Hnterhallungsblatt des vorwärts Nr. III. Mittwoch, den 9. Juni. 1897. sNachdmck Verbots».) 2] Gottlieb Avlev und Sohn. Von Boleslnv Prus. Antorisirte Uebersetznng aus dein Polnischen von I. Land. Adler riß den Friß aus ihren Armen, was ihm ohne be- sondere Cchmicriflkeit gelang, und entgegnete kühl:„Geh' zum Branntweiirschänker; dort hat ja Dein Mann sein Geld an- gelegt.' „Euer Gnaden"... „Im Komptoir erledigt mau solche Geschäfte, nicht hier. Geh' dort hin!' „Ich war schon dort, aber man hat mich hinaus- geworfen." „Fort!" donnerte Adler,„zur Arbeit mögt ihr nicht gehn; aber betteln, das versteht ihr." „Ich war krank Herr, ivie konnte ich arbeiten?" „Nun, so sollst Tu keine Kinder haben, wenn Du das Leichenbegängniß für sie nicht bestreiten kannst." Und er ging in den Garten, den empörten Pastor mit sich fortziehend. Böhme riß sich jedoch los und blieb stehen.„Gottlieb, ich werde nicht trinken." „O," fragte Adler erstaunt,„warum denn nicht?" „Die Thränen der Armen machen den Wein bitter." „Fürchte nichts; die Gläschen sind reingewischt, und die Flaschen sind gut zugekorkt. Ha, ha, ha!" Der Pastor wurde roth, kehrte zornig um und schritt schnell nach dem Hof zu seiner Kutsche. „Halt! Mensch!" schrie Adler. Der Pastor that, als hörte er nicht.„Kehr' doch um?... He, Du verfluchtes Luder," schrie er ivüthend das weinende Weib an;„hier hast Tu drei Rubel und schau, daß Du fort- kommst, so lauge Du noch ganz bist!" Er warf ihr das Geld zu. „Martin! Böhme? Kehr' doch um, der Wein ist schon in der Laube. Aber der Pastor war schon in der Kutsche und das Gefährt bereits zum Hofthor hinaus. „Verrückt!" sagte Adler zu sich; er war an solche Szenen ge- wöhnt.„Diesen Stndirten fehlt gewöhnlich etwas im Kopf," dachte er, der davonfahrenden Kutsche nachblickend. Wenn ich studirt hätte, würde ich heut soviel wie Böhme haben, und Ferdinand würde auch in der Technik sitzen." Er kehrte um, zog in die Nase etivas Fabrikranch, den der Wind zu ihm herüberwehte, und dann ging er ins Administrationsgebäude. Da ließ er 5V 000 Rubel ins Kassabnch eintragen, und an seinen Sohn ein Telegramm senden, er sollte, sobald seine Schulden bezahlt wären, sofort nach Haus fahren. Als Adler das Bureau verließ, begannen die Beamten den Fall zn besprechen. „Rette Ausfichten; wir werden wiederum„Ersparnisse" einführen; der Junge verlumpte 5V 000 Rubel und wir werden sie bezahle».. Nach Verlaus von einer Viertelstunde erzählte man im ganzen technischen Bureau, daß Adler die Gehälter zu kürzen gedächte, weil sein Sohn 100 000 Rubel verpulverte. Und kaum ivar eine Stund« verflossen, und in sämmtlichen Abtheilnngen der Fabrik sprach man von nichts anderen«, als von der bevor- stehendeil Schmälerung der Gehälter und Löhne. Die Stimmung, namentlich unter den Männern,«vurde eine er- regte. Einer drohte, er würde dem Fabrikanten„die Knochen zählen", der zweite, er werde ihn erinorden, n«ld ein dritter sprach gar davon, unter die Fabrik Feuer zu legen. Sehr viele vertraten auch die Meinung, man müßte einmvthig die Fabrik verlassen— streiken. Tie Weiber weinten, die Männer fluchten. Adler wurde von allem am Abend Bericht erstattet und er war init dem Rapport«vohl zufrieden. Da die Leute nur fluchten, konnte man ohne Gefahr die Löhne kürzen, und diejenigen, die zu drohen«vagten, würde man schon ungefährlich machen. I», Laufe der Nacht wurde der Plan der„Erspar, nsse" festgestellt. Je mehr einer verdiente, einen desto größeren Prozentsatz zog man ihm vom Lohne ab. Tie Fabrik hatte einen eigenen Arzt und einen Chirurgen; beide waren nach der Meinung des Adler gänzlich überflüssig. Dem Arzte wurde also gekündigt, und dem Chirurgen kürzte man das Gehalt zur Hälfte. Als man am ziveiten Tage darauf die Details in der Fabrik erfuhr, da griff eine allgemeine Empörung um sich. Mehrere Arbeiter verließen die Fabrik, die, welche blieben, arbeiteten weniger als gcivöhnlich, sprachen dafür aber desto mehr. Der Arzt nahm von den Arbeitern Abschied, sagte dem Adler un- verblünit seine Meinung und siedelte noch am selben Tage nach dem Städtchen über. Ihm folgte der Chirurg. Abends ging eine Deplttation des Fabrikpersonals zum Fabrikanten und bat ihn in« Namen der Arbeiter, er möchte sie doch nicht ins Elend stürzen. Die Abgesandten«veinten vor ihin, fluchten dann und drohten— Adler blieb bei seinem Entschluß. Er verlor durch den Sohn 78 000 Rubel, und er mußte sie wieder geivinneu, ganz gleich um welchen Preis; er mußte 15 000—20000 Rubel jährlich„ersparen". Sein Entschluß koniite durch nichts«vankend gemacht werden. Und warum sollte er schließlich seine Anordnungen zurücknehmem Drohte ihm denn et«vas? Und wirklich, nach wenigen Tagen hatte sich die Fabrik beruhigt. Etliche Arbeiter ivaren freiwillig gegangen, andere waren gekündigt worden, und an ihrer Stelle wurden neue Kräfte angenommen, Lente, denen der reduzirte Lohn hoch genug war. Die Stelle des Chirurgen bekleidete provisorisch ein alter Arbeiter, der— nach der Meinung des Adler— so viel von Chirurgie verstand, daß er im Nothfall eine Bandage anlegen konnte. In schweren Fällen sollte man die Leute ins städtische Hospital transportiren. Es«var also in der Fabrik— Adler's Meinung nach— alles gut. Die Berichte, die er von seinen Vertrauten erhielt, gaben ihm die Sicherheit, daß ihm nichts geschehen konnte, und so war für ihn die Sache beigelegt. Nur der Pastor Böhme, zu dem er nach etlichen Tagen fuhr, um sich mit ihm zn versöhnen, schüttelte bedenklich den Kopf und sprach, die Brille auf der Nase richtend:„Böses gebiert Böses, lieber Gottlieb. Du hast Ferdinands Erziehung vernachlässigt. Du thatcst also übel; er machte infolge dessen Schulden, und das war ärger; Du«villst jetzt diese Schulden«nil dem Schweiß und Blut Deiner Arbeiter bezahlen, und das.ist am ärgsten. Wie soll das nur enden?" „Wie soll es enden!" brummte Adler. „Eine jede That hat ihre Folgen, eine gitte— gute, und eilte schlechte— schlechte." „Was für Folgen soll das für mich haben? Meine Ka- pitalien liegen in der Bank; die Fabrik werden sie mir nicht niederbrennen, übrigens bin ich auch assekurirt; die Arbeit «Verden sie auch nicht niederlegen, denn ich finde andere Ar-. beiter, und sie«verden Hungers sterben; außer Du denkst vielleicht, sie werden mich erinorden: Martin, mich, mich?— Ha. ha," lachte der Riese nnd streckte seine Glieder.„Lob nicht den Tag vor dein Abend," antwortete nachdenklich der Pastor. II. Adler's Lebensgang war ebenso sonderbar, wie er selbst. Als er die Elementarschule verließ, die er zusainmen mit dem Pastor Böhme besuchte, hatte er das Webergewerbe erlernt und schon im zwanzigsten Lebensjahre verdiente er ziemlich viel Geld. Schon damals war er ein starker, dem Anschein nach unbeholseiter, in Wirklichkeit jedoch sehr geschickter Bursche, der bedeutend mehr als andere leistete. Seine Vorgesetzten ivaren daher init ihm znsrieden, obschon er einen großen Fehler hatte, den nämlich, ein Luinp zu sein. Jeden Sonntag mußte Adler in Gesellschaft von leicht- sinnigen Freunden und leichtfertigen Mädchen verbringen. Manchmal«vurden dann solche Orgien gefeiert, daß sogar seine Gesellschafter erschraken. Er«var ein sehr starker Organismus, in dem aber nur die Nerven und Muskeln thätig ivaren. Adler las nicht gern, und von der Kunst verstand er nichts. Da aber die in ihin schlummernden Kräfte nach irgend einer Bethätigung ver- langten, so huldigte er physischen Genüssen, denen er sich ohne Maß und Ziel hingab. Von Gefühlen kannte er nur eins, den Neid gegen die Reichen. Erhörte von Großstädten, in denen schöne Weiber leben, die Ii! an lieben kann bei Wein und erlesenen Speisen in Salons, die von Gold nnd Krystall glänzen. Taß reiche Leute hohe Berge zum Vergnügen bestiegen, vernahm er, ein Vergnügen, bei dessen Ausübung man das Genick brechen oder vor Erschöpfung zusammensinken konnte, nnd— er sehnte sich nach diesen Bergen. Wenn er reich märe, würde er Reit- pferde zn Tode Hetzen, würde sich ein Schiff taufen und auf ihm Matrosendienste leisten; er würde sich ans Schlachtfeldern hernmtummcln,— und bei dem allen würde er die feinsten Weine trinken, die exquisitesten Speisen verzehren nnd einen ganzen Harem mit sich führen. Einstweilen waren das aber nur Phantasien. Da ereignete sich auf einmal ein Fall, der in Adler's Leben einen Wendepunkt bedeutete. Ein Gcbände der Fabrik, in der er arbeitete, fing Feuer. Alles cntfioh, nur zwei Arbeiterinnen verspäteten sich drinnen; man kam aber erst darauf, daß sie noch im Gebäude waren, als aus den Fenstern schon daS Feuer herausschlug. An eine Rettung war sonach kaum noch zn denken, vielleicht aber eben dieser Unmöglichkeit wegen schrie der Fabrikant: „Dreihundert Thaler dem, der sie rettet!" Alle hörten dies Angebot; aber niemand wollte sein Leben wagen. Da trat Adler ans der gaffenden Menge, verlangte eine Leiter und— nach langer Mühe nnd schwerer Arbeit gelang es ihm, die beiden Unglücklichen zn reiten. Er erhielt für diese Heldenthat, bei der er sich die Haare verbraunt nnd die Angcnbranen für immer verloren hatte, von der Regierung eine goldene Medaille nnd vom Fabrikanten die versprochenen dreihundert Thaler. Als er diese Summe in der Tasche hatte, empfand er eine Art Liebe zum Geld. Nicht deswegen, iveil er, um die 3t)0 Thaler zu verdienen, sein Leben anss Spiel gesetzt hatte, auch nicht deshalb etwa, iveil das Geld ihn an seine gute That erinnert hätte, er liebte das Geld nur einzig und allein seiner selbst wegen, nnd zwar deshalb bc- sonders, weil es ganze dreihundert Thaler waren, die er besaß. Was konnte man sich für dieses Geld nicht alles leisten!... nnd erst wer 1000 Thalcr hätte!... und von 300 bis 1000 war es doch gar nicht so weit!... (Fortsetzung folgt.) Die Vtbel dev Moetnenen. Während im allgemeinen der Ursprung der Religionen, selbst wenn sie so jung sind, wie der Islam, in Dunkel gehüllt ist, haben wir in dem M a r in o n i s in u s eine Religion, die unter de» Augen von Tausenden, die noch leben, eulstauden ist, und tere» Ursprung wir, wen» auch die schlaue» Gründer ihn gestissentlich mit Lügen» uni) Sagenncbel umgaben, genau in alle Cinzel- heiten verolgen könne». Am 22. Seplember des Jahres 1827 erschien zu Shcron im Staate Vermont— Nordamerika— ein Engel — kein irdischer, sondern ein echt himmlischer— bei I o e(Joseph) Smith, einem 22jährigen strebsamen Jüngling und überbrachte ihm eine in Mctallplalten eingegrabene Schrift, welche die neueste nnd wahrste Offenbarnng enthielt. Joe schrieb sofort daS Wunder- buch ab, warnnf die Melallplatten verschwanden; die Bibel der I-atter v-rzr Saluts— der Heiligen der Jüngsten Tage— war da und die Welt mit eine Religion reicher. Die Geschichte dieser Religion, wie sie sich ausbreitete, und in allen Ländern der Erde Anhänger gewann— ganz wie andere Religionen—. das soll hier nicht erzählt werden. Bemerkt sei nur. dav die Rolle, welche die sozialökonomischen Failorcn einerseits und thierische Geschlechtssinnlichkeit andeierseits ans dem sogenannt religiösen Gebiet spielen, sich mit wunderbarer, wir möchten sagen klassischer Deutlichkeit nachweisen läht. Wir haben es jetzt nur milder Mormonenbibcl zn Ihn». Ter „Engel", der sie ans Metallplallen brachte, entpuppte sich nachträglich als ein gewisser S p a u l d i n g, mit welchem Joe Smith, nnlcr Zuziehung einiger frommen Geschnftssrennd« das Wnuderbnch in die Fassung hineinredigirtc, die es jetzt hat. Der Inhalt der neuesten Bibel ist in kurzem folgender: Uni das Jahr 600 v. Chr. wurde eine fromme jüdische Familie vom Stamme Joseph's, Lehi mit seinem Weibe Cariah und seine» vier Söhnen— Laman. Lemnel, Sani nnd Nephi— zur Zeit des Königs Zedekiah über das rothc Meer durch Asien an die See Jrrknnlnm und über das grobe Weltmeer nach der Küste von Südamerika. welches damals noch ei» unbekanntes Land war. geleitet. Mehr als ein Jahrzehnt später landete ein anderer Zug Israeliten vonr Stamme Inda aus demselben Wege an den westlichen Gesinden von Nordamerika. Die Gelandeten zogen der 5tüstc entlang südlich und setzten sich in der Gegend des jetzigen Panama ans der Landenge fest, wo sie die Stadt Zorachelma gründeten. Die Eingeborenen des Landes nannte» die Fremdlinge nach dem Namen der Stadt. Beide jüdische Stämme vermehrten sich und breiteten sich ans über das Land, wußten jedoch sehr lange nichts von einander, bis die in Südamerika angesiedelte» Juden nach etwa 400 Jahren auf die in Panama ansässigen stießen und mit diese» sich zn einem Volke vereinigten. Die Nachkommen Lehi's hatten sich nämlich auf amerikanischem Boden mit der Zeit in zwei Theile geschieden, von denen der ein« den andern wegen seiner Gottesfurcht und seines Festhaltens am alten Gesetz anieindete und verfolgte. Die Frommen, welche sich nach ihrer» Führer Nephi— Nephilen— nannten, zogen nördlich nach Mittel» amerika nnd vereinigten sich mit ihren daselbst wohnenden Stammes- genossen. Später wanderte wieder ein Theil von diesen, um nach der Vereinigung Hirngersnolh und Uebervölkerung zu verhüten. wieder weiter nach Norden und gelangten bis in die östlichen Tbeile der jetzigen Vereinigten Staaten, sie blieben aber in fort- währender Verbindung mit einander; der Segen des Himmels war bei ihnen und sührte sie zu weiterem Gedeihen nnd zu weiterer Ausbreitung. Die Gottlose» blieben im Süden und nannten sich nach ihrem Führer Laman„Lamaniten".— Der Fluch GotteS. rnhcte auf ihnen und die weiße Farbe dieser Abtrünnigen wurde nach und nach in ein schmutziges Roth verwandelt. Doch auch ein Theil von den Frommen blieb nicht bei dem allen Gesetz; sie wichen von dem Glauben, tödielen die Propheten, welche vom Wege zur Sünde abmahnten und verspotteten den Jehovah. Da ergrimmte dieser und suchte das Volk heim mit schweren Strafen. Er schickte Finsterniß über die Lande, und furchtbares Beben der Erde nnilhete von einem Meere zum andern; Berge sanken in Thäler, Thäler schwollen an z» Bergen; Ortschaften verschwanden unter Wasscrfluthen, und Seen schlugen Wellen, wo vormals Hütten standen. Der größte Theil der Nephlteu und Lamaniten wurde zu jener Zeit vernichtet. Die aber, welche die furchtbaren Revolutionen in der Natur überlebt hatten und reu- mülhig geworden waren, wurden vermittelst einer persönlichen Er- scbeinung Christi, der bereits zu Jerusalem gekreuzigt, aber nach drei Tagen wieder auserstauden nnd gen Himmel gefahren war, beglückt und zn Gnaden angenommen. Christus, der wieder vom Himmel Gesandte, predigte ihnen, die seine Wundmale sahen, das Evangelium, heilte Blinde. Lahme und mit Gicdt nnd mir allen anderen Ge» brechen des Leibes Behaftete, erweckte Todte zu neuem Leben und machte die Gläubigen mit allen Dingen bis ans Ende der Welt bekannt. Nach diesem, als seine Zeit gekommen war, stieg er wieder in den Himmel hinauf, von wannen er gekommen war. Die zivöls Apostel, welche er sich aus den Frommen auserlesen hatte, verbreiteten seine Lehre weiter; sie verkündeten überall hin die neue frohe Bolschaft von dem neue» Reiche Gottes, thaten fernerhin Wunder und bekehrten nicht nur alte, die von den Nephilen»och dem Gesetz Mosis nnterthan geblieben waren. sondern auch viele von den Lamaniten. Dadurch wurde ein glücklicher Zustand des amerikanischen Volkes herbeigeführt, der sich über 300 Jahre in seiner Bliiihe und in seiner Reinkeit fortcrhielt. Doch am Ende des vierten Jahrhunderts der christlichen Zeitrechnung riß wiederum Unglaube und Ungerechtigkeit unter dem Volke ein, nnd die Langmulh des Herrn verwandelte sich abermals wegen der nn» l egrenzten Ruchlosigkeit der Menschen in sirasenden Zorn. Es brach ein gewaltiger Krieg aus zwischen den Lamaniten im Süden und den Nephilen im Norde»; eine große Schlacht wurde geschlagen am Fnße des Berges Cumorah im Jahre 384 n. Chr., und die Leichen von 230 000 Kriegern bedeckten das Feld. Unter den Ueberlebenden befand sich Moruion und sein. Sohn Moroni. Ersterer hatte einen Auszug ans den Ueberliefcrungen seiner Vorväter gemacht, der auf goldenen Tafeln geschrieben war,»ud den er vor seinem Tode seinem Sohne zur Vollendung übergab; die Thorah-Rollen aber verbarg er ans Gottes Geheiß im Berge Cumorah, nahe bei der jetzigen Siadt- Palinyra im Staate?lew-Uork. Moroni führte die Chronik seines Vaters noch 40 Jahre fort. Doch die unversöhnlichen Lamaniten fuhren fort, die Kinder Nephi zn verfolgen nnd rotteten mit der Zeit das ganze Geschlecht ans bis auf Moroni, mit welchem der Herr war und ihn schützte. Moroni sah noch,»sie die ruchlosen Lamaniten untereinander uneins wurden und unter sich in männermordende» Streit gerielhen. Und lange Zeit war ganz Amerika ein großer Schauplatz aller möglichen Gcwaltlhaten von Raub. Mord, Blut- vergießen. Der Sohn Mormon's schließt sein Buch mit dem Jahre 424 n. Chr. und vergrub die Platten ebenfalls in dem heiligen Berge, daraus verhüllte er sein Gesicht nnd ward zn seinen Vätern versammelt. Das ist, nach dem Milwaukee„Freidenker", der kurzgefaßte Inhalt des Buches Mormo», wie ihn seinerzeit Joseph Smith feinem Freunde Harris diklirt hat. der Inhalt der„goldenen Bibel der Gesellschaft der Mormonen". Am Ende des Jahres 1820 mag wohl das Werk im Diktat fertig geworden sein. Eine„Offen- barung von oben" befahl Jo. Smith, seinem nicht ganz unbemittelten Jünger nnd Geheimschreiber Marlin Harris anzukündigen. daß derselbe berufen sei, bei Vermeidung der ewigen Verdammniß und der ewigen Höllenstrafe», sein gesammles Hab und Gut zum besten der Heiligen zu verkaufen. Der Gläubige, �der seinem Meister voll ergeben war und ihm blindlings folgte, erfüllte dieses Gebot, und so murdl» die Mittel gewonnen, im Jahre 1830 sünf- tausend Exemplare des Mormonenbuchcs drucken zn lassen. Es wurde begierig gekauft und erlebte innerhalb 30 Jahren fünf Ans- lagen. Um möglichst schnell Bekenner der neuen Lehre zn gewinnen. wurde es in die sranzösische, walisische, italienische, spanische, dänische und deutsche Sprache übersetzt. Der„Stil" ist der bekannte„religiöse Kernstil", wie er in allen Neligioiisbiichirn und Traktäilein zu finde». Wie lächerlich immer die Mormonen bibel sein mag,— die Mormonen Hobe» dlnhende l»e- meinroese» gegründet, Wüsteneien in Gärten verwandel k; und dos ZonbermitUl, dem dieser Erfolg zu verdanke», ist das Prinzip der Genossenschaft und des G e m e i n e i g e n t h u ms, das selbst in dieser, durch blöde» Aberglauben getrübten Form, sich wahrhaft glänzend bewährt hat. cNachdriilt verboten.) Malfikche suf Neise»». Von Ludwig Maas(Danzig). Vor einigen Tagen durchlief die Zeitungen die Nachricht, daß in der Ostsee in den Drogde» ein Walfisch beobachte! worden sei. Diese MiUheilnng ist ein Beweis dafür, daß die Wale wieder ihre Wanderung angetreten haben, die sie ans den Finthen der nordischen Meer« im Frühjahr zu südlicheren Breiten hinabführt. Die Wanderungen der Wale vom Norden nach dem Süden im Frühjahr und in umgekehrter Richtung im Herbst vollziehen sich mit derselbe» Regelmäßigkeit, wie der Abzug und die Wiederkehr der Vögel. Gleichwohl ist das Erscheinen von Walen in den deutschen Meeren etivas Ungewöhnliches, da es sich bei diesen Waisisch- Touristen um Jrrgäste handelt, die durch die Gewalt der Stürme von ihrer sonstigen Marschroute gedrängt iverden und nun ziellos umberstrcichcn. Dalier hat denn auch das Erscheinen von Walen in der Ostsee oder Nordsee stets die allgemeine Aus- merksamkeit erregt. Die Nachrichten über an deutschen Küsten be- obachtete Walfische gehen bis in das 14. Jahrhundert zurück. So zogen im Jahre 1325 zahlreiche junge Bartenwale die Traue hinauf und zum Thcil an Lübeck vorbei. Einige dieser verschlagenen Reisenden, die eine Länge von 20 und 24 Fuß hatlen, wurden bei der Holstenbrücke in Lübeck erschlagen. Zn'ölf Jahre später trieb ein solcher„Fisch" bei Nordiveftsturm und Hochflulh bei Damerow auf der Insel Usedom an. Er gab 20 Lasten Fleisch zum Thron- sieden und seine Rippen wurden als Kuriosität nach Stettin. Stral- sund und Brandenburg geschickt. Reste dieser Walrippen liegen noch i» einem Privalhauie in Brandenburg. Als im Jahre 1620 im Mai au der Küste von Pommern lange ein starker Nord ivehte, wurde am 12. d. M. im Wolliuischen Werder,„da, wo sich die Dievenow in die Ostsee ergenßt," wie es in eincin zeilgenössischen Bericht heißt,„ein großer nngehenerer Walfisch todt angestrandet, der lang gewesen ist 28'/, lübische Ellen; die Dicke aber ist gewesen 15 lübische Ellen, der Kopf bis ans tfluge 9 Schuh, der Schivanz 7 Schuh breit. Da ihn erstmalen die Leute desselben Ortes gewahr wurden, haben sie von Ferne gemeinet, es wäre ein Schiff gestrandet, und als lägen große Wollsäcke im Wasser übereinander." Von diesem Wale werden jetzt noch Knochen im Stcttmer Münzhofe aufbewahrt. Kanm vierzehn Tage später wurde zwischen Wollin und Kammin ein noch größerer Wal, der 75 Werkschuhe in die Länge und 30 Schuh in die Dicke niaß, ans Land geworse». Er trug noch den„Donnerkeil" im Leibe, die Harpunenspitze, mit der ihn Wnlfischfnngcr verwundet hatten. Aehnliche Nachrichten sind uns aus dem 13. Jahrhundert hinter- lassen. In unserem Jahrhundert wird zuerst aus dem Jahr 1825 von dem Fang eines Blauwales gemeldet. Am 8. April hörten an der Küste von Rügen fliiis Fischer bei ruhiger See„ein Furcht und Schrecken erregendes Getöse", das von einer„schwarzen, beiveglichen Masse" herrührte, die eine stark« Wellenbewegung veranlaßte. Der ungemüthliche Reiseudc wurde niit Mühe und Stoib erlegt. Er maß über 44 Fuß und wurde dem Museum in Greisswald einverleibt. Eine ganze Heerde Grindwale erschien am 24. Stovember 1881 in der Kieler Bucht. Man uniringte sie mit Booten und trieb eine Schaar von dreißig Stück dem Strande zu. Schon glaubte man ihrer sicher zu fein, als sie plötzlich Kehrt machten und zurücksloheii. Nnr einen einzigen Wal konnte man erbeuten, der nuter zahlreichen Beilhieben röchelnd verschied. Auch in den siebenziger und achtziger Jahren fanden sich in der Ostsee Walfische ein. Im Jahre 1875 strandete ein großer Wal in der Stühe der Danziger Riesel- selber, im Februar 1877 ein anderer an der Küste von Vor- Pommer». Im August 1332 irnirde ein mächtiger Wal an der Ichwedischen Küste unweit Ltarlskroua bemerkt und im Februar 1884 enldecklen Fischer an der Küste von Seeland einen Grindwal. Es wurden Boote bemannt, und es gelang, das Thier in die Branis- näsbncht zu treiben, Ivo den nordischen Besucher ein Förster mit zwei Schüssen erlegte. Auch in der Nordsee find im Laufe der Jahrhunderte viel- mals Wale beobachtet und erbeutet worden. Die älteste Nachricht stammt aus dem Jahre 1535. Es wurde damals am Strande der Landschaft Eiderstedt ein Buckelwal todt aufgefunden, der 83 Fuß lang war. Im Jahre 1549 wurde vor Hamburg von Fischern ein junger Wal gefangen, der nach dem Hopsenmarkt geschafft wurde, ivo man ihn zerlegte und sein Fleisch stückweise vertanfte. Am 9. Mai 1669 lödtete ein Bauernknecht in der Nähe des Lesumer Bruches mit vier Schüssen einen Zwergfinnival. Im Rathbaussaale zu Bremen hängt das Bild dieses Males in natürlicher Größe. Wie die Inschrift des Bildes besagt, maß das Thier vom Maule bis zum Schwänze 29 Fuß, während seine Dicke neun Fuß betrug. Die Walbesuche wiederholten sich zweimal im Jahre 1670, wobei man zwei Wale sogar bei der großen Weserbrücke erlegte. 3 Einen der riefigsten Bartenwale, die wohl je in die Nordsee verschlagen wurden, fand ans hoher See am 3. November 1827 die Mnnnschait eines Filcherfahrzeuges todt auf. Das Ungethnm war 95 französische Fuß lang, sein Kops 22. die Zunge 2l>. die Wirbelsäule 65 und der Schwanz 22 Fuß lang. Es zählte 62 Wirbel und 23 Rippen. Man stellte 1831 das Skelett des Thieres in London aus. In dem Bauche war ein geräuiniges Zimmer mit Tischen und Stühlen eingerichtet. Der Naturforscher Cuvier berechnet das Alter des Kolosses auf 900—1060 Jahre. Späterhin hat man noch 1832 und 1885 Wale in der Nordsee erbeutet. Es wurde schon angedeutet, daß die Walfisch-Neisenden von den groben Waiiderziige» abgesprengt werden. Daß dies in der That der Fall ist, beweist unter anderem die Beobachtung, daß die Irr- gaste in unseren Meeren nur im Frühjahr oder Herbst erscheinen, also zu einer Zeit, wo die allgemeine» Wanderungen vom Norden nach dem Süden und umgekehrt unternommeii werden. Ans diesen Wanderungen schlagen gewisse Arten bestimmte Wege ein und bevorzugen auch bestimmte Lieblingsplätze, wo sie ihre Sommerfrische verbringen. Man iveiß dies von denjenigen Walen, die ein besonderes Kennzeichen tragen. Die Fischer eines schottländische» Küstenortes beobachteten zwanzig Jahre hindurch einen regelmäßig wieder- kehrenden Finnwal, dem sie den Namen„Holliii Pyke" gegeben hatten. Er war ihnen durch ei» Loch in der Rückenflosse kenntlich. Die Küstenbewohner Islands gebe» ihren allsommerlich erscheinenden Walgästen ebenfalls Namen und die einzelne» Thiers sind ihue» sozusagen als Persönlichkeile» bekannt. Die Ursache der Wanderunge» ist ohne Zweifel die Jagd nach Nahrung. Wenn a» der norwegischen Küste die Springwale und Heringsivale sich einfinden, so weiß der norwegische Fischer, daß sich auch alsbald die ungezählten Schaaren der Kabeljaus und Heringe einstellen werden. Während anderthalb Monate hält dann der Heringswal, der sich wegen seiner Größe nicht zwischen die Slußeninsel» ivagen kann, die über 600 Kilometer lange norwcgische Küstenlniie beseht. Der letzte Grnnd ist also wie für die Züge der Vögel, so auch für die Wanderungen der Wale die Nahrungssorge.— Wileiurs Fieuillekon. ie, Ein Einfuhrverbot für Hunde i» England. Nach einer Nachricht des„Vrilish Medical Jonrnal" hat die landwirih- schastliche Reichsbehörde für Großbritannicil iinter dein Datum des 7. Mai eine Aerordnuiig erlassen, die die Einführulig von Hiliiden ans allen Länder»(mit Ausnahme von Irland»nd der Insel Man) verbietet, außer wenn bestiiiimte verordnete Borsichtsmaßregeln ein- gehalten werde». Die Verordnung tritt mit de»» 15. September dieses Jahres i» kraft. Nach diesem Datum darf kein Hund mehr in Großbritannie» gelandet iverden ohne Er- laubniß der landivirihschastlichen Staatsbehörde, z» deren Erlangung ma» sich a» den Sekieiär derselbe» zu wenden hat. Die Verordnung gewährt der Behörde Vollmacht, an die Er- theiliing einer solchen Erlaubniß solche Bedingiiiigen zu knüpfen, wie sie sie für ziveckiiiäßig hüll, z. B. de» VerHaft des Hundes bezw. die Jsolirung desselben durch»nd ai»f Kosten des Eigen- thliiners für eine Zeit bis zu 6 Monaten und a» einem Platze, der von dein Elgenthiimer des Hundes zn bezahlen ist. Dieser Platz ist bei der Nachslichnng»»» die Erlaubniß sogleich zu bezeichne»»nd sogleich anzugebe», daß die geeigneten. Vorlehriinge» zu einer Jsolirung des Hnudes sofort getroffen werde» können. Hunde, welche wider diese Vorschrift gelandet werde», sind verfallen und iverden ebenso behandelt wie andere Güter, deren Ein- fuhr verboten ist. Die Beobachtinig der neueii Verordnung hat durch die lokalen Behörden z» geschehen. Diese Bestimiiinng scheint eine», völligen Einfuhrverbote von Hundeu, wie ein solches bereits in Norwegen besteht, ziemlich gleich z» kommen. Andererseits sind die ärztliche» Kreise i» England mit dieser Verordiiling auch nicht znsriede», da sie den Ausschluß ihrer Wirlsmnkeit gegenüber Irland tadeln. I» viele» Fällen von Hnndswulh sei festgestellt worde», daß dieselbe von Irland eingeschleppt wurde. Vor Irland müsse man sich»im so uiehr schützen, als dort kein Maiilkorbzwang besteht. Wenn die Bestimmnng nach dieser Richlnng hi» nicht abgeändert wird, so sagt die genannte Zeitschrist voraus, daß diese neue Verordnung zur Ausroltmig der Hnudswuth in Großbritannien nichts leisten wird. Das einzig Wirksame sei»ach wie vor die strenge und allgeiueiuc Dnrchführniig der Manlkorbvorichrisle», da sonst der Verbreitung der Kianlheit innerhalb des Königreiches immer noch Raum genug gegeben sei, znnial da alljährlich im Sonuner von London ans viele Hunde ihre Herren nach olle» Theilei» des Landes hin zum Land- ausenthalt oder zu Jagdausflügcn begleiten.— Literarisches. — Jin Herbste erscheint bei Max Hoffmann in Leipzig ein „Musenalmanach deutscher Studenten", der Gedichte, Skizzen und kleine Erzählungen, eventnell auch in beschränkte»! Um- fange kleinere dramatische Versuche eiithaltc» soll. 50 M. sind alZ Preis für das beste sangbare ucue Stiidentenlied ausgesetzt. Rede» Lilieucro» und Ernst vo» Wolzoge» figurirt auch Herr Felix Dahn als Preisrichter. Diesen Wortschwall-Mann hätten sich die Hermis- gebet schenke» können. Einsendung bis spätestens 6. Jnli sind zn richten an Sindols Zabel, Leipzig, Marienstr. 6.— — 444— Theater. — Sch»»l«r-Th«ater„Papa Nitsche", Pofse in 4 Alu» vi,» Dvlnt Walther und Leo Stein. A» sick) ist das Stück renn langwellig. Die Handliing, die»nt einer Verlobung beginnt nnd wir einer zweite» schließt, leimt sich aus den Verdrießlichkeiten znsanimen, die der junge Fabrikbesitzer Friedberg nnd der am Allen hängend« Prokurist„Papa Nilsche" einander bereite». Der junge Unternehmer hat allerhand Idee» von Erweiterung des Betriebs im Kopf, die dem Alten, dein beiläufig schon im ersten Akt die Ehre zn theil wird, Schwiegervater feines Chefs zu werden, allgemach mir Grausen erfnUen. Es kommt zum Bruch zivischen den beiden: sich selber Überlassen, sabrizirt der Jinige immer genialere Fahrräder und treibt eine» immer größeren Aufwand, nnd am Ende hört mau gar von» Kauf einer Villa, von Börsenspiel und— von gewaltigem Kurssturz rede». Das bringt die Familie in Aufruhr. Um den Leichtfuß zu retten, wird selbst das Bernlögen eines verliebten Volontärs nnf den gemeinsa,»«» Opferaltar dargebracht. Aber der Fnhrrad-Fabrikant tritt lachenden Mundes auf die Bildfläche; die Börsenpapiere wurden kurz vor dem Krach mit 80 000 M. Gewin» verkaust, das Geschäft geht brillant, Villa nnd Lnxuspferde aber muß der Mensch haben, wen» er ein moderner Unternehmer sein will. Die ganze Sippschaft staunt ob solcher grundstnrzeuden Weisheit, und ivenig fehlte, so beugten sie die Knie, als kam' das Venerabile. Dieser Schluß oder vielmehr die in ihm liegende Moral ist das interessanteste an dem Stück. Sie zeigt, wie langsam die Bühne den modernen Anschanungen folgt. Possen nnd Rührstücke wie Papa Nitschc sind unzählige geschrieben ivorden, aber sie schloffen stets mit der Urväterweisheik, die im Lob der Einfach heit nnd der Seldstbeschränknng liegt. Der Lebemann.verkracht, nnd in seiner Dummheit oder Verlogenheit läßt der Autor ihn dann reuevoll zur sogenannten ehrlichen Arbeit zurückkehren, die bekannt lich in der Gegenwart das sicherste Mittel ist, um ein Habenichts zu bleiben. Das Stück wurde flott gespielt. Herr Pahlan gab den Fabri- kanten, Herr Eyben den Prokuristen. und beide füllte» ihren Platz aus. Drollig>var Herr Schmasow als letzter eines adligen Stammes; der verständige Mann von blauem Blut, den er dar- zustellen hatte, verdient sei» Brot als Star einer Spezialitäteubühue. Herr Reimann mußte als Volontär ein unmögliches Schweizerdeutsch sprechen, war aber sonst ein braver Künstler. Auch die Damen Werner, Levennann, Meyer nnd Heinsdorf wirkten tapfer mit, um das Publikum trotz der drückenden Hitze animirt zu erhalten. — Im Ostend-Theater kam am Pfingstsonntag Herr R. Kneisel zu Worte. Dieser Dichter hatte vor 2ö Jahren einmal Glück mit einem Lustspiel, das„Die Tochter Belials" hieß. Seit- dem ist er sehr alt geivorden. Der Held seines neuen Volksstücks „Unsere R e i ch s p o st" ist ein ehrlicher Geldbriefträger in lockigem Silberhaar, der sich just auschickt, sein fünfzigjähriges Dienst- jubiläum zu feiern. Kurz vor seinem Jubellage wird er aber beraubt, seine Unschuld an dem Geldverlust, de» die Post erleidet, steht bombenfest, aber trotzdem soll ihm die gesetzliche Pension entzogen werden. Hoffentlich läßt die Postverwaltung gegen den Mann, der ihr solche Unanständigkeit zutraut, keinen Beleidigungsprozeß einfädeln. Allerdings kommt es nicht zu der angedeuteten Grau- samkeit, denn den arge» Räuber, der seine Sache entsetzlich dumm macht, trotzdem er ein über das andere Mal ein geriebener Kerl genannt wird, trifft der Blitzstrahl der Gerechtigkeit, und der biedere Geldbriefträger erhält zum Entzücken des Publikums nicht nur«ine Altersrente, sondern auch noch drei Schwiegerenkel. So endet alles gerührt, wie zur Birch-Pfeifferzeit. Das Künsilerpersonal vom Ostend- Theater behandelte das lederne Stück weit über Gebühr. Nament- lieh spielten die Herren Weiß und Dill, sowie Frau Lid mit vieler Bravour.— Kunst. — AuS Anlaß der diesjährigen großen Berliner Kiinstausstellirng wurde verliehen: Die große goldene Medaille für Knust: l. dem Maler M a x L i e b e r m a n n in Berlin; 2. dem Maler Profeffor Richard Friese in Berlin; 3. dem Bildhauer Professor Peter Breuer in Berlin; die klein« goldene Medaille für Kunst: I. de», Maler Profeffor Albert Hertel in Berlin; 2. dem Maler Hugo M ü h l i g in Düffeldorf; 3. dem Architekten Banrath Otto March in Eharlottenburg; 4. dem Bildhauer Fritz Heine- mann in Eharlottenburg; 5. den, Maler Georg Ludwig Mey» in Berlin; 8. dem Maler Renv Rein icke in München. — Ein junger reicher Benetiaiier bat in der zweiten inter- nationalen K» n st a n s st e l l u n g zn Venedig acht der schönsten Gemälde für 40 000 Lire erworben und sie seiner Baterstadt zum Geschenke gemacht. Die Schenkung soll den Grundstock einer Gallerte moderner Meister bilden.— Technische?. — Ein Tunnel z>v i s ch e n Schottland nnd Irland. Seitens der englischen Regierung ist eine Kommission ernannt und beauftragt worden, einen Plan zur Erbauung eines Tunnels unter dem Nordkanal zwischen Schottland und Irland aus- zuarbeiten. Der Tunnel würde eine Länge von 53 Kilometer» erhalten; die Daner der Arbeit würde 14 Jahre erfordern. Der Tunnel soll mit elektrischer Beleuchtung versehe» werden und«in doppeltes Eisenbahngcleise erhallen. Die Baukosten sind auj 400 Millionen Franks veranschlagt.— Humoristisches. c. e. Vom Akten-Schi m m e l. Auf einem Pariser Bahn- hos fand vor einigen Tagen ei» Beamter der Nordbahnen ein Zwei- sous- E-tück und übergab das Geld dem Bahnhofs- Vorsteher. Der Vorsteher, ei» Sklave seiner Pflicht, nahm ei» Fnnoprotokoll auf und schickte die Münze mit dem unvermeidlichen Bericht an den Chef des Bureaus für verlorene Gegenstände. Der Chef dieses Bureaus registrirle seinerseits gewisseiihaft den Fund nnd schickte die zivei Sons mit einem neuen Bericht an den Kmnmissar des Nord- bahnhofs, nachdem er eine Empfangsbescheinigung an den Vorsteher geschickt hatte, der natürlich auch ein solches Dokument an den ehrlichen Finder des Geldes gesandt haben mußte. Der Kommissar schickte vorschriftsmäßig das Geld mit einem umständlichen gestempelten»nd gesiegelte» Bericht an den Polizei- präfekten. Die Präfektur expedirre„die Summe" an das Fund- bnrean zurück, und hier wurde ein neues Protokoll aufgeuoiumen mit einein neuen, erklärenden, erläuternde», peinlich genauen Be- richt, der die Fundgeschichte in all' ihren Einzelheiten beleuchtete; darauf legte man die zwei Sons in eine besondere Kasse und ivartet nun, bis der rechtmäßige Besitzer des Geldes sich meldet. Sollte diese Katastrophe wirklich eintreten, so kann man sich denken, ivie viele Empfangsbescheinigungen, Prolokolle und Berichte die Herren Bureaukraten brauchen werden, um das Geld zurückzugeben.— Vermischtes vom Tage. — Erdsenkungen in Rosdzii». Das„Oberschlesische Tageblatt" nieldet aus Rosdzin: Weitere Erdsenkungen haben seil gestern Abend stattgefunden, neue Risse sind bemerkbar. Das Waffer steht stellenweise zwei Meter hoch, 10 Häuser stehe» vollständig unter Wasser, weitere Häuser mußten heute geräumt werden. Die Erd- senknngen scheinen noch fortzudauern.— — y. Ueber Hamburg sind im Monat Mai d. I. 5625 Per- sonen ausgewandert. Im Mai des vergangenen Jahres waren es 6225 Personen.— — Zivis che» den Stationen C n» e r t s w a l d e und B ä r n S- d o r f der Schmalspurbahn Radebenl-Radebnrg stießen ain Sonntag Vormittag zwei Personenzüge zusammen. Der Maschiuenführer und drei Paflagiere des einen Zuges wurden leicht verletzt. Beide Ma- schinen wurde» beschädigt; 13 Wagen entgleisten.— — R o s e n h e i m, 8. Juni. Am Pfingstsonntag Abend gegen 8 Uhr schlug bei einem schivere» Gewitter der Blitz iu die bei Stephauskirchen gelegeue Pulverfabrik ein, wodurch die Polierhütte, in der etiva 50 Zentner zum Versand bereit lagen, in die Luft flogen. Ein zweites, etwa 30 Schritte von der Hütte cnlsernt stehendes Ge- bände gerieht in Brand und flog nach etwa 3 Minnte» gleichfalls in die Luft. Im ganzen sind über 100 Zentner Pulver«xplodirt nnd 1t Banlichkeiteu zerstört. Auch die umstehenden, einen halben Meter starken Bäume wurden entwurzelt. In dem zwei Kilometer entfernten Slephanskirchen soivie in sttosenheim, welches eine Stunde von der Pulverfabrik entfernt liegt, wurden Thüren und Fenster durch den gewalligen Luftdruck herausgerissen und zum theil zer« trümmert.— — In Pforzheim wüthet der Typhus. Die Zahl der Er- krankten beträgt bereits 54.— — Kl a u f e n b urg, 5. Juni. Infolge anhaltender Regengüsse sind der Szamos, ArauyoS und Maros sowie andere kleinere Flüsse aus ihren Ufern getreten und haben großen Schaden augerichtet. Die Stadt Felviucz ist durch Wolkenbrnche nahezu zerstört.— — T r i e st. 5. Juni. In Servola kam es zwischen 600 Erd- arbeitern zu einer Schlägerei. Zwei Italiener nnd«in Slowene wurden schwer verletzt.— — Zwei Arbeiter fanden in der Nähe des Budapester Lust- spieltheaters eine rolhe Metallhülse, die eine breiige Masse enthielt. Sie zündeten das„Ding" an, es cxplodirte und verwundete beide Arbeiter schwer. Das„Ding" war eine Tyuamitpalrone.— — In S o f i a ist der Rittmeister Boitschew. Ordonnanzossizier des Fürsten, verhaftet worden. Er wird beschuldigt, gemeinsam mit dem gleichfalls verhafteleu Polizeipräsekten von Philippopel seine frühere Geliebte ermordet zu haben. Ein Gendarm, der bei dem Morde behilflich gewesen, legte ein Geständniß ab.— — Aus V o i r o n(Tep. Jsere, Frankreich) wird unterm 6. Juni berichtet: Infolge einer Wasserhose trat die Marge auS den Ufern und richtete ungeheuren Schaden an. Das Wasser stieg plötzlich bis zu einer Höhe von sechs Meiern. Die an der Marge gelegenen Fabriken und Häuser wurden fast ausnahmslos zerstört. Die Leichen zweier Frauen wurden aufgefunden, zwölf Brücken sind fortgerissen. Der Schaden wird auf 10 Millionen Franks geschätzt. Viertausend Arbeiter sind auf zwei Monate beschäfligungSIos.— — In allen Gegenden Italiens herrscht zur Zeit�eine tro- pische Hitze. Das Thermometer zeigt bis zu 38 Grad Celsius.— — Die dänische Regierung hat 150 000 Kronen zn einer neuen Expedition bewilligt, die die Ostküste Grönlands er« forschen soll.— — Von der P e st. In D s ch e d d a h. dem Hafenort Mekka's. sind mehrere Personen unter pestvcrdächtigen Erscheinungen er- krankt.— Verantwortlicher Redakteur: Robert Schmidt in Berlin. Druck nnd Verlag von Max Bading in Berlin.