MnterhaltungsUati des Horwärts Nr. 105. Sonntag, den 30. Mai. 1897. (Nachdruck verboten.) 41l Ein slkev Streik. Roman aus dem bayerischen Volksleben der sechziger Jahre von Wilhelmine v. Hillern. „Vater, nehmt Euch z'samm, oder Ihr bringt's so weit, daß i Euch sag', warum der eigene Sohn dem Vater Haber- feld trieben hat!" Bissinger hört keine Silbe mehr. Er ringt nach Worten. Das Gesicht schwillt ihm auf— die Augen treten hervor. „I Hab' Dir g'sagt, wer bei dem Treiben mitg'macht hat, der kann auf'm Schindanger sterben und wann's der eigene Sohn war'—" er hebt die Hand aus, wie zum Schwur oder Fluch,„also—" „Nein, Vater, nit fluchen, nur um Gottes willen dös nit. Ich bitt' Dich noch amal, denk' an Dei letzt's Stündl. Du bist a alter Mann— ladt nit noch a Sünd auf Dei G'wissen! Wer nit verzeiht, dem wird nit verziehen.— Straf' mich, wie D' willst, enterb' mich, jag' mich ins Elend, aber nit ver- fluchen. Dein eigenes Frisch und Blut," ruft Lenz verzweifelt und zieht ihm mit Gewalt den Arm herunter. „Gewalt, Gewalt!" kreischt Bissinger ganz von Sinnen und schleppt sich, über seine Decken und Tücher stolpernd, an Tischen und Stühlen hin zur Thür.„Hilfe, Hilfe!" schreit er hinaus.„Bräuknecht, Mägd— alles'raus— helft, rettet! — A Haberer, a Haberer! Bindet ihn, schafft ihn fort, Schandarmen her-- aufs Gericht— ins Zuchthaus mit ihm, der Lenz, mei Sohn ist a H a b e r e r!" Das Gesind läuft zusammen, alle dringen auf Lenz ein, von dem sie glauben, er wolle seinem Vater etwas anthun. „Rührt mich nit an!" schreit Lenz,„den ersten, der mir ' z' nah' kommt, schlag' ich nieder!" So gewaltig steht er da, daß niemand wagt, sich ihm zu nähern.— Dann wendet er sich zu Bissinger, der immer noch tobt und um Hilfe schreit. „Jetzt ist's g'nug, Vater," sagt Lenz mit bleichen Lippen, aber plötzlich ruhig und bestimmt.„Ihr wollt's nit anders— i geh'. Auf den Schimpf— haben wir nix mehr miteinander z'reden. Aber, Gott ist mein Zeuge, d ö s m a l bin i nit schuld.— Adje, Vater! Mög's Euch gut gehn!" Ohne sich unizusehen, steigt er die Treppe hinunter. „Werft ihm seine Sach'n nach— fei Stück bleibt mir im Haus!" keift Bissinger in seiner Wuth. Und kaum ist Lenz unten, da fliegen seine Kleider hinter ihm aus den Fenstern in den Schmutz— sogar seine paar Habseligkeiten, wie sie ein reicher Bauernsohn besitzt und werth hält, seine silberbeschlagcuen Pfeifen, seine Preiskrügeln, seine Stutzen, alles fällt klirrend und splitternd auf die Straße. Alle Gäste rennen ans Fenster. Hinter den Scheiben der Gaststube wird geflüstert und gekichert. Bei jeder anderen Gelegenheit hätte Lenz das Blut in den Adern gekocht. Was er heute fühlt, erhebt ihn über das alles. Noch einen Blick voll Thränen wirft er hinauf nach dem Vaterhans, dann geht er weiter.— Da kommt ein rascher, dröhnender Schritt ihm nach. Gemming hat in der Wirthsstube alles mit angesehen, ein paar schaden- frohe Bengel, welche lachten, geohrseigt, und ist Lenz nach- gefolgt. „Halt, ich komm mit, Lenz!" ruft er.„Wo geht's hin? Zwar, was brauch' ich da zu fragen— zur tobten Mühl'!" Lenz nickt.„Wo sollt' i sonst hin? Für mich gibt's nur zweierlei— entweder zur Wiltraud oder m die Klamm, und dös beides ist auf der tobten Mühl'!" „Red' nit so dumm! So ein Kerl wie Du, jung, g'sund und— unverdienterweis'— der Schatz von einem Mädel wie die Wiltraud,— was braucht der an die Klamm zu denken, weil ihn'n alter, eigensinniger Narr von Vater'naus g'jagt hat!— Der war ja so'n Sohn, wie Du bist, seiner Lebtag nit werth. Aufi g'schaut— nit abig'fallen! Da nimm Dir mich zum Beispiel, was Hab' ich auf der Welt und muß auch leben!" Lenz sieht Gemming an und bemerkt, daß er mit Rucksack und Alpstock ausgerüstet ist.„Wollt's fort?" „Ja,'s ist Zeit, daß ich weiterkomm'. Ihr habt mir hier mei'n ganzen Humor verdorben. So darf's nit bleiben. A Lieutenantspension und kein Humor, da könnt' man sich scho glei a Kugel vor den Kopf schwßcn!" „O, um Euch wär's schab', Herr Gemming." „Meinst? Ich mein' nit!" sagt Gemming lächelnd.„Weißt, ich bin unserem Herrgott nur so auskommen, wie einem a un- überlegt's Wort auskommt, oder a Kegelkugel, bevor man recht zielt hat. Beides ist nix nutz!" „Aber Oes habt's doch auch noch viel Gut's im Leben!" sagt Lenz und saßt theilnehmend Gemming's Hand. „Hm, no ja,'s Bier schmeckt mir noch,— lvann's Bier nit wär', oder wann i wüßt, daß es da drüben auch a Bier gäb', dann hätt' ich's schon lang g'nug,— aber so!"— Er schweigt eine Weile nachdenklich. Die beiden sind indeß rasch vorwärts geschritten und je näher die todte Mühl' rückt, desto schneller geht Lenz. Als sie den Hang erreichen, wo der Wald vom Straßen- rand kühn ansteigend an der Bergwand emporwächst, wie eine große einsame Seele den Pfad der Alltäglichkeit ver- läßt,— hält Gemming an.„So, da müssen wir Abschied nehmen." Lenz bleibt stehen.„Wollt's z' Berg, Herr Gemming?" „Ja! Mir ist's schon wieder zu eng in meiner Haut, ich muß machen, daß ich auf'n Alm komm' und� mir von irgend'ra Sennerin'n Melkkübel an Kopf schmeißen lasfl. Aus die Art kurier ich mich allemal wieder, wann's mir fad wird!" „Mögt's nit mit mir zur Wiltraud gehen?" sagt Lenz verlegen. „Nein, mein Lieber!" Ein eigcnthümliches Lächeln fliegt über Gemming's Gesicht.„Damit wär's Euch nicht gedient und mir nicht! Was Ihr Euch zu sagen habt, das könnt ihr auch ohne mich. Mich brauchen d' Lcut nur zum Dummheiten machen,— zum Glücklichsein hat mich noch nie jemand braucht!"— B'hüt Gott! Grüß mir die Wiltraud!"— Ist es der Thau, der von den Bäumen fällt? Lenz hat an Gemming's Wimpern etwas blinken sehen— aber schon ist der Freund ins Waldesdunkel verschwunden.-- Wiltraud hat sich indessen daheim von der fürchterlichen Arbeit der Nacht erholt nnd sonntäglich gekleidet. Sie ist bleich, aber ein seliger Friede verklärt ihr Gesicht.— Der wohlbekannte Schritt im Hansflur treibt ihr jetzt neue Lebensröthe auf die Wangen/ Die Thür öffnet sich und Lenz tritt in die alte vertraute Stube. Was ist alles, seit er hier an des Freundes Leiche gestanden, in ihm und um ihn vorgegangen—! Er hat sich befreit ans dem Bann der Lüge und Schuld, die ihn vor sich selbst und Wiltraud verächtlich machte. Mit seinem Vater ist er nach dem, was ihm heute im Elternhaus widerfuhr, quitt— die Reue, die ihn so lange zu der feigen Lüge zwang, ist ab- gestreift und der Schmerz, der an ihre Stelle trat, bürgt dafür, daß er nicht leichtfertig damit gebrochen.— So kommt. Lenz nun zu Wiltraud,— ein geläuterter, gereifter Mensch. Und wie er so vor ihr steht, mit erhobener Stirn und freiem Blick, da ist's auf einmal, als hätten sie die Rollen gewechselt! Sie neigt demüthig das Haupt vor dem gewaltigen Mann, in dem ihr plötzlich eine große, ebenbürtige Seele gegenüber tritt. Jetzt ist e r der Gnadenspender,— sie die Begnadigte. Er braucht nicht mehr um ihre Liebe zu betteln, denn er hat sie sich verdient. Und in der stolzen Seele des Mädchens schmilzt alles Herbe und Strenge hin, sie ist nichts mehr als die liebende Braut, die fast zaghaft harrt, bis er das Wort spricht, das sie erwählen soll zu seinem Weibe. Er sieht es und es überströmt ihn mit der ganzen Macht lange vergebens ersehnter Erfüllung! Er schaut sie an mit einem Blick voll unsäglicher Liebe und zieht sie zu sich auf die Bank nieder, wo einst Sebald saß, als er Lenz seine Hilfe gelobt. „Jetzt komm' i zu dem Herzen, was es allein gut mit mir meint aus der ganzen Welt! Wiltraud, willst'n armen wegg'jagtcn Bub'n aufnehmen in Dei Hans und Dei klei's Gütl? I will Dir arbeiten dafür, was es nur werth ist, und's erhalten und in d' Höh' bringen.— Jesus, die Seligkeit— arbeiten, arbeiten für mei Weib! Und dann — o Herrgott— am Abend aus der Bank vor der Thür sitzen und'naufschauen, wo i alleweil d' Bäum' ra g'holt Hab und g'wollt, daß mi einer dcrschlaget, weil i ohne Deiner nimmer leben Hab' mög'n— und jetzt schau i dann mit Dir da'naus— mit Dir— mit Dir! Und steh' auf mit Dir Vr-ifrä&ffiteäis >md leg' mich zur Ruh', und esj' z' mittag und bet'— alles, alles mit Dir!" Wiltraud liegt stumm in seinen Armen— er fährt fort:„Und übergießen will i Dich mit meiner Lieb', und in Dei tiefste Leben will i untertauchen, wie der Föhn, wann er im Walchensee wühlt! Und an mei Herz Press' i Di, daß Dir angst und bang wird vor lauter Heiß und D' kein Athcm mehr kriegst unter meine Bußl'n— bis D' mi um Gott's will'n bittst, i soll Di lass'n, und— dann lass i Di e r st n i t!" Er hält plötzlich inne, wie einer, der eine schwierige Summe zusammenrechnet,— die Summe eines un- geheueren, unfaßbaren Glücks.—„Ach—'s ist nit zum aus- denken—!" stößt er ans der tiefsten Brust hervor und wirft lachend und weinend den Kopf in ihren Schooß;„'s ist halt so—'s ist wahr und wirklich— i Hab' Dick leibhaftig im Arm!— Wiltraud—!" Er verstummt, die Seele muß aus- ruhen vom Uebcrmaß der Wonne.—--- *- Jahre sind vorüber. Die tobte Wühle geht wieder, und helle Kinderstimmen singen jetzt, wie zum fröhlichen Spott auf die ungeahnten Leiden des Vaters, die G'stanzeln vom Mühlrad, was g'flickt wird, und vom Herzen, was stillsteht. Lenz und Wiltraud sind in der ganzen Gegend geachtet und mit allen braven Leuten im Dorf ausgesöhnt.— Nur der alte Bissinger bleibt, wie alle gemeinen Naturen, un- versöhnlich. Er hat den Sohn enterbt und eine Kellnerin ge- heirathet. Ein kleines mütterliches Pflichttheil, was er dem Lenz herausgeben mußte, reichte eben hin, um den Haberern das Darlehen auf Wiltraud's Gütchen zurückzuzahlen. Jetzt sind Lenz und Wiltraud lediglich aus ihrer Hände Arbeit angewiesen. Doch das ficht sie nicht an in ihrem stillen, tief- inneren Glück. Mit voller Kraft und Freudigkeit arbeitet Lenz für das geliebte Weib, und sie genießen um so dank- barer die Früchte ihres Fleißes, je mühsamer sie diese er- rangen.— Ende. SonnkassplAudevei. Die deutsche Welt, könnle man meinen, sei aus den Fugen, wenn man der Minister Wcherufe vernimmt. Wie dachte Herr v. d. Necke schwarz in Schwarz gemalt zu haben, als er von der Sozialrevolution»nd dem Anarchismus sprach. Aber selbst im preußischen Abgeorduetenhause war die Mehrheit unbotmäßig ge- worden und die Kassandraklagen des Ministers fanden bei ihr leinen Widerhall. Und er wollte doch durch eine„gesunde Ncnltion" die Welt, die aus den Fugen gegangen, wieder ein- renken. Die„gesunde Reaktion"! Ostelbiens schneidige Herren wissen das Wort zu schätzen. Ihnen freilich konimt gesund vor, was anderen den Aihem benimmt. Was ist ihnen Oesfentlichkeit? Wozu sich verantworten, sei.es vor dem Richlerstuhl der Wissenschaft, sei es vor der neugierigen Menge, die sich in„stinkende Versammlungen" drängt. Für sie war gesund, was sie seit Jahrhunderten üblen. Ihnen bekam ihre eigen- thttmliche Herrenmoral, ihr unumschränktes Kleinköniglhuin und ihre männliche Herrlichkeit. Sie konnten sich in„freier Kraft" entfalten, wie sie es nannten; wenn ihre Jugend rollen Launen folgte, so war es eben das wilde, brausende Blut, das Bethätigung suchte; es waren die kleinen Teufeleien einer Rasse, die nicht mit dem Schuciderellenmnast gemessen werden darf. Und nun erlebt diese alte Rasse die Genugthuung, daß einer, der gewiß nicht ihres Blutes ist, es ihnen allen an ge- snnder Reaktion vorausthun möchte. Aus Kreisen, die ihnen völlig fremdartig sein müßten, ist er hervorgegangen: Ein Großindnftrieller. Was den Kavalierstrotz derer ausmacht, die auf eroberter Boden- schölle groß geworden, ist sein Erbtheil nicht. Nicht der Kriegerkaste entstammt dieser Großbourgeois; und doch folgt der ostclbische Heer- bann seiner Scharfmacherei mit einer Art von Wollust. Ihren Fürsten und Königen hat dieser Heerbann manchmal schon die Ge- folgschaft verwehrt und sich auf alte Geschlechtsprivilegien gestützt oder gar keck betont: Wir sitzen länger auf unserer Scholle, als die- jenigen, die uns jetzt befehlen wollen. Wenn aber der Jndustriebaron voran zu fröhlichem Jagen wider Freiheit und Wissen aufbläst, gönnt die sonst ungeberdige Schaarihm neidlos den Vorrang. Es ist psychologisch nicht uninteressant, wie Leute, die auf dem abgeschlossensten Sippen- Standpunkt stehen, den Mann zugleich mit offenen Armen empfangen, der aus einer völlig anderen Welt zu ihnen stößt, wenn er ihnen nur Waffen im Kampfe zuführt. So ist einst Stahl ihnen würdig erschienen, der abstrakt und nüchtern denkende Vorkämpfer geistiger Reaktion. So beugen sie sich heute dem Machleinfluß Stumm's, der sicherlich nichts vom gepriesenen, wilde» Jungerblut und dessen„Kraftüberschuß" an sich hat. Sie vergessen ihre starke Blutsgenieinschaft. die sie seinerzeit bewog, selbst de» mehr als anrüchigen„Kreuz-Zeitungs"- Redakteur, den Hammersteiner, zu stützen. Eies werden beinahe zärtlich, wenn der großindustrielle Polterer in seiner Weise das Thema behandelt: die Wissenschaft muß umkehren. Es ist wirklich nicht einmal die aufbegehrliche Schneid, die dem Ostelbiern inipouiren könnte. Was Herr v. Stumm selbst im Kampf wider die Katbedersozialiften vorbringt, klingt gar so schneidig nicht. Es hat sogar etwas Predigerhaftes an sich, und in der ewig einförmigen Wiederholung, im eifernden Ton macht es nicht selten de» Eindruck einer Kapuziuade über eine Welt, die von den nationalökonomischen Lehren der Brentano, Schmoller und Wagner vergiftet iverde. Aber auch dieser Jcremiadento» klingt dem Geschlecht der Junker wohl- gefällig und er klänge ihnen selbst dann wohlgefällig, wäre vom Stumm» scheu Einfluß nicht so viel die Rede als zur Zeit die Rede ist. So gering ist bei dieser kriegslustigen Rasse im Durchschnitt die Fähigkeit sich selbständig geistige Waffen zu schmieden. Selbst dem Minister Bosse, der neulich noch nicht sehr Er- spricßliches über geistige Bewegungsfreiheit auf preußischen Hoch- schulen äußerte, war das ewige Greinen wider den Gelehrten- und Prosessorenüberinnth zu viel. Professoren-Nebermulh, ach! wie das klingt! Die Eigenschaft ist gewiß bei deutschen Universitätslehrern selten geworden. Herr v. Stumm freilich ärgert sich schon über Schmoller, ivenn der nicht mit heiligstem Respekt von schnell zu- sammengerafften Millionen spricht. Auch i» seinem Groll wider das Wort, man erwirbt nicht Millionen, ohne mit dem Ärmel das Zucht- haus zu streifen, liegt etwas Charakteristisches. Der Bourgeois in ihm, der auf strenge Repulirlichkeil sieht, wird stark gereizt. Ver- wogener Junkersinn, dem Wetten und Wagen vertrauter ist, würde vielleicht auf solche» Spruch iveniger lebhaft reagiren. Herr v. Stumm und die Seinen werden trotz allem sich in Ent- saguug üben müssen. Man kann wirklich wider den Geist der Wissen- schafl nicht Kanonen aussahreu lassen. Der Minister hat diesmal so recht! In den ostelbischen Kreisen, die auf ihr Altpreußenthum pochen, wird das Mißbehagen über allzugroßeOeffenllichkeit durch dasGerichts- schauspiel, das gegenwärtig entrollt wird, noch mehr verstärkt werden. Warum mußte auch Herr v. Marschall seine sprichwörtlich ge- wordene„Flucht in die Oesfentlichkeit" antreten? Mußte dem ruhigen Bürger, für den sonst all die Dinge ein verschlossenes Geheimniß sind,«in Blick in die Wiukelgängc der politischen Polizei gestattet werden? Was das persönliche Schicksal Lützow'S oder Tausch's werden möge, ist an sich so geringsügig. Welche Elemente aber in diesen Winkclgängen gedeihen durften, welcher stickige Hauch von ihnen aus die Presse durchdrang, das bleibt von Belang. Noch ist das Gerichtsverfahren im Gange,»och sind die Fäden nicht vollkommen blosgelegt, die von Polizei zu Presse führen. Aber schon ist es klar, daß auch die Presse Grund genug habe» wird, sich nicht auf ihr hohes sittliches Pathos zu versteifen. Der Umgang mit den Nicht-Gentlemen färbt ab. Ueber de» politischen Aufregungen der letzten Tage und dem großen Gerichtsprozeß zu Moabit ist ein Vorfall wenig beachtet worden, der geradezu eine klassische Satire auf das Duellwesen be- deutet. Die Handlung spielt i» Ungarn. Auch dort spielt trotz allem liberalisirenden Zeitungsgeschrei eine Gentry, ein alter Landadel, der ebenfalls die Ueberlieferungen einer jiriegerkaste pflegt, eine herrschende Rolle. Das liberalste Gesetz wird vom Herrenbranch eben umgestoßen. Ein Man» aus dieser Gentry, ein Baron Nopcsa war in Pest Intendant der königlichen Theater geworden. Knnstverständ- niß braucht ein solcher Thealerintendant nicht zu besitze»; aber „repräseuliren" muß er können und Baron Nopcsa wußte zu repräseuliren. Er rcpräfentirte für sich, wie für be» hohen Landadel, der in Ungarns Hauptstadt sich zu amüsiren liebte. Wer jemals nur ein paar Tage in Pest sich aufgehalten hat, der weiß, daß überempfindliche Prüderie nicht zu den Eigenlhümlichkeiten dieser Stadt gehört. So sehr sie äußerlich sich modernisirt und abendländischem Wesen sich angeschmiegt hat, ein Stück Orient guckt eben doch überall hervor. Trotzdem entstand über die Art der Repräsentation des Barons Nopcsa im leicht» ledigen Pest eine heilige Aufregung. Der Herr Generalintendant halle doch eine zu krasse Paschawirthschast eingeführt und Ehre und Scham und Selbstbewußtsein seiner weibliche» Untergebenen in einer Weise mißhandelt, als sei er ein afrikanischer Kolonisator. Ter Herr Baron war auch mit der Ehre der weiblichen Mitglieder des tzoflheaters gefällig, über die Maßen gefällig, wenn seine Standesgenoffen von ihrem agrarischen Kummer in der Hauptstadt 'ich erholen wollten. Kurzum, er war der vielbegehrte Gesälligkeits- macher der Gesellschaft. Spaß muß Spaß bleiben, und Baron Nopcsa ist ein gemüthlicher, spaßiger Herr. Als aber der Spaß gar zu stark zu stinke» anfing und die rüde Junkerwirthschaft in Tollheit ausartete, da kam die Sache endlich vor die verhaßte Oeffentlichkeit; die Empörung war zu groß geworden. Die Presse legte Kritik an«nd Baron Nopcsa sollte sich verantworten. Eine Untersuchung wurde eingeleitet. Wenn Kavaliere in Oesterreich-Ungarn sich„amüsirt" haben, pflegt man dort nachsichtig zu sein. Man hat auch allen Grund dazu. Die Unsersuchnng also war ein Scheinmauöver; Baron Nopcsa. der dem Adel Ungarns so viel Freuden zu bereiten verstand, ging frei aus, nur— die„Jntendanzgcschäfte", die fröh- lichen, mußte er abgeben. Als er so„gereinigt" war, erinnerte er sich einer Kavaliersehre, die durch die Kritik in der Presse gelitten halte. Was will auch ein elender Zeitungsschreiber das Amüsement Hoher Herren stören. Der Baron forderte also einen der schärfsten lritiker zum Duell. Leider besaß der nicht den Muth, dem fleckige» Baron ins Gesicht zu lachen. Der Begriff.Ritterlichkeit" scheint die ungarische Gesellschaft völlkg zu hypnotifiren. Der Zeitungsschreiber stellte fich zum Zweikamps und wurde wie ei» Stück Vieh, mit sechs schweren Säbelhieben bearbeitet. Der Baron hat es zwar nicht im Kopfe, aber i» den Fäusten hat er's; und die Junkergesellschaft. der er warmes, blühendes Menschenfleisch zugeführt hal, wird ihn in Ehren wieder aufnehmen. Vleincs �euillekon — Frühling im Walde. B e r g w i e s e n. Draußen schreiben sie den 27. Mai, des Lenzes Blnthenblust ist für sie z» Ende. Hier steht er noch in vollem Flor. Die Blütdenbüschel der Tranbenkirsche sind kaum aufgebrochen, die Linden längs des kleinen Stations- gartcns zeigen das erste Grün. Aus den weiten Bergwiese», droben zwischen de» dunkle» Fichtenwäldern, blüht und duftet es wie in einem Garten. Was in den Niederungen zerstreut sich findet an vielen Orten, an Gräsern und Blüthen, ist hier vereinigt uud ver- leiht der sacht absteigenden Lehne die bunte Lebhaftigkeit eines Teppichs. Eine Symphonie in Gelb! Das ist der erste Eindruck. Erst nach und nach findet das Auge auch andere Töne. Oben, am Waldessanin, die zittrigen Buschwindröschen, blaue Leberblümchen, den zarten Sauerklee mit iveißen, violett geäderten Blüthen. Und zum ersten Mal setzt das Gelb ein in breiten Streifen. Schlüsselblümchen sind es, viele Tausende. Und immer satter wird das Gelb. Ueber langen, scharfgezähnten Blättern schwankt die aslcrngroße Blülhe des Löwenzahnes; zwei Drittheile der Wiese hält er besetzt. Zu großen lappigen Blättern neigen sich die satt- gelben Blüthenblätter der Butterblume, aus feinem, hohem Stengel sitzt die blassere Hahnensußblüthe. Zwischen ihr und dem Löwen- zahn hält, der Farbe nach, der Hnslatlich die Mitte. Aber feine Zeit ist bald um. Mächtig entwickeln sich seine Blätter, die Blüthen schwinden. Ab und zu findet das suchende Auge die dunkel ge- fleckten Blätter und blau-rothen Blüthen des Knabenkrautes. Kuckuck sagt hier das Volk zu dieser Pflanze. In meiner Heimath nennt man sie„Guzagagl". Daß das Wort gleich ist dem alten Gutzgauch, was Kuckuck bedeutet, weiß niemand mehr. An de» Wasseradern, die zu Hunderten den Hang durchziehen, lugt das blaue Vergißnieinnicht, hebt sich die braune Blüthenrispe des Sauerampfers, schwanken und leuchten lila und weiße Siein- brechblüthen. Selten brummt ein Hummel über die weite Lehne. Und auch der Baum, der halbwegs am wegerichumgrunte» Jäger- steige sich erhebt, ist völlig verlaffen. Wie eine große weiße Kugel erscheint er. Niemand zu Liebe, keinem zu Leide blüht die uralte Vogelkirsche. Von Zeit zu Zeit geht ein Erschauer» durch den Stamm, die Aeste, bis in die Spitzen der Zweige. Dann rieselt ein Blüthenregen über die Waldwiese, die Lehne und Halde hinauf, ver« schwindet im Hochwalde wie gaukelnde Falter.— — Nrwienerisch. Eine hübsche Dialektprobe, ein Mnster des echte»„Urwienerisch", finden wir im„N. W. T.": Ein mit Ziegel» beladener Wagen fährt bei einem Neubau vorbei. Der Kutscher eines dahinter fahrenden Wagens will vorkommen; es entwickelt sich nun folgendes Gespräch: Erster Kutscher: Äefiriwaida farodo! Zweiter Kutscher: Jlodenonitodo! Ein Sprachforscher, dem wir diesen Beitrag zur urwienerischen Tialeklkenntniß verdanken, hatte die Liebenswürdigkeit, gleich die Uebersetzung des Dialoges beizusügen; sie lautet: Erster Kutscher: Geh vor, weiter, fahr ab da! Zweiter Kutscher: Ich lad eh noch nicht ab da! 2. Schweizerische Flotte. Ans IS schweizerischen Seen inkl. des Bodensces werden von 15 Gesellschaften 149 Schiffe mit zirka 1500 Mann Besatzung unterhalten. 110 Schiffe haben Dampf- betrieb, 19 arbeiten mit Petroleummotoren, 7 mit Naphlamotoren, 12 mit Benzininotorcn und 1 mit Akkumulatoren. 36 Schiffe fahre» a»f dem Vierwaldstättersee. 30 auf dem Genfersee, 26 auf dem Zürichsee, 15(schweizerische) auf dem Bodensee(die ganze Bodensee- flottille umfaßt 36 Dampfer, 14 Trajektschiffe und Schleppboote), 6 auf den» Luganersce und Thunersee, 5 auf dein Brienzersee u. f. w. 1894 wurden 3 909 877 Reisende befördert und zirka 700 000 Franks Reingewinn gemacht.— Mittels des bereinigten Phonographen und Kinctoskops stellt Edison neuerdings hochinteressante Versuche an. Ganze theatralische Aufführungen will er so den kommenden Zeiten er- halten. Seine Idee geht vor allem zuerst dahin, dem Phonographen seine metallisch näselnde Stimme zu nehmen und ihm statt dessen den reinen Wohllaut der menschlichen Kehle, des musikalischen In- strumentes, zu geben, so daß der Klang bis in die feinsten Modnla- tionen nachgebildet wird; und feruer, um Ton und Geberde zu ver- einige», Kineloskop und Phonograph in genau gleichzeitige Thätigkeit und Uebereinstimmung zu bringen. Für eine solche„Zukunfts- Vorstellung" wird auf einer völlig leeren Bühne anstatt der Kulissen die weiße Fläche querüber gespannt. Nun werden hinter dem Vorhang Phonographen aufgestellt, deren Zahl genau der Zahl der Akteure im Stück entspricht, deren jeder also die Stimme jedes einzelnen Darstellers enthält: so viel redende oder singende Personen, so viel Phonographen mit einer aus das Hundertfache verstärkten Stimme und vollständig gesungener Partie, gesprochener Nolle. Auf einer Gallerie, dem Zuschauer verborgen, befindet sich das Kineloskop, und wirft achtundvierzig Photographien in der Sekunde, eine Zahl, welche zur ununterbrochenen Folge der Bewegungen genügt, auf die Bildfläche. Ein und derselbe elektrische Strom verbindet Kineloskop und Phonograph, vereinigt also Ton und Bewegung der Darsteller. Die Thatsackie, daß beide Erfindungen bereits vorhanden und be- kann! und auf eine verhältnißmäßig hohe Stufe der Entwickelung und Vollendung gebracht worden sind, dürfte verbürgen, daß es sich bei dieser„Zukunftsmusik" um eine ganz ernsthasle Errungenschaft bandeln wird.— — Japanisches Bier. Ter Wettbewerb des japanischen Bieres in Asien wiro immer schärfer, da die Bereitung von Bier in Japan sowohl für den Verbrauch im Jnlande wie für die Ausfuhr nach allen Richtungen in den letzten Jahren außerordentlich gestiegen ist. Das zeigt am besten die jetzt bedeutendste Bierbrauerei in Tokio, du der„Nihon-Baknscha-Kwaischa"(Japanischen Biergesellschnft) gehört. Noch vor fünf bis sechs Jahren stand diese Gesellschaft, die das Geschäft zu großartig begonnen hatte, fast vor d-m Bankrott, aber schon im Jahre 1395 verkausle sie das dreifache(7515 K-ffu oder rund 13 600 Hektoliter) der Menge von 1892, weshalb ihre alten Aktien von 40 Jen auf 80 Jen und ihre neuen Aktien von 12'/, Jen auf 34 Je»>" die Höhe gegangen sind. Und Ähnlich steht es mit vielen anderen Brauereien, die dem deutsche?. Biere nicht nur in Japan selbst, sondern auch im übrigen Asien einen immer gefährlicheren Wettbewerb bereiten. Die Ausfuhr von beut» schein Bier nach Englisch-Jndien, Holländisch-Jndien, China. Japan. Philippinen und anderen Gebieten ist von 1891 bis 1895 von 96 100 Hektoliter ans 80 950 Hektoliter zurückgegangen, während die Bieraussuhr aus Japan von 1891 bis 1895 im Werthe von 11 323 auf 12 711 Jen gestiegen ist.— Literarisches. — Nichi-Dokil-Sitsngio-Kokoku ist der Titel eines japanisch-dentschen Jndustrie-?lnzeigers, den die Firma Max Nößlcr in Bremen in japanischer Sprache herausgiebt. Der Zweck dieses höchst zeitgemäßen Unternehmens ist, den japanischen Verbrauchern europäischer Erzeugnisse ein Bild von der Leistungsfähigkeit de- deutschen Industrie auf de» verschiedenen Gebieten zu geben und dadurch die Ausfuhr nach Japan zu heben. Vierteljährlich erscheint ein hübsch ausgestattetes Heft, welches ausschließlich Anzeigen ent« hält und an geeignete Adressen versandt wird. Der Satz und die Drucklegung des japanisch-dentschen Jndustrie-Anzeigers, wie auch des entsprechenden Chinesischen Anzeigers, den die Firma Nößler jetzt auch noch unter dem Titel Te-kwü schang-wu tschan p'hai herausgiebt, erfolgt in der Reichsdruckerei in Berlin, die als erste Druckerei in Deutschland japanische und chinesische Werke herstellt und ein für diesen Zweck auf dem orientalischen Seminar ausgebildetes Setzerpersonal besitzt. Welche Schivierigkeiteu der chinesische und japanische Satz bieten, ist wohl ohne weiteres klar, wenn man be- denkt, daß die chinesische Schrift eine einsilbige Wortschrist ist, in der jedes Zeichen einen Begriff darstellt. Wenn auch von den 50 000 vorhandenen verschiedenen Zeichen viele veraltet sind und nur der Vollständigkeit halber in den Wörter- büchern weitergeführt werden, so sind doch z. B. zum Satz der Bibel in chinesischer Schrift etwa 4500 verschiedene Zeichen nöthig, welche von einem chinesischen Setzer gekannt und gelesen werden müssen. Die japanische Schrift ist aus der chinesischen entstanden. Im dritte» Jahrhundert nach Christi traten die Japaner mit den Chinesen in Verbindung. Chinesische Literatur drang in Japan ein und mit ihr die chinesische Schrift. Da diese Schrift ans die mehr- silbige japanische Sprache nicht überall anwendbar war, so wurde die Schaffung einer eigenen Schrift nöthig, und man verwendet jetzt im Japanischen außer einem große» Theil der chinesischen Zeichen eine Silbenschrist(Hiragana und Katakana), welche im allgemeinen zur Wiedergabe von Partikel», sowie von Endungen der Zeit- und Eigenschaftswörter gebraucht wird. Die Hieragana ist aus der chinesische» Kursivschrift, die Katakana aus der chinesischen Quadrat- schrist entstanden. Hiragana und Katakana enthalten je 72 Silben, also ebenso viele Zeichen; die erstere umfaßt außerdem eine große Anzahl Varianten. Die Anwendung dieser Schriftarten entspricht ungefähr derjenigen der deutschen und lateinischen Schrift in unserer Sprache, d. h. bei wissenschaftlichen Arbeiten und Drucksachen wird meist Katakana angewendet, bei allen anderen dagegen Hiragana. Im Japanischen läßt sich die Aussprache jedes chinesischen Zeichens in Hiragana und Katakana wiedergeben. Von dem japanischen Setzer muß außer der Kenntniß der japanischen Schrist das Be- herrschen von etwa 5000 der häufigsten chinesischen Zeichen gefordert werden. Japanisch und Chinesisch wird von oben nach unten gelesen, die Zeilen reihen sich von rechts nach links aneinander. Es sind in der Reichsdruckerei etwa 10 000 verschiedene Zeichen vorhanden, trotzdem ergeben sich beim Setzen fast täglich neue nicht vorhandene Zeiche», welche dann in der Gravier-Abtheilung der Reichsdruckerei geschnitten werden.— — Internationale bibliographische Konferenz. Unter dem Patronate der belgischen Regierung wird vom 2. bis 4. August d. I. in Brüssel die zweite internationale bibliographische Konferenz stattfinde», zu welcher das Institut international äs Biblioßraxhio soeben die Einladungen versendet. Das reichhaltige Programm dieser Konserenz wird Gelegenheit gebe», eine Reihe wichtiger Frage, insbesondere aber die Herstellung eines allgemeinen IHHiHHiHIHiiHIHH bibliographischen Repertoriums sowie eines einheitlichen Systems zu erörtern.— — Die Vereinigung der beiden größten Konversations- Lexikons, des Brockbaus'schen und Meyer'schen, findet nach einer Vtittheilung des Bibliographischen Instituts in Leipzig nicht statt.— Kunst. — Einem„Tasche nlexikon für Kuustkritiker", Das ein wohlgelaunter Herr X. I. Z. in der„N. Zur. Ztg." veröffentlicht, sind die folgenden Proben entnommen: Porträt. Ist nur dann von Interesse, wenn die betreffende gewaltige Persönlichkeit entweder a) seit mehreren Jahrhunderten tobt, oder b) sehr berühmt, oder o) ein guter Bekannter ist. Im ersten Falle spricht man von„idealer Auffassung"(besonders bei Rubens, van Dyck, Reinbrandt), im zweiten von„monumentaler Wiedergabe der Persönlichkeit", im dritten von„sprechender Aehn- lichkeit". Ist letzlere nicht vorhanden, so lobe man die BeHand- lung der Gewandung(Atlas, Seide, Sammet, Pelzwerk u. dgl.); Tadel ist in Gegenwart des Besitzers durchaus unangebracht, es sei denn, daß man bestimmte Veranlassung hat, ihn zu ärgern. Je nach dem, was außer dem Kopf noch auf dem Bilde ist, unterscheidet man Bruststücke und Kniestücke; doch ist die heutige Herreumode für letztere nicht günstig. Ein plastisch ausgeführtes Bruststück heißt Büste: für diese ist charakteristisch, daß man die dargestellte Persönlichkeit in der Regel nicht wiedererkennt. Zum Glück steht der Name meist darunter. Rahmen, in der modernen Kunst sehr wichtig, da oft mehr darauf ankommt, als auf das Bild, das darin steckt. Originell zu sein, ist dabei die Hauptsache; man verwendet zum Beispiel den Deckel einer allen Holzkiste, mit Plüsch drapirt, oder man ahmt eine Sardinenbüchse nach u. dgl. in. Besonders effektvoll ist es, wenn das Bild über die Leinwand hinaus auf den Rahmen übergreift, es kann in solchem Falle auch direkt in die Plastik übergehen. Sonst ist auch die Wirkung durch Kontrast zu empfehlen; auf einen Rahmen für eine Madonna male und schnitze man z. B. Frösche oder Fratzen, eine» Misthaufen umgebe man mit blühenden Rosen oder mit Engelsköpsen u. s. w. Man nennt das„dekorativ wirken". Der ivahre Künstler£m de siecle stellt den Rahmen her und macht dann das Bild dazu. Skizze: Der Entwurf zu einem auszuführenden Gemälde, das aber oft gar nicht zu stände kommt, da manche Maler nie über die Skizze hinauskommen. Bei mangelhafter Technik, liederlicher Aus- sührung, Zeichnungsfehlern u. dgl., ist es die beste Ausrede, das betr. Werk als bloße Skizze zu bezeichnen.— — Der Landschaftsmaler LouiS Fran�aiS ist in Paris gestorben.-- Erziehung und Unterricht. — Wenn zwei dasselbe thun, ist esnichtdasselbe — daS ist deutscher Reichsspruch geworden, und sintemalen das Zentrum sich aufs eifrigste bemüht, reichstreue Regierungspartei zu werden, so können wir uns nicht wundern, daß es auch diesem schönen Grundsatze folgt, den der preußische Justizminister so klassisch vertheidigt hat. Man erinnert sich noch der wüthenden Hätz, welche das katholische Pfaffenthum in Frankreich gegen den Freigeist R o b i n organisirte, weil dieser in der Waisen- anstalt von C o m p n i s Knaben und Mädchen zusammen erzog. DaS sei der Gipfel der Unfittlichkeit und bringe die Kinder auf schlechte Wege— so zeterte das Pfaffenvolk, dessen Phantasie durch das widernatürliche Cölibat vorwiegend auf geschlechtliche Schmutzereien gerichtet wird. Robin wurde auch ab- gesetzt. Und heute erfahren wir, daß ein großer Theil der katholische» Schulen in Elsa b- L o th r i n g e n für Knaben und Mädchen gemeinsame Klaffen und gemein- s a m e n Unterricht hat. „Wie ,var die Antivort Junker Alexander'?? Ja, Bauer, das ist ganz was anders!"— Geschichtsforschung. — Historische Kommissionen. Die Forschung auf laudesgeschichtlichem Gebiete, namentlich so weit die Herausgabe von Quellen in betracht kommt, hat in den letzten zwei Jahrzehnten überall«inen erfreulichen Aufschwung genommen und in den„Historischen Konnnissionen" für einzelne Länder und Provinzen Zenstralstellen gefunden. Neben die älteste, allerdings ihren Zielen nach auch»m- fassendere, die„Münchener Historische Kommission", ist als landes- aeschichtliches Publikations-Jnstitut zuerst 1ö76 die Historische Kommission für die Provinz Sachsen getreten, 1381 folgt« die als Privalunternehme» ins Leben gerufene„Gesellschaft für Rheinische Geschichtskunde" mit wesentlich gleichen Ziele» für die Rheinprovinz. und andere Gebiete schloffen sich an. Für Baden entstand eine Historische Konimission 1383, für Württemberg 1393, für das König- reich Sachsen 1896. In neuester Zeit sind nun auch Historische Kommissionen für die preußischen Provinzen Hessen-Nassau und Westfalen ins Leben gerufen worden. Erstere hat sich am 13. März l. I. als Sektion des„Vereins für Nassauische Alterthumskunde und Geschichtsforschung" konstituirt._ Kulturhistorisches. z.— Zur Geschichte des Tabakrauchens. Gegen keine neue Sitte haben die Obrigkeiten vor ein paar Jahrhunderten mit einem solchen Eifer und mit einer solchen Erfolglosigkeit an- gekäinpft, wie gegen das Tabakrauchen resp. Schnupfen. In Glarus (Schweiz) wurde 1670 das Rauchen mit 1 Krone Geldbuße bestraft. Als man 1653 in Appenzell zu rauchen ansing, liefen die Kinder den Rauchenden nach. In einigen schweizerischen Kantonen kamen die Raucher an den Pranger. In Bern wurde ein eigenes Tabaksgericht (cbambre du tabac) eingerichtet. In Siebenbürgen und Ungarn wurde 1639 das Rauchen bei 300 Gulden Strafe verboten und im ersteren Lande sogar das Pflanzen des Krautes mit Einziehung der Güter bedroht. Im Lüneburgischen stand noch 1691 Todesstrafe auf das Rauche», oder, wie das Gesetz sagt,„auf dem lüderlichen Werk des Tabak trinkens".— In Rußland stand unter Michael Fedoro- witsch Turieff(1613—1615) die Bastonnade(Prügelstrafe) auf das erste Vergehen des Tabakrauchens; für das zweite befahl Turieff das Nasenabschneiden, und diese sinnige Sitte galt lange. Auch der orthodoxe Patriarch war gegen das Rauchen, weil es die Bilder der Heiligen besudle. So wurde denn dem Volk eine solche Furcht vor dem Rauchen beigebracht, daß es fast zum Aufstand ge- kommen wäre, als es hieß, Peter der Große wolle das Tabakrauchen einführen. Der Tabak hat sich denn auch am schwersten in Ruß- land eingebürgert, und noch jetzt giebt es dort Altgläubige, die einen Abscheu vor ihm haben und ihn ruchloses, Gott mißfälliges Gras und babylonisches Kraut nennen. Sogar in der Türkei wurde das Tabakrauchen verboten. Mnrad IV. setzte, als 1605 das Rauchen durch europäische Kaufleute in die Türkei gebracht wurde, die Todes- strafe darauf. 1610 ließ er einem Palastwächter die Pfeife durch die Nase stecken, als dieser in den innersten Gemächern des Serails geraucht halte.— Technisches. Edison soll an der Vervollständigung eines Apparates arbeiten, der eine Kombination von Phonograph und Kinetoskop darstellen soll. Mit Hllfe desselben soll das lang erstrebte Ziel erreicht werden. Bühnenvorgänge jederzeit vollständig reprodu- ziren und somit die Verkörperung von Rollen durch hervorragende Schauspieler der Nachwelt überliefern zu können.— Humoristisches. — Fremdenbuch-Philosophie. Im Fremdenbuch deZ Tollenstein steht unterm 27./VII. 96; „Willst Du des Lebens Unverstand Mit Wehmuth genießen, Dann lehne Dich an eine Wand Und strample mit den Füßen." Paphnuz Hidigeigei. Darunter hat ein Schlauer geschrieben:„Weun'Z regnet, da nutzt die ganze Stramplerei nichts."— — ed. Ein q uter� Spruch. In einer Chronik vom Jahre 1533 findet sich folgender ebenso kräftiger wie richtiger Spruch: Wo biß ein Schlang' ein Schlangen todt? Wo ließ der Löw' die Löw'n in Nolh? Der Bär, das Schwei» und Tiegervieh Frißt wahrlich seines gleichen nie; Schwein hat mit Schwein stets Frieden hie, Jedoch«in Mensch viel Leides thut Dem andern Mensche», seinem Blut. Vermischtes vom Tage. —„Bundes-Zigarren" stellt eine Firma in Osnabrück her, wie folgend« Zuschrift zeigt:„Bund der Landwirthe. — Bundes-Zigarren.— Unter Kontrolle des Bundes. Hervorragend in Geschmack und Brand(moderne Fayon). Nur echt, wenn das Kästchen als Deckbild eine Abbildung des Ehrenschildes trägt, den der Bund dem Fürsten Bismarck zum 30. Geburstage gewidmet hat." Ter antisemitische Bund der Landwirthe scheint demnach ganz nette„jüdische" Allüren zu haben!— — Aus Bozen wird berichtet: Zwei junge Studenten, an- geblich aus Wien, sind bei dem Uebergange über das Fassa-Joch infolge Unwetters spurlos verschwunden. Man befürchtet, daß die- selben verunglückt und todt sind.—, — Der berühmte Pf la uze»Physiologe, Julius v. Sachs, Professor an der Universität Würzburg, ist am Sonn- abend im Alter von 65 Jahren gestorben. Er verfaßte auch eine Geschichte der Botanik vom 16. Jahrhundert bis 1360.— ce. Sonderbare Schul strafe. In einer sogenannten Spielschule zu Osimo(Italien) schnitt eine Lehrerin einem vier- jährigen Knaben, der sich mit einem Mitschüler geschlagen hatte, zur Strafe ein Stückchen... Fleisch ans der Daunienfpitze heraus. Der Vorfall hat in Osimo die größte Entrüstung hervorgerufen und der Vater des Kindes, der mit dem neuen Erziehungssystem durchaus nicht einverstanden ist, hat gegen die„schneidige" Lehrerin Straf- antrag gestellt.— Verantwortlicher Redakteur: Hugo Pöysch in Berlin. Druck und Verlag von Max Babing in Berlin.�