Mnterhaltungsblatt des vorwärts Nr. 97. Dienstag, den 18. Mai. 1897. 33] lNachdrua verboten.) Ein nlkev Skveik. Roman aus dem bayerischen Volksleben der sechziger Jahre von W i l h e l m i n e v. H i l l e r n. .Geht's denn gar nie aus, lieber Gott?" fragt sie. .War' dös nit g'nug?" sie blickt auf den tobten Bruder. Aber— Sebald's Sterben kam von Gott, der es so fugte, und Engel standen ihm bei,— was jetzt naht, sie fühlt es, das ist mit bösen Mächten in Zusammenhang, und vor denen schaudert ihr!— Da plötzlich zerreißt die Spannung, und es ist, als zer- rissen ihr alle Nerven mit,— ein Schuß vom Dorf her.— „Steub, Steub, wach auf!" Der Bursche fährt schlaftrunken empor. „Siehst scho wieder was?" „Nein, aber'n Schuß Hab' i g'hört!" „O mei, da iverden s' oft schiaß'n in der Nacht, d' Jager oder d' Wilderer." Wiltrand horcht—„Gott sei Dank, Gebetlänten!" Sie faltet die Hände und betet den englischen Gruß. Aber dann fleht sie:„Geh, lieber Steub— i bitt' Dich, geh' ins Dorf und sieh nach,>vas g'schehen ist. I weiß nit, warum mich grab der Schuß so ängstigt!" „Mei, weil D' heut nix thust als aufpassen, ob nix Gränßlich's passirt.'s ist Dir ja nit zum in übelnehmen, arme Haut. Wenn ma so ivas dnrchg'macht hat, wie Du heut' „Steub— i bitt' Dich!" „Ja, ja, i thn' Dir ja den G'fallen," sagt der Bursche, dehnt und streckt sich ein paar Mal und macht sich aus den Weg.„Wann i nur wüßt', wo i hingehen müaßt, i ka doch nit jedem Wilderer nachrenya?" „Im Dorf war's, im Dorf, Steub. I kenn's g'nau, a dumpfer Knall war's— nit wie a Waidschuß." Wieder horcht sie.„Hcil'ger Gott, da springen Leut' auf der Straß' unten 'm Dorf zu— hörst's nit?" Ja, er hört's auch.„Und g'schwind laufen s'!" .Denen nach—! Nur gleich—!" schreit Wiltrand „Dös gilt dem Habermeister!" Jetzt ist Leben in Steub gekommen, wie der Blitz ist er auf und davon und hinter den Männern drein. Es sind richtig Genossen.„He, wohin?" ruft er.„Nehmt mich mit „'s ist kei Zeit zu verlieren,"— geben die zurück, ohne anzuhalten. „Wo kommt's denn her?" fragt Steub, als er sie endlich einholt.— im Laufschritt neben ihnen hintrabend. „Von der Wasserscheid. Der Poschinger war'n Augenblick dort— und hat sich heimlich vom Knecht den Stutzen scharf laden lass'n und der Esel hat's erst g'sagt, wie er fort war, wir fürchten, er stellt was an." Den? Steub schwindelt vor Entsetzen. So sollte Wiltraud doch recht haben? Da saust auch schon ein Fuhrwerk an ihnen vorüber. .Habt's den Teuner von Kochel nit g'sehen?" rufen die Tarin- sitzenden heraus. „Nein, wir suchen ihn selber— was ist's mit ihm?" „Er hat sein'n Sohn erdrosselt—" und weiter saust das Fuhrwerk. Einen Augenblick stehen alle wie gelähmt— das war mehr, als selbst Männer ertragen können.— Tenner, der Edelste, Beste unter ihnen! Was sind denn sie alle, wenn ihr Bester ein Mörder ist?— Die Erde schwankt unter ihren Füßen, keiner kann ein Wort sprechen.— Nur ein Gedanke, eine Frage liegt aus aller Lippen: Wie muß es dem Mann gemacht worden sein, was muß der gelitten haben, bis er so ivcit kam? Und wie aus einem Munde bricht der Schmerzeiis- schrei hervor:„Armer Tenner!" „Jetzt nur fort, daß wir ihn noch erwischen.— vielleicht können wir ihn in Sicherheit bringen, eh' ihn die andern finden!" Und wieder setzen sie sich in Laufschritt, aber mühsamer und schwerer athmcnd als vorher. .Warum seid's denn nit g'fahren von der Wasserscheid' 'ra?" fragt Steub. „Wir haben ja nit könne. Der Wirth hat der Wiltraud 's Fuhrwerk mitgeb'n!" .O, Unglück und kei' End'! Wenn dös die Wiltraud wüßt'," jammert Steub,„daß sie schuld an dem Aufenthalt wär'! Ihren Bruder hat's todt hem'bracht, und da Hab' i's Wagerl stehen lassen und bin bei ihr'blieben!" Jesus, wie's doch oft sein soll—!" Der rasche Lauf macht jedes Weiter- reden unmöglich. Sie kommen ins Dorf.— Vor der Gendarmeriewacht- stube hält das Gefährt der Kochler. „Jetzt müss'n wir uns theilen— sonst verrathen wir uns. Unregelmäßige Gruppen, je— zwei, drei. In dem Stadel beim Hochbräu kommen wir z'samm'.— Losung: Poschinger." Und auseinander stiebt die Schaar im Dunklen, wie eine Rauchwolke zerrint. Steub nimmt mit noch zweien den Weg nach dem Rath- haus. Bevor er dies erreicht, muß er am neugebauten Pfarr- Hof vorüber. Ter untere Stock ist schon wieder bewohnt, alles ist beleuchtet. Grelles Licht fällt aus den Fenstern und der Hansthür auf eine große Ansammlung von Leuten, die herumstehen, der ganze Platz ist voll Menschen. Alle bücken sich zn einem Gegeiistaud am Boden herab,— hier muß etwas Schreckliches geschehen sein.— Wie im Traum erreicht Steub die Stelle.— Da liegt Tenner mit zer- schmcttertem Haupt vor der Thür des Pfarrhofs. Der Schuß, den Wiltraut gehört,— ist ihn, mitten durch den Kops ge- gangen, daS Geivehr liegt neben ihm. Er scheint mit dem Fuß den Hahn abgedrückt zn haben, während er die Mündung gegen die Stirn gerichtet hielt;— das konnte er mit dem eine» Arm thun. Am Hut, der nicht weit davon liegt, hat er einen Zettel befestigt, mit den großen Buchstaben beschrieben, die er mit der linken Hand zu machen gelernt,— für jeden lesbar.— Und wenn der Herr Pfarrer sich vom Fenster zurückzieht, dann drängen sich immer wieder Neugierige hin, die im Lichtschimmer der Haiisthür das Testament des Todten entziffern. Es ist an„Herrn Pfarrer Zwänger" überschrieben und lautet: „Du hast»Iis alle ins Elend'neig'hetzt— Ins Zuchthaus, in'n Tod und am Schindanger z'letzt, Jetzt vi i n Kriipp'l, zum Leben scho z' schlecht. Zu„ix mehr, als grab noch zu», Todtschieß'n recht. Derweil i ja doch nur in d' Höll eini kumm, Sell bring' i mi gleicherst vor deiner Thür um! Und stolperst beim Außergehn über mei Leich', Via denk' halt,'s war wieder a Habererstreich!" Es sind freilich nur Haberervcrse, aber dem armen Mann, der sie gedichtet, waren sie bitterer, furchtbarer Ernst! Der Rugmeistcr sagt, er habe ihn des öftern mit seiner schwer- fälligen Linken daran schreiben sehen— aber nie einen Blick in die Verse thun dürfen, denn der Unglückliche habe sie stets bei sich getragen. Jetzt sind sie offenbar und mit ihnen die ganze stillgetrageue Qual eines zerstörten Lebens. Ein alter Mann mit weißen Haaren kommt auch heran und bückt sich, die Schrift zu entziffern. Es ist der Unglück- liche Vater des gefallenen Florian Mayer. Er winkt die andern herbei iind liest ihnen mit lauter Stimme das unheimliche Vcrmächtniß des Habermeisters vor. Und alle wiederholen im Kreis die einzelnen Schlagworte; sie gehen von Mund zn Mund;— auch ein Haberseldtreiben,— ein stilleres— aber gefährlicheres, als die andern,— denn hier treiben die Todten! Die hohe, hagere Gestalt des Pfarrers wird wieder am Fenster sichtbar. Die Leute weichen scheu zurück. „Warum er'n nur nit wegthuat, den Vers?" flüstert eine Frau.„Dös nimmt mi wunder." „Dös thät er freili, wann er könnt! Aber dös ist's ja grad! Vor d' Kommission nit da war, darf'n niemand an- rühr'n!" bedeutet sie ein Nachbar.„Nit a Stückl, ivas'rum liegt. Alles muaß blcib'n, wie ma'u g'fnnden hat!" „Jetzt muß er dös alleweil hörn, wie ma den Zettel liest? No, dös ist aber scho au a nix Leicht's!" sagen andere. „Aber g'suiid ist's ihm—" sagt eine Stimme mit dumpfem Groll. Steub erkennt den Sprecher nicht. Aber plötzlich flüstert ihm der die Habererparole ins Ohr und verlangt die Losung. Jetzt erst sieht er, daß es der Rugmeister ist. „Poschinger," antivortet Steub. Der Rugmeister winkt ihn aus dem Meuschenknäncl heraus und beutet auf den Tobten:„D e r ist für uns alle g'storb'u!* „Dös ist a Lektion für den Pfarrer," sagt einer von Etenb's Gefährten.„Siehst'n, wie er sich davondruckt?" „Ja," nickt Steub.„Und er ist sonst nit feig— uns alle, dreihundert Mann, hat er damals beim Treiben nit g'fürcht' — da Hütt' er am liebsten todtg'schlag'n sei mög'n, daß er recht g'habt Hütt' mit sei'm Haß,— aber mit dem Tobten da mag er nix z' schaffen hab'n!" „Doch," flüstert der Rugmeister,„den wirft nix!— Er war scho bei ihm und hat'n ang'schaut— i bin der erst' aus'm Platz g'wesen und Hab' alles mit ang'hört. Der Poschinger hat ja noch a paar Minuten g'lebt!" „Was?" „Ja! Wie der Pfarrer den Schuß g'hört hat, muß tt glei'raus sei— denn er war schon da,. bis i komme bin, weil er näher g'habt hat. Da bat er sich zu'm niederbeugt und hat g'sagt:„Wer sind Sie?" und der Poschinger hat g'ant- wort':„Tenner heiß' i!"—„Warum haben Sie das gethan?" —„'S ist nimmergangen."—„Wollen Sie beichten?" hat der Pfarrer g'fragt.—„I bin a Haberer!" sagt der drauf.—„Wenn ein Haberer dereut,— kann ich ihn absolviren!" sagt der Pfarrer.—„Dös kann i nit,— i kann nit bereuen, was i nit für a Sünd' halt!"—„Nun, dann sterben Sie, wie Sie ge- lebt baben!" hat der Pfarrer g'sagt,— ist aufg'standen und ins Haus eini. I bin dann glei zum Poschinger hin und Hab''m helfen wollen. Aber da hat er nur noch's Kreuz g'macht und mi ag'schant— nachher ist er verschieden,— da im Arm von fei'm alten Rugmeister, wie a rechter Haberer sterben soll." „Schau nur, wie er daliegt,— der schmerzliche Zug im E'sicht— was muß da alles vorganga sein," sagen die andern. „Du armer Sünder!" Da nähert sich ein rascher Schritt.„Tenner, wo ist er,— ist was mit dem Tenner g'schehn? Allmächtiger Gott!" Gem- ming bat sich durch die Menge gedrängt und wirst sich bei dem Tobten nieder.„Also so hat's mit Dir enden müfs'n. Du edler, unglücklicher Freund. Und ich Narr lass''n noch fortlaufen von zu Hans, um die Verfolgung aufzuhalten, damit er'n Vorsprung kriegt!— Das war Dein Vorsprung— in die Ewigkeit'«über? Da können sie Dir freilich nicht nach l" „Herr Gemiuing, denkt an d' Leut'," warnt der Rugmeister leise,„uns z'lieb!" „Schon versammeln sich die Neugierigen um ihn. »Ja, ja. Du hast recht!" stammelt Genmting und erhebt sich.„War die Kommission noch nit da?" „Sie mnss'n bald komme, nia hat'n Wagen aufs Land- g'richt g'schickt,— daß er die Herrn glei mitnimmt." Gemming tritt mit den Haberern beiseite:„I war in Kochel. I wollt' sehen, ob dem Tenner nit z? helfen wär'. Denn d i e Verhältnisse könnt' er nimmer ertrag'». Nicht nur daS Weib hat ihn gepeinigt, sie hat auch sein Ansehen bei den Kindern so untergraben, daß sie sich alles gegen den Vater erlaubt haben. Ich hätt' sie schon lang todtg'schlagen an seiner Stell'— aber nit nur eins, sondern alle miteinander. Aber er hat's immer in sich hinein g'frefsen." „Ja, ja, i hab's aa oft denkt," sagt der Rugmeister, „wie er dös aushalten mag. Alle Geduld hat doch amal'u End!" „Ja, so war's auch!" erzählt Gemming weiter.„Am Freitag krieg' ich'n Brief von ihm, der mich erschreckt hat, ganz wirr und unverständlich, so daß ich das Gefühl g'habt Hab', da ist was nimmer in Ordnung,"— er deutet ans die Stirn.„Ich setz' mich auf und fahr nach Kochel, find' ihn wie immer äußerlich ruhig, seh' aber gleich, daß es keine natürliche Ruh' ist,— ganz theiluahmlos war er. Mein Be- such hat ihn nicht g'freut. Er hat nicht g'fragt, wo kommst her, wo gehst hin?— Völlig stumpf!— Auch die Nachricht vom Wirth auf der Wasserscheid, daß der Sebald freig'lassen ist,— hat ihn nicht berührt,— wo er doch sonst voller Interesse war, weun's die Wiltraud be- traf. Also, da war schon das psychische Gleichgewicht gestört und eine Katastrophe unvermeidlich— das Weib roh und gemein, die Kinder total verdorben, besonders der älteste, ein wahrer Schaudbub', den's ganze Torf scheut. Der echte Sohn seiner Mutter! Da könnt''s ja nicht ausbleiben! Und's kam noch schneller als ich geglaubt Hab'. Am Abend nulß der Tenuer den Buben auf irgend was Niederträchtigem erwischt haben. Ich sitz' drin in der Stuben und vernehm' Plötzlich aus der Küche einen Wortwechsel zwischen Vater und Cohn.(Fortsetzung folgt.) GroHv Nevlinev Vurnfiausptellting. i. In einem Berliner Blatte, das sein Publikum in wohlwollenden Worten zun» Besuch der diesjährigen Knustschau in Moabit einlud, war neulich zu lesen: Es ist ivahr, diesmal bleiben die Berliner Künstler mehr unter sich, aber wer ihre Säle durchwandert, wird zu» geben müssen, daß auch die Berliner„nette Leutchen" sind. Es giebl kaum ein bissigeres Wort, als gerade das, was hier ein Beurtheiler aus seinem grundgüligen Gemülh geschöpft hak. Nette Leutchen, das ist ei» blutiger Hohn im Bereich der Kunst. Nelle Leutchen, das enthält ein Lob so zweifelhafter Natur, daß es gerade der stolz Schaffende von sich weisen muß. Die netten Leutchen und ihre Bemühungen waren von jeher die Todfeinde des großen Mühens, des großen Könnens. Es gab in de» letzten Jahren kaum eine Ausstellung, die so geringe Anregung gab, wie die jetzige. Man fragt sich zunächst: Wozu soll über sie berichtet werden. Das wenige, was an ihr gut ist, das war schon festbewerlhet und bekannt. Was soll man aber sonst zu de» Werke» netter Leutchen sagen, wenn man sein Amt nicht alS das eines trockenen Führers ausfasse» will, der vom Saal 1 bis zum Saal KV zieht und seine langathmigen Sprüche herleiert? Ganz besonders zaghast wird man, wenn man den Haupt- trakl der Ausstellung, die Mittelsäle, durchwandert. Die den geistigen Kampf nicht lieben, können frohlocken. Ruhig ist eS geworden, empörend ruhig. Von allem, was in junger Kunst die Geister ge- schieden oder zueinander geführt hat, sieht man noch leise Spuren. Das ist aber auch alles. Man hat vom„wüsten Naturalismus" ein wenig geschlürft, ein ivenig hat man mystisch-symbolisirender Richtung nachgegeben. Doch bringt man, was mau gelernt, nur in wenig homöopathischer Verdünnung bei. Nette Leutchen sind gerne vorsichtig. Sie wollen nicht aufreizen, nicht erbittern und den Braven nicht abstoße»; iveder durch ein Uebermaß phantastischer Schwärmerei, noch durch ganz besonders eindringliches, herbes Natur« studium. Wenn man das durchschnittliche Können einer bestimmten Künstlergriippe ins Auge faßt, so mußte man diesmal dem kleine» Karlsruhe den Vorrang geben. Was die Karlsruher auf nnsere Ausstellung brachte», hat gerundeten Charakter. Ihre Auswahl ist nicht viel ninfassend, aber glücklich. In Karlsruhe hat sich ei» still beschauliches und wohtthuendes Schaffen vorbereitet. Es ist nicht groß, das Gebiet, das in Kartsruhe gepflegt wird, seine Künstler sind keine Dränger, keine Stürmer. Sie sind der Mehrzahl nach sinnende Köpfe, die inlim-poetischen Reizen der Landschaft nachspüren. Gustav S ch ö n l e b er, der uns längst wohlvertraut ist, wie K a l l i» o r g e n begegnen sich i» dem Be- streben, niederdeutsche Landschaft zu studiren.(Schönleber: „Täinmerung in Cuxhaven", Kallniorgen:„Ebbe bei Hamburg".) Fest, in ganz besonderer Kraft steht Graf Kalckreuth unter den Karlsruhern da. Er hat vom Naturalismus die strenge Ehrlichkeit bewahrt. Menschen und Landschaft sind mit Wahrheitsliebe angesehen und mit kraftvollem Wirklichkeitssinn dargestellt, so in den Gemälden„Acker",„Gänsejunge", wie in dem Bilde, das die im- nöthig anspruchsvolle Bezeichnung„Fahrt ins Leben" führt. Auch Carlos G reihe, der mitunter Sonderlingslaunen und bizarre Einfälle hak, ist mit mehreren Studien, und P ö tz e l b e r g e r mit der stimmungsreichen„Haide am See" vertrete». Die Hauptsache aber bleibt, daß auch der jüngere künstlerische Nachivnchs zu Karlsruhe und Grötzingen(bei Karlsruhe) an der Aufgabe festzuhalten scheint, die Landschaft mit schlichler, gemülhlicher Freude aufzusuchen. Das gleich der Karlsruher ist eng, aber sie wirken darin mit liebevoller Verliefung. Von jungen Karlsruhern, die be- sonders in graphischen 5kii»slen, Zeichnungen und Stichen innige poetische Empsiiidtuig verralhe», seien Volkman», Franz Hein, Gustav Kampinn»» und Heinrich Heyne, der in der Lithographie „Auch eine Krone" zugleich ironische Neigungen zeigt, hier genannt. Leider sind die Karlsruher in den Ausstellungsräumen nicht gerade geschickt vertheilt. Sie stellen diesmal die prägnanteste Küustlerschaar dar und man hat ihre Arbeilen in kleine Seitensäle rechts vom Haupteingang gesteckt. Nächst Karlsruhe hat von deutschen Städten nur D ü s s e l- dorf geschlossen die diesjährige Ausstellung beschickt. Auch einer der großen Mittelsäle ist de» Düsseldorfern eingeräumt. Gegen das jung aufstrebende Karlsruhe gehalten, zeigt Düsseldorf eine gewisse Aliersmüdigkeit in seiner Produktion. Düsseldorfs bedeutendster Maler Eduard».Gebhardt hat ein Bild:„Die Jünger von Eniaus" gesandt, das kein volles Zengniß für die tiefiunige Kraft dieses Künstlers giebt. Was von Andreas und Oswald Achenbach zu sehe» ist, wird den Ruhm dieser beiden gerade nicht bereichern. Arthur Kampf hat sich mit einein Kolossalgemälde,„Mit Mann und Roß hat sie der Herr geschlagen" eingestellt. Es ist eine Historie ans dem Jahre 1812 oder eigentlich ein Genrestück in riesig ausgewachsenen Formen. Trümmer des napoleomschen Heeres erscheinen; die flüchtigen Franzosen kommen auf deutschen Boden und die elenden, zerlumpten, ausgemergelten Gestalten iverdcn mit stummer Scheu betrachtet. So vielen künstlerischen Takt hat Kampf doch besessen, daß er die Geschlagenen nicht»och von Schadenfrohen verhöhnen ließ. Bei aller Kunst, die Gestalten auf beiden Seilen treffend zu individualisire», entströmt dem Gemälde dennoch ein srostigcs Pathos, i»ie um ruhinrednerischer Tendcnz- nialerei. Von der alten Düsseldorfer Anelvölchenmalerei sucht sich selbst Klein-Chevalier einigermaßen zu enianzipiren. Ein Genrestück aus dem Spielerleben von Ostende stellt er dar, Es ist wenigstens, wie injFerdinand Brülts„Nach bangen Stunden" der Versuch unternommen, nicht blos ein spannendes Geschichtchen vorzutrage». Das Genrestück soll zur sozialen Studie sich erweitern. Es geschieht auch mit halbem Gelingen. Der phantasiebegabte Willy Spatz wahrt sich seine Stellung unter den Düsseldorfer Sezessioniste». Dresden hat, wie bekannt, in diesem Jahre seine besondere und wirklich internationale Ausstellung. Vor wenig Jahren noch hatte Dresden de» niedrigsten Tiesstand in Deutschland erreicht. Das hat sich wesentlich geändert. Es wurde an Haupt und Gliedern in Dresden reformirt. Gotthard Kühl, der starke Könner, wurde alS Lehrer nach Dresden berufen; in die Verivaltung der Kunst« sammlunge» kam ein frischer Zug und, ivas das wichtigste bleibt, es fanden sich junge, wirklich kunstsreudige Kräfte ein. die neu zu arbeiten entschlossen waren. Der Dresdener Aufschwung kam natürlich in diesen» Sommer nur in Dresden zur Geltung; und so giebt es auch von München nur Einzelproben aus unserer Ausstellung zu sehen. Es ginge nicht an, danach de» augenblick- lichen Stand der Münchener Kunst messen zu wolle». Nicht planvoll wird da beschickt, der Zufall entscheidet. Das Bismarckbildnist von Lenbach ist an dieser Stelle bereits erwähnt worden. Malerisch feiner ist das Porträt des gegenivärligen Reichskanzlers Hohenlohe, das gleichfalls im Eingangssoal zu sehe» ist. Nicht den gleich vollen Lenbach'fchen Charakter weist ein Bilduiß von Begas, dem Erbauer des Kaiser Wilhelm- Denkmals auf. Den sinnigen Landschaftsmaler Wenglein, der inil Vorliebe das eigenthümliche Jsarthal und die bayerischen MoorflSchen belauscht, und K u b i erscb k y haben eine Reihe ihrer Gemälde ausgestellt. Von jüngeren Münchener Künstlern ist Julius Exter, der Wandelbare und Anschmiegsame/ mit ein paar charakteristischen Proben„Phantasie" und„Himmelfahrt" da. Viel hat dieser junge, leichlbeivegliche Psälzcr im künstlerischen Sinn durchgemacht. Er ist von Extrem zu Extrem gesprungen, bald an die, bald an jene Mode hat er sich leidenschaftlich geklamiuert. Immer aber war ihm ein Grundzug zur Phanlastik eigen. In der jüngsten Zeit hat man sich gewöhnen müssen, Exter ganz ernst zu nehmen. Vor zwei Jahren hat er in München ein Gemälde ausgestellt, das bewies, Exter könne seine Kraft auch konzeulrircn. Ob es nun in steter Entwicklung mit ihm aufwärts gehe» wird? Velz bleibt seinen„singenden Musen", seiner allzu zärtliche» ver- schwimmenden Phanlastik tren. F l e s ch- Brimingen streift mit seiner„Märtyrerin" leicht das Sensationelle. Carl S t r a t h m a n n verharrt in seineniBildern„Maria" und„Prinzeßchen" energisch bei seinem absonderlichen Malverfahren. Noch sei einiger Münchener in der graphischen Abtheilung, die mehr Charakter hat, als die große Bilderschait, besonders gedacht. Es sind Namen, die durch die„Fliegenden Blätter" populär wurde». Da ist Edmund Har- burger mit seinen prächtige» Bauern- und Judenlypen. Da ist der lustige Hengeler, Rens Reinicke, der Zeichner von Gesellschaftsszenen und der pikante Wahle. Ganz spärlich, für die GesammtauSstelluug kaum von Belang, ist die Theilnahme des Auslandes, wen» man von de» Kollekuv- Ausstellungen der Spanier Vollegas und Beaulivre absieht. Die Italiener schickten manches Stück süßer Marklivaare, so Vinea, Andreotti. Davon hebt sich bereits die Virtuosität C o r e l l i' s „Rückkehr von der Weinlese" sehr günstig ab. Ein ernstes Land- schaftsbild giebt Peliti-Rom„Campagna". Von Parisern findet man nur die Landschafter Billolle und Jettel, der von Geburt Wiener ist. Von Niederländern hat C o u r t e n s- Brüssel ein eindrucksvolles Gemälde„Wölfe des Meeres", Jan V e r h a s- Brüssel einige Studien, H. W. M e s d a g- Haag ein paar seiner Seeland- schasten gesandt. Leon F r ä d e r i c- Brüssel, der sonst mannigfach anzuregen wußte, wird diesmal mit dem Triptychon„Die Arbeit" kein Für und Wider erregen. Mit einer Anzahl von Original« zeichnnnge» weiß Jan V e t h- Amsterdam Interesse einzuflößen.— England und Skandinavien sind fast völlig fern geblieben. Man sieht, an eine Jnternationalität unserer Kuustfchail ist nicht im enl- fcrnlesten zu denken. Nur Karlsruhe und einzelne Sanrniel- Aus- stellungen, über die demnächst gesprochen werden soll, unterbrechen den lässig- trägen, stumpfe» Charakter der diesjährigen für Berlin so wenig ehrenvollen Ausstellung. Vleines Isouilleton. Chinesische Literatur. Ein 1200 Bände starkes Universal- sammetivcrk aller chinesische» Wissenschaften und Künste ist in der letzten Zeit in sieben oder acht große» Kiste» in Berlin eingetroffen und in der Bibliothek des Museums für Völkerkunde aufgestellt worden. Dieses riesige mit Karten und Bilder» versehe encyklopädische Sammelwerk trägt den Titel„Ku-Kin-Tdu-Shu-Tsie-Tschheng".(Ku bedeutet einst, Kin jetzt, Thu Karten und Bilder, Shu Bücher und Tsi-Tschheng Sannnlung.i Es ist verfaßt von dem chinesischen Ge- lehrten Chiang-Thing-Hsi,der es in der3.Juug-Cheng-Periode im Jahre 1726 n. Chr. Geb., vollendete; doch erschien es wegen der umfang- reichen und schwierigen technische» Vorarbeiten erst am Anfang der Khien-Lung-Periode, die von 1736 bis 1796 währte. Das Riesen- werk wurde leider in weniger als 100 Exemplaren hergestellt und diese wenigen Exemplare wurden an Prinzen, Minister und an nnssenschaftliche, künstlerische und technische Mitarbeiter verthcilt. Ein Rest blieb in der kaiserlichen Bibliothek zu Peking, so daß wahrscheinlich von dieser ersten Auflage kern einziges Exemplar ins Ausland gekomnien ist. Erst in den letzten Jahren ivurde in Shanghai ein Neudruck veranstaltet, und von dieser neuen, unver- änderten Auflage hat das hiesige Museum für Völkerkunde ein vollständiges Exemplar bezogen. Das ganze Werk zerfällt in sechs große Abtheilungen: Literatur. Philosophie, Astronomie, Natur- künde, Oekonomie und Industrie; und diese wieder zusammen in 6109 Unterabtheilungen mit 10 000 Abschnitten; und es umfaßt 1200 Bände von je etwa 120—200 oder durchschnittlich 190 Seiten. Nach einer Schätzung des Prof. Dr. Hirth in München ist der Text ans über 100 Millionen chinesischen Zeichen zusammengesetzt. Ei» Einblick in das Werk zeigt, daß jede Abtheilung mit zahlreichen Ab- bildungen und Karten nach Holzschnitten versehe» ist, sodaß man sich nach eigener Anschauung eine Vorstellung von der gesaminien uralten chinesischen Kultur machen kann. Das riesige Werk kostet in Shanghai nach unserem Gelde nur 1200 Mark, und es wird wohl bald in den meisten großen Staats- und Privatbibliotheken zu sehen sein, da es auch für jeden, der nicht chinesisch versteht, wegen seines großen Bilderschmuckes viel Interesse erweckt. Für den'Gelehrten aber. der sich mit China beschäftigt, ist es ein fast unentbehrliches Hilfsmittel. Theater. — Viel a n f« i n e n Hieb. Georg H i r s ch f e l d, der Ver- fasser deS von der„Freien Volksbühne" aufgeführten Schauspiels„Die Mütter", hat ein neues Drama„Agnes Jordan" geschrieben, das vom hiesigen„Deutschen Theater" wie vom WicnerBurgtheater angenommen worden ist. Ueber den Inhalt giebt ein Montagsblatt folgendes an: „Das Drama", in dem fast alle Mitglieder des Deutschen Thealers beschäftigt sein werden, enthält 25 Rollen. Es behandelt das ganze Leben einer Frau. Agnes Jordan tritt im ersten Akt als junges, blühendes Mädchen vor den Zuschauer. Wir sehen sie im weiteren Verlause des Werkes als gereiste Frau und Mutter erwachsener Töchter. Erst die Aufführung wird den Nachweis bringen, ob dem Verfasser die dichterische Darstellung einer Metamorphose ge- langen ist, die für die Bühne nicht nngesährlich erscheint. Nr- sprünglich sollte die Dichtung den Titel„Das Leben einer Frau" führen. — O st e n d t h e a t e r. Draußen im dichtbesetzten G.rrtcn ver- gnügle man sich an, linden Sonntag-Nachmittag an den mannigfachen Künsten der Sxezialitätenbnhne. Auch ins Theater halte sich dem schönen Wetter zum Trotz Publikum hinein verirrt, aber allzu viele waren der Mulhigen nicht, die bei den» neuen Schwank„De c Hasenfuß" ausharrten. Das Stück ist anscheiuend aus dem Französischen übersetzt und bringt im tollen Durcheinander eine bunte Reihe komischer Bilder. Das heißt, wenn eS flott gespielt wird. Nicht allzu sehr ist das Künstlerpcrsonal des Ostend lheaterS aus derartige Dinge eingeübt,»nd daher wirkten die vielen Verlegenheiten. die den» hasensüßigenRechlsanwall durch den Argwohn der vertrackten Schwiegermutter bereitet werden, ein bische» unwahrscheinlich und widerspruchsvoll. Man verstand eben nicht völlig die Kunst, so auS- gelassen zu sein, daß das Publikum gar nicht erst zur Besinnung kommen konnte. Immerhin suchten einige der Mitwirkenden auch der neuen, ungewohnten Aufgabe gerecht zu werden; wir nennen da vor allem Herrn Hcckmann, der die Titelrolle mit Eleganz gab, und die� Damen Pauli, Ulrich und Lid. Nach Beendigung des Schwankes das alte Liederspiel„Die Ziller thaler" recht hübsch aus- geführt. — DaS PclkStheater in der Reichenbergcrstraße bat am Sonnabend seine Sommersaison eröffnet. Fortan sollen bei günstigem Welter im Garten Konzerte abgehalten werden, während man ans der Bühne frohe» Muthes voll jeder Temperatur trotzen und die vom Glück begünstigte Arbeit der Ausfrischung älterer Lokalposseu fortsetzen will. Die zweite Serie begann mit dem von Pohl und Wilken verfaßten Volksstück„Auf eigenen Füßen". Sein Held ist ei» junger Lusticus, der als Heidelberger Student fröhlich darauf losgeht. Der alle Erbonkel bezahlt ja alles, und wenn der Knasterbart erst stirbt, dann ist der einzige Erbe völlig aus dem Druck. Aber die Sache kommt anders. Das Testament ist mit so vielen Verklausulirungcn versehen, daß dem Bruder Studio nach langen Irrfahrten nichts übrig bleibt, als ein ordentlicher Mensch zu werden, der ans eigenen Füßen stehen kann. Erst nachdem ihm dies gelungen, fallen ihm mit einer anmnthigen Braut auch die Hunderttausende in den Schooß. Das Stück birgt umncherlei Episoden, aus denen ein geschickter Iiegisseur mit Hilfe sreundwilliger Künstler schon etwas Rechtes machen kann. Und man muß gestehen, daß am Sonnabend jedermann seine Pflicht that, so daß ein« Vorstellung zu stände kam, die aller Ehren werth. An-. muthvoll waren die Damen Grigo und Senden; mit unverwüstlicher Komik spielten die Herren Winkler, Brodel, Kettner, Konrad und Reif, und der Held des Stückes fand in Herrn Arno einen eleganten Vertreter. Da Orchester und Dekorations- maler gleichfalls ihr Bestes gethan hatten, so war das Stück in dem gutbesuchten Hause einer beifälligen Aufnahme sicher. — In Paris hat das Berliner Philharmonische Orchester mit einigen Konzerten ganz bedeutende Erfolge errungen. Der Dirigent N i k i s ch wurde bei dem Abschiedskonzert am Sonntag über- schwenglich geehrt. Physiologisches. — u eber die schädliche Wirkung der Röntgen- sche» Strahlen liegt noch einiges neue Material vor, das un- bedingt von Interesse ist. Es geht daraus hervor, daß immerhin für gewisse Personen eine tristige Veranlassung vorhanden ist, eine andauernde Berührung mit diesen Strahlen z» vermeiden Sovel hat neulich der Pariser Akademie über einige Fälle von ziemlich ernster Erkrankung dnrch die Einwirkung Röntgen'scher Strahlen berichtet. Der eine davon bezieht sich auf ein 16 jähriges Mädchen, das am 29. September vorigen Jahres Gegenstand einer Untersuchung mit diesen Strahlen war. Als Strom- geber diente eine Jndnklionsrolle, welche 10 Zentimeter lange Funken lieferte, die Röhre wurde in der Gegend des Unterleibes nur ein tentimeter von der Haut angesetzt, von dieser dnrch ein dünnes ellnloidblatt getrennt. Die Exposition dauerte mit Unterbrechungen Dreiviertelstunden, die Pausen abgerechnet nur 20 Minuten. 6 Tage später zeigte sich an der den Strahlen ausgesetzt geweseiien Stelle ein rolher Fleck von 6 Zentimetern Durchmesser mit eiiiem iveißen Punkte i» der Mitte, der bei einer Berührung einen leichten Schmerz verursachte. Weitere acht Tage später traten starke Schmerzen ein, und es erfolgte einen Monat lang eine ziemlich reichliche Eiterung. Unterdessen trat eine Wunde derselben Art, aber etwas kleiner am Fnß etwas nnlerhalb des Knöchels auf. Diese Wunde war so schmerzhaft, daß sie absolute Ruhe erforderte und vernarbte nach Verlauf eines Monats. Die Wunde am Unterleibe zeigte am 12. November nur noch einen Durchmesser von 2 Zentimetern, den des ursprünglichen weißen Fleckes, sie Halle zu eitern aufgehört und einen Schorf gebildet, blieb jedoch sehr schmerzhaft. Ende November, nachdem also bereits zivei Monate vergangen waren, wurden die Schmerzen ganz unerträglich, so daß Tag und Nacht Baseli»umschläge mit Zuthaten von Coccin angewandt werden mußten. Das Mädchen war von kräftigem Körper, aber sehr nervös, jedenfalls ist die Nervosität eine erhebliche Prädisposttion für eine schädliche Wirkung der Strahlen, da bei Personen mit gesunden Nerven eine vier bis fünfmal länger« Bestrahlung mehrere Tage hintereinander vorgenommen werden konnte, ohne daß ähnliche Folge» eintraten. Bei einer anderen Gelegenheit erhielt ein neunjähriges Mädchen, dessen Backen und Schenkel mit Hilfe der Strahlen untersucht worden, einen rolhcn Fleck auf dem Schenkel. Die Haut löste sich ab, es bildete sich aber kein Schorf, obgleich die Röhre ganz ebenso angewandt worden war, wie bei jenem Versuche, allerdings in etwas weiterem Abstände von dem Körper. Es ist noch zu erwähnen, daß der Schmerz in jenem ersten Falle der einer schweren Brandwunde war. Der bekannte Physiologe Lannelongne fügte dem Bericht die Bemerkung bei, daß er eine gleiche Wirkung von den chemischen Strahlen der Sonne au Kindern beobachtet habe, die an einem heißen Tage in einem vor de» direkten Strahlen der Sonne geschützten Hofe spielten und ähnliche Wunden an den Hände» und am Gesicht erhielten. Von Bedeutung ist serner noch das Zeugniß des englischen Physikers Crookes, einer der erste» Autoritäten ans diesem Gebiete, der in einer Zuschrift an die Pariser Akademie die Beobachtung von Corel bestätigte, zugleich aber auch darin mit jenem übereinstimmt, daß die Wirkung der Strahlen bei verschiedeneu Personen eine verschiedene sei, er selbst habe z. B. niemals eine schädliche Wirkung der Strahlen aus seinen Körper verspürt, obgleich er wohl mehr mit denselben zu lhun ge- habt habe, als irgend ein anderer Mensch.— Erzichnug und Unterricht. — Die Gräfin Vilma Hugonnay, Gemahlin des Rektors des Budapester Polytechnikums Dr. Vinzenz Wartha, eine ältere Dame, die bereits rn der Schweiz und Deutschland das Doklorat abgelegt hat, wurde am 14. Mai v. I. als erste weibliche Aerzti» in Ungarn promovirt.— Technisches. — In drei Tagen über den Atlantischen Ozean. Nach einer Nachricht in der französischen Fachzeitschrift„L'Electncien" hat ein Amerikaner Richard Plainto» ein Schiff konstrnirt, desien Modell in Providence in den Vereinigten Staaten zu sehen ist und das seiner Konstruktion nach an Geschwindigkeit alle bisherigen Leistungen weit übertreffen soll. Der Erfinder selbst rechnet darauf, die sab'clhaste Geschwindigkeit von 40 Knoten stündlich zu erreichen, mit ivelcher ein solches Schiff die Reise über den Atlantischen Ozean in 3 Tagen vollendet würde. Das Schiff soll 60 Meter Länge erhalte» und wird sich äußerlich in nichts von anderen Schiffen unterscheide». Die Neuerung besteht in erster Linie in der ausgiebigen Anwendung der Elektizitäl, welche dazu venvandt wird, 14 Schiffsschrauben zu treiben, ferner i» den dadurch nothwendige» und möglichen Aenderungen in der Maschinerie. Die vierzehn Schiffsschrauben iverden folgendermaßen angebracht: 3 hinten, in der gewöhnlichen Weise wirkend, 6 vorne drehen sich in umgekehrtem Sinne wie die Propeller und sind dazu bestimmt, auf das Schiff einen Zug nach vorn aus- zuüben. Zu jeder Seite des Schiffes werden also insgesamnit sieben Schrauben lhätig sein. Die Triebkraft des Dampfes ist nach der Ansicht des Erfinders gegenwärtig bereits in dem äußerst möglichen Grade ausgenutzt und kann eine größere Geschwindigkeit als höchstens 13—21 Knoten nicht erzeugen. Weitere Fortschritte seien daher der Elektrizität vorbehalten. Besonders wird noch darauf hin» gewiesen, daß es eine ewige Klage der Marineminister sei, daß in den Kriegsschiffen zu wenig Platz für die Unterbringung der Mannschaft, der Bewaffnung, der Kohlen- und Lebensvorräthe bleibe, da die nothwendige Maschinerie einen zu großen Raum für sich in Ansprnch nehme. Dazu kommen»och als weitere Unannehmlichkeiten des Dampsbetriebes: die Hitze der Dampskeffel, die fortgesetzte Er- schütterung durch die Pumpen und die schrecklichen Stöße, die das ganze Schiff erleidet, wenn die Schiffsschraube einmal außer Wasser kommt. Die neuen elektrischen Motoren würden diese Nachtheile sämmtlich beseitigen. An stelle der riesigen Schrauben, die bis zu 1600 Zentner wiegen, treten 14 oder sogar 16 kleinere, die längs den Seiten des Schiffes angebracht werden, und außerdem noch 2 von einem besonderen Typus ganz hinten. Jede Schraube ist eine Maschine für sich, wenn eine oder ein paar beschädigt werden, so bleiben die übrigen zum Betriebe verfügbar. Die Drähte, welche den elektrischen Strom den Schrauben zuführen, führen zu einer Tafel, von der aus eine Person mittels Commutatoren die Schrauben einzeln oder zusammen in Bewegung bezw. in Ruhe setzen kann. Die Maschinerie zur Erzeugung des nolhwendigcn Dampfes für den Betrieb der Dynamos wird einen verhältnißmäßig kleinen Raum einnehmen. Die elektrische Krast wird durch Drähte von den Dynamos direkt zur Schraube geleitet. Gegenwärtig macht eine dnrch Dampfkraft bewegte Schiffsschraube 136— 156 Umdrehungen in der Minute. Man kann fast sagen, daß für einen durch Elektrizität betriebenen Propeller die Geschwindigkeit unbegrenzt ist. Man hat mit solchen Motoren 1600 und mehr Umdrehungen in der Minute erreicht, in der Praxis dürfte man auf 650—800 Um- drehungen rechnen.— Vermischtes vom Tage. — Ein Hohen zollern- Schauspiel, das vom deutschen Kaiser Wilhelm II. inspirirt sein soll, ist am Sonntag in W i e 3- baden anfgeführt worden. Es heißt„Der Burggraf". Als Verfasser wird ei» Herr Josepb Lanff genannt. Der Kaiser wohnte nicht allein der Anfsührung, sonder» auch der Generalprobe bei, und begab sich am Sonntag Nachmittag nochmals in das Theater, um die letzte» Vorbereitungen in Augenschein zu nehmen.— — Meyer's und Brockhaus' Lexika sollen vereint iverden. Die Finna F. A. Brockbans hat, wie gemeldet wird, dem Bibliographischen Institut für seinen Meyer eine kolossale Summe geboten und beabsichtigt, beide Konversationslerika in Zukunft nur noch in einer Ausgabe Heranskommen zu lassen.— — In Görlitz hat sich letzte Nacht der Rechtsanwalt Weife ans unbekannten Gründen erschossen.— — Franz Wirth, ein Führer der Friedensbewegung(Patent- anwalt in Frankfurt a. M.), ist im Alter von 71 Jahren ge- storben.— — Der Geh. K o m m e r z i e n r a t h B a a r e ist in Bochum im Alter von 76 Jahren an Altersschwäche gestorben. Baare war bis vor zwei Jahren Generaldirektor des Bochumer Vereins. Die „gestickten Schienen" haben den Mann in aller Welt bekannt gemacht.— — Im Z u ch t h a u s e von Dartmoor starb in dieser Woche der Einbrecher David Griffin. Von den 56 Jahren seines Lebens hat er 46 Jahre im Gefängniß zugebracht. Von Geburl war Griffin ein Jrländer. Griffin soll der Erfinder der Gcberdensprache der englischen Sträflinge sein.— — Unwetter. Aus Bndweis meldet man, das infolge an- haltender Regengüsse eingetretene Hochwasser richtete hier vielfachen Schaden an, es drang in die niedriger gelegenen Häuser der Bahn- hofsslraße und überfluthete auch den Bahnhof. Ans der Linie Bndweis-Linz fand ein Dammrutsch statt, infolgedessen der Güter- verkehr auf dieser Strecke eingestellt werden mußte, während der Personenverkehr ausrecht erhalten wird. Das Hochwasser ist noch im Steigen begriffen.— — Der Spruch des Schiedsgerichts über die Lippesche Thronfolge soll, wie aus Detmold gemeldet wird, bestimnit am 21. Juni gefällt werden. Das Schiedsgericht unter dem Vorsitz des Königs von Sachsen werde an diesem Tage zu dem bezeichneten Zwecke im königlichen Schlosse zu Dresden zu- sammentrete».— — Eine allgemeine Kunst- und I n d u st r i e- Ausstellung ist am 15. d. M. in Stockholm eröffnet worden.— — U e b e r ein Eisenbahnunglück wird aus I e k a t e r i- n oslaw(Rußland) berichtet: Unweit des hiesigen Bahnhofes fand ein Zusammenstoß eines Güterzuges mit einem Arbeiterzuge statt. Sieben Waggons wurden zertrümmert; ei» Arbeiter wurde getödtet. Ter Maschinist, zwei Schaffner und zwei Arbeiter erlitten Vcr- letzungen.— — Ein w e r t h v o l l e r S ch w e i n e m a g e n. Dem„British Medical Journal" wird von seinem Pariser Korrespondenten das Kuriofum gemeldet, daß mau neulich indem Magen eines Schweines, welches unmittelbar, nachdem es ans dem Markte gekauft war, ge- schlachtet wurde, zwei 100 Franknoten, in einer Metallscheide ein- geschlossen, fand. Die Bauknoten waren in einem vollkommen rein- liehen Znstande und nur das sie einschließende Metall war durch den Magensast schwach oxydirt.— Verantivortlicher Äledaktenr: Robert Schmidt in Berlin. Druck und Verlag von Max Babing in Berlin.