Anterhattungsblatt des Horwärls Nr. 127. Donnerstag, den 1. Juli. 1397. sj Cesavinr. Von Jean Nichepin. Uebersetzt von H. L. (Nachdruck verboten.) Der Kapitän hatte sich erhoben und hielt sich den Kopf mit beiden Händen, er erstickte fast vor Wuth. Er goß sich Kognak in ein Bordeauxglas und trank, oder vielmehr schüttete ihn durch die Kehle. „Und wie Sie sehen, hat er es nicht daran fehlen lassen dieses Schwein! Jetzt will er diese Cesarine Heirathen! Und indem er darauf wartet, läßt er sich von ihr aushalten, aushalten, noch einmal, aushalten! Und das gerade in dem Augenblicke, wo ich wieder in Dienst getreten bin! Absichtlich, sage ich Ihnen, absichtlich, um mich zu reizen, absichtlich, um meine Epauletten zu entehren!" Bei diesem Worte protestirte ich von neuem, wie ich es eben inmitten des Gedränges gethan hatte. „Kapitän!" schrie ich,„das kann ich in der That nicht glauben." „Ich auch nicht," erwiderte er,„ich konnte es nicht glauben, als ich es erfuhr. So sehr ich auf alles vorbereitet gewesen bin, so sehr mich die arme Verstorbene gewarnt hatte, eine derartige'Niederträchtigkeit hätte ich doch nie er- wartet." „Aber haben Sie denn auch Gewißheit, Kapitän?" „Ob ich Gewißheit habe? Leider!" „Aber wer hat Ihnen so etwas gesagt?" „Wer?" Der Kapitän brach in konvulsivisches Lachen aus, das in einem seltsamen Widerspruch zu seinem„Leider" des vorher- gehenden Augenblickes stand. „Wer? Äh! ah! Wenn Sie daS errathen könnten! Wer? Ah, nian sieht wohl, daß Sie diesen erbärmlichen Schuft noch nicht von Grund aus kennen. Wer? Nun wohl! Er selbst, Donnerwetter! Er selbst. Er hat mir das zum Nachtisch aufgehoben!" Fieberhaft griff der Kapitän in die innere Tasche seines Waffenrockes und zog daraus eine kleine längliche Mappe aus haarigem Leder heraus, die wie ein Fuhrmannsportefeuille aussah und mit einem Lederricmen zusammengeschnürt war. Er machte, ivie wenn es ihm dabei ekelte, mit den Finger« spitzen den Riemen auf. „Das sind seine Wische", sagte er.„Seine sämmtlichen Briese. Ich nenne das meine Schmutzmappe. Warten Sie! Das ist sein letzter Brief, von dem ich Ihnen spreche. Er ist mit der Ballon-Post gekommen. Ich habe ihn vor etwa zehn Tagen empfangen. Ihre Ballons befördern saubere Sachen! Lesen Sie!" Das war Panl's Schrift. Sie hatte sich seit diesen vier Jahren nicht verändert. Immer noch diese gekritzelten Krähen- süße, die Schrift eines Mathematikers. Ich erinnerte mich seiner Briefe von früher. Nur das zwiebelfarbene Papier war heut etwas dünner und die früher schon dicht gedrängten Zeilen liefen jetzt beinahe ineinander. Ich war bewegt und fühlte mich durch den wilden Blick des Kapitäns genirt. Nur mit Blühe konnte ich die Schrift entziffern. Als er das bemerkte, entriß er mir heftig den Brief. „Ich werde ihn Ihnen verlesen," sagte er,„das geht schneller. Ich kenne ihn auswendig." Und er begann. Seine rauhe, brutale Stimme gab den ohnehin schon bestimmten und kategorischen Sätzen Paul's einen hochmüthigen Anstrich, der mich in Erstaunen setzte. Unter diesem rauhen, bestiuimten, herrische» Anschein erkannte ich den so milden, zärtlichen Burschen garuicht mehr wieder. Er sprach in der Tbat den festen Willen ans, Cesarine zu hcirathen und forderte Abrechnung über sein Erbtheil, sobald er großjährig wäre. Hart warf er seinem Vater vor, daß dieser ihn niemals geliebt habe, daß er ihn den Verfolgungen einer hassenswerthcn Stiefmutter preisgegeben, daß er ihn in Paris aus das Pflaster gesetzt habe, ohne einen Sou, so daß er gezwungen war, Schulden zu machen." „Sie sehen," unterbrach sich der Kapitän,„ich bin der schuldige Theil. E r klagt mich an. Und woraus sollte diese ganze Auseinandersetzung hinauslaufen? Um nur zu gestehen, daß Cesarine ihn erhalte. Um es mir zu gestehen? Nein. Um sich dessen zu rühmen. Hören Sie nur. Und er las mir, indem er auf jedes Wort Nachdruck legte, die folgenden Sätze vor, die sich tief in mein Gedächtniß eingegraben haben: „Ich besaß noch vierzig Franken als Paris" belagert wurde. Mit diesen vierzig Franken habe ich einen Monat lang gereicht. Dann war ich vollständig blank. Der Geschäftsmann, der unsere Familie kannte und mir auf meinen Namen einen Vorschuß gegeben hatte, war abgereist. Ich wurde krank. Da hat sich dieses wunderbare Weib an meinem Bette eingefunden, sie hat mich gepflegt, sie hat mich ernährt. Wenn ich noch lebe, so danke ich es nur ihr." „Ich erfinde nichts," schrie der Kapitän,„da, da unten, auf der Seite, lesen Sie selbst, lesen Sie laut, Donnerwetter!" Und während ich die Wahrheit seiner Worte konstatirte, indem ich, wie er es gewollt, laut las, unterstrich er die ein- zelnen Worte mit dem lauten Grollen seiner Wuth: „Krank! Ei, ei!... Wunderbares Weib, Donnerwetter! Diese alte Schlampe!... Ernährt! Hat sich was, ernährt!... Seht, seht! Ernährt!... Wenn er lebt, dankt er es nur ihr!.. Welchen Schmutz! Weg damit!" „Sie begreifen," fügte Paul hinzu,„daß ich jetzt, und sei es nur aus einfacher Dankbarkeit, da ich eine Ehrenschuld abzutragen habe..." „Ehrenschuld!" nahm der Kapitän wieder auf.„Er wagt von„Ehre" zu sprechen! Glauben Sie denn, daß er eine hat? Keine Spur! Weiß denn der überhaupt, was Ehre ist? Aber nur zum Schein, im übrigen ein ganz un- würdiger Schein. Oder vielmehr Spott, jawohl Spott, reine Niedertracht..." Ich hatte die Seite umgewandt, um den Schluß des Satzes zu lesen. Aber sofort, und noch ungestümer als biS« her, entriß mir der Kapitän den Brief. Und indem er ihn hastig in sein Portefeuille steckte, sagte er mit kurzem Ton: „Es lohnt sich nicht, de» Rest zu lesen. Geschäfts- angelegenheiten. Intime Dinge �zwischen ihm und mir. Das geht niemanden etwas an." Indessen hatte ich im Fluge noch die Worte erhascht: „Meine Mutter, meine arme Mutter", die sich auf der letzten Seite mehrmals wiederholten. Ohne Zweifel argwöhnte der Kapitän, daß ich das gesehen habe, denn lebhaft sagte er, wie um das Vorhandensein dieser Worte zu erklären: „Es handelt sich um die Abrechnung über seine Erbschaft, ja um das und nichts anderes. Darum allein. Er rcklamirl das Vermögen seiner Mutter. Geschäftsangelegenheiten, wie Sie sehen. Geschäftliches, nur Geschäftliches. Sonst nichts." Aber offenbar sagte mir der Kapitän nicht die Wahrheit, während er so sprach. Das bewies mir sein ganzes Benehmen: seine Hast, mir den Brief zu entreißen und ihn beinahe zu verbergen, sein beunruhigter Blick, der meinem auswich, und vor allem diese eigenthümliche Hartnäckigkeit, mir Er- klärnngen zu geben, die ich von ihm gar nicht gefordert hatte. Daraus ergab sich bei mir wieder eine Wendung zu gunsten Pauls.... Ich konnte mich nicht enthalten, ihn zu vertheidigen. „Sind Sie davon überzeugt, Herr Kapitän, daß das Be- nehmen Ihres Sohnes auch in der That so— wie soll ich mich ausdrücken— so beabsichtigt schlecht ist, wie Sie an« nehmen?" „Wie meinen Sie das?" entgegnete er mit unruhiger Miene. „Ich meine, daß es' in seinem Falle doch Umstände, nun ja, mildernde Umstände giebt. Oder anders aus- gedrückt: Ich denke mir, ich wenigstens, daß er nach und nach durch die Macht der Verhältnisse bis zu der gegenwärtigen Situation hinabgesunken ist, die gewiß unwürdig und dem Anscheine nach vcrnriheilenswürdig ist. Aber ich kann mich doch nicht entschließen, in alledem diese Art von Vor« bedacht, von Absichtlichkeit zu erblicken, die Sie ihm unter- schieben und wofür ich keinen einleuchtenden Grund sehe." Ich sprach zögernd und vorsichtig, da ich fürchtete, den Kapitän zu verletzen; aber gleichzeitig war ich doch erstaunt darüber, daß ich von ihm nicht unterbrochen wurde. Er hörte nnr sehr aufmerksam zu, ohne daß sich jetzt sein Blick dem meinen entzog. Im Gegentheil, er bemühte sich, in meinen Augen und auch zwischen meinen Worten zu lesen, ob ich ihm nicht, wie er vemuthete, etwas verberge. Sein Ausdruck drückte so offeukuudig sein Mißtrauen gegen mich aus. daß ich glaubte, ihn beruhigen zu müssen, indem ich lebhaft hinzusügte: »Ich sage Ihnen, was ich denke, Herr Kapitän,- iu der That alles, was ich denke. Es liegt mir voll- ständig fern, das Benehmen Ihres Sohnes entschuldigen zu wollen. Ich versuche es mir nur zu erklären, und das ist alles. Und das, ohne auf ihre vorgefaßte Annahme einzugehen, daß bei ihm alles nur beabsichtigte, gewollte Ehr- lofigkeit sei, um Ihnen Kummer zn machen. Denn niemals kann die Abneigung zwischen einem Sohne und einem Vater bis zu diesem wilden Hasse gehen. Besonders nicht bei einem Wesen, wie es Paul ist. Ich kenne ihn zu genau, als daß ich nicht wüßte, wie liebevoll im Grunde sein Herz ist. Es ist unmöglich, daß er sich seit den vier Jahren so geändert habe» kann. Denken Sie einmal nach, Kapitän. So viel Niedertracht, eine so raffiuirte Rache! Dasür müßte es doch zum mindesten einen Grund geben!" Der Kapitän bewahrte noch immer sein Schweigen und betrachtete mich immer stärker, mit einer wachsenden Be- klemmung. Ich fragte mich, wie ich mich aus den Ein- wendnnge» hinauswinden sollte, in die ich muh aus gut Glück hineingestürzt hatte. Am liebsten hätte ich geschwiegen. Aber ich fühlte den unwiderstehlichen Zwang zu sprechen, oder besser gesagt, laut zu denken. Seibit die angstvolle und fragende Haltung des Kapitäns zwang mich dazu. „Ja," fuhr ich fort,„für diesen Haß muß es einen Grund geben, einen ernsteren Grnnd als eine unbezähmbare Stimmung. Ihre zweite Ehe reicht noch weniger dazu aus, um zu er- klären, wie... Ich habe andere Freunde gehabt, deren Bäter sich ebeiiso wie Sic zum zweiten Male verheiralhet hatten, schlechtere Menschen als Paul, sicher weit schlechtere Menschen. Sie verabscheuten ihre Stiefmutter, gewiß! Aber doch nicht ihren Barer, in keinen» Fall. Uird besonders nicht bis zu diesem Grade. Diese Annahme ist unzulässig, lkapitön, wirklich unzulässig. Oder nur bann erklärlich,»venu Paul ein U>»- geheuer iväre." Ich war bei einer letzten Schlußfolgerung angelangt, die ich nicht auszusprechen wagte. Aber doch brannte sie mir so sehr ans den Lippen, daß ich trotz meiner Anstrengung mich doch nicht enthalten konnte, mit ganz leiser Stimme u>»d mehr nur für inich zu flüstern: „Vorausgesetzt..." „Vorausgesetzt, daß ich nicht selbst eins bin!" schrie heftig der Kapitä»'.„Das»vollen Sie sagen, nicht? Los, gestehen Sie es doch aidlich. Haben Sie den Mnth Ihrer Meinllng! Donnerivcuer! Schon eine ganze Stunde»vollei» Sie doch da hinaus. Ich sehe es ivohl! Und soll ivohl noch gar zustintinen! Und um mich geschivätzig zu machen! Ja, ja, Sie suchen mich zum Schwatzen zu bringen! Aber mit welchem Recht, mein Herr, frage ich Sie? Das»st zu stark! Bin ich hier zur Beichte, Dol»ner>vetter?! Habe ich irgend �»nandem Rechenschaft abzulegen? Ich habe»»einen» Sohne keine Rechenschaft abgelegt, ich gebe sie keinem Meusche». Ich habe das gethan, was ich thun wollte. Und ich habe ivohl gcthau. Entweder hält man die Ohren steif, oder man hält sie nicht steif. Wenn ich noch einmal hai»deln»nochte, so»vürd� ich«beilso handeU». Genug— übrigens, genug!" Er war ganz blaß geworden, er schien ganz außer sich; er schluckste. Ich hielt ihn für betrunken oder für verrückt. Wo- her dieser Zorn? Wovon sprach er zu wir? Ossen- bar sprach der Wein und der Kogiiak, die er in ganzen Gläsern gelrunken hatte, aus' ihm. War nicht schon seine Blässe das Zeichen einer akuten Alkohol- Vergiftung? Er flößte mir Furcht ein; aber noch mehr Mitleid, denn trotz seilier energischen Proteste sah es aus, als ob er ohnmächtig»verde» wollte, als ob ihn eine geheime und unerträgliche Qual zerwühlte. Physischer oder seelischer Art? Ich wußte es nicht. Was sollte ich ihm ant- worten? Wie ihn beruhigen? Ich stotterte nichtssagende Eilt- schuldigungen. „Ich bcdanrc, Herr Kapitän, ich bedanre unendlich, daß ich, ganz gegen meinci» Willen, ich schivöre es Ihnen, Er- iii>»erungcn geweckt habe, ich iveiß»licht Erinnerungen»velcher Art. Aber glauben Sie, daß»ch nicht so neugierig bin, so____" Er schien mich nicht mehr zu hören, selbst nicht mehr meine Gegenwart zu beachten. Er ging mit großen Schritten auf»md ab und murmelte in seineu Schnurrbart: „Ein verkommener Kerl! Ein verkonimeiier Kerl!* Und plötzlich kain er zu sich. Er athmete schnaufend und schüttelte seinen Kopf, in dem das Blut plötzlich wieder auf- gestiegen war, und dann sagte er mit gedämpster und belegter Stimme: „Achten Sie nicht darauf, mein Kleiner. Der Wein macht mich traurig und streitsüchtig. Ich habe getrunken»vie ein Loch, nicht wahr? Das giebc mir immer Lust, zu schreien. Aber das dauert nur einen Augenblick. Das geht sofort wieder vorüber. Aber jetzt Schluß! Und dann koinmt man ja in diesem Laden vor Hitze um. Das macht das Gas. Gehen wir!" Er schellte dem Kellner, warf auf den Tisch ein Fünfzig- franks-Billet und sagte: „B» halten Sie den Rest." „Ergebensten Da»ik, Herr Oberst," erividerte der Kellner, der sich fast bis zur Erde beugte. Der Kapitän hielt ihm sein Käppi unter die Nase. „Schafskopf!" sagte er,„der Oberst hat fünf Tresse»»." Und»vir stiegen hinab, ohne ein Wort zu»vechselu. Tie Place d'Armes»vimmelte von Leuten, ärger noch als vor dem Diner; und das»virbelre noch viel bunter durch ciua»»dcr, ein Mischmasch von Gemeinen und Ossizierei». Trotz der starken Kälte waren alle erhitzt. Die Gesichter»oarci» roth, die Augen blitzten. Man hörte lachci»de Zurufe, und die Püffe im Gedränge wurden mit guter Laiine ausgeuomn»«»». Es»vor, als ob ei»» militärischer Erholungsabeud stallfäiide; einer von den Abenden, wo die Strafe ansgehobe», die Kasernen geöffnet sind, wo die Parole»st: sich zu bezechen. Man hätte leider selbst sagen können, eine von den Nächten,»vo die Stabs» offiziere, nachdem sie die Mannschaften zu schmutzige»» Arbeiten geführt hatten, ihnen zugleich damit das Recht geben, in dieser Prätoriaucr-Orgie alles zu vergesse», alles, selbst bis auf den Respekt vor den von diesem Augenblicke an verächtlich geivorde>»en Vorgesetzten. Die Betrunkenen hielten den Fahrdan»»» besetzt und spreizten sich in ihrer Trunkenheit. Jeden Augenblick kam ans der Grand' Rne eine Bande angezogeu, die Arme untergefaßt und laut schreiend; und die Offiziere, die»>iema»»d grüßte, drückten sich bei Seite, um sie vorüber zu lassen. Ter stapitäii schlug mir ans die Schulter und schrie mir ms Ohr: „Das alles, mein Kleiner, das alles und das Benehinen meines Sohnes, und Sie, der Sie ihn z»» entschuldige»» siickien, das alles zieht»nd sich an ihnen rächen »vollen, lind lvc»»»»»»»an das natürlich findet, so»st das »»»tcrste zu oberst gekehrt. Ei»» Land, das solche Kinder hervor« bringt, bringt auch solche Soldaten hervor! Land der Zivilisten! Vermaledeites Land! Guten Abend „Wie?", sagte ich, erstaunt darüber, daß er mich verließ. „Sie wollen nicht mit mir»»ach Chaprais nach unsere» Quartiere»» kommen?" (Fortsetzung folgt.) (Nachdruck verboten.) Euev Ueben wÄhvek fiebenzig JtaTtvc... Bon Hans O st>v a l d. (Schluß.) Die letzten Arbeiter flnd in» Fadrikeiugang verschwunden, nm ihre Arbe» zu beginnen. Nur feinvarts stet,» noch eine Gruppe, die sich schen nähert. Es siild Arbeitsuchende, die mit starren Blicken den» Pförliicr Antwort geben, der»'ie nach ihren Berbältuissen fragt. Die Mehrzahl»veist er zurück. Unter den letzte» Sliisrngenden»st auch Bk». Der Zerberus in seiner silberbeUepteu Mütze betrachtet ihn von oben bis uiile»»nit lnUschei» Blicken, indem rr ihn nach seiuem Berufe fragt. „Mclalldrehor," antwortet Bleu. „Von der Sorie können Sie noch einige mitnehmen!" lacht ihm der Sllberbetrehle ins Gesicht. Das»rar nun schon die zwanzigste ähnliche Antivort, die Bieu bekomme» hat. Er geht zur einniidzivmizigstcn Fabrik. Hier antwortet ihn» der Pförtner, ein breitschulteriger Man» mit aus- gedunsene»» Gesicht:„Sie sind zu all!" Bien steht wie betäubt. Zu all? Warum? Hat er kein Recht mehr auf Leben und Arbeil? Er geht von einer Fabrik in die andere. Ueberall wird ihm ein gleicher oder ähnlicher Bescheid. Zu alt— zu alt?! Er kann sich das nicht erkläre»», kam» er doch noch arbeiten,»venn auch nicht soviel»vie ein junger un- verbrauchter Mann, denn seine Knochen sind schon etivas steif. Abcr er muß doch arbeiten und leben— Altersgeld bekommt N ja erst in zehn Jahren-- und das ist noch eine lange Zeit. Eines Abends kommt er wieder ergebnißlos. müde zurück. Er schäinr sich. Albert's Gastfreundschaft noch annehmen zu müssen, da sie selbst nur das knappste haben. Sie sitzen gerade beim Abendessen; Kartoffeln und Hering. Es geht ihm durch den Sin», daß heute sein Geburtstag ist. Nim ist er schon sechzig Jahre alt— sechzig Jahre voll Sorgen und Arbeit— und doch nichts für das Alter— Er ißt neue Kariofseln und Hering, sein Lieblingsgericht; doch «S will nicht so recht munden, wenn er an die Zeil zurückdenkt, wo er seinen Geburtstag im Kreis« seiner Familie mit eigenen Mitteln feiern konnte. Was n»r Alberl und Martha heute haben? Sie sind so un- ruhig. Frau Martha hat daS Geschirr und da? Tischzeug i» die Küche getragen und bringt»iiii Hausvier herein. Während sie das Glas vor Bien hinstellt, blinzelt sie ihrem Mann zu. Dieser erhebt sich und schiimnzelt Bien an: „Dil, sag' mal, möchtest Du gern arbeiten?" Bien schwankt das Glas in seinen Händen: „Was?" Albert lacht: „Kannst morgen bei nnS anfangen. Heut Mittag hat ein junger Dreher anfgebiht; da Hab' ich rasch Deinetwegen mit dem Meister gesprochen. Der fragte mich zwar, ob Du auch schon so alt wärst wie ich. Ich sagte ja. Nim wollte er erst nicht recht, aber schließ- lich>mll er s doch mal mit Dir versuchen." Bie» bleibt vor Freude regungslos ans seinem Stuhle sitzen: „Das ist aber ein Geburtstagsgeschenk," meinte er. Dann geht das große Glas von einem zum andern.?I»s dem Vorderhanse klingt Ktavierspicl herein, gedämpsi vom Gläserkiirreu und Stinunengewirr. Ter Hausherr feiert auch Geburtstag.— * Die Maschinen surren und schnurre» bei jeder Bewegung. Das große Schwungrad dreht sich mit solcher Kraft, daß der Fußbodeu, ja das ganze Gebäude bei jeder Umdrehung erzittert. Dazu das ächzende Geräusch der viele» kleinen Maschinen, das Feilen am Schraubstock nnd das Schlage» ans dem Ambos giebt zusammen einen solchen Lärm, den nur Menschen mit den zäheste» Nerven ertragen können. Bien steht an einer kleinen Maschine, die durch Uebertragimg von dem große» Ecbwnugrad in Bewegung geseht wird. Er stanni über die Leistungen seine, Genosse», die in drei Tagen mehr geschafft haben, als er in der doppelte» Zeit. Da kommt der Obermeister ans dem Komptoir. Die Scherze de: Genossen verstninme». Er nähert sich Bien: „Nun, wie siebt's ans?" Bien tritt zurück. „Sind Sie denn noch nicht weiter?!" knurrt der Zwischenmensch, dem die Auge» vor Zorn nntertmifeii. Bien murmelt etwas von„einarbeiton", doch der Meister unter- bricht ihn:„Kommen Sie ins Komptoir!" Bien folgt ihm durch die lang n Säle. Seine Genossen sehen ihm»ach; sie wissen, was es bedeutet:„Kommen Sie ins Komptoir!" Eine Glasthür trennt den kleinen Nanu» von den Arbeitssäle». Nachdem sie eingetreten, seht sich der Meister ans seine» Drehsessel und sagt:„Das geht nicht länger so— der Platz muß nur mehr einbringen. Wenn Sie nicht schneller arbcilc» könne»—" „Gewiß— ich werde mich schon einarbeiten!" vertheidigt sich Bien, dem eine Ungewisse Hitze durch die Glieder fährt. „Ach was!" sagt der Meister, und schlägt krachend ei» Buch zu. „Lassen Sie es mich noch einmal versuchen," bittet Bien. „Unsinn! Die Fabrik ist keine Probiranstalt!— Und Sie sind auch zn alt,»m umzusatteln," fügt er hinzu und steckt, befriedigt über diesen Erkennknißblitz, die Hände in die Hosenlasche» und lehnt sich hintenüber. Bie» ist verwirrt:„Was soll ich denn aber anfangen?" „Gehen Sie ins Armenhaus." Er. der sich so lange geqiüilt, der auch noch arbeiten kann, soll ins ArnienhanS.— Dort würden sie ihn aber garnicht aitfiiehmen, denn—:„Sie könne» ja noch arbeiten!"— Allenfalls würde man ihm ein monatliches Almosen geben, etwa fünf— sechs Mark. Der Meisler blickt ans, als er keine Antwort erhält:„Vinn? � Gehen Sie zur Kasse und lassen Sie sich Ihren Anspruch ans« zahlen!" Bien erfüllt mechanisch die Übliche» Formalitäten. Dann findet er sich plötzlich draußen. Der Kops ist ihm ganz wirr, es ist ihm, als sichle er erst jetzt die Erschütterung durch daS große Schwungrad.... Zn Albert mag er nicht gehen, da er ihnen nicht länger zur Last fallen will. Er schickt ihnen seinen Berdienst mit der Post. Er ist zn alt— um diese Phrase bewegen sich seine Gedanken wie in, Kreise. Wenn er zehn Jahre älter wäre, wäre er versorgt. Denn dann muß die Altersversicherung für ihn aufkomme«.... Doch das sind noch zehn Jahre— und trotzdem ist er schon zu alt?— Er weiß sich das nicht zu reimen. Dann fällt ihm ein, daß es wilde Völler- stämme geben soll, die alle, unbrauchbare Leute lebend begrabe»— dieser kurze Erstickungstod muß ja herrlich sein gegen das langsame Absterben, das ihm bevorsteht. Er wünschte,»Itter diesen ehrlichen Barbaren zn lebe». Seine Jrrgänge haben ihn zu einem großen Güterbahnhof ge- führt. Es ist bereits finster. Fauchend bewegen sich die Maschinen gluthspeisnd hin nnd her in der Dunkelheit, lange Wagenreihen hinter sich herschleppend. E? sieht ans wie in einem Schlangen- käsig. Vorn glühen ei» Paar Augen in bie Nacht, der Nachen sprüht Feuer— das windet und schlingt sich durcheinander, wie in einem Hexenkessel. Bien starrt schon lange auf das verwirrende Treiben hin—-- Ihn überfällt plötzlich die Wulh der Verzweiflung. Er ist zu alt.., Man wirft ihn weg, wie man Maschine» zum alten Eise» wirst.-- Plag sie dort verkommen. Wozu lebt er dann»och? Zum langsamen Verhungern?»» Zum Umherstreichen?-- Lieder ein schnelles Ende.— Etwas Unbestimmtes zieht ihn hinab vom Geländer, von dem ans er so lange dem lauten Getriebe zngescbant. Er stolpert nnd fällt aus ein Geleise, aus dem soeben ei» Schnellzug herandranst.... »» Eine junge Dame, die den Kopf hinanegebeugt hatte, um das ihr so fremde Arbeilsgetriebe aus dem Bahnhof z» betrachten, halte eine» dunkelumrisseuen Körper gegen den Zug taumeln sehe». „O Gott! Papa! Ich glaube, da ist eben jemand überfahren worden!" waitdte sie sich schaudernd an ihren Vater, den Fabrikanten W., der gerade dem Gedeimrath G. auseinandersetzte, wie nothwendig es sei, daß man einige Zeit von de» Geschäfte» entsernt sich an der See stärken müsse. Als man auf der nächsten Station das Blut an den Rädern ah. wollte man nicht weiter fahren. Der Fabrikant W. hatte große Mähe seine Tochter zu beruhigen, die entsetzt darauf hinstarrte und immer flüsterte: Der arme Mensch— so ans dem schönen Leben gerissen zu werden— so ans dem schönen Leben gerissen zu»verde»---" Kleines �enillelon — Die Entstehung der Dichtung. In einigen Blättern wird großes Meie» mit einer„Entdeckung" des Professors Bücher gemacht, die darauf hinausläuft, die körperliche Arbeit als den Urquell der Dichtung und Musik zu erklären. Als Beweis wird die Arbeitsweise der Naturvölker herangezogen. Abgesehen davon, daß diese Behanplmig nur eine Theilivahrheit»».schließt, ist die ganze „Entdeckung" auch nicht einmal neu. I» Wilhelm Liebknechl's„Ein Blick in die neue Welt" heißt es Seite 277(Tagebuch vom 1t). Dezember 1886): „Die Matrose» haben soeben eine Arbeit zu verrichten und sie finge» dazu, genau wie die Matrosen ans allen anderen Meeren. Ein eimacher Rhythmus, der offenbar den Zweck und die Wirkung hat, eine größere gemeinsame Kraftlcistung hervorzubringen. Ein rhythmisches Ausruhe» ergiebt sich ganz natürlich bei gemeinsamer Körperanftreugmig,— wenn es gilt beim Ziehen, Heben jc. Takt zu halte»— und es will mich auch bedünken, daß auf diese Weise das Singen und die Musik entstanden sei. Doch vielleicht haben die Gelehrten das schon längst entdeckt."— — Ein einziger Perl- Anstern- Park existirt ans der Erde, der seinem Besitzer einen erkleckliche» Gewinn abwirft. Diese Aufternbank befindet sich beim Kap Jork in der Ferres- Straße im Norde» AnflralienS und gehört einem Herr» Clark ans Queens- land, welcher insolge dessen den Beiname»„König der Perlenfischer" tührl. Derselbe setzte anfänglich nur Ibl)«00 Perl-Austern zur Zucht aus. Heule beschäftigt er iusgesammt Ivvv Arbeiter, von denen allein Z«v Perlen-Tancher sind, welche auf 25« Schiffen zum Fischen der Anstern ausfahren. Die vor nngefähr 13 Jahren gegründete Perl-Aanstern-Bank, welch« einen Raum von 500(engl.) Quadrat« meilen mnfaßt. wirft ihrem Besitzer je»ach der Ausbeute einen jährlichen Erlös ab, der zwischen 40000 und 200 000 Pfund Sterl. fchwantt.— Kunst. — Die sünftindzwanzig Entwürfe, die bei dem inter« nationalen P l a t a l w e t t b e w e rb« der sächsischen Piano« sortefabrik Kaps in die engere Wahl gekommen stnd. iverden vom 0. Juli ab im Verein Berliuer Künstler in Berlin öffentlich ausgestellt.— —„Heber den Tanz bei den Griechen" hielt in der Wiener archäologisch- philologischen Gesellschaft„Erirnos Vindo- borensis" Maurice Enunannel ans Paris, der im Auftrage der französischen Regierung die Wiener Einrichtungen für den Tanz- Unterricht studirr, einen durch Demonstrationen mit Hilfe eines Skioprikons unterstützten inleressante» nnd anregenden Vortrag. Ausgehend von der Erwägung, daß die physiologischen Voraus« setznngen und Bedingnnge» für den antike» und modernen Tanz die gleichen seien, und gestützt auf eingehende Kenntniß der heutigen Bllhnentänze und ihrer Technik, die er sich zum Zwecke seiner Untersuchungen über den Tanz bei den Griechen beim Balletmeister der Pariser Oper. Maret, erworben hat, erörterte er eine große Anzahl von orchestrischen Darstellungen auf griechischen Vasen und Reliefs aus der Sammlung des Louvre und aemüble sich, die dargestellten Tänze zu analysire» und zu spezisiziren. Die Anatogleu zwischen den antike» und modernen Tanzarten laiueii dadurch s« besonderer Geltung, bnjj der Vortragende den antiken Darstellungen Bilder moderner Tänze, Tänzer und Tänzerinne». die nach dem Prinzips des Kinematographen aitfgettouiliien morden waren, vorausgehen und folgen lieh. Der Vorlragende selbst bezeichnete seine Darlegungen als durchaus nicht erschöpfend und abschlienend nnd verkannte nicht das Problematische, das bei dein Stande des zur Verfügung stehenden Materials und der großen Verschiedenheit, die trotz aller Analogien zwischen den komplizirten modernen Bühnentäuzen nud de» einfacheren antiken bestehen, übrig bleibe, nnd bezeichnete selbst seine Resultate für die Kenntniß des griechischen Tanzes als bescheidene. Ihren Werth fand er vielmehr in den Einblicken, die sie in die Werkstätte der griechischen Kunst gewähren, da sie zeigen, wie es die antiken Künstler verstände», die flüchtigen Einzelmomente der Tanzbewegungen im Bilde festzuhalten und wiederzugeben, die über- raschende Analogien mit der modernsten Errungenschaft des photographischen Reprodnktions-Versahrens, dem Kineinatographen. aufweisen, und die wiederum geeignet seien, die Wahrheit des Satzes zu erweisen:„Es giebt nichts so junges wie die griechische Kunst."—-- Kunstgewerbe. — Ein alter Kunstdruck. Bei dem Umbau eines Hauses in Zörbig bei Bitterfeld fand man in einer Mauernische ein in Holzdeckel gebundenes starkes Buch eingemauert. Dasselbe ist ein alphabetisch geordnetes„Nachschlagebnch zur Heilung von Krankheiten" durch sogen. Hausmittel. Das Werk ist, wie es am Schlüsse desselben wörtlich heißt:„Getruckt zu Basell durch Michael Jsingrin da man zalt»ach Christi geburt läi.v.XI-III." Die Ausführung ist der damaligen Zeit(1543, etwa über 100 Jahre nach Erfindung der Buchdruckerkunst) entsprechend großartig. Das Werk umfaßt 346 Kapitel und das Format ist in Groß- Quart gehalten. In klarer, deutlicher Sprache sind alle Krankheiten, ihre Entstehung nnd eilung besprochen. Gegen 500 Holzschnitte(Abbildungen von flnnzen und Künstlern, welche bei der Herstellung mit thätig waren) erläutern den Inhalt. Das Werk ist im Auftrage Kaiser Karls V. geschrieben nnd gedruckt. Ein gewissermaßen als Vorwort vorangestelltes Edikt des genannte» Kaisers sichert dein Drucker Michael Jsingrin seine Einnahmen.'— Erziehung und Unterricht. — Vertreter der Schulpädagogik an preu- ßischen Universitäten. Wie die„Kreuz- Zeitung" hört, besteht die Absicht, a» den preußische» Universitäten in weiterem Umfange als bisher Schnlpädagogik durch Dozenten lehren zu lassen, die selbst im praktischen Schuldienst gestanden haben. Zu- nächst soll in Halle eine ordentliche Houorarprosessnr dafür er- richtet werden.— Völkerkunde. — Der Bannspruch der Liebe. Der„Franks. Zeitung" schreibt ein Leser: Wie Aberglauben selbst i»«iner Großstadt wie Frankfurt, heule noch wirksam ist, werden Sie ans einem Vorfall ersehen, der sich in meinem Hanse abgespielt hat: Eines meiner Dienstmädchen aus einer Ortschaft in Württemberg gebürtig, legte inliegenden Zettel auf eine der Uhren»ind theilte mir stets mit, wen» solche abgelaufen war, ein Umstand, der mir eigentlich ausfiel, denn ihre Beobachtung erstreckte sich eben nur auf diese eine Uhr. Der jetzt zufällig gesundene Zettel erklärt alles. Wenn ei» Mädchen, so geht der Aberglauben, einen derartig beschriebenen Zettel auf eine gehende Wanduhr legt, kann der Geliebte nie untre» werden. Der Zettel lautet:.„Im Namen des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes bitte ich(folgt Name und Adresse des Mädchens), daß Du(folgt Name und Adresse des Geliebten) sollst keine Ruhe haben Tag und Nacht keine Minute, wo Du gehst, liegst oder bist. eder Schlag dieser Uhr soll Dir eine» Stich ins Herz geben und ich mahnen, zu mir zu kommen. Dies bitte ich im Namen der Dreieinigkeit und der drei Vaterunser. Amen."— Aus dem Thierlebe». — Das Nest am Kronleuchter. A»S Ratibor wird ge- schrieben: Eine eigenartige Stelle hat ein Rothschwänzchenpaar zum Bau seines Nestes ausgesucht. In dem großen Tanzsaale des Gasthauses„Z»r neuen Welt" im Vorort Altendorf hängt ein Kronleuchler. dessen Arme in ihrer Vereinigung durch einen Eilen- kränz zusammengehalten werde». Hier hat das Vogelpärchen sein Heim aufgeschlagen. Unbekümmert um die rauschende Musik nnd die tanzenden Paare genügt Madame Rothschwänzchen hier ihrer Brütepflicht, während der zärtliche Gatte mit den Musikern um die Wette sein Lied erschallen läßt.— Technisches. — Neues vom N i ck e l st a h l. Nene Versuche von Beardmore haben die Ueberlegenheit des Nickelstahles über de» gewöhnlichen Stahl als noch viel bedeutender erwiesen, als bisher geglaubt wurde. Es wurde die Zugfestigkeit von Nickelstahldraht für etwa ei» Drittel frößer geHallen als die von Stahldraht, Beardmore theilte aber der nstitutioB of Xaval Architects eine Reihe von Versuchen mit, nach denen die Elastizitätsgrenze von gewöhnlichem Stahl bei 21,3 Kilogramm Belastung auf den Quadratmillimetcr Querschnitt. die Brnchgrenze bei 43,6 Kilogramm liegt, von Nickelstavl dagegen bei 46,5 nnd 60,8 Kilogramm, also etwa doppelt so hoch. Nickel- stahlplatten zeigten sich auch viel widerstandsfähiger gegen Wasser und Lufteinwirkung, als Stahl- oder Eisenplatten. Die ersten, welche Nickelstahl in weiterem Umfange sür den Schiffsbau ver» ivandten, also zu Masten, Schraube», Wellen ec., sind übrigens die Japaner— allerdings aus englischen Wersten— gewesen.— („Techn. Rundsch.") — Metallschmelzen durch A c e t y l e n. In der „Deutschen Gold- nnd Silber- Scheide- Anstalt" wurden Heiz- und Schinelzversuche mit Acetylengas i» Rößler'schen Gasöfen unter Zu- hilfenahnie eines Schülke'schen Acetylen-Erzeugers gemacht, die sehr befriedigende Ergebnisse halten. Es wurden sehr rasch Temperaturen von 150M C. erzengt und z. B. ei» Quantum Nickel in 30 Minuten flüssig zum Ausgießen geschmolzen, wozu man in anderer, bisheriger Weise 80— 85 Minuten Zeit nöthig hatte. Ein in der Anstalt besonders für Acetylengas hergestellter Bunsenbrenner bewährt sich sehr gut. Es wurde damit ein kleines Quantum Kupfer in einer Minute flüssig geschmolzen. Humoristisches. — Banernfrömmigkeit. Pfarrer:„Hinterbäuerin, warum laßt denn gar kei Seel'nmess' nimmer lesen für Dein g'storbnen Mann? Willst'n denn ganz verschmachten lassen im Fegsener?!— H i n t e r b ä u e r i n:„Na, dös»et, aber er is mir a mal in: Traum erschiene und hat g'sagt:„Marie, hat er g'sagt, brauchst koa Mess' inehr les'n lassen für mi, is schad um's Geld, woast, i bin in der Höll!"—(Limplicissirnus.) — Abgestraft. Zwei Herren nähern sich auf der Harzreise, in der Absicht einzusteigen, einem fast leeren Eisenbahnwage». Da erscheint im Rahmen des Koupeefensters die einzige Insassin des Wagens, eine stark verblühte Dame nnd ruft in barschem Tone: „Besetzt!"— Herr(zu seinem Begleiter):„Ach so, hier dürfe» wir nicht einsteige», das ist ja der Wagen nach dem Blocksberg!"— Vermischtes vom Tage. — I» Hamburg brach in der Nacht zum Mittwoch in dem Gebäude der Elektrizitätswerke Feuer aus. das großen Schaden an- richtete. Das Haus und die werlhvollen Maschinen gelte» als ver- loren. Der Betrieb der elektrischen Straßenbahnen dagegen wird nur geringe Störung erleiden. Menschenleben sind keine zu be- klagen. Der Brand soll durch Kurzschluß entstanden sein.— — W i e was»irische Frauen ihre Ehemänner kuriren, zeigt folgender Fall, der kürzlich vor dem Schivurgericht in A l l e n st e i n zur Sprache kam. Der Losmann Gosz ans Kl.-Schiemaneu wurde am 1. März d. Is. in einer Gastwirlhschaft gemißhandell und wurde schwer verletzt»ach Hause gebracht. Hier »ahm ihn seine Ehefrau in Behandlung. Auf die offenen Wunden legte sie— Wagenschmiere und für den innerlichen Menschen braute sie einen Teuselstrank ans Branntwein, Butter und Zucker zusammen und wärmte dieses Gemenge auf der Pfanne auf. Diese appetitliche„Arznei" erhielt der Unglückliche so lange, bis er am 15. März verstarb. Da das ärztliche Gutachten zweifelhaft ließ, ob der Tod des G. infolge der Mißhandlung im Wirthshanse oder durch die Pferdekur herbeigeführt worden ist, so erfolgte die Frei» sprechung der angeklagten Ehefrau.— — Am Dienstag Morgen fand man an fast jedem Hause des III. Stadl-Qunrtiers in Marburg einen Zettel kleben, auf dem zu lesen stand:„Der Küster der Elisabethkirche wohnt nicht in diesem Hanse."— Sludentenulk!— — Der mit Holz beladene Dampfer Dagmar ist ans dem Wege nach Island gänzlich verloren gegangen. Die ganze Be- satzung ist erlrunke».— — In der Stadt K i l i a an der Donau steigt das Hochwasser noch immer. Wenn das Wasser nicht fällt. dürfte die ganze Stadt untergehen. Bisher sind 400 Häuser zerstört. Das Wusser steht in der Stadt einen Faden tief. Der Verkehr ist nur auf Booten möglich. Die Bewohner sind theils aus die Böden der Häuser, lheils aus die Felder geflüchtet. Es macht sich ein Mangel an Nahruiigsmitteln bemerkbar.— — Im ä g e i s ch e n Meere fanden zyklonarlige Stürme mit schweren Niederschlägen statt. Die Gebiete von Saloniki, Cavalla und Snnti haben stark gelitten.— — Der griechische Dreimaster„D e s p i n a" wurde hart vor T o u l o ii an die ftiiste geschleudert.— — Paris. 30. Juni. Gestern Abend ging in Nogent le roi ein furchtbares Gewitter nieder. Die Ernte ist vollständig zerstört; zwei Personen wuideu vom Blitz erschlagen.— — In London wurde vor einigen Tagen ein Halsband, das 360 große Perlen enthält, für 104 000 M. verkaust. Dein Manne, aus dessen Nachlaß es zur Auktion kam. hatte es 220 000 M. gekostet.— — V o n d e r P e st. Die Pest in Djeddah dauert so rt; täglich kommen bis drei Todesfälle vor.— c. e. S a n i l ä t s- B i b e l n zum Gebrauche bei Gerichts- Verhandlungen hat man jetzt in den Bereinigten Staaten hergestellt. Ihr Deckel kann gewaschen und desiufizirt werden, und wer die Bibel zu küssen oder in die Hand zu nehmen hat. braucht nicht zu ürchten, dadurch krank zu werden. Wie ungläubig die Menschen geworden sind!—_ Verantwortlicher Redakteur; August Jarobcy tu Berlin. Druck und Verlag von Max Badiug in Berlin.