Hnterhaltungsblatt des Honvüris Nr. 108. Donnerstag, den 3. Juni. 1397. 31 Die Geiifin. Von Hans Röder. (Slachvrucl verboten.) Die Gräfin unterwarf die dicke Schtächterfrau einem förm lichen Verhör, indem sie deren Redseligkeit geschickt anzuspornen und auf die Punkte hinzulenken verstand, die für sie zur Er- reichung ihres Zweckes von Wichtigkeit waren. Frau Langematz kam ihr hierbei auf halbem Wege entgegen, denn es that ihr wohl, gerade dieser vornehmen Dame gegenüber das volle Ge wicht der Hunderttausende, die sie werth war, in die Wag� schale zu werfen. So sagte sie:»Eigentlich ist 20 000 M. mir etwas wenig, wir legen nicht gern solche kleine Summen unter 50 000 M. an, man hat sonst immer zu viele Scherereien mit diesen Hypotheken. Gewöhnlich lassen wir das Geld so lange liegen, bis von unfern Zinsen wieder soviel zusammen ist; aber da es schließlich doch augelegt werden muß, so würde mir das in diesem Falle auch gleich sein.� Es dauerte nicht lange, und die Gräfin hatte einen voll- ständigen Einblick in die Vermögens- und Familienverhältnisse der Fran Langematz. Sie sagte sich ganz richtig, daß diese Schlächtersrau nicht, wie es gewöhnlich geschieht,, mit etwas rcnommirte, was sie nicht hatte, sondern daß dieselbe im Gegen- thcil mit dem rcnommirte, was sie hatte, um ihre Eitelkeit zu befriedigeu oder sonst irgend etwas zu erreichen, was ihr crreichenswerth erschien. So kam sie zu der Uebcrzciigung, daß ihr der Hinimel in dieser wohlbeleibten und redseligen Person wirklich einen Goldkarpfen gesandt, wie sie ihn gerade ge- brauchen konnte. Es handelte sich also nur darum, dieses nütz- liche Geschöpf glücklich in ihre Netze hinein zu komplimentiren. Darum vermied es die Gräfin, das Gespräch auf das Geschäft selbst zu lenken. Sie hütete sich auch, zu sagen, daß sie eine zweite Hypothek aufzunehmen wünschte, vielmehr suchte sie zunächst sich in das Vertrauen der Fran Lange matz einzuschmeicheln. Bei ihrer gesellschaftlichen Ge- waudtheit und der Liebenswürdigkeit, die sie je nach Bedarf zu entivickeln verstand, war ihr das nicht schwer, zumal sie darin nicht zu weit ging und ganz systematisch verfuhr. Alan besichtigte das Grundstück; doch nur, weil Frau Langcmatz das durchaus wollte, theils des Geschäfts wegen, vor allem aber, um ihre Neugierde zu befriedigen. Mit Bewunderung blieb die dicke Schlächterfrau vor den Ahncnbildern der Gräfin stehen. Diese waren zwar schon sehr verschossen, aber gerade das imponirte ihr. Auch konnten an den Rahmen derselben scharfe Augen ganz verborgen auf den Seitcnrändern noch immer die Spuren blauer Siegel entdecken, die dort vor Jahren von rechtswegcn eine friedliche Ruhestätte gefunden. Frau Langematz war entzückt, als die Gräfin sie bat, den Kaffee mit ihr einzunehmen. Auf Geheiß ihrer Mutter mußte die junge Komtesse sich bereit machen, um mit der Bahn nach Berlin zu fahren. Die Gräfin wollte erproben, ob die Schlächterfrau das junge Mädchen auffordern würde, mit ihr zu fahren. Sic rechnete bestimmt darauf und sie rechnete richtig. Ihre Absicht dabei war, auf alle F�fo mir der Langematz Fühlung zu behalten. Sie wollte dann den Abschluß des Geschäfts etwas hinzögern, um den Anschein zu erwecken, daß sie das Geld eigentlich über- Haupt nicht benöthige und es vielmehr gewissermaßen eine Gefälligkeit von ihr, jedenfalls aber eine Ehre für die Lange- matz wäre, wenn sie, die Gräfin Matuschka, ein Kapital von ihr, der Schlächterfrau, entlieh. Als das junge Mädchen sich entfernt hatte, sagte die Langematz, die der Gräfin eine Schmeichelei sagen wollte: »Schade, daß ich keinen Sohn habe, sonst hätte sie meine Schwiegertochter werden können. »Ja, es ist schade", erwiderte die Gräfin verbindlich und lächelte in sich hinein; dabei dachte sie: so eine dumme Gans, was sich die eigentlich denkt; aber sie ist eben so fett, wie sie dumm ist, ich werde sie gehörig rupfen. Frau Langcmatz war stolz, als sie an der Seite der kleinen Komtesse in ihrem Gespann durch den Thiergarten fuhr. Gradczu aus dem Gipfel der Glücksceligkeit fühlte sie sich aber, als ein Offizier zu Pferde, der ihnen begegnete, ihre Nachbarin höflichst begrüßte. Sie ließ deshalb auch durchaus nicht nach; die Komteffe mußte sie begleiten und ihre Wohnung in Augen« schein nehmen. Die Kleine, die nach ihrer Mutter geartet und durchaus nicht auf den Kopf gefallen war, wehrte zunächst ab, schließlich aber ließ sie sich erweichen. So oft und so vielen Frau Langcmatz auch schon ihre Wohnung gezeigte hatte, denn das war nun einmal ihr Parade- und Steckenpferd, aber ein« gehender als an diesem Tage war sie dabei noch nie zu Werke gegangen und noch nie hatte sie dabei aufgeräumter und stolzer in die Welt geblickt. »Nun, ich hoffe doch, Sie werden mir noch öfter die Ehre erweisen," sagte sie, als das junge Mädchen sich verabschiedete. Diese machte eine steife Verbeugung, sobald sie aber auf der Straße war, wollte sie sich vor Lachen fast ausschütten. Frau Landematz hingegen sagte, nachdem sie die Korridorthüre wieder geschlossen hatte, im ernstesten und gewichtigsten Tone zu ihrer Köchin:„Anna, das war eine wirkliche Komtesse, das heißt nämlich so viel wie Gräfin!" »So, na ick finde, die sieht jrade so aus wie die Jette von die Schulzen unten in: Grünkramkeller, sie hat' och man zwee Beene und ene Nese ins Gesicht," gab die Köchin zur Antwort. »Das verstehst Du nicht," erwiderte Frau Langematz selbst- bewußt und entrüstet. Es stand bei der Schlächterfrau fest, der Gräfin das Geld zu leihen, ja sie fürchtete im geheimen förmlich, das Geschäft möchte sich wieder zerschlagen, denn sie hatte wirklich den Eindruck gewonnen, als läge der Gräfin grade nicht besonders daran, die Sache schon abzuschließen. Bei ihrer Abfahrt hatte dieselbe gesagt:„Also Sic überlegen sich die Sache wohl und geben mir gelegentlich Bescheid. Viel- leicht kommen Sie, wenn Sie spaziren fahren, auch mal wieder persönlich mit heran. Es wird mich freuen, Sie wieder zn begrüßen. Im übrigen hat die Sache ja auch Zeit und Geschäfte wollen ja auch überlegt sein." Jfrau Langematz war ihrem Gatten gegenüber des LobeS räfin voll; freilich damit machte sie auf ihren Fritze keinen Eindruck. Dieser hatte nie für die vornehmen Leute etwas übrig gehabt, dazu war er ein zu fleißiger Mensch und eine viel zu demokratisch augelegte Natur. Trotzdem hatte er gegen das Geschäft nichts einzuwenden. 20 000 M. war so eine Villa in Westend auf alle Fälle werth, und dazu fünf Prozent Zinfen, das konnten sie ruhig machen. Er kümmerte sich also nicht weiter um diese Angelegenheit und ließ seiner Fran freie Hand, zumal das Geld für sie ein« gelragen werden sollte; denn sie hatten es immer so gehalten, daß die Hälfte ihrcS Vermögens für ihn, die andere Hälfte auf ihren Namen angelegt wurde. Nachdem zwei Tage verstrichen waren, saß Frau Langematz wieder in ihrem Wagen und fuhr nach Westend hinaus zu ihrer Bekannten, der Gräfin. Sie war in sehr gehobener Stimmung. Wieder wurde sie sehr freundlich empfangen, wieder mußte sie den Kaffee mit der Gräfin einnehmen und wieder sprach man nur ganz flüchtig über den eigentlichen weck ihres Besuches, nämlich über das Hypothekengeschäft. rst nach dem Kaffee, als die Langematz sich' wieder zum Auf- bruch rüstete, sagte die Gräfin:„Ja, meine Liebe, ich bin mir eigentlich immer noch nicht schlüssig, ob ich das Geld auf- nehmen soll oder nicht." Fran Langematz hatte ihr gleich bei ihrer Ankunft gesagt:„Meine verehrte Gräfin, das Geld gebe ich Ihnen;" aber die Gräfin hatte das scheinbar höchst gleichgiltig aufgenommen und das Gespräch auf einen anderen Gegenstand gelenkt. »Sehen Sie," hatte die Gräfin fortgefahren,„es handelt sich da um eine Gefälligkeit, die ich hohen Verwandten von mir auf ein paar Moimte erweisen soll. Gern thue ich es ja nicht, aber es ist doch im Interesse meiner Kinder, wenn ich solchen einflußreichen Personen mal gefällig bin. Ich habe die Hypothek ja vor Jahren schon mal begeben bei einer ähnlichen Gelegenheit und dann wieder zurückgezahlt, als ich anderweitig Geld flüssig bekam. Kurz, ich weiß wirklich noch nicht, was ich da thun soll; aber ich will Ihnen was sagen, meine liebe Frau Langematz, bis morgen Nachmittag werde ich mich definitiv entscheiden. Hier ist der Hypothckeilbries, da sind die Details drin, Sie können das ja prüfen und sich die Sache nochmal überlegen. Ich werde morgen Nachmittag zu Ihne» kommen, und dann können wir uns beide entscheiden." „Wie Sie wünschen, Frau Gräfin", antwortete die Lange-- matz„aber nicht wahr, Sie trinken dann den Kaffee bei mir? um welche Zeit wäre es Ihnen gefällig?"„Sagen wir um t» Uhr", gab die Gräfin znr Antwort. Frau Langematz fuhr sehr befriedigt über die Liebens- Würdigkeit und das Vertrauen, dessen sie die Gräfin würdigte, nach Hause. Diese vornehme Danie war doch anders, so gar- nicht stolz wie die anderen feinen Damen, die sie gelegentlich kennen gelernt hatte. Es wäre doch zu reizend, wenn die Gräfin ihre Freundin würde! Dann wären auf einmal ihre geheimsten Wünsche erfüllt gewesen, und dieser Gedanke umschmeichelte die Schlächterfrau, während dieselbe in ihrem Wagen ans der Heimfahrt begriffen war. Sie bedauerte nur, daß das Geschäft noch nicht abgeschlossen war; denn wenn es nun doch nicht zu stände käme, dann würden auch die Bc- Ziehungen, die eben auf dem besten Wege waren, sich zwischen ihr und der Gräfin anzuspinnen, wieder aufhören. Als Frau Langematz zu Hause anlangte, fand sie Besuch vor. Eine ihrer Freundinnen erwartete sie. Die Schlächterfrau konnte nicht unterlassen, dieser von ihrer neuen Freundin, der Gräfin, viel Rühmliches zu berichten. „Morgen würde sie einen großen Kaffee geben, wozu auch sie hiermit eingeladen sei, da würde sie diese feine Dame kennen lernen." Noch am Abend ließ Frau Langcniatz, um dieses bedeut- same Ercigniß würdig zu feiern, einen Baumkuchen niit möglichst langen Nasen, eine Nußtorte und noch verschiedene andere schmackhafte und kostspielige Kuchensorten bestellen. Die Gräfin sollte sehen, daß sie, die Frau Laugematz, hinter niemand zurückstehen brauchte. Nur eins bedrücklc sie, wen von ihren Freundinnen sollte sie sonst noch zu diesem Kaffee einladen? Wenn sie so feinen Besuch bekam, müßte sie doch eine gewisse Auswahl treffen. Unmöglich konnte sie die Müllern, die Frau von dem Handschuhmacher um die Ecke, einladen und wenn sie auch die älteste ihrer Bekannten war, die hatte doch zu wenig Bildung. Aber da war die Frau Rechnungsrath und die Frau Doktor, die Frau von dem Oberlehrer, das waren auch gebildete Damen, die würde sie einladen. Erst am Mittage des folgenden Tages fand Frau Langcniatz Zeit, den Hypothekenbrief, den ihr die Gräfin so vertrauensvoll eingehändigt und den sie sogleich in ihrem Sekretär verschlossen hatte, einzusehen. Da stand unter Nr. 2: 20 000 Mark und 5 Prozent Zinsen halbjährlich zahlbar für den Major a. D. Freiherrn von Beust. Sie blätterte iveiter und siehe da, in der dritten Abtheilung unter Nr. 1 waren vor dieser Summe bereits S0 000 Mark eingetragen. Sie traute ihren Augen nicht, denn sie hatte als ganz sclbstver- ständlich angenonmim, daß die Villa sonst noch nicht hypothe- karisch belastet sei. Frau Langcniatz war höchlichst überrascht. 20 000 M. zur ersten Stelle, ja, das wärt eine sichere Anlage gewesen, aber hinter 50 000 M., da tonnte doch von Sicherheit kaum noch die Rede sein! Und doch berührte es sie unangenehm, wenn sie nun dachte, daß aus dem Geschäft vielleicht nichts werden könnte. Sie suchte förmlich nach Gründen, um trotz alledeni ihre Bedenken zu beschwichtigen. War die Gräfin nicht eine vornehme und verniögende Dame? Hatte sie nicht die Hypotheken schon einmal ausgeliehen und dann wieder zurück- gezahlt? Es sollte doch, sozusagen, nur eine Gefälligkeits- anleihe sein, wie sie gesagt hatte und von ganz kurzer Dauer! Ter Major von Benst, der die Verhältnisse der Gräsin gewiß genau kannte, hatte der ihr nicht das Geld gegeben, warum sollte sie es uicht auch thun und sich so dieser feinen Dame ge- fällig erweisen. Nein, wenn sie sich das alles richtig über- legte, es war doch eigentlich gar kein Risiko bei der ganzen Sache? Frail Langematz lief am Nachmittage, che ihre Kaffeegäste sich einstellten, förmlich wie ein Wiesel in ihrer Wohnung umher. Sie wischte noch hier und da ein Stäubchen fort, rückte an ihren Tischen und Stühlen herum, zupfte die Decken gerade. Kurz, sie kam nicht znr Ruhe; aber als sie einen letzten prüfenden Blick über das ganze warf, war sie zu- frieden. Die Tische wollten förmlich brechen unter der Last der Torten- und Kuchenschüsseln und ihre feinen Silber- fachen blitzerten, daß es eine Freude war. Punkt 5 Uhr stellte sich die Gräfin ein; die andern Damen waren schon versammelt. Dieselben hatten alle ihren neuesten Staat angelegt und waren mit allen möglichen Schmuck- fachen behangen. Frau Langematz glänzte in Seide. Die Gräfin war ganz einfach und dunkel gekleidet, wie sie immer ging, seit sie verivittwet war und ihr Vermögen verloren hatte. Böse Zungen meinten, daß sie sich über den Tod ihres Gatten längst hinweg getröstet, ja daß das viel eher ein erfreuliches, als ein betrübendes Ereigniß für sie gewesen, aber den Ver- lust ihres Vermögens würde sie gewiß bis an ihr seeliges Ende betrauern. Als sie eintraf, erhoben sich die Damen und verneigten sich lief, als käme eine Königin. Sie sagte artig: „Aber meine verehrte Frau Langematz, ich bin ganz perplex; ich habe gar keine Toilette gemacht. Konnte ja nicht ahnen, daß ich Ihnen gerade in den Kaffee hineinfallen ivürde. Bitte also zu entschuldigen, meine Damen, wenn ich störe." Dabei verneigte sie sich leicht und ließ dann ihre Augen ruhig und forschend über die Anwesenden hiuweggleiten, gleichsam wie ein Reh, das sichert und äugt, ob nicht irgend ein heimlicher Feind ihm nahe. Als sie noch reich und angeschen gewesen war, hatte das Wesen der Gräfin etwas Hochfahrendes, Kaltes und Abweisendes gehabt. Seit sie aber an sich selbst die Schwere des mensch- lichen Lebenskampfes erfahren und sie sich aller ihrer Fähig- keilen als Waffen zu ihrem Fortkommen bedienen mußte, war sie um vieles schmiegsamer geworden und sie hatte auch ge- lernt, wenn es ihr nützlich erschien, eine bestrickende Liebens- Würdigkeit zu entwickeln. Dabei war sie viel zu klug,»in jemals zu vergessen, die Liebenswürdigkeit mit dem nöthigen Zusatz vornehmer Zurückhaltung zu mischen, je nachdem es die Umstände erforderten. So erhielt sie sich den Respekt und sammelte dennoch Freunde und erweckte Vertraue». Es herrschte deshalb unter diesen Damen nur eine Stimme des Lobes über die Gräfin, als dieselbe nach Verlauf einer Stunde bereits wieder ausbrach und trotz aller Bitten sich nicht bewegen ließ, noch länger zu verweilen. Die Gräfin wußte sehr wohl, was sie that, indem sie sich rare machte, um ihr Pulver möglichst trocken zu halten und nicht zu schnell zu verschießen. Nur die Rcchnungsräthin meinte, eigentlich hätte sich die Gräfin doch etwas zu zimperlich, sie hätte so gut wie garnichts von deni Baumkuchen gegessen und der schmeckte doch zu fein. Da wäre sie ganz anders, eine so gute Gelegenheit müsse man wahrnehmen, die böte sich nicht alle Tage, nicht wahr, Langematzeu, sagte sie und dabei griff sie noch einmal tüchtig in den Teller hinein, holte einen kleinen Beutel aus ihrer Tasche und packte die Kuchenstücke da hinein. Die andern nahmen ihr den Teller schnell fort, aber die Frau Rechnungsrath hatte ihr Theil schon in Sicherheit gebracht. Sie machte das immer so, wenn sie bei Frau Langematz zum Kaffee war, darum hatte sie Hebung darin. Frau Langematz war sehr zufrieden mit dem Verlauf ihres Kaffce's. Sie stand mit einmal ganz anders, so zu sagen ein paar Grad höher in den Augen ihrer Bekannten da, die sie mit allen möglichen Fragen betreffs der Gräfin bestürmt halten. Als sie am andern Tage in ihrem Wagen saß und wieder nach Westend hinausfuhr, war sie fest entschloffen, der Gräfin das Geld zu geben und sie wollte das auf ihre eigene Kappe nehmen. Ahr Fritze brauchte vorläufig ja weiter nicht zu er- fahren, daß die Sache anders lag, als sie zuerst selbst geglaubt und ihni vorgestellt hatte. Sie konnte aber doch unmöglich wieder zurück, es war ja doch nur eine vorübergehende Ge- fälligkeit, die sie der Gräfin erwies und sie würde deshalb nicht wieder mit dieser reizenden Dame brechen, deren Bekannt- schast ihr ein glücklicher Zufall vergönnt. Ihre Frenndinncu würden sie ja sonst schrecklich auslachen. (Schlub folgt.) Die Stellung dev Türken in Europa. H. Vamböry bringt in der„Geographischen Zeilschrift" eine Studie über die Ursachen, denen der Niedergang des einst so mächtigen Ottomanischen Reiches zuzuschreiben ist. Wenn uns anch nicht scheint, daß die gestellte Frage durch diese Ausführungen voll- ständig gelöst wäre, so sind dieselben doch sehr interessant und mittheilenswerth. Das Siechlhum der Türkei, sc schreibt Bamböry, hat gleich bei ihrer Gründung seinen Ansang genommen, und trotz der riesigen Machtausdehnnng der späteren Zeiten kann der nüchterne Forscher nicht umhin, schon die erste Phase ihres Entstehens als Fehlgeburt zu bezeichnen. Als der türkische Stamm der S e l d s ch u k e n sich Kleinasiens bemächtigte, da erstreckte sich ihre Herrschaft eigentlich nur auf die Städte: türkische Kolonien hat es im II. Jahrhundert in Kleinasien nicht gegebe», und selbst in den darauf folgenden Jahrhunderten blieben die Türken nur in der Rolle militärischer Ver- walter des Landes, dessen Einwohner aus Armeniern, Griechen und anderen Autochthonen bestanden. Der später aus Jnnerasien nachrückende Stamm der O s m a n e» verstand es zwar besser, die übrigen Bewohner, besonders die Grieche», sich zn assiiniliren und andererseits sich die griechische Kultur bis zu einem gewissen Grade zu eigen zu machen; das war aber nur in Kleinasien der Fall, denn kaum waren die Sultane über die Meerenge von Gallipoli nach der Balkanhalbinscl vorgedrungen, wo sie kompakteren christ- lichen, arische» Elementen gegenüberstanden, da fing der Zauber der nationalen Einverleibung zusehends an abzunehmen. Die Türke» in Europa haben die vorgefundenen Elemente nur i s l a m i s i r t. nicht türkisirt, ja selbst die Jslamisirung erstreckte sich nur aus einzelne Theile in Bosnien und der Herzegowina, aui einige alba- Nische Elämme:c. Die Zahl der Türken in der europäischen Türkei war daher von jeher gering und erstreckte sich zumeist auf die Slädtebewohner, die ursprünglich zum Beamtenheer gehörten, und von denen nnr sehr wenige Dörfer gebildet haben und mit der Landwirthschaft sich beschästigen. Die besitzende Klasse des Landes waren wohl zumeist Türken, doch der Bauern» stand geHörle ausschließlich dem s l a v i s ch e n Elemente an. Das war nicht nur am Donangelände, sonder» auch im Innern der Balkanhalbinsel der Fall, daher wir heute, nachdem das ehemalige Tnna-Wilajeti in ein bulgarisches Fürsteuthum sich verwandelt, in Makedonien und auch anderswo dem schwierige» Probleme einer gemischten Bevölkerung gegenüberstehen. Im Laufe der Zeit ist die Nationalität in der Türkei noch weiter stark zurückgegangen, woran die Militärpflicht die Haupt- schuld trägt, da das Türkenthum von jeher in der Rolle eiuer vatio militans(Kriegsvolk) einer starken Zahlenverminderung unterworfen gewesen ist, während die christlichen Unlerlhanen des Sultans durch E»t- richtung des Ls(I, wie solche ihre seldschukischen Vor- gänger befolgt und wie solche im ganzen nioslimischen Asien gang und gebe gewesen. Augenscheinlich halte diese Regierungsform i» anbetracht der großen Anzahl christlicher Unterthanen des Sultans — denn nebe» 18 Millionen Mohamedanern zählt man heute gegen 10 Millionen Christen— unzweifelhafte Vortheile für die Eroberer gegenüber den Eroberte», doch mußte andererseits wieder der Krebs- schaden hierarchischer Verfassung höchst unheilvolle Folgen nach sich ziehen, deren Verderblichkeil für den Staat und für die Zukunft des ottomanischen Volkes in der Neuzeit mit all seinen Schrecken hervortritt. Erst in der Neuzeit, als ein reger und ununterbrochener Verkehr mit Europa die türkischen Herrscher zur Annahme scheinbarer Reformen gezwungen, nur seil jener Zeit hat die Regierungssorm äußere Veränderungen sich gefallen lassen, das innere Wesen ist aber immer bei seiner ekelhaslen Monstruosilät geblieben. Die türkischen Ministerien auf der Hoben Pforte waren nur Ministerien dem Namen nach, denn regiert hat der unumschränkte Wille des Sultans, oder jener seiner Kreaturen, die als willenlose Werk- zeuge sich hingaben. Wir in Europa pflegen z. B. das Staatsbudget der Türkei ganz ernst zu nehmen, trotzdem ein solches eigentlich nie existirt hat, da der Herrscher über die Staalseinkommen ganz frei schalten und walten kann. In den Augen des Sultans Abdul A z i z galt das ganze Volk und die Nation für nichts anderes, als ein verächtliches Podium seiner überirdischen Größe, und der halbverrückte Monarch, der Lieblingspferden und Kampshähnen hohe Auszeichnungen verlieh, hat sich dann erst aus dem Throne sicher gefühlt, als die von seinem Bruder ererbten Minister mit dem Tode abgegangen waren und er in die Lage kam, sich neue, blind ergebene, aber unfähige Minister zn wählen. Sein Ende ist bekannt: er erlag der nationalen Kraftanstrengung eines kleinen Theiles der türkischen Beamten- weit, in dessen Adern sich eine bescheidene Dosis von Patriotismus, Freiheitsliebe und Männerwürde vorgefunden hatte. Midhat Pascha, Hnssern Awni Pascha, Ruschdi Pascha und der Scheichul Islam: Cheirnllah Effendi waren sozusagen die letzten Tribunen des osmanische» VolkswillenS, denn als der b e u t i g e Sultan an die Regierung kam, da war es seine erste Sorge, jede leiseste Spur jener Volkskraft zu vertilgen, die ihn auf de» Thron gebracht, und»ach Lljähriger Herrschaft. einer der grauenvollsten Perioden des Absolutismus in Asien, ist es ihm auch gelungen, das ivenige, ivas aus Konstitutioualismus und Liberalismus ans Europa eingedrungen war, gründlich aus- zurotten, das asiatische Regime mit allen seinen Grausamkeiten und Schrecken herzustellen und selbstverständlich jede Regung des osmauischen Nationalgefühls im Keime zu ersticken. Die Türkei ist daher wieder einmal, trotz der bedeutenden Fort- schritte, die die Gesellschaft auf den verschiedensten Seiten der europäischen Kultur gemacht hat, in politischer Beziehung st r e» g asiatisch geworden. Dieser Asialismus ist es leider, an dem die moslimischen Staaten der Neuzeit zn Grunde gegangen sind und gehen mußten. In alten Zeilen hatten Palastintriguen, auf- wallender Religionssanatismus und Prätoriauerwirthschaft den Absolutismus der Herrscher einigermaßen gedämpft, doch heute ver- fügen diese absolutistischen Schahe, Sultane ec. über gutgedrillte Sol- date», über Kanonen und andere Mittel der modernen Macht, sie haben eine Vertretung in europäischen Staaten, sie werden von unseren Fürsten als„mon eher frere" angesprochen, finden daher nach innen und außen vollkonnnen Schutz gegen jeden Angriff auf ihre Autokratie und gegen jede Bedrohung ihres tollen Absolutismus. Unter solchen Regierungsforuien kann natürlich von der öffentliche» Kundgebung eines Volkswillens und von der Anbahnung zum Prinzip des Selfgovernrnent keine Rede sein, und die vom Fürsten ängstlich gehütete persönliche Ucbermacht verhindert auch die Verbreitung solcher Ideen, die die Massen zum Selbst- bewußlsein erwecken könnten. Trotz des verbesserten öffentlichen Unterrichts wird der Sultan immer als unumschränkter Herr des ganzen Landes, das Volk für eine Heerde oder für seine Schutz- und Machtbefohlene» gehalten. Jeder buhlt um die Gunst des Fürsten, jeder will vo» ihm lebe», alles will angestellt sein und de» Staats- schätz als Gemeingut betrachten, wie das Sprichwort sagt:„Das Vermögen des Fürsten gleicht einem Meere, wer davon nicht genießt, ist ein Schivei»". Wäre die Türkei ein einheitlicher Staat, wie zum Beispiel Persien oder Afghanistan, so hätten sich die Gebrechen asiatischer Regiernngsform nicht so fühlbar gemacht und der Verfall wäre vielleicht erst später eingetreten; doch i» einem Lande, das ethnisch und in religiöser Beziehung so arg zerklüftet ist, wie der ottomanische Kaiserstaat, in einem Lande, welches von solch' mächtigen Nachbaren umgeben, daher steten Gefahren nach außen hin ausgesetzt ist, in einem solche» Lande hat die absolutistische Regierungssorm und der blinde Religionssanatismus jenes Unheil anstifte» müsse», welches wir heule in der Türkei vor uns sehe». Der Versall datirt, wie gesagt, schon seit Jahrhunderten, und das letzte Mittel, welches dem unglücklichen Volke der Osmanen»och übrig gebliebe» ist, um die endgiltige Katastrophe»och hinauszuschieben, liegt heule im V e r s u ch e d e r E i n f ü h r u n g solcher st! e f o r m e n auf dem Gebiete der Verwaltung, die, allen gleiches Recht gewährend, Schuh gegen UeberHriffe der Regierung angedeihen lassen. In der beuligen Krise der Türkei wäre es für die Osmanen nicht das größte Unglück, wenn sie auf gewissen Gebieten der Administra- tiou einer temporären Vormundschaft anderer europäischer Staaten sich nuterwersen würden. Was wir heute iu Egypten vor uns sehen, das ermuntert vollauf zur Annahme einer solchen Vorbedingung. In der Türkei würden die Folgen eiuer uniniltelbaren, gelinden, europäischen Einmischuiig sich wohl noch viel segensreicher gestallen. Nleinvs FeuiNvkon. — Tic Feuerpest iu Rnsiland. Zu den gefährlichsten Feinden, die der Landmann hat, ist in Rußland die Feuerpest zu rechne», jene gesürchlete Erscheinung, die ganze Dorfschaslen verheert und den Fleiß der Bauern in wenigen Stunden vernichtet. Die Sorglosigkeit, mit der der Landmauu baut, begünstigt den Ausbruch der vielen Brände. Beim Errichten der Häuser wird mit einem Lcichlstn» verfahren, der die Gefahr geradezu zn berufen scheint. Die Löschvorrichtungen sind dabei so primitiv, die Be- dienung derselben ist so mangelhaft, daß die Ausdehnung des Feuer- Herdes bierdurch nur zn begreiflich wird. Dabei legt das Landvolk beim Wülhen der Feuersbrünste noch eine Naivetät au den Tag, die an die Zeiten des Mittelalters er- innert. Sind alle Anstrengungen zur Lösckuug vergeblich geblieben, greift die Flamme nur immer weiter nui sich, so eilt das Volk in die Kirche, Holl ein Heiligenbild und setzt es an der Brandstätte nieder. Die ganze Gemeinde kniet rings umher und der Priester giebt dazu seinen Segen.— Wenn inzwischen das ganze Dorf niederbrennt, so hat Gott das gewollt, es ist hinzunehmen und man muß es eben wie manches andere Unglück ertragen. lim der Gefräßigkeit des Feuers aber Einhalt zu thun, hat sich in Rußland neuerdings ein Brauch ausgebildet und i» kurzem überall Eingang gefunden. Jeder Dorfbewohner ist durch seinen Anschluß an das Gemein- wesen verpflichtet, beim Ansbrnch des Brandes dem Gefährdeten beizustcben. Um dieser Bestimmung nun eine feste Organisation zu geben, hat sich in der Bauordnung ein System entwickelt, wodurch die Glieder einer jeden Gemeinde gleichsam mit vertheilten Rollen spielen. Wird ein Haus gebaut, so begiebt sich der Dorfbewohner zum Aelteften und frägt ihn nach der Uebernahme feiner Rolle. Es wird von dem Schulzen das Löschgeräth gewählt, das die wenigsten Besitzer nnter den Dorfbewohnern aufweist. Ist das Gebäude nun bis zum Deckenfirst errichtet, so wird in de» Querbalken, welcher das Dach durchkreuzt, das Geräth abgebildet und angeschafft. Hierfür gilt die ganz bestimmle Ver» ordnung, das Geräth so zu hallen, daß es für jedermann leicht zu« gänglich und zu jeder Zeit zu benutzen ist. Ist zum Beispiel einem Dorfbewohner bei der Rolleuvertheilung die Beschaffung einer Leiter nun zugefallen, so muß sie äußerlich angebrachi und zu jeder Zeit abgenommen werden können. Ist es ein Eimer, so muß er gefüllt gehalten, ist es eine Axt. so muß sie geschliffen sein. Besitzt ein Bauer ei» großes Gehöft und hat er mehrere Häufer, so tritt das Gesinde niit für ihn ein und vom Großknecht an führt ein jeder im Dienstverhällniß Stehende ei» anderes Geräth, was den Bewohner des Dorfes gleichsam vervielfältigt. Ist ei» Brand in einer Ortschaft nun ausgebrochen, wird im Kirchthurm die Sturmglocke geläutet, so finden die Bauern in hellen Schaaren sich ein, ein jeder mit seinem Löschgeräth,»m die um sich greifenden Flammen zu löschen. Um auch hier eine gewisse Disziplin zu schaffen, finden an den Sonntagen Probe-Uebungen statt. Ein jeder erwirbt sich in der Handhabung des Geräthes das Geschick, daS ihm beim Brande selbst treffliche Dienste leistet. Zu berücksichtigen ist hierbei, daß der geringe Wohlstand mancher Gegenden auf die Fe>lirpest zurückzuführen ist, daß die Bauer» auf den Ba» ihres Hauses eine so geringe Sorgfalt verwenden, da daffelbe einer verläßlichen Schätzung zufolge in einem jeden zehnten Jahr niederbrennt. Bersichernngs-Gesellschaften nehmen Objekte nicht an, die in de» entlegeneren Gebieten liegen, und der Landmann ist der Macht des Elementes somit ganz und willkürlich preis gegeben. Mehrere ausländische Feuersozietäten, die früher in Rußland stark operirten, haben sogar das russische Reich von ihrer Thätigkeil vollkommen ausgeschlosse». Die Regierung bietet hier gar keinen Schutz, da eine Bau- Ordnung in unserem Sinn nicht existirt. Der Waldreichthum fördert die Errichtung von Holzbauten und erst in neuerer Zeil hat man angefangen, in den Dörfern der Westgouvernements Steinhäuser zu errichten. Die Feuerpest unterminirt zum starken Theil den Volks- Wohlstand des russischen Reiches.— r. Literarisches. n.„Der entlarvte Lucifer". Metaphysischer Verlag, Berlin-Zehlendorf.— Nicht die geschicktesten Schwindeleien haben die größte» Erfolge gehabt, sondern gerade die plumpesten. Im Grund« genommen ist das durchaus logisch; denn wer um die Gunst der Dummköpfe wirbt, muß ihrer Beschiänktheit möglichst entgegen- kommen, ihnen vor allem den Glauben beibringen, daß sie noch ge- scheitere Leute seien als sie bisher selbst glaubten. Dazu gehört Frechheit, dazu gehören handgreifliche Lügen. Sagen sich die Dümmsten unter den Dummen aber erst:„Was dieser Mann sagt, muß doch wohl wahr sein, seine Behauptungen wären ja sonst zu unverschämt; das sähe ja gerade aus, als ob er uns für dämlich hielte!" dann hat der Prophet seine Gläubigen mit Haut und Haaren. Sie lassen sich rupfen bis auf den letzten Heller, todt- schlagen, wenn es sein muß, aber ihre Ueberzeugung opfern? Nein, das hieße ja die eigene Dummheit einsehen!— Der anonyme Verfasser geht einigen antisreimaurerischen Verleumdungen, darunter auch dem bekannte»„Miß Vaughan"-Schwindel Leo Taxils, hart z» Leibe. Die Ereignisse haben ihm inzwischen recht gegeben. Helfe» wird das aber alles nichts, denn wer an den Teufel glaubt, glaubt auch an de» entlarvte» Lucifer, d. h. die Teufclskünste der Frei- maurer, so fest, wie die Freimaurer an gift- und dolchbewaffnete Jesuiten. Im geheimen reiben sich beider Parteihäuptlinge ver« gnügt die Hände und denken:„Wenn der Streit zwischen uns nicht da wäre, man müßte ihn erfinden, so— dumm ist er!"— Botanisches. Die Erscheinung des leuchtenden Holzes hat die Wissenschaft verschiedentlich zu erklären versucht, so daß eine reichliche Literatur über diesen Gegenstand vorhanden ist. Trotzdem gehen noch heute die Ansichten über die Ursache dieser Erscheinung auseinander. Die Einen sehen sie in rein chemischen Umsetzungen der Holzbestandtheile, während Andere sie in den auf dem Holze schmarotzenden Pilze» suchen. Die letzte Anschauung hat jetzt, wie die„Tgl. SR.* mittheilt, durch Fr. Kutscher eine neue Be- gründung erfahren. Er fand aus einer Harzreise in einer Tannenrodung leuchtendes Holz. Ein kürzlich ausgegrabener Tanneustumpf phosphoreszirte in ausgezeichneter Weise mit blau- weißem Licht. Sehr stark leuchteten daran die zum theil weißfanlen Wurzeln, aber auch die gesunden Wurzeln zeigte» an ihre» frischen Schnittflächen deutliche Phosphoreszenz. Weiter fanden sich in der Umgebung des Stumpfcs große, von den ge- sunden Wurzeln herrührende schön leuchtende Holzsplitter. Dabei ließen sich zunächst an diesen irgend welche Pilze nicht wahrnehmen. Es gelang Kutscher, Theile des leuchtenden Holzes mit nach Marburg zu bringen, wo er sie im physiologischen Laboratorium Prof. Kassels genauer untersuchte. Zunächst siele» ihm an de» Holzsplittern kaum sichtbare Spalten auf, die das Holz in der Richtung des Faserverlauss durchsetzten. Die Splitter waren in den Spalten leicht zu trennen, und dann waren die beiden genau aufeinander- passenden Theile von einem zarte», rein weißen, wolligen Pilzrasen bedeckt, der den Rand der Holzflächen freiließ und sich gegen das von ihm nicht überwucherte Holz durch eine scharfe braune Linie abgrenzte. Die Untersuchung in der Dunkelkammer zeigte sofort, daß die Pilze die Ursache des Leuchtens waren, denn das Holz leuchtete gerade dort besonders stark, wo der Pilzrasen am dichtesten war. Um den gefundenen Pilz zu züchten, brachte er auf einen Nährboden aus Gelatine und Buchenrinden« Abkochung einige Pilzfetzen, und nach einigen Abimpfungen halte er den leuchtenden Pilz in Reinkultur in Händen. Sein Wachslhum bot nichts besonders Charakteristisches, doch verhielt sich der Pilz insofern eigenartig, als er die Gelatine ties bräunte. Auch das leuchtende Hol, war dort, wo der dichteste Pilzrasen wucherte, rein weiß ge- blieben, zeigte aber gegen den Rand hin, wo mit bloßem Auge keine Pilze mehr zu sehen waren, eine starkbraune Färbung, die durch eine tiefbraune Linie, welche sich oft als feine Leiste von der Holz- fläche abhob, abgeschlossen wurde. Die künstliche Uebertragung der Reinkulturen auf Tannen- und Buchenrinde oder weißfaules Holz bot keine Schwierigkeit, wenn nur für genügende Feuchtigkeit und Temperatur gesorgt wurde. j Technisches. Sprnngfcdcr-Handgriffe. In der Regel wird der Radfahrer beim Passiren unebener Wege finden, daß die sich einstellende körper- liche Ermüdung zum großen Theil eine Folge der rüttelnde» Be- wegung ist, die von der Lenkstange ausgeht. Nicht selten schlafen die Hände und die Unterarme des Fahrers dabei ein. Hauptsächlich um diese lästige Wirkung zu mildern, hat man die Holzgriffe längst mit elastischerer Masse überzogen. Aber die damit erzielte Milderung ist keine gleichartig gcgenwirkende.d. h. man kann diesen Widerstand weder nach Bedarf vergrößern oder verringern,»och dem Gewicht des Fahrers bezw. seiner Art zn fahre» anpasse». Jetzt aber soll, wie der„Scientific American" schreibt, William Robinson in Boston Sprungfeder- Handgriffe erfunden und bereits angewendet haben. Durch eine im vertikalen Rohr der Lenkstange angebrachte Feder mit Scharnier wird die Lenkstange elastisch gemacht. Sie federt um so stärker, je heftiger die Stöße sind und je stärker infolge dessen der Druck der Arme auf die Lenkstange ist. Die Federung reagirt nur auf Druck, nicht auf Zug, so daß die Lenkstange beim Bergauffahren, wo auf dieselbe gewöhnlich Zug ausgeübt wird, völlig unbeeinflußt bleibt. Die Feder kann dem Gewicht des Fahrers angepaßt werden.— Vermischtes vom Tage. — E i n e P e r s o n, die n i ch t s ch w ö r e n w i l l. ist eine Hofbesitzerin aus einem Dorfe bei Verden a. d. Aller(Provinz Hannover), ein Fräulein von über 60 Jahren. Als sie vor dem Verdener Schöffengericht den Zeugeneid trotz allen Ermahnens ver- weigerte, wurde sie in eine Geldstrafe von 20 Mark genommen. Sie erhielt nun kürzlich«ine abermalige Vorladung zur eidlichen Aussage, sie will jedoch wieder nicht schwören und sagt:„D e Wahrheit will eck seggen, eck hevv in mien' ganzen Leben noch nich sworen— un denn will eck u p m i e Ii' o h l e n D a g e o o k n i ch in e h r!" — Ein verschwindendes Dorf. Tie sieben größten Besitzer der Ortschaft Nidders haben nach langen Verhandlungen ihre Ländereien(ca. 530 Hektar) an den Mililärfiskus zwecks Ver- größer u n g des Lock st edler Lagers verkauft und jetzt die Kaussumme, die dnrchschnittlich 1100—1200 M. für den Hektar be- trägt, ausbezahlt erhalten. Zehn kleinere Besitzer der Ortschaft Nidders, die insgesammt noch über etwa 600 Hektar verfügen, haben sich mit dem Mililärfiskus nicht über den Preis einigen können und deshalb ist ein Enteignungsverfahren eingeleitet. Im nächsten Jahre dürfte voraussichtlich das ganze Dorf von der Bildfläche verschwunden sein. Mit den Besitzern in der Ortschaft Schlotfeld ist theilweise eine Einigung er- zielt, theilweise wird ebenfalls das Expropriationsversahren an- gewendet.— ce. Abgestürzter L» f t s ch i f f e r. Der Luftschiffer MonS Lee fand in Mc Keesport bei Pittsburg seinen Tod. als er, im Be- griffe aufzusteigen, von seinem Luftschiff abstürzte.— — Eine VerkehrSrevolntion iii Paris. Schon auf den 1. Juli gedenkt die Gesellschaft„kotibos voitures"(Kleine Wagen) ca. 500 automatische Fiaker in Zirkulation zu setzen. Fällt die Sache befriedigend aus, wird sie nächstes Jahr all' ihre Rößlein abdanken.— — Kindermord im großen. Ans Rom wird tele- graphirt: Eine von der Regierung vorgenommene Untersuchung er« gab, daß auch im Kinderasyl von Modica dieselben Zustände wie in dem von Santa Anunciata herrschen. Bon I4öS innerhalb zehn Jahren aufgenommenen Kindern sind nur noch drei, und von 147 im letzten Jahre aufgenoinineneii gleichfalls nur noch drei Kinder am Leben.— — Ein Cholerafall unter den Mekka-Pilgern. Den„Daily News" wird aus Kairo gemeldet, daß unter den Mekka- Pilgern, die in Eltar in Quarantäne find, ein verdächtiger Kraukheils- fall vorgekommen und als Cholera erkannt worden sei; doch werde ohne Zweifel durch die Strenge der bestehenden Vorschriften«ine Weiterverbreitung der Seuche verhütet werden.— Verantwortlicher Redakteur: Robert Schmidt in Berlin. Druck und Verlag von Max Bading in Berlin.