Knterhaltungsblatt des Vorwärts Nr. 128. Freitag, den 2. Juli. 1897. lNachdruck verboten.) lvt Cesavittv. Von Jean Richepin. Uebersetzt von H. L. „Nein," erwiderte er.„Ich gehe zu den Schweizerinnen schlafen." Dann mit einem bitteren Auflachen: „Vielleicht giebt es da wenigstens noch Disziplin. Zum Donnerwetter!" VI. Als ich mich nach Champrais zurückwandte, war den ganzen Weg entlang in mir, wie um mich herum das gleiche wirbelnde Chaos. Wie diese Trunkenen brüllten und sich stießen, so wirbelten auch meine Gedanken in einem lärmenden Chaos und konnten nicht zur Ordnung kommen. Alles ging durcheinander, alles hüllte sich in Nebel: Dankbarkeit und Groll gegen den Kapitän, der mich bald als Freund, bald als Feind behandelt hatte; Mitleid mit seiner angstvollen Beklemmung; Befremden, wenn ich an seinen Zorn- ansbnich dachte; ein wirklicher Schrecken über seinen unerklär- lichcn Haß gegen Paul; ein ivahnsinniges Verlangen, die Wahrheit über den Inhalt dieser geheimnißvollen vierten Seite zu erhalten, die er mich zu lesen verhindert hatte. Und aus der andern Seite hatte ich außer diesen an sich schon so durch- einander laufenden Empfindungen noch andere auf Paul bczüg- liche Empfindungen, die sich ebenfalls gegenseitig widersprachen. Ich fragte mich, ob ich ihn anklagen oder verdammen sollte, und ans welchen Gründen er sich an seinem Vater rächen wollte. Und dazu noch diese Liebe! Wie sehr ich mich auch anstrengte, ich konnte ihre Geschichte nicht ergründen. Wie konnte diese Leidenschaft, die ich als so keusch, so halb mystisch kennen gelernt hatte, in einem so schimpflichen Znsammenleben einmünden, wo das Weib den Geliebten anshält? Und sollte ich in Cesarine, in meiner sagenumwobene» Cesarine von damals wirklich nichts anderes als die von dem Kapitän sogenannte gemeine und alte Schlampe erblicken? Was! Die Geliebte Henrtanlt's? Und eines Haufens anderer? War das faßbar? Die Informationen des Kapitäns, ja, die sprachen ohne Zweifel dafür. Aber von wem hatte er sie? Warum hatte ich ihn nicht darüber befragt? Und ind.em mir das alles gleichzeitig aufstieg, zogen in meinem Gehirne wie in einer tollen Sarabande, deren Figuren sich in einander schlangen, der Kapitän vorbei, wie er den Brief, dessen letzte Seite er mir verbarg, schwenkte, wie er gemeine Beleidigungen gegen seinen Sohn ausstieß, der die Epaulctten seines Vaters besudelte, und Cesarine, Arm in Arm mit Henrtault, und Paul, der sich taumelnd an den Armstumpf des alten ungarischen Generals angefaßt hielt; und alle diese Grimasien schneidenden Gesichter vermischt mit den versoffenen Gesichtern der gesättigten Soldateska, durch die ich mich wie ein Ertrinkender hindnrchschlug. Was für ein Gesicht würde der Kapitän machen, wenn er mich den nächsten Tag trifft, und mit welchen Worten konnte ich selbst ihn anreden? Damit beschäftigte ich mich, als ich zu Bett ging. Und doch konnte ich es nicht erwarten, bis dieser Augenblick eintrat. Zu viele Fragen, auf die �jich keine Antwort st.nd, stürmten auf mich ein, und ich athniete schwer, dieser Pein überliefert worden zu sein. Zu gleicher Zeit fühlte ich mich wie zerschlagen vor Ermüdung. Und wie ei» Stock fiel ich in der Scheune nieder, die uns in Chaniprais als Quartier angewiesen worden war. Einige zwanzig Leute lagen schon schnarchend da, eingebuddelt in dem Stroh und den Kopf ui ihre Kapntzen eingewickelt. Und sofort schlief ich selbst mit ihnen ein, indem ich zu mir selbst sagte: „Morgen! morgen werde ich es erfahren."— Es schien nur, als wenn ich erst vor einer Minute ein- geschlafen sei, als ich plötzlich draußen Reveille blasen hörte. Ein klägliches Horn schluchzte mit heiserer Stimme. Es kam fast sogleich wieder außer AtHein und vollendete nicht einmal sein Signal, das es weinerlich in einem kraftlosen, fettigen Quaken ausklingen ließ. Ohne Zweifel hatte der Mann sich gewohnheits- mäßig beim Morgeiigraue» erhoben und hatte mechanisch sein Blech an den Mund gesetzt. Dann als er sich allein inmitten der leeren Straße erblickt hatte und sich erinnerte, daß er keinen Befehl erhalten hatte, war er ivieder zurückgekehrt, nach« dem er mit einem trägen Athemstoß in das Horn seine Wangen aufgeblasen hatte. Dieser Weckruf, der selbst kaum aufgewacht war, hatte nicht viele um mich herumgeweckt. Zwei oder drei hatten sich mit einem Sprunge ausgerichtet, um sich sofort wieder in das Stroh zu vergraben. Das laute kurz abgebrochene Schnarchen verwandelt sich in seufzende, ferne Flötentöne. Wirre Worte, laute Flüche wurden aus- gerufen, wie wenn sie im Schlafe sprächen. Der einzige beut- lich ausgesprochene Satz war der, den ein Pariser schnarrte: „Spuck doch in Deine Radauflöte, mein Alter. Spuck hinein, heut' ist heiliger— Faullenzer!" Und rasch kam der kaum unterbrochene Schlaf wieder über ihn, und er schnarchte mit dem Ton einer dicken Orgelpfeife, während ich unklar dachte: „Oh, nian sieht wohl, daß der Kapitän nicht da ist. Oh, wenn er da wäre! Warum ist er nicht da? Aber morgen, morgen ivird er da sein, und ich werde es erfahren." "Obwohl ich ihn erwartete, und trotz meines Wunsches mit ihm zu sprechen, war ich aber doch nicht böse über seine Ab- Wesenheit, und ich zog davon Nutzen, um wieder in den tiefen Schlaf der übrigen zu versinken; im Stillen lachte ich noch zu« stimmend über das Spottwort des Parisers, der so die Dis« ziplin verhöhnte.--- „Ratatata! Ratatata!" Diesmal waren wir wirklich im„Morgen". Oh welch' freudiger Klang war es diesmal; nicht mehr dieser schluchzende traurige Weckruf in dem dunklen Nebel des Morgens, der wie der Schrei eines heiseren Hahnes geklungen hatte, sondern der Appell zur Proviantvertheilnng, dessen freudige wiederholte Lockrufe wie Fanfaren schmetterten. Es war bereits heller Tag; mit einem Schlage war alles auf den Beinen. Alles stürzte nach der Thür, die verschlafenen Gesichter leuchteten heiter auf. „Ratatata! Ratatata!" „Wie das ratterte! Wird denn Fleisch vertheilt?" „Ja, und noch dazu frisches." „Wem zu Ehren?" „Dem Vater Roland zu Ehren. Ihr Fnßlatschcr!" Es war ein Seesoldat, der uns das zurief. Ein be- rittener Seesoldat. Ja, ein Secsoldat hoch zu Roß auf einem Teufel von Pferde, aus dem er wie ein Affe hockte. Er bohrte dem Pferde die beiden Absätze in die Flauken und galoppirte davon, indem er seine Beine wie eine Zange zusammendrückte, seinen Rücken ganz krumm bog und mit seinen Ellenbogen seine Seiten schlug, als wenn seine Aermel leer wären. Man plauderte und zog nähere Erkundigungen ein. Mann« schaften, die früher als ivir aufgestanden waren, brachten uns genauere Nachrichten. Es schien, als ob thatsächllch ganze Rinder- Heelden in die Berge getrieben worden waren, um sie zu sichern, während die Armee bei Belfort beinahe vor Hunger umkam; das war der Grund, weshalb der Vater Roland uns frisch verproviantirte, der närrischen Intendanz zum Trotz, die das verweigert hatte. „Es lebe der Vater Roland; nieder mit dem Salz» Reis-Brot!"— Für ein Nichts war man im stände, einen Ausstand zu beginnen oder mit aufgepflanztem Bajonnetc gegen die Stadt zu marschircn, um es sogleich in das frische Fleisch und dann ein wenig später in das etwas zähere der Herren Intendanten zu stechen. Halt still! Eine Soldatenrevolte und der Vater Roland, das steht ans zwei verschiedenen Blättern. Der alte Knaster» bart, ein Schiffskapitän, der jetzt die Stellung eines komman» direnden Generals bekleidet, spaßt nicht mit der Disziplin. Vor der Ankunft der Ost-Armee, die alles über den Haufen stürzte und jede Ordnung auslöste, hatte das von ihm befestigte Besanyon einem zum Manöver klaren Schiffe und die Garnison einer Schiffsbesatzung geglichen. In der Verwirrung und wilden Unordnung war der Vater Roland infolge der Fehler der Stabsoffiziere, von denen sich inimer einer auf den anderen verlassen und die Truppen ohne Instruktionen gelassen hatten, überrumpelt worden. Aber heute, meine Bürschchen giebt es nichts Derartiges mehr. Oh, der alte Seebär hatte nicht lange Zeit mit Laviren verloren. Die Nacht und der Tag haben ihm genügt, um dem Dienste" wicder Nachdruck z» gcbcn. Und sogleich fühlt mau üderall seine feste Hand. Neue Seeleute zu Pferde bringen Befehle. Drollige Ordonnanzen! Aber die Befehle, die sie überbringen, werden ausgeführt. Offiziere kommen an. Woher? Niemand meist es, niemand kennt sie. Aber sie haben stramme Haltung und mau sieht es ihnen au, daß sie wissen, was sie wollen. Wir sammeln uns. Kurz und gebieterisch ist der Armeebefehl, der uin vorgelesen wird. Der See-Kapitch>, Kommandant des Platzes, verlangt, daß das Deck seines Schiffes, das heißt Besanyon, so sauber sein soll, wie vorher. Er hat es tüchtig gefegt. Es ist unbedingt verboten, die Stadt zu betreten, wenn der Dienst es nicht er- forderlich macht. Die Mannschaften haben sich binnen vierundzwanzig Stunden ihren respcktiven Trnppentheilen anzn- schließen, deren Standquartiere genau bezeichnet sind. Dort, und nur dort wird der Proviant vertheilt. Nachzügler, die man morgen nach 12 Uhr mittags noch isolirt antrifft, werden als Deserteure betrachtet. „Abtreten l" Man rief nicht mehr:„Es lebe der Vater Roland!* (Fortsetzung folgt.) Ans dcv normogischett GegentNÄ�ks � Vitevnkuv. (Die Dichter des Volkslebens.) Es bedarf in Tenlsckiland keines Hinweises mehr, einer wie seltenen Blülhe sich gegenwärtig die norwegische Literatur erfeenl. Eine ganze Reihe von Namen lebender und schaffender Dichter Norwegens habew einen Wellruhm erlangt und eine nicht geringzahlige zweite Reihe ringt sich empor und beginnt auch niijjerhalb ihres Vaterlandes Ansehen zu erlangen. Zu den ersteren zählt Jose», Bjön>fon,Jonas Lie.Arne Garborg, zu den letztern Alex, itielland, Amalie Slrmn, Knut Hamsun, Gabriel Finne. Aber dem genauere» Kenner norwegischer Gegeuivarls- Literatur ist damit die Zahl der hoch- begabten, leistungsfähige» jiüusller»och lange nicht erschöpft. Hinter diesen steht noch eine ganze Iieihe. die hinsichtlich ihrer künstlerischen Begabung zu de» schönsten Hoffnungeil berechtigen und in ihrer Heimath bereits nnbestrittene Ehrenplätze einnehmen. Wenn sie bei uns nicht so schnell bekannt geivorde» sind und vielleicht aitch niemals zu solchem Ansehen emporsteigen werden, wie die älteren Verfasser, so liegt dies vielleicht nicht so sehr in ihrer mindere» knnst- lerischen Gestaltungskraft, als vielmehr t» der ganz anderen Bc- schaffenheit ihrer Kunst. Wenn die älteren großen nordischen Dichter so schnell auch im Auslande Anerkennung fanden und theilweise aus dasselbe einen tiefgehenden Einfluß ausübten, so kam es daher, daß sie Prvblemdichlnngen schufen, daß eine wahre Flnth neuer, eigen- artiger Ideen, neuer Forderungen an die Gcselllchast und daS In- dividnum in plastischer Gestaltung dargeboten wurde. Ideen sind nicht nur zollfrei, wie ein altes Scherzwort sagt, sie sind auch imporlirbar, sie finden schnell und reichen Absatz, unsere schnell- lebige und dnrch die Abhetzung oberflächliche Zeit ist gar so schau- hungrig. Bei der grüblerischen Veranlagung des uorivcgischen Volkes verwandelte sich plötzlich jeder Lebenseindruck in ein Problem, jedes Ereigniß erzeugte eine Idee und die Theorien für die Beglückung des Judividuitins oder der Gesellschaft, für die einzig richtige Regelung des Verhältnisses der Geschlechter zu einander überstürzten sich förmlich. Ei» Rückschlag konnte nicht ausbleiben. Die Jugend sah, daß all dies Theorelisiren und Disputire» ein Fechten gegen Windmühlen war, der tiefe Ziveisel an allen Bestrebungen, sie mochten sich nennen, wie sie ivolllen, der unserer Zeit so eigen ist, griff auch in Norwegen um sich, man bekam eine» Widerwillen gegen alle Problem- dichtung, der Satz von Georg Brandes, daß die Dichtung aus den Ideen der Zeit ihre Nahrung saugen müßte, ivar nicht mehr die höchste und letzte Wahrheit. Man wandle sich der von Frankreich ausgegebene» Parole des„lart pour l'art" zu. Die meisten der jungen Dichter verließen die Jdecnzentren und begaben sich in die stille Landeinsamkeit oder auf Reisen i» sremde Länder, kurz überall hin, wo ma» ein stiuinner, stiller Beobachter von Menschenleben sein konnte, ohne in den Strudel der die Zeit be- wegenden Bestrebungen hiueiugerisse» zu iverden. Da gab es nun zwei Wege: Entweder man versenkte sich grüblerisch in sein Jiiiienlebe», suchte dessen verborgenste Saiten erklingen zu lassen, den Ton zu erlanschen und iviederzugebe»,»in» ging nur darauf ans, das Stimmungs- und Eiupsiudungsleben einiger Individualitäten z» erfasse» und darzustellen und brachte dies, wie es bei einem so mit dem Naturlebe» verivachsenen Volke, wie es die Norweger sind, mit dem Stiinmungsleben der Nalurivelt i» Ver- bindung— oder man wurde zum scharfsinnigen Beobachter des Auhenlebens, der kleine», feinen, individuellen Zi ge der Landlcnte, Fischer und Seeniänner, man suchte die hier empfangenen Eindrücke schlicht nnb einfach, ohne einen Hintergedanken oder xin damit ver- bundenes Ziel wiederzugeben. Schon früher war, durch Björnson's Beispiel entfacht, einmal eine Periode geivesen. in welcher der norivegische Bauer, das Fischer- uiid Seemaunsleben den Sloff der Dichtiliig abgegeben. Aber damals trat man mit einer vorgefaßten Idee an dasselbe heran, man sah in dem Landbewohner die unverfälschle Natur, man wollte durch ihre Verherrlichung eine Art nordischer Renaissance erwecken. Der Rückschlag und die Enttäuschung blieb nicht aus, als sich zeigte, daß der durch de» Pietismus in seiner seelischen Flugkrafl ge- brochene norwegische Bauer seine hohe Aufgabe nicht zu erfüllen vermochte. Das Märchen von dem herrlichen, geist- und ideen» begabten Naturkinde, das in dem uortvegischen Fjaellbauern stecken sollte, mußte zerstört werden; nnd Arne Garborg mit seiner scharfen» poleinischen Methode vollzog diese Arbeil mit so sichere», scharfen Strichen, daß das ganze Gebäude zusammenkrachte. Stein, als man jetzt sich ivicder dem Bauern und Fischer näherte, um ihn als Stoff künstlerischer Gestaltung zu verwerihen, kam ma» ohne voraefable Ideen zu ihm, ohne daß man ihn zur Belenchlung einer Theorie denutzen ivollte; man setzte sich hin, um das Bauern- und Fischerleben einfach zu studire», wie es wirklich ist, man wollte in plastischer Gestaltung menfchliche Individualitäten zeige». Wie sehr sür diese Richliing der Ausdruck„studiren" zutrifft, geht schon daraus hervor, daß in emern früher gar nicht gekannten Umfange die Skizze, die kurze Episode, die das Verhalten des Mocells nur in einer ciiizclnen bestimmten Situation darstellt, vor- herrscht. All' diese Verfasser: Hans Aanrud. Hans E. Kinck, Jacob Hildiisch, Rasmus Löland, Peter Egge, Thomas P. Krag, die so ziemlich gleichzeitig um das Jahr 18tK) herum mit ihren Dichtuiigen auitralen, baben eine große Anzahl solch kleiner Sitnalions- und Charakterbilder geschrieben. Bei Ras»rus Löland spielt allerdings »och ein gewisser polemischer Zug hinein, er beabsichtigt noch mit seinen grellen Wiiklichkeitsbildcrn die frühere Jdealisirung zu ver- spotten, und daneben bohrt bei ihn, eine satirische Spitze gegen die brutale Herrschaft des Gelvsackes. Auch Peter Egge begann als Problemdichter sogar auf gesellschastlichem und sozialem Gebiet; aber dniui wandte er sich der Bauernskizze zu, um in nicht selten humoristisch gehaltene» Einzelbildern das Leben derselbe» zu ver- anschaulichen. Ja, es ist eine Eigenihümlichkeit bei fast all diesen Versassern, daß ein bald breiler, behaglicher, bald leicht satirischer Hliinor ihre BetrachlungSiveise deS Volkes durchzieht, daß sie cinen scharfen Blick für die unsreiwillige Komik haben. Bei Peter Egge hat dieser Hunior etivas Scheues, Zurück- haltendes, er verbirgt sich hinter einer ernsten, fast feierlichen Miene und sucht sich nur dnrch die Kontrastwirknug gellend zu»lache». Bei Rasinus Löland hat er etivas schar' Aetzendcs. ma» fühlt hinter dem Lächeln daS bittere Weh, der Verfasser weiß, daß das, was hier hnmoristisch erscheint, den Menschen selbst tiefen Schmerz bereitet hat. Bei Aanrud ist der Humor der herrschendste Zug. Sein Humor hat etwas Breites, Behagliches, gntinülhig Gemüth- liches Wenn'Aanrud aber ernst ivird, liegt etwas unendlich Zartes und Inniges über seiner Darstellung und doch so schlicht Nalür- liches. Ter Humor von Jacob Hildilsch hat etwas Ueberlcgenes, der Dichter steht seinen Gestalte» nicht, wie Aanrud, mit milder Sympathie, sonder» mit lächelnder Kritik gegenüber; er versenkt sich auch mehr und lieber in SonderlingSgestaltcn, für deren ivcchselnde Jndividualiläte» er eine erstaunlich vielseitige Darslellungs- fähigkcit besitzt. Mit Hans E. Kinck befinden wir uns dann ans dem Ueber- gangsstadiuin zri der zweite» Richtung, die sich, wie ich oben kurz skizzirte, die jüngsten Noriveger erwählten. Auch Kinck meistert»och die völlig objektive realistische Darstellung des Volkslebens— aber dieses ist ihm nicht die Hauptsache, er strebt mehr»ach einer Erfassung und Ausgestaltung der Stimmnngserleb- nisfe seiner Mensche», er ivie Thomas P. Krag baden es sich vorzugsweise zur Ausgabe gemacht, den mächtigen Einfluß der nordischen Natur auf die psychologische Elitwickelung der Kinder des Landes zu zeichnen. In beiden lebt ein starkes lyrisches Elnpsiiidliugsvermögen und die Fähigkeit, diesen Stiiiimuiigeu ein ergreifendes, farbenreiches Kolorit zu geben. Beide sind West- »oi�veger und haben es daher mit der Schilderung der düsteru Fjord- und Nordmeer-Natur zu thun, die in de» Menschen eineu starke» Hang zur Mystik entwickelt. Ihre Stinimiingsgemälde sind von düsterem Untcrllang; aber namentlich bei Thomas P Krag finden wir eine stolze Resigiiation, ein mulhiges Aussichnehuien des Schicksals, das seinen Dichtuiigen etivas Ansfrischendes und Kampf- stärkendes giebt. Auch Krag verfügt über einen gewissen Humor; aber ein Humor, der nur einem Souiieiiblick durch trübe Regenwolken gleicht, ein milder, miileidiger Sonuenstrahl über das trübe Nebelgrau. De»» Krag hat Mitgefühl mit seinen Gestalten, er schildert nicht kalt und nüchtern, trotz aller Lebcnssülle nicht ohne subjektive Abtönung. In ihm, mehr aber noch in Kinck ist etwas vom Lyriker, dessen eigenes Ge- Ühlsleben sich in dem Dargestellten widerspiegelt. Natürlich ist die Zahl der Darsteller norwegischen Volkslebens in dieser kurzen Uebersicht noch nicht erschöpft. Ich mußte, um nicht zu weit geführt zu werden, sogar ans so begabte Verfasser wie Jens Tredt und den neuerdings hervorgetretenen Ole Bang verzichten. Es sind hiermit auch keineSivegs alle hervorragenden gegen- ivärtigeii Verfasser Norwegens berührt, denn eine ganze Reihe der- lelbe» widme» sich, wie Vilhelm Krag, vorzugsweise der Stiniuuings- lyrik oder dem psychologischen Roman. — 51 Um diesen Dichtern einigermaven gerecht zn werden, müßten wir sie schon in einem besondere» Artikel einer kurzen Betrachtung unter- ziehen. E. B r a u s e iv e t l e r. Mleines FimUlekon. — Meine Kirschcnfra». Mir gehört sie nicht, und zu ißren Ceschästssreimdeu zähle ich auch nicht; ich nenne sie so, weil sie die einzige ist in unserem Viertel und gerade unler meinem Fenster ihre WaareN feil hält. Schon gleich nach neu» Uhr Vormittags äugt sie NN» die Ecke. Aeugt? Ganz richtig. Ob sie keinen„Alanen" sieht. Ist die Luft rein, dann fährt sie mit ihrem vierräderigen Handwagen langsam und vorsichtig wohl hirndert Schritte die breite Straße hinauf, auf der die Pferdebahngeleise laufen, biegt dann zurückkehrend in die Querstraße ein, fährt ein gutes Stück hinunter, dreht ihren Wagen herum und macht schließlich au der Straßenecke Halt. Früher half ihr ein großer, gelber Zottelhund zieben, und so- bald sie Poslo gefaßt, galt ihre erste Fürsorge diesem Thier. In diesem Jahre geht sie allein vor dem Wagen. Vielleicht ist der Hund gestorben, vielleicht konnte die Fran nicht mehr das Futter erschwingen. Der Wagen steht. Mit beide» Händen faßt die Frau nach dein graue» Wetterdach und rollt die eine Hälfte auf. Schnell dreht sie sich um und greift in die ans- genähte Tasche ihres blauen Schurzes, der den rolhen wcißgelnpslen Kattnnrock fast verdeckt. Ein rolhes Schnupf- tnch und eine Birkenrindcn-Dose kommen zum Vorschein. Erst wird einige Mal herzhaft geschneuzt, dann fährt der Doscndeckel in den Tabak und beivegt sich langsam nach dem linken Nasenloch; die Ladung verschwindet. Auch das rechte Nasenloch erhält seine Nation. Dann werden Dose und Schnupf- tuch znsammengevackt und erhalten ihren Platz in der rechten, vorderen Wagenecke. Die Hand greift über die kleine Waage hin- über und zieht aus dem Dütenlager eine Flasche hervor. Es ist Kaffee darin. Ein kleiner Schluck So! Und nun kann das Ge- schüft beginne». Nein, noch nicht. Während des Fahrens sind einige der rothen Kirschen auf die schivarzen herübergcrolll, und von diesen sind wieder einige unter die geldrothen gcralhen. Da muß erst sortirt werde». Dann werden die Schiefertäselchen, auf denen die Preise verzeichnet stehe», geordnet. Nun aber kann's losgehen, das Ver- kaufen. Während die Fran wie zählend an den Messingknöpfen ihrer Taille herabfingert, naht sich der erste Käufer. Es ist ein Mädchen, das einen Kinderwagen vor sich hertchiebt, an ihre» Nock- falten hängen noch zwei Kinder. Von der Herrschaft hat sie eine» Groschen mitbekomme», jetzt läßt sie dafür zwei kleine Tüten fülle», jede mit einer anderen Sorte Als sie sich entfernen will, drückt ihr die Fran einige Kirschen in die Hand: damit sie dem Geschäft treu bleibe und iviederkomnic. Schon seit einiger Zeit ist ein kleiner Slraßenzigeuncr, dessen Höslei» nur an einem Hosenträger hängen, um den Wagen heriimgestrichc». Jetzt pflanzt er sich direkt neben der Fran auf, sagt aber kein Wort.„Was willst Du?" fragt sie.„Kirschen!" mächt er schreie», aber er hat keine» Pfennig und so schweigt er. In den große» Kinderauge» muß die Fran aber doch etivas gelesen haben, sie greift in den Wagen und legt zwei Kirschen, deren Stiele zusammenhängen, dem Knirps nm's Ohr. Mit einem Freudenschrei sanft der davon; er hat's erreicht, er kann heute Kirsche» essen. Alte Pensionisten, die ihre müden Knochen in der Sonne wärmen, Arbeiter- und Klein- bürgerfranen, die vom Einholen kommen, sprechen bei der Kirschen- fran vor und lassen sich eine Düte füllen, niemand aber legt mehr als einen Groschen an. Dann ist die Schule aus, und nun drängt sich ein ganzer Schwärm um den Wagen. Jetzt heißt es aufpassen! Nicht daß eine der kleinen Hände etwa zugreifen würde, ohne zuvor Geld hingelegt zu haben! Nein, die Sache macht sich anders. Es ist eigeiithüinlich, ivie unruhig die Kirschen iverdc», wen» so zehn, zwölf Bnbeii um den Wagen stehen und einander hin und her schieben. Auf einmal schreit einer:„Da ist cene runter gefallen." „So nimm sie!" lacht die Fran.„Da liegt ooch eene!" Auch der kommt noch zu einer Kirsche. Dann aber iveltert die Frau los, der Schwärm zerstiebt. Hintenach lacht sie sich freilich eins, sie kennt den Runnnel von ihrer eig-enen Jugendzeit her. Gegen Mittag er- scheint der Mann der Kirschenfrau und bringt eine frische Flasche Kaffee und eine Schrippe. Ich habe ihn im Verdacht, daß er stark unter ihrem Pantoffel steckt. Als sie noch den Hund hatte», sprach er mit ihm oft vicrtclstnndenlang, vertraulich und leise, wie mit einem Gleichgestellten: das läßt tief blicken. Die beste Geschäftszeit ist gegen Abend. Dann kommen alle die Frauen des arbeitenden Volkes, denen es möglich war, ei» paar Mund voll frische Luft im Hain zu schnappe», zurück, und manche opfert dann einen Nickel, um ihren Kindern etwas mit- zubringen. Und dann stellen siel, die Dienstmädchen ans den um» liegenden Hänsern.ein; einein jedem weiß meine Kirschenfran zur Düte einen Nnth mitzugeben, wie es am besten mit seiner Herrschaft fertig werden kann. Einen Monat wohl währt die Kirschenzeit, danii kommen die Stachel- und Johannisbeeren und jene kleinen gelben Pflaumen, die aussehen. als hätten sie das Fieber. Mit den Birnen »imw.t das Geschäft NLch einmal einen Aufschwung. Ist auch ihre Ziit nm. dann saßt die FlflU ihren Wage» und zieht davon. Ich kenne meine Kirschenfran nun schon über secks Jahre. Ihr Haar ist weiß geworden in der Zeit, wie.M«'dt MtOesicht. Wenn sie II— im nächsten Sommer wieder erscheint, lasse ich ih» von jungen Posaunisten ein Ständchen bringen. Literarisches. — Wilde nbrnch hat eine neue Tragödie vollendet. Das neue Bühnenwerk wird voranssichtlich in der ersten Hälfte der nächsten Saison im„Berliner Theater" zur Aufführung gelangen.— Kunst. — Von der mexikanischen Regierung ist ein int er- nationaler Wettbewerb nm Entwürfe für ein nenes P a r l a m en t s g e bä u d e in Mexiko ausgeschrieben worden. Das Haus für die gesetzgebenden Körperschaften Mexikos soll sich auf einem freien Platze der Stadt erhebe», eine g-viert- förmige Fläche von 100 zn 100 Metern einnehmen und mit einem Kostenanfwaiide von l'/e Millionen mex. Dollar(etwa drei Millionen Mark) errichtet, verde». Die Entwürfe ünd vor dem 30. November dieses Jahres bei dem Verkehrsministerium in Mexiko einzureichen. Für den besten Bauplan ist ein Preis von lö 000 mex. Dollars ausgesetzt,, vettere 6000 Dollars sollen»ach dem Ermessen des Preisgerichts an die Verfasser des zweit- und drittbesten Entwurfs vertbeilt werden. Die in spanischer und französischer Sprache ab- gefaßten Bedingungen und Unterlagen des Wetlbewerbs können in der Geschäftsstelle des Zentralblattes der Banverivallnng, das in seiner neuesten Nunimer nähere Miltheilniigen über den Wettbewerb enthält, eingesehen, auch von dem Verkehrsministerinm in Mexiko bezogen werden.— Erziehuug und Unterricht. — Eise»bahn- Plakate als Unterrichtsmittel. Unter diesem Schlagwort schreibt die„N. Fr. Pr.": Jedem Reisenden sind die knttslvoll ansgeführten, farbenprächtigen Plakate der k. k. österreichischen Slaatsbahncn bekannt, die Partien an der Arlberg- b»hn, das Salzkaiinnergnt, die hohen Tanern, Zell am See. den Böhnierivald und andere Gegenden an de» Linien der k. k. Slaatsbahnen mit großer Naturtrene darstellen. Es ist in letzter Zeit wiederholt vorgekonimen, daß die k. k. Staats- bahn- Verivaltung von Schulleitungen nm die Ueberlassung dieser Plakate zu Unterrichtszwecken angegangen wurde. welchem Ansuchen auch immer entsprochen ivard. Das Eisenbahn- Ministerium hat infolge dessen de» Entschluß gefaßt, die Abgabe dieser Plakate an Schulen in geeigneter Weise zn ordnen; es hat daher an das Ministerium für Kultus und Unterricht die Anfrage gerichtet, ob die Plakate der k. k. österreichischen Slaatsbahnen zu Schnlzwecken geeignet erscheinen. Das Unterrichtsministerium hat dem Landes« Schulrath eröffnet, daß gegen die Verwendung dieser Plakate beim Unterricht in allgemeinen Volksschnle», sowie gegen deren Anbringung.in den Klassenzimmer» dieser Schulen kein An- stand obwaltet.— Anö der Thierwelt. ie, Eine unterirdische Thier weit. In dem höhlen- reichen amerikanische» Staate Kentncky giebt es eine besonders bc- rühmte Höhle, die wegen ihrer Größe den Namen der Mammuth- höhle erhalle» hat. Diese Höhle birgt in ihrem Innern ein ziemlich lebhaftes Tbierlebcu, mit dem sich schon seit einiger Zeit die Zoologen beschäftigt haben. Im Jahre 1S89 erschien von dem amerikanischen Gelehrten Packard ein längerer Aufsatz über diese Höhlenfanna, in dem nicht iveniger als 41 verschiedene Thiere beschrieben wurden, die man zum theil schon in der Welt des Lichtes lebend kannte. Unter diesen Thiere» waren 9 Arte» von Jnfnsorien, 3 Arten von weißen Ameisen, 4 Arten von Krustern, 8 Arten von Spinnen und Skorpione», 1 Tausendfüßler, 14 Jnsektenarten und 2 verschiedene Fischarle». In dem neuesten Monatshefte des„American Naturalist" zeigt der Zoologe Call durch die Beschreibung von weiteren 9 neuen Arten, daß der Neichthnm dieser unter- irdische» Thierwelt noch nicht erschöpft ist. Unler diesen neuen Thiere» befindet sich ein Mollnsk, 2 Thysanuren(einer Unterordnung der geradflügeligen Insekten, zu der z. B. das bekannte Silbeisischche» und der Gletsckerfloh gehören), eine Gattung aus der Familie der Bücherläuse, 2 Milbenarten und 3 Arten von Fliegen. Nicht alle von diesen Thiere» sind blind, wie es sonst bei den Höhlenbewohnern gewöhnlich der Fall ist. Die meisten von ihnen leben unter Steinen und ans oder in faulem Holz, auch die i» der Höhle wohnende Muschel lebt ans den feuchten Oberflächen von altem Holze. Eine der Fliegen nährt sich von einem Pilze, der noch mit einigen anderen Arten seiner Familie hier ei» unterirdisches Leben führt. Es ist»och die Frage, ob diese neuen Untersuchungen die Mannigfaltigkeit des thierischen Ledens in der Mauimnlhhöhle erschöpft habe», oder ob der Wissenschaft noch weitere Bereichernngen aus derselben bevor- stehen.— Astronomisches. t. U e b e r die n ä ch st e totale S o n n e n f i» st e r n i ß, die am 22. Januar 1898 stattfindet und im mittleren Vorderindien zu beobachten sein wird, veröffentlicht der englische Astronom Norman Lockyer einen Älufsatz, in dessen erstem Theile er die Aussichten für die Beobachtllng der Finsterniß bespricht. Die Engländer sind durch die Mißerfolge bei der totalen Sonnensiiisterniß des vorigen Jahres nicht entmnthigt; es werde» von dem vereinigten Komitee der königlichcn?lstrono»nschen Gesellschaften drei Expedilione» aus- gerüstetet werden, von denen eine an der Weslküne von Indien in dein Orte Vizi adurg und zwei im Jnlandc Siellung nehmen werden, außerdem wird eine englische Dampfergesellschast dem Publikum Gelegenheit zu einer Reise nach Indien zwecks der Anwesenheit bei diesem Natnrschmispiele bieten. Die Aussichten für die Beobachtung desselben sind nach de» meteorologische» Angabe» die allergünstigsten. Der indische Meteorologe Eliot Hai die haupisächlichen meteorologischen Bedingungen für den Landstrich zusammengestellt, für den die Sonncufinsterniß eine totale sein wird. In �diesem sind die Monate Januar und Februar die regenärmsten und kühlste». Die Temperatur schivankl im Innern des Landes zivischen 25 und 35 Grad Celsius. Die Luft ist für gewöhnlich sehr trocken, der Himmel wolkenlos und die Winde schivach. Für den Küsten- strich, der für die Beobachtung der Fmsterniß in beiracht kommt, ist während des Monats Januar die Wahrscheinlich- keil stürmischen Wetters weniger als'/so. Regen ist im Januar auf der ganze» Halbinsel sehr seilen, besonders an der West- küste. Hier belrägt die miltlere Zahl der Regentage nur 0,2 d. h. noch nicht 5 Stunden im ganzen Monat und auch iveiter östlich ist die Zahl der Regentage höchstens gleich 2 im Monat. Diesmal dürfen also die Astronomen mit großer Zuversicht die Hoffnung hegen, daß ihre Bemühungen von Erfolg begleitet sein, Verden, und daß die totale Sonncufinsterniß vom 22. Januar 1898 die Erforschung unseres Muttergestirns wieder um ei» beträchtliches Stück vorwärts bringen wird.— Medizinisches. -»EinenFall v o n B a n i l l e- A n s s ch lag. einer Gewerbekrankheit, die in der Handelsstadt Hamburg relativ häusig vor- kommt, sich in der Literatur aber noch nicht beschrieben findet, stellte jüngst Dr. Urning in Hamburg dem Hamburger ärztliche» Verein vor. Nach der„Deutschen Medizin. Wochenschr." handelt es sich um ein Ekzem(Ausschlag), das bei allen denen aufzutreten psiegt, welche sich mit der Sorlirnng und Packung der Vanille beschäftigen, und ivelches unter dem Personal der Vanille importirenden Firmen als Vanille- Ausschlag allgemein bekannt ist. Von den betr. Jinportenren hat Arning erfahren, daß ausnahmslos alle frisch Angestellten innerhalb der ersten drei bis vier Wochen erkranken,»ach Ablauf von ein bis zwei Woche» abheilen und fortan iinmun gegen diesen Einfluß der Vanille sind. In bezng auf Fragen hinsichtlich verschiedener Wirkung der einzelneu Vanillesorten lernte Arning, daß die stärksten Ausschläge zu entstehen pflegen von der stark kristallisirten Vanille. Da nun aber die weißen nadelförmige» Kristalle, welche auf der Oberfläche der schwarzen Schoten(Fruchtschoten einer ursprünglich inexikanische». jetzt auch in anderen Tropenländern angepflanzten Orchidee, Vimilla planifolia) aus dem wirksamen Älgens des Gewürzes, Oein Vanillin, besteht, so scheint direkt dieser Körper für den Hautreiz anzuschuldigen zu sein. Interessant wäre es, vo» anderer Seile zu erfahren, ob die Arbeiter in den chemische» Fabriken, welche das Vanillin aus der Cambiumschicht junger Nadelhölzer herstellen, ebenfalls an solchen Ekzemen(Ans- schlägen) erkranken. Das Ekzem befällt regelmäßig zuerst die Hände(Rücken der Finger und Mittelhand), soivie die Stirnpartien über den Augenbrauen, breitet sich als akutes Ekzem mit zuweilen recht heftiger Schivellung und starkem Juckreiz über das Gesicht und die Vorderarme aus, schwindet dann unter indifferenter Behandlung meistens von selbst und kommt wohl deshalb nicht zur Beobachtnng der Aerzte, weil die Mitarbeiter das Leiden kennen und dem Kranke» es als für feinen Berns obligates, bald spontan schwindendes und dann nie wiederkehrendes schildern. In einzelnen Fällen scheint diese Immunität aber auszubleiben. Arning macht noch darauf auf- inerksam. daß alle mit Vanille beschäftigte» Menschen stets nach diesem Gewürze riechen, auch wen» sie nach der Arbeit sich baden und umziehen. So ist die Diagnose leicht, auch wenn der Patient sie nicht ans eigener Kenutniß fertig mitbringt.— Technisches. — Stahlwolle. AlS Ersatz der Sand-, Glas- und Smirgel- papiere werde»»euerdings außerordentlich feine Stahlspähne unter dem Namen„Stahlivollc" i» den Handel gebracht. Sie eignen sich nach der„Oestcrreicmsche» Zeilschrift für Berg- und Hüttenwesen" sehr gut für die Polirung und für die Metallbearbeitung. Die feinsten Sorten der Stahlwolle haben das Aussehen und de» Griff wirklicher Wolle; ihr Preis beträgt 4— KM. für das Kilogramm.— — Das Ende der Panzerkolosse. Einen Tag vor der großen Flottenschau vor Spithead hat der Erfinder H i r a in Maxim einen Vortrag in der„United Service(Armee und Marine) Institution" in London gehalten, in ivelchem er des weiteren auseinanderfetzte, wie er mit feinen Riesenlorpedos jede Flotte vernichten wolle. Maxim hält gar nichts von den Panzer- kolosse», welche die Beweglichleit des Schiffes auf ein Minimum reduziren. Der Panzer könne den modernen Hochsprengstoffen, wenn sie von der Höhe geschleudert würden, nicht widerstehen. Es werde nicht mehr lange dauern, bis die Nationen die Panzerschiffe ab- schaffen würden. Maxim beschrieb, wie er 1000 Id. Schießbaumwolle, Pikrinsäure oder andere starke Sprengstoffe von einem leicht- gebauten Kreuzer abschießen würde. Ein solcher Kreuzer ivürde nur 100 000 Lstrl. kosten.—_ Verantwortlicher Redakteur.- August Jacobey in B Huuioristisches. — Im Ausstellungssaale der naiv-primitiv» rudimentär- violett- sensitiv- f y in b o l i st i s ch e n K ü n st l e r g r u p p e„Isis". M a l e r A. z»l M a l e r B.: Du, jetzt haben ivir ein feines Mitglied für unser» Verein gewonnen, einen Prachtkerl— der kann schon rein gar nichts.— — Von den Freuden der Ehe. Köchin(zu ihrem Schatz):„Du, gestern Abend hat mich der gnädige Herr für seine Frau gehalten." Wachtmeister(eifersüchtig):„Aha, er hat Dir wohl einen Kuß gegeben." Köchin:„O nein! Grobheiten hat er mir gemacht.— („Jugend.") — Die goldene Mitte. Der Bischof von Amiens liebte es, gewisse gute Lehren in witzige und spaßhafte Form zu kleiden. Eines Tages fragte ihn eine Dame, was er vom Schminken halte. Manche behaupteten, es sei erlaubt, manche, es sei verboten.— „Nim," lautete die Autwort,„was mich betrifft, ich sehe es immer gern, wenn man die goldene Mitte einhält. Deshalb will ich Ihnen erlaube», wenigstens die eine Seile Ihres Gesichtes zu schminken."— Vermischtes vom Tage. — Professor E n g e l m a» n in Utrecht hat die Berufung auf den physiologischen Lehrstuhl der Berliner Universität als Nach- solger du Bois-Neymond's angenommen.— — Bei dem Feuer in dem Eleklrizitätsgebäude zu Hamburg wurden 5 Fenerivehrlente leicht verletzt. Der Schaden beträgt 250 090 M. Der elektrische Betrieb der Straßenbahn ist nur unerheblich gestört, jedoch müssen auf einige Tage die Anhänge- wagen infolge nicht genügend starken Stromes forlgelassen werden. — In L i s ch k o w o bei Jnoivrazlaw ist in der Nacht zum Dienstag ein Hans, in dem zwei Familien wohnten, niedergebrannt. Der Arbeiter Oberkiewicz, dessen Frau und zehnjährige Tochter ver- brannte». Von der Familie des Arbeiters Tabaezinoki verbrannten drei Kinder, die Eltern erlitten schwere Brandwunden.— — In Elberfeld tranken an einem der letzten heißen Tage zwei Briefträger morgeus gegen 8 Uhr auf dem Wege zu ihrem Bestellrevier an einer Trinkhalle ein Glas kohlensaures Wasser. Wegen Unterbrechung des Dienstes ivurde deshalb der eine mit einer Mark, der andere mit zwei Mark disziplinarisch bestraft.— — In E i ch i g t(Sachsen) haben Ameisen ein Wohnhans in so ungeheuren Mengen besetzt, daß die Bewohner Reißaus»ahuieo. Die Ameisen verichaffen sich durch Löcher, welche sie durch Dielen »nd Fensterrahmen fressen, Zugang i» die Wohnstube, beoecke» dort zu Tausenden de» Fußboden, kriechen die Wände hinan, laufen im Webstuhl umher, sitzen an den Stubengerälhen und wandern in Töpfe, Schüsseln und Teller.— Stuttgart, I. Juli. Heute Nacht wülhete ein furchtbares Uli« ivetter in den Oberämter» Reckarsnlni, Weinsberg, Ochringen, Knnzelsau, Gerabrun» und Hall. Zahllose Fei.iter wurden zertrümmert, Dächer abgehoben und Fabrikschornsteine umgeworfen. Tausende von Obstbäumen sind(jzeils entwurzelt, theils umgebrochen. Felder n»d Weinberge sind ans iveile Strecken von biihuereigroßen Hagelkörnern völlig vernichtet. Der Schade» ist sehr beträchtlich und beläuft sich jedenfalls ans mehrere Millionen Mark. — Der T i m o k f l u ß, der die Grenze zivischen Serbien und Bulgarien bildet, hat infolge der letzten Regengüsse seinen Lauf ge- ändert.— — Zwei Stunden von Larissa(Thessalien) fand man sechs kopflose Leichen von Grieche».— —!konsta»ti»opel, 30. Juni. Im hiesigen Hafen stieß heute Nachmltiag das deutsche Netltingssch>ss„Berthilde" mit dem deutsche» Kauffahrteischiff„Reinbeck" zniammen. Der„Nciubeck" ging alsbald>t»ler; von der ans 14 Mann bestehenden Besatzung wurde nur der Kapitän gerettet. Bei den Rellnugsarbeiien er- tranken auch zwei Malroseit eines der österreichischen stations- schiffe.— — Preise a l t e r D r u ck e. In L o n d o» ist in den letzten Tagen die Ashbnrnham- Bibliothek versteigert worden. Die„Biblia pauperurn" erzielte 1050 Pfd. Sterl. Die Mazarin'fche oder Guten- berg'iche, die erste mit Metallleltern gedruckte Bibel, brachte 4000 Pfd. Sterl. Die erste lateinische, auf Pergament gedruckte Bibel ivurde für 1500 Pfd. Sterl. verkauft. Für eine Ariftvicles- Ausgabe vom Jahre 1483 wurden 16 000 M. gezahlt.— — Am 30. Juni stießen in Chicago zwei Personenzüge zu- samnien. Drei Personen wurden gelödtel, 25 theils schwer, theilS leicht verletzt.— — Von der Pest. Konstantinopel, 30. Juni. Da il»ter den aus Dscheddah kommenden egyptischen Pilgern zwei Pest» fälle in dem Lazarethe von El Tor vorgekommen sind, bat der Sanitälsrath beschlossen, die»ach drei Inseln des Rothen Meeres gesandten Pilger nach den, Lazareth auf Zkamaran zu schicken und die Abfahrt der Pilger ans Dscheddah zu sistiren.— Die nächste Nummer des Uuterhaltungsblattes erscheint So>!.n- tag, den 4. Juli...: rlt». Druck und VerMij ittfrdUfax Vading in Berlin.