Mnterhaltungsblatt des Horwärts Nr. 107. Mittwoch, den 2. Juni. 1897. (Slachdvucr verbolen.) 21 Die Gviifin. Von Hans Röder. Während so der alte Langematz das Talent entwickelte, den Abend seines Lebens in seiner Art in aller Geniüthsruhe zu genießen, hatte die Freude der Frau Langematz an ihrem thaten- losen Dasein bald ein Ende. Sie hatte sich in dem Glück des Rentierlebens getäuscht, das sie sich früher so oft in den lächelndsten Farben ausgenialt; denn sie besaß nicht die Gabe stiller Be- schanlichkeit. Wenn sie nun auch in ihrer Wohnung noch öfter wie früher alles auf den Kopf stellte, schauern, klopfen und bürsten ließ, als einige Monate vergangen waren n»d der Reiz des Neuen sich verwischt hatte, empfand die lebhafte Frau plötzlich das vcrhängnißvolle Gefühl der Langeweile. In den langen Jahren, in denen sie hinter dem Laden- tisch gestanden, hatte sie es ganz verlernt, sich selbst zu be- schäftigen. Dazu hatte ihr das Geschäft gar keine Zeit gelassen. Da waren alle Tage tausend Dinge zu bedenken gewesen. Das Personal mußte beaufsichtigt werden und dann hatte Frau Langcmatz die delikate Aufgabe gehabt, die diplomatischen Be- Ziehungen zu den verschiedenen Köchinnen zu unterhalten und zu pflegen. Das allein schon war eine sehr kitzliche Beschäfti» gnng gewesen, die viel Takt, große Menschenkenntniß, mitunter aber auch eine gehörige Portion Energie erforderte, um gar zu iveit gehende Ansprüche zurückzuhalten und dabei doch das Geschäftsinteresse zu wahreu. Hierin jedoch war Frau Langematz gerade in ihrem Element gewesen; sie hatte es jedem Kunden an der Nasenspitze angesehen, wie kurz sie ihm das Stück Wurst abschneiden durste, ohne dabei ihren Ruf zir schädigen. Auch hatte sie es vortrefflich verstanden, ihren bewährten Klientinnen sogar in Herzensangelegenheiten und anderen wichtigen Dingen diskret und taktvoll Rathschläge zu ertheilen. In diesem bewegten Treiben waren die Jahre vergangen. Ganze Generationen von Köchinnen und Kunden waren ivährend dessen an Frau Langematz vorübergezogen und hatten dafür gesorgt, daß die Schlächterfrau keinen Augenblick dazu gekommen war, sich zu langweilen. Nun war das anders. Nähen, Stricken, Häkeln ivaren der ehemaligen Geschäftsfrau böhmische Dörfer und auch von der edlen Kniist des Lesens hielt sie grade nicht viel. Außer im Kourszettel und Jnseratentheil der Zeitungen war sie nur gewöhnt, in dem großen Buche des wirklichen Lebens zu lesen, in welchem statt der schwarzen Buchstaben und Worte die Menschen ihre schwarzen Gedanken und Thaten höchstselbst verzeichnen. Die gewöhnliche Drucker- schwärze hatte deshalb hauptsächlich nur insofern Werth und Interesse für sie, als dieses edle Gemisch von Schmiere und Ruß dazu beigetragen, ihr auf die denkbar billigste Weise das nölhige Papier für ihre Würste zu liefern. Endlich staub- wischen, was sie so gern that und auch ans dem ff verstand, konnte sie doch nicht den ganzen Tag. Wenn auch eine gütige Vorsehung dafür sorgte, daß immer wieder Staub vom Himmel herunterfiel, es kam trotzdem an jedem Vorniittage der Augenblick, wo Fran Langcmatz das letzte Atom eines Ständchens hinter ihrem Ofen aufgefischt und aus ihrem Fcnster über die ahnungslosen Fußgänger ausgeschüttelt hatte So geschah es, daß die Langeweile der Fran Langematz auf ihren Lorbeeren keine Ruhe ließ, sondern sie dazu trieb, sich alle möglichen Gedanken zu machen. Sie war immer eine ehrgeizige Fran gewesen, die im Leben etwas hatte erwerben und vorstellen wollen. Wenn sie nun darüber nachdachte, was andere Leute vorstellten und für Orden und Titel hatten, die doch lange nicht das besaßen, u>as sie und ihr Fritze sich erworben hatten, so kam sie zu der Ueberzengung, dag da doch etwas in der Welt war, was von rechts wegen ganz anders hätte sein müssen. Kurz, sie sagte sich: was die und die können, das können wir zehnmal. Hatten sie nicht drei Hänser und ein Einkommen, wie es höchstens so ein Minister bezog?! Das wurmte sie, das mußte anders werden, und darüber sann Fran Langematz oft und lange nach. Zuerst versuchte sie, ihren Fritze aufzustacheln.„Rtann," sagte sie,„Du hast doch Zeit, und Geld haben wir auch. Du mußt ein Amt annehmen nnd Dich verdient machen. Du mußt Stadtverordneter oder Bezirksvorsteher werden, damit wir bekannt werden und Dein Name auch in die Zeitungen kommt." Der alte Langematz hatte seine Frau groß angesehen, dann hatte er ganz gelassen gesagt:„Du, Emma, höre mal, waS ist eigentlich jetzt mit Dir los, willst Du etwa aus Deine alten Tage noch nach Dalldorf?" „Du bist ein alter Bauer." hatte Frau Langematz schnippisch zur Antwort gegeben,.andere Männer, die soviel haben wie wir, die bekommen Orden und Titel und die werden wer weiß was, aber mit Dir kann man die Wände einrennen." „Na, denn renne man, ich renne auch," hatte er zur Ant- wort gegeben und ivar dann gegangen, um wie immer an seinem Stammtisch in der Nachbarschaft einen Skat zu spielen. Aber Frau Langematz ließ sich nicht so leicht irre machen, wenn sie sich erst einmal etwas in den Kopf gesetzt hatte. Wußte sie nun auch, daß sie bei ihrem Fritze nichts ausrichten würde, denn wenn der einmal nein gesagt hatte, dann blieb es auch dabei, so konnte sie im übrigen doch thun nnd lassen, was ihr beliebte; in ihre Sachen redete er ihr nicht hinein. Nun gerade wollte sie ihm beweisen, ivie man zu Ansehen und Würde kommt. Sie war zwar von Hause aus eine sehr spar- same Frau; aber nicht lange nach diesem Auftritt mit ihrem Manne konnte man ihren Namen mit großen Schrist- zügeu in allen möglichen Liste» von Kollekten und dergleichen lesen. Dabei zeichnete sie immer ein paar Mark mehr als der Gehcimrath, der schräg über wohnte. Plötzlich sing sie sogar an. Sonntags in die Kirche zu gehen, obgleich sie das seit undenklichen Zeiten nicht mehr gethan hatte, denn dazu hatte sie gar keine Zeit gehabt in den langen Jahren ihrer Gcschäftsthätigkcit. Der alte Langemah schüttelte darüber den Kopf. Zu seinen Bekannten sagte er: „Bei meiner Alten is eine Schraube locker, die wird fromm, obgleich sie ihr Lebelang soviel geglaubt hat, wie die Spatzen glauben, wenn sie auch aus'n Lustgarten im Dom ihre Eier legen, brüten nnd schlafen geh'n." Auf diese Weise wurde die Schlächterfran eine ganze Menge Geld los; denn an willigen Rehmer» fehlte es nicht, und sie wurde von allen möglichen Leuten um Beiträge für fromme und milde Zwecke angebettelt. Anfangs fühlte sie sich geehrt, iveir» irgend ein Pastor oder sonst eine einflußreiche Persönlichkeit sie deshalb aussuchte, und sie that ihr Porte« monnaic weit auf. Als praktische Fran wollte sie aber auch Erfolge sehen und sie merkte bald, daß sie bei alledem wohl einen schönen Dank nnd gelegentlich einen Händedruck erntete; im übrigen aber verhielten sich gerade die einflußreichen nnd seinen Leute, auf die sie es doch vor allem abgesehen hatte, kühl und abweisend gegen sie, sobald sie ihr ihr Geld ab- genommen hatten. Frau Langcmatz ärgerte sich nnd stellte ihre Kirchcnbesnche wieder ein. Da geschah es, daß eine zufällige Verkettung von Umständen ihrem Leben eine neue Wendung gab, und ihre Eitelkeit befriedigt wurde. Eines Tages las sie eine Annonce: „20(XX) Mark sofort bei hohen Zinsen aus Hypothek gesucht. Offerten Graf Z postlagernd Westend." Sie schrieb dahin und bat um nähere Angaben. Bald darans erhielt sie einen eleganten parsnmirten Brief mit Wappen, der die Bitte enthielt, eine Besichtigung des Grundstücks, auf das die Hypothek ansgcnommen iverden sollte, vorzunehmen. Das Schreiben war unterzeichnet Gisela. Gräfin Matuschka geb. Frciin von Hülsheim. Gleich am Nach» mittage saß Frau Langematz in ihrem Wagen, nm nach West« cnd hinaus zu fahren, die Villa, auf die das Geld gesucht wurde, zu besichtigen und mit der Gräsin persönlich zu ver« handeln. Die Gräfin Matuschka war verwittwet. Sie befand sich in dem Alter der Frau Langematz nnd hatte eine erwachsene Tochter und einen Sohn, der Soldat war. Von ihrem ehemals beträchtlichen Vermögen besaß sie nichts mehr als die Villa in Westend bei Berlin, in der sie wohnte. Sie hatte dieselbe noch glücklich aus dem Konkurse, der bei dem Tode ihres Mannes über sie hereingebrochen war, für sich herauszufischen verstanden. Der erste Stock der Villa war vermiethet, sie selbst bewohnte mit ihrer Tochter das Parterre; hiervon hatte sie noch zwei Zimmer au einen Major von Beust, einen pensionirten Militär, abgegeben. Dieser war ein Jugensrcnnd der Gräfin und unverdeirathet. Außer seiner Pension besaß er ein leidliches Vermögen; die Kinder der Gräfin nannten ihn Onkel Benst. Er mar bald nach dem Tode des Grafen, als er verabschiedet wurde, nach Westend gezogen und stand der Gräfin und ihren Kindern mit Rath und That zur Seite. Frau Langcmatz wurde sehr liebenswürdig aufgenommen. Die Gräfin war nicht nur eine gewandte, sondern auch eine sehr gescheute Frau. Das viele Unglück, welches sie in ihrem Leben betroffen, hatte ihren Verstand geschärft, wenn sie trotzdem ihren Ruin nicht auszuhalten vermocht hatte, so lag das einmal an dem bodenlosen Leichtsinn ihres verstorbenen Gatten, als auch daran, daß sie selbst eine nnwirth- schaftliche Natur und in allen praktischen Dingen unerfahren gewesen war. Ihre sonstigen Talente hatten diesen Haupt- sehlern ihres Charakters und ihrer Erziehung nicht das Gleich- gewicht zu halten vermocht. Nun freilich, nachdem sie so gut wie alles verloren, und der eiserne Zwang der Nothweudigkcit sie rechnen gelehrt hatte, kamen ihr diese geistigen Gaben als letztes und wirksames Hilfsmittel im Lebenskampfe sehr zu statten. Die Gräfin besaß ein hervorragendes Komödiantcntalent und da sie dazu gezwungen war, hatte sie auch gelernt, diese Gabe erfolgreich zu benutzen, um von reichen Verwandten und Be- kannten allerhand Unterstützungen zn erbetteln. Noch wirk- samer verstand sie sich auf das Lüge». In dieser schweren Kunst, in der sich alle Dienschen versuchen, aber nur die aller- wenigsten erfolgreich sind, war sie sogar eine Meisterin, den» sie hatte ein Gedächtniß wie ein Phonograph und es pafsirte ihr daher nie, wie es anderen Lügnern so oft passirt, daß sie sich selbst Lügen strafte. Außer diesen Talenten zeichnete sie noch ein ganz vorzügliches Auge für alle Schwächen ihrer Mit- menschen aus. Dazu dieGabe, aus diesenSchwächen für sich Nutzen zu ziehen. Dank aller dieser Geistesgabcn vermochte sie denn auch selbst auf den Trümmern ihres Vermögens, und obgleich ihr ihr Sohn, der Lieutenant, mancherlei Sorgen und Kosten bereitete, immer noch ein durchaus behagliches Leben zu führen. Aber es war mit ihrem Sohn, der nur zu sehr seinem Vater glich, wieder einmal aus dem Acußerstcn. Seine Gläubiger bedrängten ihn von allen Seiten, und da der duuimc Mensch trotz seines hochtönenden Namens es immer noch nicht ver- standen hatte, sich eine Frau zu verschaffen, so mußte seine Mutter in die Bresche springen, sollte seine Karriere nicht zum Teufel gehen. Und darum eben wollte die Gräfin eine Hypothek, womöglich eine zweite. eine Mondhypothek, auf ihre Villa aufnehmen, wenn sie dafür jemand ausfindig machen könnte. Vorsorglicher Weise hatte sie die erste Stelle in der vollen Höhe des wahren Grund- stückswerthcs mit einer Hypothek für den Onkel Beust be- lastet. Sie fürchtete noch alte Gläubiger und zog deshalb vor, von rechtswcgen nichts zu besitzen, zunial sie in dem Major, ihren Jugendfreund, einen treuen Berather und stets bereiten Helfer besaß, auf den sie sich in jeder Beziehung und zwar besser verlassen konnte, als sie sich auf ihren verstorbenen Gatten hatte verlassen können. �Fortsetzung folgt.) Ovksfceltinummjg auf hohvv See. Wer hätte nicht schon einmal die kleine Nachlässigkeit begange», das Aufziehen seiner Uhr zu vergessen? In unseren zimlisirlen Gegenden, wo wir von allen Schöpfungen der Kultur reichlich um- geben sind, will das nicht viel sagen. Freilich ist es»nangenehm, wenn man am hellen Morgen auswacht, und nicht weiß, wie spät es ist, weil die Uhr stehen geblieben ist; doppelt»nangenehm ist es im Winter, wenn man in irriger Schätzung der Zeit das warme Bett etwa zu früh verläßt. Aber diese geringen Unannehm- lichleiten sind auch alles; kaum ist man auf die Straße getreten, so hört man bald eine Thurmuhr schlagen, oder vergleicht �eine Uhr mit der des Bahnhofes oder des Postgebäudes, an dem man vorüber- kommt. Weit schlimmer ist das Stehenbleiben der Uhr für den Seemann, der, rings vom Wasser umgeben, nirgends eine andere Uhr findet, nach der er sie stellen könnte. Freilich kann er durch einige einfach« Messungen am Himmel leicht bestimmen, wie spät es gerade ist; aber das wäre für ihn nur von untergeordneter Bedeutung; er will durch seine Uhr nicht erkennen, wie spät es dort ist, wo er sich gerade befindet, da er das, wie gesagt, leicht ausfinden kann, sondern für ihn ist vor allein von Wichtigkeit, zu wissen, wie spät es an jenem Orte ist, aus welchem er fortgesegelt ist. Denn dadurch allein kann er in der endlos sich ausdehnenden unter- schiedslosen Wasserwüste sicher bestimmen, wo er sich befindet und wohin er seinen Weg zu lenken hat. Daher hütet der Seemann die Uhr auch, wie seinen Augapfel; ist sie ja gleichsam das Auge, durch das er nach dem Heiiiiathasen zurückblickt, und das ihm Kunde von dort bringt. Wie furchtbar müssen die Anstrengungen gewesen sein, die Nansen und sein Begleiter Johansen ans ihrer Schlittenreise zum Nordpol zu überstehen hatten, da sie eines Tages wirklich vergaßen, ihre Uhren aufzuziehen� Am 14. März 1895 hatten sie die Fram, das sichere Schiff, verlassen, uni in Schlitten so weit als möglich nach Norde» vorzudringen, dann südwärts nach Franz Joseph- Land zu gehen, von wo sie in ihren leichten Booten nach Spitzbergen zu gelangen hoffte». Am Abend des 1. April erschraken sie nicht wenig, als sie bemerkten, daß sie die Zeit zum Aufziehen der Ubren versäumt hatten. Johansen's Uhr war voll- ständig stehen geblieben; Nansen's tickte und ging glücklicherweise noch, so daß sie mit dem bloßen Schrecken davon kamen. Aber noch nicht 14 Tage später, am 12. April, als sie bereits auf dem Heimwege waren, ließen sie sich infolge der über- großen Ermattung dasselbe Versehen noch einmal zn schulden kommen. Anfangs schien Nansen diesen Umstand nicht besonders tragisch zu nehmen; wenigstens spricht er nur von dem ärgerlichen Pech, das sie hatten; aber in der Folge halle er noch reichlich Gelegenheit, die Unachtsamkeit zu bedauern, da er sich monalelang vollstäudig im Unklaren darüber war, an welcher Stelle der Erde er sich eigentlich befand. Wieso die Angabe der Uhr zu dieser Bestimmung dienen kann, wollen ivir noch etwas näher auseinandersetzen. Die beiden Pole der Erde, diejenige» Punkte, die bei der täg- lichen Drehung um die Axe in Ruhe bleiben, iveil sie die Endpunkte der Axe selbst sind, denkt man sich durch ei» System vieler Kreise. der sog. Längenkreise oder Meridiane verbunden. Es ist bekannt, daß man einen Kreis in 360 gleiche Theile oder Grade, den Kreisgiad in 80 Minuten, die Bogenminnte in 60 Bogensekunden eintbeilt, geht man aber auf einem Meridian von einem Pole zum andern, so würde man einen halben Kreis oder 180 Grade zurücklege». Man zählte aber am einem Meridian die Grade nicht von einem Pol zum andern init den Zahle» 0 bis 130, sonder» setzt an den Pol die Zadl 30 und zählt dann zurück, so daß man ans 0 kommt, ivcnn man die Hälfte des Meridians, also einen Vierlelkreis, beiläufig eine Länge von 10 Millionen Metern, zurückgelegt hat. Dan» beginnt man wieder auswärts zu zäble», so daß man bis zum andern Pol wieder 90 Grade zurückgelegt hat. Legt man da.>vo an einem Meridian nach dieser Zählweise die Gradzahl 0 steht, eine» Kreis senkrecht zum Meridiankreis um die Erde, so trifft dieser, der sog. Aequator, sämmlliche Meridiane in ihrem Nullpunkt und tdeili die ganze Erde in zwei Hälften, die nördliche und südliche Halbkugel, in deren jeder, an der von, Aequator enlierniesten Stelle, ein Pol der Erde liegt. Zieht man durch die verschiedensten Punkte eines Meridians zu dem Acquator parallele Kreise, die sog. Breiten- oder Parallelkreise, so sieht man, daß man dieselben vom Aequator als ihrem Ausgangs- kreis auf jeder Halbkugel bis zum Pol, dem 90. Breitenkreis, zu zählen hat. Je»aber die Breilenkreise dem Pole liegen, nm so kleiner werden sie, bis der 90. selbst, der Pol, bis zn einem Punkte zusammengeschrumpft ist. Die Lag« eines Ortes auf der Erde wird nun zunächst durch seine geograpbische Breite, d. i. den Breitenkreis, aus dem er liegt, destimmt. So beträgt die Breite von Berlin 52i/2 Grad, d. h. man muß auf irgend einem Meridian von» Aequator aus um 52>/s Grad»ach Norden gehe», um de» Parallel- kreis zu treffen, auf dem Berlin gelegen ist. Weiß man- zugleich, auf welchem Meridian man nach Norden wander» nniß, mit anderen Worten, kennt man auch den Meridian, der durch Berlin führt, so erkennt man sofort, daß die Lage von Berlin völlig be- stimmt ist. Die Breite des Ortes zn finden, an dem sein Schiff sich bc- findet, fällt dem Seemann nicht schwer. Denken wir uns z. B., wir stehen zur Zeit der Tag- und Nachtgleiche, also am 21. März, gerade auf dem Aequator, so wird die Sonne zur Mittagszeit direkt über unserem Scheitel stehen und die versengenden Sirahlen senkrecht auf uns herabsende», ohne irgendwo Schatten zu spenden. Der Himmelspol dagegen, der Punkt,'wo die verlängerte Erdaxe das Himnielsgeivölbe trifft, ei» Punkt, in dessen nächster Näde der helle Polarstern erscheint, wird gerade unsere» Horizont berühren. Gehen wir aber auf einem Meridiane nach Norden, so wird*die Sonne von ihrem senkrechten Stande herabsinke», während der Pol sich um ebenso viel über den Horizont erheben wird; sind ivir z. B. bis zum 52. Grad, also etwa bis zur Breite von Berlin gckonimcn, so ist die Sonne um 52 Grad gesunken, steht also nicht mehr senkrecht über uns, sondern nur noch 90— 52= 88 Grad über dem Horizont, während der Himnielspol sich um 52 Grad ge- dobe» hat. Am Nordpol schließlich ist die Sonne nur noch am Horizont zu erblicken, und der Himmelspol befindet sich volle 90 Gr. darüber, also direkt über unserem Scheitel. Man erkennt somit, daß es nur auf die Bestimmung der Mittagshöhe der Sonne oder auch eines anderen Gestirns ankommt, um die geographische Breite des Beobachters zu finden. Das Ju- trument, das der Seemann hierzu verwendet, ist der Sextant, mittels dessen er de» Sonnenrand und den Horizont, den einen direkt, den anderen in einem Spiegel erblickt; der Spiegel wird so lange verstellt, bis beide Objekte zusammenfallen, worauf ich der Winkelabsland beider aus der Stellung des Spiegels sehr einfach ergiebt. Seine Breite konnte daher auch Nansen auf seiner Reise nach Süden stets bestimme»; um aber seine» Ort genau zu kennen,»mißte er auch wissen, aus»velchem Meridian er sich befand, «nd hierzu war ihm die Uhr unerläßlich. Es giebt ja keinen Meri- dian, der in gleicher Weise ansgezeichnet ist. wie der Aequnlor unter den Breitenkreise»; daher ist die Wahl des Null- Meridians, von dem aus die Zählung beginnt, eine willkürliche. Die Engländer wähle» denjenigen, der durch die Sternwarte von Greenwich geht. die Franzosen den durch Paris führenden, andere Naiionen noch andere. Am gebräuchlichsten ist die Zählung vom Greenwicher Meridian aus, von dem Berlin z. B. ISVz Grad östlich liegt; mau muß also aus deui Aequator da, wo er vom Greenwicher Meridian geschnitten wird, I3Vs Grad»ach Osten wandern, um den Meridian zu finde», auf dem man nach Norden reisend nach Berlin kommt. Da die Erde sich von Westen nach Osten dreht, so erscheint den östlich gelegenen Gegenden die Sonne sowie die übrigen Gestirne früher, als den westlichen, und es läßt sich leicht sagen, um wie viel früher. I» 24 Stunden ist eine volle Drehung um 360 Grad beendigt; daher entspricht einem Grade eine Zeitdifferenz, die dem 360. Theil von 24 Stunde», das find 4 Minuten, gleich ist. Da Berlin z. B. wie erwähnt I3Vz Grad östlich von Greenwich liegt, so wird in Berlin die Sonne 54 Minuten früher aufgehen als in Greenwich, es wird hier 54 Minuten stcüher Mittag sein, und ebenso wird sie 54 Minuten früher untergehen. Man sieht nun auch sofort, daß man umgekehrt ans der Zeitdifferenz zweier Orte auf ihre Länge schließen kann. Weiß man daß es hier 54 Minuten früher ist, als gleichzeitig in Greenwich, so kennt man sofort den Meridian, aus welchem man sich befindet, näm- lich 13-/2 Grad östlich von Greenwich. Hat man die Breite eines Ortes ennittelt, so ist der tägliche Lauf der Sonne und der anderen Gestirne für diesen Ort leicht zu berechnen,»ud eine weitere Höhenmeffung eines Gestirns giebr die gerade herrschende Zeit zu. Um nun aber zu wissen, wie lpät es gleichzeitig in Greenwich ist, dazu ist die Uhr oder der Schiffs- chronomeler nnerläßlich, der die Greenwicher Zeit oder die Zeit eines bestimmten Meridians angiebt. Als ihm die Uhr stehen geblieben war, nahm Nansen nach Bestimmung seiner Breite ein« Zeitniessung vor; dann schätzte er an der Läge des Weges, den er in den 4 Tage», seit er die letzte Längenmessung gemacht, zurück- gelegt hatte, die Länge oder den Meridian, aus dem er sich besand, und stellte danach seine Uhr. Auf diese Weise glaubte er, keinen großen Fehler begangen zu haben; derselbe betrug auch nur K-je Grad oder 26 Zeitminuten. Dies war aber ausreichend, um ihn oft vollständig zu verwirre», so'daß er mehrfach im Zweifel war, ob er sich östlich oder westlich von dem ersehnten Laude be- fand, und als er es schließlich erreicht hatte, glaubte er manchmal, an» einem neuen, unbekannten Lande zu sein. Erst dnrch das Zu- sammcntreffcn mit der englischen Expedition, deren Uhren die richtige Greenwicher Zeit zeigten, könnt« der Zweifel gehoben werden.— Lt. Eknms von dvv Vohmr. Da? Walten der„Heimlichen Behme", die im Mittelalter das oberste Gericht Deutschlands bildete und auch über den Fürsten stand, ist so sehr in Dunkel gehüllt, daß sich bei viele» die Meinung herausgebildet hat, die Bebme habe übe» Haupt als eigentlicher Gerichtshof garnicht bestanden. Das ist jedoch ein Jrrthmn. Und nachstehender, aus dem Leipziger Urkundenbnch gelchopfle und von uns dem„Leipziger Tageblatt" enlnomniene Bericht eines Prozesses, der im 15. Jahr- hundert spielte, wird»nseren Lesern gewiß von Interesse sein, und hat jedenfalls auch ein hohes historisches Interesse: I» der Pctersstraße zu Leipzig starben zu Anfang des 15. Jahr- Hunderts den, kleinen Matthias(von?) Mackwitz beide Eltern. Des verivaisten Knaben nahm sich sein nächster Verwandter Nicolaus Kansmann, Bürger zu Leipzig, an. Er übernahm die Vormundschaft, verlauste das Haus in der Petersftraße für 212 Rheinische Gulden und legte davon 160 Gulden für sein Mündel zurück. Da Mackivitz sein einziger näherer Verivandter war, so erklärte er ihn in Gegenivart der Rathsherren Heinrich Winter und Dietrich Kulkwitz zum Erben aller seiner Güter und Besitzlhümer. Nicolans Kansmann starb Ende Mai oder Anfang Juni 1438. Seine Hinter- lassenschaft bestand aus einem Hanfe am Markte, einer Kanfkämmer unter dem Rathhause(in der sogenannten„Bohnen" oder„Bühnen") mit großem Tuchvorrathe und anderen Waaren, zusammen ini Werthe von 3000 Guide», einem Bauingarten vor dem Grimmaischen und einem Vorwerke vor dem Peters-Thore. Dies alles kam jedoch zunächst nicht in die Hände des rechtmäßigen Erben, des Matthias Mackwitz, sondern in die der Leipziger Bürger Thomas Cleyber und Martin Wildenhay». Sie nahmen sogar die für jenen zurückgelegten 100 Gulden in Beschlag und bekümmerten sich wenig um die an sie ergangenen Aufforderungen, ihr unrechtmäßig erworbenes Gut wieder herauszugeben. Nun klagte Matthias Mackwitz. Welchen Weg er dabei zunächst einschlug, verschweigen uns die Quellen. Er wandte sich dann an den Propst Nicolaus von, Kloster Neuwerk bei Halle, und dieser entschied gegen ihn. Wüthend über diese Abweisung appellirt Mackwitz an das Baseler Konzil, und dieses beauftragt den Doktor Bernhard de Boschs mit der Einleitung des gerichtlichen Ver- fahrens. Nachdem die Beklagten zu»nehreren Terminen vor- geladen und nicht erschienen waren, wurden sie mit dem Kirchen- banne belegt und in der am 9. Februar 1442 erfolgten Schlußsentenz zur Herausgabe des widerrechtlich in Besitz genommenen Nachlasses an Matthias Mackwitz verurthcilt. Die beiden Leipziger Bürger jedoch trotzten der Kirche und ihrem Banne und behielten das Kausmann'sche Erbe. Matthias Mackwitz gab den Kampf noch nicht auf. Er richlele„Kummerbriefe" an den Erzbischos von Magdeburg und den Kurfürsten Friedrich(den Eanftmüthige»), und diese beauf- lraaten die Pröpste des Leipziger Thomasklosters und des Hallischen Klosters Ncuwerk mit der Schlichtung des Rechtsstreites. Beide entschieden zu gunste» des„wiäclsrxwtyo von Lipozk", der Gegenpartei in Leipzig. Nun wandte sich Matthias Mackwitz an die böchste Instanz der damaligen Gerichtsbarkeit in Deutschland, an die heilige V e h m e. Uulerdessen hatte sich der Kreis der in diesen Handel ver- wickelten Leipziger Bürger eriveitert, und es ergingen von feiten „Dittericir Ditmersen, richters vnde Frygraven zcw Wokkmersea Volkmarser in Westvhalen). des beylicksn Römische, richs von bevele(Befehl) des hochwirdigsten in god vader herr Dittericli erczbizchof zcw Colne" rc Vorladnngsbriefe an die Leipziger Bürger Hermann Becker, Heinz Winter, Nickel Mulner, Hans Knappe, Claus Schulze. Diltrich lFbyce) Kolkwitz, Lorenz Pudernaß, Nickel Krays »nd Heinz Mugeuhaner. Von diesen lassen sich noch einige im Harnischbuche von 1466(s. Wustniann, Quellen zur Geschichte Leipzigs, I. Bd.) nachweisen. Sie müssen zu den reicheren Familien des damaligen Leipzigs gehört haben, denn Lorenz Pudernaß, der im heutigen Böttchergäßchen(hinter Wolkenstein) wohnte, lieferle zur Ausrüstung von Krieasknechten im Kampfe gegen den Burg- grasen Heinrich III. von Plaue» je einen„Krebs"(Plattenharnisch), Eisenhnl. Schild, Koller und Armbrust und der Kanzler, der damals gerade Hermann Becker's Haus in der Grimmaischen„Gasse" ge» kaust zu haben scheint, 1!irebs. 2 Hüte, 2 Schilde. 2 Panzer. 2 Koller, l Armbrust und 1 Büchse. Jedenfalls pochten die Leip- ziger ans ihre» Einfluß»nd ihr Ansehe» und folgten der Vorladung der heiligen Vehme nicht, wie sie sich auch weigerten, die Geldstrafe, zu der sie deshalb verurtheilt wurden, je 66 Schilling, zu zahlen. Deshalb erlangte Matthias Mackivitz am 8. Februar 1457 dnrch seinen Vorfprecher Volckivin Czivigker bei dem„frienstnl",„das her dy vorgnanten beclagten mag an dasten in holcz, in felde vnde fnrt an allin stetin wu her sy ankummet, vnde kümmeren ir üb nnde gut" wegen„nün dusent guldin", die er nach„frienstuls rechte" und auf„schone geystliche sentencien, executorien vnde instrumenten" hin von ihnen zu verlangen hatte. Ferner schrieb der Freigraf der heiligen Vehme an de» Leipziger Rath, er solle„die beklagten myt yren wyb unde hinderen von on(sich) triben(wegtreiben) unde oer(ihr) güt(Gut) behaldin. Auch wurde der Kläger dem Schutze der Markgrafen von Brandenburg und der Herzöge von Sachsen empfohlen, während die Zlngeklagtcn weder„schucz noch schür sollin habin" bei Päpsten, Könige», Kar er», Fürsten, Grafen, Rittern oder Knechten. Eine besondere Aufforderung, dem Matthias von Mackwitz zur Er- langung des ihm znerkanuleu Rechtes Beihilfe zu leiste», erließ der Freigras an demselben 8. Februar 1457 an die Herzöge von Sachsen, Markgrafen von Brandenburg, Grasen von Mansseld und Anhalt, den Bischof Jobann von Merseburg und den Ritter Hans von Wnldenfels, außerdem an alle Schultheiße, Richter. Freigrafen, Frei- schöppen und an„aller menlich, der dusse preff(Brief) ankommet, en(ihn) eehin. hören ader(ober) lessen". Auf grund dieses Schiedsspruches der heilige» Vehme ging jetzt Matthias Mackwitz gegen den Kurfürsten Friedrich den Sanftmülhigen und de» Leipziger Rath, die beide den Beklagten und ihren Ver» theidigern Schutz gewährt habe» sollten, vor. I» der Nacht zum Donnerstag, de» 18. Mai, wurde der Vogt von Delitzsch. Albrecht Proffe, durch einen laute» Hornstoß geweckt, und bald überbrachte ihm der Bnrgwächter einen Brief, der im „Grindel" des Burgthors gesteckt hatte. Er öffnete und fand zwei Fehdebriefe. Wisset burgermeister vnd rad vnd gantcze gemeyne zcn Liptczk(Leipzig), das ich Matis Macwit, Raioff Tabel, Brant von Cramme, Hans von Hartenberg, Henicke Kukencop, Freydeke Bockel, Jacob Vyweians vnd alle unser mitte helfer vwer(euer) vnd der vwem(enrigen) wollen vynt syn vmb des probistes willen zcu sinte(Sankt) Thomas, vnd was hiran geschit an raube, morde vnd brande, dar wull» wir nicht zcu antworten (verantworten) vnd vnser ere an uch(euch) vnd an den uwem bewart habin. Geschreben am Sonnabende nach vnsers hern hymmelfahrt anno domini LVIIIo, Geschreben vnder vnser egns ingesiegel. Wettet(wißt) herthege(Herzog) Freyderk(Friedrich) here to Sassen, dat ek(ich) Matias Maghwit vnde Rolof Tabel vnde Brant van Gramme, Hans van Hardenberghe, Hennigh Kukencop, Freyderk Bockel, Jacob Wyweians vnde alle vnse mydde hidpers(Mithelfer), dat we wylle(wir wollen) wyghent(Feinde) iuwer(euer) lande vnd lüde weysen(sein) vmme vnse groter vnrechticheyt weyhgen(wegen), do de sehnt(geschieht) Matias Makwit van den van Leyppessche(Leipzig) veyghen ome ghe- schut, vnde wes hir van sehnt an rowe(Raub) vnde an brande vnde an morde, dar wylle we nycht to antworten vnd vnse ere an gik(auch) vnde anden iuwern by waren. Ghescreven (geschrieben) an dem sonnawende na vnses heren ghoddes hymmel wart daghe in dem achten vnde wefftighasten(50.) iare ghescrewen vnder Matias Makewit inghesegel, des we alle hie to bruken. Diese beiden Fhedebriefe, deren abweichende Schreibweise zeigt, welche Anarchie damals auch auf dem Sprachgebiet herrschte. sandle der Vogt»och nachts um 2 Uhr an den Kur- fürslen ab, der am 14. August seine Bürger zu„Lipzk" in Schutz nahm, da dem Mackwitz das Recht in Sachsen nie ge- weigert»norden sei und er sie vor ausivärtigen Gerichten ver- klagt habe. Der Leipziger Rath aber beschloß, in Verbindung inil anderen Städten des Laudes gegen die Vorladungen des heimlichen Gerichts vorzugehen, und erhielt die Erlaubniß dazu vom Kurfrirsten an» 4. Dezember 1459. Sein Ungehorsan» gegen die Vehme»vurde dadurch gestraft, daß der Kaiser die Acht über Leipzig aus- sprach. Es folgten neue Aufforderungen der Freischöppen und des Freigrafe» an den Kurfürsten, den Matthias Mackivitz zu seinem Recht zu verhelfen(am 13. Dezember 1459, am ö. Januar 1460.) Der Leipziger Rath legte nun de» ganze» Handel dem Papst« Pius II. vor. und dieser bestäligte am 14. April 1462 die in der Frankfurter Reforination von 1442 ausgesprochenen Beschränkungen der heimliche» Gerichte auf ge»viffe Fälle und trug dem Propste des Leipziger Thomasklosters, de», Wurzener Propste»ind dem Merse- burger Deka» auf, seine Bestätigung bekannt zu inachen. Im Frei- stuhle traten Zerivürfnisse ein: an» 27. April 1442 erklärte der Freigraf vier Freischöppen»vegen Ungehorsams für ehrlos. Wieder erließ er am 12. Oktober eine Aufforderung, seinen Schützling zu fördern und zu unterstütze»; die Freischöppen meldeten dem Propste Johann von» Pcterskloster bei Mersekmrg. daß Matthias Mackwitz gegen dessen gerichtliche Vornahme Berufung einlege. und am 16. Januar 1463„vervehnite" der Freigraf auch jene beiden Pröpste mit allen ihren Hintersassen. Hier lasse» uns plötzlich die Quellen im Stich. Wir wissen nicht,»vie sich der Rechtshandel des Matthias Mackivitz»md der Leipziger geendet hat._ Mleinrs Feuilleton — Franeu als Verbrecher innen. Einer der bekanntesten Gefängnißvorsteher in England. Major Grifsits, sucht auf gruud langjähriger eigener Erfahrungen i» einer englische» Zeitschrift den Nachiveis zu führe», daß der Charakter der»veibliche» Verbrecher nicht so schlinn» sei,»vie er von der italienischen Lombroso'schen Kriminal-Anthropologi« dargestellt»vird. Einer der Hauptirrthümer dieser Schule sei die Behauptung, daß die Verbrecherinnen schlechte Mütter seien. Ei» im Gefängniß vorhandenes Baby habe eine» äußerst niildernden Einfluß ans alle Insassen. Die im Gefängniß Muller geivordene Verbrecherin»vird von den Mitgefangenen sorg- sain und liebevoll gepflegt, das Kind bildet den Stolz und die Freude der ganzen Abtheilung. Ebenso zahlreich sind die Beispiel« von Treue und Liebe gegen Verlobte und Gatte» in de» Frauen- gefäugnisse». Viele Fr«»»«»» erdulden eher lange und Harle Strafen, als daß sie Zeugniß»vider jene ablege», die sie liebe». Auch sonst tritt der typische Frauencharakter im Ge- fängniß deutlich hervor. So verträgt eine Frau viel schiverer die eintönige Gefängnißhaft als ein Mann und nichts ist ihr peinlicher als die Schmucklosigkeit der Kleidung und der Zelle, der sie trotz aller Verbole iinmer»vieder durch eigene Zuthalen abzuhelfen sucht. — Dem oben über das Liebesleben der Gefangenen Gesagten kann man auch aus Berlin einen kleine» Beitrag zufüge». Im Moabiter Kriminalgerichts-Gebäude befinden sich Zimmer, in denen die Unter- suchungsgefangenen, nach Geschlechtern gelrennt, vor den Ver- nehmungen und Tcrinine» eingeschlossen»verde». Durch Inschriften an de» Wänden, Thüren, Oefen dieser Zimmer machen nun die Gefangenen ihrem Herzen Lust. Während»na» aber in dem Ziml>»er der Männer fast ausschließlich Zoten, unanständige Zeichnungen und allenfalls für Mitgesangene bestimmte Kassiber findet, sind in dem für Frauen bestimmten Zimmer bie Wände mit Liebesbetheuernngeu und dcrgl. bedeckt. Herzensgrüße»vie die folgenden liest man überall: „Ich liebe meine» Karl und bleibe ihn» treu und er»vird»nich auch heirathen." Oder:„Mein Franz bleibt seiner Emilie gut, »venu ich auch jetzt ganz verlassen bin." Das zeigt doch eine» großen Unterschied der Denkrichtung beider Geschlechter. Dabei ist zu beachten, daß diese»veibliche» Gefangenen zun» lheil Prostituirte sind.— c. e. Tic„Mode von»»oraeu". Das Pariser„Journal" schreibt: Als Besucherin der letzten Hunde- Ausstellung»vurde eine Dame viel bemerkt, die einen nicht alltägliche» JSchmnck trug. Dieser Schmuck bestand aus zivei lebenden kleinen Schildkröte», die von den Usern des Ganges kommen sollen und kaun» so groß sind»vie der kleinste Finger einer Hand. Auf der Schale der beiden Thier« befanden sich kostbare Edelsteine, die nach eine,» nur i» Indien be- kaunten System eingesetzt»varen. Dieser lebende Schmuck»vnrde auf der Brust der Dame durch ein goldenes Ketllein sestgehalte». Das lebendige Thier ersetzt also bei der Kleidung unserer Damen jetzt vollständig das anSgestopstc Thier oder die langiveilige Kopie aus Metall, Stoff ec., und die„Modedamen von morgen"»verde» tald aussehen»vie die indischen Schlangenbeschivörerinuen. In dieser Beziehung läßt sich noch viel erreichen, und folgende Vor- schlüge dürften daher nicht ungelegen kommen;»vir schlagen zu- nächst vor: kleine Mäuse an silbernen Kettche» auf dem Hut, Frösche als Schirmgriffe, Eidechsen am Halsband oder am Gürtel und endlich Rcgenivürmer an stelle der Struinpsbänder.— Theater. — I m Friedrich-Wilhelm st K�d tischen Theater ist gester» ein Autor namens Cohn mit einen»,»vie es heißt, schon über zehn Jahre lagernden Lustspiele zu Worte gekommen. Daß Stück, das etivas breitspurig„In» Lichte der Wahrheil" heißt, soll überall abgelehnt»vorden sein, bis dann Herr Samst nach bekannten Prinzipien sich seiner erbarmte. So schlecht,»vie man nach dieser Vorgeschichte annehmen sollte, ist die dramatische Arbeit nun gar- nicht. Ein Mann, der schrullenhaft für Aufrichtigkeit eingenommen ist,»vettet mit einem Freunde, daß er gar bald ins Irrenhaus komme,»ven» er überall rückhaltlos die Wahrheit sagen »verde. Und so geschieht es. Aber ein braves»veibliches Wesen löst im letzte»» Augenblick die Verivirrung und die Wabrheitskinderei endet niit der üblichen Lustspiel- Verlobung. Das Stück ist trotz des etwas»vagehalsigen Anlaufs, den der Autor »iinuit, harmlos und liebenswürdig, und Herr Cohn bekundet, daß ihm schriftstellerische Gaben eigen, die denn doch ilicht lange Jahre hindurch von blöde» Direktoren hätten verschmäht werden sollen. In der dlirchiveg recht hübschen Darstellung thate» sich Herr Bauer, sowie die Dame» Weiuholz und Griep hervor.— — Im Budapest er Luftspiel- Theater fand ain Montag Abend eine Demonstration gegen die deutschen Gastspiel-Aorstellun gen mehrerer Mitglieder des Wiener Hofburg-Theaters statt. Die Vorstellung inllßte,»veil ein Theil der Zuschauer große» Lärm machte, unterbrochen werden, wurde aber, nachdem die Polizei die Schreier entfernt hatte, ohne Störung zu Ende geführt.— Literarisches. Eine Prachtausgabe des Nibelungenliedes bereitet die Reichsdruckerei für die Pariser Weltaiisstelluiig von 1969 vor; das Werk soll in Paris den Stand deutschen Buchdruckes, deutschen Kunftgeiverbes und deutscher Jllustrationskunft auf das »vürdigste vorführe». Der Einband des Werkes»vird den» Kunst- handiverk Gelegenheit bieten, sein Können zu entfalten. Für die Illustrationen ist Joses Sattler geivonnen. — Beschlagnahme. Die im Verlage von Fr. Retemeyer in Hannover erschienene Broschüre„Der Fall Bergstedt und die Ab- schaffnng des Querulanten-Wahnsinns, n»it einem Anhang Hexen» Prozesse und Jrrenprozesse" von Fr. Kretzschmar ist in Hannover beschlagnahmt»vorden. Erst ist sie vier Woche» lang unbeanstandet verkauft»vorden.— Humoristisches. eh. Ein Merksprüchlein f ü r Wirthe. Im Artushofe zu Danzig, der biS zu in siebzehnten Jahrhundert»»ich»»ur Börse, sonden» auch geselliger Zusaiinnenkiinflsort der Danziger Bürgerschaft »var, stand auf den»nessingenen Leuchterschilden neben vielen andereii Regeln auch der folgende Spruch, der Heul«»och mailchen» ehrsamen Wirth zur Bcherzignng empfohlen»Verden kann: „Zu»Visse» sey auch Schencken dieß Daß sie allzeit auch ohn Berdrüß Kein Bier in» Geschirr in Keller tragen Denn solches den Herren und Brüdern nicht»vill behagen Sonderen außgießen in die Zinnerne Bancken »t verhüte» Univillens und Zancke»,. arnach sich ein jeder halten»voll, Oder sein Straf geivarten soll." ce. Der spanische„Prügel minister" Herzog von T e t u a n ist»uit seiner r»ih»»reiche» Ohrfeigenaffäre mit dem greisen Senator Comas i» Madrid die Zielscheibe vieler Witze, guter und minder guter. Einen der besten dieser Witze erzählen die spanischen Blätter wie folgt: Im Hause der gräfliche» Familie Montarco ivilrde dieser Tage Hochzeit gefeiert; die älteste Tochter des Grafen heirathete einen jllngen Artillerie-Ha»lpt»i»an>». Tranniigs- zeuge»var u. a. auch der Minister Herzog von Tetua». und als dieser mit energischen Schritte», als ivenn er sich auf das Braut- paar stürzen»vollte, zu einen» Tische schritt.»»» das Trauungs- prolokoll zu unterzeichnen, raunte»h», die Marquis« de la Laguna ins Ohr:„Ilm Golteeiville». Herzog, mäßigen Sie sich, die Braut ist schon eingesegnet und der Bräutigam scheint sehr kräftig zu fei»!" Der Herzog lachte selbst am meisten über dieses scherzivorl.— Vermischtes vom Tage. — Ein D y n a m i t- A t t e>, t a t ist am Montag in Marchiennes bei Charleroi(Belgien) gegen die Wohnung eines Kausmanns verübt»vorden. Thüren und Fenster des Hauses flogen in die Luft, doch wurde niemand verletzt.— — Verbrechen und Wetter. Ueber den Zusammenhang zwischen dem jeiveiligen Wetter und den Verbreche»»vurde»» neuer- dings interessanle slalislische Untersnchnngen von dein Leiter des Illinois State Weather Service angestellt. Er ging die Polizei- berichte der Stadl Chikago für jeden Monat der Jahre 1866—1694 durch und brachte die Gesammtsnnnne der Verbreche» für jeden Monat und für jede Art der Verbrechen i» Verbindung mit dem Wetter. Danach stellte sich eine Zunahme der Verbrechen mit den, Steigen der Temperatur im Laufe des Tages und auch nach den Jahreszeiten heraus. Ebenlo ergab sich eine Zunahme der Verbrechen bei einem Rückgang der Niederschläge. Andererseits nähme» die Verbrechen ab beim Heruntergehe» der Temperatur, besonders im Winter, ebenso bei einein lleberschuß des Regens in, Sonimer. Wen» Regen und Kälte zusammenivirklen,»var der Rückgang der Verbreche» am größten.—_ Verantwortlicher Redakteur: Robert Schmidt»» Berlin. Druck nnd Verlag von Max Vadiug i» Berlin.