Hnterhaltungsblatt des Horwärts Nr. 120. Dienstag, den 22. Juni. 1897. iNachdruiI verboten.) Cefavinr. 2 Bon Jean Richepin. Uebersetzt von H. L. .Inzwischen hielt er mit seiner starken Brust die Thür der Banernhütte besetzt, in der wir angelangt waren. Und als andere uns folgen wollten, wies er sie, seinen Eberkops schüttelnd, zurück: „Weiter! weiter!" schrie er.„Hier ist alles besetzt!" Als er dann bei einem raschen Blick zurück gesehen hatte, daß der Gardist und ich uns auf das Bett geworfen hatten, sprang er mit einem Eatz ebenfalls ans das Bett, um sich zu uns zu legen. Ein Dutzend Männer drängten sich dann durch die Thür, und im Augenblick warfen sie sich ans den nackten Boden, um zu schlafen; oder vielmehr sie ließen sich fallen, wie zum Tode erschöpfte Thiere. Niemand dachte auch nur daran, ob noch glühende Kohlen ans dem Herde seien. Wozn auch? Womit härte man auch das Feuer unterhalten sollen? Nicht ein Möbelstück war uiehr in dieser Stube, wo man offenbar am Tage vorher alles verbrannt hatte, alles, bis auf das Holz des Bettes, und selbst das Stroh. Das Bett bestand nur noch aus einer wollenen Matratze und einer Feder- decke, die man nicht verbrennen konnte. Aber diese Matratze und dieses Federbett, welche Wonne! Keine Laken, keine Zudecken, kein Kissen! Was that das! Ein Bett; das war endlich ein Bett! Oh, wie schien es mir weich und mollig! Wie warm ich es hatte zwischen meinen beiden Kameraden! Wie tief wollte ich schlafen! Der Gardist war schon in seine Grube eingesunken und schnarchte. Der Kapitän, ganz dicht gegen mich geschmiegt wie ein Jagdhund, begann bereits mit seinen regelmäßigen und ruhigen Athemzügen aus meine Haare zu blasen. Die Kameraden ans der Erde lagen unbeweglich da wie Todte. Noch einen Augenblick, und ich würde ivie sie überglücklich sein. Aber warum wartete ich denn noch? Warum über ihr Glück nachdenken, anstatt es zu thcilen? Seltsam, ich war jetzt vollständig wach. Vielleicht hatte ich beim Marschiren eine zu große Abschlagszahlung ans den Schlaf genommen; oder das Ucbermaß von Schmerzen und Ermüdung hatten vorher meine Nerven so überreizt, daß sie nicht zur Ruhe kamen; oder das unnennbare Wohlbehagen des gegenwärtigen Zustandes berauschte mich; was weiß ich; nur so viel war sicher, daß ich keine Lust mehr hatte, zu schlafen. Ein Prickeln überlief meine Haut; ein Krampf durchzuckte meine Glieder. Und das war gleichzeitig ein Unbehagen und ein köstliches Vergnügen. Ich gab mich ganz diesem Wohlgefühle hin. Meine Gedanken waren ans einmal wieder ganz klar und beweglich geivorde», und ich analystrte neugierig die Ursachen und die Wirkungen. Ich zermarterte mir den Kaps, um in dem Labyrinth der wirren Eindrücke, die während der letzten vierundzwanzig Stunden ans mich eingewirkt hatten, den verlorene» Faden des Bewußtseins ivicdcr zu finden. So erinnerte ich mich, plötzlich bei ganz hellem Bewußtsein, wie der Kapitän gut zu mir gewesen war, und daß ich ihm nicht einmal gedankt batte y und ich wurde von deni unwiderstehlichen, krankhaften Bedürfniß beherrscht, ihm meine Erkenntlichkeit auszudrücken. „Kapitän," sagte ich, indem ich ihn kräftig an der Schuller schüttelte. „Nun? Was?" nmrmelte er, zuerst mit erschreckten Augen, dann mit wüthender Miene. Ich begriff nicht, daß er wüthend war, weil ich ihn ge- weckt hatte, und, ganz versessen auf nleine Idee, erwiderte ich: „Sie zürnen mir, nicht wahr? O, ich sehe es wohl. Und Sie haben dem Anschein nach auch Grund dazu. Sie halten mich für undankbar. Aber ich schwöre Ihnen, daß Sie sich täuschen. Ich werde niemals das vergessen, was Sie für mich qethan haben...." Er unterbrach mich mit einem Rippenstoß und schrie mir wie ein Kommando direkt ins Gesicht: „Schlaf!" Und er schloß die Augen. Ich war offenbar in» Fieber, ich war in einer Art willen- loser und bewußtloser Trunkenheit. Ich begann hartnäckig von neuem: „Ich muß doch wissen, wem ich mein Leben verdanke. Sagen Sie mir lveuigftens Ihren Namen, Kapitän; bitte, Ihren Namen!" Er sah mich mit wilder Miene an. Man hätte glauben können, daß er sich zum Sprunge vorbereitete, um mir an die Kehle zu fahren. „Donnerwetter, lassen Sie mich doch in Frieden!" Dann, plötzlich vom Schlaf besiegt, wandte er mir den Rücken und fügte mit einer Stimme, ivie aus dem Schlafe, hinzu: „Noncienx, Roncienx... mit einem x." Mechanisch wiederholte ich: „Mit einem x, Roncienx." Plötzlich schien es mir, als ob ein elektrischer Schlag mein Gehirn durchzuckte, und ich schrie ganz laut: „Aber dann sind Sie ja Paul's Vater!" „Ruhe! Raus!" brüllten zwei oder drei, die auf der Erde lagen und die ich ans dem Schlafe geweckt hatte. Der eine richtete sich sogar von seinem Platze in die Höhe, reckte seine verwundete, mit einem blutigen Lappen umwickelte Faust gegen mich und schrie mir zwischen den zusammen- gepreßten Zähnen mit einem wilden Ausdruck deS Hasses entgegen; „Kanaille, raus!" Von Gewissensbissen bedrückt,'wagte ich kaum mehr zu athmcn und verbarg mich zwischen den beiden breiten Rücken meiner Gefährten. Nun da lag ich denn stumm und un- beweglich; mir war, als liefen Ameisen und stachlige Gründ- linge an meinen Gliedern entlang und zu gleicher Zeit fühlte ich mich durch die wollüstige Wärme der Federn so wonnig ermattet; endlich sank mein Körper in Schlaf, während in meinen Gedanken eine ganze Welt von Erinnerungen ausstieg, die der Name Roncienx geweckt hatte. Erinnerungen? Nein, vielmehr Halluzinationen. Nichts anderes; denn ich träumte nicht, obwohl ich die Augen ge- schlössen hielt. Die Wesen und die Gegenstände erschienen mir ganz deutlich, ganz gegenwärtig. Und das waren nicht die panoramaarlig neben einander liegenden Augenblicksbilder des Traunies, sondern die genauen und aufeinanderfolgenden Details der Wirklichkeit, die mir selbst die unbedeutendsten Thatsachcn und die wenigst bemerkenswerthen Worte zum deutlichen Bewußtsein brachten. Da stieg die Welt von ehe- nials wieder in mir empor, sie lebte vor mir wieder auf, ich lebte wieder in ihr und mit einem so intensiven Leben, daß vor ihm die wirklichen Eindrücke des augenblicklichen Lebens verblaßten. Der Krieg, der Schnee und die Etappen- Märsche während der drei Wochen, unsere beiden verlorenen Schlachten, die Schrecken der Flucht, diese Armee von Vaga- blinden, der ich angehörte, diese Kameraden, deren schlafende Leiber an meiner Seite zitterten, dieses Zimmer, in dem vielleicht der Verwundete niit der blutenden Fanst im Todeskampfe lag— nichts von alledem existirte mehr für mich. Ich war auf dem Napoleon-Lycenm mit meinem Freunde Paul de Roncienx, mit Tnrost, Maroguet, dem Vater Henrtanlt und vor allem, vor allem mit der Legende von der geheimuiß- vollen Eesarine.--- IL „Zum Baden!* So hallt lang gezogen die Stimme des„Hofhundes" durch den Korridor. Sie ruft die wenigen Privilegirten auf, die das Lycenm am ersten Donnerstag jedes Monates unter der Auf- ficht des Vaters Hcnrtault, des Paukers, der die Kranken- stuben unter sich hatte, nach den warmen Bädern sendet. Oh, man muß gut angeschrieben sein, um zugelassen zu werden! Und das Käppi auf den« Ohr, den Schirm in die Höhe gerichtet, laufe ich nach dem Ehrenhose, wo der Vater Heurtault philosophisch zwischen der Büste des heiligen Arnold und der Casimir Delavigne's auf- und abgehend uns crlvartct. Er ist nicht schön, der Vater Hcurault, aber er ist ein tüchtiger Mann. Zu tüchtig, denn das ermuthigt uns, ihn zu verspotten. Und der Direktor sagt ihm oft: „Sie diskretiren durch Ihre Person die Universität." In der That repräsentirt der Vater Hcurault in recht drolliger Weise die Universität. Er ist ungefähr 45 Jahre alt; sein Hals steckt ganz zwischen den Schultern, xr — 4' Kopf hängt auf die Brust und der Bauch auf die Beine; die Arme sind zu kurz und am Ende dieser Flügelstümpfe wie bei einer Fettgans baunielu die Hände mit den Cervelatwurst-Fiugerm Mit Ausnahme seiner stumpfen Nase, auf der eine Brille sitzt, verschwindet sein ganzes, brems Gesicht unter einem gewaltigen Bart, der ehemals ganz hellblond ge- Wesen sein mag, der aber jetzt mehr verschossen als gebleicht ist und wie ein Bündel Sumpfkräuter aussieht. Der Schädel gilt für geradezu pyramidal, aber wenige von uns Schlingeln können sich rühmen, von ihm„6s visu" zu sprechen, denn Heurault entzieht ihn eifersüchtig den ileugierigen Blecken durch ein Sammetkäppchen, das er niemals abnimmt, und das er selbst unter dem Hute wie eine Art Perrücke trägt. So wie er da ist, ist er nichts destoweniger der Held einer Liebeslegende, die sich von Generation auf Generation weiter- spricht; und selbst die kleinen Sextaner bezeichnen ihn gewohn- heitsmäßig als Cesarinen's Bräutigam. Diese Kleinen, die noch nicht das Privilegium der warmen Bäder genießen, kennen indessen Cesarine nur vom Hören- sagen. Wir anderen, wir Großen, wir wissen mehr davon. Wir sehen doch wenigstens ihre Wohnung am ersten Donnerstag jedes Wionats, wenn wir nns vor dem Parterre ihres Hauses, das dicht neben der Bade-Anstalt liegt, aufstellen. Es ist ein kleiner, niedriger Laden mit einem Schaufenster, das ganz verstaubt ist und fast gar kein Licht durchläßt. In dem Dunkel unterscheidet man nur die obersten Reihen einer Bibliothek, die bis an den Sims heranreicht. Die trüben Scheiben geben dem Laden ein trostloses Aussehen. Kein Schild an der Front giebt Kunde davon, welchem Zivecke der Laden dient. Die Front ist ganz nackt und schwarz wie der Rand eines Traucrbriefes. Nnr an der Eingangsthür ist ein vergilbter Papierzettel an eine der Scheiben angeklebt, auf dem mit englischen Schriftzügen ge- schrieben steht:„ L i t e r a r i s ch e s K a b i n e t." Wenn wir vom Baden kommen und auf die Nachzügler warten, macht es mir ein Vergnügen, eine Weile vor diesem seltsamen und melancholischen Laden stehen zu bleiben. So nahe an der Straße und so nahe den Passanten und doch so fern von allem! In einem tiefen Schweigen liegt alles da. Denn kein Lärm, kein Geräusch läßt diese Glaswand vibriren. Ich stelle mir einen Studiersaal vor, in dem kahlköpfige und bärtige Männer, wie Heurtault, geräuschlos unter Aufsicht Cesarinens arbeiten. Sie hat kein sehr mildes Gesicht diese Cesarine, so viel ich wenigstens nach einigen Malen raschen und flüchtigen Anschauens beurtheilen kann. Wenn ein Besuch heraus oder hineinging, habe ich im Dämmerlicht ein langes, dünnes Schattenbild gesehen, das ganz schwarz gekleidet war; eine eckige Figur, das Gesicht bleich und ernst. In dem Halbschatten konnte ich die Züge nicht deutlich erkennen. Uebrigens sah ich Cesarine immer nur mit über einem Buche gebeugtem Gesichte. Aber bei dieser Stellung zeichnete sich in der umgebenden Dunkelheit die hohe und gewölbte Stirn fast allein leuchtend ab. Und dieser weiße Fleck, der aus dem Schatten so scharf heraussprang, nahm deshalb ganz erschreckliche Dimensionen au. Er zwang die Blicke geradezu auf sich. Und die Augen unter ihm erschienen wie zwei dunkle Löcher, so daß man an einen Todtenkopf denken mußte. (Fortsetzung folgt.) Kneipp und die Kneipp-Kuv. Von einem Arzte. Von vielen Dankbaren, denen er Lebensfreude und Gesundheit wiedergegeben, mit recht betrauert, ist Sebastian Kneipp, der Pfarrer von Wörishofen, nach einem langen und erfolgreichen Leben ge« storben. Wenn man seine begeisterten Anhänger hört, möchte man glauben, daß Kneipp der Heilkunst neue und' eigenartige Wege ge- wiese» hat. Dem ist nicht so. Die Wasserbehandlung ist einer der ältesten Zweige der ärzllichen Therapie und Hygiene; ja schon in, alten Rom gab es einen Spezialisten auf diesem Gebiet, Asklepiades, Psychrolutor, d. i. der Kaltwasser-Doktor genannt. In diesem Jahr- hundert hat lange vor Ltneipp der geniale Prießnitz in dem schön gelegenen, mit prächtig klarein Wasier gesegneten Gräfenberg, bei dessen Nennung jedem Wasserfrenud ein ivohliger Scha>ler überläuft, die Hydrotherapie zu neue» Ehren gebracht. Die Aerzte haben keine Ursache. Bereicherungen ihres Könnens, wenn sie von Laien herstammen, scheel anzusehen, und thatsächlich nehmen wir das Gute, woher wir es kriegen. Es sei hier außer an Prießnitz noch a» Thnre Brandt, der das Gebiet der Massage erheb- lich erweitert hat, und an Hessing mit feinen sinnreichen und prak- Itschen orthopädischen Apparaten erinnert. Dabei ist es immer nur 8— die ärztliche Technik, die von solchen Männern gefördert wird, wäh- rend der Ansdau der inedizinischen Wissenschaft, die Erweiterung des ärztliche» Erkennens Arbeiter vom Fach verlangt. Kneipp kam, sich an Bedeutung und Genialität mit den Genannten nicht messe», doch niachl ihn seine Uneigennützigkeit, die Ausopfernng für seine leidenden Mitinenschen, fein reines Wollen auch denen, die nicht auf seine Worte schwören, sympathisch. Warum, wird mancher hier fragen, wenden die Aerzte die von ihnen anerkannte Wasserbehandlung im allgemeinen so wenig an? Das liegt nur zum theil an den Aerzten. Wer in allen Bevölkerungs- schichte» prakrizirt, der weiß, wie stark»och immer der Glaube an das aus der Apotheke verschriebene und bezogene Medikament ist, und daß der Kranke anderen Mitteln oft Mißtrauen entgegensetzt. Auch sind die Angehörigen des Kranken oft zu bequem oder zu sehr beschäftigt, um selbst einfache hydriatische Prozeduren genau und gewissenhaft auszuführen. Endlich sind, wenigstens sür Arbeiter, die Kosten einer Wasserbehandlung, ivie Anschaffung von zweckmäßigeil Tüchern und Binden, zu hoch, abgesehen davon, daß die beschränkle Wohnung ihre Ausführung erschwert._ Und wollte man die Behandlung in Bnde-Anstalten verlegen, so dürften die Kassen gegen eine derartige Belastung ihres Budgets Einsprache erheben. iiehren wir nach dieser kleinen Rechtfertigung pro domo zu Kneipp zurück. Sind seine zahlreichen Erfolge wirklicv ein Beweis eines außergewöhnlich großen ärztlichen Könnens? Nur bedingt. Erfolge haben viele, die Kneipp nicht das Waffer reichen können: auch der Sdzäser Ast in Radbruch, auch jener gewissenlos pfuschende Arzt i» Düsseldorf, der jüngst vernrtheilt worden ist, kann von ihnen reden. Es giebt eben unendlich viele, fast als eingebildete zu bezeichnende. Kranke, die gesund werden, sobald die Persönlichkeit dessen, dem sie sich anvertrauen, auf ihr Gemülh und ihre Phantasie mächtig einwirkt. DaS ist ein Theil des Geheiunlisses der Ersolge von Hypnotiseuren, Magnetiseuren und anderen Wundermännern, aber auch inancher ärztlickien Be- rühmtheit. Ich kenne zwei Wasser-Heilanstalte», deren Leiter nach Kneipp kurirte», doch bliebe» ihre Ersolge weit hinter seinen zurück. Und ick) fürchte,»ach Kneipp'S Tode wird Wörishosen nicht lange der Wunderort bleiben, der es bis jetzt ivar. Indessen bin ich weit entfernt, zu behaupten, daß Kneipp's Heilweise auf derselben Stufe stehe, wie die der oben genannten Medizinmänner. Kneipp hat— das können wir neidlos anerkennen— das Verdienst, dazu bei- getragen zu haben, durch Abhärtung und einfache Lebensweise die Menschen widerstandsfähiger zu mache». Er geht von der freilich wohl unrichtigen Ansicht aus, daß vor S0 bis 00 Jahren, in seiner Jugend, die Mensche» gesünder, kräftiger und glückliche! geivesen sind als jetzt, und hält eigentlich die Lebens- iveise und Lebenshaltung des schwäbischen Bauern jener Zeit für die einzige richtige. Es läuft ihm da mancher Jrrthum unter. So be- hauplet er, die Menschen hätten jetzt deshalb schlechte Augen, weil die grelle künstliche Beleüchtung sie ihnen verdorben habe; niemand könne jetzt mehr lange beim Lichte einer Unschlittkerze lesen. Nun aber ist die Kurzsichtigkeit heute deshalb so verbreitet, weil Schule und Leben die Menschen jetzt mehr zu Bücherstudien zwingen, und die Unschlittkerze mag man deshalb nicht, weil das Bessere eben der Feind des Guten ist. Daß ferner die allgemeine Ledeusdaner länger gewesen sei, erlauben mir uns auf grund statistischer Erhebungen zu bezweifeln.— Nach dieser Lebensweise hat Kneipp auch die Diät für seine Patienten konstruirt, die einfach .und nahrhaft ist, und, wie man sich wodl vorstellen kann, manchen infolge von üppiger Lebensweise verwöhnten Organismus wieder in Ordnung gebracht hat. Eine Hauptrolle in seiner Ernährung spielt die Milch und das mit dein eiiveißreichen Kleber zudereiteie Brot, dessen Werth längst auch von anderen Seilen gewürdigt ivird. Kneipv's theoretische Eintheilung der NahrnngSmUtel in drei Klassen, nach ihrem Stickstoffgehall, hält mit seiner Praxis nicht Stich; sie ist zwar recht einfach, dafür aber oberflächlich und falsch. In die erste Klasse rechnet er vor allein die Milch, während er das stickstoffreiche Fleisch für nicht so gut, weil„Hitze erregend", hält, in die zweite Getreidefrüchte, in die dritte Gemüse. Fette, selbst das nahrhafiestc und am leichtesten verdaulichste, die Bulter, hält er im Gegensatz zu allen Physiologen für unnütz, übersieht aber dabei, daß sein vornehmstes Nahrnugsiiultel, die Milch, eine Ans- fchiveminung feiiistcr Fettkügelchen ist und ebensoviel Fett als stickstoffhaltige Substanz(Eiiveiß) enthält. Mit Stecht verbietet er den 'Alkohol, von dessen Entbehrlichkeit, ja Schädlichkeit die Aerzte in immer größerer Anzahl sich überzeugen. Gegen den viel Harm- loseren Kaffee hat er eine» großen Haß; schiebt er doch ans ihn, neben der sitzenden Lebensweise, die Schuld des schlechten Gesund- heitszuftandes so vieler Näherinnen. Auch Salz und Gewürze hält er für überflüssig und„hitzend".— Die Bekleidung soll einfach sein, nirgends eng anliegen, die Unlerkleidung ans rauher Lei»« wand, nicht aus Wolle. Andere meinen vas Gegentheil; doch kann man auch bei ivollencm Unterzeug gesiiiid bleiben, wenn man es nicht zu dick und zu weich wählt und genügend reinlich ist. Mit dankeiiswerthcm Nachdruck verdamint er �das Schnüren beim „Frauenvolk". Auf grund dieser Maßnahme» und in der guten Landlnft konnte seine eigentliche Wasserkur in vielen Fälle» gute Erfolge zeilige». Besonders gichtische und rheumatische Leiden, Blularinuth, Skro» phiilose, Fettleibigkeit, Magenleiden infolge unzweckmäßiger Ernährung, Neurasthenie und Hysterie dürften in Wörishofen oft ge- — 4' bessert worden fein. Freilich, wenn man Kneipp's Schriften liest, so giebt es keine Krankheit, die dem Wasser und den Kräutern widerstanden hätte. Doch sind seine Diagnosen so all- gemein gehalten und seine Krankengeschichten so nnvoll- ständig, daß die Erfolge nur sehr kritisch anfzufasse» sind. So will er z. B. Epilepsie(Fallsucht) geheilt haben, doch ver- wechselt er sie offenbar mit hysterische» Zuständen. Seine eigent- liche Wasserkur enthält keine Abänderungen und Besonderheiten, die in der Hydrotherapie unbekannt wären. Halbbäder, Gusse, Wickel. Ausschläger, Dämpfe, Waschungen, warme Einpackunge» bilde» ihr Arsenal. Zu erwähnen ist nur, daß alle Prozeduren kurz dauern. Nicht übel will mir die Einführung des Barfußgehens und des Wassertretens scheinen. Wer einmal auf einer Ferienreise barfuv über eine Wiese oder in einem Bache gegangen ist, der weiß, wie ihn das erfrischt und erwärmt hat. Unterstützt wird die Wasserkur durch eine Anzahl in Form von Thee verabreichter Kräuter, die, wie er mit Unrecht annimmt, in der Medizin in Vergessenheit gerathen seien. Die ganze Methode ist so einfach, daß es eine» reuen könnte, Jahre lang mit einigem Bemühen Medizin studirt zu haben, während doch das allein selig machende Kneipp'sche System in wenigen Wochen zu erlernen ist. Mit der Erklärung seiner therapeutischen Erfolge und des Wesens der Krankheiten machte sich Kneipp nicht viel Kopfzerbrechen. Warme Einpackungen„zertheilen und lösen ans" Halbbäder und Güsse„treiben aus und kräftigen die Natur". Warum? Nun eben, weil die einen eine zertheilende, die anderen eine kräftigende Wirkung haben. Seine Erklärungen erinnern an das Moliöre'sche Doktor- exaine», in dem ein Kandidat ans die Frage, warum man»ach Opium schlafe: antworlet: wegen seiner fchlafmachendeu Kraft. Kneipp selbst macht übrigens keinen Anspruch auf Wissenschastlichkeit; er bekennt offen, es nie für nölhig gehalten z» haben, sich viel mit der Medizin abzugeben. Daher legt er auch keinen Werth aus die Erkennung der Krankheit. Ob das Leiden hysterisch ist oder nicht, meint er in einem Falle, sei ihm gleichgiltig; er sei überzeugt, daß es von Blutstockung komme. Von Blutstockungen und schlechten Säften rührt nämlich seiner Ansicht nach alle Krankheit her, doch giebt er keine genaue Vorstellung davon. Dabei muß ich an seine markigen Worte denken:„Wer mir das, ivas ich hier gesagt habe, nicht glauben will, der thne, wie er mag, ich mache es auch so, und damit basta." Daß er bei diesen Anschauungen die Lehre von den Krankheits- Ursachen nicht gefördert hat, ist begreiflich. Um dem Leser die Entstehung der Krankheiten zu erklären, bringt er bei jeder einen Vergleich an. Vergleiche sollten eigentlich nur in der Poesie gestattet sein, in der Wissenschaft verivirren sie und verschleiern sie die Thatsache». Das trifft bei 5ti!eipp's Gleichnisse», die oft sehr hinken, besonders zu. Im übrigen ist seine Schreibweise einfach und spricht oft zu Herzen; sie verleugnet auch sonst den Priester nicht, da sie an die Gläubigkeit des Lesers hohe Anforderungen stellt. Doch, wenn einer wirklich etwas lernen ivill, thut er gut, ihn nicht zu lesen/) Kneipp giebt in seinen Schriften Wahres, Halbwahres und. ganz Falsches durcheinander und befördert auf diese Weise die Halbbildung. Besser aber ist es, keine Ansicht über eine Sache haben, als eine ver- schwommeue und haldrichlige, besser Nubildnug als Halbbildung. Der Ungebildete ist ivie ein reines, unbeschriebenes Blatt, auf dem man leicht und deutlich schreiben kann, der Halbgebildete wie ein mit viele» durchgestrichenen und unleserlichen Sätze» beschriebenes, könnte man in Kneipp'schcr Vergleichsweise sagen. Wer sich jedoch sehr für Kneipp interesstrt, mit Kritik zu lese» versteht und gegen religiöse Seitenblicke nichts einzuwenden hat, findet in„So sollt Ihr leben" die Summe seiner Lehren und darunter vieles Beherzigenswerthe. Dabei wird gewiß dem Leser auffalle», daß der Pfarrer von Wöris- Hofen mit ärztliche» und besonders chirurgischen Koryphäen das gc- meinsam hat, daß man ihn nur von seinen Erfolgen, nicht von seinen Mißersolgen sprechen hört. Und doch wären die Mißerfolge oft mindestens ebenso lehrreich!— Hat nun Sebastian Kneipp für de» modernen Arbeiter besondere Bedeutung? Kaum. Kneipp, der selbst nicht in der große» Stadt gelebt hat, übersieht, daß viele Krankheiten durch Lebensbedingungen und Erwerbsarten hervorgerufen werden, gegen die auch die schönsten Halbbäder, ja auch Luft und Licht, selbst, wen» sie so ein- fach zu beschaffen wäre», nicht viel nützen. Mäßigkeil und Ab- Härtung ist für jeden wichtig, auch für den Arbeiter. Das weiß er und, um ihm das zu sagen, braucht kein Geist vom Grabe her- zukommen. Aber zur Heilung aller physischen Gebrechen ist heute noch mehr und anderes nölhig. Wasser thul's da nicht allein, auch nicht mit Kräuter».— Nleinvs Fenillekon — Daö Wcttcrschicstcu. Vor einiger Zeit wurden in Unter- Steiermark bei Windisch- Feistritz Versuche nut dem Wetterschieben gemacht und diese haben ein für die Landwirthschaft sehr günstiges, vielverheißendes Resultat ergeben, indem durch starkes Schießen die weiter- und hagelschweren Wolken thatsächlich zertheilt wurden. In- ') Für die Bekanntschaft mit de» Elementen der Gesundheits- lehre ist das lehrreiche, wen» auch nüchtern geschriebene„Gesund- heitsbüchlein". vom Reichs-GesundheitSamt heraüsgegeben, zum Preise von 1 M. zu empfehlen. 9— folge dessen hat, wie aus Graz berichtet wird, die steiermnrkische Sparkasse in einer Eingabe an das Ministerium um Ueberlnssuug von ansrangirten Kanonen ersucht, um Versuche in größerem Maß- stabe mit dem Welterschießen gegen Hagelschlag anstellen zu können. Die steiermärkische Sparkasse hat nun vom Äckerbau- Ministeriuin die Erledigung dieses Gesuches erhalten. In derselbe» heißt, es nuter anderem, daß die Zentralaustalt für Meteorologie u�d Erdmagnetismus die in Steiermark vorgenommenen Versuche mit dem Wetlerschießcn keineswegs als Unsiu» oder aller Wissenschaft- liche» Voraussetzungen bar, noch als fruchtlos bezeichne, da durch die Lufterschütterung und durch de» aufsteigendeu Rauch die Koudeusationsvorgäuge in der Atmosphäre doch einigermaßen beeinflußt werde». Die Zentralanstalt meine jedoch, daß sie nicht in der Lage sei, ei» bestimmtes Urlheil abzugeben. Infolge der Be- fürworlung seitens des Ackerbau-Miuisteriums hat sich, wie schon genieldet. das Kriegsministerium bereit erklärt, der Sleiermärkischen Sparkasse zu Versuchszwecke» vier Stück 10 Centmieter-Kanonen Nr. 68 sammt den zum Blindschießsn erforderlichen Geichütz- Ausrüstungsgegenständen leihweise zu überlasse».— Nu», vielleicht findet das vielgeschmähte„Wetterläuleu" auch noch Anerkeunung.— Theater. — I» Ungarn will der Minister v«K Innern die magyarischen Prvinzschmiere»„verstaatlichen"; 150 000 Gulden sollen zur Subventionirung der Provinz-Schauspiel- trappen verwendet iverden. Die wandernden Schauspieler sollen außerdem zwei Intendanten erhalten.— Es handelt sich augenschein- lich um ein neues MagyarisirungSmittel.— Musik. — Hebet dasGeheiinniß derCremoneserGeigen schreibt Karl August Völker aus Hannover in der„Zeitschrift für Jnstrumeutalbau" folgendes:„Ich habe meine halbe Lebenszeit daran gesetzt, um das Räthsel z» ergründen und zu lösen. Be- kanntlich ist es die menschliche Stimme selber, welche die reinsten und vollendetsten Töne zu entwickeln vermag, sie ist allen In- strumenten überlege», folglich muß es unser Bestreben sein, möglichst der Menschenstimme nahezukommen. Dieses verstanden die alten Meister außerordentlich; deshalb ist es auch für uns von größter Wichtigkeit, die Klang- färbe des Instrumentes, welche aus unser Gehör wirkt, genau zu bestimmen und zu treffen. Dies läßt sich nur durch die Form der Wölbung erreichen. Der Vokal a des Italieners ist es. wonach Guarneri und Stradivari gebaut haben. Ihr weittragender Ton entsteht dadurch, daß ihre Geigen rein auf a singen, da bekannt- lich der Vokal a in seinen zahlreichen, harmonischen Obertönen auf die größte Entfernung gehört wird. Geigen, die auf e klingen, haben lange nicht den Wohlklang und die Tragfähigkeil. Der Musiker bezeichnet solche Instrumente, indem er sagt:„Der To» ist nicht italienisch" oder„der Ton ist zu spitz" (hell). Dadurch, daß ich die Geigen genau wie die alten Meister 2>/z Millimeter stark baute und so wie sie modellirte, erzielte ich Geigen, die den höchsten Anforderungen entsprachen. Einige Winke mögen hier folgen. Ich habe ausdrücklich das italienische a betont. Wir Deutsche haben wenig Gelegenheit,. ein gut klingendes er zu hören. Bei uns in Norddeutschland klingt das a nach ao, in Mitteldeutschland nach o. Wer nicht in der Lage ist, ein gutes, reinklingendes a zu bilden, muß sich durch Gesangskünstler unter- stützen lassen. Ist die Klangfarbe zu hell, so muß die Wölbung höher modellirt werden, bei Guarneri und Stradivari nicht über 15 Millimeter Decken- und 15 Millimeter Boden- Wölbung, 30 Millimeter Zarge», also zusammen 60 Millimeter hinausgehen. Durch Ansingen des Bodens und der Decke nach der Modellirung und Ausarbeitung kann man durch die Schwingungen der Resonanz die Klangfarbe'feststellen; noch besser ist sie frstzu- stellen nach Vollendung der Geige mit Hilfe eines KunstsängerS. Singt die Geige rein auf a, so ist dieselbe als gelungen zu be- trachten und vollständig de» alten Crcmoneser Instrumente» gleich. Daß die Geigen einen vorzüglichen, geschmeidige» Lack verlangen, ist selbstverständlich." — Wie„Iw monde artiste" berichtet, hätte der amerikanische Opern- Impresario Damrosch für den„P a r s i v a l" eine Million Mark geboten. Frau Wagner habe aber die Offerle abgelehnt.— Völkerkunde. — lieber Menschenopfer beim Begrab n iß der Neger am portugiesischen Sambesi berichtet ein Brief des Paters Maynhardt in„Kreuz und Schwert." Zu dem Geistlichen kamen eines Tages zwei flüchtige Sklavinnen, von denen die eine als Grund der Flucht angab, ihr Herr habe eine Bona, d. h. den Erinnernngs- tag eines Verstorbenen, halten wolle» und habe, um in das Kaffer- bier Blut mischen zu können, ihr den Hals abschneiden wollen.„Was", sagte ich zu meinem Begleiter, einem erfahrenen Christen, der mir über die Gebräuche und Sitten dieserVölkerviele ethnologischeAufschlüffe gab. „braucht man bei der Bona anchMenschenblut? Du sagtest mir doch, daß man dabei in das Kafferbier Ziegenblut mischt?"„Es ist wahr," sagte er,„man mischt in das Kafferbier Ziegenblut; aber wenn der Mann sehr reich ist und viele Sklaven hat, wie der Häuptling Matekenha in Zumbo, dann nimmt er Menfchenblut." Im weiteren Gespräch brachte der Pater noch heraus, daß man beim Begräbniß eines reiche» Negers nicht nur Menschenblut in daS Kafferbier mischt, sondern ihm mich einige SHoven i» die andere Welt zu- fdurft. Ein reicher und»nächtiger Neger»vird dort in folgender Weise begraben: Man tödtet zwei Sklaven und legt ihre Leiche» ganz itnle« ins Grab, dann legt man den Verstorbenen hinein, tödtet wiederum zum Frauen und legt sie über ihn, dann»vird das Grab verscharrt.— Alts dem Thierlebei». — Selbstverstünlmelung bei Stabheuschrecken stndirte Edmond Bordage an zum ans Rennion und Jsle de France däusigen Arten(�lonarxlroxtera innireans Serv. und ßaphiderus scabrosus Serv.) und fand sie besonders stark bei den jungen Larve» und Nyinphe» dieser Phasrniden enlivickelt Sobald er bei jungen Larven das äußere Ende des Beines stark drückte, erfolgte fast iminer in«inen» Zeitrauu» von einigen Zehntel bis 3 oder 4 Sekunde» die Abiversnng des Gliedes, und zwar konnte» nach einander alle sechs Beine so zur Ablösung gebracht werden Bei den etwas älteren Larve» und den Nymphen erfolgte die Antotomie manchinal «och leicht genug,»nanchmal aber trat sie nur nnregelniäßig oder gelegentlich ein, wie bei den erwachsenen Gespenstheilschrecke». Wärlnewirkungen brachten die Beine nicht so leicht zur 2lblvsll»g, als Einpressen oder Kneife», und manchmal ließ sich mit einem brennenden Streichholz das ganze Bein verkohlen, ohne daß es sich ablöste, während z. B. bei Krebsen«nd Krabben Hitze und chemische Reize ebenso schnell das Abwerfen hervorrufen, wie nicchanische Reize. Auch ei» schnelles Durchschneiden des Oberschenkels bringt nicht»vie bei unserer grüne» Springhenschrecke die Ab- lösung des Stumpfes hervor. In, Freileben»vurde eine solche Abiversnng manchmal durch die Bisse einer Aineise(HsKidepis longipes Forel), besonders an den Vorderbeinen, hervorgerufen. Sie ließ sich aber noch leichter durch mechanische Eingriffe bewirken, besonders bei den Weibchen, welche die beträchtliche Länge von 20 Zentimetern erreichen. Daß die Ablösung bei den Larven leichter erfolgt, als bei den ausgeivachsenen Insekten, hängt offenbar damit zusammen, daß sich bei ihnen die Beine auch leichter»vieder er- zeugen, als bei den letzteren. Oft»vächst auch nur ein Bein in ver- jüngter Gestalt oder mit drei statt der Tarsengliedern»ach, was z» Mißverftändniffen bei der Klassifikation Anlaß gegeben hat. (Compb. reust.) Medizinisches. — k. Ueber das K o ch' sch e Schutzmittel gegen die Rinderpest»vird aus Pretoria geschrieben, daß, nachdem das Urtheil über den Werth oder Nichlwerth der Kochffchen Methode lange Zeit hin- und hergeschivankt habe und die Mißerfolge bald auf Rechnung einer unrichtigen Anwendung der Koch'schen Vor- schriften, bald ans Fehlerhaftigkeit der Koch'schen Methode selbst ge- schoben wurden, die Kap-Regierung jetzt die Ein- stellung der Impfungen verfügt hat, nachdem vorher noch auf einer größere» Farm mit allen Vorsichtsmaßregeln Ver- suche angestellt»vorden waren. Dem aus Pretoria eingegangene» Bericht zufolge hat die Koch'sche Methode nicht das geleistet, was sich der Entdecker vö» ihr versprochen hatte, denn die Rinderpest schreitet unaufhaltsam»veilcr und verschont»veder uiigsimpste noch geimpfte Thiers.— Meteorologisches. — Der Wirbel stürm, der vor einigen Tage» in der Um- gebnng von Paris so großen Schaden angerichtet, ivurde von der meteorologischen Station in Asniöres, die ihn, da er über sie hinweg ging, genau beobachten konnte, für eine Wind- Hofe erNärt. BiS jetzt war die Beobachtung derartiger Natur- «rscheinungen durch meteorologische Institut« ein seltener Fall. Die Windhose bewegte sich von Westsüdivesten in ostnordöstlicher Richtung über das nördliche Seine-Depaitement. Sie hatte eine Breite von 2—300 Metern und eine Länge von inehreren Kilometern. Die Personen, die sich im Zentrum des Wirbelwindes befanden, hörte» ein Geräusch ähnlich denijcnige» eines in voller Fahrt befindlichen Schnellzugs. Das B a r o m e t« r fiel, als der Kern der Windhose über die meteorologische Station in Asnieres hinwegging, plötzlich von 754.3 auf 740,3 Millimeter und stieg dann sofort»vieder. Ei» «itr 500 Meier entserntes zweites Baronieter ging nur ganz UN- bedeutend herunter. Die Geschwindigkeit des WindeS betrug an dein betreffenden Tage von 10 morgens ab in Asnivres 7 Meter in der Sekunde. Als die Windhofe passirte. trat für zwei Minuten Windstille ein, dann zeigte der Windmesser des In- stitllts 80 Meter in der Sekunde. Aus den» Eistet- Thurm wurde an jenem Tage abends 6 Uhr 37 Minuten ein Maximum der Wi»dgeschivi>idigkeit von 35 Metern in der Sekunde beobachtet.— Technisches. — Der schwächste Metalldraht, der noch viel feiner ist als menschliches Haar,»vird dem„Metallarb."(Wien) zufolge in Taunton, Mass., und zwar in der Dicke von'/sw englischem Zoll, fabrikmäßig hergestellt. Gewöhnlicher Draht bis zu den üblichen Veiusten Dicken wurde bisher durch Löcher in Stahlplatten gezogen. zun, Ziehe» des neue» Haardrahtes reicht dieses Hilssmittel jedoch nicht mehr aus, weshalb die Taunton Factory hierzu gebohrte Diamanten beiiutzt. Bei diesem neuen Verfahren scheint die Haupt- schwierigkeit nicht im Drahlziehen selbst, sondern i»n Bohren der feinen Löcher in den Diamanten zu liegen.—_ Httmoristisches. — Der ewige Patient. I« Madrid lebte,»vi« der „Jinparcial" erzählt, ein Handlungsreiseiider Namens Lopez, der seine 120 Kilogrmnm wog Da er befürchiele, auf der Eisenbahn das doppelte Fahrgeld zahlen zu innsseu, wünschte er schlank zu wer- den. Der vorzügliche Spezialist Dr. A. rieth ihm,»veile Spazier- gänge zu machen, und»virklich verlor er dadurch i» einem halben Jahre beinahe 30 Kilo und»var»vieder ein normaler Mensch ge- ivorden. Aber durch die beständige» Spaziergänge, an die er»licht geivöhut war, zog er sich eine Geschivulst der Füße zu. Der be- rühinle Spezialist Dr. B. rieth ihm. täglich eine Zeit lang die Füße i» feuchte Erve zn stecken. Dies Mittel hatte einen großartigen Erfolg für die Füße, leider zog er sich dadurch einen Kehlkopfkatarrh zu. Glücklicherweise gab er sich in die Kur des Spezialisten Dr. C.. der durch sein in den Jahrbücher» der Heilkunde mit recht gepriesenes elektrisches Verfahren den Kehlkopf vollkommen wieder- herstellte. Nur litt der arme Lopez seil dieser Zeit an Nerven- stvrnnge», Halluzinationen»nid Schlaflosigkeit. Er defragte also den hervorragenden Spezialisten Dr. D., der ihn mit Brom behandelte und seine Nervenkrankheit vollkommen knrirte. Aber ach! Das Brom hatte ihm den Magen ganz zu gründe gerichtet. Was blieb ihm übrig, als zn dem Spezialisten Dr. E. zn gehen, der durch seine vorzügliche Mastkur den Magen i» einem halbe» Jahre»vieder in Ordnung brachte. Was geschah aber da? Herr Lopez fing infolge der Mastkur»vieder an dick zu»verde» und gestern Nachmiltag, o Grans!»vog er»vieder seine 120 Kilo. Jetzt kann er»vieder von vorn anfange».— — Das sch, vergekränkte Her, einer Ehefrau macht sich in»„Lüb. Stadtbl." durch folgende Worte Luft.„Und »vär ich der Herrgott, so ließ ich auf Erden zu Dornen und Disteln die Hetz-»md Saufbrüder»Verden. Da verzehrte sie der Esel und 's hätte keine Roth und's iveinte sich mancher die Augen nicht roth.— Ich erkläre hiermit meinen Mann als einen erbärmlichen Radaumacher, Verschwender, Erzlügner, Spötter, Ehrabschneider und Erztrunkenbold, dem muß Lnzifer sämmtliche Akten schon an der Wiege gesungen haben, sonst»väre er nicht in alles so eingeweiht. Doch»vas betrübst du dich arme Seele, hoffe ans jenseits, denn unser Herrgott hat in seinem Thiergarten verschiedene giftige Würmer ruinlaufen, von denen mancher noch keine dunkle Ahimng hat.— Sollte jemand etwas eiiiznivenden haben, der melde sich zu rechter Zeit uiid an rechter Stelle."— Vermischtes von» Tage. — Schierling statt Petersilie hat in M.-Gladbach eine Kntscherfaniilie gegessen. Die Mutter des Kutschers ist gcstorbe», die anderen sechs Personen befinden sich noch in Lebensgefahr.— — Pfarrer Kneipp fragte jeden Kranken nach Stand und Verniögensverhältnissen, nm danach die Gebühren zn beineffen. Einer Patientin, die sich als Hofdame einer deutschen Großherzogi» zu er- kennen gab, bemerkte er darauf:„Also a Dicnschtboi'l Zahlt nix!"— — Der Kunstmaler Karl Herpfer aus München ist im Wörthsee erlrnnken.— — In Wien wurde der Besitzer eines verrufenen Hotels von einem jungen Goldarbciter, mit dem er ein»instttlicheS Berhaltuiß unterhielt, in der Nacht erschoffen. Der Thäter verwundete sich dann selbst so schwer, daß er nach einigen Stunden starb.— — Zn einer Demonstratio» kam es an» Mittwoch iin Krakauer Sommertheater bei Aufführmig des Stückes:„Die Versucher des Volkes". Da i» dem Machwerke die Sozialdemokraten als Diebe und Brandleger hingestellt»mirden, erhoben sich die anivesenden Genosse» und erzwangen durch ihren Protest, daß die Vorstellung abgebrochen wurde. Der Verfasser des Schandstückes ist der Krakauer Staatsanivalt a l i t o»v s k i.— — Im K a r st wüthete am Sonntag eine starke Bora. Wein- gärte» und Obstknlturen wurden stellenweise gänzlich vernichicr.— — Nach einem Ukas des Stadthauptmanns von B n d a v c st dürfen in den dortige» Singspielhallen nur ungarische Staatsbürger angestellt»verde». Ferner sollen von Stücken, welche sich für die Theater nicht eignen, täglich nur zivei gegeben»Verden, mindestens eins davon muß in»»garischer Sprache gespielt iverden. Die Ans- führnng der beiden Stücke soll nicht länger als S/4 Stunden tu Anspruch nehmen.— — Das dänische Schiff„Phönix" ist ans der Reise von Ne,v- Jork nach Port Natal mit der ganzen Besatzung nnter- gegangen.— o.e. JnDorpat erschoß ein Student seine Zimmenvirthin und tödtete sich darauf selbst.— c. e. In der Nähe von Ti flis(Kaukasus) gerieth ein Wagen, auf den» 19 Dragoner saßen, in einen angeschwollenen Fluß. Sämmt- liehe Soldaten ertranken.— — Amsterdam. 20. Juni. Infolge starke» Stnrnies gingen 50 Fischerbarkcn unter. Der Schaden, den das Univetter an der ganzen holländischen Küste angerichtet hat, ist außerordentlich groß. Besonders litten das Vieh und die Feldfrüchte.— — In Sydney wurde ein geivisser Butler zum Tode ver- nrtbeilt. Er überredete eben angekommene Einwanderer zu einer Reise i» die Bergwerks-Gegenden, ermordete sie an einer entlegene» Stelle und beraubte sie. Butler»var nach San Fraucisco geflohen »var aber ausgelieserl»vorden.— Verantwortlicher Redakteur: August Jacobcy in Berlin. Druck und Verlag von Max Babing in Berlin.