HlnterhallungMatt des Horivärts Nr. 117. Donnerstag, den 17. Juni. 1897. (Nachdruck verboten.) ej Gokklieb Adlev unv Sohn. Von Boleslav PruS. Adler lachte zuerst darüber, dann begann er zu rechnen, lvie viel so ein Spaß eigentlich kosten konnte.„Der Kerl wird noch alles vergeuden, was wir an der Baumwolle profitiren*, sagte er zum Buchhalter. Im Hofe standen Wagen mit Baumwolle beladen, die die Ärbetter ins Magazin transportirten. Adler sah eine Weile dieser Arbeit zu, schärfte wiederholt ein, es sollte niemand sich unterstehen, eine Zigarette oder gar eine Pfeife zu rauchen, und dann ging er ins Komptoir. Bor dem Thore sprachen zwei Weiber lebhaft mit dem Portier, als sie aber Adler erblickten, hielten sie im Gespräch inne. Adler bemerkte es nicht. Im Komtoir dieselbe Er- scheinung; das bis dahin lebhaft geführte Gespräch verstummte sofort, als der Chef eintrat. Adler wußte, daß einige seiner Beamten gestern zum Markte im Städtchen gewesen waren, und er dachte, sie hätten bei seinem Eintritt über die Ereignisse des gestrigen Tages gesprochen. Im Sprechzimmer erwartete Adler ein ihm unbekannter terr, der in dem Räume erregt auf und ab ging. Als er dler erblickte, blieb er plötzlich stehen und fragte verwirrt: .Habe ich das Vergnügen mit Herrn Adler?...' „Ja, wünschen Sie etwas?" Ter also Angeredete schwieg einen Augenblick, und seine Lippen zitterten dabei leicht. Adler betrachtete ihn mit Neu- gierde, als ob er errathen wollte, was der Mann eigentlich für ein Verlangen hätte. Er sah weder wie ein Kaufmann noch wie ein Slellungsuchender aus, vielmehr machte er den Eindruck eines vermögenden Lebemannes. „Ich komme in einer dringenden und mir höchst peinlichen Angelegenheit," sagte der Fremde endlich. „Wollen wir nicht in meine Wohnung gehen?" fragte Adler, der nunmehr mit dem Man» nicht in Gegenwart der Beanitcn sprechen mochte. „Wenn Sie wünschen?... Ich habe Sie dort auch schon gesucht..." „Sie haben mich gesucht?" „Ja... sehen Sie... sehen Sie, Herr Adler... wir bringen Ihren Sohn.. Ter Gedanke an irgend ein Unglück lag Adler so fern, daß er lustig fragte:„Ja, ist denn Ferdinand so besoffen, daß man ihn nach Hause fahren mußte?" „Er ist verwundet." „Ferdinand." „Was ist geschehen; eine Hand gebrochen? Das Genick?" „Er ist von einer Kugel verwundet." „Von einer Kugel? Er? Was? Wie?" „Er hatte ein Duell." „Das rothe Gesicht des Fabrikanten nahm jetzt Ziegelfarbe an. Er ließ den Fremden stehen und rannte nach der Villa; er fragte sogar nicht einmal, von wem Ferdinand verwundet wurde. Was ging das ihn an? Ferdinand lag auf einem Sopha; er hatte weder Rock noch Weste an; sein Gesicht war so verändert, daß man ihn kauin erkennen konnte; ain Kopfende seines Lagers stand ein Arzt. Adler schaute... schaute... dann fiel er auf einen Sessel und fragte mit gedämpfter Stimme:„Was treibst Du eigentlich. Du dummer Geck?" Ferdinand sah ihn mit einem unbeschreiblich traurigen Ausdruck an, dann griff er nach seiner Hand und küßle diese, — zum ersten Male nach langen Jahren. Dann begann er mit langen Pausen leise zu sprechen.„Ich mußte, Papa... ich mußte! Alle schrieen aus uns. Die Gutsbesitzer... die Kellner... die Zeitungen.... Man sagte, ich sei ein... ein Verschwender... und Du... ein Ausbeuter.... Es fehlte nicht viel... man hätte uns ins Gesicht gespien." „Strengen Sie sich nicht an", mahnte der Arzt. Der Alte öffnete den Mund, beugte sich über den Sohn, horchte, schaute. „Rette mich, Papa", stöhnte Ferdinand,„ich versprach dem Arzte 10 000 Rubel." Der Alte verzog das Gesicht.„Warum den» gleich so viel?" fragte er unwillkürlich. „Weil... weil ich fühle... ich sterbe." Der Alte sprang auf.„Du bist verrückt", rief er;„man stirbt nicht so schnell."... „Ich sterbe," ächzte Ferdinand. „Verrückt, bei Gott, verrückt."... Adler begann im Zimmer umherzulaufen, dann blieb er plötzlich vor dem Arzte stehen.„Na, sagen Sie ihm doch, daß er ein Narr ist.... An Sterben denken. als ob ich ihm erlauben würde, zu sterben. Er— sterben?!... Du hast dem Doktor zehn- tausend Rubel versprochen; das ist zu wenig! Doktor!" rief er erregt,„ich gebe Ihnen hunderttausend Rubel, wenn auch nur eine Spur von Gefahr da ist.... Na, sagen Sie doch, wie steht es mit ihm?" Es ist zwar keine Gefahr," beruhigte ihn der Arzt,„aber inimerhin..., eine sorgfältige Behandlung...." „Na, da," unterbrach ihn Adler;„Ferdinand, hörst Du, was der Doktor sagt?— Johann!... sofort nach Warschau dcpeschiren, die zwei besten Aerzte sollen Extrazug nehmen und sofort hierher kommen.... Wenn es uöthig ist, eventuell auch nach Wien und Paris depeschiren.... Ist es nöthig, Herr Doktor? Ich habe Geld; ich kann bezahlen!" „Ach, wie schrecklich ist mir!" stöhnte Ferdinand. „Beruhigen Sie sich," tröstete ihn der Arzt. „Papa... Papa... wo bist Du?... Ich sehe Dich nicht mehr"... Auf den Mund trat ihm blutiger Schaum; im Gesicht spiegelten sich Angst und Verzweiflung. „Luft!" schrie er. Er stand vom Sofa auf und streckte die Hände nach dem Fenster aus, dann machte er einen Schritt vorwärts, taumelte nach rückwärts und fiel zurück aufs Sofa. Noch einmal schaute er den Vater an, und zwei große Thränen perlten in seinen Augen. Adler setzte sich zitternd, fast bewußtlos zu ihm aufs Sofa, wischte ihm den Schaum vom Munde und die Thränen vom Gesicht.„Ferdinand! Ferdinand! Du wirst leben; beruhige Dich doch... Du wirst loben... ich zahle alles". Er verspürte, daß der Sohn ihm schwerer und schwerer in den Armen wurde.„Doktor, retten Sie ihn! Er fällt in Ohn- macht!" „Herr Adler, bitte, gehen Sie aus dem Zimmer," sagte der Arzt. „Warum soll ich aus dem Zimmer gehen, wenn mein Sohn Hilfe braucht?!" „Er braucht keine Hilfe mehr," entgegnete leise der Arzt. Adler fiel auf den Sohn; er rüttelte, kniff ihn;— auf der Bandage über der Brust zeigte sich ein großer, rother Fleck... Ferdinand war todt. Ter Alte verfiel in wahnwitzige Raserei; er sprang auf, rannte den Arzt um, lief aus den Hof und von da auf die Chaussee. Hier begegnete er einem Fuhrmann,' der Baumwolle nach der Fabrik brachte. Er ergriff ihn am Arm und sckrie: „Weißt?... Mein Sohn ist gestorben!" Dann warf er ihn zur Erde, kehrte um und kam zum Portier.„He, alle Ar- beiter soll man mir vors Haus zusammenrufen; alle sollen herkommen, sofort!"... Darauf ließ er den erstaunten Mann stehen und lief zurück ins Zimmer, wo der Todte lag, und betrachtete ihn stumm und lange. Nach einer halben Stunde raffte er sich aus. „Warum ist es"so still?.. Warum geht der Motor nicht... ist er verdorben?"— „Der Herr hat alle Arbeiter vors Haus holen lassen, da haben sie die Maschine aufgehalten, daß sie nicht unnütz geht, und nun warten alle auf dem Hof," meldete Johann. „Wozu? Wozu? Zur Arbeit sollen sie gehen! Ich will nicht, daß es so still ist! Den Motor sollen sie in Bewegung setzen und alle Maschinen, und sie sollen arbeiten, weben und feilen und hänimern und bohren!" Er griff mit den Händen nach dem Kopfe; er war glühend heiß.„Mein Sohn, mein Sohn," jammerte er. Am selben Vormittag noch schickte man zum Pastor Böhme. Der kam in aller Eile und lief gleich weinend zu Adler inS Zimmer. „Gottlieb! schwer hat uns Gott geprüft, aber vertrauen wir auf seine Barmherzigkeit." Adler blickte ihn stumpf an.„Schau, hier liegt meine Fabrik, mein Vermögen, mein Lebeszweck, liegen meine Hoffnungen und Pläne: schau... schau.. Böhme drang in ihn, er möchte mit ihm in den Garten gehen; er glaubte, es wäre geratheu, ihn dem Anblick der Leiche zu entziehen. Adler folgte ihm. Aus einem Hügel blieben sie stehen. Adler begann zu sprechen.„Wenn ich das Alles fassen könnte, zerquetschen, auf den Boden schleudern, mit den Füßen zertreten.... Wenn ich könnte... die Fabrik und die Villa... Alles, alles... Martin... Du weißt nicht, was in mir vorgeht/' Er fiel auf eine Bank.„Dort liegt mein Sohn, und ich Ivnn ihm nicht helfen... kann ihm nicht helfen!" Der Pastor drückte ihm die Hand.„Gottlieb, wann hast Du zum letzten Mal gebetet?" „Weiß ich? Vielleicht vor dreißig, vor vierzig Jahren..." „Gedenkst Du noch des Gebetes?" „Ich gedenke... daß ich einen Sohn hatte." „Dein Sohn ist bei Gott." Adler nickte mit dem Kopfe.„Was ist doch Euer Gott?" „Adler, lästere nicht. Du wirst ihm noch begegnen!" „Wann?" „Wenn Deine Stunde geschlagen hat." Adler dachte einen Augenblick nach. Dann zog er seine Repetiruhr aus der Weste, drückte die Feder, horchte den leisen Tönen und sprach endlich: „Meine Stunde hat schon geschlagen, und Du, Martin, kehre nach Hause zurück. Deine Frau erwartet Dich und die Tochter und die Kirche; freue Dich mit ihnen, trinke guten Wein, und mich,--- mich laßt gehey.... Gehe doch, Martin, nach Hause;.. ich könnte jetzt einen Freund brauchen, aber keinen Pastor..." „Gottlieb, beruhige Dich.. „Geh zum Teufel!" Er sprang auf, rannte durch den Garten und verschwand in den Feldern und Wiesen. Der Pastor wußte nicht, was er anfangen sollte. Voll böser Ahnungen kehrte er in die Villa rurück. Er wollte einen Diener beauftragen, Adler zu beobachten; aber niemand wagte, den Auftrag zu übernehmen, weil jeder fürchtete, den Zorn des Alte» zu erwecken. (Schluß folgt.) (Nachdeuil verboten.) Maulwürfe. Skizze von Henrik Pontoppidan. In einer abgelegenen Gegend der Insel Seeland liegt eine be- ständig unbewohnle, schloßarlige Villa, aus dauerbaslen rothen Klinkern erbaut, mit einein kleinen Thurm, zierliche» kleinen Erkern und einer geschlossenen Glasveranda, die im Herbst ganz unter blutrothem wilden Wein verborgen ist. Das Haue liegt ziemlich hoch aus einem Abhang in der Nähe eines kleinen Waldes und ist unigeben von einem prachtvollen Park, der freilich nunmehr ganz verwildert ist, wie denn auch die Villa, obfchon erst vor einer nicht gar langen Reihe von Jahren errichtet, schon zu versallen und zu verivitteru beginnt. Fremde, welche drunten auf der Landstraße im Postwagen an dem öden Gebäude vorbeikommen, stutzen unwillkürlich, wenn sie dieser modernen Ruine ansichtig werden; und der alte Kutscher ist in den letzte» zehn Jahren dermaßen an die verwunderten Fragen seiner Fahrgäste gewöhnt worden, daß er schon, sowie er ihnen nur die Neugierde vom Gesicht abliest, seine kurze Pfeife aus dem Mund nimmt, um— offenbar nicht ungern— seine unveränderlich gleich- lautende Erzählung der sich an jene Stell« knüpfenden Begebenheiten zu beginnen. Regelmäßig legt er dann seinen kleinen, gelbbraunen, ver- trockneten Kopf auf eine Seite, kriecht noch mehr zusammen in seinem blauen grobe» Mantel, schließt eines seiner Augen halb und kaut ein Weilchen melancholisch mit feinem ganz zahnlosen Munde, als wolle er seine» Zuhörern damit andeuten, daß seine Geschichte sehr traurig sei— gerade so traurig, als wahre Geschichten meistens sind, und wie das Leben»och öfter wirklich ist. Die Villa da— so begann er alsdann— wurde vor etwa zwanzig Jahre» erbant von einem wohlhabenden, ja reichen Ehe- paar, das von der Stadt nach dem Lande verzog, um in Friede», fern voin unruhigen Treiben der Well, den Rest des Ledens zu verbringen und seinen Reichthum mit Wohlbehagen zu genießen. Darum war anch die ganze Einrichtung der Villa, die Anlage des Parks und vor allem die Veranstaltungen zur Sicherung des Hauses und des ganzen Besitzes mit einer Vorsicht und wohl- berechneten Kunst ausgeführt worden, die kaum ihres Gleichen hatten. Früher hatte ans den« Platz nur eine bescheidene Käthe ge- standen, aus deren Zeit noch die alten Bäume des Parkes stammten; das Erdreich war damals von großen Sieinen erfüllt, die entfernt, und voller Unebenheiten, die geebnet werden mußten; es kostete sowohl Geld wie Zeit, bis alles zur Vollkommenheit gediehen war. Dann hatten während eines Zeilraums von zwei Jahren die zwei berühmtesten Kopenhagener Architekten und ei» geschickter Kunst» gärtner dort am Platze eine ganze Schaar von Handiverkern und Tagelöhnern zu beaufsichtigen; der Bauherr selbst wich ebenfalls nicht von der Stelle, um sich vergewissern zu können, daß auch das Geringste nicht versäumt werde. Denn er hatte sich vorgenommen, ein Werk zu vollbringen, das seinen Träumen von einem kleinen irdischen Paradies für sich und die Seinigen, das ihm niemand rauben könne, nach Möglichkeit entspräche. Soweit war man in der peinlichen Vorsichtigkeit gegangen, daß man sogar Vorbeugungsmaßregeln gegen das Eindringen von unter- irdischen Wühlthieren getroffen hatte: man legte nämlich rings um den Garte» Hern», einen schmalen tiefen Graden an und füllte ihn mit spitzigen Scherben, damit keine Maulwürfe unter der Ein- friedigung in den Garten eindringen und die schönen regelmäßigen Blumen teppiche durch ihre häßlichen Hügel verderben sollten. Aber als dann schließlich alles strikte nach den Plänen des alten Herrn vollendet war, ivar auch ein kleines Muster- und Meisterwerk entstanden: ein kleines Paradies in Wirklichkeit, in das, wie es schien, so leicht kein Mißton der hastigen Welt da draußen dringen zu können schien, an de» Jammer des Lebens erinnernd. Wenn man draußen auf der Terrasse vor der Veranda stand und über das kreisrunde Springbrnnnenbassin mitten im Garten, in welchem alle die Herrlichkeiten sich spiegelten, herabsah; wenn man aus dem Lieblingsplatz der beiden Besitzer saß: i» dem japanesische» Gartenhäuschen zwischen Nelken- und Rosenbeeten, oder wenn man zwischen den zierlich beschnittenen Ligusterhecken spazierte, welche hier und da mit großen Basen und allen Stein- fignren geschmückt waren—: überall war man für sich, war man von der Welt abgeschieden durch den von Sommer zu Sommer dichter werdenden Laubbehang; das Dasein des unruhigen Lebens da draußen würde den Bewohnern nur schwach angedeutet durch das Bellen der Hunde im Dorf oder durch ein Wagenrollen auf der nuten vorbeiführenden Landstraße. I» diesem ungestörte» Idyll lebt« das Ehepaar ganz allein mit einige» alten Bedienten, die nach»nd nach ihre Lebensgewohnheiten in genaue Uebereinstimmung mit denen ihrer Herrschaft gebracht hatten. Kinder halten sie nie gehabt und noch weniger sich solche gewünscht. Dagegen war unten im Dorf eine Klatscherei über«inen kleinen fetten Hund lebendig, der in der Nacht ans einem rothen Sammet- kissen in seinem eigenen Schlakkabinet schlummere:— auch sprach man viel von einem hundertjährigen, grünen Papagei, der„Papa" und„Mama" sagen könne, der aber in ein Kreischen ausbräche, sowie er nur irgend etwas Fremdes gewahr würde. Das geschah freilich nicht. sehr oft. Die Bewohner der Gegend sahen das glückliche Ehepaar nur, wenn es am Nachmittag eine kleine Spazierfahrt machte in dem ge- polsterte» Landauer. dessen breite Kaleschensitze es„voll»nd ganz" einnahm. Denn beide waren kleine aber wohlbeleibte Gestalten mit jener eigenthümliche» Geschwisterähnlichkeit, die sich nicht eben selten bei Ehegenosse» nach einem langen und treuen Zu- sammenlcben entwickelt. Sie lächelten beide mit demselben Lächeln, nickten freundlich jedem Begegnenden zu und fuhren nie an einem bettelnden Handwerksbnrschen oder sonstigen armen Mann vorbei, ohne ihm durch den Kutscher ein Scherflein in den Hut werfen zu laffen. Im ganzen waren sie, im Gegensatz zu so vielen andere», denen endlich ein lange genährter Tranin erfüllt>vird, wirklich vollständig glücklich. Sie hatten keine Wünsche. Jeden Tag gewannen sie ihr Fleckchen Erde lieber und lieber und wurden nicht müde, es immer volllommeiier zu mache». Eines Sommers errichteten sie ein niedliches norwegisches Miniaturhaus unter einigen Tannen, im daraus folgenden legten sie einen hübscheu türkischen Rosenflor um den Springbrunnen an. Der Besitzer selbst wäsiert« die Blumen, beschnitt die Sträucher und befestigte die Ranken; und beide hegten nur einen Wunsch noch— einen einzigen kleinen Wunsch: daß es ihnen vergönnt sei» möge, den Schritt von ihrem kleinen Eden in die ewigen großen Paradiesgärten des Jenseits zusammen und zu gleicher Zeit thnn zu können. So haue» sie einige Jahre zusammen gelebt, als folgendes Er- «igniß entrat. Es ivar an einem schönen Sommermorgen, als der Hausherr aus der Veranda kam, angethan mit einem Sammetjacket, das mit bunter Seide gefüttert war, und perlengestickten Schuhen, die zu seinem geivöhnljcyen Morgenhabit gehörten. Er genoß freudig den Anblick der Natur im schönen Morgenlicht, das durch einen leichten goldeneiis Nebel, von dem Garten und Park noch gleichsam verhüllt waren, hindurch- ziisickern schien. Er alhmete behaglich die frische freie Luft ein; lächelte entzückt über den Gesang der Lerchen drüben hoch überm Walde und wollte just als galanter Gemahl seine Gattin rufen, als der Gärtner heraniiürzte, ganz bleich»nd athemlos; vor der Treppe blieb er stehen, rang seine Hände»nd stammelte: „Herr! Herr! Nein, was soll ich doch nur sagen... waS soll ich doch nur sagen! Ein Unglück ist hier passirt—«in schreckliche? Unglück!" „Unglück i... Ei» Unglück— hier? l" rief der alte Herr und starrte durch seine Brille ganz Uslürzt seinen bebenden Gärtner an. „Was soll das heißen? Wie ist daS möglich...? Ein Unglück! Nun erkläre doch.. „Ich kann nicht. Herr, ich kann nicht.... Die Knie zittern mir.... Ach, das wird mir bis zu meinem Tode vor den Augen stehen, dies schreckliche Gesicht!" „Aber so erzähl'— erzähl' doch!" schrie der kleine Mann und stanipfte mit seinem Fuße in nervöser Spannung. „Ja. das.... Erinnert der Herr sich noch, daß hier- gester» an der Gitterpforte ein Vagabund war, der so verhungert aussah?" „Ja, gewiß. Du reichtest ihm ja noch das kleine Geldstück, das ach Dir für ihn gab.... Was ist mit ihm?" „Ach. Herr, er ist wieder da." „Heute Morgen? Wo?" „Drinnen im Garten." „Was?" In, Garte»! Rus' augenblicklich Hans und Peter und schafft ihn hinaus— sofort— hörst Du?.... Wie mag er nur hineingekoinme» sein?" „Ja, aber— aber er ist todt. Herr!' „Todt?" wiederholte der Alle und starrte mit großen er- schreckte» Augen auf seinen Gärtner.„Hier?" „Ja— und das ist sehr schlimm, Herr— denn er hat sich über Nacht erhängt, Herr— in dem joppenesische» Lust- haus..." In diesem Augenblick ertönte ein herzzerschneidender Schrei hinter dem allen verwirrten Herrn... Seine Frau stieß ihn ans, die unbemerkt hinter ihn getreten war und ihm nun bewußtlos mit dem kleine» fetten Hund i» die Arme sank. Nun folgte ein Auftritt zum Gotterbarmen. Während der alte Herr bei seiner ohnmächtigen Frau kniete und um Hilfe jammerte, während der Papagei den Verzweiflungs- schrei wiederholte und der kleine fette Hund heulend durch die leeren Zimmer lief, versammelle sich das Gesinde und hinzu« gekommene Leute des Dorfes um den armen Teufel, der da todt im Gartenhaus hing. Er war noch nicht alt, doch auch nicht jung mehr; die Züge seines Gesichtes waren noch im Tode ansprechend, aber es war so mager, als bestände es nur aus Haut und Knochen. Ans seine» durchnäßten Lumpen sickerte» Thaulropfen herab; auch in seinem schwarzen Bart, in seine» Augenbraue» und an den krampfhaft ge- krümmte» Fingern hingen klare Thanperle». die in der Sonne schim- Merten wie tropfendes Gold und Edelgestei». Natürlich wurde er schnell abgeschnitten und fortgeschafft; die beiden Alten haben ihn niemals gesehen. Aber gleichwohl war es, als ob er dort hängen gebliebe» wäre. Noch lange nach dem Begebniß wagte sich niemand»ach der Stätte, namentlich in der Dännnerung nicht. Selbst nachdem das Gartenhaus und die dabei stehenden Bäume und Sträncher entfernt waren, spukte sein unheimliches Bild dort weiter, Schrecken und Grauen verbreitend und de» Garte» mit Todtenstille und Leichen- geruck erfüllend. Für die beiden Alten war dieser Schlag vernichtend. Sie suchten wohl eine zeitlang stand zu halte», aber ihr schönes Idyll war verdorben. Der arme Schelm erhielt im Tode eine Macht, von der er sich sicherlich im Leben niemals hätte träume» lassen. Freilich war es zuletzt fast, als sei er für die beiden Alle» wieder lebendig geworden... Sie sahen überall nnr sein fchivarzblaues Gesicht, hörte» überall nur sei» heiseres Lächeln; die Bäume wisperten mit ihre», Laube nur vom Jammer und Elend der Well und das Käuzchen schrie ihnen in der Nacht nur die vier Worte in die Ohren: Hunger, Kummer, Nolh, Tod... Ja, selbst mitte» am helllichten Tage konnte» sie plötzlich zusammenfahren, wenn sie sich Arm in Arm unversehens in die Näh« jenes Ortes begeben hatte»— es schien ihnen, als folge ihnen ein»nheiinlicher Dritter und als hörten sie seine wunderlich ungleichen Fußtritt« im knirschenden Kies hinter sich. Eines Tages brachen sie dann plötzlich ans und reisten weg, um niemals znrückznkehre». Sie sollen jetzt todt sei». Die Erben, Geschäftsleute in Kopen- Hagen, suchten die Villa vergebens zu verkaufen oder zu vermiethe». Sie liegt zu abseits, zu fern von der Eisenbahn... So bleibt sie allein mit ihrer nnheimliche» Erinnerung und verfällt und ver- wittert— ein Mausoleum für einen jener Menschen, der aller Welt Schuld trägt, ein Memento zugleich für alle, welche alle Lust der Welt genießen.--- So etwa erzählt der alte Kutscher den Reisenden, wenn er bei der Ruine da droben langsam vorbeifährt. Und indem er mit dem Peitschenstiel aus die einst so prächtigen Blumenleppiche vor dem Hanse zeigt, die nun von hunderte» häßlicher Maulwurfshausen verdorben sind, fügt er im Gedenke» an den so sinnreich erdachten Graben mit den spitzige» Scherben kopfschüttelnd hinzu: „Ja, da sieht man's»u»! Man kann dagegen ihun, waS man will... Dies Gethier beißt sich überall durch. Eines Tages, wen» man am wenigsten daran denkt, kommt seine Schnauze hervor und dann ist die ganze Herrlichkeit rninirl."— Vlrinus Isettillvton dg. Die Preffzcnsnr in Deutschland eingeführt zu habe», ist das zweifelhafte Perdienst Kaiser Karls V. Bis zur Erfindung der Buchdruckerkunst hatte das von fahrende» Sängern verbreitete, historische Volkslied die Stelle der Zeitungen vertreten. Gutenberg'» Entdeckung ließ auch die deutsche Presse entstehen. Als ihre Ur« ansänge hat man die sogenannten„Relationen" der Diplomaten, geistlichen und weltlichen Beamten anzusehen. Zur Zeit der Re- formation erschienen bereits Flugschriften,„fliegende Blätter" in Masse. Mit ibre» modernen Namensschwestern hatten sie bereits den beißenden Witz gemein, der alle Vorkommnisse des öffentlichen Lebens in den Kreis seiner ironischen Betrachtungen zog. Pamphlet« und Zerrbilder hervorragender Ereignisse und Persönlichkeiten sorgten im weiteren für die Belustigung und Ausklärung des Volkes, und da sie weder vor Fürsten, noch fürstlichen Thaten Respekt zeigten. läßt sich der Zorn der regierenden Herren wohl begreifen. Karl V. speziell ärgerte sich maßlos über die freie Sprache der deutschen Presse, und auf dem Reichstag zu Augsburg(IS30) beglückte er Deutschland mit der ersten Zensurordnung. Danach solle:„jeder Kurfürst. Fürst und Stand des Reiches, geistlich und weltlich in allen Druckereien. auch bei allen Buchsührern mit allem Fleiß Fürsehung thun, daß hinfürter nichts Neues und sonderlich Schmähschriften und Zerr« bilder weder öffentlich oder-heimlich gedruckt, gedichtet oder feil» gehabt werden, es sei den» zuvor von durch dieselbige geistige oder weltliche Obrigkeit dazu verordnete, verständige Personen besichtigt, des Druckers Name», auch die Stadl, darin solches gedruckt. mit nämlichen Worten darin gesetzt; und so darin Mangel befunden, soll dasselbige zu drucken oder feilzuhaben nicht zu» gelassen werden."„Dichter. Drucker und Verkäufer", di« dagegen handelten, sollten durch ihre Obrigkeit„an Leib und Gut" gestraft werden. Der kaiserliche Erlaß wäre auch unseres Jahr- Hunderts würdig, sogar der unglückliche„Drucker" sollte daran glauben. Trotz dieser frühen Maßregelungen wuchs der deutsch« „Blätterivald" lustig weiter, und schon 1615 gab in Frankfurt E g e n o l p h E m m e l das erste„Wochenblatt" heraus. 1613 erschienen auch in Hildeshcim und Nürnberg regelmäßige Zeitungen. Bald daraus folgten Augsburg, Regensburg, Köln, Hanau und Wien, in welch letzterer Stadt es sehr häufig vorkam, daß„ein Zeitungsschreiber heßlich ans die Finger geklopset, zur Hast gebracht, und nicht eher besreyet worden, bis er«ine Summe Geldes erlegt." Eins der hübschesten Zensurstückchen, da? schon ganz und gar im Ton von 1897 gehalten ist, leistet« man sich indessen 1688 in Halle. Hier gab der verdiente Christian Thomasius die„Monalsgespräche scherz- und ernsthafter, vernünftiger und ein« fältiger Gedanken über allerhand lustige und nützliche Bücher und Fragen" heraus. Im dritten Heft ging er mit erbarmungslosem Spott der gelehrten Pedanterei zu Leibe und machte sich auch in beißender Satire über die vier Fakultäten lustig. Daraus folgerten seine Kollegen:„Die vier Fakultäten seien von Sr. Durchlaucht des Kurfürsten erhabenen Vorfahren beliebt und eingerichtet worden, demnach sei dies eine Verspottung der fürstlichen Anverwandten, folglich eine Verspottung seiner Durchlaucht selbst. ergo sei Thomasius als Majestätsbeleidiger und Aufrührer gerichllich zu belangen." Das Verfahre» wurde denn auch wirklich eingeleitet, hatte aber— und das ist nicht im Ton von 1897— keinen Erfolg.— Literarische». — H S u f i g k e i t s• Wörterbuch der d«» t s ch e n Sprache ist der Name eines Werkes, in dem die Ergebniffe umfangreicher Untersuchungen zur Feststellung der Häufigkeit deutscher Wörter, Silben, Laute und Lauteverbindungen zusammengetragen und gruppirt worden sind. Die zu diesem Zwecke erforderlichen Feststellnugcn sind durch einen Arbeitsausschnß der deutschen Steuographlesysteme erfolgt, herausgegeben wird das Werk von F. W. Käding unter Mitwirkung zahlreicher Fachmänner und es erscheint im Selbstverlag des Herausgebers in Steglitz bei Berlin. Die Herstellung des Werkes ist durch fünfjährig« angestrengte Arbeit vieler Personen ermöglicht worden die von dem Wunsch geleitet worden sind, daß ihre Feststellungen brauchbare Unierlage» für weitere wissenschaftliche Forschungen bieten möge». Die in diesem Buch gebotenen Mittheilungen sind nur Auszüge aus dem Gesammtwerk. dessen Urschrist nach ihrer Fertig- slelluug und nach Drucklegung der Auszüge in das Eigenthum der königlichen Bibliothek in Berlin übergeht, aus deren Fonds«in Theil der Herstelluugskosten bestritten worden ist. 167 Mitarbeiter haben den Zählstoff bewältigt, der sich auf 10 910 777 Wörter ausdehnt«, 106 habe» die Buchungen besorgt, 94 Mitarbeiter die alphabetische Nachiveisung angelegt. 143 Mitarbeiter die Zerlegung der zu- sammeugesetzten Wort« der alphabetischen Namweisung be- arbeitet, 12 die Zerlegung der einfachen Wörter und der »ach der Abtrennung der Vorsilben übrig gebliebenen Wörter und Wortstümpfe, 68 die Zerlegung der Wörter in die Unter- bestandtheile: Konsonanten und Vokale. Di» Forschungen haben die Thatsache sestgeftellt, daß die drei in der deulschen Sprache am häufigsten gebrauchten Worle:„die",„der",„und", zusammen di« Häufigkeit von 9.47 pCt. aller gezählten Wörter haben, also fast ein Zehnlel der Sprache darstellen. Nimmt man noch das Wort„zu". so beziffert sich die Gesammthänfigkeit dieser vier Worte auf 11,84 pCt. Die 16 häufigsten Wörter stellen mit 25,22 pCt. den vierte» Theil der Sprache dar. die 66 häufigsten Wörter bilden 50.06 pCt. der Sprache. Als Unterlage für die Arbeit sind aus den verschiedensten Gebieten Spracbstoffe gewählt worden, und im ganzen haben sich an der Herstellung der Arbeit nicht weniger als 1320 Personen betheiligt. E. C. Mittler u. Sohn haben die Drucklegung besorgt, und durch sie ist daZ Wer! im Buchhandel ,u beziehe».— Theater. — s. Zentral-Theater.„Sozialaristokraten", «tomödie in 5 Akten von Arno Holz. Als Literaten- Komödie setzt das Stück ei», später gewinnt es den Anschein. als wollte es sich ganz nach der politischen Seile neigen, der Schluß kippt um und bringt eine rührende Familienszene. Mit einer Blattgründung hebt die Geschichte an, mit einer Verlobung endet sie. Wenigstens war das am Dienstag im Zentral-Theater der Fall. In der Buch- ausgäbe stand es allerdings anders. Hier war nicht der Gelegen- heitsdichler Fiebig, sondern der Dr. Benno Gehrke die Hauptperson, die Entwickelung ging vom Literarischen zum Politischen-, der aus einem Sozialdemokraten zum Sozialaristokraten gewordene Dr. Gehrke erscheint im ö. Akt als antisemitischer Reichstags-Abgeordneler für Arnswalde. Was den„guten" Ausgang der Bühnenbearbeitung verschuldet, liegt klar. Ebenso klar aber ist, daß ein „Reformator", der eine solche Merwässerung zuläßt, alles andere sein mag, konsequent ist er nicht. Man hat das Stück eine Satire genannt. Man könnte es mit viel gröberem Recht als einen in Dialogform gebrachten Bierschwefel ansprechen. Handlung ist keine vorhanden. Was geschwätzt wird, dient nur zur Charakterisirung der auf die Bühne gestellten Per- Ionen. Das Gerede ist stellenweise witzig, aber es ist jener Witz, der ich mit Borliebe in schnodderige» Redensarten entlädt. Was da in dem Stücke sich hin und her schiebt, sind keine Menschen, es sind Karrikaluren, Karrikaturen, die nicht einmal eineil reellen Unterbau besitzen. Der Autor machte es sich sehr leicht. Herr Meyer besitzt eine Warze auf der Nase. Herr Holz kommt daher, malt die Warze in zehnfacher Vergrößerung und sagt:„Das ist Meyer!" Fehlen blos diejenigen, die es ihm glaube». Diese Darstellung ist einfach nn- finnig. Wenn der„Elephanten-Wilhelm" wirklich ein so dummer Bärlatsch gewesen, wie konnten ihm die Arbeiter so lange ihr Vertrauen schenken! Mit den anderen Personen ist es dasselbe. Bei genauem Hinhorchen hat man außerdem das Gefühl, als kämen die verschiedenen Stiche- leien. Hinweise. Andeutungen von zwei verschiedeneu Personen. Wird wohl auch so sein. Liegt doch eine Rezension„der Philosophie der Befreiung durch das reine Mittel" vor. die mit Literatur- Bosheit besonderer Art ebenso gesättigt ist wie die Charakterisirung des Dr. Gehrke. Nein, mit Stücken wie„Sozialaristokraten" wird„das Ende einer Zeit" nicht zur Anschauung gebracht. Herrn Holz fehlt zweierlei: Der Geschmack und das, was erst den Dichter macht, Feinfühligkeit des HerzeuS.— Von der Darstellung ragte Hermann Müller als Oskar Fiebig um Haupteslänge hervor. Ii» Zuschauer- räume saßen viele Literaten und zahlreiche händefrohe Freunde des AutorK.— Aus der Thierwelt. Eine lebendig gebärende Eintagsfliege wurde von Cousard beobachtet. Dazu zeichnet sich das Thier, das den Namen Ldloeoxsis diptera führt, noch durch eine relativ erstaunlich lange Lebensdauer aus; denn die eingesangeneu Thierchen blieben über drei Wochen am Leben.— Aus dem Pflanzenleben. — Ans einem Banernhofe in Eichholz bei Finsterwalde stehen zwei Eiben, die eine Höhe von 12 Meter und einen Stamm- umfang von 3,40 Meter, also einen Stammdurchmesser von l,!0 Meter haben. Das Alter dieser Bäume wird auf ISlK» bis 2000 Jahre geschätzt; sie gehören also noch der Zeit an, in der Eiben von den alten Germanen gepflanzt und gehegt wurden, damit sie ihnen das Material zu den Bogen lieferten.— Geographisches. — Das Marineministerium der Vereinigten Staaten hat dem bekannten Polarforscher Lieutenant Peary einen fünfjährigen Ur- laub ertheilt. Peary gedenkt einen neuen Vorstoß nach dem Nord- p o l zu unternehmen und will die ersten drei Jahre zur Vorbereitmig der im vierten Jahre geplanten Expedition benutzen. Er will, von sechs Eskimos und einer Anzahl guter Hunde begleitet, zunächst eine Reihe von Proviantstationen errichten und dabei so weit wie mög- lich nach Norden vordringen, uni dort eine feste Wohnstätte zu gründen. Bon diesem nördlichen Punkte aus hofft er im vierten Jahre, von nur eine,» Eskimo und den besten Hunden begleitet, in schnellem Marsche den Pol erreichen zu können. Sollte der Vorstoß mißlingen, so würde er nach der Station zurückkehren und, sobald die Verhältnisse günstig sind, den Versuch, den Pol zu erreichen, nochmals unternehmen.— Technisches. — Die Thalbrücke bei Müugsten zwischen Solinge» und Remscheid wird Ende des Monats der Probebelastung unter« zogen werden, nachdem man seit IS94 an ihr gebaut. Sie über- spannt die Thalsohle mit einer Bogenbrücke'vou 170 Metern Weite und die Thalwände mit sogenannten Gerüstbrücken. Bei der großen Höhe von 107 Metern der Brückenoberkante über dem Wupper- Wasserspiegel mußte das Mittelfeld, der Bogen, vermittelst Rück- ankerung in die felsigen Thalwände von beiden Seiten als Konsolen frei vorragend gebaut werden. Zu diesem Vorbaue bediente man sich mächtiger, elektrisch angetriebener Drehkrähne, die sich auf der Oberkante der Konstruktion bewegten. Der Zusammenschluß der beiden Konsolen zum Bogen in der Mitte erfolgte genau nach den gemachte» Voraussetzungen, und zwar in der dritten Märzwoche dieses Jahres. Erwähnenswerth ist, daß zum Bau der Brücke neben vielen anderen Einrichtungen eine eigene Bergbahn mit Seilbetrieb in einer größten Steigung von 57 pCt.(gleich der Pilatusbahn) hatte errichtet werden müssen, um die auf der Solinger Seile an- kommenden Baumaterialien zu den einzelnen Arbeitsstellen zu ver- bringen. Die Baukosten der Brücke betragen ohne Grunderwerb 2 700 000 M.— Humoristisches. — Ein„Verrückter". Eine ergötzliche Geschichte trug sich, wie die„Danziger Neuesten Nachrichten" aus Pranst be- richte», unlängst in einer Schule der Haide zu. Bei geschlossenen Fenstern plagte sich der Lehrer im Schweiße seines Angesichts, ohne die Beschwerden der schlechten Atmosphäre zu beachten. Plötzlich geht die Thür auf und«in ihm unbekannter kleiner Herr tritt ein. „Ich ersticke," ruft er aus und springt eilig vorbei an dem ver- blüfftcn Lehrer und hinweg über die Bänke nach dem nur auf diesem ungewöhnlichen Wege zu erreichenden Fenster. Er öffnet es weit und steckt die Nase hinaus. Die Kinder rücken scheu in den Bänken zusammen und sehen angsterfüllt auf ihren Lehrer. Dieser hat indessen die Sprache wiedergewonnen und ruft:„Kinder, das ist ein Verrückter, schnell hinaus!" Schreiend und weinend stürzt sofort die ganze Schaar davon, deren Schreck noch vermehrt wird, als der Fremde sich wieder dem Innern des Schulzimmers zukehrt und g-stikulirend und lebhaft sprechend hinter ihnen wieder herläuft. Die Ruhe wurde erst wieder hergestellt, als der fremde Herr sich dem Lehrer als— der neue Schulrath vor- gestellt hatte.— — Gebet Acht! Ein Kapitän der„selrattsrij"(so heißt die Bürgergarde in Holland), der fallit erklärt worden war und feinen Gläubigern 4 pCt. vertheilt hatte, kommaudirte vor der Front seiner Kompagnie:„Cleeft Acht!«(Gebt Acht= Stillgestanden.) Ein„schutter«(Bürgergardist), der mit zu den hereingefallenen Kreditoren des Kapitäns gehörte, rief:„Das lhu' ich nicht, Sie geben selbst nur vier."— Vermischtes vom Tage. — In Siegen hat ein Bürger ein Strafmandat folgenden Inhalts erhalten:„Sie haben Ihren Hahn durch Unterlassung der Abhaltung vom Krähen in ungebührlicher Weise ruhestörenden Lärm verursachen lassen. Es wird deshalb gegen Sie auf grund des Z 360 Nr. 11 des Strafgesetzbuchs eine bei der Stadlkasse zu entrichtende Strafe von 3 Ml. festgesetzt. Delius."— —j. In der Ortschaft Berchtsbüttel bei Gifhorn(Provinz Hannover) ist man beim Brnnnenbohren in einer Tiefe von nur 6 m auf ein Kalisalzlager gestoßen.— — Hundert Pfund Dynamit in Dynamitpatronen und S43 Stück Sprengkapseln sind in Elberfeld gestohlen worden.— — JnGötheborg sind mehrere Speicher, in denen Holz und Häringe lagerten, und acht Häuser ein Raub der Flammen ge- worden.— — Wie aus Petersburg berichtet wird, ist Fri thj o f Nansen unter die Unternehmer gegangen. Er bildet eine internationale Ge- sellschaft mit einem Kapitale von 50 Millionen Rubel zuni Zwecke der Ausbeutung der Naturschätze des höchsten Nordens. Auf seiner Eutdeckungsiahrt fand Nansen nämlich auf dem Meeresgrunde Eisen- und Nickellager; die Reichhaltigkeit der Eiseulager soll außer- ordentlich sein. Die Nansen'sche Gesellschaft soll diese Erze heben und veriverlhen.— — Die verstorbene Schauspielerin Charlotte Wolter hat ein Vermögen von mehr als einer halben Million Gulden hinter- lassen.— — Beim Abstieg vom A l v i e r(Kanton St. Gallen) ist der 21 jährige Schriftsetzer Boßhardt aus Zürich über die Gcröllhalde auf die Pallsrieseralp hinabgestürzt, wo man ihn als Leiche fand.— — Dem„Gaulois" zufolge wird Präsident F a u r e einen neuen Palast bauen, in welchem die zur Weltausstellung im Jahre IVOO in Paris eintreffenden Fürstlichkeiten Wohnung nehmen sollen.— Vielleicht auch ein Thronsessel gefällig?— — Den Gipfel des Vegetarianismus erreicht ein Vorschlag, den die Borsitzende des englischen vegetarischen Frauenvereins jüngst machte, sie forderte nämlich ihre Genossinnen auf, dem Gebrauch thierischer Stoffe nicht nur in der Ernährung, sondern auch in allen übrigen Dingen zu entsagen. Keine Seide niehr, denn sie wird von einem Wurm gewonnen. Weg mit den Lederstieseln und Handschuhen! Nieder mit den Federn auf den Hüten! Denn um sich ihrer zu bemächtige», muß man sie einem lebenden oder tobten Thiere ausreißen! Man könne alle diese Dinge durch Pflanzenstoffe ersetzen, ohne die Eleganz zu beeinträchtigen. Man beschloß, die Frage bis zur allgemeinen Versammlung im nächsten Jahre zu vertagen und bis dahin reiflich darüber nachzudenken.— — Der Dampfer„Sultan" ist 100 Meilen östlich von der Insel Sokotora untergegangen; zehn Inder sind dabei um- gekommen.— — Die Einwanderer-Station auf Ellie Island im New- Aorker Hafen ist äbgebrannt. Der Verlust wird aus eine Million Dollar geschätzt. Personen sind nicht verunglückt.— Verantwortlicher Redakteur: August Jacobcy in Berlin. Druck und Verlag von Max Babing in Berlin.