Attterhaltlmgsblatl des Worwärts Nr. 112. Donnerstag. den 10. Juni. 1897. lNachdrucl ocriwen.) sj Gokklteb Avlvv tmh Sohn. Von Boleslav Prus. Autorisirt« Uebersetzung aus dem Polnische» von I. Land. Das Geld weckte in ihm eine neue Leidenschast; er leistete einstweilen Verzicht auf alle Vergnügungen und wurde geizig. wurde ein Wucherer. Er begann min seinen Kollegen auf kurze Termine und zu hoben Zinsen Geld zu leihen, und da er außerdem niil doppelt so großem Fleiß wie bisher arbeitete, so hatte er wirklich nach etlichen Iahren nicht 1000 aber 3000 Thaler. Er sparte und darbte aber niit dem Gedanken, er werde, wenn er nur erst über eine größere Summe zu verfügen hätte, ordentlich zu genießen beginnen. Aber je mehr sein Kapital wuchs, desto weiter steckte er die Grenze zum Beginn des Genusses, und mit desto größerer Energie schritt er zur Er- richtung dieser Grenze vor. Bei diesem steten Hinstreben nach einem Ziele verlor aber Adler allmälig seine sinnlichen Instinkte; er setzte schließlich seine riesigen Kräfte nur an die Arbeit, vergaß die alren Träume und dachte nur noch an eins: ans Geld. Das Geld, das ihm anfangs nur Mittel zum Zweck gewesen war, wurde ihm nun Zweck«nd Ziel, und ihn erfüllte nur ein Verlangen, das Verlangen nach Arbeit und Geld. In seinem vierzigsten Lebensjahre besaß er 50 000 Thalcr, die er seiner schweren Arbeit, seiner Zähigkeit und Energie, seinem Geiz und deui Wucher verdankte. Zu dieser Zeit über- siedelte er nach Polen, wo man— wie er erfuhr— durch zweckmäßig betriebene Großindustrie viel Geld machen konnte. Hier gründete er eine kleine Fabrik, heirathete eine vermögende Frau, die ihm einen Sohn— Ferdinand— schenkte und dann bald darauf starb, und jetzt begann er mit Riesenschritten sich einem Millionvermögen zu nähern. Tie neue Heimath erwies sich dem Adler als ein gelobtes Land. Er, der geriebene Geschäftsmann, fand sich da zwischen Leuren, von denen die einen willig sich ausbeuten ließen, weil sie kein Geld hatten, und die andern, weil ihnen das Geld leicht zuflog und sie seinen Werth nicht kannten; manche wieder wurden ihm tributpflichtig, weil sie keinen Geschäftssinn besaßen und andere wiedenim. weil ihnen schien, sie hätten diesen. Adler verachtete all diese Leute, die des elementarsten, im praktischen Leben so nöthigen Sinnes bar j waren,— aber er wußte sie auezunützen. Sein Vermögen wuchs dabei so gewaltig, daß allgemein die Meinung herrschte, er müßte von Deutschland noch irgend welche Einkünfte haben. Mit der Geburt Fcrdinand's war in Adler's Herzen das Gefühl der unbegrenzten väterlichen Liebe erwacht. Er trug das Kind auf den Händen, erfüllte ihm jeden Wunsch, gab ihm goldene Münzen zum Spielen. Jemehr das Kind wuchs, desto mehr liebte er es. Das Kind weckte in seiner Seele die Erinnerung an seine eigenen Jugendjahre, es. weckte das Echo seiner alten Instinkte und Träume. In diesem Knaben sah Adler nicht nur den Erben seines Reichthums, sondern auch den seiner Pläne und Ideale. Ferdinand wird den Nutzen aus seinem Vermögen ziehen, er wird die Pläne der iveiten Reisen verwirklichen, die der thcuren Bacchanalien... Er soll nur aufwachsen, dachte der Vater, dann verkaufe ich die Fabrik und fahre mit ihm in die weite Welt! Er wird in allen erdenklichen Genüssen schwelgen und ich werde ihn vor Gefahren behüten. Da ein Mensch anderen nicht mehr zu geben vermag, alS er selbst besitzt, so gab auch Adler seinem Sohne außer einem eisernen Organismus und physischer Gesundheit, einem stark entwickelten Egoismus und dem unzähmbaren Drang nach sinnlichen Genüssen, weiter nichts; er entwickelte in ihm keine höheren Regungen. Vater und Sohn bemerkten nicht die Schönheiten der Natur: für Kunstgenüsse waren sie uuempfiud- lich, und beide waren Mcnschenverächter. Der Vater liebte vor allem Geld, nur den Sohn mehr als dieses, und der Sobn hatte den Vater gern, aber lieber— liebte er nur sick und das, was ihm für die Befriedigung seiner sinnlichen Genüsse von Nutzen war. Der Knabe hatte einen Erzieher, besuchte das Gymnasium bis zur sechsten Klasse; er erlernre etliche Sprachen, konnte tanzen, elegant sich kleiden und besaß gute gesellschaftliche Manieren, zudem war er witzig und verschwenderisch. Was Wunder, daß man im allgemeinen ihn gern hatte, obwohl der tiefer blickende Böhme behauptete, der Knabe versiehe nicht viel und sei auf schlechtem Wege. Im siebzehnten Lebensjahre war Ferdinand schon Don Juan, im achtzehnten wurde er relegirt, im neunzehnten verlor er etliche Male größere Summen im Kartenspiel und gewann einmal dabei 1000 Rubel, und als er zwanzig Jahre alt war, fuhr er ins Ausland. Dort gab er außer den ihm vom Vater jährlich angewiesenen 10000 Rubel noch zirka 00 000 Rubel aus, die er sich anslieb, und so wurde er der allerdings indirekte— Urheber der Ersparnisse in der Fabrik. Im Laufe der letzten zwei Jahre hatte Ferdinand fast ganz Europa bereist, hatte die Gipfel der Alpen bestiegen, war ans dem Vesuv gewesen und einmal hatte er gar eine Luft- ballonfahrt mitgemacht. Daß er auch einige Wochen sich in London gelangiveilt und sich ein paar Monate in Paris amüsirt hatte, ist wohl selbstverständlich. An den Vater pflegte er nicht allzu oft zu schreiben, jedes- mal aber, wenn irgend etwas vermocht hatte, seine Nerven von Stahl anzuregen, berichtete er ihm darüber bis in die kleinsten Details. Ein jeder Brief von seinem Sohne war für den alten Adler ein Festschmaus. Er las denselben unzählige Male, delektirte sich an jedem Worte, und jedes Schreiben rief in ihm alle seine alten brünstigen Träume wach. Im Ballon fahren. Berge besteigen, zu tausend Paaren Kankan tanzen, in den reichen Pariser Sälen Weiber in Champagner baden, auf eine Karte hunderte von Rubeln gewinnen oder verlieren: waren denn das nicht seine eigenen Ideale?.. Fcrdinand's Briefe waren für ihn wie ein Hauch seiner eigenen Jugend; sie weckten in ihm seine alten Gefühle und ein neues; eine gewisse Sentimentalität. Wenn er die Beschreibungen dieser Orginale, die frisch unter dem Eindrucke des Geschehenen verfaßt waren, und die, wie er sich einbildete, noch nach Wein und Frauenleib dufteten, da regte sich in seinem kalten, nur aufs Reale gerichteten Geiste etwas wie poetische Phantasie; er sah vor den Augen alles, was er las. Aber schnell verschwanden stets die Bilder, vertrieben durch das rythmische Geräusch seiner Maschinen. Adler hat nur noch ein Verlangen, eine Hoffnung und Sehnsucht, eine Million Rubel in baarem Gelde zusammen zu bringen, die Fabrik zu verkaufen und mit dem ganzen Gelde und dem Sohne zusammen ins Ausland zu gehen.«.Er wird genießen und ich«verde zuschauen." Dem Böhme gefiel dies Projekt allerdings wenig, das entarteten Greisen des alten Sodoni oder des römischen Kaiser- reiches ivürdig gewesen«väre. „Was wird Ench bleiben, wenn Ihr alle Genüsse und alleS Geld erschöpft haben werdet?" „Blödsinn! solche Gelder kann nian nicht erschöpfen, und wer Geld hat, der findet immer neue Genüsse," pflegte darauf der Fabrikant zu antivorte». III. Der Tag der Heimkehr Ferdinands«var herangekommen. Adler stand«vie gewöhnlich um fünf Uhr morgens aus, trank nachher feinen Kaffee aus einem Fayencetöpschcn, auf dem mit blauen Lettern in deutscher Sprache geschrieben war: Mit Gott für König und Vaterland!" und dann ging er in die Fabrik. Gegen 11 Uhr schickte er nach der Station eine Kutsche für den Sohn und einen Wagen für dessen Gepäck, dann setzte er sich in dem Gange vor der Villa nieder. Sein Gesicht hatte, wie immer, einen apathischen und gedankenlosen Ausdruck, obwohl er ungeduldig nach der Uhr schaute. Gegen 1 Uhr kam endlich die Kutsche mit Ferdinand und der leere Wagen folgte hmteuuach. Ferdinand war ein schlanker, starkgebauter Jüngling, blond, mit blauen Augen. Er trug einen ärmellosen Pelerineu- mautcl«mb ein leichtes, schottisches Mützchen. Der Fabrikant reckte, als er ihn erblickte, seine Riesengestalt:„Ha, ha! Na, wie geht's, Ferdinand?"— Der Sohn sprang leicht vom Wagen, lief auf deu Vater zu, umarmte und küßte ihn, sand dabei aber Zeit, zu fragen:„Hat es hier geregnet, daß Du aufgeschlagene Hosen hast Der Alte warf einen Blick auf die Hose. „Wie der Kerl sofort alles merken muß!" sagte er.„Ha, ha Na, komm... Johann, das Frühstück!" Er nahm dem Sohne Mantel uno Reisetasche ah und reichte ihm den Arm wie eiuer Dame. Daun fragte er— schon im Borzimmer— sich an den leeren Wagen erinnernd: .Du, Ferdinand, warum hast Du nicht gleich auch Dein Ge- päck mitgebracht?" „Gepäck?... Ja, glaubst Du vielleicht, Papa, daß ich schon geheiralbet hätte und Koffer, Körbe und Schachteln mit mir führe? Meine Sachen habe ich in meiner Handtasche. Zwei Hemden: ein farbiges zur Reise und ein weißes, ein Salon-Anzng, ein Recessair, Kravatten und etliche Paar Hand- schuhe,— das ist alles." Er sprach lebhaft, laut und froh.„Na, aber wie geht's denn Dir, Papa? Was giebt es hier Neues? Ptan hat mir erzählt. Du machtest brillante Geschäfte. Na, setzen wir uns!" Sie aßen schnell das Frühstück, tranken etliche Glas Wein und gingen nachher ins Arbcitskabinet des Ällten. „Ich muß hier die französische Lebensweise einführen," sprach Ferdinand und rauchte sich dabei eine Zigarre an, „vor allem aber französische Küche." Der Vater zog verächtlich den Mirnd. „Wüßte nicht wozu. Ist denn die deutsche schlecht?" „Was deutsch?! Die Deutschen verstehen weder zu essen, noch sich zu unterhalten.." „Na, na," unterbrach ihn der Alte,„was bist Du denn, doch ein Deutscher?" „Ich? ich bin ein Mensch, Kosmopolit— Weltbürger." Daß sein Sohn sich Kosmopolit nannte, das kümmerte den alten Adler sehr wenig, daß er aber von den Deutschen so verächtlich sprach, das berührte ihn unangenehm. „Mein lieber Ferdinand," sagte er,„ich Dachte, daß Dir die von einem Deutschen verdienten 70 000 Rubel, die Du aus- gegeben hast. Dir etwas Verstand beigebracht hätten. Der Sohn warf die Zigarre in den Aschbecher.„Ach, Du bist köstlich, Papa! Hole der Teufel die Deutschen mit ihrer Küche; sie haben kerne Ahnung von der Gastrosophie! Die ist die Wissenschaft des Jahrhunderts!" „Verrückter Kerl, hörtest Du denn auf, ein deutscher Patriot zu sein?" fragte der Alte. „Ich," erwiderte Ferdinand mit affeltirtem Ernst,„ich bin hier Pole, polnischer Industrieller; unter Deutschen bin ich polnischer Edelmann, Aoler von Adlershof, und unter Franzosen bin ich Republikaner und Demokrat." So fiel das erste Gespräch zwischen Vater und Sohn aus, das waren die geistigen Errungenschaften, die Ferdinand um 70 000 Rubel im Auslände erworben. Noch am selben Tage fuhren beide zum Pastor Böhme. Adler stellte ihm seinen Sohn als einen reuigen Sünder vor, der zwar viel Getd verlor, dafür aber vieles lernte. Der Pastor umarmte zärtlich seinen Täuflüig und ermahnte ihn, er möge sich seinen Sohn Josef zum Muster nehmen, der immer arbeite und in der Arbeit Glück und Zu- friedenheit finde. Ferdinand erwiderte, er sehe sehr wohl ein, daß nur die Arbeit dem Mensche» eine Existenzberechtigung gebe, gab zu, bisher leichtsinnig gewesen zu sei», entschuldigte das aber damit, daß er seine Jugend unter den Pole» verlebt, die doch allgemein den Ruf leichtsinniger und unüberlegter Leute hätte». Sein Ideal seien jetzt die Engländer, die er wegen ihrer Arbeitslust und ihres Fleißes sehr pries. (Fortsetzung folgt.) tNcchdml verboten.) „Isrnkze". Bon A n d r 6 The u riet. Deutsch von Wilhelm Thal. Er ivar acht Jahre alt, hatte ganz wirre, strohgelbe Haare und blaue, funkelnde Augen in einem blassen, aufgeschwemmtem Gesicht. Diese beiden, stets aufgerisseueu, spitzbübische» Augen ttnd der ungeheuer große Mund stachen grell von der blasse» Aufgeduusettheit diese? blutarmen Gesicht? ab und halte» dem Kinde den Namen „Fratze" eingetragen. Er ivar der Sohn eines unbekannten Vaters und einer armen Frau, die ihn ungehindert durch die Straßen vagaboudiren ließ. Seine Toilette war höckist einfach: Eni zu weites Hemd, eine schleckte Jacke, der die Knöpfe fehlte»,»ttd eine zerfetzte Hose, deren unförmliche Stücke aus die Schuhe herabsielen. Doch er hüllte sich in diese Lumpen mit einer höchst amüsanten Sorglosigkeit und Drolligkeit. Wenn er abends in der Hauptstraße unserer kleinen Stadt mit ernster Miene vor uuS spazieren ging und mit einer Hand seine Hose, die ihn zu verlassen drohte, festhielt. während er mit der andern einen Zigarrenstummel an die Lippen führte, machte er auf uns den Eindruck eines Don Eäsar von Bazan in jugendlichem Aller. Er hatte errathen, daß er inis interessirte. und mißbrauchte das. um uns einige SouS auS- zuprefsen, von denen er stets einen schlechten Gebrauch macht«. Er lebte auf Slaatsunkosten und übte hunderterlei Berufe aus, unter denen der ehrenwertbeste darin bestand, da« er den Grisetten des Viertels unsere Liebesbriefe überbrachte. Im Sommer, wenn wir uns im Fluß badeten, paßte er auf unsere Sachen auf und rauchte dazu im Schatten eines Baumes am User seine Cigarrette. Im Winter flüchtete er sich in die Bude des Maroneuhändlers in der Rue des Pressoirs, spaltete Holz, unterhielt ein lebhaftes Feuer in dem kleinen Ose», und nahm von Zeit zu Zeit einige geröstete Kastanien, an denen er sich zuerst die Hände wärmte, und die dann das gebieleriscke Knurren seines Magens auf einige Zeit beruhigten. Einmal versuchte ich. von Mitleid für den Jungen erfaßt, ihm seine Faulheit vorzustellen und versprach ihm einen hohen Geldzuschuß, wenn er fleißig die Gemeindeschule besuchen wollte.„Fratze" sah mir in die Augen, ob ich auch ernsthaft sprach, dann zogen seine Lippen eine verächtliche Grimasse. Schließlich zeigte er mir als letztes Argument seine vollständig zerrifiene Hose und sagte: „Sagen Sie mal, Herr. Scherz bei seile, was sollte» sie wohl in dem Kostüi» in der Schule mit mir mache»?" Kurze Zeit daraus ging ich nach Paris, um die Rechte zu studirc». und als ich in den Ferien»ach Hause kam, war„Fratze" verschwunden. • Fünf Jahre später befand ich mich in Auberive, einem in der Nähe des Waldes von Langres gelegenen Dorfe, zu einer Zeit, da nta» die Gebäude einer alten Benediktiner-Ablei in ein Gesängniß »mwandelte. Nach Fertigstellung des Gebäudes wollt« man die bis dahin in dein Gefäiiguiß von Clairvaux, das acht Meilen weiter gelegen war, eingesperrte» Weiber hier unterbringen Unterdessen hatte man die Absicht, vorläufig 50 jugendliche Verbrecher hier ein- zuschließen, die am Tage zur Feldarbeit verwendet werde» sollten. „Sie werden morgen eintreffe»", sagte der Gefängnißdirektor mit naivem Stolze zu mir.„Sie kommen von Clairvaux zu Fuß in Begleitung ihrer Wärter, und Sie sollen einnial sehen, wie diese Burschen arbeite» werden. Sie sind reizend und gleichzeitig glücklich." Bei diesen Worten kicherte der vierschrötige Gefängnißdirektor mit dem Negergesicht, in dem zwei graue Augen blitzten, leise vor sich hin und schlug mit seinem elfenbeinernen Stock die Gräser vom Wegraude ab. Sie kamen in der That am nächsten Tage bei Sonnenuntergang an. Der Direktor halte mich ihnen entgegeugesührt, und bald sahen wir sie in einer Staubivolke, am Rande der Landstraße, austauchen. Zu vier und vier marschirend, die älteren voran, die kleineu hiuleu »ach und die Wärter daneben. Sobald sie die Dächer der früheren Abtei bemerkten, fiiinnite» sie ans ei» Zeiche» des Gefängnißinspekiors e»i choralartiges Lied an, in welchem von den Freude» der Arbeit und der eschönheit der Natur die Rede war. In ihre graue Gesänguißkleidinig eingeschnürt, die Mütze über den kahlgeschoreuen Kopf gezogen, schritte» sie, die mit Staub bedeckte» Füße»ach- schleifend, die Augen zu Boden gesenkt und fast automatenhast ihr tilgendhastes Lied plärrend, au uns vorüber. Alis den ersten Blick f6>iene» alle diese kindlichen Gesichter nach einem und deinseldeu Typus geschuitle»; dieselben demülhig tückischen Blicke geschlageuer Hunde, dieselbe gelbe Aufgedniisenheit, dieselben mechanisckeii Bewegungen und dieselbe gezwungene Fröhlichkeit. „Nicht ivahr, sie sind reizend?" ries der Direktor, mit seinem Stock auf die Erde schlagend;„sie haben acht Meile» in de» Beinen, und das sieht ma» nicht einmal; sie sind frisch wie Rosen niid lustig wie Lerche»..." Ick ivar etwas anderer Meinung, den» ich sah, wie mühselig sie die Beine»achzogeu. Was ihre Fröhlichkeit anbetraf, so ivußle ich sogleich, was ich davon zu halte» hatte. Während sich der Direktor mit dem Gesängnißinspektor tinlerhielt, waiidte mir einer der jugendlichen Sträsling« neugierig sein mit Soiinnersprosseu de- deckies Gesicht zu, und ich werde de» scheuen nud gleichzeitig ver- ziveisellen Ausdruck dieses Kiuderblickes laiige Zeit iiicht vergessen. Eiulge Tage später sagte mir meine Wirthi», während sie mir das Frühstück austrug: „Uebrigens. Herr, Sie wissen doch, die Kinder, die hierher ge- kommei, sind, n»> im Gesängniß zu arbeite»?... Einer davon scheint aus ihrer Gegend zu sei», denn er hat sie»eulich abends beim Vorübergehen erkannt." tzleugierig geworden, drückte ich den Wunsch aus, diese» junge» und frühreifen Lands»»»!» zu sehe». Das ivar leicht zu inachen. Die Wirthi» kannte den Gesängnißinspektor, und schon am nächsten Morgen führte sie in mein Ziniiuer eiiie» Burschen vo» etwa zwölf Jahren, mit dem sie inich allein ließ. Der blasse, dabei aber dicke Junge blieb in seiner Gesaugeuenkleidiiiig. die Mütze in der Hand vor mir stehen, sei» Kopf mit den kurzgeschiiitteue» Haare» sah wie ei»e Kugel aus; feine listigen blaue» Angen senkte» und erhoben sich abwechselnd, als weun ihr Besitzer mich hätte stndiren wollen, bevor er sich mir auslieferle. „Sie erkennen mich wohl nicht. Herr?" fragte er endlich mit chüchterner tiud dabei spöttischer©limine. Jetzt wurden ineine Erinueruugen rege und ich ries:„Fratze?" „Ja, ick bin's", erwiderte er. während über sein aufgedunseucs Gesicht ein Lächeln huschte, und feine Blicke kühner wurden. „Mkin armer Junge, Du bist also ins Gescingnist ge- kommen?" „Ja," sagte er, sich ans seinen Beinen hin« und herivicgeud, „ich habe kein Glück gehabt... Sie wissen doch, ich habe immer auf die Sachen der Leute ansgepastt, die sich in der Brüche badeten... Eines Tages drehte ich eine Hose um, da fiel«i» Fünf- frankstück heraus... Nie hatte ich io viel Geld gesehen, vas brannte mir in den Fingern, ich habe das Stück genommen und bin damit ausgerückt.... Doch ich war gesehen worden, man hat mich ge- saßt, und ich kam ins Loch; dann vors Gericht, wo i»ich die Nichter dazu verurtheilt haben, bis zn meinem 2l. Jahre im Käfig zn bleiben.... Nicht wahr, ich Hab' kein Glück, Herr, was?" Er sagte das mit schon heiserer Stimme, mit einem Gemisch von Harmlosigkeit und Frechheit, und als ich ihn fragte, wie er denn das Gefängnißleben fände, zog er die Unterlippe lang«nv schnitt eine bezeichnende Grimasse.... „Du lieber Gott, lustig ist eS nicht.... Man hat uns von Clairvaux zn Fuß kommen lassen, mit einer Suppe im Magen, und seit wir angekommen sind, arbeiten wir da oben an der Wald« lichtung, wo der neue Gesängnißkirchhof hergestellt werde» soll.... Zeh» Stunden in voller Sonnenhitze Erde auswerfen, dazu schlechtes Essen und als Nachlisch Schläge.... Die Warler hauen zn, als wären sie taub.... Und wenn man todimüde nach Hanse kommt, läßt einen der Direktor noch singen, damit die Leute glauben sollen, man sei so vergnügt. wie cer Slorch im Salat... Und dabei soll ich noch nenn Jahre hier bleiben, aber wissen Sie, Herr, ich habe keine Lust, meine Zeil auszuhallen." Sein Ange wnrde lebhafter, er blinzelte mit den Lider» und beendete seine Rede, indem er mich um ein paar Sons „für feinen Tabak" bal... Ich gab ihm ein Silberslnck und fügte meinem Geschenk eine kleine Moralpredigt hinzu. Er steckte das Geld in das Futter seiner Mütze, hörte meinen Sermon mit ironischem Lächeln an, machte mir dann seinen Diener und ging... -»»i- Eine Woche verging. Eines Morgens, als ich mich eben an- kleidete. trat meine Wirthin ganz aufgeregt in mein Zimmer und rief: „Ach Herr, das ist eine Geschichte... Die Leute aus dem Gefängniß sind ganz außer sich... Der Junge, der Sie neulich ausgesucht hat, und der aus Ihrer Gegend stammt..." „Fratze"»»einen Sie?" „Er ist ausgerückt, Herr... Er arbeitete auf dem neuen Kirchhof;»vährend die Wärter den Rücken gedreht halten, ist er nach dem Gehölz gelaufen und»vie eine Eidechse entwischt..... Man sucht ihn auf alle» Wegen, doch der Wald ist groß, und die Wärter »verde» genug Arbeit haben..." Ich verlieh mein Ziinmer, nicht ohne ein gewisses Herzklopfen und einige Geivissensbtsse. Es»vnr ganz angenschenilich, daß der Besitz der Silbermünze den Entschluß des Jungen beschlennial hatte Die Leute aus dem Dorfe iiauden vor den Thüren, die Wärter' fluchten und geberdeten sich, blaß vor Furcht,»vie Verrückte, denn der Direktor lieh nicht mit sich spaßen, und sie sahen sich bereits entlasse». Was diesen anbetraf, so»var er zum Friedensrichler ge- laufen und hatte Gendarmen verlangt. „Der Bursche wird nicht allzu»veit kommen." sagt« er beim Frühstück zn mir,„er hat»ur seine Holzschuhe an und das ist kein bequemes Schuhiverk, um durch Dickichte zu kommen." Den ganzen Nachmittag ging ich nachdenklich einher»nid betete innerlich für den armen Jungen; ich folgte ihm in der Einbildung bei seiner Flucht durch de» Wald... Vielleicht, sagte ich mir, ist er einen» mitleidige» Kohlenbrenner begegnet, der ihn in seiner Hütte versteckt hält... Dann baute ich»vahre Luftschlösser auf; ich sah den Kohlenbrenner,»nie er dem Flüchtigen Asizl gab, ihn an Kindes- stall annahm, von Meiler zn Meiler führte, die Gendarmen irre leitete und de» jungen Sträfling schließlich in eine» ehrlichen Köhler verivandelte... Beim Sonnenuntergang bemerkte ich den Direklo»'. der im Garten der Abtei aus- und niederging, und schon a» seinem »vohlgesällig lächelnden Gesicht bemerkte ich, daß der arme Bursche »vieder einmal kein Glück gehabt hatte. „Ich Halle es Ihne» ja gesagt, er würde nicht»veit kommen," rief dieser schreckliche Beamte, ans mich zutretend;„meine Wärter haben den Flüchtling an einem Krenzivege gefaßt und ihn sofort »vieder hierhergebracht.... Jetzt ruht er sich in einer Einzelzelle ans." Er schwang seinen Stock mit dem Elfeubeinknopf und fügte dann mit grausamem Lächeln»ind flammenden Auge» hinzu: „Der Inspektor»var wütheud. und bevor er den Burschen ein- geschlossen hat, hat er ihm eine Tracht Prügel verabreicht, daß ihm die. Lnst an ähnlichen Spaziergängen in freier Luft vergehen so»...." * »« Sie verging»hm in der That; nachdem der Wärter den arinen Jungen durch Schläge mürbe gemacht, halte er den von Schiveih triefenden Sträfling i» die Zelle geführt. Die Wände des Gesang- »isses»vare» eisig,>md das Kind bekam eine Brustfellentzündung, von der es sich nicht mehr erholte. Sobald ich erfuhr, daß er ernsthaft krank»var, bat ich um die Erlaubnih. ihn im Lazareth de- suchen zir dürfen, und erhielt dieselbe auch. Ich fand de» Jungen unter de» dünnen Decken des Kraukenbettes in heftigem Fieber; die Brust that ihn»»vch, und er sprach bereits schivcr. Er»vaudte mir den Kopf zu, erkannte mich und hatte noch die Kraft, nzit seiner Unterlippe feine geivohnle Grimasse zn schneiden. „Ich habe kein Glück," murmelte er mit seiner heisere» Stimme. „Eine Viertelstunde spä'er hätte ich das Bnschholz erreicht, und sie hätten uiir nawpseifen tönnen.... Jetzt ist es mit mir ans, Herr; ich»verde den Kirchhof einiveihen, aus den» ich arbeiten mußte... Ich balle eS Ihnen ja gesagt, ich»vürbe ineine Zeit nicht aus- ballen.... Na, jebcufalls ist es keine angenehme Art, zn sterben... Namentlich, da mich der Inspektor so furchtbar schlug.... Die Striemen»verde ich»vohl mit ins Grab nehmen... Ach Herr,»vo ist die Zeit hin,»vo ich ans Ihre Sachen auipaßte nnt» dabei am User des Flusses»»einen Zigarrenstummel rauchte Ich hatte auch»vieder einmal frei sein»vollen, doch der Direktor»volll« es nicht haben.... Man soll nicht von ihn» be- Haupte», daß»na» sich in seinem Kasten langiveill....„Alle frisch ivie Rosen und lustig wie die Lerchen...." Ach, ich habe Pech!" Ein Hnsteiinnsall schnitt ihm das Wort ab, und die Schivester verabschiedete mich. Zivei Tage später begrub ma» ihn ans dem nenen Kirchhof, an der Waldlichtung, und das Blaltiverk der große» Bäume beschattete »vieder den armen„Fratze",»vie zu der Zeit, als er sich am Ufer seines Heimalhflusses in der Sonne»värmte.— Vleines �TcitilTcfoit. ei». Ein Pettclpatriot a»s alter Zeit. Unsere Betlelpatriolen und Liebesgaben-Schnapp-r»verben sich freuen, von einem Kollegen ans frühere»» Zeiten zu höre», der das„Geschäft" vortrefflich ver- standen hat, Ivie die folgende Reimepislel. eine Bittschrift an den General von Korff um Erlassung der Steuer, zur Genüge beiveist. Die Epistel lautet: Preißivürd'ger Gouverneur! Dein Ruhm erschallet i» ganz Reußen! Wie Dn das Ruder führst allhier im Königreiche Preußen. Wie gnädig, generös, Dn Dich bezeigest denen, Die sich nach Deiner Grace mit aller Demulh sehnen. Ich armer alter Greiß klopf auch an Deine Thür«, Mach ans! Eröffne mir! damit es Dein Herz rühre. Besre»)« huldreichst mich vo» jetz'ger Krieges-Sleuer, Mein Zustand ist bekannt, es kost Dir nicht ein Dreyer. Ich Hab nur hundert Mark, davon muß ich ja leben, Wovon soll ich denn nun den Brandes-Schoß bergeben? Kein Zuschuß Hab ich nicht, das Accidens bleibt aus, Was Hilst mir Dein Reskript? Wann die Justiz nicht strikt hält Hauß? Drum hör': erbarme Dich! Theil ein Doncenr mir mit, War»»» ich Dich vorletzt gantz unterthänigst bitt: So soll, Herr Gonvernenr! Dein Ruh»» im Himmel prangen, Wann mein Gebetb Dich»vird vor Golles-Thron umbsangen. Lick, den 27. Oktober 17S!>. Diese gantz schlechte Ode leget Jhro Excellence in tieister Submission zn Dero Füßen nieder und bittet dieselbe mit gnädigen Augen erhörlich anzublicken Johann Caspar Heling Canlor ein aller Greiß. Der Gouverneur, General vo» Korff, verfügte, gerührt durch die»vnnderbare Poesie dieser Bettelepistel, an die lildauische Kammer die sofortig« Befreiung von der Kriegskonlridnlioi». Die Kainmer jedoch remonstrirle gegen diese Verfügung mit dem Bemerken, daß der„arme alte Greiß", der„nur hnnoerl Mark" zu verzehren dat. Besitzer eines B r a u b a n s e s in Lpck sei. Ueber den»veiteren Verlans der Sache»st nichts bekannt, doch ist anzunehinen, daß die Goltessnrcht und Lmzaliiät des„nothleidenden" Mannes trotz der Remonstratio» der Kammer ihre gebührende Belohnung cmpsange» habe.— Völkerkunde. — Von, Selbstgefühl der Armenier. Der Engländer Clive Bighain bereiste in de» Jahren 1895 und 1896 Mittel- und Kleinasien. Sehr oft kam er dabei mit Armenier» zusauiine». Ii» Persien machte er die Erfahrung, daß die dortige» Mohainedaner dem Glauben huldigen, die Armenier iväre»„Ferengi" d. h Franken »vie die Engländer. Die Armenier»venden diese Bezeichnung so oft als möglich auf sich selbst an»nd verdanken diesen» Umstände ihre Freiheit vor Verfolgungen. In Jfpaha» sagte ein Mullah z» einem Armenier:„Seid Ihr nicht dankbar dafür, daß Engländer u»d andere Ferengi in Persien lebe» und Euch beschütze»? Verehrt Ihr sie nicht?" woraus der Armenier antivorlcle:„Nicht in» ge- ringsle». Wir sind das heilige Volk aller Christen; gerade»vie Ihr Eure Seyids verehrt, so verehren nnd ehre»» alle Europäer »ms."— Archäologisches. — Den Londoner„Times" geht die Meldung zu, daß die Oxforber Gelehrten Bernard P. Grenfell nnd A. S. Hunt in» Winter in B e h n e s a, den» alte» Oxyrrh»i»eus in Egypten, eine Menge»verthvoller Papyri entdeckt haben. Behnesa liegt am Saume der ivcstlichen Wüste zivischeu Faynin nnd Minya. Archäologe»»nd Alterthninshändler habe» de» Ort bisher kann» berührt. Die beiden Gelehrten fanden»venig Ueberreste von Ge< bänden vor. Feldsteine nnd Ziegel»varen längst zum Bai» venvandt worden. Aber unter dem uralte» Schutte lagen die vielen Papyri »erborgen. Der Zeil nach datiren sie von der römische» 448 Eroberung bis ju de» Ansängen der arabischen Hmschafd I» den Handschriften ist jedes Jahrhniiderl dieser Periode verlrelen. Dir ineisten find in griechischer Sprache ge- schrieben, Sleslen aber sind auch lateinisch. koptisch nnd arabisch. Der Inhalt der gefundene» Papyri ist bis jetzt zum wenigsten bekannt. Einer hat cine Sammlung der„Loggia", d. h. der Ausspruche Christi. Einige von diesen Aussprüchen befinden sich nicht in den Evangelien, ivädrend andere»»wesentlich von dem Text des neue» Testainents abweichen. Nach der Tradition ist St. Matthäus der Sammler dieser Aussprüche. Die Perle der ent- deckten Papyri, eine aus ISO großen und vollständig erhaltenen, theilweise mehrere Fuß langen Rollen bestehende Handschrift, hat das Gizeh-Museum zurückbehalten. Der Rest ist unterwegs»ach Eng» land, wo der Fund bearbeitet werden soll. Außer de» Papyri haben Grcnfell und Hunt eine Menge Münze», etwa 200 mit Inschriften versehene Ostraka, broncene und elfenbeinerne Zierrathe und andere Gegenstände aus der römischen und byzaulinifche» Periode aus Licht geschafft.— Geographisches. t. Ein völlig regenloses Land. Es sind wohl Land- gebiete auf der Erde bekannt, in denen der Regen zu den größten Seltenheiten gehört, jedoch halte man bisher keine Kunde von einem Gebiete außerhalb der Polargcgend, in dem niemals Regen, sondern das ganze Jahr hindurch nur Schnee fällt. Ei» solches Land betrat zum ersten Male im Jahre lSSll der russische Forscher Roboroivsky in Junerasien. 1369 zweigten sich Roborowsky und Kozloff von der Expedition Pjewzoff ab, um in der Wüste des Tarimbeckens und dessen südlichen Rand- gebirgen Exkursionen zu machen, die Ergebuiffe dieser Forschung find in vieler Hinsicht von geradezu hervorragender Bedeutung. Dieselben wurden im vorigen Jahre in einem umfangreichen Bande von der kaiserlich russischen Geographischen Gesellschaft veröffent- licht. Unter den einzelnen Expeditionen der beiden genannten Reisenden ist die zweite Expedition von Roborowsky in das Hinler- land der sog. russischen Kette oder Astyntagh die merkwürdigste. Die genannte Gebirgskette wurde von Norden her überschritten und das Thal eines südöstlich fließenden Fluffcs bis zum Oberläufe des Kerijaflnsses verfolgt, der Kerija entspringt ans dem tibetischen Hochlande und wendet sich an dieser Stelle nach Nordweste», um am Fuße des Kuen Lun entlang z» fließe,'. Den Pfad, den Roborowsky mit seinem kleinen Trupp jetzt betrat, hat vor ihm noch vielleicht kein Mensch beschritten. Arn Kerijaflusse überraschte ihn am 22. Mai ein so heftiger Schneesturm, daß er zur Umkehr gcnöthigt wurde. Doch es reizte de» kühne» Forscher, an dieser Stelle noch weiter vorzndringen, nm den südlich vorgelagerten Uzntagh zn überschreiten und einen Blick in das Land jenseits z» thun. In, Monat Juni desselben Jahres befand er sich zum zweiten Male an dieser Stelle und führte nun seinen Borsatz ans. Jenseits der letzt- genannten Gebirgskette deHute sich vor seineu Blicken eine furchtbare Wüste ans, deren Lage 16 699 Fuß über dem Meeresspiegel ist(also höher als die höchsten Berge Europa's). Mitte Juni zeigte sich in diesem Gebiete nicht die geringste Spur von Leben. Die Oberfläche des Bodens war mit niedrigen Steihe» steiniger Hügel bedeckt, die aus scharf abgebrochenen Quarzschichten bestanden. Nachdem die Expedition 22 englische Meilen in dieser Einöde vorgedrungen war, traf sie endlich ans ein paar armselige Weidenbüsche, sonst zeigte sich nicht einmal die genügsame Flechte auf dem den Boden bedeckenden Gestein. Als einzige Thiere zeigten sich ein paar sehr herunter ge- kommene Orvngo-Antilopen, die so vollkommen erschöpft waren, daß sie in einer Entfernung von wenigen Ellen an de» Mensche» vorüber gingen, ohne die Anwesenheit derselben und die dadurch drohende Gefahr zu beachten. In dieser Wüste scheint der Regen unbekannt zu sein, und das ganze Jahr hindurch nur Schnee zn fallen. Im Monat Juni schneite es jede» Tag. jedoch verdunstete der Schnee sofort wieder von den, Boden. Am Morgen des lö. Juni fand Roborowsky in einer Höhe von 17 069 Fuß eine Temperatur von—12 Grad. Nachdem 49 englische Meilen in dieser fürchterlichen Gegend zurückgelegt waren, mußte der Forscher an die Rückkehr denken, da seine Pferde infolge des scharfen steinigen Bodens vollkommen aufgerieben waren, nur eines der Thiere rettete aus diesem Wüstenmarsche sein Leben. An dem Nordrande des Gebirges hatte die Expedition besonders mit den fortdauernden Sandstürmen zn kämpfen, von deren Heftigkeit man sich nur schwer einen Begriff machen kann. Der Abhang des Gebirges ist hier mit einer mächtigen Schicht von Löß bedeckt, jener nngemeiu feinkörnigen Bodenart, die in China so ungeheure Räume «inninimt und auch in Deutschland, besonders in der oberrheinischen Tiefebene, sehr verbreitet ist. Dieser zarte Boden wird vom Winde leicht ergriffen und in die Lüfte getragen, wo sich bei starken Stürmen so gewaltige Massen von Staub zusammenhäufen, daß sich die Sonne verfinstert wie bei einer Sonnenfinsterniß. Fällt zugleich Regen, so reißt jeder Regentropfen eine kleine Menge von Staub ans der Luft mit sich, das Wasser verdunstet, noch bevor der Tropfen den Boden berührt, fast völlig und statt des nasse» Regens fällt ein Regen von Staubkliimpchen zu Boden. Hört der Sturm auf, so fällt der Staub wieder zu Boden und trägt an einer anderen Stelle zur Vermehrung der Lößdecke bei. Ganze Wälder von Pappeln werde» i» diesem Staube begraben, der bis zu 49 Fuß Höhe um die Stämme aufgehäuft wird. Die Bäume sterben dann rasch ab und zerfallen, wenn ein späterer Sturm die sie umgebendeu Staub- maffe» wieder wegbläst.— Bergbim. — Die Haupt-Fnndorte für Meerschaum liegen in der Nah« von Eski-Schehr in Kleinasien. Hier fördern mehr als 19 090 Bergarbeiter in etwa 4000 Schächten das Mineral aus emer Ties« von 69 Metern zu Tage. In geringeren Mengen wird Meer- schäum auch auf Ncgropoute und bei Theben in Griechenland ge- wonnen. Der reine Meerschaum bildet an seiner ursprüngliche« Lagerstätte eine teigartig weiche und blaßgrauc Masse. die erst an der Luft zu den bekannten, weißen leichten Stücken erhärtet.— Technisches. — Der Kohle«verbrauch moderner Schnell- d a in v f e r. Die„City of Paris" braucht täglich 399 Tonnen Kohlen. Das Schiff nimmt 3699 Tonnen Kohlen an Bord. Um dieselben heranzuschaffe», sind sechs Eisenbahn-Züg« von je sechzig Waggons »othwendig. Den Preis der Kohle zu 79 Pf. für 100 Kilogramm angenommen, würde dies rund 2S009 M. für jede Ladung aus- machen.— Hnmoristisches. — Prinzen- Erziehung. Erzieher zum kleinen Josef: „Wenn der Heinrich mit Dir spielt, mußt Du es immer so einrichte», daß«r den Vorrang behält. Also: Wenn Ihr über eine Planke lauft, mußt Du immer herabfalle», damit er sich freut, wenn er dann hinüberkommt. Wen» Ihr mit oem Ball spielt, darfst Du nie soweit werfen wie der Prinz. Hast Du verstanden? Ja? Dann sei schlau, und es wird Dir nichl fehlen."— Seitdem sind fünfzig Jahre verflossen. Der kleine Josef hat die damals erhaltene Lehre beherzigt, ist schlau gewesen und hat dafür anch seinen Lohn erhalte»: Er sitzt— obne Miethe zu zahlen— i« einer fürstlichen Bergrestauration und hat sein gutes Drauskommen. Heinrich LL, den regierende» Fürsten von X— stein, aber preist sein Biograph als Meister aller Künste und Fertigkeiten.— Vermischtes vom Tage. — J» Ha m bürg hat ei» Tischler zuerst seine Frau und dann sich selbst erschossen. In einem zuriickgelasseiieu Briefe schrieb er, er habe die That gethan, weil er das frohe Pfingstfest nicht ohne Nahrung verleben könne.— — In ganzen Heerde» zeigen sich in diesen« Jahre die See- Hunde in der Ostsee. Besonders die Lachsstscher klagen Über den Schaden, de» ihnen diese Fischräuber zufügen.— — Das i» Wiesbaden unlängst ausgeführte Nitterstück„Der Burggraf" ist schon von einer ganzen Reihe von Hofthealern angenommen«vorden.— War vorauszusehen.— — In Leipzig tagt gegenwärtig der fünfte allgemeine deutsche Journalisten- und Schriststellcrtag. Bei der Eröffunugs- seier sungirte als erster Ehrenpräsident der Leipziger Kreis- haupliuauu.— — In S ü d- U n g a r n hat das Hochwasser furchtbaren Schaden angerichtet. Pancsova ist arg bedroht. Bauer» durchsteche» die Dämme, um die Orischafte» zu reite».— — Tapfer. Die ständige Deputation des Deutsche,« Juristen- tages hat beschlösse», die für den September d. I. in Graz in Aussicht genommene Versammlung des Deutschen Jurisientages ans dem Grunde ausfalle» zn lassen, weil er nicht berufe» sei, in die in Oesterreich zur Zeit vorhandenen Gegeiisätze einzugreifen, anderseits aber nicht in« stände sein würde, diese Gegensätze als nicht vor- Hauben zu betrachten, und den für ihre nationalen Interessen ringenden deutschen Volksgenoffe«, seine Sympathie» zn versage».— — An dem Mord, de» der bulgarische Rittmeister B o i t s ch e>v an seiner früheren Geliebte» begangen, ist eine ganze Anzahl Polizisten betheiligt gewesen. Der Schwiegervater Boilschew's, der Garnisonpope Nikola, hat Gift genoinme», da schlvere Aussagen ihn belasten.— — Der bekannte italienische Dramatiker T r a v e r s i. von dem einige Schauspiele auch in Deutschland aufgeführt sind, wurde in Rom wegen Wechselsälschnng zu 3Ve Jahren Gesänguiß ver- urtheilt.— — Der italienische Chemiker B i g u o l o hat einen neue» Körper entdeckt und ihn« den Name» vixaraossinoeloxbeuonäixhöiülxipe' razin gegeben.— — Nach einer Meldung der„Franks. Zig." stieß im Kanal das Dampfschiff„I j st r o o>»" der holländischen Dampfschiffsahrts- Gesellschaft init einen, anderen Dampfer zusammen und sank. Zwei Paffagiere ertranken.— — Der Fischdampfer„Liberte" ist mit 23 Mann Besatzung bei Island untergegangen.— — In mehreren Staaten Nordwest- Am er ika'S herrscht «vinterliche Kälte nnd Schneefall. Die Ernte ist theiliveise zerstört.— c. e. Zwischen einem Paffagier- nnd einem Frachtzng fand am 27. Mai be« American Falls. Idaho, ein Zusammenstoß statt. welcher den Tod von neun Menschen zur Folge hatte,«vährend acht schwere Verletzungen davontrugen.—__ Verantivortlicher Redalte, ir: August Jacobey in Berlin. Druck und Verlag von Max Babing in Berti».