Hlnterhaltungsblatt des vorwärts Nr. 118. Freiwg, den 18. Juni. 1897. (Nachdruck verboten.) Gokklieb Adler und Sohn. Von Boleslnv P r n?. Böbme ließ den Direktor der Fabrik holen und erzählte ihm. daß sein Chef, halb irrsinnig, auf den Feldern herum- laufe.„Ach, das macht nichts," sagte dieser;„er wird bis zur Ermüdung herumlaufen und dann ruhiger zurückkehren; er macht das immer so, wenn er ein Herzleid hat". Es vergingen mehrere Stunden; es wurde schon dunkel; aber Adler war noch nicht zurückgekehrt. In allen Werkstätten sprach man nur von den letzten Ereignissen. Niemals noch wurde so lebhaft diskutirt. sogar nicht nach dem Tode Gostowski's. Auch der To» der Ee- spräche war ein anderer. Die Kunde vom Tode Ferdinand's hatte das Gefühl des Schreckens und Staunens erweckt. Es war den Arbeitern zu Mnthe, als wäre ein Blitz aus blauem Himmel herniedergcznckt, als wäre die Fabrik stille stehen geblieben, wäre die Sonne in ihrem Laufe umgekehrt. Niemand konnte begreisen, daß Ferdinand auf einmal zu leben aufgehört hatte, er, so jung, so stark, so lebensfroh und reich! Er, der garnichts gearbeitet, der nie bei einer Maschine gestanden hatte, er, der Sohn Gottlieb Adler's, lebt nicht mehr, ist früher gestorben wie ein elender Arbeiter. Von einer Kugel fiel er wie ein erlegter Hase! Diese einfältigen, armen, von Adler ab- hängigen Leute, für die er ein Gott war, stärker als alle Mächte, der größte Magnat, der stärkste Mann: diese Leute erschraken. Es schien ihnen, als ob Zapora einen Raub am Heiligthum begangen hätte. Wie hätte er es wagen können, auf Ferdinand zu schießen, ans ihn, vor dem die rüdesten Arbeiter dieAugcu niederschlugen, die'stärksten kraftlosfivaren?! Und so geschah das Seltsame, dieselben Leute, die früher tagtäglich den Fabrikanleu und seinen Sohn verwünscht hatten; dieselben fluchte» jetzt dem Zapora, drohten, ihn zu ermorden! Nach dieser ersten Bestürzung kam ein Augenblick der Besinnung. Tie Obermeister erklärten den Leuten, daß Zapora auf Ferdinand nicht schoß wie ein Jäger aufs Wild, sondern daß Ferdinand selbst dazu die Erlaubuiß gegeben hatte, daß er auch zuerst geschossen hatte und das ganze also ein Kampf gewesen wäre. Ja, aber warum mußte in diesem Kampfe Ferdinand unterliegen? Da erzählte einer, daß der Kampf eigentlich der Arbeiter wegen gewesen wäre, daß Zapora den jungen Adler getödtet hätte, weil er das von seinem Vater den Arbeitern erpreßte Geld verfchwendele; manche erzählten, es sei eine Strafe Gottes. „Was wird jetzt nun werden?" fragten die Leute einander. „Ja, wißt Ihr. daß der Alte verrückt wurde?" „Was? Wann?" „Natürlich; den Fuhrmann hat er an die Erde geworfen, dann ließ er alle Arbeiter vors Hans kommen und sie dann wieder zur Arbeit zurückschicken; jetzt läuft er auf den Feldern herum." „Ach, er macht es immer so, wenn er wüthend ist." „Auf wen kann er jetzt wütheud sein? Höchstens auf'» Herrgott." „Was er jetzt nur beginnen wird?!" „Im Komptoir meint mau, er werde gewiß die Fabrik verkaufen." So sprach man in der Fabrik. Man arbeitete nicht viel, die Werkführer selbst waren nicht an ihrer Arbeit, sie liefen in einem fort ins Komptoir. Man meinte, zum Zeichen der Treue müßte alles die Arbeit einstellen; aber der Direktor er- laubte es nicht. „Alles soll so fortgehen wie bisher; wozu denn den alten Adler noch mehr reizen?!" Mich selbst berührte es unangenehm, als heut Morgen die Maschinen stehen blieben und alle vors Haus hinausgingen. Wenn die Maschinen klappern, da ist es einem leichter, es scheint, als ob nichts vorgefallen wäre... »Ja, ja," stimmten alle bei. Gegen sechs Uhr erschien Adler im Komptoir. Seine Kleider waren beschmutzt, als hätte er sich auf der Erde gewälzt, sein kurzes Haar stand ihm zu Berge wie einem Igel; er war verschwitzt, fast athemlos; die Augen geröthct, die Pupillen ungleichmäßig erweitert. Vom Komptoir aus ging er in die Fabrik, lief in allen Sälen umher und schnalzte mit den Fingern dabei. Die Be- amten zitterten vor Angst. Ein junger Korrespondent las eine Depesche. Adler kam auf ihn zu und fragte mit veränderter, aber ruhiger Stimme: „Was ist das?" „Die Baumwolle stieg wiederum," versetzte der Beamte, „wir verdienten heute 6000 daran..." Er kam nicht zu Ende. Adler riß ihm die Depesche aus der Hand und schleuderte sie ihm ins Gesicht:„Elender Schurke, wie kannst Du mir so was sagen!" Er begann wieder in den Sälen herumzulaufen und brummte:„Der Mensch ist doch das elendeste Vieh! Hunde, die mir begegneten, haben mein Weh begriffen und liefen fort mit eingezogenen Schwänzen..... er spricht mir da von L000 Rubeln..." Wieder blieb er vor dem erschrockenen Beamten stehen:„Mache mir, daß die Zeit um eine Woche... um einen Tag um- kehrt, und ich gebe Dir all mein Vermögen.... Fort werde ich gehen von hier... nackt und barfuß... Steine werde ich auf der Straße klopfen.... und glücklich werde ich sein! Na... Du.. kannst Du die Zeit um einen Tag zurückschrauben? Man verständigte Böhme, daß Adler endlich angekommen wäre. Schnell rannle er ins Komptoir:„Gottlieb," sprach er, „der Wagen steht bereit; fahren wir zu mir." „Ter Fabrikant schaute ihn ironisch an:„Mein heiliger Martin, ich werde zu Dir nicht fahren!... Ich will Dir noch etwas sagen: Ich werde weder Dir, noch Deiner Anna, noch Deinem Joseph auch nur einen Groschen vermachen!... Hörst Du?... Ich weiß. Du bist ein Diener Gottes, und durch Deinen Mund spricht Gottes Weisheit.... Aber Du bekommst doch keinen rothcn Heller! Mein Vermögen gehört meinem Sohn und ist nicht zur Unterftützuilg tugendhafter Pastorenbrüder bestimmt.... Geh, geh, Du biederer Böhme.... Geh zu Deiner Frau und Deiner Anna und er- zähle ihnen, daß Du einen gefunden hast, der sich weder durch Thräneu noch) durch eine einfältige Miene betrügen läßt.... Geh, geh, Böhme... dort zum Leichnam... murmele über ihm Deine Gebete... Aber ich sage Dir, eher wird ihm von Deinem Gebete übel werden, als daß Tu mit Deiner schein- heiligen Fürsorge mich einfangen könntest." „Gottlieb, was sprichst Du zusammen!" rief der bestürzte Pastor. „Na, ich spreche doch ganz deutlich!... Ihr habt ja alle Euch verschworen, mir mein Vermögen abzuschwindeln, damit Dein Josef da in der Fabrik den Herrn spielen kann... Ihr habt mir meinen Sohn gemordet... Ihr wollt mich ermorden... Aber daraus wird nichts... Ich gehöre nicht zu den Narren, die sich ihr Heil für Millionen bei Pfaffen erkaufen!... „Gottlieb", unterbrach ihn Böhme,„für meine Handlungen schiebst Du mir solche Beweggründe unter? So verdächtigst Du mich?... Mich?.." Adler packle ihn bei den Händen und schaute ihm drohend ins Gesicht.„Erinnerst Tu Dich, Böhme, wie oft Dn mich mit einer Gottesstrafe einzuschüchtern versuchtest? Früher machten es die Jesuiten mit dummen Leuten also und schnorrten ihnen auf diese Weise ihr ganzes Vermögen ab.... Aber ich lasse mich nicht beschwindeln... O, ich halte mein Ver- mögen fest... Ich habe nichts an Kirchen verschenkt. Und dafür hat mich Dein Gott gestraft, was?... Du hast doch immer gedroht:„Böse Thaten gebären Böses"— nichts ist geboren, aber mein Sohn ist gestorben. Verreist ist er auf eine Reise, wo er viel, viel Geld und nicht Deinen Segen braucht.... Geh' doch, Böhme, geh'."... Nie pflegte Adler so viel hinter einander zu sprechen. Er packte den Pastor am Arme und führte ihn zum Zimmer hinaus. Dann ging er eine Weile noch im Komptoir umher und plötzlich war er verschwunden. Die Beamten waren bestürzt; niemand zweifelte daran, daß Adler, momentan wenigstens, verrückt sei. Mau dachte aber au keine Aufsicht; alle verloren den Kopf. Sie konnten ihre Arbeiten gut ausführen; aber ein selbständiges Vorgehen dem Chef gegenüber hätte keiner gewagt. Gegen 7 Uhr bemerkte ein Arbeiter, daß die Thür zum Wollcnmagaziu offen stand. Er rannte sofort zum Magazin- Aufseher, ats die beiden wieder zurückkamen, war die Thür wieder zu. In der Fabrik erörterte man lebhaft diesen Fall? einige svrachen von einem Diebstahl; andere vom spukenden Geist Fcrdinand's. Die Beamten aber waren ernstlich erschrocken, als sie bemerkten, daß der Schlüffelring, der auf Adler's Pull immer lag, verschwunden war. Wer konnte ihn genommen haben? Unbedingt nur Adler selbst. Aber wo ist er jetzt?... Der Portier versicherte, Adler müßte irgendwo innerhalb der Fabrikgebäude sein, da er ihn nicht habe hinausgehen sehen. Obwohl er das Thor scharf im Auge behalten hätte. Ja, wo sollte man Adler aber finden?! Die Fabrik war groß, spät war es auch schon. Den Direktor beschlichen böse Ahnungen. Er ließ sämmt- liche Werkführer zu sich kommen, befahl ihnen, den Motor und die Maschinen aufzuhalten, die Arbeiter nach Hause zu schecken, nur in jedem Saale sollten je zwei die ganze Nacht hindurch Wache halten; das Banmwollenmagazin dagegen sollte von drei Mann eingebend durchsucht werden. Weiter ordnete er an, daß alle Feuerlösch-Apparate und die Leute zu ihrer Bedienung in Bereitschaft zu halten seien. *» ♦ Bevor man diesen Befehlen Folge leisten konnte, ertönte die Glocke, die man bei drohender Gefahr zu läuten pflegte. Gleichzeitig quoll aus dem Baumwollenlager dicker Rauch auf, und auch an anderen Stellen zeigte sich Feuer. Unter den Arbeitern brach eine Panik aus, und in Schaaren verließen sie in höchster Eile die Fabrik. Der Schreck war so groß, daß man sogar die Lampen zu löschen vergaß und den Tampfniotor nicht zum Stillstand brachte. Diese Eile war auch, wie sich bald herausstellte, den Eni- fliehenden nur zum Heile, denn kaum waren sie im Hofe angelangt, als sich das Feuer auch in der Weberei schon zeigte. „Was heißt daS? Es legt jemand mit Absicht Feuer!" solche Stimnien ließen sich auS dem erschrocken bei einander stehenden Hausen vernehmen. „Der Chef selbst legt Feuer!" rief jemand. „Wo ist er?" „Man weiß nicht, aber jedenfalls innerhalb der Fabrik. Jetzt begann auch die Kremplerei zu brennen. „Richtig, Adler selbst ist es. Wozu sollen wir das Feuer zu löschen versuchen, wenn er es selbst legt?" „Wer heißt uns denn löschen?" „Wo werden wir morgen unser Brot verdienen?" Solche Rufe schwirrten durch die Luft. Einige hundert Leute standen da wie hypnotisirt, gebannt durch die Gewalt des Feuers; Rettung wäre da überhaupt unmöglich. Die Fabrik bot ein ungewöhnliches Bild. Auf dem Untergründe einer schönen, hellen Nacht sah man einen in Hufeisenform gebauten Häuserkomplex sonderbar illuminirt. Aus jedem Fenster sah man rothe Feuerzungen Heranslecken; aber während vom linken Flügel das vierte Stockwerk brannte, stand vom rechten das erste in Flanimen. Die Arbeitssäle hatte das Feuer noch nicht ergriffen, und da sah man durch die erleuchteten Scheiben die ruhig sich bewegenden Maschinen. Mit jedem Augenblicke wuchs das Feuer. Die Wände der Seitenflügel sind beinahe ganz verschwunden; sie verhüllt ein Mantel von Feuer und Rauch; vom linken Flügel brennt das Dach, vom rechten immer noch das erste Stockwerk nur. Auf dem taghell erleuchteten Hofe sieht man aus einen Klumpen erschrockener Leute, deren Geschrei sich mit dem Sausen und Stampfen der Maschine mischt. Auf einmal wird es still in der Menge. Aller Augen richten sich auf den vom Feuer bis jetzt noch unberührten Mittelbau. Im zweiten Stock, zwischen der Maschine, zeigt sich im Lichte der Gasflamme ein riesengroßer Menichenschatlen. Der Schatten bewegt sich langsam, und wo er eine Weile stehen bleibt, da flanimt es sofort auf. Die in den Werkstätten herumliegende Baumwolle, der mit Fett getränkte Boden, die hölzernen Maschinenrahmen,— all das fängt mit erstaun- licher Leichtigkeit Feuer. Nach wenigen Minuten steht schon das zweite Stockwerk des Mittelbaues in Flamnien. Der Schatten erscheint im dritten Stock, durchschreitet langsam alle Säle und verschwindet, um nach kurzer Zeit im vierten Stock zu erscheinen. „Das ist er, Adler," murmelte man in der Menge. Jetzt ist die ganze Fabrik ei» Fla«»»««, nett Aus dem Baumwollenlager steigt schwarzer Rauch auf wie von einem Vulkan; aus allen Fenstern des rechten Flügels sprühen Feuergarben, quellen Dampfwolken hervor, im linken kracht es und biegt sich das Dach. Die Scheiben springen und fallen aus den Fensterrahmen in den Hof herab, in einigen Sälen bricht unter der Last der Maschinen der Boden zusammen. Und inmitten dieses Höllenwirrwarrs und des Funken- regens, inmitten von Rauchwolken und der Flammenfluth zeichnet im vierten Stock sich bestimmt ein Menschenschatten. Er bewegt sich ruhig, gemessenen Schrittes, so etwa, als wäre es ein Aufseher, der die Arbeiter kontrollirt. Manchmal bleibt er bei einem der vielen Fenster stehen und schaut eine Weile hinaus— auf die Villa und auf die Menschenmenge da unten. Jetzt bricht das Dach des linken Flügels zusammen, bald daraus folgen die Zimmerdecken in sämmtlichen Sälen des rechten. Ungeheuere Funkenbosketts steigen in die Luft empor,— es ist hell wie am Tage. Im Baumwollenlager sinken zwei Stockwerke auf einmal in sich zusammen,— auf die Arbeiter fällt ein Regen glühender Asche, und es wird brennend heiß in der Luft. Noch arbeiten die Maschinen; sie ächzen in unerhörten Tönen: dann bleiben sie auf einmal still stehen. Infolge des verringerten Widerstandes beginnt das Schwungrad des Dampfmotors sich mit rasender Geschwindig- keil zu drehen und dabei entsteht ein Geräusch, das dem Hunde- heulen gleicht. Die Wände springen der Länge nach; der große Kamin fällt herunter. Jetzt verdecken schon Rauch und Flammen ab und zu die Fenster des vierten Stockwerkes im Mittelbau, an welchen man immer noch den Schatten sehen kann. Er bewegt sich langsam auf und ab... Da ein entsetzlicher Knall— das Gasrcservoir explodirte. Die im vierten Stock noch brennenden Lampen erlöschen... Das ganze Gebäude kracht gewaltig noch einmal... dann bricht es ächzend zusammen... Unter dem Schutte der von ihm selber erbauten und selber in Brand gesetzten Fabrik endete Gottlieb Adler. Ende. Vonstankin Meuniev. Den Glanzpunkt der diesjährigen Dresdener Kunstausstellung bildet die Souderansstellung der Schöpfungen Konstanti» Meuuier's. Ueber diesen Künstler hielt am Dieuilag Professor Dr. Treu, Direktor der Dresdener Skulplnren-Samuilung, einen Vortrag, dem wir, einem Bericht der„Sächs. Arbeiterzeitung" folgend. Nachstehendes entnehmen: Professor Treu war selbst in Begleitung des Professors Diez nachParis gereist,»in Meunier zur Beschickung der Ausstellung einzuladen. Er hat den Künstler in seinem einfachen Häuschen in einer Pariser Vorstadt aufgesucht, das liebens- ivurdige Wesen des Künstlers und seine Umgebung, die ihm den Stoff zu seine» Werken lieferte, kennen gelernt. Die Atmosphäre, die Umgebung, in welcher ei» Künstler lebt, muß man kennen,>ve»n man seine Werke richtig veistehe» will. Wenn man von Paris»ach Brüssel fährt, durch jene wundervolle Gegend, so kommt man zu der Ueberzeuguna: in dieser Gegend mußte die Hellmalerei entstehen. Das Bild ändert sich aber, je näher man an die belgische Grenze kommt, i» die Gegend von Möns: Ganze Gebirge von Kohlen- und Schlackenhügeln, die Luft geichivängerl von Ruß und Rauch, der aus den unzähligen Schomsteiiien der Bergwerke und Schmelz- Hütten kommt, dazivischen die rothcn Ziegeldächer der Arbeiter- hüllen, das ganze wie ein großer Ämeisenhanfen aussehend, in dem es von tausende» von Arbeitern ivimmelt. Sind doch in dieser Gegend 75 000 Bergarbeiter zusammengedrängt, welche für 130 Millionen Franks jährlich zu tage sördern. Wenn man durch diese Gegend fährt, da srägt man sich, ob hier auf diesem Boden, in dieser Gegend, in dieser Atmosphäre, bei diesen Menschen eine Kunst entstehe» könne. Aber gerade i» dieser Gegend hat Meunier seine größien Kunstwerke geschaffen, hier ist die herrliche Knust Meuuier's enlstanden, ans diesem Boden heraus ist sie gewachsen. Meunier wurde 1331 in Brüssel als jüngstes Kind von sechs Geschwistern geboren. Iii seinem zweiten Lebens- jähre starb der Voter, obne Vermöge» zu hinterlaffen. Sein ältester Bruder gab ihm den ersten Zeichenunterricht und brachte ihn auf die Akademie in Brüssel. Doch die Antike hatte für Meunier keine Anziehung, sie blieb ihm fremd. Bei einem Bildhauer machte er dann eine dreijährige Lehrzeil durch und ging hierauf zur Malerei über. Er ging zu einem armen Maler in einer Brüsseler Vorstadt in die Lehre. Dort lernie er die Armen, das eleiide Leben, das Daibeii, Leiden und Sterben der Arbeiter kenne». Er lieble diese Gestalten und fühlt« sich zu ihnen hingecoge». Das erste Bild Meuuier's war«in Krankenhaus. Bald lernte er die Trapplften kennen, deren einsames, zurüagezvgen-S Leben ihm ansprach. Das Reich der Trappisten wurde bald auch Meunier's Reich: zurückgezogen, einsam lebend, sich ganz seiner Kunst widmend. Seine Bilder, die ganz gegen den offizielle» Strom der Zeit waren, fanden keine Beachtung. Er mußte lange Zeit Handiverksarbeit machen, um sich ernäbren zu können. Nur nebenbei malle er Kunstwerke, die seiner Neigung entsprechend gewädlt waren. 1871 malte er eine» Bauernaufstand. Im Jahre 1882 erhielt er dann endlich in Lenvt» eine Stelle als Professor. Bald daraus wurde er»ach Madrid geschickt. Aber neben seinem Madonnenbild, das zu malen er den Auftrag hatte, malte er immer Bilder aus dem Volksleben ganz abweichend von der offiziellen Malerei. 1885, in seinem 54. Lebensjahre, ging er wieder zur Bildhauerei über. Die Veranlassung hierzu war folgende: Meunier bekam den Auftrag, für ein größeres Werk Schilderungen aus Belgien zu liefern. Zu diesem Zweck ging er auch in die Gegend von Le Möns. Dort fand er, wus er suchte, dort lernte er das Volk, das arbeitende Volk, erst recht kennen und lieben. Dort sind seiueBUder entstanden, in denen er die düstere» Seiten der Bergwerke schilderte. Diese Bilder stehen an Schönheit, Naturtreue und Wahrheil einzig da. DieHügel derKoblenschlacken, dasAenßere und Innere der Bergwerke und das ganze Lebe»»ud Lelden der Berg- lente und Eisenarbeiter brachte er auf die Leinwand..Hochöfen", .Der Kamin".„Die Eisenschmelze".„Kohlenwerk bei Nacht", „Kodlenschacht",„Inneres eines Koblenwerkes",„Hekatombe" u. f. w. lauten die Name» seiner Bilder. Meunier sah aber bald, daß, um die Menschen, die er so lieble, in ihrer wahren Gestalt künstlerisch vorfüdre», um das Leben und Leiden der Arbeiter richtig zui» Aus- druck bringen zu könne», er zur Plastik, zur Bildhauerei zurückkehre» müsse. Jetzt erinnerte er sich auch der Werke der alte» Grieche», bei de»en jede Figur ein Typus war. Bon jetzt an schuf Meunier seine unsterblichen Werke der Plastik. Nach eiiiem schlagen« den Melier sah er, wie eine Mutter schmerzersüllt sich über ihre» sterbenden Sohn beugt. Diese Szene hat er zu seinem großartigste» Kuiistiveik benützt. Das Original steht in Lebens- größe im Museum ru Brüssel. Es giebt kein Kuustiverk. das so ergreifend auf den Mensche» zu wirken vermag und das ihm an Naturlreue und Wahrheit gleichkommt. Er stellt ferner die Arveiter dar, wie sie in ihrem müden Gange vo» der Arbeil zurückkehre», wie sie im Schachte arbeiten». f. w. Ergreifend ist die Büste einer Arbeiterfrau in ihrer elenden Magerkeit, das ganze Elend der Arbeilerfrauen zum Ausdruck bringend und dabei so u»geki»islelt, so lebensgetre», so wahr! Aber auch die„Helden der Arbeil" hat Meunier dargestellt: kräftige Gestalten, die stolz nnd trotzig auf de» Belchauer blicken, gleichsam die Kraft des arbeitende» Volkes verkörpernd. Außer den Bergleute» und Eiienardeiiern hat er aber auch Bauer» und Seeleute mit gleicher Naturlreue dargestellt. Meunier's Werke erinnern an die besten a»likc» Bildwerke. Er hat zwar nicht die Alten»ach- geahmt, sondern eine ganz neue Kunst geschaffen; aber das Wesen der Sache ist geblieben: geschlossene, einfache, typ sche Gestalten. Er hielt sich mit der gröhtcu Unbefangenheit uud Wahrheit aus Leben und befreite die Skulptur vo» dem Muskelprotzeiilhuin. Er stellte die Welt plastisch dar, die er liebt, und man sieht, er kennt diese Welt. Er ist auch der erste, der den Arbeiter i» seiner wahre» Menschlichkeit in die Kunst einführte. Seine Kunst repräsentirl die Zeit, in der wir leben. Dabei ist er auch der erste, der die Höhe der griechischen Kinist voll zu erreiche» im stände war. Die Künstler müßieu sich ei» Vorbild an ihm»chmen. Meunier, der jetzt im siinfundsechzigsteil Lebensjahre steht, will, als Abschluß seines Lebens den Arbeitern noch ei» Deukmal setzen. Er hat es bereits begouuen. An de» Sockel koninieii vier Relief-?, von denen das eine, „Die Industrie", i» Dresden ausgestellt ist. Ei» zweites stellt das Leiden der Landarbeiter, ei» drittes das der Hafenarbeiter dar und das vierte, welches noch nicht augefaiigen ist. soll die Kunst dar- stellen. Sonst weiß man noch nichts davon, wie der Künstler das Denkmal weiter ausgestalten will. Ein iveiteres Werk Meunier's, das erst angefangeii ist, ist ein„Christus" am Kreuze, aber lein Christus der Bibel, ohne Dornenkrone uud Inschrift«», es ist kein einzelner Mensch, der ans Kreuz geschlagen ist: es ist die Ver- körperung der gefamniten leidenden Menschheit, das Haupt nach oben gerichtet, voll Hoffnung und Zuversicht einer besseren Zukunft. Meunier hat eine neue Welt in der Kunst eingeführt; aus seinen Werken spricht die Mahnung: Achtung vor der Arbeit, Achtung vor den Arbeitern!— Vleinvs JTemnefmi. — AuS Friedrich Nietzsches„Böse Weisheit, Apha- rtSmen und Sprüche, 1882 b i s 1885". Band XII der Ge- sammt-Ausgabe: Man hat de» Tod nah« genug, um sich nicht vor dem Leben fürchten zu müffe». In der Art, wie und was man thut, zieht man imnier eine Distanz um sich. Sobald die Klugheit sagt:„Thue das nicht, es wird Dir übel ausgelegt", habe ich ihr imnier eiitgegengehandelt. Es ist vornehm, sich seiner besten Ding« zu schämen, weil wir sie allein habe». Seit ich das Meer im Sturme und über ihm einen reinen, leuchtenden Hiinmel sah, mag ich alle die sonnenlosen,»mwölkten Leidenschaften nicht mehr, die kein anderes Licht kennen als den Blitz. Die Gefahr deS Weisen liegt darin, daß er gerade am meisten verführt ist, sich in das Unvernünftige zu verlieben. Ich wollte der Philosoph der uuangenehmen Wahrheiten sein— sechs Jahre lang. Sehen und doch nicht glauben— ist die erste Tugend des Er« kennenden; der Augenschein ist sein größter Versucher. Iii der Ermüdung werden wir auch von längst überwundenen Begriffen überfallen. Dühring: ein Mensch, der durch sich selber von seiner Denk« weise abschreckt und als ewig kläffender und beißlustiger Kellen- Hund vor seine Philosophie sich hingelegt. Niemand wünscht sich eine so geiservolle Seele. Darum zieht seine Philosophie nicht an. Moral ist eine Wichtigthuerei des Menschen vor der Natur. Die moralischen Menschen haben ihre Selbstgefälligkeit beim Gewiffensbiß. Das Weib war bisher der höchste Luxus der Menschheit. Der Held ist heiter. Das entging bisher den Tragödiendichtern. Der Takt des gulen Prosaikers besteht darin, dicht an die Poesie heranzutreten, aber niemals zu ihr überzutreten. Die Eifersucht ist die geistreichste Leidenschaft und trotzdem noch die größte Thorheit. Wer weder der Liebe noch der Freundschaft fähig ist, der findet seine Rechnung am sichersten— bei der Ehe. Mancher findet fein Herz nicht eher, als bis er seinen Kops verliert. Man verwechsle nicht: Schauspieler gehen am Ungelobtsein, echte Menschen am Uugeliebtsein zu gründe.— Literarisches. — Der Humorist Mark Twain(Samuel ClemenS) befindet sich in äußerster Roth; er wohnt gegenwärtig zu Chelfea(London). Der New-Aorker„Herald" hat«ine Sammlung für ihn eröffnet und selbst 100t) Dollars an die Spitze der Liste gesetzt. Das Blatt fordert in erster Linie alle guten Amerikaner, demnächst alle die- jeuigen, denen der Dichter je Stunden des Geuuffes bereitet hat. auf, ihre helfende Haud zu reichen. Aus der Urzeit. — 1c. Ter englische Forscher Selon Karr hat von seiner letzten Reife durch Egypten eine Sammlung Feuer st eingeräth« aus der diluvialen Steinzeit mitgebracht, die jetzt im archäologischen Institut in London zur Ausstellung gelangt sind In der�-milw,» befinden sich die schönsten und besrerhaltencn Palaolithen,«.u» heißt Waffen und Gerälhe aus der ältesten Steinzeit, welch« bis- her entdeckt wurden. Eeton Karr hat sie in der arabischen Felsenwüste, in einer Entfernung von zirka 30 Meilen vom Nil Bergwerke entdeckt, wo die Werkzeuge offenbar her- gestellt wurden. Uud zwar fand der Forscher eben hier zwei der ältesten Geräthe, die alZ solche sehr leicht durch die noch ganz rohe Art der Bearbeitung und die primitive Form erkannt werden können. Andere Funde stammen aus Abydos, Napada, Theben und mehreren anderen Orten der westlichen Wüste Egyptens. Gewöhnlich fand sich in den Bergwerken«in großer Raum, der wohl als gemeinschaftliche Arbeitsstätte gedient hat, andere Schächte und Höhlen sind mit Flußsnnd aufgefüllt, der wahrscheinlich zum Durchbohren der Hammer Verwendung gefunden bat. Die Stiellöcher wurden mittels Holzstäb« oder hohler Knochen, die in ronreuder Bewegung erhalten wurden, und mit Hilfe von Waffer und Sand mühsam hergestellt. Jnter- essant ist übrigens die identische Form der in Egypten gefundenen Feuerneinwaffen mit den im Sommelhal in Frankreich ausgegrabenen Geräthen, die unzweifelhaft beide der Urzeit entstammen. Bei der Frage nach der Wieg« der Menschheit, dürfen diese ältesten prä« historischen Uebervleiosel nicht außer acht gelassen werden. Sie sprechen»ach Selon Karr's Anficht dafür, daß die Urmenschen in verschiedenen Gegenden unter«inander ähnlichen klimatischen Ver- hällnissen zerstreut waren.— Physiologisches. — Ein großhirnloser Hund. Um Aufschliiß über die Mitwirkung der einzelnen Tdeile des Gehirnes am geistigen Prozeß zu erlangen, hat man schon seit Jahrzehnten niedere» Thieren, namentlich Fröschen, aucd Tauben eiuzelne Gehirntheile genommen und ihr Verhallen beobachtet. Allein, da es sich hierbei um Thier« bandelt, deren geistige Thätigkcil nicht sehr vielseitig ist, so war die Ansbeule nicht eben reichlich. Dem dekannte» Gehirnphysiologe» Friedrich Goltz i» Straßdurg ist es jedoch, wie der„Prometheus" mittheilt, mittels einer vo» ihm ausgebildeten, nahezu schmerzlosen Methode gelungen, Hunde ihres Großhirns völlig zu berauben, ohne daß diese Tbiere, wen» sie die unmittelbaren Folgen dieses Eingriffes überwunden haben, merkliche Einbuße an ihrem körperlichen Befinde» erleiden, oder sich äußerlich von normalen Hunden unter- scheiden. Er besitzt jetzt(1897) einen solchen wohlgenährten Hund mit lebhaften Angeu, dem vor fünf Jahre» sein Großhirn genommen wurde, und der sich nur seelisch, aver nicht körperlich von anderen Hunde» uulerscheidet. Wenn sich die Futterstunde des unablässig in seinem Käfig auf« und abgebenden Thieres nähert, wird er unruhig uud erhebt sich wie suchend auf de» Hmlerpsolen, aber er kennt seinen Wärter nicht, der ihm täglich das Futter bringt, und sucht s'ch durch Beißen und deftige Bewegungen dagegen zu wehren, wenn ihn dieser aus dem Krtfig hebt. Er besitzt eben infolge des Gehirn- mangels keinerlei Erinnerungsbilder und verniag die zu ihm ge- langenden Sinneseindriickc nicht zu deuten. Das Beigen und Sich- wehren sind instinktive Reflexbewegungen, die eben dadurch ausgelöst werden, daß er angesagt wurde. Ebenso schnappt er nach dem Fuße, der ihn tritt. Wenn er nun auf den Tisch gestellt wird und sich beruhigt hat, sieht und riecht er die vor ihm hin- geschüttete« Kleischstücke wohl, weiß aber nicht, was das ist. und de- ginnt erst zu fressen, wenn man Kaubewegnngen bei ihm auslöst, was soderbareriveis« durch Kratze» an der Scbwanzwurzel bewirkt wird. Er verzehrt dann ohne Gier seine Nahrung, bis er gesättigt ist. wobei er an Speise und Trank mehr zu sich nimnil, als«in nor- maler Hund seiner Größe. Wahrscheinlich ist das ruhelose Umher- laufen in seinem Käfig, in welchen er unter erneuertem Sträube» zurückversetzt wird, die Ursache dieses regen Appetites und Stoff- tvechsels. Es geht daraus hervor, daß alle körperlichen Verrich- tiingen, sobald die Nahrungsbedürfniffe regelmäßig befriedigt werden, sich in den mittleren und Hinteren Hirntheilen regeln und der Mitwirkung des Großhirns nicht benölhigen, so daß dieses vollkommen frei den höheren Zwecken des bewußten Lebens(Begriffsbildung. Srinnerungsleben, Erziehung u. s. w.) dienen kann.— Aus dem Thierleben. ie. Fledermäuse als Blumengäste. In einem von der Leitung des botanischen Gartens der Insel Trinidad ausgegebenen Bulletin finden wir eine höchst merkwürdige Beobachtung. Es ist ja allbekannt, daß bei der Befruchtung der Blumen der Besuch der- selben durch Insekten eine große Rolle spielt, aber noch kein einziger Fall war bisher bekannt, in dem ein Säugelhier eine derartige Funktion gegenüber den Pflanzen übernommen hätte. Auf der Insel Trinidad wächst«ine zu der wichtigen Familie der Leguminosen ge- hörige Pflanze, welche den Namen Baukinia rnegalandra erhallen hat, die Pflanzen dieser Gattung werden von den Eingeborenen vielfach zur Gewinnung von Bastfasern benutzt. An der erwähnten Pflanze wurde nun im botanischen Garten beooachtet, daß ihre Bliilhen, die sich nur des Nachts öffnen, den regelmäßige» Besuch von Fleder- mäusen empfingen. Diese Thiers setzten sich direkt auf die Blüthen hinaus, indem sie sich an den starken Staubfäden festhielten und dann die Blumenblätter absuchten. Natürlich darf man nicht annehmen, daß etwa der Gewinn von Honig die Fledermäuse zu diesem seit- samen Gebabren veranlaßt, es ist vielmehr wabrscheinlich, daß sie 'eichch.»»'''Weise d-n Insekten nachstellen, die durch den Duft der BwlhiM. angelockt werden und sich in dem Blumenkelch verbergen.— Physikalisches. t. Wieder ein verflüssigt«� Gas. Der Pariser Chemiker Moiffan tbeilte der Pariser Akademie mit, daß es seinen gemeinsamen Persuchen mit dein englischen Physiker Dewar gelungen sei. das Fluorgas zu verflüsstgrn. Die Hemperatur, bei der die Verflüssigung eintritt, ist— l8S Grad Celsius. Wenn ein Stroin von FluorgaS in einen Apparat geleitet wird, in dem sich flüssiger Satterftoff im Zustande ruhigen Eiedens bei einer Temperatur von— 180 Grad befindet, so bleibt das Fluor zunächst in feinem gasigen Zustande. Sobald aber die Temperatur noch weiter erniedrigt wird, indem man den Druck in dem Apparate vennindert, so beginnt das Fluor sich zu verflüssigen und man erhält eine klare, gelbe und außerordentlich bewegliche Flüssigkeit, welche sofort wieder zu Gas verdampft, wenn die Temperatur etwas erhöht wird. DaS flüssige Fluor hat die große chemische Wirksamkeit, durch die sich das Flnorgas auszeichnet, verloren, es greift Glas, Kieselsäure, Schwefel oder Phosphor nicht mehr an. Dogegen zeigt auch das flüssige Fluor eine große Hin- neignug z»m Wasserstoff, dessen Berbindnng mit Kohlenstoff es trotz seiner niedrigen Temperatur alsbald versetzt.— Technisches. ii. Elektrische Rangirmaschine Die pre>lßische Eisenbahnverwaltung hat zwar den elektrische» Betrieb ebenso wenig wir irgend eine andere europäische Babuvenvaltung auf irgend einer ihrer Linien eingeführt, aber ganz ohne Elektrizität geht es auch hierbei nicht mehr. In der Eisenbohn-Hauptwerkstätle in Potsdam werden feit mehr als einem Jahre die sehr umfänglichen Per- schiebnngen der Wagen, die zur Revision oder zur Reparatur ge- langen sollen, oder die aus der Werkstätte zurückkehren, mit Hilfe einer elektrischen Rangirmaschine durchgeführt. Die in betracht kommenden Rangirgeleise sind zn diesem Zivecke mit oberirdischen Etromzilführungen versehen, durch deren Bermittelung die Lokomotive mit Elektrizität gespeist wird. Die Maschine ist aus dem entsprechend»mgearbeiteten Unter- gestell einer alten ausgemnsterten Tendermaschine gewonnen worden. Sie besitzt genügend Kraft, um vier frisch ausgebundene, vierrädrige Wagen, welche in diesem Zustande besonders schwer laufen, ohne Schwierigkeit mit der gewöhnlichen Rangirgeschwindigkeit zu schleppen oder zu schieben. Die früher zum Verschieben uoth- wendigen Arbeiter sind bis ans den Lokomolivlenker, und einen oder zwei Hilfsarbeiter überflüssig geworden.—__ H«»»oristisches. — Ein Versuchsobjekt. Der Vorsteher einer Lateinschule in der kleine» Stadt Stamsord(England) hörte vor einiger Zeit eine Unterhaltung zweier Schüler an, von denen der eine erst vor kurzem aufgenommen war. Der„Neue" wurde von seinem Mit- schüler einem scharfen Verhör unterzogen. Er mußte aussage», wer und was sein Vater sei, wo er bisher zur Schul« gegange», wie viel Geschwister er habe, wie hoch sich sein wöchentliches Taschen« gelb belaufe, und noch»ia»che andere wichtige Dinge, die ein Knaben herz bewegen können. Zuletzt fragte der wiffensdurstige Kamerad:„Und wer ist Euer Hausarzt?"—-�Hausarzt? Na, Gott sei Dank, so was brauchen wir nicht!" meinte stolz der zehn- jährige Tom.—„Du Glücklicher, da brauchst Du ja nie Medizin einzunehme»!" rief der junge Inquisitor nicht ohne Nein.—„So, meinst D»? Na, wenn Du Dich nur nicht irrst!" war die Erwiderung. Dann zählte Tom mit wahrer Märtyrermiene an seinen Fingern her:„Erstens, mein Vater beschäftigt sich viel mit Homöopathie; zweitens, meine Mutter liest fortwährend Werke über Allopathie; drittens, meine Schwester- Maggie studirt Medizin; viertens, mein Großvater ist'Anhänger der Massage- und Kaltwasserkuren; fünftens, meine Großwuticr kauft alle Medizinen, die in den Zeitungen angekündigt werden; sechstens, mein Onkel Sandy ist Thicrarzt. und siebentes, meine Kousine Lilly ist Zahnärztin." Und tief Alhem holend, fügte Tom hinzu:„Und alle machen an mir ihre Experimente."— — Nicht befriedigt. Papa läßt seinen kleinen Hans auf dem Knie reiten. Nachdem dieser das Vergnügen mit bekannter Ausdauer genossen, hält er plötzlich inne und blickt nachdenklich vor sich hin. Dann spricht er:„Weißt Du was, Papa?"—„Nun?" —„Ich möchte Sohl'mal auf«iuei» wirklichen Esel reite»."— („Jugend.") Äcruilschtcs vom Tage. — Wie die„Düsseldorfer Zeitung" hört, bat das preußische Ministerium des Innern die Akten in dem Prozeß Barris on-Otlo eingefordert.— — Bei einem Möbellager-Brand in Elberfeld kamen zwei Personen(Großvater und Enkel) in den Flammen um. Ein Mädchen, das sich dnrch einen Sprung aus dem Fenster zn retten versuchte, wurde schwer verletzt.— — P f a r r e r K n e i p ist Donnerstag früh in Wörishofen gestorben.— — Der Wiener Stadtrath hat die Erhebung einer städti- schen Steuer von allen in Wien konsnmirten natürlichen und künst- lichen Mineralwäffern, sowie von Ouellensalzen beschlossen.— — Der Polizeihauptmann von Maria- Theresiopel lUngarn) vnhanete dieser Tage den— Staatsanwalt von Maria- Tberesiopel ini Hotel»nd ließ ihn im Polizeikarzer bis zum nächsten Morgen dursten. Der Polizeihauvtmann war total betrunken.— — Falsche Albinos. In S v. D» b bei Agrain bettelten am Pfingstmontag zwei Kinder, die wie Albinos aussahen. Sie wurden festgenommeii Ihre Augen erwiesen sich als sehend, da- gegen waren die weißen Haare waschecht. Die beiden Kinder waren ans der„Pettlerhochschule" zu Stiuiea bei Zeugg in Kroatien „präparirl" worden.— — Auf der Fahrt von Wien nach jkonstantinovel wurde einer Wiener Familie ein Koffer mit Juwelen im Werthe von SO 000 Frks. entwendet.— — Bukarest. 16. Juni. Durch die in den letzten vier Wocken niedergegangenen Wolkenbrüche hat die Landwirthschast großen Schaden erlitten. Die Gewäffer hatten eine Höh« erreicht, wie seit dreißig Jahren nicht. Zwischen Feiecci und Cernavoda bildet« die angeschwollene Donau einen vierzehn Kilometer breiten See. Ter Danim, welcher die beiden Donaubrücken zwischen Feiecci und Cernavoda verbindet, war mehrere Tage lang den von orkanartigen Winden gepeitschten Wogen ausgesetzt, hat aber Stand gehalten.— — Pari? verbrauchte im Jahre 189S 209 875 000 Liter Milch. Macht ans den Kops 88 Liter.— — In Paris wurde ein Mann an? der Seine heraus ver- haftet. Er hatte sich die Füße mit einem Mittel beschmiert, das die Fische herbeilockte und sie betäubte, daß mau sie mit der Hand greifen konnte.— — W i e man Studenten anlockt. Nach einem Be- schlusse des Stadtraths von Lille(Frankreich) soll künstig allen Studirenden der dortigen Universität auf Verlangen Gelb gegen das Versprechen geliehen werden, es zurückzuzahlen, wenn sie kömien. Damit der Empfindlichkeit der Pumper nicht nahegetreten werde, gehen die Gesuche durch den akadeniischen Senat a»«inen Sonder- ausschub des Sladtraths, und außer diesen beiden Amtsstellen soll niemand die Namen der geldbedürsligen Jünglinge erfahren.— — Der„Köln. Ztg." wird gemeldet: Nach den letzten Berichten hat ein großer Theil Rußlands nur eine geringe Ernte zu erwarte»; man wird staatliche Maßregeln zur Beseitigung der Roth ergreifen müssen, da schon jetzt es vielfach an Lebensmitteln fehlt--______ Die nächste Nummer des UnterhallungSblatteS erscheint Sonn- tag. den 20. Juni.___ Verantwortlicher Redakteur: Angnst Jacobcy i» Berlin. Druck und Verlag von Max Babing i» Berlin.