Mnterhattungsblatl des vorwärts Nr. 116. Mittwoch, den 16. Juni. 1897. tNachdruck verboten.) 7] Gokklieb Avlev unv Sohn. Bon Boleslav Prus. Ter große Saal des Lokales bot einen nicht alltäglichen Anblick; alle Tische ivaren zusammengeschoben und mit Bouquets bestellt, auf jedem Tische standen etliche Flaschen Wein, und um die Tische herum konversirten lebhaft größere und kleinere Gruppen. „Was ist denn hier los?* fragte Zapora einige ihm be- kannte Herren, unter denen er auch Adlers Freunde bemerkte. „Denken Sie sich", erwiderte ihm jemand lachend,„der junge Adler bezahlte hier den ganzen Mittagstisch; jeder, der hereinkommt, muß sein Gast sein." „Und wir hoffen, daß auch Sie uns Ihre werthe Person nicht entziehen werden", setzte einer von Adler's Freunden hinzu. „Sie irren", versetzte Zapora ruhig. „Wieso?" „Weil zu einem Mittagstisch, der von des alten Adler Gclde bezahlt wird, einmal nur der alte Adler mich einladen könnte, und dann, weil ich auch von ihm keine Einladung an- nehmen würde." Die Freunde Ferdinand's gaben noch immer nicht nach. „Was haben Sie eigentlich dem Adler vorzuwerfen?" „Nicht viel; der Alte ist ein schamloser Ausbeuter, der Junge ein Taugenichts, und beide bringen uns mehr Schaden als Nutzen." Tie öffentliche Meinung sprach durch den Mund dieses Mannes. Manche von Adler's Freunden verließen den Saal, die andern schwiegen verlegen. In diesem Augenblick trat der junge Adler mit einem Freunde ein. Er erblickte sofort die originelle Figur des Richters, und ohne zu ahnen, was eben vorgegangen war, sagte er zu seinem Begleiter:„Du, Du kennst den Zapora; stell' ihn mir vor!" „Sosort!"— Sie kamen beide auf Zapora zu—„wie gut, daß Sie herkommen! Herr Adler!... Herr Zapora!" Alles schwieg und wartete beklommen aus den Ausgang dieses Intermezzos. „Ich wünschte lange schon, Sie kennen zu lernen," sagte Ferdinand, und reichte Zapora die Hand. Zapora verbeugte sich kaum, zog seine Hand aber zurück. Fcrdniand wurde bleich; einen Augenblick schwieg er verlegen, dann aber gewann er die Geistesgegenwart wieder und änderte das Spiel. „Ich wollte Sie kennen lernen, um Ihnen für die Kor- respondcnzeu über meinen Vater zu danken." Zapora schaute ihn streng an.„Ueber Ihren Vater schrieb ich keine Korrespondenzen!" Adler begann wüthcnd zu werden.„Dann danke ich Ihnen für Ihre Glossen über mich in den humoristischen Blättern." Zapora verlor seine Ruhe nicht.„Sie irren, für humoristische Blätter schreibe ich überhaupt nicht; ich überlasse das jungen Leuten, die um jeden Preis von sich reden machen wollen." „Sie beleidigen mich!" „Ich wüßte nicht!" „Sie werden mir Satisfaktion geben." „Mit Vergnügen." „Und das sofort!" „Na, zuerst will ich jedenfalls Mittag essen, denn ich bin hungrig. Ucbrigens bin ich in einer Stunde zu Ihrer Vcr« füguug." Er nickte seine,» Bekannten mit dem Kopfe zu und verließ den Saal. Das von Adler gegebene Diner nahm keinen besonders auimrrten Verlaus. Viele gingen noch vor dem Mittag fort, die, ivelche blieben, simnlirten nur Fröhlichkeit, blos Ferdinand war in trefflicher Laune. Das erste Glas Wein beruhigte, die folgenden animirten ihn; er mar mit dem Ge- schehenen höchst zufrieden.— Ein Dnell; dazu mit Zapora!— Das wird die Verhält>»isse besser klären und regeln, als hundert solcher Diners. Die Auivescnden bewunderten seinen Muth und die Stärke seines Charakters. „Gott", sagte einer, auch»vir werden hier endlich ein Ereigniß haben!" „Ich bcdaurc nur..." „Was?" „Die Flaschen, die hinterher werden erliegen müssen." „Wir werden Ihnen ein glänzendes Begräbniß bereiten." „Wenn nur nicht einem der Gegner..." „Wie sind die Bedingungen?" „Pistolen und bis zum ersten Blut!" „Ach, zuin Teufel, und wessen Idee ist das?" „Adlers." „Ist er denn so sicher?" „Er schießt ausgezeichnet." Solche Gespräche führte man an den Tischen des Nestau- rants, in dem Adler das Diner gab. Zun, Schlüsse erhob sich dieser.„Meine Herren; ich bitte Sie für heute Abend, wir trinken die ganze Nacht." „Ist das nur rathsam?" erlaubte sich jemand zu bc» merken. „Bah; ich thue das immer vor einem Dnell," entgegnete siegessicher Ferdinand.-- Gegei, sechs Uhr begab Ferdiiland sich aus den, Speisesaale aus sein Zimmer. Er wollte etlvas schluinmern, uni sich nach der Tages- zur Nachtbacchanalie zu stärken: vermochte es aber nicht. Er fing an, im Zimmer aus- und abzugehen und da bemerkte er, daß seinem Fenster gegenüber sich die Fenster von Zapora's Kauzlei befanden. Die Straße war schmal, die Kanzlei in, Parterre gelegen, Ferdinand's Wohnung befand sich im ersten Stock. Daher konnte dieser äußerst genau die Vorgänge bei Zapora beobachten. 'Augenblicklich hatte der Richter eine Unterredung mit seinem Sekretär, nach einer Weile verließ ihn dieser— Zapora blieb allein. Er stellte die Lampe auf den Schreibtisch, steckte sich eine Zigarre an und begann auf einem großen Bogen Papier zu schreiben. Adler glaubte sicher annehmen zu dürfen, der Gegner schreibe sein Testament. Obwohl er noch so jung war, hatte er doch schon etliche Händel mitgemacht. Er betrachtete das Duell als eine Art gefährlichen Vergnügens,— als etivas Aehnliches, wie die Touristik ctiva, und jetzt sah er, daß andere Leute es blutig ernst behandelten, daß sie sich vorbereiteten und ihr Testament schrieben. Er legte sich auf das Sopha nieder. Schlafen konnte er nicht; das Herumlaufen der Hoteldiener, das fortivährende Klingeln störte ihn. Ferdinand begann im Halbschluinmer zu träumen. Als er noch ein kleines Kind war, hatte er öfters in der Fabrik in der Nähe des Dampfmotors eine Thür bemerkt, die immer zugesperrt war. Die Thür interessirte ihn, einnial hatte er gewagt sie zu öffnen, und er hatte hinter ihr— etliche verrostete Eiseustangen und einen alten Besen erblickt. So oft er ein Duell hatte, erinnerte er sich jedesmal an diese Thür. Wie sie, so schien auch das Duell so geheiinnißvoll zu sein, und dahinter war eigentlich nichts,— ein paar Flaschen Chainpaguer. Das war der Ausgang der Duelle um eine Chansonnette, um eine Beleidigung im Rausche. Er ahnte aber, daß das morgige Duell etivas anderes sein würde. Er schritt da zum Kampf für seine und seines Vaters beleidigte Ehre, und auf der anderen Seite stand der Vertreter der öffentlichen Meinung. Hinter jenem standen alle, die ökonomisch von seinein Vater nicht abhängig waren,— wer hinter ihm? Niemand; denn über seine Freunde täuschte er sich jetzt nicht mehr. Das Hotelsopha zeichnete sich aber nicht durch Weichheit ans. Ferdinand schob die Hand unter de>» Kopf nnd erinnerte sich an seineii bequemen Wagen. Es schien ihm, als säße er drinnen und fahre; er fübtte das sanfte Schütteln:— Da bleibt der Wagen stehen. Er lehnt sich aus beul Fenster, aus- geregt, noch nicht ganz wach:„Was ist das?" „Dem Gostowski riß die Maschine die Hand ab." „Dem Gostowski, das ist der, der die hübsche Fran hat...' Ein Augenblick des Schiveigcus.„Schau, wie der gesckicit ist," rust jemand empört. „Gescheit, was heißt das, gescheit?!" fragt Ferdinand sich selbst und dreht sich zur Wand,— er will die Poltergeister nicht sehen... Aber die verschwinden nicht. Er sieht einen Haufen Leute, die jemand auf der Trag- bahre führen. Auf der Bahre liegt ein Mensch mit einer ver- bundenen Hand; auf den Verbandfetzen bemerkt er große, schwärzliche' Blutflecken. Ferdinand reibt sich die Augen, vergebens, die Gespenster wollen nichl weichen. Es schien ihm, er sei dieser verwundete Mann, er, Ferdinand Adler, der jetzt hoffnungs- und regungs- los im Mondlichte auf der Bahre liegt. Woher diese Gedanken? Ferdinand empfindet plötzlich ein ihm bisher unbekanntes Gefühl. Es schien ihm, als griffe eine frenide Hand in sein Hirn, als wühle sie sich hinein, tief, tief hinein, bis ins Herz. Ferdinand sprang auf; im Zimmer war es schon ganz dunkel. „WaS soll das'. Ich fürchte mich!" flüsterte er scheu. Er zündete eine Kerze an und warf einen Blick in den Spiegel. Sein Gesicht war bleich; die Augen waren geröthet..Ich sollte mich fürchten?"-- Die Kerze bebte in seiner Hand. „Wenn mir morgen die Pistole so beben wird, dann kann ich mir gratuliren. Er blickte durchs Fenster. Zapora saß noch immer an dem Schreibtisch. Allmälig beruhigte sich Ferdinand; sein starker Wille be- siegte die Aengstlichkeit.„Schreib nur, schreib; ich werde Dir schon den letzten Punkt setzen." Es klopfte an der Thür, seine Freunde traten ins Zimmer. .Komm', Ferdinand, es ist alles bereit; es kann eine schöne Nacht werden." Jetzt war Ferdinand schon ganz sein Herr; wenn er jetzt in einen Abgrund springen sollte, würde er auch nicht eine Miene verziehen. Er halte sich gefürchtet?— Blödsinn! Er — Adler! Bis nach Sonnenaufgang zechten Adlers Freunde unter seinem Kommando. Im Restaurant erdröhnten die Scheiben vom lauten Lachen, und der Wirth mußte in der Nacht noch in ein anderes Lokal nach Wein schicken, da der seine aus- gegangen war. Gegen sechs Uhr verließen vier Wagen die Stadt. ** * V. Seit einigen Tagen kamen in Adler's Fabrik täglich große Baumwollentransporte an. Adler, der ein Steigen der Preise voraussah, verwandte fast sein ganzes Baarkapital auf den Einkauf dieses Rohprodukts. Erst ein kleiner Theil ivar in der Fabrik angelangt; der größere lagerte noch in englischen und dcntscken Magazinen. Adler's Reamung war nicht falsch; einige Wochen nach Abschluß der Käufe schon begann der Preis der Baumwolle zu steigen, und er war noch immer im Steigen begriffen. Man fragte bei Adler an, ob er nicht geneigt wäre, die Waare mit 2 pCt. Preisaufschlag sofort wieder zu ver- kaufen; er wollte davon nichts hören.„Jetzt ist bald Zeit," sprach er zu Böhnie,„mit der Fabrikation ein Ende zu niachen. Bis zum Juli künftigen Jahres wird die Baumwolle zu Waare verarbeitet sein, im August habe ich die letzten Liefe- rungslermine; dann verkaufe ich noch die Fabrik, und im September... Na, dem Ferdinand sage ich jetzt nichts, erst im letzten Augenblick... Wird das eine Freude sein! Uebrigens werdeich das Kapital irgendwie sicher anlege», sonst wäre dieser Lump im stände, in etlichen Jahren alles durch- zubringen..." Inder letzten Zeit hatte Adler seltsame Träume. Manchmal träumte ihm von einem großen Berge, der bis in die Wolken ragte, und den er bestieg; ein ander Mal träumte ihm, er säße in einer Ballongondel und schwebte hoch... hoch über der Erde; dann wieder sah er sich in einem großen, glänzenden Saale zwischen tanzenden Paaren und rauschender Musik— immer aber war er allein, Ferdinand war nie bei ihm. „Ich sehe den Kerl � so selten," dachte er,„daß ich nicht einmal mehr von ihm träume. Fortwährend sitzt er im Städtchen, ueugierig bin ich nur, was er dort eigentlich findet." Am Morgen«ach dem Markttage machte Adler wie immer «inen Kontrollgang durch sämmtliche Werkstätte» und Bureaus. Von den Arbeitern waren viele auch zu Markt gewesen, und sie sprachen viel von Ferdinands Streichen. Man erzählte, der junge Herr hätte in allen Restaurants den Mittagstisch bezahlt, und wer etwas essen oder trinken wollte, hätte zuvor sich vor ihm verbeugen müsse». (Fortsetzung folgt.) «Nachdruck verboten.� Die groHe Vivchenglocke. Von Jens Tvedt. Man konnte es am Ton hören, daß es die groß« Glocke war, mit welcher sie heute läuteten. Sie wurde nur an den große» Feier- tagen benutzt oder wenn große Leute begraben wurden; sonst war sie angeschlossen. Es kostete einen ganzen Thaler, wenn man sie haben wollte, daß sie zu einem Leichenbegängniß geläutet werden sollte, und dazu hatten die Leute nicht die Mittel, wie sie meinten; sie mußten sich mit der kleinen Glocke beHelsen, wenn es auch nichl so feierlich war. .Bim— dam! Bim— bam!" bummte die groß« Glocke, und »der starke Ton zitterte in der Luft über das ganze Dorf hin. Er hatte sich in den Bergen festgesetzt und brauste über den Köpfen der Leute, so daß sie empor sahen, ob man etwas davon sehe» könnt«. Es war sast, als wenn der dumpfe Widerhall sie niederdrückte, so daß sie sich betäubt, ganz klein vorkamen. Es stimmte so ernst, daß sie an die himmlischen Glocken denken mußten. „Sie klingt gut heute." sagten die Leute, welche auf den Höfen standen und nach der Kirche hinstarrlen oder anf den Fjord hinaus. Alle waren stolz auf eine Glocke, wie es ihresgleichen in der ganzen Gegend keine zweite gab. Sie sollte für die Domkirche in Bergen bestinimt gewesen sei», ging die Sage; aber wie sie dann hierher- gekommen war, das wußte niemand. „Nun kommt der Leichenzug," sagte einer, und aller Augen richteten sich nach der Landspitze, hinter welcher die Boote vor- kommen mußten. Boot für Boot kam zum Vorschein und ruderte über die Bucht hinüber— große Boote, voller Leute. Das erste ivar das Leichenboot. Es war schwarz, und schwarz waren fast alle, welche darin saßen, denn es waren große Leute— nur die Ruderer saßen in weißen Hemdsärmeln. Die anderen Boote sahen lichter aus. Es war ein großes Leichenbegängniß, wie man erwarten konnte. denn es war einer der angesehensten Männer des Dorfes, der Dorf- lichter, welcher begraben werden sollte. Darum geschah es auch am Freitag. Montag. Mittwoch und Freitag waren die Tage der großen Leute; es kam niemals vor. daß ein einfacher Bauer an diesen Tagen begraben wurde. Nicht einmal der alte Schulze wurde an einem solch vornehmen Tage begraben— so hoch reichte er nicht hinauf. Als aber der reiche Sonderling anf dem ttasteini- Hof starb, wurde ihm dieselbe Ehre zu theil, wie jenen großen Leuten; er wurde sogar sogleich in die Kirche hineingeschafft auf die schwarze Decke vor den Aliar, und der Pfarrer predigte in der Ehor- lhüre. Andere wurden am Grabe abgesunden oder, wenn das Wetter zu schlecht war— im Beinhanse. „Bim— dam! Bim— bam!" brummte die große Glocke, so- daß es in der Luft zitterte und in den Bergen widerhallte. Die Frau des Richters hatte vier Thaler für die Glocke und daS Läuten gegeben, so daß sie sich schon etwas anstrengen konnten; nicht jeden Tag wurde die Arbeit so gut bezahlt. Die Frau saß auch im Leichenboot. Sie meinte, es klänge hübsch, und bereute nicht das Geld, daS sie gegebe». Sie saß ge- mächlich und zufrieden dicht bei dem Sarge. Nicht die Trauer darüber, daß sie Wiltwe geworden, hatte sie bleich gemacht; nein, sie war immer so gewesen, seit sie sich verheirathete. Der Mann war nicht gut zu ihr gewesen. Kinder hatten sie keine, und er war ihr untreu gewesen.— „Bim— dam! Bim— bam!" brummte Ii« Glocke, und der Laut wurde stärker, je näher sie kamen; es war, als wollte sie versuchen. ihre unseligen Erinnerungen zu betäuben. Es wäre wohl auch am besten so; nun mußte er anderwärts Rechen» schast ablegen, und darum beneidete ihn sicher niemand. Jeder wußte, daß daS Sündenregister des Richters nicht klein war. Die Boote landeten, und bald befand sich das Leichmgesolge auf dem Wege zur Kirche. Ein langer Zug war es nicht, aber die Leute wechselten beim Tragen ab, denn einen schwereren Körper kalte noch niemand zu Grabe getragen. Es war, als wenn der Sarg voller Steine gewesen wäre. „Bim— bam! Bim— bam!" brummte die Glocke laut und dumpf, sodaß denjenigen, welch« den Sarg trugen, ganz wirr im Kopfe wurde. Als sie zur Einfriedung kamen, war es ihnen, alS wenn sie vom Boden emporgehoben würden; der Boden zitterte unter ihren Füßen und es flimmert« vor ihren Augen. Sie versuchten, den Sarg in die Kirche hineinzufchaffen, ohne zu wechseln— es war nicht mehr weit. Aber da? Gatter ivar etwas eng, und plötzlich stieß der Sarg mit Krachen gegen die Mauer. Die Leute standen sprachlos und saben zu. Niemand bemerkte, daß daS Läuten aufgehört hatte, bis sie oben vom Thurm ein« Siimme vernahmen. Ein feuerrvtheS Gesicht»rfchirn in der Luke und schrie hinunter.'' „Dir große Glocke sprang entzwei?" Die Leute sähe» einander entsetzt an; es war so still wie im Grabe, bis ein alter Man» in der Schaar zum Thurm hinaufries: „Mache die kleine los!" DaS Gesicht verschwand von der Luke, und ei» Weilchen später gelte«S los mit:„Ding— dang! Ding— dang!" ES klang nicht un- ähnlich einer guten Kuhglocke. Nun begriffen- sie erst recht,»vaS fi« verloren: die schönste Zierde der Gemeinde war zunichte. 3te schleppten den Sarg in die Kirche hinein und vor den Altar. Der Pfarrer predigte gut und lange; aber die Leute hörten gröptentheils nicht ein Wort. Aller Gedanken waren davon voll, daß die große Glocke gesprungen war. Einige von dem Gefolge waren nicht einmal in der Kirche; sie waren in den Thurm hinauf- geeilt und besahen den Schaden. Der Sprung ging vom untersten Rande bis nach oben hinauf; unten war er beniahe einen Zoll breit. Die Richtersfrau saß auf einem Stuhl im Ehore und dachte an die Glocke. Sie auch?! Sie bereute nicht ihre vier Thaler; aber sie dachte daran, wie gleich sie und die Glocke im Grunde genommen wäre»: sie beide waren gesprungen, und das war seine Schuld. „Amen!" sagte der Pfarrer, und im selben Augenblick war es, als wenn alle erwachten. Sie sangen einen Psalm und trugen dann den Sarg binaus. Ter Richter wurde hinter der Kirche beerdigt, dort, wo die großen Leute ibren Platz hatten.— Dieses Leichenbegängniß vergaß niemand so bald. Wenn die Leute später an dem Grabe des Richters vorbeigingen, sprachen sie von der zersprungenen Blocke. Und jeder legte es in seiner Weise ans.—_ Vvv MnkergÄNg der fvirfifchett Vsuernfvviheik. Von Dr. Karl Ellstaetter(Karlsruhe.) Daß auch die friesischen Bauern, deren Freiheit geradezu sprich- wörtlich geworden ist, einst die Leiden der Unfreiheit z» kosten de- kamen, durfte den Wenigsten bekannt sein. Einer kürzlich erschiene»!«» Monographie von Dr. Allmers') verdanken wir die Kenntniß dieses traurigen Stücks deutscher Wirtdschastsgeschichte. In dreihundert- jährigen Kämpfen halten die tapferen freiheilliebenden Marschbauern. die zwischen Weser und Jade sitzen, sich ihrer Feinde erwehrt, insbesondere der Stadt Bremen und der Oldenburg«? Grafen, die das reiche fruchtbare Land, das den letzteren zudem den Zugang zur See versperrte, begehrten. Endlich 1214 unterlagen sie nach tapferstem Kampf einer gewaltigen Uedermacht und dem Berrath eines Lands» maunes. Das Land kam unter die Herrfchaft der Grafen von Oldenburg. Eine traurige Zeit war für die Bauern von Butjadingen und Stadland angebrochen. Sie, die bisher als freie, unabhängige Männer in einem absolut demokratischen Gemeinwesen ihr Land zu hoher wirthschaftlicher Blüthe gebracht hatten, wurden nun systematisch gedrückt und geknechtet. Jnsbesonders als 1529 Gras Anton von Oldenburg die Regierung antrat, bekamen die Marsch- beivohner alle Leiden der Unfreiheit zu dulden. Graf Anton hatte nicht umsonst vor seinem Regierungsantritt am Brandenburger Hof gelebt. Dort hatte er gelernt, wie man freie Bauern zu Hörigen herabdrückt. Waren doch damals die hohenzolleruschen Markgrafen gerade daran, ein Stück der bäuerlichen Freiheit nach dem andern gegen Steuerbeivilligungen und so weiter an die Junker preis- zugeben. Und fürwahr, Graf Anton war ein gelehriger Schüler der märkischen Junker. Zunächst benutzt« Graf Anton die Einführung der Reformation zur Säkularisation der umfangreichen geistlichen Güter. Die ein- gegangenen Güter wurden meist in Etgenbewirthkchaftung ge- nommen und die Bauern zu den Frohnden in so starkem Maße herangezogen, daß sie darob ihr eigenes Land vernachlässigen mußten. Ferner zog er das Gemeinland ein. das bisher vor allem zur Unterhaltung der Pfarrer und Kirchen, sowie zur Tragung der Deichlast gedient hatte. Jeglicher Schulunterricht hörte auf. Offenbar lag dies in der Absicht des Grafen. Denn halte er den Bauer erst in geistiger und moralischer Beziehung herab- gedrückt und unfähig gemacht, sein Recht zu wahren, dann konnte es ihm ja nicht schwer falkry, ihn auch in wirthschaftlicher Be- Ziehung zu unterdrücken und ihn schließlich zum Leibeigenen zu mache». Die Einziehung des Landes, das bisher die Deichlast ge- tragen hatte, hatte zur Folge, daß die Deiche mehr und mehr ver- nacdlässigt wurden und endlich den Flutheu nicht inehr Widerstand zn leiste» vermochten. Die mit Frohnden für die gräflichen Bor- werke und für Sindeichungen zum Voctheil des Graien überlasteten Bauern halten kaum Zeit, ihr eigenes Land nothdürftig zn bestellen, geschweige denn die alten Deiche im stände zu halten. Durch das Eindringen des Salzwassers wurde der Boden verdorben und un- fruchtbar; nach jeder Uederschwemmnng traten unter dem Bieh ver- heerende Peflkraukheiten auf, die das hinwegrafften, was nicht im Wasser ertrunken war. Die Menschen aber schwächt« das Sumpf- fieber. Dazu kam die schmähliche Ausnutzung der Gerichtsgewalt durch den Landeiherrn. Unter den nichtigsten Vorwänden wurden die Güter der Bauern für den Grasen eingezogen und die Familien von Haus und Hof gejagt. Bald gehört« jeder Bauer zu einem der gräflichen Vorwerke; aus den ehemals sreien und durch ihre Freiheit so kräftigen Bauern waren Hörig« geworden. Die Politik des«rasen war ganz konsequent daraus gerichtet, den Bauer immer tiefer herabzudrücken. ») Bilmers, Dr. Robert. Di« Unfreiheit der Friesen zwischen Weier und Jade. Eine wirthschaftsgeschichtliche Studie.(Münchener Bollewirthschaftliche Studien. Herausgegeben von Luj» Brentano und Walther Lötz. XlX. Stück.) Stuttgart. Cotta ISS«. Die Folgen der Vergewaltigung der Marschbauern waren schreck- lich. Zn der Zeit, als Graf Anton starb, war das ganze Land heruntergekommen; die landwirthschastliche Kultur stand auf der tiefsten Stufe. Nur aus den gräflichen Vorwerken herrschte ein besserer Zustand. Weite Strecken Bauernlandes lagen verödet, denn der Bauer hatte wegen der vielen Frohndicnste keine Zeit, es ordentlich zu bewirthschasten, und es fehlte ihm bei der erdrückenden Last der grundherrlichen Abgaben auch bald das nöthige Betriebs- kapital. Der Berkauf eines Theiles seines Besitzes, der ihm hätte helfen können, war verboten. Viele Bauernhöfe standen leer und fielen dem Grafen anHeim; ihre Besitzer»varen entweder bei einer der vielen durch die Vernachlässigung der Deiche hervorgerufenen Ueberschwemmungen ertrunken oder aus dem Lande geflohen. Mit dem Aussterben des Oldenburger Grasengeschlechts begannen wieder bessere Zeiten für die Friesen; früher alS in irgend einem anderen Theile Deutschlands»vurde hier die Bauernbefreiung ein- geleitet.—(„Frankfurter Zeitung." Vleines Fenillekon- — Hessische Byzantiner. Im Jahre 1809 stieß die Kasseler Freimaurerloge, genannt königl. Maurerloge Jvronie Napoleon zur Treue, den Obersten v. Dörnberg und den Friedensrichter Martin aus, weil sie sich an der sogenannten Dörnbergischen Insurrektion desselben Jahres betheiligt hatten. In dem„Urtheil" heißt es in bezug auf den König Jsroine:„Ein Maurer, zwar nur Lehrling noch, aber immer doch ein Maurer, lvar das Hauptwerkzeug ge- worden in der Furienhand der blinden Rachsucht, das Haupt- Werkzeug, um uns«inen König zu entreißen, der, hätten wir wählen dürfen, von uns erkoren sein ivürde, einen König, der nicht nur unser Br..'. heißt: der es in der schönsten Bedeutrnig des Begriffes ist,«in König. dem Wohlthatenübung Bedurfniß ward, der mit Engelgüte feine Unterthanen beherrschte, der Gerechtigkeit voll Inbrunst liebt, der tapfer ist, ivie sein Schwerdt, uud dennoch sanft, wie Lüste dieses Mais, und mild«, wie die bal- samischen Tropfen, die, aus seinen lauen Purpurivolken sinkend, die Erde befruchten." Und von Napoleon selbst wird gesagt:„Eine neue Epoche der Weltgeschichte begann. Der über alle Erdbeherrscher erhabene Napoleon ist sichtbar der Held, dem dieser Planet eine politische Umbildung verdanken soll. Wer kann jenem Halbgott widerstehen? Und könnte man es, kein echter Manrer dürste eS; keiner würde es, selbst»venn der Trieb des Eigennutzes ihn leiten könnte; denn niemals noch blühte so sehr die K... K.'., als seit- dem jener unbesiegbare Heros der Heroen den Szepter empfing."— Welche Stümper sind doch unsere Bismarck-Rapsoden!— Theater. — Mit der am Montag verstorbenen Charlotte Wolter ist die größte deutsche Schauspielerin der Gegenwart dahin ge- gangen. Dreißig Jahre hindurch war sie der Stern des Wiener Burglheaters, und als sie vor einem Jahre Krankheit zwang, von der Bühne Abschied zn nehmen, hatte ihr Ruhmeskranz auch noch nicht«in Blatt verloren. Charlotte Woller wurde 1834 in Köln als das Kind armer Eltern geboren. Frühzeitig ging sie zur Bühne, kam nach Oesterreich und Ungarn und kostete hier das entbehrungs- reiche Leben einer Wanderschanspielerin. Als sie am Wiener Karl- Theater und in Brünn wirkte, wurde man ans sie aufmerksam. Ihren ersten durchschlagenden Erfolg hatte sie 1861 in Berlin als „Hermione" in Shakespeares„Wintermärchen". Nachdem st« eine kurz- Zeit am Hamburger Thalia-Thealer thätig gewesen, Holle sie Laube ans Burg-Theater. Hier schuf sie im Laufe der Jahre jene Muslerleistungen, die ihren Ruhm in die ganze Well trugen. Jyre Adrienne Lecouvreur, ihre Phädra, Maria Stuart, Orsina, Lady Milford, Meffalina, Klara in„Maria Magdalena"»vurden immer wieder nachgeahmt; erreicht hat die Wolter keine der Jüngeren. Ihr Platz in der Geschichte des deutschen Theaters wird wohl künstig unbesetzt bleiben.— Musik. -er- Neues königliches Opernhaus. Am Monkng. hat sich Herr Götze als„ L o h e n g r i n" für dies« Saison ver- abschiedet. In Hallung. Gang. Geberde und Gesichtsausdruck macht des Künstlers Gralriiter einen recht harmonifchen Eindruck und überragt seine Tenorkollegen durch quelleude Stimmfrisch» und großen, vollen deklamatorlschen Ton. An Stellen, wo Weichkeit und Zartheit des Tones die Wirksamkeit des Vortrages bilden sollen, wie bei der ersten Anrede an den Schwan, bleibt vor allem der be- bäuerliche Mangel einer im groben Ranm« tragenden mezza voce bemerkbar. Götze's Glanznummer bleibt die Erzählung vom „wnnderthätigen" Grat, wo sich der volle Ton, die deutliche Aus- sprach« und das höchste Pathos zu einer vollendeten Leistung vereinigen. Fräulein Fiedler's„Elsa von Brabant" besitzt Zartheit Und Innig- keit im Spiel und angenehnieu. für den Ausdruck entzückter Weiblichkeit uno liefdetünimerten Schmerzes gleich künstlerisch gereiften GesangSvortrag. Frau Sucher's Ortrud hat für biefeS„fürchter- ticke" Weib die fchanspielerisch eindringliche dämonisch« Kraft, ohne gesanglich allen berechtigten Busordernngen entsprechen zn können. Das Gegenlheil Frau Sucher'» ist Herr Bukst, dessen Telram-md noch immer erstaunliche stinimlich« Frzsche aufweist, aber charakte- ristisch nicht üder die übliche Bnhnenroutine und traditionelle Dar- stellung hinausgeht. Das Orchester unter Herrn Sucher's Leitung belauschte sich meist an seinem eigenen Fsrtissimo-Klang; den leitenden Theil bei solchem orchestralen Enthusiasnnis bilden natür- lich stets die Sänger.— Ans dem Pflanzenlebe». — Z n der K i r s ch b a n in- S e u ch e, die gegenwärtig in der Mark sich zeigt, erhält die„Tägliche Nnndschan" von Prosessor Frank, dem Direktor des Jnstituls für Pflaiizenphysiologie und Pflanzenschutz an der laudwirthschaftlichen Hochschule zu Berlin folgende Erläuterung: Die Krankheit wurde bisher als eine mit Froftwirkunge» im Znsammenhange siebende Erscheinung angesehen, obgleich ein spezifischer Pilz. Mkmilia. fmctigena, als ihr regelmäßiger Begleiter bekannt war. In diesem Jahre, wo in den betreffenden Gegenden jede Frostwirknng ausgeschloffen ist, hat sich die Krankheit mit diesem Pilze zu einer allgemeinen Epidemie«nt- wickelt, wobei der ansteckende Charakter auf das deutlichste hervortritt. Die Monilia ist ein in den Obstgärten nicht seltener, für gewöhnlich gutartiger Pilz, der oft auf hängengebliebenen Früchten wächst. Im jetzigen Falle tritt er aber zur Blüthezeit ans den Blüthenbuschcln auf und zerstört sie und wächst von da aus todlbringend auch in die Tragzweige hinein. Die Sauerkirschen sind am meisten befallen, aber auch die Süßkirschen find schon vielfach angesteckt. Mit den, seuchenhaften Charakter steht es inr Zusammenhange, daß die Krankheit nur in größeren Bestände» von Kirschbäumen, in Obstplantagen, wo die Ansteckung von Baum zu Baum begünstigt ist, austritt. Die vereinzelt in der Stadt Berlin stehenden Kirschbäume scheinen nicht befallen zu sein. Die älteren Leute in den betreffenden Gegenden versichern, daß die Kirschbäume früher nie diese Krankheit gehabt haben. Es handelt sich also augenscheinlich um eine in der Eutwickcluug be- griffen« Infektionskrankheit. Die Maßregeln, durch welche ich in den achtziger Jahren die Gnomonia-Seuche der Kirschbäume im Altenlande ausrotten konnte, sind im gegenwärtigen Falle wegen der anderen Lebensweise der Monilia nicht am Platze. Hier wird nach möglichstem Herausschneiden und Verbrennen des kranken Holzes im Herbst, wen» das Laub herunter ist, und im Frühjahre vor dem Oeffnen der Knospen eine Bespritzung der Baumkronen der kranken Bäum« mit einein geeigneten Desinfektionsmittel, wie Kupfervitriol- Kalibrühe, vorznnehmen sein. Gegenwärtig ist Herr Dr. Krüger in meinem Institute damit beschäftigt, genauer zu prüfe», welche Des- infcktionsmiltcl gegen de» Pilz geeignet sind. Die nöthigen Schritte, nm in den gefährdete» Gegenden mit aller Energie auch gegen diesen Obstseind vorzugehen, werde» geschehe».— Physikalisches. — Telegraphiren ohne Drähte. Das englische Parlament scheint entschlossen zn sein, die Erfindung des italienischen Elektrikers Marconi, die es ermöglicht, ohne Hilfe von Drähten telegraphische Botschasleu durch die Lust zn senden, praktisch zit verwerthen. Herr Prcnee, der erste Elektriker des Postamtes, machte jüngst die Mittneilniig, daß es gelungen sei, eine drahtlose Berbindnng über den Kanal von Bristol zwischen Penarth»iid Brenkdown auf eine Entfernung von nahezu nenn englischen Meilen herzustellen. Nun soll auch die Insel Srnk, die kleinste der vier Canalinseln, die bisher ohne drahtliche Verbindnng mit der Außenwelt gewesen ist,«ine Station nach dem System Marconi erhallen zur Vermiltelnng von Nachrichten nach der Insel Guernsey.— Meteorologisches. — Das Pariser meteorologische Observatorium hat in dem Zeitraum vom 1. September 1396 bis zum 30. April 1337 einen Rege» fall von nicht weniger als 664 Millimeter Höbe festgestellt, d. h. volle llv Millimeter mehr, als die durchschnittliche jährliche Regenmenge in Paris beträgt. Eine derartige achtmonat- liche Regenzeit findet sich in den ungefähr zwei Jahrhunderte znrück- reichenden pluviometrischen Aniialeii nicht mehr. Diejenige Periode, die der soeben verflossenen am nächsten kommt, ist die vom Mai bis zum Dezember 1354, während welcher eine Regenhöhe von 637 Millimeter am Pluviometer des Pariser astrononiischen Obscr» vatoriums beobachtet wurde; doch ist hierbei zu beachten, daß dieser Regensall zum größten Theile in die au Niederschlägen, namentlich an Gewittern reichste Jahreszeit, den Sommer, fällt, während die gegenwärtige Periode de» regenschwachen Winter umfaßt.— Astronouiisches. — Eine n e u e T r e n u u u g s s p a l t e auf dem Saturn- ringe. Der Planet Saturn wird von einem freischwebenden flachen Ringe umgeben, auf dem zuerst Cassini im Jahre 167ö ein» dunkle konzentrische Linie entdeckt«, die, wie Herschel 179t nachwies, eine wirkliche Trennuugsspalie von etwa 40V Meilen Breite ist. Sie theilt den Ring in eine» äußeren und inneren, von denen letzterer der hellere ist. Gegen die Satnrnkugel hin bat dieser noch ein breites, dunkles Anhängsel, den sogenannten Crap-Ruig, der zum theil durchsichtig ist und nur an große» Fernrohre» deutlich gesehen werden kann. Derselbe endigt recht deutlich und scharf gegen den Planeten Saturn hin, dagegen geht er außen allmälig in de» hellen Ring über. Aus der Sternwarte zn Lnssinpiccolo hat nun, wie die .Köln. Ztg." mittheilt, Leo Brenner am 2. Juni«in«»ene Trennung festgestellt, die au der Grenz« des hellen„ineren Ringes»nd des Crap-Ringes sich zeigt. Er fand, daß dieselbe fast ebenso breit ist. wie die Eassinische Spalte und dieser auch in der Dunkelheit, mit der sie sich darstellt, ganz gleicht, allein weil der Crap-Ring selbst ziemlich dunkel ist, fällt er nicht sofort in die Augen. Früher hat man von einer solchen Trennungsspalte an dieser Stelle des Ring- systems niemals etwas gesehen, und die Neubildung ist daher außer Zweifel und ein überans nierkwürdiger kosmischer Vorgang. Uebrigens ist die Trennung nur an einem mächtigen Fernrohr und unter sehr günstigen Lnftverhältuissen an Orten, wo der Himmel nicht stets durch Rauch und Dunst mehr oder weniger getrübt ist, zu sehen.— Technisches. — Die Kraft der Meereswogen zn messen, ist der Ziveck eines von dein englischen Ingenieur Thomas Stevenson erfundenen Dynamometers. Dasselbe besteht im wesentlichen aus einer als Angriffspunkt dienenden vertikal ge- richteten Fläche von genau bekannter Größe, welcke auf Federn von ebenfalls genau bestimmter Kraft ruht. Die Zusammenpressung dieser Federn beim Anprall der Woge überträgt sich durch ein kleines Hebelwerk ans eine Skala und wird von dieser abgelesen. Dieser Apparat wird zur Zeit der Ebb« au den Felsen befestigt, gegen welchen bei Fluth die Wogen anprallen. Wie wir einer MUtheilnng des Patent- nnd technischen Bureaus von Richard Luders in Görlitz entnehmen. ergeben die mit diesem Oceaiiodynamometer angestellten Versuche bei stürmischer See«inen Druck bis zu 34 000 Kilogramm pro Quadratmeter. Doch dürste damit noch keineswegs die höchste Leistung-- sähigkeit der Wogenkrast erreicht sein, da Beispiele gezeigt haben. daß Felsblöcke von 6 bis 13 Tonnen Gewicht durch den Anprall der Wogen um eine Strecke vou 22 Metern i» horizontaler Richtung verschoben wnrden.— Httmoristischcs. c. e. Die Inspektor! n der D a in e n h ü t e. Der Bürgermeister von Bridgcport im Staate Connecticut(Nordamerika) hat eine einflußreiche und geachtete Bürgerin zur Hutinspeklorin ernannt. Miß Susan Watson erfüllt jeden Abend in den Theatern der Stadt ihre hohen Amtspflichten. Sie wendet sich in liebens- würdiger, aber entschiedener Weise an die Damen, die als Gesetz- verächterinnen ihren„besederlen und beblümte» Eiffelthurm" ans dem Kopfe haben, und fordert sie höflich auf. ihn abzunebmeu. Wenn eine Zuschauerin sich weigert, iiotirl Miß Susan Namen und Adresse der Schnldigcu und theilt sie sämintlichen Thealerdirektionen der Stadt mit, die bei der nächsten Gelegenheit der betreffcndeii Dame den Eintritt zum Theater verweigern. Tie Namen der'-ünderiiiiieii werden an der Theaterkasse vernierkt, damit der Kassirer„Bescheid weiß".— Müssen sehr große Tamenbekaiinischaft habe», diese Kassirer!— Vermischtes vom Tage. — In Z a b r z e(Oberschlesien) sind Tiphtberitis und Scharlach ausgebrochen. Der Amtsvorsteher hat an den betreffenden Häufern, in denen die Krankheiten herrschen, Warnungstafeln andringen lassen.— — Ei» Bürger hat der Stadt Hannover 130000 M.»n einem Monumentalbrnnnen vermacht unter der Bedingung, daß i-,. Stadt ebensoviel beisteuert.— — Das Berguügungslokal Tivoli in Solingen wurde durch Feuer gänzlich zerstört. Durch einen einstürzenden Plafond wurde ein Steigersührer der freiwilligen Feuerwehr erschlagen, ein Sleiger lödtlich verletzt.— — In D n l»i e n(Westfalen) hat der als Lokal- Schuliiispeltor fnngirende katholische Geistliche die ärmellosen Sommerkleider der kleinen Schulmädchen als„die Sittlichkeit gesädrdend" verboten.— — Iii Lahr(Baden) tragen die städtischen Gaslaternen in schöner rotlier Schrift aus einer Glasscheibe die Worte:„Koche mit Gas."— Sollen noch ans Rathhaus schreiben:„Liebe deine Obrig- keit und zahle deine Stenern!"— — In T h a ii s ü ß bei Freiburg in der Oberpfalz sind 24 Wohn- Häuser mit Nebengebäudeu niedergebrannt.— — Z. Beendig n n g eines dreihnndertjährigen Prüzefses in der Schweiz. Der Große Rath(Landtag) des Kantons Bern hat letztbin 36 400 Fr. bewilligt als Staats- entschädigung in einem Prozesse, der seit 300 Jahren um den Besitz eines Waldes geführt und umi durch Bergleich beendigt wnrde.— — Eine Gasexplosion fand im Brün»er Edeu-Theater statt. Ein Theil der Bühne sowie das Dach wurden zerstört. Von dem zahlreich anwesenden Publikum wurde niemand verletzt.— — In Ca m poreale(Italien) wurde ein Bauer von seiner Frau und deren Liebhaber in einem Grabe» lebendig verscharrt.— — Infolge vou Stürmen sind in der Provinz K o r i» t h an verschiedmn Stellen durch Ueberschweinmuugen die Eisenbahu- Berbiiidniigen unterbrochen.— — Die M ari tza ist über ihre Ufer getreten und die Babu- linie Adrianopel— Philippopel an verschiedenen Stellen überfluthet. In der Abferiigiing der Züge ist eine große Störung eingetreten.— — I« der Mililärschule zu West-Point(Amerika) sind ans dein„Fort Clinum" vier Kanone» gestohlen worden. Sie wurden nach Rew-Aork.verschärst".— Verantwortlicher Redalteur: Rugnst Jacobcy in Berlin. Drnck und Verlag von Max Babing in Berlin.