AnterhaltimgsMatt des Vorwärts Nr. 109. Freitag, den 4. Juni. 1897. *] Vis Gräfin. Vo» Hans Röder. (Schluß.) (Nachdruck verboten.) So wurde denn auch das Geschäft abgeschlossen. Die beiden Frauen fuhren zum Notar. Die Gräfin steckte ihre ,20 000 Mark ein und die Schlächterfrau bekani den Hypotheken- brief, der früher einmal für den Major Freiherrn' voil Beust ausgestellt worden war. Lange war die Gräfin nicht so aufgeräumt gewesen, wie an diesem für. sie so erfolgreichen Tage. Am Abend, als fie ihrer Gewohnheit gemäß nach dem Abendbrot mit ihrem Jugendfrennde, dem Major a. D. auf dem Sopha saß und Thee trank, klopfte ihr Herr von Beust vertraulich auf die Schulter und sagte:„�a, Gisela, ich habe es ja immer gesagt, trotz Eurer Pleite, Du bist ein Finanzgenie und verdientest zum General- Direktor einer Hypothekenbank für Mondhypotheken ernannt zu werden. Jni ersten Siegesrausch nach diesem großen Konp schwankte die Gräfin einen Augenblick, ob sie der Schlächterfrau nun- mehr nicht energisch abivinken sollte. Indessen das war nur eine momeiltane, übermüthige Laune. Ihr überlegener, kühler Verstand sagte ihr sehr bald, daß sie nun erst recht ans dieser Bekanntschaft für sich Nutzen ziehen könne und müsse. Infolge dessen gestalteten sich die Beziehungen zwischen ihr und Frau Langematz sehr bald intimer. Diese fuhr alle Woche mitunter sogar zweimal in einer Woche nach Westend hinaus. Auch die Gräfill und ihre Tochter fanden sich öfter in der Wohnung der Frau Langematz ein. Der alte Langeniatz ließ sich dabei nur höchst selten blicken, wie er es denn überhaupt vermied, zu Hause zu bleiben,»venu seine Frau Kaffee- Besuch hatte. Die Gräfin suchte möglichst den anderen Freundinnen der Frau Langematz ans dem Wege zu gehen. Im geheimen aber bemühte sie sich erfolgreich, die Schlächterfrau, ohne daß sich diese deffen bewußt wurde, gegen jene aufzuhetzen, und sie so allmälig von ihren alten Bekannten zu isoliren und ganz nur für ihre Zwecke mit Beschlag zu belegen. Wenn sie aber nnt Herrn Langematz einmal zusammentraf, war sie von der größten Liebenswürdigkeit. Sie sah zwar bald ein, daß sie diesem alten Plebejer schwerlich impourren und ihn für sich gewinnen würde; um so mehr gebot es die Klug- heit, in ihm sich wenigstens einen neutralen und möglichst wohlwollenden Zuschauer bei ihren Beziehungen zu der Frau Langematz zu erhalten. Es gelang der Gräfin mit der Zeit, sich ganz und gar in das Vertrauen der Schlächterfrau einzuschleichen und diese vollständig zu beherrschen, obgleich sie dieselbe, wo sie nur konnte, in der schmachvollsten Weise ausbeutete und anlog. Sie hatte immer hundert Gründe, wenn der Zinstermin kam und sie wieder einmal keine Zinsen zahlte. Schließlich hielt sie es gar nicht mehr der Mühe werth, überhaupt so zu thim, als wollte sie Zinsen zahlen, sondern sie ging einfach mit Stillschweigen darüber hin. Und das alles ließ sich Frau Langematz, ohne auch nur ein Wort dagegen zu sagen, gefallen; sie, die immer mißtrauisch und genau ge- wcsen war, wie nur jemand sein konnte; aber ihrer vornehmen Freundin, der Gräfin gegenüber, war sie förmlich wie mit Blindheit geschlagen. Auch der Braune der Frau Langematz hatte unter dieser vornehmen Freundschaft schwer zu leiden. Das Thier, das sonst ein Leben wie ein Fürst geführt, wurde magerer und magerer, obgleich der Kutscher Wilhelm ein ehrlicher Mensch war, der keinen Hafer verkaufte und niemals heimlich Droschken- fuhren niachte. Aber die Gräfin verfügte schließlich über das Fuhrwerk, als wäre es ihr Eigenthum. Sie kutschirte stunden- lang herum und zwar so rücksichtslos, als säßen sie in einer Miethskutsche, der man alles zumuthen konnte und die obendrein die ganz unübertreffliche Eigenschaft besaß, keinen Pfennig zu kosten außer einem Trinkgeld für den Kutscher. So vergingen mehrere Jahre. Frau Langcmatz war nicht nur ihre 20 000 M. los und besah nie einen Pfennig Zinsen, sondern sie hatte auch sonst noch der Gräfin, ihrer Freundin, mancherlei Gefälligkeiten erwiesen und viele Ausgaben für sie bestritten. Der alte Langeniatz wußte davon natürlich nichts. Er hatte allerdings bemerkt, daß die Freund- schast zwischen seiner Emma und der vornehmen Dame immer dicker geworden ivar. Besonders erbaut war er davon nicht; im übrigen aber kümmerte er sich wenig darum, ging er doch selber seine eigenen Wege zu seinen Bekannten und an seinen Stammtisch. Da geschah es, daß Frau Langematz erkrankte. Sie verfiel in ein hitziges Fieber, verlor zeitweise die Besinnung, und die Aerzte befürchteten das Schlimmste. Währenddessen lief eine Kündigung für eine Hypothek der Frau Langematz ein, und Herr Langematz wollte sich deshalb in den? Hypotheken-Jnstrument selbst überzeugen, wie die Sache lag. Er schloß darum deu Sekretär seiner Frau auf und bei dieser Gelegenheit fand er auch den Hypothekenbrief über die 20 000 M., die auf die Villa der Gräfin eingetragen waren. Er las denselben durch und entdeckte nun, daß das Geld nicht, wie ihm seine Frau gesagt hatte, zur ersten Stelle eingetragen war, sondern erst mit 70 000 M. auslaufend, zur zweiten Stelle stand. Er war ganz außer sich und wollte seinen Augen nicht trauen; aber da gab es nichts zu tippeln und zu deuteln, es stand schioarz auf weiß da. Am liebsten hätte er sofort von seiner Frau Aufklärung gefordert; aber sie war zu schwer krank, also mußte er sich gedulden. Die Gräfin ließ sich fast täglich nach dem Befindeil der Frau Langematz erkundigen. Gelegentlich kam sie auch selbst und brachte ihr einen Blumenstrauß oder eine andere kleine »ind billige Aufmerksamkeit. Als sie einige Tage, nachdem der alte Langcmatz jene für ihn überraschende Entdeckung mit dem Hypothekenbriefe gemacht hatte, lvieder einmal persönlich vorsprach, empfing er sie selbst. Die Gräfin bestürmte ihn mit Fragen über das Ergehen der Kranken; sie that im höchsten Grade gerührt und theilnehmend. Der alte Schlächtermeister ließ sie eine zeitlang reden, dann sagte er ganz ruhig und wie es seine Art war, gerade auf das Ziel losgehend:„Ich wünsche, da meine Frau noch krank ist, eine Aufklärung von Ihnen. Als wir Ihnen damals die 20 000 M. geliehen haben, hat mir meine Frau gesagt, daß das Geld zur ersten Stelle auf Ihr Grundstück in Westend eingetragen iverden sollte. Das ist aber nicht geschehen, wie ich jetzt zufällig ersehen habe. Hier ist also etwas nicht in Ordnung. Wie verhält sich das?* Die Gräfin sah erstaunt auf und that scheinbar sehr ent- rüstet, dann sagte sie:„Ich begreife gar nicht, wie Sie das eigentlich meinen, Herr Langcmatz. Ich habe die Sache mit Ihrer Frau abgemacht und das Geld ist ordnungsmäßig ein- getragen worden." „Ordnungsmäßig ist es eben nicht eingetragen worden," versetzte Herr Langematz,„denn Sie werden doch ttwa nicht denken, daß ich Ihnen auf den Schornstein Ihrer Villa 20 000 Mark borgen würde!" „Das ist jedenfalls Ansichtssache," versehte die Gräfin kühl,«aber ich finde Ihr Benehmen gegenüber einer Dame, wie ich bin, höchst eigeuthümlich, Herr Langeniatz. Ich bin nicht gewohnt, in einem derartigen Tone mit Leuten zu ver- handeln. Dabei stand sie auf. „Ich finde das auch sehr eigeuthümlich," fiel ihr der alte Langematz ins Wort,„übrigens, wenn Sie das eigeuthümlich finden, dann werden Sie ja wissen, durch welche Thüre Sie hineingekommen sind!" „Das ist stark! Solche Pöbclhaftigkeit," rief die Gräfin wüthend. „Ich rathe Ihnen dringend, nie wieder einen Schritt über diese Schwelle zu thun," gab Herr Langematz zurück. Er drängte sie hinaus und schlug dann die Thür hinter der Gräfin zu. Die Gräfin lachte vor sich hin, als sie wieder auf der Straße war, halb vor Wnth, halb aus Hohn. Dieser alte Tölpel! Was wollte er ihr denn, dachte sie bei sich! Er sollte sie nur verklagen und die Kosten hinterher werfen; von ihr würde er doch keinen Pfennig besehen! Trotzdem ärgerte sie sich, denn nun mußte sie die dicke Schlächtermeisterin mit dem großen Portemonnaie, das ihr gewissermaßen zur zweiten Heimath geworden war, für immer fahren lassen; es sei denn, daß der alte Grobian von Schlächter gerade innerhalb der nächsten vierundzwanzig Stunden sich ein Billet nach dem 434— Himmel lösen würde; aber den Gefallen würde er ihr gewiß nicht thnn. Es müßte also geradezu ein Wunder geschehen; aber an Wunder glaubte die Gräfin nicht, trotzdem sie sehr Jromm war und alle Sonntage in die Kirche ging. Kurz, die Sräfin resumirte sich in Gedanken dahin: die Episode Lange- matz ist erledigt und zwar für immer. Das ist schade; aber es Hilst nichts. Immerhin konnte sie sich in dem Gedanken trösten, daß sie trotz alledem das Schlachtfeld mit ihrer Beute als Siegerin räumen würde. Einige Wochen später war Frau Langematz wieder her- gestellt. Unter Thräuen gestand sie ihrem Fritze, daß sie sich von der Gräfin gehörig hatte übertölpeln lassen. «Es ist nur gut, daß ich noch bei Zeilen dahinter ge- kommen bin/ sagte der alte Langematz.„Die Geschichte reißt uns ja nicht um, aber raus muß die Gesellschaft aus ihrer Villa, wenn wir auch noch ein paar tausend Mark hinterher- feuern. Sage blos, Emma, wenn ich nun plötzlich vor Dir gestorben wäre," fuhr er im ernstesten Tone fort,„das vornehme Gesindel hätte Dich an den Bettelstab gebracht." Frau Langematz schlang die Arme um ihren Fritze und bedeckte sein Gesicht mit Küssen. Herz- licher hatte sie ihn nie geküßt, auch damals nicht, wie sie in Pasewalk als junges Blut mit heißen Sinnen seinen ersten Kuß erwiderte. Abermals sechs Monate später wurde die Villa in Westend subhastirt. Da sich kein Bieter fand, erstand Herr Laugematz das Grundstück für das Mindestgcbot von b3 531 M. Die Gräfin und rhr Jugendfreund waren in- zwischen nach Berlin gezogen: doch nun wohnte sie bei ihm und nicht mehr er bei ihr, mochte also der Exekutor kommen! Als der Freiherr von Beust nach dem Kanfgelder- belcgungstermin nnt den 50 000 M. und den rückständigen Zinsen nach Hause kam, sagte er:«Ja, Gisela, es ist doch wahr, wie ich inuner sage. Du bist ein Finanzgenie. Das macht Dir niemand nach, aus einer solchen elenden Bude von Villa, die Dir überhaupt kein Mensch jemals abgekauft haben würde, baare 72 500 M. herauszuholen. Daraus arüssen wir »ine Flasche Sekt trinken."-- Dvttsselev Lvelk- Musptellunz;. IV. Brüssel. 11. Mai 1697. Während es in den Seitengafien viel für den Mage» und wenig für das A»ge giebt, finde: man in dem Hauptgebäude, das die eigentliche Ausstellung birgt, eine reiche Fülle von Interessantem und Sehenswerihem, ohne daß es deshalb versäumt worden wäre, auch hier dem lieben Besucher Gelegenheit zur Stärkung zu geben. Aber ehe wir an die Beschreibung dessen gehe», was das Haupt» gebände umschließt, wollen wir eine» Blick auf dieses Gebäude selbst werfen, das unstreitig eines der größten Sehenswürdigkeiten der Ausstellung bildet. Der Palais du Cinquantenaire, ein berühmter Bau, dessen größerer Theil seit längerer Zeit als Museum Verwendung findet, hat vorn die Form eines gewaltigen Hufeisens. Die an beiden Seiten hoch aufstrebenden Portale mit breiten Freitreppen davor, find von auserlesener architektonischer Schönheit, und in der Höhe des ersten Stockwerks zieht sich eine zierliche Säulen- gallerie uin den ganzen Halbkreis. In der Mitte der Huf- eisensorm ist das alle Gebäude durchbrochen worden und hier ist in der Form eines Triumphbogens das Hanptportal geschaffen worden. Hoch erhebt sich dieser Triumphbogen über die vorderen Portalbauten, und bis zu der Spitze des eleganten Viergespannes, das ihn krönt, mißt er 72 Meter. Leider ist er auch jetzt noch nicht vollständig fertig gestellt. Natürlich würde der Palast bei weitem nicht ausgereicht haben, die Weltausstellung in seinen Mauer» aufzunehmen,»msomehr, als man das Skulpturenmnseum, das fast die Hälfte des Baues ein- nimmt, auch während der Ausstellung dort belasse» hat, und als die Festsäle und ähnliche Einrichtungen naturgemäß in dem alle» Palast untergebracht worden sind. Es sind deshalb nach beiden Seiten und nach hinten zu geivaltige Erweiterungsbauten vorgenommen worden, so daß der gesainmte, zur Bersügung stehende Flächenraum nach amtlicher Angabe etwa 107 000 Quadralnieter beträgt. Der Bau der Seilenflügel, der natürlich, um die Harmonie nicht zu stören, im Stil des Hauptgebäudes ausgeführt werde» mußte, war ziveifellos eine recht schwierige Aufgabe, aber diese Ans- gäbe ist in glücklichster Weise gelöst worden. In einer Länge von 107 Metern ziehen sich, etwa in Höhe des Triumphbogens, die Seitengallerien, denen breite Veranden vorgelagert sind, nach rechts und links dahin und enden in zwei kleinen runden, mit kühn ewpor- strebende» Kuppel» überwölbte» Vorsprüngen. Den größten Raum in der Ausstellung nimmt natürlich die belgische Abtheilung ein. Die Betheiligung der anderen Länder ist außerordentlich verschieden. Bei weitem an erster Stelle steht hier Frankreich, an zweiter England. Ten besten Maßstab für den Um- fang der Betbeiligung, mit dem allerdings die Güte des Gebotenen nicht immer im gleichen Verhältniß steht, bietet der Flächenraum, den die verschiedene» nationalen Abtheilungen auf der Aus- ftellung einnehmen. Hier ist allerdings zu beachten, daß es einige internationale Abtheilungen giebt, in denen die Erzeugnisse aller Nationen auf dem betreffenden Gebiete zu- sammengesaßt sind. Die Betheiligung der verschiedenen Nationen an diesen internationalen Abtheilungen dürfte aber im großen und ganzen ungefähr dem Umfange der betreffenden nationalen Abtheilungen entsprechen, so daß man die Größe der letzteren wohl ruhig als Maßstab für die Betheiligung der verschiedenen Nationen überhaupt annehmen kann. Nach der Ausstellungs-Zeitung stellt sich die Reihenfolge der auf der Ausstellung offiziell vertretenen Staaten, nach der Größe des ihren Abtheilungen zugewiesenen Flächenraumes geordnet, folgendermaßen: Belgien....... mit 25 000 Quadratmetern Frankreich....... 15 000« England....... 6 353« Oesterreich......„ 1 700„ Ungarn........ 1 700„ Deutschland.....« 1 200« Niederlande.... 1 020« Italien.......« 1000„ Schweiz........ 1000« Türkei.......„ 720« Vereinigte Staaten...„ 680„ Persien.......„ 405« Bosnien und Herzegowina„ 400„ Dominikanische Republik.« 200« Paraguay....... 120« Griechenland...... 60« Chile........ 35« Liberia........ 35„ Dazu kommt dann noch eine internationale Gruppe von AuS- stellern aus solchen Staaten, die nicht offiziell vertreten sind. Hier wird China erwähnt mit 150 Quadratmetern Flächenranm, Spanien mit 100 Quadratmeter», sowie serner Düneniark, Schweden, Nor- wegen, Portugal, Rußland, Rumänien und Serbien. Frankreichs Betheiligung ist so stark, daß es mit dem ihm zugewiesenen be- deutenden Räume nicht hat auskommen können. Für die französische Nahrungsmittel-Ansstellung ist deshalb in der rechten Seitengasse ein besonderes hübsches Gebäude mit 2000 Quadratmetern Grund- fläche errichtet worden. Da man nun auch»och den algerischen Pavillon zur französischen Abtheilung rechnen kann, so bedeckt diese int ganze» einen Flächenraum von 17 275 Quadratmetern. Natürlich ist es hier unmöglich, auf Einzelheiten der aus- gestellten Dinge einzugehen. Man kann nur ein ganz allgemeines U«theil über die Leistungen der einzelne» Nationen abgeben. Und da muß man zunächst anerkennen, daß die Belgier alles gelhnn haben, um ihre Abtheilung zu einem schönen, lebendigen und voll» ständigen Bild ihrer hochentwickelten Industrie zu machen. Be« sonders bemerkeuswerth sind hier die KoUektiv-Ansstellungen, die die Aussteller eines bestimmten Industriezweiges vereinigen und alles Interessante unter möglichster Vermeidung überflüssiger Wieder- holunge» in übersichtlicher und anregender Weise dem Beschauer näher zu führen suchen. Durch zweckeulsprecheude Arrangements und gute Leistungen fallen hier besonders auf die Kollektiv-Aus- stellungen der Brauerei, der Waffenfabriknlion, des Wagenbaues, der Lebensmiltel-Jndustrie, der Möbclfabrikation. Diese Kollektiv- Ausstellungen gereichen dem Ganzen zu großem Vortheil, und es ist anzunehmen, daß sie bei künftigen Ausstellungen in noch höherem Maße zur Anwendung gelangen werden. Von den fremden Abtheilungen zeichneu sich durch geschmack- volle Anordnung und iutercssaute Darbietungen namentlich die französische, englische und ungarische aus; aber auch in den anderen Abtheilungen giebt es vieles Sehens- werthe und der Beschauer hat hier auf engem Raum Ge- lcgenheit, Vergleiche zwischen der Leistungsfähigkeit der Industrie der verschiedenen Nationen zu ziehen. Die deutsche Sektion ist nicht besonders groß, aber das, was in ihr geboten wird, ist meistens gut, zum theil sogar vortrefflich. Die Ausstellung zerfällt nach der Art der zur Vorführung ge- langten Gegenstände in 14 Sektionen, von denen einige, wie bereits erwähnt, international orgnnisirt sind. Hierher gehört vor allem die erste Sektion, die die schönen Künste umfaßt. Sie war die einzige, die bei der Eröffnung der Ausstellung wenigstens zum größeren Theile fertig ivar und sie erregte denn auch am meisten das Interesse der Besucher. Die Zahl der Kunstwerke, die hier ihren Platz gefunden haben, ist außerordentlich groß, so daß man sich i» einer veritablen Kunstausstellung zu befinden glaubt; und dennoch sind die Künstler mit der Anuahmekommission im höchsten Grade unzufrieden, weil nach ihrer Ansicht viel zu viel Bilder zurück« geiviesen sind; von belgischen Künstlern allein 900 gegen 450 angenommene. Aber wo sollte denn der Platz für alle diese Kunstwerke herkomme»? Jetzt sind es nach Ansicht der meiste» Besucher schon zu viel. Aber die Künstler werfen der Annahmekommission außerdem auch noch Parteilichkeit vor, und wenn man inmitten vortrefflicher Werke hie und da ein Bild sieht, das kaum noch den Namen Kunsttverk verdient, möchte es fast so scheinen, als wenn dieser Vorwurf nicht ganz ungerechtfertigt er« hoben worden ist. Die zurückgewiesenen Künstler beabsichtigen, eine Eoderausstelluug möglichst in der Nähe der Ausstellung zu errichten und alle Urtheilsfähigen zur Entscheidung über ihre Beschwerde an- zurufen. Die zweite Sektion führt den Titel„Sozialökonomie" und um- faßt alle?, was auf Arbeiter. Schutzgesetzgebung, Sparkassenwesen, Bersicherungswesen ec. bezug hat. Hier sind natürlich voniehmlich Tabellen und graphische Darstellungen zu finden, die eine Fülle von lehrreichem Material bieten. Auch die recht hübsche Ausstellung des deutschen Reichs-VersicherungsamtS gehört hierher. International organifirt sind noch die Maschinenhalle, in der auch Teutschland recht würdig vertreten ist, die Sektion„Hygiene und Heilknnst", die sehr interesiante Darbietungen enthält, und die Sektion„Kriegskunst", die, dem Geiste der Zeil entsprechend, ganz besonders umfangreich ist und in der das belgische Kriegsministerium »inen großen Haufen von Uniformen, Kanonen, Säbeln und anderen Mordwerkzeugen ausgestellt hat. Bon besonders aktuellem Interesse sind hier die neuen Scknellfeuerkanonen, für deren Beschaffung die deutschen Steuerzahler ja jetzt wieder zur höheren Ehre des Mili- tarisnrus um«in erkleckliches Pöftchen von Millionen geschröpft werden sollen. Die weiteren Sektionen, die fast durchweg recht gut vertreten sind, umfasse»: Kunslindustrie und Dekorationstechnik, sowie freie Künste und Wissenschaften(vorwiegend Sammlung wissenschaftlicher Apparate, auch solche von historischer Bedeutung); Beleuchtung, Heizung, Ventilation und ihre Anwendungen; Elektrizität; die eigentliche Industrie, ihr Rohmaterial, ihre Verfahren und ihre Er- zeugnisse; Sport; Leibesübungen und volksthümliche Spiele; Acker- und Gartenbau; praktisches Unierrichtswesen und Frauenarbeit(die Sektion ist von Frauen eingerichtet und geleitet und bietet Vor- treffliches); Handel und Kolonien. Endlich ist noch eine Abtheilung zu erwähnen, deren Vorhanden- sein dem deutschen Leser vielleicht etwas sonderbar vorkommen mag, da eine solche Abthcilung aus deutschen Ausstellungen wohl kaum möglich sein würde. An der Vorderseite des hübschen Kuppelbaues, der die rechte Seitengallerie abschließt, stehen in weithin leuchtenden goldenen Lettern die Worte:„Palais du Peuple"(Palast des Volkes), und zu beiden Seite», etwas tiefer gerückt, die weiteren Worte „Ordre"(Ordnung) und„Travail"(Arbeit). Dieser Palast des Volkes ist ziveisellos eine der schönsten Stellen, die diese Ausstellung aufzuweisen hat. Und was die Hauptsache ist, es ist ein Palast des wirklichen Volkes. Hier ist einmal ausnahmsweise mit dem Worte„Volk" kein Mißbrauch getrieben worden, wie es sonst bei solchen Gelegenheiten nach internationaler Sitte gang und gäbe ist. Kurz gesagt, der Palast des Volkes umschließt die Ausstellung der großen Brüsseler Arbeiter-Konsumgenossenschaft„Raison du Peuple" (Volkshaus), des Gentcr„Vornit" und anderer belgischer Arbeiter- Organisationen. Leider ist diese Ausstellung noch sehr im Rückstände, so daß über ihre Einzelheiten noch nicht berichtet werde» kau». Inwieweit die vielfachen Schwierigkeiten, die der König, die Regierung und die Ausstellungsleitnng dem Unternehmen entgegengesetzt haben, und über die der„Vorwärts" Näheres bereits früher berichtet hat, an seiner Unfertigkeit Schuld haben, bleibe dahingestellt. Unter allen Umständen aber wird der Palast des Volkes einer der Glanzpunkte der Ausstellung sein und er wird zweifellos nicht nur das lebhafteste Interesse der Genossen erregen, sondern auch aller derer, die eine» offenen Sinn haben für die Erscheinungen der Zeit und für de» soziale» Fortschritt der Menschheit.— Die Drei. Vor der Stadt, weit draußen aus einer baumlosen sich den Berg hinanziehenden Chaussee hielt an einem kalten Wintermorgen ein Hnndewagen. Ter Hund stand da mit triefenden Augen, zitternden, be- schäumten Lefzen; ruckweise durchschauerte es ihn. daß er laut aufwinselte. Eine alte Frau mit rothem Kopftuch, unter dem das verrunzelte, leicht geröthcte Gesicht wie ein eingetrockneter Bratapfel hervorsah. bastelte einem zerlumpten Greis am Halsluch und sprach ihm auf polnisch gut zu. Wirklich der Alte weinte, weinte wie ein Kind. Gefrorene Thränen hingen in seinem Bart. „Dreißig Jahre, dreißig Jahre seinen Sohn nicht gesehen und jetzt— herausgeworfen hat er mich. Nur seinetwegen bin id> achtzig Meilen— nur seinetwegen, um ihn zu sehen, und jetzt sagt er, ich wäre nicht sein Vater und Dich(er wandte sich zu der Frau) hat er sogar die Treppe herunterwerfen wollen—" „Komm, Vater!" Und da zogen sie nun alle drei wieder dahin. Langsam, gleich- mäßig, den Berg hinab. De» Berg hinab._ g. b. Vleines Isenillekon lieber die Thiitigkeit der Radfahrer bei der Feuerwehr veröffentlicht der Branddirektor von Stettin, Rohstradt, einen Be- richl: Im vergangenen Jahre bot sich viele Gelegenheit, die Ein- richtung der Radfahrer zu erproben; die Erfahrungen sind sehr günstig. Gerade das Vorausschicken zweier Leute auf Zweiräderu hat sich vorzüglich bewährt. Während der eine Radfahrer der Feuerwehr von der Meldestelle der Brandstelle aus entgegenfährt, um ihr den ersten Bericht zu erstatte», damit eveut. Fahrzeuge nach der Wache zurückgeschickt iverden können, fährt der zweite zur Brand- stelle weiter, stellt Ort und Art des Brandes, die Zugänge und Treppen fest und beruhigt event. die Bewohner. Beide Radier sind nur mit einer Axt ausgerüstet, um Thüren sprengen zu können. Die Feuerwehr-Fahrzeuge haben durch diese Einrichtung ganz be- deutende Wegestrecken und besonders manche beschwerliche Steigung erspart, der Kommandirende hat manchen werihvollen Bericht ans der Brandstelle entgegengenommen. Und dabei waren die Radfahrer nicht ausgepumpt, sonder» noch gut dienstfähig. Mehrere Male konnten sie cin FeuervorAnkunft der Fahrzeuge löfchen. Auch zum Ordonnanzdieust und zum schnellen Feststellen von Thatsache», wenn die Feuerwehr bei Unfällen, z. B. bei Waffer im Keller helfen sollte, sind die Räder verwendet und ist dadurch manche unnöthige Ausfahrt erspart worden. Hervorragend geeignet sind die Räder zu schneller Samariterhrlfe. An das Rad oder auf den Rücken des Samariters wird dann eine Berbandstasche geschnallt.— Wegen Mangels an Platz. In New-Jork und den Nad)barstädt«n hat man begonnen, die Spielplätze für die Schul- linder auf das Dach der Schulgebäude zu verlegen, da Grund und Boden zu werthvoll geworden sind. In der Stadt New-Dork und in East Newark sind Schnlgcbäude in dieser Art eingerichtet worden. Man hat dadurch mehr Raum für den Spielplatz gewonnen, als auf ebener Erde zur Verfügung stand. Hohe eifern« Gitter beschütze» die Zinnen des Daches. Auf diesen Spielplätzen sind Tennis- Spiele, Fußballplatten und andere Ausstattungen für Spiele im Freien angebracht. Das Dach des Schulgebäudes in Newark ist in eine» Garten verwandelt worden, der mit Pflanzen und Blumen, elektrischen Lichter» und allem Zubehör eines Dachgartens für Theater- zwecke versehen ist.— DaS Jenseits der Chinesen. Man schreibt der„Franks. Ztg." aus Shanghai von Mitte April: Der Missionar Elwin machte kürzlich in einem hier gehaltenen Vortrage sehr interessante Mit- theilungen über die Vorstellungen der Chinesen vom Jenseits. Er sagte, im allgemeinen glaubte das gemeine Volk, das Leben nach dem Tode wäre im großen und ganzen dem irdifchen sehr ähnlich. Nach dieser Vorstellung muß es also im Jenseits auch Mandarinen geben, die ebenso wie die irdischen Beamten das Bestreben, Geld zu erwerben, allen anderen Rücksichten voranstellen. Hat man hüben einen Recht.streit, so muß man vor allen Dingen den zuständigen Nichter zu besteche» suchen, sonst ist niemals auf Erfolg zu rechnen. Geradeso muß man drüben verfahren. Will einer also seinen Feinden einen rechten Possen spielen, so braucht er nur von diesem Leben plötzlich Abschied zu nehmen, mit der ausgesprochenen Absicht, die Mandarinen im Jenseils durch Geschenke zu bestimmen, seinen Feinden empfindliche Strafen aufzuerlegen, sobald sie vor ihnen er- sckieinen würden. Herr Elwin führt hierfür ei» von ihm selbst erlebtes Beispiel an. Zwei buddhistische Priester in dem Orte Phudu geriethen in heftige» Streit. Der eine von ihnen wurde schließlich so erbittert, daß er Opium verschluckte, um seinen Gegner im Jen- feits zu verklagen. Kaum halte dieser jedoch davon gehört, so nahm auch er schleunigst eine Dosis Opium, und zwar eine ungewöhnlich große, um ivomöglich zuerst in der anderen Welt anzukommen. Beiden mißlang �indessen ihre Absicht, weil ein Missionsarzt und Herr Elwin herbeigerufen wurden, denen es durch Anwendung eines Brechmittels gelang, die beabsichtigte tödtliche Wirkung des Opiums zu verhindern.— Medizinisches. — Beruf und Morphiumsucht. Ein französischer Arzt namens Rodet hat soeben ein Buch über Morphiumsucht veröffent- licht, in dem er«ine Berufsstatistik an tausend Fällen dieser Krank- heit aus allen Ländern vornimmt. Unter diesen Fällen befanden sich Kol) Männer und 350 Frauen. Von den Männern waren nicht weniger als 237(40,4 pCt) Aerzte, 100(13,5 pCt.) ohne bestimmten Beruf, 57 Kaufleute, 46 Militärs. 37 Arbeiter, 23 Beamte, je 21 Apotheker und Studenten der Medizin, die übrigen Fälle verlheilten sich mit geringeren Zahlen auf Krankenwärter, Laboratoriumsdielier, Studenten der Pharmazie, Gefehrte, Richter, Artisten, Srndeiiten der Jurisprudenz(II), Advokaten, Journalisten, Geistliche(2), Politiker, Landwirlhe. Unter den 350 Frauen war die größte Zahl der Morphiumsüchtigen erklärlicheriveise ohne Beruf, nämlich 151 (43,1 pCt.), dann folgten 50 Proüituirte, 47 Arbeiterinne», 35 weib- liche Aerzte, mit geringeren Zahlen waren vertreten Frauen von Kaufleuten, von Apothekern, weibliche Gelehrte, Beamte, Kranken- Wärterinnen, Artisten, Dienstboten, Klosterfrauen. Diese Zusammen- stellung ist jedenfalls von Interesse, obgleich sie nicht gerade viel Neues bietet. Das häufige Voi kommen der Morphiumsucht unter den Aerzten ist eine bekannte Thatsache. Das benierkenewertheste ist die große Zahl der Fälle nnler Männern und Frauen ohne Beruf, weil diese darauf hiniveist, daß auch der Müßiggang schwer zu ertragen ist.— Verkehrswesen. n. Schutzvorrichtung an elektrischen Straßen bahn wag en. Mit der Ausdehnung des Straßenbahnverkehrs ivächst natürlich auch die Gefahr, daß Menschen von Straßenbahn- wagen überfahren werden und der Witz der Ingenieure hat sich schon vielfach damit beschäftigt, Schutzvorrichtuiigeii gegen das Ueberfahren- werden herzustellen. Der Hamburger Ahrens bat nunmehr eine Vor- richtung erfunden, welche das angestrebte Ziel zu erreiche» scheint. sie hat sich wenigstens in dem verkehrsreichen Hamburg gut bewähr'.- Der in Rede stehende Apparat besteht aus zwei Theile». einem äußeren und einen, inneren Bügel, deren jeder mit einem Netz ver- sehen ist. Wird ein stehender Mensch angefahren, so fällt er un- fehlbar in beide Netze, die aber in diesem Falle nur ein aus zwei Theile»� zusammengesetztes Netz bilden. Bei einem auf dem Fahr» dämm liegenden Menschen dagegen hebt sich der äußere Bügel, und der innere Bügel fällt dann sofort auf das Pflaster. Das äußere Netz geht in diesem Fall über den Angefahrenen hinweg, welcher von de», über das Pflaster hinweggleitenden Netz aufgenommen und so vor jeder Berührung mit den Rädern geschützt wird. Ein besonderer Vorzug des Apparates ist es, daß er selbst bei stark schwankenden Motorwage» in zweckdienlicher Höhe über dem Pflaster angebracht werden kann, denn selbst wenn er infolge des Schwankens auf den Fahrdamn» gerälh, hindert er den Motorwagen nicht am Weiter- fahren, sondern läuft für diesen Moment ruhig auf dem Fahrdamm weiter.— Technisches. n. EineFernsprechlinie im hohen Norden. I« diesen Tagen begiebt sich Andree wiederum nach Spitzbergen, um sei» kühnes Unternehmen, den Nordpol mittels des Luftballons zu erreichen, nun wirklich zn beginnen. Bei dieser Gelegenheit wird er, wie er es schon im vorigen Jahre lhat, eine Telephonverbindung herstellen, die ohne Zweifel die am nördlichsten gelegene ist. Er will nämlich auch diesmal wieder, da es sich im vorigen Jahre als nützlich erwies, die mit der Fertigstellung und Füllung des Ballons Beschäftigten mit dem Dampfer in telephonische Verbindung setzen. Die Fernsprechlinie wird 3000 Meter, also nicht ganz eine halbe Meile laug sein, denn der Ankerplatz des Schiffes ist IStXI Meter vom festen Eis entfernt und wiederum löOV Meter vom Eusraud entfernt befindet sich der Lagerplatz deS Ballons. Aber auch nach dem Aufsteige» soll der Ballon noch für eine Zeit lang mit der Erde, das heißt mit den, Dampfschiff, Verbindung haben. Di« Absicht ist nämlich, wenn Wind und Eisverhältnisse es gestatten, de» Ballon im Ansang als Fesselballon, an dem weiterfahrenden Dampfer be- festigt, zu benutzen, und während dieser Zeit soll die Fernsprechleitung den Verkehr zwischen Dampfschiff und Luftballon vermitteln.— — Eine wichtige Neuerung im Schiffswese» wird der Plan des New-Dorker Ingenieurs Altschul herbeiführen, wenn er, wie es nach den Versuche» den Anschein gewinnt, sich be- währt. Allsckul will die Thatsache der geringen Reibung des Oels auf dein Wasser dahin ausnutzen, den Widerstand, den, das Schiff bei seiner Fortbewegung im Wasser begegnet, zu verringern; daß die Ausführung eines solchen Planes nicht leicht ist, liegt ans der Hand. Nach einer französischen Marine-Fachschrist nietet Altschnl über die ganz« untergetauchte Fläche des Schiffskörpers Doppel- T- Eisen in der Längsrichtung; die Zwischenränine zwischen diesen Eisen werden mir einen, Oel aufsaugenden Stoff ausgefüllt, deffe» Zusammensetzung der Erfinder natürlich als sein Geheimniß be- handelt, der aber in der Hauptsache aus Kohlenstand und Talg bestehen soll. Er ist auf eine». Metallnetz, das ihm die erforderliche Steife verleiht, ausgebreitet und scheint unter Wasser hart zu werden. Ein durchlöchertes Rohr am Ende eines jeden dieser Eisen vertheilt Oel an diese Bekleidung, und dieses tritt dann an der Oberfläche aus. Diesergeftalt erhält der äußer« Schiffsboden eine mit Oel gesättigte Bekleidung, also eine» schlüpfrigen Ueberzug. Dadurch soll, wie gesagt, eine erhebliche Verringerung des Widerstandes, dem das Schiff bei seiner Fortbewegung be- gegnet, erreicht, überdies aber eine Vermeidung der Oxydation der unter Wasser befindlichen Theile des Schiffes erzielt werden. Auch die Bewachsung des Schiffsbodens könnte verhindert werden, was nicht zu unterschätzen wäre, da ja diese besonders die eisernen Schiffe nicht selten zwingt, ins Dock zu gehen, um dort gereinigt und neu gestrichen zu werden. Ueberdies kann durch reichlicheres Verlheilen von Oel durch jene Röhre» bei stürmischem Wetter eine Beruhigung der Wellen des Meeres herbeigeführt werden. Daß Oel in der That diese Eigenschaft besitzt, ist bekanntlich schon durch zahlreiche Versuche bestätigt worden. Altschul schöpfte den Grund- gedanken zu seinem Plane aus dem Umstand«, daß schon jetzt der nnter Wasser befindliche Theil von Renuyachtm mit Talg, Stearin, schwarzer Seife oder Graphit bestrichen wird, und daß diese Maß- „ahme ans die Geschwindigkeit der Schiffe Einfluß ausübt. Oel würde dies ohne Zweifel in noch höherem Grade thun, bliebe aber bei dem bisherigen Verfahren nicht lange genug am Schiffskörper haften, weshalb Allschul die eben beschriebene Einrichtung ersann, von der er bei Seglern und Dampfern eine Zunahme der Ge- schwindigkeit um ei» Viertel erwartet. Der Marinesekretär der Ver- einigten Staaten scheint diese», Plane hohes Interesse entgegen» zubringen, denn er hat umfassende Versuche mit dem neuen Ver- sahren angeordnet.— Geologisches. ig. Erdbeben in England. Ter berühmte Erdbeben- forscher, Prof. John Milner, der in den, Orte Shide auf der Insel Wight ei» Observatorium besitzt, sandte der Londoner Zeitschrift „Nature" eine Liste seiner Beobachtungen, wonach an dem genannten Orte in der Zeit vom 14. Juni 1896 bis zum März 1897, also in etwa einen, Dreivierteljahre 93 Erdbeben verzeichnet wurde». Ao» jedem Erdbebe» wurde die genaue Zeit, der Charakter und die Stärke beobachtet. Verantwortlicher Redakteur: Robert Schmidt in B Humoristisches. ckZ. Humoristische Kanzelreduer sind in der modernen eit kaum noch zu finden, desto mehr kannte sie das Zeitalter der enaiffance. Der Pater Honoro, ein berühmter Priester des 17. Jahrhunderts, zog während der Predigt über die Vergänglichkeit alles Irdischen plötzlich eine» Schädel aus der Stola und führte folgendes Gespräch mit diesem:„Bist du etwa der Schädel eine? Richters?" Damit setzte er ihm sein Barett auf:„Hast Du niemals Gerechtigkeit für schnödes Geld verkauft. Du Schurke? Hast Du niemals während der Sitzung geschlafen, an- statt den Angeklagten zu höre»? Oder bist Du etwa der Kopf eines hübschen jungen Mädchens? Ja, das wirst Du wohl sein; obwohl Du jetzt Dein hübsches Gestchtchen eingebüßt hast, bist Du ganz was Du immer warst, hohl— hohl— hohl!" u. f. w. Ein anderer Franzose, der Pfarrer von Pierre Bussisre in Limousin, rieb sich besonders gern an dem hochmiilhigen und doch so ver- kommen«, Adel. So predigte er sehr satyrisch:„Eine Herzogin klopft an das Himmelsthor. Petrus fragt:„Wer klopft da?"„Ich bin die Frau Herzogin", sagt sie.„Was für Zeug?" fragt Petrus,„die Frau Herzogin, die sich init schminke bemalt, die Frau Herzogin, die ihre Liebhaber bei sich bat, wenn der Herzog verreist ist? Zum Teufel init dieser Frau Herzogin!" Und krach, schlägt Petrus das Himmelsthor zu.„Ja wohl— fuhr der Priester dann fort— ihre Haare sollen blond sei»? Perrücke ist es! Ihre Rosenwangen find Natur? Vermillon und Bleiweiß ist es. Betrug, nichts als Betrug. Sie haben eine schöne Gestalt? Betrug, den ihr Schneider recht gut kennt, und ihr Schnhiuacher gleichfalls. Schwindel, Schwindel und lauter Schwindel. Sie sind eingebildet auf ihr schönes Haar? Elende Lüge. Welcher Bäuerin haben Sie es abgekauft, welche arme Bettelfrau hat es als ihr rechtmäßiges Eigenthum getragen?" Unter den deutschen Kanzel- rednern ragt vor allem der berühmte Wiener, Abraham a Eanta Clara hervor; das Modell des Kapuziners im Wallenstein. Der Ton seiner Rede entsprach vollkommen der Schiller'schen Kapuziner- predigt, nur. daß er noch urwüchsiger und derber war. Seine Kanzelschwänke sind meist garnicht wieder zu erzählen. Sehr drastisch ist die Art und Weise, wie er seine» Gläubige» die Macht des— Kapitals vor Augen führt. Er sagt: Alexander ist mächtig gewest, Hannibal ist mächtig gewest, aber ei» Ding ist mächtiger. Gerad machen, ivaS krumm ist, gescheit machen, was dumm ist. schön mache», ,vaS schlecht ist, link machen, was recht ist, jung machen, waS alt ist. warm niachen, was kalt ist, schwer machen, waS leicht ist, lief niachen, was seicht ist. hoch inachen. was nieder ist. lieb machen, was zuwieder ist.— ist ja viel, und dies alles kann da? Geld; Geld ist das Mächtigste auf der Welt. Das Geld herrscht über alles, alles gehorfamet dem Gelde, das ist wahr gewest, ist noch wahr und wird vermuthlich wahr bleiben." Leider!— Vermischtes vom Tage. — Schifssunglücke. Nach den vom„Bureau Veritas" veröffentlichten statistischen Listen sind im Monat April dieses Jahres 84 Schiffe verloren gegangen, und zwar 70 Segelschiffe mit 38 225 Registertons netto n»d 14 Dampfer mit 15 826 Register- tons netto. Unter den Seglern befinden sich drei deutsche mit 2463 Registerlons und unter den Dampfscdiffen ein deutsches mit 1112 Registertons. Von deu Segelschiffen sind 27 durch Strandnng, 5 durch Kollision, 3 durch Feuer verloren gegangen, 6 find gesunken, 5 abandonnirt, 17 kondemnirt und 7 verschollen, während von den Dampfer» 3 durch Strandung, 2 durch Kollision, 1 durch Feuer verloren gingen und 3 gesunken und 5 verschollen sind.— — Eine seltene Erscheinung wurde vorgestern und gestern früh in Hamburg und Umgebung beobachtet. Millionen von Heuschrecken(„Augustpferde", Libelle») zogen in dichten Schwärmen über die Elbe landeinwärts. Die einzelnen Züge der Insekten dauerten oft mehrere Stunde». Viel« der Thier« fanden ihren Tod im Wasser. Die Arbeiter in der Hasengegend hatten theilweise sehr unter der Unmasse der Heuschrecken zu leiden. Auch von der Wesergegend wird über ein ähnliches, massenhaftes Vorkommen der Libellen berichtet.— — V o in Fesselballon auf der Brüsseler Aus- stell»» g. Entgegen den auswärts verbreiteten Meldungen, daß der Fesselballon in der Ausstellung ans bedeutender Höhe herab- gestürzt sei und mehrere Insassen tödtliche Verletzungen erlitten hätten, wird festgestellt, daß der Ballon infolge eines plötzlichen Windstoßes nur einige unregelmäßige Bewegungen gemacht hat; die Insassen sind wohl in Erregung gerathen, jedoch nicht verletzt worden. Das Vorkommniß ist ohne Folgen verlaufen.— — Die tiefer gelegene» Stadttheile von Sofia, der Hauptstadt Bulgariens, sind überschwemmt, mehrere Häuser find eingestürzt und zahlreiche Brücken sind fortgeschwemmt; einige Per« soneu sind ertrunken.— — A u f dem österreichischen Kriegsschiffe„Wien" sprang im Hase» von Lissabon während der Abgabe von Salut- schüssen das Verschlußstück eines Geschützes nach rückwärts ab. Ein Mann wurde gctödtet, mehrere verwundet. Das Kriegsschiff ist auf der Fahrt nach Spithead begriffen.—__ Die nächste Nummer des Ünterhaltungsblalles erscheint Sonn- tag, den 6. Juni. !rlin. Druck und Verlag von Max Bading in Berlin.