Anterhaltungsblatt des Hormürts Nr. 122.. Doimerstag, den 24. Juni. 1897. <] Cefavinr. Von Jean Nichepi». Uebersetzt von H. L. Und dann schildert er ihn mir. Er ist ein brutaler, tyrannischer Krautjunker aus der Anvcrgne, sein ganzes Vergnügen ist die Jagd und seine ganze geistige Thätigkeit beschränkt sich auf die Lektüre militärischer Schrikte». Er ist auch in der Tbat Offizier gewesen, Echnler von Saint-Cyr'); aber schon als Lientciuuit hatte er seinen Abschied nehmen müssen. Und nun hat sich dieser Mann, der nüt Leib und Seele Soldat gewesen war, nie daniit trösten können, Zivilist sein zu müssen. Er fühlt sich dadurch beschänit und ist ver- bitterl worden. Von seiner Militärzeit her hat er die Ge- wohnheit behalten, zu befehlen, und er verlangte, daß seinen Befehlen unbedingter Gehorsam entgegengebracht wurde. Bis zu seinem achten Jahre hatte Paul die Lieblosigkeit seines Vaters und den Haß seiner Stiefmutter ertragen müssen. Dann ivnrde er als Interner nach dem Napoleon-Lycenm ge- bracht, das er nur zu den großen Ferien verließ. Aber ivelcher Schrecken für ihn, lvenn die Ferien herankamen, die von uns allen so sehnsüchtig herbeigeivnnscht wurden! Für ihn sind sie ja nur eine Erneuerung der Höllenqnalcn.j Seine Stiefmutter verspottet ihn gransam wegen seiner kümmerlichen Gestalt; sie iveiß, daß sie dadurch seinen Vater gegen ihn er- bitlert. Denn sein Vater zürnt ihm deswegen, zürnt dem nn- glücklichen, schwächlichcil Kinde gerade wegen seiner Schwächlich- feit. Er wirft es ihm wie ein Vergehen vor. „Du kannst Dir denken, schloß Roncienx, welche Lust ich habe, mich nach dem Wunsche meines Vaters in seinem ekel- haften Saint-Cyr zu melden, um dort ein solches Thier zu iverden ivie er! O nein! wahrhaftig nicht!* Er träumt vom Polytechnikum. Gewiß aus Neigung zur Mathematik; aber vor allem ans Liebe zu Cesarine. Cesarine ist für ihn eine Art idealer Beatrice. Diese Nuance der keuschen, mystischen Anbetung ist ihm ganz allein eigen- thümlich und ist ganz einzig unter uns. Bei den anderen, selbst bei den Enthusiasten und den Verliebten bestcht die Neigung für Cesarine nicht ohne Hintergedanken, und es macht niir Spaß, mit ihm diese Hintergedanken ausfindig zu machen, wo sinnliche Begierden, unbestimmte Scheu und sogar etwaS von spöttischer Auflehnung ineinander fließen. Wenn ich einen Roman lese, stelle ich mir das„verderbte unselige Wcib", das in aller ertödtender Wollust erfahren ist, dessen Verheißung niich anzieht und mich erschreckt wie der Rand eines Abgrundes, immer in der Gestalt Cesarinens vor. Gleichzeitig stelle ich mir diese Fürstin, die in dem literarischen Kabinet thront, gar als Einpauker vor. Roncienx ist über diese unwürdigen und lächerlichen Vorstellungen entrüstet und findet mich gemein, daß ich mir darin gefalle. *» * Es ist doch cigenthünilich, wie schnell und fast plötzlich man das Lyceum vergißt, wenn man in das Leben hinaustritt. Kaum hat man den letzten Uniformrock vergnügt in die Binsen geworfen, so streift man auch schon die kaum verflossene Vergangenheit von sich ab; und von heute auf morgen wird es eine alte Mär, die unter einer Fluth mannigfacher und neuer Eindrücke sofort verwischt wird. Ich bin Mulus. Ich bin frei. Ich interessire mich nicht mehr im geringsten für die geheimnißvolle Heldin, die so viele Jahre hindurch meine Einbildung beschäftigt hat.e. Und selbst mit Paul de Roncienx komme ich auseinander. Er ist auf dem Lyceum geblieben, um sich für das Polytechnikum vorzubereiten. Sein Vater hat unter der Bedingung, ihn eines Tages als Artilleristen zu sehen, seine Einwilligung dazu gegeben. Wir sehen uns nicht mehr, weil er noch immer nicht an den Sonntagen ausgeht. Wir schreiben uns nur noch, und er unterhält mich von seiner Beatrice. Er spricht von ihr mit einem Tone mystischer Anbetung, der mich jetzt erbittert. Ich kann mich nicht enthalten, ihm das zu verstehen zu geben. Zunächst nur andeutungsweise. Aber eines Tages verbreche ich einen Brief, der warhaft grausam ist, und den ich bedauerte, geschrieben zu haben, nachdem ich ihn kaum abgesandt hatte. Er antwortet nicht. Ich habe nicht den Mnth, ihn um Verzeihung zu bitten, *) Die französische Kriegsakademie. obwohl ich mir oft sagte, daß ich es thun müßte. Die Zeit vergeht;»vir verrennen uns beide eigensinnig, er in seinen be- rechtigtcn Verdruß und sein Schweigen, ich in niein passives Bedanern.... Und so geht unsere schöne Freundschaft in die Brüche. Und deshalb warf ich einen tiefen Groll auf Cesarine. Aber der Groll überträgt sich nicht auf ihren Vater. Für ihn habe ich in der Erinnerung die achtungsvolle Bewunderung bewahrt. Eines Tages fasse ich den Entschluß, nach der kleinen Kneipe in der �Rue Cujas zu gehen, um meinen Helden wieder- �"sehen. Ich gehe dahin. Ach meine fromme'Absicht sollte nicht belohnt werden. Es ist mir nicht beschieden, meinen Helden in seinem Ruhme zu sehen. Diesen Abend ist der General besoffen wie ein Polacke. Rittlings auf einem Stuhle sitzend, die langen gestiefelten Beine steif ausgestreckt, den Kopf in die linke Hand gestützt und mit seinem rechten Armstumpf wie mit einem gebrochenen Flügel in der Luft herumfuchtelnd, macht er den Eindruck, als säße er zu Pferde, als kehrte er von einem herrlichen An» griff zurück, todtmüdc und mit Wunden bedeckt. Aber seine Krimmermütze gleitet zur Erde, er bückt sich, um sie wieder aufzuheben,- und sanft fällt er selbst zur Erde— umgeschlagen ivie ein Boot mit dem Kiel nach oben. „He, halloh, General!" sagt der Wirth, der herbeigeeilt war, um ihn aufzuheben,„Sie werden niir meine Dielen entzweischlagen. Donnerwetter! setzen Sie sich doch auf die Bank, da werden Sie sicherer sitzen." Einige anwesende Gäste lachen, ich kann mich nicht ent- halten, in das Lachen mit einzustimmen. Und dennoch bin ich im Grunde traurig. Ich frage den Kellner: „Er ist unwohl geworden, nicht wahr?" „Ja," antwortet er mir spöttisch,„das Unwohlsein über- fällt ihn zwei bis dreimal in der Woche." Und indem er auf den Aermsten zugeht, ruft er ihm mit vergnügter und beleidigender Familiarität ins Gesicht: „Nicht wahr, General, Ungarn ist oft krank? Nun, Vater Mischi?" Sicherlich wird ihm der alte General, ernüchtert durch diesen Schimpf, an die Kehle springen und ihn erwürgen. Aber der Sprung erfolgt nicht, und anstatt des erwarteten zornigen Anfbrültens höre ich eine sehr sanfte Stimme, die mit langsamer, singender Betonung demüthige und un- zusammenhängende Worte stammelt. „Sehr krank," sagte er,„ist Ungarn, oft sehr krank, viel krank, Ungarn. O, Mischi wird noch gescholten werden. Er ist nicht klug, der arme Miklosch. Das kommt von der Mathematik. Aber Du weißt, er wird es nicht wieder thun. Das ist das letzte Mal. Montag Abend wird Schluß gemacht, Gurich; Montag Abend! Doch, doch, ich werde mein Wort halten. Uebrigens halte ich immer mein Wort am Nachmittag. Am Abend, meiner Treu...! Warum läßt man mich des Abends aus- gehen, wenn ich zu viel Mathematik getrieben habe. Wie sie durstig macht die Diathematik. Besonders die Differential- rechnung... Und dann, heute Abend schmeckte der Congnac (so sprach er es aus) zu gut. Aber wer hat ihm den» den Congnac eingegossen, dem armen Mischi?"... Die Entschuldigungen und Klagen eines Be« trunkenen sind schon an sich komisch, noch komischer aber die eines betrunkenen Greises, der mit mono- toner und weinerlicher Stimme wie ein Kind lallt. Aber was sie noch drolliger und unwiderstehlich komisch machte, das war der Gegensatz zwischen ihrer Sanftheit und dem unbeweglich schrecklichen Gesichtsausdruck.— Und jetzt blökte er gar, er blökte wahrhaftig, als er den Kellner zu erweichen suchte, der ihm mit dem Finger drohte und ihm wiederholte: „Ich werde es Ihrer Tochter sagen. Doch, doch, ich sage es Ihrer Tochter, aller Saufsack!" „Nicht doch," jammerte der Trunkene.„Alles was Du willst, mein kleiner Louis, nur das nicht. Nicht Cesarine sagen. Mischi wird es nicht wieder thun. Suche mir lieber Angyal, meinen Landsmann Angyal, er achtet mich, er wird mich nach Hause führen. Aber nicht Cesarine sagen. Nicht sagen, nicht sagen." Und dicke Thränen rieseln über sein Gesicht, das trotzdem keinen milderen Ausdruck bekommt, immer finster und trotzig bleibt. Man konnte es nicht gut ein weinendes Gesicht nennen; es war vielmehr eher eine Pappmaske, auf die Regen tropfte. Ich habe Mitleid mit ihm, man lacht zu ausgelassen um mich herum. „Wer ist dieser Angyal, und warum holt man ihn nicht?" So fragte ich den Wirth. Anstatt seiner antwortet mir mein Nachbar. „Kennen Sie denn den kleinen, spindeldürren Kerl aus der Rue Toullier nicht? Auch ein Ungar. Sein Schneider, glaube ich! Man erkennt das schon an der Husareujacke des Generals. Wenn der General bis Mitternachr nicht heimge- kehrt ist, kommt er schon allein, um sich mit ihm zu bepacken. Sie kommen wohl nie des Abends hierher, daß Sie das nicht wissen?"... Mein Nachbar regt mich mit seiner Ueberlegeuheit und mit seiner Miene des Besserwissens auf. Ich erwidere ihm mit etwas spitzem Ton, uni ihn auch meinerseits zu belehren: „Schwerenoth! Das ist die Uniform eines ungarischen Generals. Wissen Sie das nicht? Es ist doch ganz natürlich, daß ein ungarischer General.. Er unterbricht mich, indem er sich auf die Schenkel schlägt und ausruft: „Nein wahrhaftig, Sie meinen das im Ernst, junger Mann? Oder wollen Sie mich zum Narren halten?" Und er windet sich vor Lachen, indem er jetzt auf meine Schenkel klatscht. „Er ist so wenig General wie ich und Sie... Und der zerbrochene Arm? meinen Sie... Nun den hatte er in der Be offenheit verloren, als er in einen Omnibus bei der Deichsel einsteigen wollte." .(Fortsetzung folgt) (Nachdruck verboten.)' Ein fiirchkevlirhes Drnnm. Von Alf. af Hedenstjerna. Antorisirte Uebersetznng von Ernst B r a u s e w e t t e r. Das Haus lag in nachlässiger Vornehinheit. wie zufällig hin- geworfen, zwischen kühlen Linden und blühenden FIiederflränck)en am äußersten Ende der Stadt; und wenn die Uniforinknöpfe des patrouillirenden Schutzmannes mitten zwischen dem grünen Laub- werk ausfnnkelten, bildete es ein fesselndes Bild einer Mischung von Kunst und Natur. In dieser Villa wohnte ein junges Paar, das die ersten holden Frühlingsblnuieit seiner Liebe, sowie die Spargel genoß, die von zwölf parallellausenden Beeten in diesem Jahre zum ersten Male gespendet wurden. Die jungen Eheleute schienen unnatürlich glücklich zu sein, und weder sein leidensnolles Phlegma, noch ihre wildreservirten Gefühls- ausbrüche ließen eine Katastrophe ahnen. Es war in einer Juninachl. Mit der eiligen Langsamkeit der getreuen Pflichterfüllung lenkte der patronillirende Schutzmann seine Schritte auf dem Wege hinaus, an der Villa vorbei. Das Helldunkel der Sommernacht umhüllte leicht und fein die sorgfältig verschlossenen Thüren und zwischen dem seligen Eden der Liebe in der Wohnung der jungen Gatten und der weiten, lieblosen, unendlichen Welt dranßen hinge» zwei blaue Rouleaux mit sinn- reichem amerikanischem Mechanismus. Die Stille des betäubende» Schweigens erregte die Beforgniß des Schutzmannes. Man vernahm kein Schnarchen, kein lebendes Wesen rührte sich, kein Ladenschwengel schlich zur ilüchenveranda, n« die Köchin dadurch auf die Probe zu stelle», daß er ihr seine Ansichten von der Allmacht der Liebe mittheilte. Da, plötzlich, durchschnitt fürchterlich, schreckenerregend und durch- dringend ein gellender Schrei ans dem Innern des Hauses die Stille und das Dunkel der Nacht. Es war der Schrei eines Weibes, wahrscheinlich eines jungen Weibes. Nicht ein Schrei, wie ihn die Frauen auszustoßen lieben, wenn sie sich in den Finger stechen oder etwas Schönes in einem Ladenfenster sehen oder von einer neuen Verlobung hören, sondern ein Schrei, wie sie ihn auszustoßen pflegen, wen» sie sich Tinte anfs Ballkleid gießen, ober wenn ihr Leben von einer Gewaltthat bedroht wird. Ein Ozean voll Schreck und ein Himalaya von Verzweiflung lag darin. Karl XII. ritt wie eine Schnecke und eine Schnellzugslokomotive würde wie eine an Klauenseuche erkrankte, verhungerte Knh hin- sichtlich der Schnelligkeit erscheine», wenn man sie niit der Geschwin- digkeit verglich, mit welcher der Schutzmann auf die Veranda stürmte und am Thürdrücker rüttelte. Die Thüre war verschlossen. Der Schutzmann rüttelte an der Thüre, als wenn er einen Apfelbaum schüttelte oder eine nicht regnlirte Uhr für fünf Mark wieder in Gang bringen wollte. Und kraft seiner obrigkeitlichen Vollmacht rief er laut und deutlich: „Ausgemacht im Namen des Gesetzes!" Nach einer»ii»nt?nlangen Ewigkeit rasselte das Thürschloß, die Thüre ging auf und drinnen stand die Köchin in jener leichten, un» beschreibliche» Bekleidung, die man ans dem vertrauten Familien« kreise her kennt, wenn man zur Nachtzeit heftige Zahnschmerzen bekommt oder das Kind von einer Ausschlagkrankheic befallen ist oder eine andere Veranlassung dazu Gelegenheit giebt, urplötzlich jene jungen Weiber herbeizurufen, die wir unsere dienstbaren Geister nennen. Ohne Kenntniß von dem Ernst der Situation mißverstand die Köchin das Eingreifen des Gesetzesmannes und glaubte in ihrer Unschuld, daß das Herz des jungen Schutzmannes von ihrer Anmnth gerührt worden wäre. Daher deutete sie nach einem flüchtigen Gruß an, daß sie ein durchaus anständiges Mädchen wäre. Sic müßte darum bitten, darauf Rücksicht zu nehmen. Wenn er sich mit ihr in Verbindung setzen wollte, dann möchte er vorsichtig kleine Kiesel- steine an ihr Küchenfenster werfen. „Hier drinnen ist etwas nicht richtig," rief der Mann des Ge- setzes und der Rächer des Unrechts, stürzte in den Flnr hinein und fragte, ob man hier in der Villa im Begriff wäre, sich gegenseitig zu ermorde». Mit einem Schrei des Entsetzens eilte das Mädchen in das Schlasziinmer ihrer Herrschaft. Als sie aber die Betten leer fand, stürzte sie bewußtlos nieder und rief nur diese paar Worte: „Mörder! Räuber! Hilfe!" Der Schutzmann eilte auf den Hof hinaus und gab niit seiner Pfeife dem nächsten Kollegen das Norhsignal. Und bald begannen sich Leute zn versammeln, und es wurde"Licht angezündet. Bebend begann man die Wohnung zn durchsuchen, und— im Eßzimmer fand man die junge, schöne Herrin des Hauses steif und unbeweglich, in blendend weißein Nachtgewande, ans zahlreichen Kops- ivnnden blutend, liegen... Man stand wie vom Schreck gelähmt da! Die Verüber der Gewaltthat waren offenbar geflüchtet, und der Gatte der Älrmen befand sich nicht im Hause. Ha—! Mit fürchterlicher Deutlichkeit wurde die Wahrheit offenbar! Er war der Mörder! Ein solcher Fall ist durchaus nicht geeignet, gleich im ersten Augenblick von dem ungeübten Kriminalverstand eines gewöhnlichen Nachtschntzinanns erfaßt zu werden. Mit einer Thräne im Auge trat der Mann des Gesetzes an's Telephon und thcilte die schreckliche That dein Fiskal mit. Beim Laut der Telephonglocke bob die Ermordete den Kopf empor und stieß noch eine» durchdringenden Schrei aus. Wen» jemand hierbei etwas seltsam findet, will ich ihn nur daran er- inner», daß es i» Oper» durchaus Üblich ist, eine ganze Arie niit zivei oder drei Schwertern im Herze» zu singen. In diesem Angenblick tritt auf der Veranda— der Gatte der E r nl o r d e t e n ans! Er will sich den Anschein geben, als käme er von der Stadt und pfeift in frecher Weise eine beliebte Variete-Melodie. Wer vermag jenen eigenthüinlichcn Trieb zn erklären, der so oft die Schritte des Verbrechers zun» Platze seiner That zurnckleukt? Der Schutzmann konnte es jedenfalls nicht, und selbst der hoch- mögende Herr Slaalsfiskal stand ganz starr vor dein Ausbruch besinnungsloser Verzweislung, mit dein der Mann sich über seine Frau warf, sie in das Schläsziiuiner hineiiilrilg und ihr Gesicht niit Küssen bedeckte, gegen die der Besuvs sich wie ein zersprungener Eiseimer ansnehmen mußte. „Der arme Mann! Er hat es im Wahnsinn oder ans Eifer- sucht getha», aber rennen Sie nach den Handfesseln!" stüsterto der Fiskal dem Schutzmann zn. Inzwischen stieß die Ermordete ei» tiescs Stöhnen ans, und ihr Man» rieb unter strömenden Thrüneii ihre Handgelenke, wusch das Blut von ihren» schönen Gesicht und schluchzte und jammerte und fragte, wie das zugegangen wäre. „So, S i e wissen das nicht, Sie?" fragte der Fiskal. Es wurde»ach dem Doktor lelephonirt. und alle Ainvesenden versaniniellen sich im Schlafzimmer und starrten voll Entsetzen den Mörder n»d sein Opfer an. „Legen Sie die Handfesseln in den Salon," sagte der Fiskal zu dem Schntziiiaiin. Die Blicke aller wäre» auf da? arme Weib gerichtet. Ha! Was>var das! Sie öffnet die Augen, starrt wild iliren Gatte» an und schreit mit fürchterlicheni, herzzerreißenden Entsetzen aus: „Hjalinar— o, Hjalinar!" Und dann fällt sre wieder in Ohnmacht. Was iii»ßte er wohl elnpfinden. als er diese schönen, Vorwurfs- vollen Augen auf sich gerichtet sah? „Passen Sie auf, daß er nicht durch das Fenster entflieht." flüsterte der Fiskal dem Echntzman» zu. Wieder blickt die Ermordete mit unbeschreiblichem Ausdruck auf und schreit: „Hjalinar! Hjalinar!" Er iveint und schreit und beschwört sie. zu erwachen und zu sagen, wie das alles gekommen, und ivas eigentlich geschehen sei; er kniet vor ihrem Belt nieder imd küßt ihre Hände. Und die An- ivesende» erbeben bis in die Tiefe der Seele, als sie ihn schwören boren, daß er sich bliilig rächen wolle an dein, der seinem theuern Liebling Gewalt angelhan. Er beabsichtigt sicher ein sogenanntes Allibri oder Kollibri ailszustellen," murmelt der Sch»tzn>a»n seinem Vorgesetzten ins Ohr. Allmälig kehrt die Lebenssarbe auf den Wangen der Er- mordeten wieder, ihre Brust hebt sich schwer, wieder blickt sie empor, richtet sich wild im Bett auf und schreit in Todesangst: „Die giatte— die Natte— Hjalmar! Wo ist die Ratte? Sie kam aufs Bell gesprungen— und erschreckte— mich so furckterlich — daher sprang ich— heraus— und— und hätte mich am Büffet — beinahe todtgeschlagen—" „O Jcininc, o Jemine!" sagte der Schutzmann. „Pst! Kommen Sie, gehe» wir! Vergessen Sie nicht die Hand« feffelu!" sagte der Fiskal.— „Die Vohsure". Oper von Giacomo Puccini. Im hiesigen Neuc» Opern thealer wurde am Dienstag zum ersten Mal aufgeführt:„Die B o h ö m e"(Pariser Künstler- leben 1830). Szenen aus Henry M u r g e r's„Tie de Boheme" in 4 Bilder» von G. G i a c 0 s a und L. I l l 1 c a. Deutsch von Ludwig Hartmann. Musik von Giacomo Puccini. Unmittelbar vor der Aufführung war zwischen den beiden jung- italienische» Bühnen- Komponisten Leoncavallo und Puccini ein heftiger Zeitungskrieg entbrannt über das geistige Vorrecht der Benutzung der feingestinnnlen Murger'schen Apologie des künstlerischen Zigeunerthnms als Opernlibretto. Wir hätten die Erbitterung dieser literarischen Fehde, die weder der kollegiale» Enipstndiliigen, noch des nationalen Verwandt'chaftsoe'fühles Leoncavallo's, als des heftig angreifenden Thciles, würdig waren, wenn auch nicht vornehm geheißen, so doch aus den Ge- sühlen rücksichtsloser Rivalität heraus verstanden, wen» aus dem graziösen Meisterwerke des Franzosen ei» hinreißend wirkungsvolles Opernlibretto zu holen gewesen wäre. Aber steckt denn wirklich in dem kleinen, ivehinüthig stimuiungsvolleil Glück und Elend des Mansarden- Knnstlerlhuuis, das für ein kurzes Eintags-Liebesglück sein volles Herz hingiebt und mit verwegenem Heroismus für das Genialische hiinmelferner Ideale hungert und friert, steckt in den äruiliche» Freuden und in der so gerne posirenden Sentimentalität dieser ver- kannten ziellosen Talente wirklich ein kraftvoller Kern, der einer Entivickelnng zu einem rührend ergreifenden Drama fähig ist? Wir halten diese Romantik für ein episirendes Nach- einander brauchbar, das keinen organischen und dramatisch lebendige» Fluß besitzt. Alles ist Stimmung und Episode und Illustration des naiven, vielleicht enipfindungstiefen und in nnge- bnndcner Freiheit verbummelten Genies. Der arme Poet Rudolf, welcher mir den, die Musik, die Malerei und die Philosophie reprä- scntirenden Kollegen in seinem erbarmungslos kalten Dachstübchen das Elend mit seiner Phantasie überwindet, lernt Mimi, das blonde, süße, leider schwindsüchtige Griscttche» durch einen Zufall kennen, der sich zu einem wahrhast poetischen Liebesduo anSivcitet. Eine kurze, von Zärtlichkeit und Ueberdrnß ausgefüllte Zeit, und die Kleine stirbt, mit der traumhaften Erinnerung an ihr leises schwärmerisches Glück ans den Lippen und mit dem letzten Ausbruche ihrer Müßiggänger i scheu, rührenden Eitelkeit, mit den erstarrten Händen im üppig n ärmenden Muff. Das ist alles. Mit einer Licbesscene und einer Sterbescene. ivo das Tragische inS Peinigende übergeht, läßt sich bei aller Ausnühnng eines stimmungsvollen Milieu's kein Operndrama bestreiten. Nur allzu- bald werden wir der zärtlichen Ahmingsbeklommcnheit Miini's und der trüben Melancholie Rndolj's überdrüssig, und selbst eine bunte Quadrille, welche der wchmülhigcn Schmerz- Monotonie des letzten Aktes mit sreundiglichen, volle» Kontrasten aufhelfen soll, vermag die Langeweile einer zer- fließenden Lyrik nicht zu banne». Ter Eindruck, de» Pnccini's Musik auf uns uiachte, bestand in der festen Ueberzeugung, daß wir es mit einem seinen, vielleicht in rein melodiöser Beziehung nicht allzu er- flndungsreichen Geiste zu»hnn haben, der besonders für weiche Stimmungen und Gefühle die innigsten Töne findet. Die Tenorarie und das sich anschließende Liebesdnett am Schlüsse des ersten Aktes leuchte» ans der heutigen raffinirten, be- geisterungslosen Opernschreiberci wie zwei Juwele hervor. Leider gelangt Puccini im weiteren Verlans seines Werkes nicht mehr ans diesen herrlichen Höhepunkt; zwar bleiben die Eigen- schaflen seiner an Geist. Gcniüth und Humor gleich reichen mnsi- kalischen Sprache immer gewählt, aber es fehlt ihnen der Stempel einer schöpferischen Individualität, die aus ihrem innersten Wesen heraus Form und Stil eigenster Gedanken gestallet. Mascagni mit seiner„Cavalleria" und den„Rantzau", Massenet mit seiner„Manen" und seinem„Werlher" leben in der Partitur Pnccini's, welche alle Effekte blühender Jnflrumentation. aber auch manche seltsamen harmonischen Wen- dnngcn und gesuchte Kunststückchcn musikalischer Rhetorik und Poetik aufwendet. An vielen Stellen zeigt der junge Italiener eine überwältigende Kraft theatralischer Lebenssülle sowie die hoffnungs- reiche Fähigkeit, sich einst zu den höchsten Aufgaben kühn und glücklich cntporznschwingen. Wenn er zuweilen»och mit dem Ueber- schwang der Empfindung und einem bedeutende» Stil posirt, und nach abgeklärt schöner Form ringt, so hat er uns doch in seiner „Bohämc" einen Meister offenbart, dem die Zukunft gehört.— Das Ergebniß der Aufführung, welcher Kapellmeister Sieinmann ehrlichsten Fleiß und seinen ganzen Besitz an Feinsinn und orchestraler nüancirender Kraft zugewandt, war die Entdeckung des Herrn Naval als eines Tenoristen ersten Sianges. Der vornehme Wohllaut des Organs, die freie, seelisch schattirte Tongebuna, die ungesuchte Deutlichkeit der Aussprache und die mühelos kraftvolle Höhe dieser Tenorstimme vereinigten sich mit einem, die sympathische Melancholie des armen Poeten warm charakterisirenden Spiele zu einer vollendeten Leistung, welche nach der großen Arie im ersten Akte das Publikum zu einem selten gehörten Beifallsausbrnch hin- riß. Herr Naval ist in Deutschland iincs der ivenige» Beispiele, daß der echten Gesangsknnst noch immer die stärksten Wirkungen der Bichne gehören. Unter seinen Genossen zeichneten sich die Herren Hoffmann(Maler Marcell) durch üppige Slimmfülle und feine mimische Züge, Bachmann(Musiker Schaunard) durch gelungene Maske und lebendigen Vortrag, und Herr Krafa(Philosoph Colli») durch die schmerzliche Ironie ans. ivomit er de», übrigens höchst geistvoll instrnmentirleu„Abschied vom Ueberrock" sang. Die Leistung der Frau Herzog als arme Mimi litt unter der Erinnerung des Publikums an die unvergleichliche Traviata der Prevosti, deren künstlerische Proletarierschwester ja diese Mimi ist. Das allmälige Absterbe» dieses zierlichen Voheme-Schmetterlings vibrirte rührend i» der Stimme der ausgezeichneten Künstlerin nach. Alle übrigen Figuren haben wenig Bedeutung bis auf die keifende, eifersüchtige und doch so gute Muselte, der Frl. Dietrich nur von weitem beizilkommen wußte; sie sah sehr hübsch aus, darin liegt das einzige Verdienst ihrer Charakteristrnngskunst. Die Volksscenen des zweiten Aktes, die fein gestimmten Bühnenbilder und die malerisch ab- getönten Wirkungen der Kostümgrnppen zeigten Oberregisseur Tetzlaff auf der Höhe seiner Regiekunst. Das neue Werk vereitelte durch Längen, in welche» dnß bischen Handlung gänzlich und die Musik lheilweise stagniren, einen durch« schlagenden Erfolg. Einige Mnsikmoralisten zischten.—— ar— Vleittv-s Isenillekon — Ans der Geschichte des Hanfes Fngger. Die Grafschaft Kirchberg und die Herrschast Weißenhorn, ivelche, abgesehen von einigen alteren Grundstücken in Graben und Augsburg, den Anfang des Fngger'schen Grundbesitzes bildeten, wurden im Jahre 1507 von Kaiser Maximilian I. den Fnggern verpfändet, aber»ieinals mehr eingelöst. Albrecht von Brandenburg, Erzbischof von Mainz, stellte am IS. Mai 1SI4 eine Schuldverschreibung ans, laut deren er be- kannte, daß ihm Jakob Fngger zur Bestreitung der Kosten für die Bestätigung als Erzbischof und für die Zusendung des Pallium 21 000 Dukaten geliehen habe. Aus seinen regelmäßigen Ein- künsteu hätte der Erzbischof niemals eine solche Summe zahlen können; deshalb verlangte Albrecht von Papst Leo X. gegen Entrichtung weiterer 10 000 Dukaten für Sachsen und andere Theile Deutschlands das Generalkommissariat des von dem Papste ausgeschriebenen Jubelablasscs. Mit dem Ablaßprediger Tetzel reiste stets ein Vertreter der Fngger, der einen Schlüssel zum Ablaßkaste» in Händen halte. War dieser voll, so wurde er im Beisein des Fugger'schc» Agenten geleert, letzterem der ganze Inhalt zugewiesen und die eine Hälfte durch den Faktor der Fngger an die Kurie ansgezahlt, die andere dagegen als Tilgungsrate der Forde- rnug an Erzbischof Albrecht verwendet. Auch bei der darauf statt- findenden Kaiserwahl spielte das Geld der Fngger eine be- deutende Rolle. Die deutsche» Kurfürsten wollten Baargeld haben oder die Bürgschaft deutscher Kauflente ersten Ranges. Da die Bedingungen der Fngger als zu harr befunden wurden, trat man zuerst mit andere» Kaufleuten in Verbindung; schließlich gaben jedoch die Fngger für die Kaiserwahl Karl's V. 543 000 Gulden her. In vielen Ländern wurden die Fngger vom Volke gehaßt. Luther sagte über sie u. a.:„Zum Zenguiß, daß Gott wohlfeiler giebt und freundlicher borgt, denn die Fucker und Händler aus Erde» lhun";„Hie mußte man wahrlich auch den Fuckern und der geistliche» Gesellschaft eine» Zaum ins Maul legen." Am 14. No- veinber IS30„erhob" der Kaiser Naymund Anton und Hironimus Fugger in den Adelsstand, während Jakob II. schon früher in den Grasenstand„erhoben" worden war. Die angebliche Verbrennung von Schuldschemen Karl's V. ist in das Gebiet der Fabel zu ver- weisen. Der Berliner Maler Karl Becker hat nicht eine wirklich« Begebenheit, sondern eine Anekdote dargestellt.(Vergl. Ehrenberg: „Das Zeitalter der Fngger").— Volkskunde. — Ueber die Spinne i in V 0 1 k s g l a n b e n sprach in der letzten Sitzung des Berliner Vereins für Volkskunde Dr. Max Bartels. Ans einem Referat, das die„Voss. Ztg." über den Vortrag brachte, setzen wir folgendes hierher:„Mutter deginne! Glück bringt die Spinne", sagt ein alter Spruch, und ein anderer aus Nord- deutschlaud lautet:„Spinne am Abend erquickend und labend; Spinne am Morgen bringt Kummer und Sorgen." Die Spinne ist also für das deutsche Volk ein Orakelthier; aber die Begegnung mit ihr ist nicht immer von gleicher Bedeutung, und diese Doppelnatur des Thiercs findet sich auch im Glauben anderer Völker wieder. In Deutschland wird die Spinne von einigen Stämmen be- dingnngslos für glückbringend geHallen, so in Tirol und in Mecklenburg, in letztcrem Lande namentlich die junge und die kleine rothe Spinne. Auch die schwarze Spinne gilt als Glück- verkünderin, während die Kreuzspinne Unglück bringt. In Tirol betrachtet es der Hirt, der ein verirrtes Stück Vieh sucht, der Jäger, der zum Waidwerk auszieht, als ein gutes Zeiche», wen» er auf eine Spinne trifft, wohingegen die Begegnung mit einer Mausf Erfolglosigkeit des?l»sgniiges deutet. Auch die Art, wie sich die Spinne an ihrem Faden verhält, hat ihren bestimmten Sinn. Bei den Zigeunern>» Ungar» und Siebenbürge» bringt die ab- steigende Spinne Schaden, die anskriechende glückliches Gelingen. Kriecht eine Spinne dem Zigeuner über die rechte Hand, so wird er Geld einnehme», kriecht sie über die linke, so sieht ihm eine un- erwartete Ausgabe bevor. Um aber sicher zu wissen, was denn eigenllich das Komme» der Spinne bedeute, ruft ihr der vorsichtige Voigtländer zu:.Bringst Du Glück, bleib stehen! Bringst Du keins, laus' fort!" Unterbricht sie dann ihre Wanderung, so ist das ein glückliches Zeichen. Was die Rolle des Spinnen-Orakels zu den verschiedenen Tageszeilen betrifft, so prophezeit es am Abend für den Voigtländer, den Mecklenburger, sowie für den rumänischen und serbiscben Zigeuner Unglück, während der ungarische Zigeuner die zu Anfang bemerkte üble Vor- bedeutling am lvtorgen festhält. In der Gegend von Zwickau meint man. die Kreuzspinne bring« in der siebeute» Morgenstunde Glück, in der zehnlen Unglück. Wer eine Spinne umbringt, zerstört sein Glück; aber der Voigtländer tödtet sie nachmittags, weil sie dann ja Unglück bringt. So verbrennt sie der Italiener am Morgen und schont sie am Abend. Da sie aber ein„Multergottesthierlein" sei, so tödtet sie der Tiroler überhaupt nicht, und der rumänische oder serbische Zigeuner schützt ihr Leben, weil sie„der Seufzer eines mutterlosen Kindes" sei. Einige ausgefundene, aus Muscheln geschnitzte Schmnckplatten der vorgeschichtlichen nordamerikanischen Indianer bewelsen, daft schon damals die Spinne ein angesehenes Thier gewesen ist. Auf allen bildet sie das hanptsächlichste Ornament, dessen vortreffliche Ausführung bei der doch sicherlich nicht sehr hohe» Kulturstufe der Verfertiger sehr bemerkenswerth erscheint. Wahrscheinlich war dort die Spinne ein Tolemlhier, das Wahrzeichen und Wappenthier bestimmter Stämme oder Geschlechter. Noch heute treten uns die rothe, die blaue, die schwarze und die weiße Spinne als den Mediziiunan» unterstützende Manitos in einer laiigen Beschwöruugs- formel der Cherokee- Indianer Carolina's entgegen. Vielfach dient die Spinne als Orakel für ganz bestimmte Zwecke und besondere Fälle. So sperrt der Tiroler eine Kreuzspinne ein und legt in ihren Käfig S0 Ntlmuiern. Diejenigen fünf Nummern, welche das Thier an dem Deckel des Käfigs festspinnt, werden in der Lotterie das nächste Mal unfehlbar gewinnen. Bei de» Südslaven fängt das Mädchen eine Epinne, steckt sie in ei» Rohr und verstopft dies an beiden Enden. Vor dem Schlafeiigehen gedenkt sie aller Heilige», macht dreimal das Kreuzeszeichen über ihr Kopfkissen und spricht: „O du Spinne, du kletterst in die Höhe» und in die Tiefen; suche meinen mir vom Schlckjat bestiinmten Mai», auf und führe ih» mir als Traumblild vor. Führst d» ihn her, so lasse ich dich am Morgen wieder frei, daß du iveiterhin durch die Well ziehen kannst. Wenn du ihn mir nicht herführst, so werde ich dich zerdrücken." Die Rolle der Spinne als Wetteransagerin gehört nicht in de» Bolksaberglaube», sondern beruht auf richtiger Raturbeobachtung.— Meteorologisches. :.v. Heißer Regen. Eine außergewöhnliche meteorologische Erscheinung wird aus Ehassaw-Jurt im Terekgebiet« gemeldet. Ii» Mai ging dort ei» glühend heißer Rege» nieder, unter dessen Einfluß die Früchte verwelkte», zusammenschrinnpften und von den Bäumen abfielen. Das Regenwasser halte eiue» salzigen Geschmack.— Bergbau. -»-Goldgewinnung in W e st- A u st r a l i e n. Dr. Albans Brand, der im Auftrage eines englischen Konsortiums 1895»ach de» westaustralische» Golddistriklen gegangen war, berichtete in der letzten Sitzung des„Ver. z. Bes. d. Gewerbefl." über seine dortige Thätigkeit. Das Grundwasser ist schlammig und salzig und muß zum Trinken durch Destillation aus viereckige» eiserne» Kessel» gereinigt werde». Die Golderze, von denen die quarzigen am besten. die thonige» und ockerigen unangenehmer sind, werden meist gepocht; geeigneter ist aber die Zerkleinerung durch Kugelmühle»: Eine Sruson'sche Kugelmühle größten Kalibers verarbeitet täglich V0 Tonnen und ist demnach einem Pochwerk von LS Stempeln gleichwerthig. Am geeignetsten für die wasserarme Gegend ist es nun, das gewonnene Bulver einem kräftigen Luftstrome auszusehen, der die gröbsten und schiversten Körner zu- erst fallen läßt, während er die feinereii weiter und den mehlseinen Staub am weitesten trägt. Es ist dies die Aufbereitung öder Separation durch Wind. Die ersteren gröberen Partie» werden in Kugelmühlen mit Wasser und Quecksilber behandelt, so daß-in Gold- Amalgam entsteht, das, wenn i» den Erzen Graphit enthalte» ist, eine unangenehme schmierige Beschaffenheit zeigt. Die Rückstände der Amalgamation zusammen mit den staubfreien Theilen des ursprünglichen Mahlgutes werden der Auslaugnng und Cyankalium- löfung unterworfen. Brand glaubt, daß die Goldausbeute noch mehrere Menschenalter anhalten und daß dann das Land wieder veröden wird.-- Technisches. — Die historische Niagara-Hängebrücke wird am !. Juli durch eine eiserne Bogendrücke erseht werde», welche sich an derselben Stelle befindet und, ohne die geringste Störung in der Be- nutzung der alten Brücke zu veranlassen, erbaut wurde. Während die alle, I8SS von Roebling erbaute Hängebrücke nur ei» Geleise Verantwortlicher Redakteur: August Jacobe»» in B besitzt, trägt die neue Brücke oben zwei Eisenbahngeleise und darunter Fußgängerwege, eiue Bahn für gewöhnliches Fuhrwerk und eine solche für eine Drahtseilbahn. Der gewaltige SSV Fuß lange Boge», der den Wasserfall überbrückt,»vird nach dem Berichte des Berliner Patent-Bureans Gerson n. Sachse von keiner Brücke über- troffen. Beide Hälften des Bogens werden von de» Userpteilern auS errichtet und schließlich i» der Mitte vereinigt. Dann werden die vier Drahtseile der Hängebrücke, von denen jedes 170 Tons wiegt, entfernt, sowie die übrigen Bestandtheile. Alle diese Arbeiten werden aber so ausgeführt, daß der Eisenbahnverkehr keine Unter- brechung erleidet.— Huuioristisches. —„Was t h u t Mama?" In einer höhere» Töchterschule hat die Lehrerin der achten Klasse bei dj» kleinen Mädchen folgende Erkundigungen angestellt:„Was thut Enre Mama, wenn Papa brummt?" Eine Antwort lautete:„Wenn Papa brummt, dann heult Mama." Eine andere Mama„geht dann immer gleich hinaus." Ei» drittes Mädchen berichtete:„Wenn Papa anfängt, dann zeigt er auf die Thüre und ruft: Hinaus! Und dann gehen »vir in die Kinderstube und wissen nicht, wie es dann der Mama er- geht." In einer andere» Familie„gehen Papa und Mama in ein anderes Zimmer und sprechen sehr laut, aber bald immer Mama am lautesten". Aus einem andern Kindermund kam folgende Beob- achtung:„Wenn Papa anfängt und zornig wird, so schmeißt Mama schnell etwas entzwei, dann erschreckt sich Papa und gehl fort." Ganz verleugnet ihre Weiblichkeit die Mama, welche„Papa immer reden läßt; dann hört er am Ende aus". Die kleine Mieze berichtete einfach:„Mama sagt dann ganz leise: Männchen! und dabei sieht sie ihn s v lieb an. und dann sagt er garuichts mehr." Ein kleines Mädchen hatte zur Beherzigung und späteren Nachahmung die Erfahrung gemacht:„Daß Papa brummt, das kommt bei uns nicht vor; das thut nur Mama!"— — Der Lakai. Prinz:„Warum grüßen mich diese Leute nicht?"— Lakai:„Die Leute erkennen königliche Hoheit ivohl nicht."— Prinz:„Ja,»vozn haben Sie denn Ihre auffallende Livree?"(„Simplicissimus".) Vermischtes vorn Tage. —„Verweigere die A n n a h m e iv e g e n Ver- l o b» n g!" schrieb in Bromberg ein Dienstmädchen auf einen Brief, den ihr ein früherer Geliebter gesandt. Sie batte die Schrtftzüge des verflossenen Schatzes auf dem Umschlag erkannt.— — In Altona ist die Goldleiste»- Fabrik Bahr u. Gerkens total niedergebrannt.— — Eine Riese nplötze im Gewicht von fünfzeh» Piund wurde»nit der Angel im D ä u» e r i tz- S e e gefangen. Der Fisch hatte eine Länge von 60 und eine Höhe von 18 Zentimeter.— — Die Porta Paphia in Köln, das letzte übrig gebliebene Thor der allrömischen Befestigung,»vird von der Domfreiheit sort- geschasst und an einem anderen Ort»vieder aufgebaut werden, wo sie den Verkehr nicht hemme» und selbst besser geschützt sei» wird.— — Infolge einer Blutvergiftung starb im Krankenhause zu Ohligs ein 13jähriger jtluger Mann, der sich vor mehreren Tagen mit de» Fingernägeln ein kleines Eiterpockchen an der Ober- lippe aufgekratzt und die Wunde dadurch vernnrcinigt hatte.— — Im Starnberger See siiid am Sonntag zivei junge Münchener Kaufleute ertrunken.— — Das Wiener Stadtbauaint stellt gegenivärtig praktische Versuche mit elektrischer Gesteinsbohrung an.— — Vor einiger Zeit wurde in B u d a p e st der Kommis Hegtst »vege» eines an einem Juwelier verübten Raubmordes verhastet. In der Untersuchung sind Anzeichen hervorgelrete», daß Hegyi früher auch an seinem eigene» 14 jährigen Bruder einen Raubmord verüble.— — Ein lebendes Kind hat in der vorigen Woche das P o st a n» t in Birmingham(Eugland) befördert. Ein Arbeiter kam am Mitlivoch früh mit seinem dreijährigen Knaben von«inen» bei Verivandlen ans dem Laude ab- gestalteten Besuche nach Birmingham zurück, noch rechtzeitig, uin zur Arbeit zu gehen, nicht aber, um noch vorher das Kind nach Hause zu seiner Mutter zu bringen. Er ging auss nächste Postamt, und nach einigem Hin- und Herreden wurde das iliud zur Be- sördernng übernomineii. Der Postzettel wnrde ihm mit den die Gebühr bildenden Freimarken in» Betrage von 9 Pence(7S Pfennig) um den Hals gehängt, und eine Stunde später war das„Fracht- gut"»vohlbehalten abgeliefert.— — Dublin, 2J. Juni.(Zur Jubiläums- Feier.) Aus dem Stadthause»vurde gestern Abend von einigen Personen eine schivarze Flagge halbmast gehißt. Dieselbe»vurde nach einer halbe» Stunde»vieder heruntergeholt und durch die Straße» getragen unter dem Geleit eines Zuges uiit Stöcken bewaffneter Männer.»velche das„Gott schütze Irland" sangen. Die Denionstranten»vurde» schließlich von der Polizei zerstreut. Ein anderer Zng trug durch die Straßen eine» Sarg mit der Inschrift:„Das britische Reich". Eine ih» begleitende Musik- bände spielte einen Trauermarsch und eine geivaltige Volksmenge bildete das Gefolge. Auf dein Wege, de» der Zug»ahn»,, vurde» viele Fensterscheiben durch Steinivürfe zertrümmert.—_ rlin. Druck und Verlag von Max Babing in Berlin.