm' er ja heut schon an?" Der Gemeindediener, der bereits weiß, um was es sich handelt, nickt.— Wiltraud rafft sich auf. Da muß i auf der Stell''nunter, wann kommt der Zug von Müncha?" „Der muß scho da sei— später komnit nur noch a Güterzug durch, der aber keine Personen befördert—" sagt der Gemeindediener verlegen und zieht seinen Fahrplan aus der Tasche. «Jesus Maria, da sitzt der arme Tropf a paar Stund' allein in dem leeren Stationshäusl in Penzberg. Warum krieg' i denn aber auch den Brief so spät?" «Ja,'s ist halt weit bis da'rauf!" brumnit der Ge- mcindedieuer. «Vater, lieber Vater, um Gottes willen, laßt mi'nunter- fahren— wenn's Pferd au müd' ist— a Menschenleben geht doch vor— nit V «Dös versteht sich von selber!* sagt der Alte betrübt. «O mei,— jetzt geht unser Schutzengel fort— jetzt mag i glei gar nimmer da sei! Aber dös ist Nebenfach', Du mußt Dei'm Bruder z' Hilf eilen— dös ist's wichtigste. Geh Du und richt' Dich z'sainm. Nimm an was zur Stärkung mit, der Mensch wird halb verschmachtet sein. I gieb derweil 'm Roß noch a Brot und a Waffer, daß es was hat. Und dann fahr in Gott's Namen." (Fortsetzung folgt.) (Nachdruck verdoten.) Kindevspielzrug im Kilkevthum. Von Dr. Max B a u»> g a r t. Das Spielzeug des Kindes gehört zu denjenigen Gegenständen des Hnusrnths, die nicht nur eine alte Geschichte aufzuiveise» haben, sondern auch vorroiumen werden, so lange es Mensche» geben wird. Welche Wandlungen das Spielzeug durchgemacht hat, bis sich aus seiner Herstellung als Handelsartikel eine besondere Industrie entwickelte, läßt sich, soweit es die Zeit vor dem Mittelalter betrifft, nur in wenigen Spuren verfolgen; besonders gilt dies hinsichtlich des deutschen Spielzeugs. Wir sind aber zu der Annahme gewiß berechtigt, daß ebenso wie unsere Kinder auch diejenigen unserer Urvoreltcr» ihre goldene» Tage dnrch Spielen mit mancherlei Gegen- ständen verbrachten. Freilich, Spielivaaren, wie sie in unserer Zeit die Aufmerksani- keit, den Scharfsinn und die Erfindungsgabe des Kindes mitunter in übertriebener, zur Blasirtheil jührender Weise in Anspruch nehmen, gab es früher nicht. Wie der Mensch selbst, wie seine Lebensiveise und Beschäftigung war, so war natürlich auch die Art und Weise des kindliche» Thun und Treibens: Jagen, Kämpfen und Reiten, ivie es die Alten trieben, wird wohl zweifellos den Nachahmungstrieb der Jungen angeregt haben, die gleichen Gepflogenheiten dem kindlichen Spiel zu gründe zu legen. Spielwaarenläden gab es damals �nicht. Baum und Strauch lieferten das Material zu Speer und Schild, zu Pseil und Bogen, und wie heute, so wird auch vor tausend Jahren schon das Mädchen der Mutter die häusliche Thätigkeit abgelauscht haben, indem es mit kleine» Kochgeräihen wirlhschaftete oder eine aus bunten Lappe» und einein Stück Holz gebildete Puppe liebkosend an sei» kleines Herz drückte. Von solchen Spielsachen ist nun freilich nichts mehr auf unsere Zeit gekommen, außer ganz vereinzelten Stücken, ivie Puppen oder Pserdchen aus gebräuntem Thon, die uns in Museen als Fund- stücke von Ausgrabungen alter Wohnstätten oder Gräber vor Auge» treten. Weit mehr als aus deutscher Vorzeit wissen wir von dem Aus- sehen und der Art des Kinderspielzeugs aus der Zeit der allen Griechen und Römer. Zuverlässige uud recht interessante Anhaltspunkte geben uns hierfür guterhaltene Reste von Wandmalereien, Vasengemälde» und Skulpturen, sowie schriftliche Aufzeichnungen griechischer und iömischer Autoren. Ganz besonders sind es die Grieche», deren Reichthnm an erfinderischer und vielseitiger Phantasie auch im Spiele der Jugend zu tage tritt. Im wesentlichen sind die mannig- saltigen Spielzeuge, die sich die Kinder entweder erfinderisch selbst herstellte» oder UNI geringe Kosten erwerben konnten, den heutzutage »och üblichen ganz gleich. So finden wir die Kinderklapper oder Rassel in kleineu Thon- gefäßen, oft in Gestalt von Thierfiguren. mit Sleinchen oder Metall- siiickchen im Innern. Ans Vasengemälden erkennen wir das Ball- spiel, das Spiele» mit dem Reis und dem Kreisel, die verschiedenen Arten von Schaukeln, die Strickschankel, die Brett- oder Wipp- schankcl. Ja, ein in Neapel befindliches Basengemälde zeigt uns. daß den hellenischen Kindern auch das Trachensteigenlasien nicht unbekannt gewesen ist, ebenso das Stelzenlaufen, das Steckenpferd- reiten und das Spielen mit Wägelchen. Daß es auch kleine Waffen zum Spielen für Knaben gegeben hat, ist zweifellos. In den Händen der Mädchen dagegen finden wir. wie heute, das Kochgeschirr und vor allem natürlich die Puppe. Reste von Kiuder-Kochgeschirr fanden fich schon zahlreich in Gräber»; es sind kleine, oft nur wenige Zoll hohe Krügchen, Töpfchen ec. Die Puppen waren meist ans Wachs oder Thon gefertigt und zum Ankleiden gemacht, vielfach auch mit beweglichen Gliedern. In der hellenisch-römischen Zeit begegnen wir einer höchst originellen Herstellungsart von Puppen. Eine nähere Beschreibung giebt uns der um die Kunde griechischer und römischer Gräber in Egypten verdiente Dr. Karabaczek in einem in Wien gehaltenen Vor- trage, wo er sagt:„Rührend ist es wahrhaftig zu sehen, wie die betrübten Eltern ihren Lieblingen mit ihren Thränen auch deren Lieblingsspielzeng, die Puppen, in das Grab legten. Dieselben sind sehr ingeniös gearbeitet: Gesicht, Mund, Augen»nd Nase wurden durch entsprechende Windungen seiner buntfarbiger Stoffstreifen gebildet; der Kopf ist mit einem Netzhäubchen bedeckt, die ausgespreizten Arme find durch ein mit Stoff überzogenes Rohrstiick hergestellt und als Brustlatz hängt ein Lein- wandstück herab." Wenn«vir uns diese von Karabaczek beschriebenen Puppen, wie sie aus dem Dunkel fast zweilanseudjähriger Gräber an das Licht gezogen wurden, vor Augen stellen uud dann einen Blick auf»ufere modernen Puppen werfen und sehen, wie diese in der Bervollkomm- nnng so iveit gediehen find, daß sie sogar sprechen können, wenn wir ferner die im britischen Museum zu London und in der ethno- logischen Abtheilung des naturhistorischen Museums in Wien befind- lichen altrömische» Bleisoldaten betrachten, so müssen wir staunen über die Genügsamkeit der allen Völker auf dem Gebiete des Spiel- zeuges. Wie verhält sich»in, diese Wahrnehmung zu der so oft zum Ausdruck gelaugenden Anschauung, daß einerseits der Grad der Kultur eines Volkes im Spielzeug desselben zum Ausdruck kommen und andererseits im Spielzeug selbst ein wichtiges Mittel gegeben sei, sowohl geschmacks- als auch verstandesbildend aus das Kind ein- zuwirken? Wenn das wirklich der Fall sein soll, aus welch' niedriger Bildungsstufe einerseits inüßien nach diesem höchst primitiven, in unsere» Augen geradezu lächerlich erscheinenden Puppen und Blei« soldaten die allen Griechen und Römer sich befunden haben? Und andererseits, wie konnte es möglich sein, daß aus Kindern, denen man solches Zeug zum Spielen gab, Männer werden konnten, welche Werke schufen, die bis auf den heutigen Tag als unerreichte Norm des Edlen, Schönen und Ebenmäßigen gelten? Was hätte nach der vorhin angeführten Anschauung aus einem Phidias oder Praxiteles, einem Homer uud so vielen anderen Kunst« und Geistesheroen werden können, wenn sie erst jetzt aus die Welt gekommen wären und sich an den heutigen Spielivaaren zu weit höherem Genie hätten bilden können? Wer weiß, ob sie sich nicht scheu von diesen abwenden würden? Ein Spielzeug, daß so voll- kommen ist, daß die Phantasie des Kindes nichts mehr hineinzulegen hat, wird von ihm zivar nngestaunt, aber nicht als in seine Welt gehörig betrachtet. Das nächste ist in der Regel, daß es vom Kinde trotz des schönsten Anstriches und der feinsten Lackirung gewaltsam zerlegt und zerrissen wird, um, dein Drange seiner eigenen Phantasie folgend, etwas anderes daraus zu bilden. Das Spielzeug selbst, sei es noch so vollkommen gestaltet, hat für das Kind kein Leben, erhält es vielmehr erst dnrch das Kind. Darum hängt es oft mit ganzem Herzen gerade am zerbrochenen Spielzeug, denn es liegt darin ein Stück seines eigenen Lebens. Der gleichen Liebe, welche die Mutter in gesteigertem Maße dem kranken Kinde entgegenbringt, erfreut sich auch die Puppe oder der Hansel mit zerbrochenem Kopf oder fehlendem Arm seitens des Kindes. Bei weiterer Betrachtniig des Spieles der klassischen Jugend finden wir, daß auch lebende Thier« zum Spielzeug dienten; Stieglitz, Taube, Gans und Hahn, Hunde, Ziegenböcke, Affen; besonders beliebt war es, Käfer an Fäden zu binden und sie fliegen, oder besser gesagt, nicht fliegen zu lassen. Zur Gattung der Unterhaltungsspiele gehörte das Suchen scherzhaft versteckler Gegenstände, ähnlich unserm heutigen Plnmpsack- spiel, das Grübchenwerfen mit Knöcheln oder Spruugbeinche» aus der Ferse von Lämmern oder Schafen; diesem Spiel eutspricht voll- ständig unser heutiges Schusserspiel. Die kleinen Knöchel oder Sprungbeinchen, die Astragalen, dienten auch zum Würfelspiel. Deutlich erkennen wir das aus vielen antiken Kunstwerken, die uns Bilder des Astragalenspieles vor- führen. So ist z. B. sehr bekannt die Statue eines am Boden sitzenden, knöchelspielenden Mädchens. Das Berliner Museum besitzt die Statue eines Knabe», der fröhlich lachend seine ge- wonnene» Astraga'en mit dem linken Händchen an die Brnst drückt. Ein ponipejanisches Wandgemälde zeigt die Medea, wie sie aus den Mord ihrer Kinder sinnt. Letztere, unter Aufsicht des hinter ihnen stehenden Erziehers, beschäftigen sich ahnungslos und vergnügt mit dem Astragalenspiel. Im britischen Mnsenm befinden sich Reste einer Aflragalizonlen- grnppe aus der hellenisch-römischen Zeit: Zwei Straßenjungen ge- rathen beim Würfelspiel in Streit und zwar derart, daß einer den andern in den Arm beißt. Die Astragale» spielten also offenbar eine große Rolle, und thatsächlich wurde der Bedarf an diesen Knöchelchen bald so groß, daß man sie auch künstlich ans allerlei Material, aus Elfenbein, Metall und Stein herstellte. So find von ihnen solche aus Granat erhalten, die mit einem gravirte» Adler dekorirt sind. Auch an belehrenden Spielen, wie Zusammenlege- und Buchstabenspiel, fehlte es bei den Griechen und Römern nicht. Was nun die älteste Geschichte des deutschen Spielzeugs an- belangt, so sind wir im großen Ganzen nur auf Verinntbungen angewiesen, und erst mit dem Mittelalter bieten sich uns sichere Anhaltspunkte für die Bcrsolgung der Entwickelmigsgeschichte unseres Spielzeugs. Die Kinderspiele im Mittelalter hatten wenig Abwechselung; im ganzen bewegte» sie sich in einer Nachahmung der Ve- schäslignngen der Erwachsenen: für die Knaben bildeten die Waffen und die hölzernen Pferde, für die Mädchen die Puppen die Grund- läge des Spiels._ Kleines Fenillekon — Feine Herren. Goron, der ehemalige Chef der Pariser Kriminalpolizei, erzählt: Mr. Clement(ein unlängst verstorbener Pariser Polizeikommiffnr) hatte neben de» Straßenauflänsen und Razzien»och eine weitere Spezialität. Er halte die„Mißverständ- »isse" und sonstigen Weiterungen zu beseitigen, die eiiva zwischen Persönlichkeiten in inehr oder weniger Hervorrageuder Stellung und deren Maitressc» entstanden. In unserem Bureau verkehrten zahl- reiche ganz reizende Damen, und mein Vorgesetzter diktirte mir manches recht pikante Protokoll in die Feder, das natürlich durch das Siegel des Amtsgeheimnisses vor der bösen Oeffenllichkeit gesichert ist. Oft- mals Haudelle es sich für diese Dämchen nur um die Ausbeutung irgend eines reichen Ginipels aus guter Familie. Noch öfter jedoch halte ich Gelegenheit, bei Vernehmungen anwesend zu sein, bei denen Leiste von Besitz, Stellung und bekanistrn Namen in recht unvorlheilhaftem Lichte erschienen und sich skrupellos der Polizei- liche» Gewalt bediente», um sich der armen Mädchen, die ihnen lästig geworden, zu entledigen. Viel Genieinheit und brutalen Rechtsbruch habe ich da kennen gelernt. Ganz besonders peinlich wirkte aus mich die legere Art, in der auf grund der gesetzlichen Bestimmungen die administrative Ausweisung von Ausländern resp. Ausländerinnen erfolgen konnte. Wie oft war ich in der Lage, Dialoge von der Art des folgente» anzuhören: „Aber, Herr Kommissar, ich habe doch ein Kind von ihm, mag er wenigstens seine Erziehung bezahlen!" „Das geht uns nichts an, Madcmoiselle," lautete Herrn Clements Autivort.„Uns kommt es nur daranf an, jeden Skandal zu ver- hindern. Sie sind Ausländerin und wenn Sie fortfahren, vor der Thür des Herr» N. N. Szenen zu machen, werden wir Sie abschieben." Und wenn diese unglücklichen Mädchen, die von ihren Ver- fuhrern entehrt und verlassen worden waren, ohne Rücksicht auf solche Drohungen fortfuhren, ihre Ansprüche geltend zu machen, wurden sie«iiisach über die Grenze gebracht. Ich muß gestehen, daß mir diese Art Maßregelung stets ganz besonders grausam vorkam. Wenn Graf X. oder Marquis Z. der Kammerzofe seiner hochgeborenen Frau Mama die Cour schnitt und sie zur Mutter machte, fragte er sicher nicht danach, ob das Mädchen, das ihm gefiel, eine Italienerin, Belgierin oder Schweizerin war. Erst wenn er Alimente bezahlen sollte, erinnerte er sich dieses Umstandes. Und nicht blos unsere goldene Jugend bedient sich dieses Mittels, auch manchem ehr- würdigen Familienvater, der im Schooße der Seinigen vielleicht die Zärtlichkeit selbst ist, bin ich auf diesen kumme» Wegen begegnet.— Literarisches. — W i e Schrift st eller arbeiten.„iPearsons Magazine" bringt in seiner April-Nummer das Ergebniß einer Enquete, die das Blatt bei den hervorragendsten englischen Schriftstellern über ihre Arbeitsmethode angestellt hat. W. L. Aide» und Robert Barr be- richten sast übereinstimmend, daß sie alle regelmäßige, pflichtgemäße Arbeit hassen und den größte» Theil ihrer Arbeit auf dem Bicycle ver- bringen; dennoch ringt sich der erstere durchschnittlich löllv Worte täglich ab, während der andere anfallweise, dann aber mit großer Rapidität arbeitet. Sir Walter Besaut hält es für verderblich,»mehr als 3 Stunden täglich zu arbeiten, Hall Bain und C. Doyle halte» IBOO— 2000 Worte täglich für«ine ausgiebige Leistung. Mrs. Egerto» behauptet auch nicht annähernd von einer regelmäßigen Arbeit berichten zu können. Mrs. Hobbes schreibt höchstens ISO Worte täglich, während Butcliffe Hyne behauptet, nur dann flott arbeiten zu iönnen, wenn ihm alle äußeren Behelfe fehlen und er zu Schiff oder im Eisenbahn- Koupee m sein Notizbuch kritzeln muß; Allen Upward endlich schildert, daß er ganze Monate oft nichts thut und sich mit einem Gedanken herumschlägt, dann durch mehrere Wochen erbittert ringt, um ihm Gestalt zu geben, endlich alles Geschriebene vernichtet und dann in einem Anlauf, in vier oder fünf Tagen und Nächten das ganze niederschreibt.— Theater. — r. Friedrich- Wilhelm st ädtisches Theater. Am Montag Abend ließen wir uns verleiten, nach der Chaussee- straße hinauszupilgern. Ein Volksschauspiel„Der Berg- Hauptmann" wurde zum erste» Male aufgeführt. Ein viel- versprechender Titel, der vielleicht ein Bild der Klassenkämpfe und sozialen Leiden ausrollen könnte. Doch in dieser Annahme hatten wir uns getäuscht. Gewiß wird mächtig viel gekämpft in dem Schauspiel, aber die Helden klappern mit Schwertern und Ritter- rüstungen, und der Berghanplmann selbst ist einfach ein wohl- genährter Breslaner Znnstbürger aus der Zeil der Hussitenkriege. Er birgt in dem Sohne seines Blutfreundes einen Landesvcrrälber in seinem Hause, der der feindlichen Hussitenpartei Wehr und Waffen znschmuggelt und schließlich sogar die jungfräuliche Tochter seines Gönners entführt. Im letzten Alle trifft den Kerl aber der wohlverdiente Rachestrahl. Die Sprache des Stückes ist mittelallerlich-biedermnnnisch, genau wie es der selige Ranpach vorgeschrieben, und verfaßt ist das Ganze von einem Berliner Schnllehrer namens R i s ch. Wir nehmen an, daß der Herr als Pädagoge leistungsfähiger isi denn als Dramatiker. Das Ritterdrama wurde recht brav dargestellt. Eine Falstaffrolle wurde von Herrn Thiemann sogar mit ausgezeichneter Charakteristik gegeben. Auch an Ausstattung leistete die Bühne das Menschen- mögliche.— Geschichtliches. w. K n e ch t s s i n n. Interessant ist es, in den Quellen der römische» Kaisergeschichte die Beweise der hündischen Temuth und Serbstverachlnng de- Senates, jenes„Herrenhauses" der allen Republik zu lesen. Als LOS Claudius II. sich zun» Kaiser ans- geschwungen hatte, beeilten sich die würdigen Herren Senatoren, den faktischen Machthaber in der übersckwänglichsten, schmeichlerischste» Weise zn„begrüßen", welche uns Trebellius Pallio folgendermaßen beschreibt: „Claudius Angustns!"— so riefen sie 60 Mal— dank den Göttern, daß sie uns Dich als Herrscher gewährt habe»! Claudius Angustns!"— so riefen sie ferner 40 Mal—,„Dich oder einen Kaiser Deiner Art haben wir immer ersehnt! Claudius Angustns!"— so wnrde weiter 40 Mal gerufen—.„Tu bist durch die Wünsche des ganzen Reiches znni Throne be- rufen worden! Claudius Augustus!"— so riefen die Herren endlich SO Mal,—„Du bist das Ideal aller Brüder, aller Väter, aller Senatoren, aller Kaiser!"— Und nun kamen die Wünsche des hohen Hauses:„Claudius ZlugustuS!"— rief man fünf Mal,— „befreie uns von dem Anrcolus(einem der Nebeukaiser)!" „Claudius Augustus!"— rief man süns Mal—„befreie uns von den Palmyrenern!— Claudius Augustus"— so gellte das Geschrei noch siebenmal,—„befreie uns von der Zanobia und von der Viciorina(erstere die Königin von Palmyra, die zweite eine einfluß- reiche Dame jencr Zeit, die Mutter des Theilkaisers Victoriuus). Und endlich kam der noch siebenmal wiederholte Ruf:„Claudius Augustus! Mache, daß Tetricus(ein anderer kurzlebiger Theilkaifer) in das Nichts versinkt!" Es muß für den Gefeierten unsäglich langweilig und Verachtung und Ekel erregend gewesen sein, sich von den Edelste» und Besten der römischen Nation 244 Mal seinen Namen znschreien zu lassen!— Kulturhistorisches. — A ns der Ordnung der Bredstedter Schuster« innung vom Jahre ISS3.§ 3. Item sollen keine fremde Schuhe von außen hier zu Bredstedt außerhalb gemeiner Jahrmärkte feil gebracht werden, so aber darüber geschieht, soll demjenigen, der solche Waare bringt, dieselbe von dem Oldermann(Aeltermann) und Obrigkeit genommen werde», davon die Hälfte der Regierung, die andere Hälfte dem Amte und den Armen zukommen soll.§ 12. Item, ein Schuhmacher soll nicht mehr halten zu einer Zeit als zwei Gesellen und einen Jungen bei zwei Tonnen Bier Strafe zum Amte und zwei Pfund Wachs zum Gottesdienste.§ 13. Item, so ein Fremder zu Bredstedt kömbt und entwedel einem Schuhmacher sein Gesell, wird er darüber betroffen und man kann es öffentlich beweisen, den soll man anhalte», zu bessern der Obrigkeit als ihm auferlegt wird und dem Amte eine Tonne Bier der Gesell, der sich so verführe» läßt, ß 14. Item, wann ei» Meister einen Lehrjungen annimmt, das Handwerk zu lernen, so soll durch des Jungen Be- köstigung von dem Meisler eine Tonne Bier gegeben werden und die Kost dazu den, Schuhmacher daselbst. Z 15. Item, ein Gesell, der von seinem Meister heimlich wegläuft mit des Meisters Gelde, ehe die rechte Wanderzeit ist, der soll bessern eine Tonne Bier dem Gelage und ei» Pfund Wachs zum Gottesdienste.§ 29. Jtcni, so sollen da auch keine Schuster in Nordergösharde wohnen, denn alleine binnen Bredstedt.— Aus dem Thierleben. — Iltis und Fuchs. Der Iltis ist, obwohl er schlafende Vögel überlistet. Tauben und Hühnern nachstellt, dennoch ein sehr nützliches Thier, denn er vertilgt eine Menge Mäuse, Ratte» und Hamster, Blindschleiche», Ringelnaltern und Kreuzottern und de giftige Biß der letzteren schadet ihm nicht, denn er verzehrt sie sammt Giftdrüsen nnd Gistzähnen. Der Fuchs, welcher de- kanntlich vom Rehkälbche» bis zur Maus herab seine Braten wählt, also in der Zeit der Roth gar nicht wählerisch ist, ist durch. aus nicht lecker nach Jltisfleisch, er verschmäht es standhaft, obgleich er gegen den lebenden Iltis seine Tücken nicht unterdrücken kann. Sein Betragen gegen den Iltis oder Ratz in, Freien zu beobachten, ist stets nur bruchstückweise gelungen; vollständiger gelang dies, als man Meister Reineke zu einem gefangenen Iltis in einen Stall sperrte. Der Fuchs schleicht heran, liegt lauernd auf dem Bauche; plötzlich springt er zu, wirft den Ratz über den Hausen und ist schon weil entfernt, wenn jener sich wieder erhebt und mürrisch die Zähne fletscht. Jetzt kommt Reineke wieder; der Ratz hüpft ihm laut kneffend mit weitem Sprunge entgegen; der Fuchs weicht aus und versetzt ihm in dem Augenblicke, wo er vom Sprunge zu Boden fällt,«inen Biß in den Rücken, hat aber schon wieder losgelassen. ehe jener sich rächen kann. Nu» streicht er von fern im Kreise um den Ratz, der sich immer nach ihm hindrehen muß; endlich schlüpft er an ihm vorbei nnd hält den Schwanz nach ihm hin; der Ratz gedenkt dem Schwanz mit grimmigem Zahn eins zu versetzen; aber er irrt sich, denn der Fuchs hat ihn schon eiligst iveggezogen und jener beißt in die Luft. Jetzt thut der Fuchs, als ob er ihn gar- nicht mehr beachte. Der Ratz wird ruhig, schnuppert umher und beginnt an einem alten Knochen zu nagen. Das ist dem böse» Feind ganz recht. Auf dem Bauche liegend, rutscht er näher; seine Augen funkeln; List. Spott und Bosheit spiegeln sich zugleich in seinen Mienen; die Ohren sind gespitzt, die Zähne bloß, der Schivanz in sanft wedelnder Bewegung. Plötzlich springt er zu. packt den schmausenden Ratz beim Kragen, schüttelt ihn tüchtig, läßt ihn fallen und verschwindet. Das ist dem Ratz nicht recht; er wühlt sich, um nicht länger geschabernackt zu werde», unter das Stroh und sucht nach unten einen Ausweg. Vergebens! Der Fuchs ist wieder da, schnuppert auf dem Stroh, betastet es leise mit den Füßen, beißt plötzlich durch und fährt dann schnell zurück. Er- griff nun der Beobachter den Iltis beim Schwänze und hielt ihn dem Fuchse vors Gesicht, dann hielt der Schlaukopf nicht stand, sondern floh aus einer Ecke in die andere.— Medizinisches. K. Ueber die Schädlichkeit der Kälberlymphe wird in medizinischen Kreise» seit längerer Zeit diskutirt. Professor Pfeiffer, Prosessor Ogata, Dr. Landinann u. a. haben nachgewiesen. daß in der Kälberlymphe krankheitserregende Keime und Bakterie sich vorfinden. Als derartige Bakterien sind insbesondere der JlrkroHIrus pyogones und der Staphylokkus albus zu nennen. Alle Bakteriologen stimmen darin überein, daß diese Bakterien- pathogen, d. h. krankmachend sind. Es wird indeffcn von bedeutenden Autoritäten, namentlich auch vom Reichs-Gesundheitsamt betont, die schädliche Wirkung beschränke sich auf Thier« nnd falle beim Menschen fort. Demgegenüber hat neuerdings«in Italiener, Dr. O. Leoni, Etsahrungen gemacht, die geeignet sind, die Frage in einem anderen Lichte erscheinen zu lassen. Leoni, der' seit Jahren Direktor des Lymphinstitutes in Rom ist, fand in Uebeieinstimmung mit Dr. Landmann und anderen, daß die in der Lymphe vorkommenden Bakterien in der That auch sür de» Mensche» gefährlich sind. Er hält es aber, wie in seiner kürzlich veröffent- lichten Arbeit dargethan wird, sür möglich, die Kraft der stets in der Lymphe vorkommenden pathogenen Mikroorganismen(krank- heitserregenden kleinsten Lebewesen) zu vernichten, wenn die Lymphe mit Glyzerin behandelt und durch einen bis vier Monate konservirt wird. Die direkte Ueberimpfung vom Thier auf den Menschen ver- wirft er. Er hat im Verlaufe der Impfung mit frischer Lymphe vielfach Wundinfektions- Krankheilen, wie Wundrose, Phlegmone (Zellgewebs-Entzündung), Lymphangitis(Entzündung der Lymph- oesäße) und Seplikamien(faulige Zersetzung) beobachtet. Bei der Impfung mit alter Lymphe sollen diese Schädigungen nicht vor- komme». In Deutschland gaben bisher die meisten Aerzte der frischen Lymphe den Vorzug.— Physiologisches. — Eiiveißverdauender Speichel bei Insekten- l a r v« n. Als der Tübinger Physiologe Wilibald A. Nagel für Studienzwecke eine Anzahl erwachsener Larven des bekannten großen Schwimmkäfers vytiecus marginalis, des Gelbrandes, im Aquarium hielt, hatte er Gelegenheit, sehr interessant« Eigenschaften des Speichels dieser Thier« kenne» zu lernen. Die Resultate seiner Be- obachtungen und Versuche sind kurz folgende: I. Die Schwimmkäfer- larve saugt den Tbiere» nicht nur das Blut aus, fondern sie vermag deren ganze Eiweißsubftanz in sich auszunehme»; 2. zu diesem Zwecke ergießt sie durch ihre Saugzungen ein sermenthaltiges Sekret in das auszusaugende Thier, wodurch dessen Eiweiß verflüssigt, peptonisirt wird; 3. das Sekret hat giftige Wirkung, es lähmt und tödtet die angebissenen Thiere in kurzer Zeit; 4. das Sekret reagirt neutral. Die Verdauung ist eine tryptische; die Eiweißmassen quellen nicht, sondern zerfallen bröckelig; 5. ebensolche exlraorale Eiweißverdauillig findet, abgesehen von den nächsten Verwandten der Schwimmkäfer- larveu, aller Wahrscheinlichkeit nach bei den mit ähnlichen Saug- zunge» ausgerüsteten Larven einiger Neuroptere» oder Netzflügler, bei den Ameisenlöwe» und Blalllanslöwen statt.— („Umschau".) Humoristisches. — Bauernschlau. Im Gasthofe eines schlesischen Gebirgs- dorfes hängt eine Tafel aus. auf der sämmtliche Gewohnheitstrinker, an die Getränke nicht verabfolgt werden dürfen, mit Namen aus- geführt sind. Der Landrath des Kreises kehrt eines Tages dort ein, um sich zu überzeugen, ob die Verordnung auch befolgt werde. Nach längerem Aufenthalt in der Wirthsstube verspürt er Durst und be- stellt ein Glas Bier, erhält aber von dem Wirth zur Antwort: .Daraus wird freilich nischt!'s tntt mer leid, Herr Landrath, aber ich darf Ihnen kein Bier nich eiiifchäuken.".Warum denn?" „Weil Sie halt auch auf der Seiferliste stehen!" erwidert der Wirlh, indem er auf die an der Wand hängende Tafel zeigt: Amtlich« Bekantmachung. Den nachstehend Benannten dürfen Getränke nicht verabfolgt werden: Böttcher Karl Sommer. Gärtner Josef Schmidt. Tagelöhner Gustav Fritsch. Der königliche Landrath. Vermischtes vom Tage. — Seltsame Rubrik. In einem alten Todtenbnche des schlesischen Archiprcsbyterats F. lautet die Ueberschrift der letzten Rubrik: Ob mit Hilfe des Arztes gestorben. Viele Menschenalter hindurch ist diese Rubrik unbeanstandet geblieben.— — Die R o t t w e i l e r Pulverfabrik soll die Fabrikation nach Düneberg bei Hamburg verlegen wollen. Grund: der General- gewaltige der Fabrik wollte von der Stadt Rottweil ein Gut kaufen, diese aber lehnte das Angebot ab. So sagt man.— — Ein wohlhabender Landwirth in Nordbrock bei Osnabrück hielt sein- geistesschwache Frau zwei Jahre lang in einem engen Verschlag der Scheune eingesperrt. Die Unglückliche war, als man sie fand, bis zum Gerippe abgemagert, faß völlig nackt bis zum Knie im Unrath und konnte vor Schwäche kein Glied rühren.— — Billige Beleuchtung.„In dem weimarischen Orte Groß-Ncuhansen führten kürzlich mehrere Bürger Klage darüber, daß in den jüngsten Nächten die Straßenlaternen fortgesetzt nicht an- gezündet worden seien. Der Bürgermeister wies indessen die Be« fchwerde als unbegründet zurück, und zwar unter Anführung der Stelle ans Gölhe's„Faust":„Ein guter Mensch in seinem dunklen Drange ist sich des rechten Weges stets bewußt!".— c. e. Das Bezirksgericht Zürich verurtheilte vor einigen Tagen den Staatsanwalt Fehr. weil er gegen einen Kaufmann un- begründeterweife eine» Steckbrief erlassen hatte, zu 300 Frks. Geld« strafe.— Wildes Land!— — Windisch- Matrei(Tyrol) ist bis auf die Kirche voll- ständig niedergebrannt. 30 Häufer, das Gemeindehaus und das Spital wurden in Asche gelegt.— — Bei der bayerischen Staats-Eiseubahn sind, wie Sigl'j „Vaterland" mitlheilt. die Fahrzeiten bis auf 3/i, Vz und V« Minuten ausgerechnet und bestimmt worden.— — In Gent wurde die große Weberei de la Dys durch Feuer zerstört. 450 Arbeiter waren in ihr beschäftigt.— — In den Karawanken in Kärnten ist seit Freitag Schnee- fall eingetreten. I» Tarvis liegt der Schnee fußhoch.— — Von der Pest. Beim französischen Kolonialministerium ist die Meldung eingegangen, daß an der tonkinesisch-chinesischen Grenze einige Pestfälle vorgekommen sind.— — Die Gebäude der Brüsseler Mahlwerke sind nieder- gebrannt. Das Feuer wurde durch Selbstentzündung des Mehl» staubes hervorgerufen.— — In K a n t a z» k o w im Chersoner Gouvernement(Rußland) habe» große Exzesse gegen die Juden stattgefunden. Viele jüdische Kaufläden und Hänser wurden deniolirt, drei jüdische Einwohner erschlagen.— — Heißt ein Fang! Die Exkönigin von Madagaskar ist katholisch geworden. Kann noch die Tugendros« bekommen, wenn sie alt wird.— — In Süd- Australien und dem westlichen Victoria wurden mehrere heftige Erdstöße verspürt.— — Eine gemischte Gesellschaft. Die Bevölkerung von Honolulu ist vielleicht die bunteste, die irgend eine Stadt der Erde aufzuweisen hat. Nach der letzten Volkszählung war die Stadt von 29 830 Einwohnern bewohnt. Unter diefen waren nur 7918 eingeborene Hawaier. hierzu noch 3438 Mischlinge auS ein- geborener und fremder Bevölkerung. Die Chinesen erreichten fast dieselbe Zahl wie die Eingeborenen, nämlich 7693, dann folgen Portugiesen 3833, Japaner 2381, Amerikaner 2074. Briten 1308, Deutsche 578, Südfee-Jnsulaner 63 und dazu 366 Angehörige ver- schiedener anderer Völker.— Verantwortlicher Redakteur: Robert Schmidt in Berlin. Druck und Verlag von Max Babing in Berlin.