AnterHaltimgsblatt des Jorwärts Nr. 126. Mittwoch, den 30. Juni. 1897. «1 Cessrine. von Jean Rlchrpin. Hebersetzt von H. L. V. (Nachdruck vcrboten.) Nun, da bekomme ich ja schöne Sachen über meinen Freund Paul zu hören!— Emschieden hatte der Kapitän Reckt, und ich konnte ihm nur zustimmen, als er, mit der Faust aus den Tisch schlagend wiederholt ausrief: .Ein verkommener Kerl ist er, sage ich: ein verkommener Kerl!' Noch am Abend unserer Ankunft in Besanpon— noch ganz gestiefelt und gespornt,— hatte der Kapitän sein Herz ausgeickiitlct. Kaum hatten wir unsere Leute im Foubourg des Chaprais ins Quartier gebracht, als er mich unter den Arm nahm, um mich mit sich zum Diner zu führen; und so» gleich, sogar auf dem Wege noch, inmitten der lärmenden Menge, die gleich uns nach der Stadt hinaufstieg, begann er mit seinen Gegenbeschuldigungen.— Gewiß, schon während der letzten Etappe dachte ich nicht mehr gut von Paul, indem ich die seltsamen Enthüllungen des Kapitäns hin und her er- wog. Aber das schlhnmste, was ich mir hätte vorstellen können, war doch nichts im Vergleich zu dem, was ich jetzt erfuhr. Es scheint, daß sich Paul nicht blos vom Poly- techn.luüi, sondern auch von der Normalschule hatte zurück- weisen lassen, um frei zu sein, und um sich mit Cesarine herumtreiben zu können. Außerdem aber steckt er bis über die Ohren in Schulden, und endlich ist er sogar bis zu dem Grade der Verworfenheit heruntergekommen, daß er sich gegenwärtig von seiner Geliebten aushalten läßt. Wir waren in der Grand' Rue, als mir der Kapitän diese Details mittheilte; in der Grand' Rue, die so von Ossizieren und Soldaten erfüllt war, daß er es mir in die Obren schreien wußte, um sich mir verständlich zu machen. Ich nickte unwillkürlich in die Höhe, indem ich ebenfalls mit erhobener Stimme wiederholte. .Wie, seine Geliebte hält ihn aus?!" „Ja, ja," entgegnete er,„in der That sie hält ihn aus. ech werde Ihnen das erklären. Aber Sie begreifen, daß ich hncn die Geschichte nicht hier so öffentlich erzählen kann." Und während der Lärm um uns herum sich noch erhöhte, rief er noch lauter als vorher: „Es ist nicht sehr angenehm, Donnerwetter! Hier vor den Ossizieren zu beichten, daß man einen Gauner von Sohn be- sitzt, der Schürzen- Stipendarius ist, und noch dazu Schürzen- Stipeudarius eines alten Weibes!' Ich empfand nur zu gut, wie sehr ihn diese Schande be- drückte, als er den Schlußsatz aussprach. Und ich dachte daran, daß Cesarine jetzt in der That eine alte Frau sein mußte. Dreißig bis fünfunddreißig Jahre, vielleicht noch mehr. Ich hielt- das für ein sehr hohes Alter, und ich stellte sie mir schon mit weißen Haaren vor. Das Betragen Pauls erschien mir darum um so schmachvoller, so ungeheuerlich, daß ich es gar nicht auszudenke» vermochte. „Er ist dessen nicht fähig," rief ich dem Kapitän zu. „Er ist jeder Handlung sähig," schrie er mir zu.„Sie werden es schon noch sehen." Und wir mußten die Unterhaltung unterbrechen, um uns damit zu beschästigen, ein Restaurant ausfindig zu machen, in das wir uns aus dem fürchterlichen und immer mehr an- wachsenden Gedränge retten konnten. Das war in der That nicht so leicht. Restaurants, Cafös, Wirthshäuser, Garküchen, Schlächterläden, jeder Ort, wo man etwas zu essen bekommen konnte, waren buchstäblich belagert. Besangon glich einem Festplatze, einer Stadt im Festestrubel, in die ein Einfall von lauter Schlemmern stattgefunden hätte. Tie Slabcosfiziere. das ganze Offizierkorps einer Armee von bundertdreißig Tausend Mann bis herunter zu den Unter- offiziere» und Gemeinen, wenn sie nur eine gefüllte Börse hauen, stürzten sick mit der Raserei eines, während des drei- wöchentlichen Elendes ausgehungerten Magens auf die Lebens- mittel. Eine große Menge, denen mehr daran lag, ihren Durst zu stillen, als ihren Magen zu befriedigen, hatten sich zu- nächst auf die Wein- und Schnapshnmpen gestürzt. Besoffene mit rothem Gesicht, brüllend, den Waffenrock aufgerissen und das Käppi im Nacken taumelten bereits umher, von der Menge hin- und hergestoßen. Jede Disziplin war dahin. Die goldenen oder silbernen Tressen hatten nicht mehr die geringste Bedeutung. Nur noch das Gold und das Silber in der Hand verlieh jetzt ein Recht und bestimmte die Rangordnung. Mobilgardisten und reiche Rekruten ließen sich für ein Trinkgeld separate Zimmer anweisen, deren Thür denen verschlossen blieb, deilen der Mangel an Geld oder der Geiz keinen Rang verlieh. Als wir vor dem Laden eines Pastetenbäckers vorübergingen, hörte ich, wie ein Schwadronschef fluchte und auf feinen Rang bezug nahm, um bedient zu werden, während der Inhaber kaltblütig erwiderte: „Hier giebt es keine Schwadronschefs, hier giebt es nur Kunden." Und er drehte ihm den Rücken, indem er sich eifrig um einen dicken Rekruten bemühte, der eine Banknote schwenkte und rief: „Fünf Louis, ich miethe Ihr Hinterzimmer für fünf Louis!" Der Kapitän war außer sich über diese Unordirnng. Er fluchte: „Eine Armee von Zivilisten! Donnerwetter! Eine Armee von Zivilisten!" Glücklicherweise hatte auch er etwas, um sich in dieser Armee von Zivilisten Respekt zu verschaffen. Ich meine: Kräftige Fäuste und vor allem ein gespicktes Portefeuille. So gelang es uns endlich, in einem Restaurant der Llacs d'annes, dem besten der ganzen Stadt, dem„Cafe Auglais" von Besan7on ein Zimmer zu erhalten, das der Kapitän nach heftigem Kampfe übrigens auf ganz dieselbe Zivilisten- Manier wie der dicke Rekrut erlangt hatte, indem er für da? Konvert fünf Louis als Entree bezahlte. Als wir aber erst allein waren, das Diner auf dem Tische stand, der Kellner sich entfernt hatte, und die Thür geschlossen war, begann sofort der Kapitän: „Ja, ein verkommener Kerl dieser Sohn;«S ist ein ver- kommener Kerl." Und während er heißhungrig aß und tüchtig trank, erzählte er in kurzen heftigen Sätzen, in denen sich der ganze aufgespeicherte Zorn entlud: „Uebrigcns ist er immer so gewesen. Als er noch ganz klein war. suchte er nur mich zu reizen. Ein Hallunke. Krank. Er machte sich mit Absicht krank. Er verabscheute mich, dieses kleine Thier! Das Fechten machte ihn marode. Ebenso das Exerziren. Das Marschiren, das Baden. Alles. Der Herr liebte das nicht. Weichgebacken. Man hätte ihn in Watte wickeln sollen. Das wollte immer nur lesen, lesen und lesen. Und nicht etwa militärische Werke. Er fand sie langweilig. Natürlich nur deshalb, ich sage Ihnen, nur deshalb, weil ich mich dafür inleressirte. Er hatte eine besondere Gabe, mir entgegen zu handeln. Donnerwetter! Wie dieser Schuft der Mutter glich!" Ich bemerkte, wie sich das Gesicht deS Kapitäns bei der Erinnerung an diese Frau verdüsterte. Schon auf dem Wege hatte er zweimal auf die Aehulichkeic Paul'S mit seiner Mutter hingedeutet, und jedesmal hatte ich ge- sehen, wie sich dabei die Stirn seines schrecklichen Eberkopfes in Falten zusammenzog, wie sich sein Unterkiefer verschob, als ob er mit einem Schlage seiner Hauer jemanden aufschlitzen wollte. Aber ich hatte da keine Zeit, darüber nachzudenken: wir wurden inmitten der Menge zu sehr herumgcstoßen. Jetzt achtete ich mehr darauf; denn nachdem der Kapitän seinen letzten Satz ausgesprochen hatte, blieb er still. Ich wußte nicht, was ich antworten sollte, und schwieg gleichfalls. Mit einem Zuge stürzte er ein großes Glas Wein hinunter, strich sich mit der Hand über die Stirne und begann höhnisch von neuem: „Denken Sie nur! Halten Sie es für glaublich?— Oh, es ist auch zu stark. Er zürnte mir, ich bin davon überzeugt, daß ich mich zum zweiten Male verhcirathet habe. Ja, ich bitte Sie um alles in der Welt! In waS sich das alles hineinmischt!" Ich versuchte zögernd einen Einwand. „War nicht seine Stiefmutter, wie soll ich sagen, vielleicht etwas zu hart gegen ihn?" „Hart?" schrie er.„Nein. Die Fran war gerecht. Wahr- hastig, diese Frau hatte Pflichtgefühl; das ist wahr. UebrigenS tichtete sie sich nach nicinen Neixmugcn. Ich bin für Disziplin in allen Dingen, für peinlichste Erfüllung meiner Befehle. Anders kann man die Menschen nicht erziehen. Und darin dachte sie, wie ich. Aber hart, kcincsivegs! Indessen was hätte diesem Weichling auch nicht hart erscheinen sollen! Kanm für zwei Pfennige Brust; Beine von Maccaroni; Rübensauce in den Adern. Ah, Donnerwetter! Und alles absichtlich, ganz absichtlich, ich wiederhole es Ihnen. Wenn er ans mich hätte hören wollen, mit Turnen und Fechten hätte ich ihn schon zurcchl gestutzt. Aber es machte ihm ein Vergnügen, schwächlich zu sein, nur um mich zu reizen und seiner Stiefmutter einen Possen zu spielen. Die sagte ihm unaufhörlich, daß er immer ein Krüppel bleiben ilnd mir nie Ehre machen würde. Und aus reiner Bos- heit versteifte er sich darauf. Ja, ja, seit langem habe ich kommen sehen, was mir der dreckige Kerl an- thun würde. Und sein jetziges Verhalten setzt mich gar nicht in Erstaunen. Ich war daraus vorbereitet. So mußte es mit ihm ende». Meine arme Frau— die ziveite, versteht sich!— hatte eine Vorahnung davon, als sie vor etwa fünfzehn Monaten starb. Ans Gram ist sie gestorben; aus Gram über ihn, wissen Sie! Sie ertrug die Schande nicht, als sie sah, wie er schlecht wurde. Denn bis zu diesem Augenblicke hat er uns nur Schande gemacht!* Und rasch hintereinander stürzte der Kapitän noch zwei Gläser Burgunder hinunter. „Donnerwetter! Meine Kehle ist ganz trocken vom un- aufhörlichen Sprechen. Aber um so schlimmer. Ich muß end- lich einmal reden. Sie sollen diesen Elenden bis auf den Grund kennen lernen. Das erstickt mich alles, es thut mir wohl, mich einnial auszuschütten." Und mit geröthetem Gesicht und blitzenden Augen nahm er seine heftigen Schmähungen wieder auf. Ganz verdutzt und erschrocken hütete ich mich, ihn zu unterbrechen. „Ah, ja, zum Henker, ja!" fuhr er fort.„Der Schlingel hat uns schon manches angethan! Vom Polytechnikum zurück- gewiesen! Von der Normal-Schule zurückgewiesen! Denken Sie von der Normal-Schule! Von derPanker-Schule! Selbst dorr haben sie ihn nicht haben wollen. Anscheinend wegen seiner schwachen Konstitntion. Nichts als das, ist das nicht schmachvoll? Wegen seiner schwachen Konstitution! Aber nur, daß es nicht wahr ist! Er wird sich schon darauf eingerichtet haben. Er wird sich absichtlich niit einer Leichenbittermiene vorgestellt haben. Er wird es satt gehabt haben, immer zwischen den vier Wänden zu stecken. Er mußte frei sein, um seiner Schlampe nachlaufen zu können. Denn ich habe Erkundigungen einziehen lassen. Sie wird aus- gehalten, diese Inhaberin des Lesekabinets! Sie hat schon alle gehabt, �bis auf den alten Lazarcth- Panker. Und was für eineil Ekel von Vater sie hat,. einen Süffel. Und Paul lebte"jetzt mit ihr, mit ihr und ihrem Vater! Augeblich bereitet er sich auf den philosophischen Licentiaten vor. Er sprach davon, Professor zu werden. Nichts als faule Ausreden! Deshalb habe ich ihm auch deil Brotkorb höher gehängt. Und nun verlangt er Abrechnung über fein Erbtheil. Warle nur Bürschchen, ich. Dein Vater, werde schon mit Dir abrechneu! Und die Autorität, zum Donnerwetter! Glücklicherweise ist er noch nicht majorenn. Er hätte mir sonst einen Prozeß an- gehängt, dieser kleine Milchbart! Und noch mehr! Jetzt hat er auch noch Schulden gemacht! Sic können sich unsere Empörung vorstellen. Meine arme Frau ist vor Zorn und Schande darüber zu gründe gegangen. Wenn er noch in dem Alter gewesen wäre, hätten wir ihn ins Korrektionshans bringen lassen. Sie machte mir sanfte Vor- würfe darüber, daß ich nicht eher daran gedacht hätte. Und sie hatte eine Vorahnung von dem., ich wiederhole es, was meiner noch warten würde. Sie hatte einen Blick dafür, sie, Donnerwetter! Mein Freund, sagte sie mir noch auf dem Sterbebett— es waren ihre letzten Worte— mein armer Freund. Dein Schlingel von Sohn wird Dich entehren."(Fortsetzung folgt.) (Nachdruck verdotcn.) Euev Vebun tvÄhvek fiebenzig JÄHvo.. Von H a n S O st w a l d. Sengend brennt die Mittagssonne auf die dürre Kiesernhaide. Eine fliiumernde Hitze brütet in dem knisternden Gebölz. das dem Wanderer einen nur spärlichen Schatten gicbt. Langsam schleppt sich ein alter Mann am Rande der»ach Berlin führende» Chaussee dahin. Er musi der Stadt, die seine letzte Hoffnung birgt, bald nahe fein, denn es begegnen ihm schon Fußgänger und Equipagen, in d.'uen hell- und bunlgekleidete Damen unter großen Sonnenschirmen Ausflüge in die Umgebung machen. An ihrer Seite sitzen wohl» genährte Herren, meist mit eigener Hand die Pferde zügelnd. Sonderbar, wie viele heute an einem Arbeitstage Ausflüge mache» können— denkt der Alte. Doch bald achtet er nicht mehr darauf. Ihn bewegt nur ein Gedanke: Sein Ziel. An einer Biegung der sanft abwärts führenden Chaussee liegt es plötzlich vor idin. Erniatlel setzt er sich im Schatte» des nächste» Baumes auf die mit abg-ffalleuen Kiesernadeln besäte staubige Erde und sieht hin»ach dem Hänsermeer. Grauer Dunst lagert darüber, aus dem zwischen Fabrikschlolen spitze Kirchthürme hervorragen. Alles Schlote und Schornsteme— dicker Qualm entsteigt ihnen und legt sich, niedergehallen von den dnickeiide» Sonnenstrahlen, über die Siadt. sich dort mit den Staub- wölken vermischend, die den Straßen entsteigen, so den Uebcrblick über das Häuserfeld verivehreud. Nur einzelne Punkte leuchten noch auf aus dem Dunst, spitze Kirchlhürmc oder Fabrikschlote.... Hier also hofft er endlich das zu finden, nach dem er schon so lange sucht: Arbeit. Alle seine Jugendfreunde sind ja hier, der eine oder der andere wird ihm schon sorlhelfe». Noch einmal die alten, müden Glieder aufraffend schreitet er der Stadt zu. Es ist Feierabend. Die Fabriksglocke ertönt, und plaudernd und summend strömen die müden Arbeiter aus den Thoren und streben durch die umliegenden Straßen»ach Hause. Familienväter iverden von ihren Kindern, andere von ihrer Frau erivartet. Mehrere Gruppen bilde» sich; nahe der Thür lehnt der Alte am Fabriksgebäude. Er beneidet fast alle diese, die doch wenigstens das allernothoürfligste zun» Leben haben. Sein Freund Franz Nehsuß, der in den Gründerjabren nach Berlin gezogen ist,>vcil damals dort viel Geld zu »erdienen war, arbeilet hier. Franz wird ihn nicht im Stiche lassen, hat er ihm doch in junge» Jahren ebenfalls oft über schlechte Zeiten fortgeholfen. Immer neue Schaaren kommen aus dem Fabrikportal. Endlich glaubt er auch Franz zu erkennen. Er tritt ihm näher:„Guten Tag, Franz!" Der dreht sich erstaunt um und schielt ihn mit zugekniffenen Augen an. Was ivill denn der zerlumpte, staubige Alle?— Da dämmert's ihm auf: «Herrjeh! Otto Wien! Ne aber so was! Wie kommste denn man hierher?! Bio» sagt herbe:„Was, ich bin heriultergekommen?! Brauchst Dich doch aber darum nicht zu schämen!— Smd doch alle arme Schlucker!" Franz wird verlegen, überschreit aber das Gefühl:„Das stimmt!— Du komm» ivohl hierher, um Zlrbeil zu suchen? Mach' Dir keine unnütz. n Hoffnungen, denn hier lausen schon genug iinider. Und in unserer Fabrik ist rs auch schlecht; da entlasse» sie lieber, als daß sie neue Leiste einstellen. Ich bin froh, daß ich»och Sonn» abends ineine paar Mark»acti Hause bringe» kann. Meine Frau redet so schon immer, daß es kaum für uns beide und die fiins Kinder reicht. — Ja, ja, nii' sind schon sünf da; die essen eine Menge weg. Man kann garnickt genug anschassen— und Platz brauchen die auch. Ich weiß kaum, wo ich sie unterbringen soll in der einen Stiche. Die beiden große» Mädels, die nn' bald cingesegnel werden. müssen in der Küche schlafe». Siebste, so ist alles beietzt, sonst würde ich Dich gern ein paar Tage aufnehmen.— Aber weißt Dil was? Geh' zu Albert, meinem Schivager, da gebt's vielleicht. Seine Jnng's sind schon groß, er wohnt auch besser; der wird Dir wohl ein paarmal Nachtlager geben löiiiien." Dem alleii Bieii steigt der Zorn in die Augen. Er weiß, daß es Rehsnß möglich ist, etwas für ihn z» Ihn», denn dieser ist scbo» über zivanzig Jahre in enicr Slellmig»nd halte stets einen gnlen Verdienst, so daß er einen Nolhgroschen zurücklegen konnte. Bien sich» seineui ehemaligen Freunde ins Gesicht; ganz spitz ist das gc, ivorde». „Wie Dil Dich verändert hast!" sagte er. „Sichsle, Otio! M m wird alt! Wenn ich Dir nur sagen könnte, wo Alberl wohnl; aber wir kommen ja fast gar nicht zu- laiiimen." Eine Frau tritt heran:„Na, Franz, kommste bald?!" „Herrjeh, gleich!" Er sagt nur noch hastig:„Albert's Schwieger- bhii ivobnl in der B... straße; da hol' Dir man Bescheid.— Und laß Dich man ivieder sehen.— Ai je!" und davon ist er, von seiner Frau mit Zeter» empfangen. Bic» siebt ihm nach. DaS war also der Empfang von seinem besten Jugeiidfreund? Wie wird es erst bei den anderen werden?— Nach einer halben Stnnde ist er die vier Treppen cu der Wohnung des Schwiegersohnes seines Frenndes Albert eniporgestiegen. Ei» junger Mann öffnet ihm, schlägt aber gleich ivieder die Thür zu: „Wir habe» selber nichts!" Das bat er schon oft hören iniissen, wenn er um eine Mahlzeit angepocht hat. Er steigt schon wieder die Treppe» hinab; da besinnt er sich, daß er ja nur hier die Adresse Albert's erfahre» könne. So pocht er den» nochmals. Eine kleine, blasse Frau sieht heraus und giebt ihm freundlich Autwort. „Anna!" ruft drin der Mann grob;„Anna, wo bleibst Tu de»»?!" Die kleine Frau zuckt ärasilich zusammen und schließt rasch die Thür mit einen„Gnte Nacht!" Bien schleppt sich langsam durch die staubigen, Hoden Straßen- zsige, in die sich jetzt langsam die Dunkelheit senkt. Die Fuhrwerke fahren jetzt alle mit Lichter», die Pferdebahneu niid Ouiuibufse sogar mit rolhen, grünen und gelben. Aus ten offenen, hellerleuctuelc» Lokalen höi t man Musik. I» den Nebeiistrnßeu spielen ganze Horden Ziinder, mährend die Eltern grnppeiin eise vor den Tdüren siehe». In einer solchen Straße mohnl Albert in eincin großen Hinier« hause. Er klingelt an der TKnr, wo drei Namensckilder anzeigen, daß dort drei Parteien ivohiie». Eine rundliche Frau loiniilt heraus. Es ist Albert's Frau, Bien's Spielgenossiu. „Guten Abend, Martha!— In Alberl da?" Sie erkennt ihn an der Stililnic.„Cdto!— Na, komme doch herein!" 'Als er in die kleine, heimische Stube tritt, erhebt sich aus einem Lehnstuhl ei» kleiner gebückter Mann init lächeiudeni Gesicht, der dort an der Lampe seine Zeilnug gelesen: „Sie wünschen?" „Guten Abend. Albert! Kennst mich wohl so nicht wieder?— Seh' höllisch marode ans!" „Aber, Ollo! Dann setz' Dich man!" Gesck ästig rückt er ihm einen Stuhl hin, sucht ihm Hanoschuhe hervor und maa.t es ihm bequem, denn er hat die Lage seines Freundes sofort erkannt. Frau Martha setzt ihm ei» Abendbrot vor, so gut wie sie es bei ihren beschränkten Verhältnissen bieten kau». Dann plaudern sie von vergangenen Zeiten. Viel Gutes ist es nicht, was sie sich erzählen; nur ein Leben voll Muhe i»i> Arbeil und ewig kreisenden Sorgen. Jetzt gehl es Albert ivenigsleuS er- tiäglich; er hat seit längerer Zeil eine Stellung, die ihn vor den Maaensorgen schiitzl. Zwar ist einer von den beide» Söhnen auf der Wanderschaft, auch der Vater ist vor kurrein krank gewesen, doch wollen sie Bien gern so lange Obdach nnd Essen geben, bis er eine Stellung gesunde». „Sieh' mal. Otto, ich denke immer, meinem Jüngsten wird auch nianchinal der Magen kniirren, wenn er auf der Landsiraßc »larschire» miisi meint Frau Martha.„Da braucht er doch auch mitleidige Seeleu." „Na— die sind man auch selten. Aber ein junger Mensch kommt immer noch durch. Was soll aber ein alte. Mann anlange», der in seinem kleinen Heiinatheort keine Beschäftigung findet. Ten halten sie überall an, uud kann er sich nicht gut ausweisen, kommt er ins Loch." „Waruni bist Du denn aus Burg fort?" »Ja; � Tu weißt doch, ich war dreißig Jahre in der Fabrik. Aber schließlich konnte ich auch nicht mehr so vorwärts— dann wurde ich im letzte» Winter krank. Als ick aus dem Krankenhause kam. war»uine Stelle mit einem jungen Kerl besetzt. Elivas anderes konnte ich in tem kleine» Nest nicht finden... Ins Armenhaus will man doch auch nickt gleich... Zwei Monat bin ich schon nnterwegs, aber es ist nirgends anzukommen.— Ich weiß nicht, was mit mir»verde» soll!" schloß Bien. „Hast Du denn keine Verivandte»?" fragte Albert. „Doch nur meine Sckivester," antwortete Bien,„und die hat allein»in ls, denn ihr Manu ist ein Geizkragen. Ter berechnet alles aus Heller»»d Pfennig, trotzdem er's nicht uölhig hat. Und meine Kinder haben genug mit sick selbst zu thnn. So blieb mir nichts iveiler übrig, als auf die Wanderschaft zu gehen." „Hier wird sich schon»vas für Dich finden sagte Frau Martha,»vährend sie sich erhob, um ihm i» der Küche ein Bett ans- zustellen. Als Bien zn Bett ging, streckte er sich behaglich aus— er halte seit langer Zeit nicht in einem weichen Bett geschlafen. Spät am andern Morgen erwacht er; seine wundgelanfenen Füße sind stark angeschwollen, so daß er sich nicht bewegen kann. Seine frenndliche» Wirihslente pflegen ihn. Als er in einigen Tagen»viedcr hergestellt ist, suchen sie entbehrliche Kleidungsstücke heraus, um ihm das Strolchähnliche zn nehmen. Der Vater giebt eine Hose her, die zwar eine» gioßeu Flick bat, aber doch sonst noch sauber ist. Der älteste Soh» sucht Weste und Rock hervor, die Frau Martha»viedcr tragfähig macht, indem sie einige fehlende Kuöpse annäht. Auch Stiefel finden sich noch für Bien»nd ein Hut des Jüngsten veivollständigl die Einkleidung. Der struppige Bart und die»misten Kopshaare verfalleil dem Barbier, und Bien sieht nun wieder ganz anständig ans.(Schluß folgt.) Kleines Femllektm. — Tomnierabcud am Kisnigöthor. Brodelnde Abendröthe gegen Norden, vom schreienden Brandroih an durch alle Nuancen der Farbe, allmäliq verschwindend. Weiter hinauf am blaßblauen Himmel einzelne Wolkenballe», unbciveglich, blntroth. Heber das Feueruieer hin flattern drei schivarze, schmale Fahnen, der Ranch dreier Branhaueessen. Scharf abschneidend von dem lohenden Hintergründe,»vnchtig wie ein Gebirge, schwarz»vie die Nacht, die Hänsermassen der Prenzlauer Allee. Durch die Ranchsänge, Dach- vorspränge und Giebelmmiern erscheint diese Masse»vie ein»n- geheurer Festungsivall mit Zacke» und Zinnen; der»vuchtige Wasser- thurm zur Rechten»vie eine Zitadelle. In der ungeheuren schivarze» Wand verstreute Lichtpunkte. Einzelne ruhig, funkelnd»vie ferne Sterne, an ere verschwindend und»vieder auftauchend wie Blitzfeuer. Die Höbe herab rollt ein Pferdebahnivagen, schläfrig blinzeln seine beiden Lichtaugen.ihre Straolen scheine» eingesogen, eingeschluckt zu wer- den von dem trotzigen, sckivarze», uiigeheuere» Ballen zur Rechten, dem Friedhose der G- oigcngemeinde. In» niilcen Scheine des Gasglüh- lichls strahlt der Zigarreiiladen an der Ecke der Neuen Königstraße. Als wären die Gckser frisch gewasche», blinkt das Lickl der Gas- laternen nnf den» Platze. Ueber die Granitwürfel des Pflasters bis zu den beiden krebsrothen, langsam sich forlschieheiide» Sprengwasen laufen, gesponnener Seide gleich, zwei iveibe Bänder. Vom menschen- a-iinmelnden Platze empor schallt das Janckze» und Sckreien der Kinder, das Rollen und Klingel» der Pferdebahn, das Rasseln, Knarren und Poltern de, Laslf»hr»>erke, die schlürfenden, tappenden, klappende» Sck'itle vieler eilender Menschen.--— Mählich erfühlt der Himmel, in unendlicher Ferne zittern die Sterne. Aller Lärm auf dem Platze ist verstummt, die Nacht herab- gesnukeii. Vom Friedrichshain her zieht der süße Dust der Linden- blüihe und der kräftige Brodem des reifenden Roggens.— Literarisches. — Mark Twain hat es abgelehnt, das Ergebniß der fiir ihn vera' stalteten Sannnlnng in Einpsang zn nehmen. In einen» an den„Nen yorker Herald" gerichteten Schreibe» sagt er, es sei noch Zeil genug, Hilse anzunehmen, wenn einmal wirklich erwiesen lei, daß er nicht mehr arbeilen könne. Die«ingelaufene» Gelder sollte» an die Geber zurückerstattet»verde».— Mark Twain hatte sich ein Vermögen crschrieben, dieses aber durch den Bankerott seines Verlegers, an dessen Geschäft er belheiligt»var,»vieder ver- lore».— Kunst. — I» Sparta hat man am 12, Jnni in einem Hause in einer Tieie von l'/e Metern unter dein Fußboden zivei große Mosaiken aus gmer Zeit und von vorzüglicher Erhaltung auf- gesnni e». Das eine von ihnen stellt den Orpheus dar,»vie er die Leier spielt und die»vilde» Thier« um sich herum zähint; aus dem andern sind Blnineugeivinde in schönen» Farbenschmnck zn sehen. We- ige Meter von diesem Hanse hat man ei» drittes Mosaik, daS den tliaud der Eiiropa zum Gegenstand hat, entdeckt.— Erziehung und Unterricht. — Ein Preisausschreiben über die Umgestaltung des Lehrplanes der Volksschule ist vom Zenlralausschuß der Gesellschaft für Verbreitung von Volksbildung und den» ge- schällsführenden A sschnß des Deutsche» Lchrervereins erlassei» »voroe». Das Preisausschreiben greift zurück aus die Beschlüffe der deutschen Lehrerversammlung in Hamburg von» vorige» Jahre. Es weiden Leh> pläne fiir den deutsche», den geographischen, de» natnr- n isseuschafllichen, den hausnärthschastlichen, den Geschichts- und den iliechen- und R'umlehre-Unlerricht gefordert. Ausgesetzt sind zivei Preise von je 200 M., sechs P>eise von je 100 M. und vier Preise von je ö0 M. Die PreiSarbeiten sind bis zun» 1. Februar»äcksten Jahres an die Kanzlei der Gesellschaft für Volksbildung, Berlin I�Wl. Lübeckerstr. 6, einzusenden, von wo aus auch nähere Angaben zu er- hallen sind.— Medizinisches. ie. Ueber die Verbreitung der Cholera durch Fliegen berichtet der Stabsarzt Buchanan in der„Indischen »»ediziniichen Zeitung". Es handelt sich nil» den plötzliche» Ausbruch dieser Krankheit in den» Gefängniß zu Bllrwai» in Indien, zu desien Erklärung der genaimte Arzt die Verschleppung von Cholerakeime» ditrch Fliege» verinulhet, obgleich ein eiuivurfs- freier Beiveis daiür nicht erbracht werden konnte. Die Insasse» dieses Gefängnisses sind in zivei Abtheilungen getheilt, die gesondert gespeist»verde» und für die auch gesondert gekocht »vird. Die Gefangeue» von der Abtheilung, bei»velcher die Krank- heit zum Ausbruch kam, speisten i» einem Theile des Gesängniß- Hofes, der, durch die Mauer getrennt,»ach einer Seile hin gelegen war, wo außerhalb in ziemlicher Entfernung sich mehrere von Cholera heimgesuchte Hüllen vo» Eingeborenen besande», die andere Ab- theilung speiste aus der entgegengesetzten Seite des Gebäudes. Es wurde beobachtet, daß zur Zeil ein starker Wind in der Richtung von den mit Cholera angesteckte» Hüllen nach demSpeiseplatz derAdtdeilung »veble, in der die Erkranknngeu sich einstellte». Es»vird daher für wahlscheinlich gehalten, daß dieser Wind Fliege», schivärnie von jenen Hüllen weg nach de», Gesängnisse hingeblasen habe, und daß die Fliegen»inter der Hoden Gesängnißinaucr vor dem Sturme Schutz gesucht und sich aus die Speisen, die auf dem Tische vor den Gefangene» stände», gesetzt hätten,»vie dieses that- sächlich beobachtet»vurde. Da es leider ilicht mehr möglich»var. Proben dieser Speisen zur bakteriologischen Untersnchnng zu bekommen, so bleibt diese interessante Frage nur auf einer Vermnlhung beruhen. Jedoch hat»na»» die Vervreitnng ansteckender Krankheiten durch geflügelte Insekten schon f»ük>er als möglich»achgewiese». Im vorigen Jahre»vnrde der königliche» Gesellschaft i» London über Experimente berichtet,»velche darlhalen, daß Fliegen nicht nur Bakterien auf beträchtliche Ent- iernuugen zn verschleppen im stände sind, sonder» auch die ansteckenden Keime beträchtliche Zeit au sich zu behalten vermöge». Diese Versuche machen es höchst»'ahrscheinlich, daß in viele» Fällen eines plötzlichen Ausbruchs ausleckender Krankheiten die bisher nicht gesllndene Er- värnng in der Verbreitung der Keime durch fliegende Insekten»u suchen ist. Sehr möglich wäre es». B.. dag die Fliegen die Ueber- tragung der Pocken besorgen.— Diese Auffassung hat freilich in der Wiffenschait auch zahlreiche Gegner und für die Malaria ist es von mancher Seite direkt als ei» Unsinn bezeichnet, daß Stechfliege» zu der Verbreitung dieser Krankheit mitwirken ioUlen. Von Interesse ist diesbezüglich die Mittheilung eines Ungenannten an die „Revue Seien lifiqne". Es wird dort daraus aufmerksam gemacht. daß in Port Sandwich aus der Insel Malikolo in de» Neuen He- briden das Sumplsieber ungemein stark austritt, sodaß es fast ohne Ausnahme alle Europäer, die sich dort aushalten, manche sogar nach der ersten Nacht ergreist. Dabei giebt es ans dieser Insel so wenig Fliege», daß man beim k-chlafe» kein Fliegennetz braucht. Im Gegensatz dazu sind auf der Insel Diahat in Neu-Kaledo»ien Fliegen in solche» Unmassen vorhanden, daß man sogar den Deportirten dort den Gebrauch von Fliegennetzen bewilligt, dabei sind Fälle von Eumpssieber dort völlig unbekannt.— Völkerkunde. — In Basra, einer Hasenstadt an der Mündung des Euphrats, und in einigen anderen Städten giebt es eine etwa 4000 Anhänger zählende Sekte, die Sabianer, die sich selbst als„Aiandayi", d. h. Besitzer des lebendigen Wortes bezeichnen. Ihre Religion— sie erweisen nämlich deni Täufer Johannes gött- liche Ehre und behaupten, von ihm abzustammen— nölhigt sie. an Klußttsern zu wohnen. Die Dause ist vre wichtigste Handlung in ihrem kirchlichen Leben und wird bei allen Gelegenheiten,»inichließ- lich Hochzeiten und Begräbnissen, vorgenommen. Sie haben zwei Namen, eine» alltäglichen und einen rel>giösen, und ihre Sprache ist eine semitische, die dem Hebräischen und Aramäischen verwandt ist; ibr heiliges Buch„Sidra Raba" genannt, enthält eine vollnäudige Geschickte der Welt,„von Gott selbst �geschrieben und dem ersten Menschen gegeben." Unter de» darin enthaltenen Weissagungen ist eine bemerkenswerth, daß der Islam nur noch 70 Jahre dauern und nach Ende dieses Zeitraums das Christenthum 40u Jahre lang die herrschende Religion sein werde. Daun wird der Antichrw in Egypten erstehen und der Messias— in Rußland. Da die letzten zwei Seite» der Handschrift fehlen, ist eS nicht möglich zu sagen, was nachher geschieht.— Geologisches. — Die Meermühlen von Argostoli. Auf der nächst Korsu größten der jonischen Inseln, Kepballenia, liegt an einer tiefen Bucht des Meeres die Siadt Argostoli, welche etwa 10 240 Ein- wohner zählt. Nahe dem Hasen dieser Siadt befinden sich zwei Wasser- mühlen. welche die Eigemhiimlichkeit auszeichnet, daß sie durch das Meer in B.wegung gesetzt werbe», welches fortwährend zwischen den beiden Vorgebirgen von Lexuri und Argostoli in die Bucht strömt und deshalb wie ei» Fluß benutzt werden kmin. Obwohl diese Thatsache schon seit langem bekannt ist, wird sie doch erst seil dem Jahre 1835 durch die dainals errichteten zwei Mühlen aus- genutzt. Das in die Bucht gefliömle Wasser fließt in die Spalien des durch häufige Erdbeben zerklüsieteu Vorgebirges. Wo aber dieser ungefähr 800 Ateler breite Strom weiter hinfließt, hat bis beute noch nicht genau festgestellt werden können, obwohl sich Geologen schon wiederholt mit der Frage bcschäsligt Hube», unter anderem Wiedel in seiner 1874 in Hamburg erschienene» Schrift: „Die Insel Kephallenia und die Meermühlcn von Argostoli." Wenn auch durch die iviederhollen Erdbeben,— von denen das am 4. Februar 1887 besonders hervorzuheben ist, denn es zerstörte außer den Städten Lexuri und Argostoli mehr als vierzig Dörfer— sich große Spalten und lliisse in den Felsen bildeten, so müßten dieselben doch, und wen» sie auch noch so groß wären, im Laufe der Jahrzehnte resp. Jahrhunderte von dem ein- strömenden Wasser längst aufgefüllt sein. Neuerdings habe», wie die„Lievue Scienlifique" in Nr. 20 berichtet, zwei Engländer, deren Namen die Revue leider nicht nennt, diesen Meerstrom untersucht und glauben denselben dahin erklären zu können, daß das in die Tiefe gelangle Wasser auf heiße Stellen trifft, dadurch erhitzt wird und dann außerhalb der Meerenge als heiße Quellen wieder in die Höhe steigt. Die Möglichkeit eines solche» Vorganges wäre durch eine eigenthüniliche Formation der Klüftung ja nicht atisgeschlossen. immerhin ist, wie auch die„Revue Scientifique" erklärt, noch kein positiver Beweis für die Richtigkeit dreser Annahme beigebracht.— („Prometheus.) Technisches. — S ch n e l l p ö k e l n. R. Down, der Leiter einer großen Schlächterei in Gillingham. hat«in Verfahren erfunden, mittels dessen man Fleisch und Speck in sehr kurzer Zeit einzupökeln vermag. Das Verfahren beruht darauf, das man das Fleisch, welches haltbar gemacht werden soll, in einen dampskesselähnlichen Behälter bringt, in dem darauf die Lust verdünnt wird. Sie ent- weicht dann nicht nur aus dem freien Ztaume des Behälters, sondern auch aus dem Fleisch, dem Speck selbst. Ist das bis zu einem ge- wissen Grade geschehen, so läßt man Salzlake in den Behälter ein- strömen und setzt sie hernach noch unter geringen Druck, und erreicht aus diese Weise ein schnelles Durchdringen aller Theile mit der Salzlake. Im Verlauf von 7—8 Stunden ist der ganze Vorgang beendigt.— Mau ist nach dieser Weise auch in Jstadt in Schweden verfahren und soll ganz befriedigende Erfolge erzielt haben.— Berantwortlicher Redakteur: Angnst Jarobry in B Humoristisches. — Muster-Beispiele. Um die Mitte des vorigen Jahr- Hunderts ivnr im Elsaß eine lateinisch« Graniniatik im Gebrauch, deren Titel lauiele:„Gründlicher und deutlicher Unterricht wie man auf eine einsällige und leichte Manier die Declinationes und Conjugationes nach de» Haupt-Regeln des Synlax der Lehr- begierigen Jugend beybringe» könne; Sintemalen die Wenigste» ei» Lexikon vermögen anzuschaffen, oder wen» sie je eins haben, doch damit gar schlecht umzugehe» wissen; Als hat man selbigen zu Hülffe kommen und auch die Laleiinschen Wörler dem Deutschen allezeit bey- fügen wollen, welche geringe doch ivohlgemeinte Arbeit, so wohl Lehrenden als Lernenden hoffentlich wohl wird zu statleu komme», aus- gefertigt von I. W. C. S."— I» dem Bande finden sich unter anderen folgende Sätze, die von den Scdülern ins Lateinische übersetzt werden mußten•„Der Tobias war niemals der Andreas. Der Ziegenbock ist niemals gewesen ein Wildschwei». Das Messer wird»ichl werden ein Schmied. Mein Bruder wird ein Vaier werden. Die Kunst ist ein Theil des Menschen. Das Gedicht ist dunkler gewesen, als das Rätzlein. Der Esaias ist gelehrter gewesen, als der CambyseS. Das Pserd ist feister, als ein Wolf. Der Donner ist erschröcklicher, als die Kälte. Ach. daß mein gantzer Leib beweget würbe. Ihr nieine Schulgesellen esset gern Feige». Der Friede wird zuwege gebracht durch den Krieg. Ich sehe, daß der Mitlag vorhanden ist. Es werden nicht allein zu Ulm, sondern auch in Nürnberg fromme Weiber gefunden I» Altdorff werden nicht allein Stndente». sondern auch Bürger und Bauern gefunden. Dein Bruder wird mit einer großen Last gedrucket. Mit deinem Gehör wirst du von den tauben Leuten nnterschieden. Er kratzt am Kopf. Bon meinem Bruder, der ietzund ein Student ist, höre ich nichts anderes, als daß er sein Erbiheil durch die Gurgel jagel. Als du neulich zu mir kämest und mich grüßlest, stehe, da hüpfte das Herz i» meinem Leib. So einer eben dasselbige wollte, was der andere will, wäre niemals Uneinigkeit unter den Leuten: Allein weil einer dies will, der andere etwas anderes, dannenhero entsteht osil Un- einigkeit in der Welt. Wann werden aber die Menschen ein Ding wolle»? vielleicht alsdann, wenn das Wasser wird wolle» trocken feyn und Schnee wird wollen schwartz feyn."— Vermischtes vom Tage. — Nichts»v e i t e r? Ein Schöneber ger Blatt bringt folgende Anzeige:„Hausdiener, intelllgeut, der Gäste bedient, Klavier spielt, auch Kelierarveit machen muß, I. Juli verlangt."— — Auf der Besitzung Johannisthal bei Reusckhagen(Ost- preuße») schnitt ei» geisteskranker Dorfbewohner, der schon in der Irrenanstalt gewesen, einer alte» Frau und dann einem kleinen Mädchen mit der Sense den Kopf ab.— — I» Roßlau a. Elbe erwürgte ein Dachdecker seine Frau, steckte seinen achtjährigen Knaben mit dem Kops in einen Emier Wasser und steckte dann die Wohnung in Brand. Das Feuer wurde gelöscht, der Knabe gerettet. Der Dachdecker erhängte sich im Ge- fäugnisse.— — Wie in Rheidt, so ist jetzt auch in Crefeld eine ganze Familie durch den Genuß von Sckir iiiig, den man für Petersilie hielt, vergütet worden. Der Mann ist bereits gestorben. — Kam da eines Tages zu Pfarrer Kneipp ein Siudent noch beeudigler Kur. um zu sragen, was er schuldig sei.„Nix", lautete die prompte Antwort,„bin froh, daß Sie mich nicht ange« pumpt haben."— — Bei dem Eisenbahn Unfall bei Kolomea sind sechs Ve- dieuslete der Bahupost, ein Aegimeutearzt und zwei Frauen um» gekommen. Der Arzt war auf der Hochieilsreise.— — F ü ii f k i r ch e n, 20. Juni. In zwei hiesigen Familien er- krankten acht Personen unter Vergisiungserscheiniinge» nach dem Genuß einer Torte, welche mit Ltnnstbuller gebacken war. Gegen den Konditor, der die Torte angeierligt hatte, ist die Uiitersuchuug eingeleitet.— — Die griechische Küste wurde am 2S. Juni von einem heftigen Meerbebe n heimgesucht. Die vor Anker liegenden Schiffe wurden wie Nubschnleii gegen einander geworfen und be- schädigt. Am stärlsteu wurde der Hafen von Phaleron betroffen; die daselbst ankernden russischen und englischen Kriegsschiffe wurden beschädigt. Mehrere griechische Barken wurden in die Lust ge- schleudert. Das Meerbeben war überall von hestioeu gewitlerarligen Erscheinuiigen begteilet.— — S u d a(Kreta), 29. Juni. Durch eine Ventilrohr-Explosion an Bord des italienischen Kreuzers„Bansau" wurden 5 Personen getödlel und eine schwer verletzt.— — In Solana, Provinz Ciudad Real(Spaiiien), stürzte eine Kücheninauer ein. Neun Kinder wurden getöbtel und mehrere verwundet.— — Bon der Pest. In der Qnarantäne-Station von El» Tor, 200 Meilen südöstlich von Suez, sind zwet pestverdächtige Erkrankungen unier den Pilgern vorgekommen.— — Der Dampfer„Aden" ist am 9. Juni bei der Insel S o k o t o r a uniergegangen. 25 Passagiere und 20 Mann der europäischen Mannschaft, darunter sämmlliche Offiziere, sind er- trunken. Neun Passagiere, drei europäische und 33 eingeborene Matrosen wurden gerettet. rlin. Druck und Verlag von Max Babing in Verlin.