Anterhattungsblatt des Horwärls Nr. 99. Donnerstag, den 20. Mai. 1897. AI (Nachdruck verboten.) Ein alkev Skveib. Noniail aus dem bayerischen Volksleben der sechziger Jahre von W i l h e l m i n e v. Hillern. Drin im Zimmer nöthigt ihm die Haushälterin das Frühstück auf, während er es einnimmt, flüstert sie ihm zu: „Draußen steht die Wiltraud! I bitt' Jhna, Herr Pfarrer, — heut Nacht hat's schon wieder ein'n bei sich g'habt— trotzdem, daß ihr Bruder g'storben ist. Dös könne doch der Herr Pfarrer nimmer leiden!" „Schamlose Person das— ganz verloren sagt der Geistliche siirnrunzelnd. „Ja— und dann— fragen doch der Herr Pfarrer, wo denn der Sebald versehen worden ist?' tuschelt sie ihm noch schnell ins Ohr. Der Pfarrer, der immer sehr wenig genießt, läßt daS de- gonnene Frühstück stehen:„Rufen Sie die Person herein!* „Du sollst'reinkomme!* sagt die Haushälterin uud zieht sich dann diskret zurück, um an der Thür zu horchen. „Grüß Gott, Hochwürden Herr Pfarrer!" „Guten Tag! Du wünschest?" „I Hab' den Tod von mei'm Bruder ansag'n woll'n." „Wart' einen Augenblick." Der Pfarrer geht an ein Stehpult, wo ein großes Buch liegt, und schlägt eine Seite auf:„Aha! Sebald Allmeyer, geboren 2. Februar 1848—* er nimmt die Feder:„Gestorben?" „Gestern, am 13. Juni." Der Pfarrer schreibt ein:„13. Juni 1867. Wo?" „Auf'm Weg zwischen Penzberg und Heilbrunu." „Versehen?" „Nein!" „Wieder einer! Der Vater nicht, und nun auch der Sohn nicht." „Aber Hochwürden— i kann ihn doch auf der Landstraß nit versehen lasten." „Ja, einen Grund habt Ihr immer, Ihr Allmeyer's, das ist man bei Euch schon gewohnt. Als ob Du nicht mit ihm beim Pfarrer von Bichl— wo Du ja durchkamst— hättest halten können!" „Da Hab' i ja noch nit g'wußt, daß er so g'schwind stirbt." „Und das wäre wohl ein großes Unglück gewesen, wenn er ein paar Stunden zu früh versehen worden wäre?" Wiltraud schweigt. „Wann hat er denn zuletzt im Gefängniß gebeichtet?" „Dös weiß i nit Hochwürden." „Hast Du ihn nicht gefragt?" Wiltraud schüttelt den Kopf. „Natürlich! Nach so gleichgiltigen Dingen wie Beichte und Kommunion fragt man nicht. Nach allem anderen eher, als danach!" „Er hat's Blutbrechen g'habt, wo er ankommen ist." „Nun? Umsomehr hättest Du ihn fragen sollen!" „I Hab''n halt nit scho' im ersten Augenblick derschrecken woll'n. Da Hütt' er glei'g'sehn, daß es schlecht mit ihm steht. Er hat mi so viel derbarmt!" „„So— aber seine arme Seele hat Dich nicht erbarmt, wenn sie um ihr Heil kommt?" „O Hochwürden, so grausam wird unser Herrgott nit sei!" „Meinst Du? Nun ja, Ihr wißt ja alle mehr vom lieben Gott, als wir Geistlichen, die Theologie studirt haben.— Euresgleichen nimmt sich's nicht schwer; das macht sich so einen bequemen, zweideutigen Herrgott zurecht, wie es ihn braucht,— der nichts zu lhun hat, als Euch Eure Sünden zu verzeihen!" „O Hochwürden, die Sünden, die der Sebald auf'm G'wissen hat— sind leicht z' verzeihen!" „Hast D u darüber zu entscheiden oder i ch?" „I mein' halt, so viel kann ma doch von sich selm wissen!" „Also braucht Ihr auch keinen Seelsorger mehr, wenn Ihr Euch untereinander selbst absolviren könnt." „Mei! Wenn wir schlecht über'n andern urtheilen, heißt's, wir soll'n ml richten— und wenn wir einen in Schutz nehmen, nacher ist's'm Herr Hochwürden Vorgriffen! Z'letzt sollt ma gar kein'n— nit den eignen Bruder mehr lieben und achteitz als wo's der Herr Pfarrer erlaubt?" „Allerdings, das wäre auch das beste für Euch!" „Da dürft ja niemand kei eigens G'wiss'n mehr hab'n." Der Pfarrer sieht Wiltraud an mit einem Blick, daß sich ihr das Herz zusammenzieht. Man sollte meinen, ihr bleiches Schmerzensgesicht— ihre Schönheit hätte in den Augen eines sterblichen Menschen für sie bitten müssen. Aber für diesen Herrn giebt es keine Schönheit und kein Mitleid.„Sieh, sieh— so spitzfindig ist Eure Habererschule," sagt er niit einer Kälte, die schlimmer ist, als die maßloseste Heftigkeit.„Du sprichst vom Ge« wissen,— eine Person, die längst mit Pflicht und Gewissen brach, die sich um kein Gesetz der Kirche uud der Sitte mehr kümmert?" Wiltraud stürzen die Thränen aus den Augen:„Herr Pfarrer, was Hab' i denn than, daß Oes so was sagt's?" „Nun beispielsweise— wie oft hast Du seit Deine? Vaters Tod gebeichtet?" „Einmal an Oster»!" „Wo?" „In Wackersberg, drent von der Wastcrscheid.'' „Aha— wo man Dich nicht kennt? Hast Du»om» munizirt?" Wiltraud blickt zu Boden:„Nein!" „Warum nicht?" „I bin was g'fragt ward'», waS i nit Hab' sag'» können, weil i's versprochen Hab', und da bin i nit absolvirt word'n." „Das mag was Schönes gewesen sein!" Wiltraud zuckt zusammen, faßt sich aber wieder und sieht den Pfarrer gerade an:„Hochwürden, weg'n mir hätt' i'S ruhig sagen dürfen— aber weg'n dem andern nit." „Also ein Mangel an Vertrauen." „Auch nit— blos weil i's halt versprochen Hab'! Und a Versprechen muß ma doch halten— nit?" „Ja, besonders bei den Haberern? Die verstehen eS, Verschwiegenheit zu erzwingen. Da sind wir alle ohnmächtig dagegen." „I laß mi zu»ix zwingen, was i nit thun will." „Da haben wir wieder die Selbstherrlichkeit? Wie wird es aber damit stehen, wenn i ch Dich frage, wer die Männer sind, die Du wochenlang beherbergt hast?" „Dös kann i scho sagen. Hochwürden: der Tenner war'S, der Habenneistcr, der todt drüben beim Hochbräu liegt. Dem thut's nix mehr, wann i's sag'." „Dem nicht— aber vielleicht einem andern?" „Hochwürden— ausforschen laß i mi nit!" „Gut, dann komnien wir direkt ans den zweiten Punkt, von dem ich vorhin sprach: den der Sittlichkeit.— Du mußt nicht glauben, daß Dein Treiben da draußen auf der Mühle noch ein Geheimniß ist! Du hast heute Nacht wieder einem Unbekannten Unterschlupf gegeben, ich müßte mich vor der ganzen Gemeinde schämen, wenn ich ein solches Benehmen von einem ihrer Mitglieder duldete.— Ich will nicht sagen, was i ch davon denke, ich habe es längst ausgegeben, mich mit Dir zu beschäftigen, aber ich habe dafür zu sorgen, daß wenigstens der Schein gewahrt wird.— Wenn es also noch einmal vor- kommt, daß ein Mann bei Dir, einer alleinstehenden Person übernachtet, so bin ich genöthigt, dem Vorsteher die Sache zur Anzeige zu bringen.— Adieu!" Er dreht Wiltraud den Rücken, als ob sie nicht mehr im Zimmer sei, und geht an sein Stehpult. Wiltraud aber rührt sich nicht. Es ist, als habe sie der Schlange ins Auge geblickt, von der man fabelt, daß sie ihr Opfer erstarren mache, bevor sie es vernichtet.— Also, s o sprach man von ihr? Sie, die sich rein wußte vor Gott und Menschen, stand schlimmer da als eine Gefallene, die mit ihrer Reue um das Mitleid der Menschen hausircn geht? „Hochwürden— wer hat mir dös aufbracht?" „Ich denke, die Reihe zu fragen wäre an mir, wenn ich überhaupt noch Zeit für Dich übrig hätte; ich sagte Dir aber bereits Adieu!" Wiltraud steht unbeweglich:„Hochwürden, wer dös'thun that, der ist schlechter als a Haberfeldtreiber, denn der sagt's die Leul' wenigstens ins G'sicht und nit hinterm Riicken, daß ma sich nit vertheidigen kann." „Nun, die Gelegenheit wäre Dir ja gegeben, wenn Du nicht jeden Aufschluß verweigertest. So lange Du aber das thust, mußt Du Dir jede Deutung Deines Benehmens gefallen lassen." Wiltraud sieht ihn scharf an:„Ja, Hochwürden, da habt'S rechts" Beide schweigen. Der Pfarrer beschäftigt sich wieder mit Eintragen. Nach einer Weile wendet er sich um:„Nun also, was wünschest Du noch?" „I Hab' ja noch nit g'sprochen, weg'm Begräbniß?" „Was ist da viel zu reden? Morgen Abend, wenn es dunkel wird, laß' ich ihn holen." „Wie?" sagt Wiltraud, die ihn nicht verstanden zu haben glaubt. „Morgen Abend wird der Schreiner den Sarg bringen und dann kommt er hinaus." „Ja, soll er denn ins Leichcnhaus?" fragt Wiltraud be- fremdet.„I will ja erste Klasse für ihn zahlen." Nun sieht der Pfarrer sie seinerseits erstaunt an: „Für den Sebald? Das würde ich überhaupt nicht thun — wie sollte ich denn die bessern Leute begraben, wenn ich solche wie Ihr erster Klasse begrübe? Und dann vergißt Du die Hauptsache, daß Dein Bruder ein Haberer war, der ohne Beichte und Absolution starb und also das christliche Begräbniß verscherzt hat." Jetzt ist der Streich gefallen, der die junge unbeugsame Krone zerschmettert und tief ins Mark hinein die tödtliche Wunde reißt. „Herr Pfarrer— Hochwürden— stammelt Wiltraud, „nein, nur dös nit! Den Sebald, den unschuldigen, wie'n Verbrecher—! Jesus, Maria,— wenn noch'n Erbarmen in Euch ist, so thut mir dös nit an!" „Nun, ich denke, das ficht solche Freigeister wie Ihr nicht an. Wenn man bei allem den Pfarrer entbehren kann— wird es wohl bei dieser Gelegenheit auch nicht drauf ankommen." „Herr Pfarrer, i versteh' schon, wo's'naus wollt's. Aber ös irrt's Euch. I bin kei so schlechte Christin wie Oes meint's, i kann's ja nit so sag'n— und Oes wollt's nit glaub'n, daß ma doch im tiefsten Herzen an unsrer heiligen Kirch hängen kann, wann's auch äußerlich nit den Anschein hat.— Hochwürden i— b i t t!" Und keines Wortes mehr mächtig, in Thränen ausbrechend, stürzt sie vor dem Pfarrer nieder und drückt einen Kuß demüthigsten zitternden Flehens auf seine knöcherne Hand. Er entzieht sie ihr— nochmals hascht sie danach— blind vor Thränen— wie nach dem letzten Halt:„Er- barmen—!" „Mein Gott, führen wir doch nicht solche Szenen hier aus! Was nützt mir diese Reue, jetzt, weil nicht alles nach Deinem Wunsch geht, das hat keinen Werth. Zuerst sich gegen den Pfarrer auflehnen, die Sakramenle verschmähen— und dann, wenn man den Ernst sieht, um Gnade betteln. Das ist wohlfeil!"_(Fortsetzung folgt.) Nllsemeine Gtrvkenbau-Ausptellnng iit Hamburg. Wie neulich schon kurz initgetheilt. wurde am I. Mai die inter- nationale Gartendau-Ausstellung eröffnet. Rein äußerlich unler- scheidet sich dieselbe von allen bisherigen ähnlichen Unternehmungen durch ihre räumliche Größe, durch ihre Zeildaner und dadurch, daß sie am Eröffnungstage fix und fertig war. Die Ausstellung, welche fünf volle Monate dauern wird, befindet sich in dem landschaftlich hervorragend schönen Park zwischen Millernthor und Holftenthor, dort wo sich die ehemalige Vorstadt St. Pauli von der Neustadl scheidet, und nimmt einen Raum von ungefähr 200 000 Quadratmeter» (etwa die Größe des Binnenalster-Beckens)«in. Die Ausstellung umfaßt das gesammte Gebiet des Gartenbaues, alle Pflanzenkulturen und säinuilliche mit dem Gartenbau in Be- ziehung stehende Gebiete der Industrie. Zur Beschicknng ist jeder Gärtner und jeder Freund des Garten- und Obstbaues zugelassen, ohne Unterschied der Nationalität. Es ist wohl das erste Mal, daß eine Gartenban-Ausstellung sich so umfassende Aufgaben gestellt und den Versuch unternommen hat, in ununterbrochener Reihenfolge das Gesammtgebiet des Gartenbaues in seiner internationalen lEntwickelung vorzuführen. Um wegen der langen Dauer der Ausstellung das Interesse des Publikums und auch der Aussteller nicht in Frage zu setzen, hat mau das UnUrnehmen in verschiedene, in sich abgeschlossene Ab- theilungen gelheilt. Neben der von Mai bis Oktober währenden Dauerausstellung lausen noch sechs Sonderansstellungen, für welche schon jetzt Anmeldungen in großer Zahl eingegangen sind. Wie schon oben gesagt, befindet sich die Ausstellung auf einem landschaftlich sehr schönen Terrain. Eine geräumige Ebene wird durch eine vom alte» Stadtwall herrührende Hügelkette in zwei etwa gleich große Theile geschieden. Die parkartig mit alten Bäume» bestandenen niedrigen Hügel flankirt auf der Westfeite ein Theil des Stadlgrabens, aus und an dem allerhand Wasserkünste dem schweifende» Auge reiche Abwechslung bieten. Ei» so ge- staltetes Terrain ist sicherlich geeignet, die gesammte Ausstellung, die sich zu einem sehr großen Theile frei im Gelände darbietet, vor dem trotz aller Farbenpracht eintönigen Einerlei vieler anderer Garten- bau-Ausstellu»gen zu schützen, bei denen man alles auf großen Stellagen vielleicht an sich ganz wirkungsvoll aufgestapelt hat. Tritt man von Norden, vom Holstenthor, auf den Ausstellungs- platz, so hat man gleich zur Rechten die erste der Wandelhallen, die sich in einer Länge vo» 460 Meter» an der ganzen Westseite der Ausstellung hinziehen. Sie dienen während der ganzen Zeit Aus- stellungszwecken und werden beim Wechsel der Eonderablheilungen stets eine neue Ausstattung erhalten. In der ersten geräuuiigen Halle befindet sich zur Zeit eine Spezialausstellung der ob ihres Gartenbaues viel gerühmte» Stadt Wandsbeck, welche am Freitag, den 14. d. M., eröffnet wurde. Diese Spezialausstellung umfaßt alle Sorten Pflanze», die im Freien gezüchtet sind, in Kallhäusern und im Warmhaus. In der zweiten Halle hat der Besitzer des größten europäischen Palmenhaines, Zl. Winter in Bordighera in der Nähe von Nizza, eine große Kollektion der verschiedensten Palmenarten ausgestellt, als Dattel- palme(Phoenis dactilifera), Zwergpalme(Chamacrops humilis) u. s. w. Angenehm durchwirkt sind diese Palmenrethen durch eine große Anzahl bizarrer Orchideen. Von dieser großen Pflanzcnsamilie finden sich zahllose Arten, vor allem Cypripedien, Odontogloffen und Cattleya. In einem nach Südosten geöffneten Verbindungsgang wechseln schlanke Araucarien mit den bizarrste» Arten von Agaven und Opuntien, unter denen sich Exemplare be- finden, wie man sie so groß in Deutschland wohl selten zu sehen bekommt. Auf dem weiteren Wege durch die Wandelhallen durchschreitet man Beete von Cinerarie», Lencanthemum, Primeln, Anthnrien und Calceolarien. Den Beschluß macht die große Bindehalle, in denen täglich prachtvolle Erzeugnisse der Bindekunst ausgestellt werden. Au den» Hauplrestaurant vorbei gelangt mau sodann in die Haupt- ausstellungs-Halle. Dieselbe ist ein Rieseukuppelbau, der auf mächtigen weiße» Säulen ruht. Die Halle ninfaßl einen Raum von 7400 Quadrat- meier». sie ist zur Zeil wintergartenähnlich ausgestattet mit Koniferen- und Palmendickichten an den Seite» und einem von Calla aethio- pica Cenerarien, Arancarie», Orangen und Azaleen geschmackvoll bestandenen grünen Rasenkissen in der Mitte. Der weite Raum der Halle hat es ermöglicht, ihrem Boden eine recht abwechslitngsreiche landschaftliche Gestaltung zu geben. Aus der Halle gelangt man durch einen sich zum Stadtgraben senkenden Felsenlunnel ins freie Gelände, wo vor allem Baumschulen und ausgedehnte Rosarien Ausstellung gefunden haben. Zwischen Stadt- graben und den Wandelhallen befinden sich zur Zeil weite Beete spät blühender Tulpen, zu denen besonders Holland und auch Leipzig große Kollektionen geschickt haben. An der Nordseile des Stadtgrabens hat man hinter saftgrünen Nasenflächen, die an den Seiten mit Conifere» aller Arte» besetzt sind, ein Warmwasser- Becken erbaut, wo allerhand exotische Wasserpflanzen im Freien gezüchtet werden, wie Sagitarien, Papyrus, Nelumdimn speciosum (Lotosblume) und unter den verschiedensten Nymphaeen die prächtige Victoria regia. Gruppen vo» Rhododendren. Conifere», Agaven, Rosen und wiedernm Ivette Tulpenbeete bedecken den weiten Platz bis zum Nordeingang, wo wir den Park betrete». Wende» wir uns nun links nach der Ostscite des Stadtgraben?, o treten wir in die Haupt-Rosar,en, in denen eine Unzahl hoch- und»iederstämmiger Rosen»ntergebracht sind. Am Ende der großen Rosenbeete, die letzt»och recht öde und trist aussehe», dort wo die große Hängebrücke, die von der Haupthalle über den Stadlgraben ührt, mündet, wenden wir uns durch die Hügel des SladtwalleS hindurch»ach dem Gelände der Obstausstelluug, das jetzt eben- alls noch recht öde aussieht. Erst weiiige der in langen Reihen eingepflanzten der Persicum-, Pirus- und Prunns- Arten haben schon grüne Knospen getrieben, und»och muß sich das Auge genügen lassen an dem bunten Blumenflor auf de» Rabatten. Im Hintergründe der Obstkultnren erstrecken sich ini weile» Bogen die Jndustrieballe» in einer Längenausdebnung von 300 Meter». Alle mögliche» Erzeugnisse der Industrie, wie sie mit dem Garten- bau in Verbindung stehe», sind hier ausgestellt. Manches, das man hier sieht, steht»iit dem Gartenbau allerdings in einem etwas sehr losen Zusammenhange, und manches erinnert an den Jahrmarkt. Zum Schluß wollen wir noch zweier Sonderinstitute erwähne», die einzige», in denen ein besonderes Eintriltsgeld erhoben wird. Eins derselben, ein Palästina-Panorama. wird erst am I. Juni er- öffnet. Das andere, die Vegelalionsgnllerie, übt schon jetzt eine ' Anziehung aus. Die Gallerie birgt ein« Reihe 10 Meter und 22 Meter langer CharakterbUder von dein Hamburger Maler Friedrich Schwinge. Nach Art der modernen Panoramen sind alle Bilder mit einem plastischen Vordergrunde versehen, der «benfalls von Schwinge herrührt. Sämmlliche Bilder besitzen den Schein absoluter Natürlichkeit, die den Beschauer besonders beim kehlen Bild, einer Partie aus der Lüneburger Haide in Gewitter- stimmung, geradezu frappirt. Als am I.Mai die Ausstellung eröffnet wurde, begann dieselbe mit der Frühjahrsausstellung, in der besonders Rhododendren, Azaleen, Cinerarien, Orchideen und Primeln dominirlen. Dieselbe wurde abgeschlossen am 9. Mai. Vom 28. Mai bis zum l. Juni dauert die folgende Sonderausstellung, in der Pelargonien vor- herrschen werden. Im Juli wird die eigentliche Rosenausstellung stattfinden, und zwar werden die Glanztage der 2. bis 6. Juli sein. Ende August beginnt die Herbstausstellung, die nach kurzer Unter- brechung von der Obstausstellung abgelöst werden wird. Schon jetzt erfreut sich die Ausstellung eines recht regen Zu- spruches von auswärts, und da das Interesse des Hamburger Publikums ein ungewöhnlich lebhaftes ist, wie der tägliche Besuch zeigt, so dürfte schon jetzt der Ausstellung ein recht günstiger Ver- lauf geweissagt werden. Die Kosten sind schon jetzt nahezu durch den Verkauf von Dauerkarten, die die Anzahl von 70 000 fast erreicht haben, gedeckt. Hoffentlich macht das Komitee der Ausstellung durch häufige, recht niedrige Normirung des Eintrittsgeldes es den weitesten Kreisen der Bevölkerung möglich, sich an dem schönen Unternehmen zu erfreuen.— E m i l K r a u s e. Helvrnkhktkcn bei drv Dolvisev VeLmdkAkAsieopsze. Die„Baseler Nachrichten", ein bürgerliches Blatt, schreiben: kläglich laute» die Berichte über das Benehmen der Herren von der souuesse doree, die sich beim Ausbruch des Brandes in dem Bazar beianden und nicht nur eine unritterliche Eilfertigkeit an den Tag gelegt haben, sich zu retten, sondern auch in brutalster Weise aus die unglücklichen Dame» stürzten und los« hieben, die von der Panik ergriffen, sich in Haufen znsauime»- drängten. Man beginnt bereits Namen junger A b k ö in m l i n g e von Kreuzfahrern zu nennen, die in so eigenartiger Weise Proben ihrer gymnastischen Behendigkeit und ihrer Muskelkraft ab- legten. Zahlreiche der trotz ihnen geretteten Damen tragen nämlich Verletzungen an ihren Körpern, die nicht von den Flammen, sondern von Fausthieben, Fuß- st ö ß e n und Stockschlägen herrühren. Der„Eclaire", der eine unparteiische Untersuchung über die skandalösen Gerüchte eingeleitet hat, bringt folgende interessante Mitlheilungeu:„Der Uutersuchungs- richter. Herr Bertulus, kennt die Namen derer, die sich so schmählich aufgeführt haben, er kennt sie, ohne nach ihnen geforscht zu haben. Er erklärte uns auf unsere Anfrage:„Ich empfange in meinem Kabiuet Damen, junge Mädchen und Schwestern; ich frage sie über die Thalsachen aus, denen sie als Zeugen bei- gewohnt haben. Aber jeden Augenblick verlieren diese Zeugen den Gegenstand meiner Frage aus den Augen und brechen in Eulrüstnngsbezeugungen gegen die Männer ans, die sie feige im Stiche ließen und deren Brutalität in vielen Fällen ihre Flucht verzögerte. In diesem Augenblicke bitte ich sie, bei dem Gegenstand meiner Frage zu bleiben. Ich habe nicht eine An- gelegenheit der reinen Moral, eine Ehrenfrage zu untersuchen. Ich lehne entschieden ab, Namen von Männern angeführt zu hören, die einen derartigen Mangel an Mttth zeigten. Das Gesetz ist machtlos gegen Brutalitäten und Gewaltthaten, die von dem Triebe der Selbsterhallung diktirt, begangen werden. Hier ist der Ausspruch Adrien Decourelles am Platze:„Die Verachtung ist die Verlänge- rung des Strafgesetzbuches.— Andererseits hat der mit dieser delikaten Untersuchung betraute Berichterstatter des„Eclair" in den Kreisen der vornehmen Gesellschaft folgende Feststellungen gemacht.„Eine noch krank darniederliegende Dame zeigt ihren Freundinnen ihren Armen mit den Worten:„Sehen Sie diese Wundenmale an! Sie rühren von dem Spazierstocke eines Mannes her, der mich ans dem Wege stieb, um sich in Sicherheit zu bringen." Die Frau eines Künstlers vermochte sich dank einem Manne zw retten, der sich rücksichtslos eine Bahn mitten durch die entsetzten Frauen öffnete und über sie, die er zu Boden geworfen. dahinlrat. Die Dame drängte sich hinter ihm her und kam so mit dem Lebe» davon. Eine junge Frau war gerettet und befand sich an der Thüre außerhalb des Bereiches der Flammen: ein Mann stürzte an ihr vorbei und gab ihr, obgleich gar keine Gefahr für ihn mehr vorhanden war, in seiner feigen Ueber- stürzung einen Schlag vor den Busen, der ihr eine gefährliche Ver- letzung zufügte. Frau Feulard, die Gemahlin jenes unglücklichen Arztes, der sich, kaum an der Thür angelangt, wieder in die Flammen stürzte, um sein in deni Gedränge verloren gegangenes Tdchterchen zu retten, und mit diesem zusammen den Tod in dem Feuermeere fand, versichert, von drei Männern, deren Namen sie kennt, ge- stoßen und geschlagen worden zu sein. Die Verwandte eines de- kannten Finanziers, die von der wogenden Menge zur Erde ge- schleudert worden war, wollte sich erheben, richtete den Kopf in die Höhe und streckte die Hände aus. Ein junger Edelmann, der fürchtete, daß sie sich an ihm sesthäkeln und seine Flucht verzögern könnte, versetzte ihr einen so starken Fußtritt, daß die Schulter des jungen Mädchens noch die Spnr davon trägt. Ein junges Mädchen, Frl. de L...., die eines der Hanptmitglieder des Komitees ans der Straße majestätisch Ruhe predigen hörte, hielt ihm in ihrer Entrüstung ihre kleine Faust vor's Gesicht und rief:„Gehen Sie doch einmal da hinein, um zu sehen, ob man dort ruhig ist!" Eine sehr vornehme Dame der Gesellschaft erklärte rund heraus, daß die meisten Herren, die den Bazar besuchten, Beweise erbärmlich st er Feigheit und empörendster Roh hei t an den Tag legten. Eine andere Dame sagte zu ihrem Vetter, der sie rücksichtslos in dem Flammen« meere im Stiche gelassen hatte, um sich zu retten, während sie mit Hilfe eines Dieners sich in Sicherheit zu bringen vermochte: „Wahrlich, mein Herr, man thut an solchen Tagen besser daran, mit seinem Kammerdiener, als mit einem Verwandten auszugehen." Diesen häßlichen Anekdoten stehen, wie bekannt, erhebende Beweise von Aufopferung gegenüber, die aber merk- würdigerweise nur von einfachen Leuten aus dem Volke abgelegt wurden. Das ist um so beschämender sür die vornehmen Besucher des Wohllhätigkeitsbazars. Die Wiener„N. Fr. Pr." schreibt hierzu: Man darf jedoch aus diesen einzelnen Vorkommnissen nicht aus den Mulh der Männer im allgemeinen schließen. Die jungen Kavaliere im Bazar waren feige, das ist erwiesen. Diese Jünglinge vertragen nur das milde Licht der elektrischen Lampen in den glänzend erhellten Salons, in welchen sie zu Hanse sind oder, besser gesagt, bis jetzt zu Hanse waren. Aber jene m u t h- vollen lli e t t e r, der tapfere B l e i- A r b e i t e r, der K ü ch e n b e d i e n st e t e vom Hotel du Palais, die Kutscher und S t a l l b u r s ch e n des Baron Rothschild, welche in das brennende Gebäude eindrangen und hunderte von verzweifelten Frauen mit Gefahr ihres eigenen Lebens retteten, sie gehören auch zum männlichen G e s ch l e ch t e und waren jedenfalls Männer, wirkliche Männer. Einem Vertreter des„Temps" sagte der Maler RaffaLlli, dessen Frau und Tochter aus dem Brande entkommen sind:„Drei Freun- binnen meiner Frau sind geschlagen worden. Eine von ihnen, die ihren Verletzungen wahrscheinlich erliegen wird, befand sich nahe bei der Leiter, die an die Mauer des Hauses angelehnt worden war, wo das Journal„La Croix" sich befindet. Sie wollte auf die Leiter steigen. Um sie zum Loslassen der Leiter zu zwingen, versetzte ihr jemand einen Stockhieb auf die Hand, der ihr den Finger brach." Nach einer anderen Version allerdings soll die Unglückliche nur geschlagen worden sein, weil sie, vor Schreck gelähmt, auf der Leiter stehen blieb und den anderen den Weg zur Rettung ver- sperrte. Herr Achill« Fould hat deni Vertreter des„Temps" erklärt, daß zwei Männer, deren Namen er kennt, an Frau Fould vorbeiliesen und daß einer von diesen ihr einen Faustschlag versetzte. Den Mulh, der den Männern gefehlt hat, scheinen die Frauen besessen zu haben. So wird beispielsweise folgendes erzählt:„Die Frau und Tochter des Dichters Heredia eilen dem rettenden Aus- gange zu, das Feuer ist ihnen hart auf den Fersen. Zivischen die Beiden ist eine alte Dame geralheu. Die alte Dame tritt ruhig zur Seite und sagt zu der ihr nachfolgenden Mademsiselle Hcridia: „Nach Ihnen liebes Fräulein! Man darf eine Tochter nicht von der Mutter trennen!" Vleinrs IseniNrkotr« Mnsik und Dichter. Ueber die Ansichten, Kenntnisse. Sym- pathien und Antipathien bestimmter Schriftsteller hinsichtlich der Musik ist schon viel geschrieben worden. Eine englische Revue ver» öffenllichte erst kürzlich einen interessanten Artikel über diesen Gegen- stand, dem wir entnehmen, daß Alphouse Daudet große Abneigung gegen die Musik hegt und Theophil« Gautier sie als die uncrträg- lichste Art von Lärm bezeichnete. De Qnincey, der berühmte englische Literat, dem mau den Beinamen„Opiumesser" gab, brachte der Tonkunst das größte Interesse entgegen. Er war ein Be« wunderer Händel's, Mozarl's und Beethoven's; Mendelssohn jedoch sprach er jegliche musikalische Begabung ab und erklärte dessen „Antigone" als abscheuliches Machwerk. Auch Coleridge war, obgleich er kein musikalisches Gehör besaß, ein großer Verehrer Beethoven's, wogegen ihm die italienische Musik ein Greuel war. Einem Ausspruch Jahnson's zufolge ist die Musik ein Mittel, sich zu beschäftigen, ohne daß man dabei das Gehirn in Thätigkeit setzen müsse. Waller Scott fand die klassische Musik sehr langweilig, liebte jedoch alle heimischen Volkslieder leidenschaftlich. Goethe, der nicht viel Talent für Musik besaß, stndirle sie mit Mendelssohn, den er den mächtigen und lieblichen Meister des Klaviers nannte. Heine war kein großer Freund der Beethoven- scheu Mnsik und zog im allgemeinen die Zeichen- und Bildhauer- kuust der Tonkunst vor. was ihn jedoch nicht hinderte, die Mnsik als Grundlage der Erziehung zu erklären. Nach Carlyle ist sie die geheimnißvolle Sprache, die ihn an die Grenzen des Unendlichen trug. E. T. A. Hoffmanu, der Verfasser wilddämonischer, phan« tastischer Novellen, war Musikdirektor und komponirte eine Oper: „Undine". Theater. — Deutsches Theater. Schiller gehört zum alten Eisen. und was gar die„Räuber" betrifft, so hat jeder Gebildete vor- nehm lächelnd die Nase zu rümpfen ob der Ueberschwenglichkeiten und Unwahrscheinlichkeiten, mit denen diese Jugendarbeit des Feuer- kopfs von Anno dazumal förmlich gespickt ist. Also zu lesen in gar mancherlei literarischen Betrachtungen der Neuzeit. Daß da gerade in dem ersten Theater Berlin?«ine solche Jnlonsequenz passive» mnßte. Die„Ränder" wurden am Dienstag Abend ausgeführl und brachten einen Beifallssturm zuwege, wie er lange nicht durch das Haus erdröhnt ist. einen Beifallssturm, der selbst durch das schnodderige„Ruhe aus der Gallerte", das sich hier und da im Parkett vernehmen ließ, nicht beschworen werden konnte. Der Racker von Schiller muß also doch noch nicht ganz mansetodt sein, und altes wie neues Deutsch- land wird sich am Ende wohl darein finden müssen, daß er bei allen technischen Forlschritten, die sein Gerümpel überholt haben, doch als Quelle der Begeisterung lebendig bleibt. Freilich war das am Dienstag eine Aufführung bester Art. Es soll wenig ans die Verheißung gegeben werde», daß das Deutsche Theater thunlichst auf die„erste Niederschrift" des Dramas zurückgehen wolle, die sich freihält von den mannigfache» AbschwSchungen späterer Zeit. Das ist einfach selbstverständlich, daß die Räuber nicht mehr im Kostüm des einige» Landsriedens gespielt werden, und gleichgiltig ist serner, was man im besonderen an Finessen beim„Zurückgehe» auf den Urtext" noch gefunden zn haben vermeint. Schiller's Räuber wurden ge> spielt, wie sie es werth waren, und wenig verschlug es im ganzen, daß einige Rollen nicht ihre» Meister fanden. Das Hauptinteresse richtete sich natürlich auf Joseph Kainz, der den Franz meisterhaft gab. Da war nichts von den kleinen Mätzchen zu finden, mit denen die Stars von früher diese Ge- stalten auszuschmücken beliebten; einfach und mit logischer Konsequenz brachte der Künstler die Rolle zur Anschauung, die in der große» Szene des vorletzten Bildes erschütternd ausklang. Den Räuber Moor gab ein Gast aus Bremen, Herr Hermann Leffler. Dem Künstler kommt eine prächtige Gestalt und Haupt- sächlich eine niarkige Stimme zu statten, die er im Pathos, wie im Sentimentalen wirkungsvoll zur Geltung zu bringen wußte. Viel- leicht ist in Herr» Leffler der Heldendarsteller gesunden, deffen das Deutsche Theater bedarf. Edel, wenn auch nicht hervorragend war Fräulein T r e n n e r als Amalia; unter den Darstellern der „Räuber" seien die Herren Hans F i s ch e r(Spiegelberg). Nissen (Schiveizer) und R i t l n e r(Roller) ehrend genannt; minder tüchtig zeigien sich Herr G r e g o r i als Hermann und Herr V a l l e» t i n als Rosinski. Ein braver alter Moor war Herr Müller. Literarisches. — Nachdruck in den Bereinigten Staaten N.«A. Die„Moderne Kunst(Aich. Bong) beschwert sich in ihrer neuesten Nummer darüber, daß die von ihr veröffentlichte» Memoiren Friedrich Haase's„lö4L— 1S96" von der„New-Aorker Staalszeitung" rücksichtslos nachgedruckt werden, sogar ohne Quellenangabe. Der Verleger des großen amerikanischen Blattes, Herr Oswald Otten- dorfer. hat auf die briefliche Beschwerde des deutsche» Verlegers nicht geantwortet, sondern den Nachdruck unbekümmert fortgesetzt. Dieser Vorgang ist leider nicht vereinzelt und zeigt deutlich, wie gering in Amerika die Achtung vor fremdem Urheberrecht ist. und auch, wie gering der Schutz ist, den uns das deutsch- amerikanische Uebereinkommen sichern sollte, ja wie sich im Gegentheil die Lage des deutschen Urhebers und Verlegers gerade durch das Uebereinkommen verschlechtert hat, bei dessen Abschluß ein sozialdemokratischer Abgeordneter(Dietz) im Reichstag mit ganz richtigein Urlheil bemerkte, daß es ihm vorkomme, als ob Deutsch- land„mit Scheffeln gebe und mit Löffel» bekomme". Ans der Be- schwerde der„Modernen Kunst" geht übrigens hervor, daß ihr Ver- leger von vornherein die Absicht hatte, Haase's Memoiren auch in Buchform erscheinen zu lassen. Unter diese» Umständen hätte er, ivie das„Börsenblatt für den deutscheu Buchhandel" bemerkt, den Nachdruck verhüten und sich die amerikanische Kundschaft sicher» können, wen» er zuerst die Buchansgabe hätte erscheinen und gemäß den Bestimmungen des Uebereinkommens hätte eintragen und auch in Amerika herstellen lassen. Freilich hätte das Opfer gefordert. die, wie wohl bei den»leisten deutschen Büchern, vielleicht außer Verhältniß zum wahrscheinlichen Absatz in Amerika gestanden hätten. Doch das können wir nicht wisse». Erziehung und Unterricht. — Ein höheres land wirtbschaftliches Institut für Frauen dürfte demnächst i» Rußland errichtet werden. Dem russische» Minister der Landwirthschaft wurde eine bez. Petition zu- gestellt, die nicht nur von vielen Damen, sondern auch von so be- kannte» Gelehrten, wie dem weltberühmten Chemiker Professor Mendelejew unlerzeichnet ist.— Medizinisches. — Zu unserem Artikel über schädliche Wir- k n n g e n der R ö n t g e n st r a h l e n gehen uns von fachmännischer Seite nachstehende Zeilen zu: Sehr oft kann man die Wahrnehmung machen, daß Patienlen sich nur ungern mit X-Strahlen durchleuchten resp. photographiren lassen, selbst wenn der Arzt dies angeordnet hat; als Grund gilt gewöhnlich, in der Zeitung hätte gestanden, die Röntgen- durchleuchtnng solle im allgemeinen schädlich sei. Bei ca. 1000 an Kinder» wie an Erwachsenen ausgeführte» Aufnahmen haben wir nicht ei» einziges Mal irgend eine unbeabsichtigte Wirkung wahr- genommen und sind wir zu dem Resultat gelangt, daß solche auch nur dann erzeugt werde» kann, wenn die Röhre der Haut bis auf Verantwortlicher Redakteur: Robert Schmidt in Berl 1 Zentimeter genähert und die Bestrahlung lange Zeit fortgesetzt wird. Bei dem heutigen Stande der Wissenschaft bleibt aber die Röhre in einer Entfernung von ca. 30 Zentimetern vom Objekt, und dauert selbst die schwierigste Aufnahme kaum länger wie 2—3 Minuten, so daß in dieser kurzen Zeit eine schädliche Beeinflussung des Zellengewebes und der Haut absolut aus» geschlossen ist. In denjenigen Fällen, in denen die Röntgen- strahlen zur Tödtuug von Bazillen bei krebsartigen Geschwüren Verwendung finden, muß allerdings die Crookes'sche Röhre der Haut möglichst nahe gebracht werde»; bei diesem Experiment wird aber die gesunde Haut durch eine stärkere Metallplatte vor Beein- flussung geschützt. Physikalisches. — Einheit für Geräusche. Hiram S. Maxim regt die Einführung einer Einheit für Geräusche an. nach welcher unter anderen auch festgestellt werde» könnte, ob das Geräusch, welches die Maschinen einer Zentralstation in der Nachbarschaft verursachen, größer oder geringer ist, als der Lärm des Straßenverkehrs. Er schlägt vor,«ine Art Phonographen zu verwenden, welcher das Ge« räusch auf einer berußten Platte registrirt, die alsdann durch Pro- jeklion vergrößert wird. Als Geräuscheinheit proponirt Maxim das» jenige Geräusch, welches verursacht wird, wenn eine feste Kugel von bestimmtem Material und Durchmesser ans einer bestimmten Höhe ans eine bestimmte Unterlage fällt, wobei die Welle» in z. B. 5 Meter Entfernung aufgezeichnet werden.— Technisches. -t. Zur Lebensdauer der Lokomotiven. Wie die „Eisenzeitnng" mittheilt, sind in England jüngst Versuche über die Lebensdauer von Lokomotiven angestellt worden, wobei sich heraus- stellte, daß sie erheblich kürzer ist, als man gemeinhin annimmt. Wenn die Maschine etwa 500000 englische Meilen, also wenig mehr als 100 000 deutsche Postmeilen durchfahren hat, ist ihre weitere Reparatur kaum noch rentabel und zweckmäßig. Selbstverständlich müssen in der Zwischen- zeit manche Tbeile mehrmals ausgebessert und erneuert werden, die Randbandagen z. B. 5 bis 6 mal, die Triebwelle 3 bis ö mal. — Motorhänser. Man fängt jetzt an, von den Motor- wagen zu richtigen Motorhäusern überzugehen. Ein Amerikaner läßt sich einen solchen Wage» bauen, der in zwei Slockiverken vier Zimmer enthält. Die Maschinenanlage befindet sich ini Boden des Fahrzeuges Das ober« Elockwerk kann zusammengeklappt werde», um das Unterfahre» von Brücken zu ennoglichen. Der Gedanke, auch für die Ortsverändernng auf gewöhnliche» Straße» bequeme Wohnrnume zn schassen, wie sie die modernen Schiffe für die Waffer- straßen bieten, ist eigentlich garnicht so übel.— Vermischtes vom Tage. — Theaterpanik. Als Dienstag Abend i» dem Pariser Chatelet-Theater während der Vorstellung eine Dame plötzlich ohn- mächtig wurde, riefe» mehrere Besucher„Feuer!" Infolge dessen entstand eine gewaltige Panik, bei welcher eine Anzahl Personen schwer verletzt wurde».— — U« b e r s ch w e m m u n g e n in Frankreich. Seit acht Tagen haben in ganz Frankreich Gewitter stattgefunden, besonders im Norden von Frankreich, und großen Schade» angerichtet. Drei Arbeiter, welche sich in der Näde von Beanvais in eine Slrohhülte geflüchtet hatte», wurden vom Blitz erschlagen.— — I n den Kasernen Santa Christina zu Bologna stürzte der Plafonds des großen Saale? ein, wodurch 12 Soldaten schwer verletzt wurden.— — Während tausende Mütter für i h r e K i n d e r k e i n B r o t h a b e n... In den englischen und amerikanischen Kreisen der Aristokratie ist ein neuer Sport Mode geworden: Loko- motiven zn lenken. Der junge Millionär George Gould ist ein sehr geschickter Maschinist, der seine Lokomotive ganze Nächte lang durch Wind und Regen führt. Sein Kollege John Jakob Astor durchfuhr ans seiner Maschine die ganze Zentralbahn von Illinois. Der Erfinder dieses eigenthümlichen Sports ,var der verstorbene Herzog von Sntherland, der mit der Lokomotive besser als ein geschickter Ingenieur»mzngehen wußte. Der Marquis von Downshire hat sich in seinem Park zu Easthampslcad«ine desondere Eisenbahn bauen lassen, um sich in der Lokomotivführung üben zu können.— — Aus Mostaganem, einer algerischen Hafenstadt wird telegrapbirt: Infolge eines blutigen Angriffs seitens der hiesigen Israeliten auf etwa zehn Radfahrer ans Oran entstanden heute gegen die Israeliten Kundgebungen, bei denen die Synagoge zerstört und etwa 15 Läden der Israeliten geplündert wurden.— — c.e. E r m o r d» n g eines Pfarrers durch einen Pfarrer. In Tnoro bei Perugia wurde am 15. d. M. der Pfarrer Cristoforo C e r b o n i von seinem beste» Freunde, dem Pfarrer Luigi Becchi erschossen. Vecchi hatte den Freund unter dem Vorwande aus dem Hause gelockt, daß ein Sterbender seinen geistlichen Beistand verlange. Der Mörder stellte sich freiwillig der Behörde. Man glaubt, daß er geistesgestört ist.—_ in. Druck und Verlag von Max Babing in Berlin.