Anterhaltimgsblatt des vorwärts Nr. 129. Sonntag, den 4. Juli. 1897. "l CefÄvine. Von Jenn Nichepin. Uebersetzt von H. L. (Nachdruck verboteil.) Man thut etwas Gescheidtcres; man schreit überhaupt nicht und gehorcht. Jniprovisirte Adjutanten rufen zum Appell. Fouriere nehmen Kenntniß von den Plätzen, wo man sich hinzulegen hat. Es bilden sich Sektionen, Züge, Kom- pagnien und selbst Regimenter. Es sah ans, als wenn ein Knäuel sich von selbst rasch entwirrte. Ich kann nicht umhin zu denke»: „Wie schade, daß der Kapitän nicht da ist. Er würde schon sehen, daß wir keine Armee von Zivilisten sind, wenn wir nur Führer haben!' Kein Mensch läßt sich eine Widersetzlichkeit zu schulden kommen. Donnerwetter, giebt es denn nicht auch frisches Fleisch, wenn man gehorcht? Und als ob auch noch die am längsten Zögernden zur Unterwerfung aufgefordert werden sollten, läßt ein Horn, vielleicht das von heut morgen, von neuem seinen freudigen Klang erschallen: „Ratatata! Ratatata!" Ja. wie schade, daß der Kapitän nicht mit uns ist! Wie soll ich jetzt darauf rechnen, wo und wann ich ihn wiedersehen werde, um ihn über die zahlreichen quälenden Räthsrl zu befragen? Da das Freikorps, dem ich angehörte, zur Garnison von Besan?on gehörte, mußte ich mich nach der Stadt begeben. Ich wartete bis zum folgenden Tage, ehe ich dem Befehle Folge leistete. Ich vermuthete wohl, daß der Kapitän, nachdem er seinerseits und vor uns seine Instruktionen empfangen hatte, sich sogleich nach dem Gestellungsort seiner Mobilgardcn begeben hätte. Aber ich hegte die unbestimmte Hoffnung, daß er sich vielleicht auch noch in Besangon aufgehalten habe und in diesem Falle den Gedanken gehabt haben könnte, nach Chaprais zu kommen, wo er mich einqnartirt wußte. Da er dabei von seiner Marschlinie nicht abzuweichen brauchte, so würde es ihm kein« Unistände machen, bei mir vorzusprechen, um mir noch einmal die Hand zu drücken; was überdies ganz natürlich wäre, da wir von nun an getrennt waren. Aber meine Hoffnung und meine Erwartung war umsonst. Offenbar halte er es vor- gezogen, mich nicht aufzusuchen, weil ihm die Erinnerung an unsere letzte Unterhaltung lästig tvar. Ich kehrte also nach Besangon zurück, ohne den Kapitän wiedergesehen zu haben. Meine Neugier wurde immer größer, zumal ein neues Zusammentreffen nicht leicht zu veranstalten war. Nach meinen Informationen mußte das Regiment des Kapitäns in Anxon Dcffous, einer kleinen, etwa 6 Meilen entfernten Stadt, liegen. Aber alle Truppen hatten strengsten Befehl, in ihren Kantonnenients zu verbleiben. Andererseits öffneten sich die Sladtthore keinem Soldaten, abgesehen davon, daß er in dienstlicher Angelegenheit die Stadt verlassen mußte. Ich war entschlossen, in Zivilkleidung aus der Stadt hinaus- zugelangcn und schrieb dem Kapitän, um ihm meinen Besuch anzuzeigen. Aber ohne Zweifel hatte er meinen Brief nicht enipfangen, denn ich blieb ohne Antivort. Unterdessen ereignete sich das selbstmörderische Unternehmen Bonrbaki's. Ich hätte die daraus rcsultirende allgenieine Be- stürzung benutzen können, um mich nach Anxon-Tessous zu schleichen, denn alles was der Vater Roland reorganisirt hatte, war plötzlich von neuem außer Rand und Band gerathen, alle Ordnung war durchbrochen, die Disziplin ein leerer Schall. Aber ich hatte nicht den Miith dazu, da ich selbst zu sehr von der allgemeinen Niedergeschlagenheit mit ergriffen wurde. Dann fand der allgemeine Rückzug nach der Schweiz statt, an den sich nur die zur Besatzung der Stadt gehörigen Truppen nicht betheiligten. Ich blieb in der Stadt, während das Gros der Armee wieder in die Abenteuer der Flucht hineingezogen wurde. Der Ziisammenbruch, der sich einen Augenblick an dem Felsen Besangon aufgehalten hatte, nahm seinen unaufhaltsamen Laus. Der Kapitän wurde mit den anderen von der wilden Flucht mitgerissen.— Wo ihn finden? Wo ihn anfsnchen? Selbst wenn ich ihm das Leben hätte retten wollen, um ihm meine Dankes- schuld abzutragen, ich hätte es nicht vermocht. An stärkere Gründe als an den einfachen Wunsch meine nilgestillte Neu« gier zu befriedigen, dachte ich gar nicht. Ohnehin überstürzten sich die Ereignisse und ließen mich an nichts anderes denken, als an das furchtbare Jneinandergreifell des Getriebes, in das ich wie alle Welt hineingerathen ivar. � Der Zusammenbruch vollendete sich in Elend und Schande, in dem Stranden einer auseinander geflossenen Masse an der Grenze; unsere letzte Armee war zurückgeworfen und wurde von dem Boden ausgespien, den sie nicht zu vertheidigen ver- mocht hatte; der Waffenstillstand trat ein, die Freischaaren wurden aufgelöst und in einer demüthigenden Prozession legten wir unsere Waffen wieder in den Arsenalen nieder. Dann folgte der Wirrivarr der politischen Wahlen, die unter den Blicken des Feindes vollzogen wurden; Das Familiendrama, das zwischen dem Kapitän, Paul und Cesarine spielte, trat für mich zurück, zerfloß ins Leere, erschieu mir armselig und bedeutungslos nuter der Lösung des ge- waltigen politischen Dramas, das alle Herzen vor Schmerz aufstöhnen ließ.— VII. Und doch dachte ich an nichts als an dieses Familien- drama, das ich schon in die Vergessenheit gesunken glaubte, als ick von dem„18. März' hörte und ansrief: „Eine Revolution! Ich will eine Revolution sehen!' Offenbar war das Zauberwort:„Revolution" der Funke, der in mir den Wunsch entflammte, nach Paris zu gehen.— Der Wunsch eines Kindes, den das Unbekannte lockt. Aber auch zugleich der Wunsch eines abenteuerlustigen Mannes, der sich nach Bewegung sehnt, dem die träge Müßigkeit, in der inan gegenwärtig stagnirte, weil man von allen Nach« richten abgeschnitten, weil man fern von dem Zentrum war, wo fieberhaft der Herzschlag des Volkes pulsirte, unerträglich geworden war. Schon lange hatte ich ein schmerzliches Be- danern darüber empfunden, daß ich der seit zwei Monaten schon fast zur Sage gewordenen Belagerung von Paris, von der ich so gern brennende und stolze Erinnerungen be« wahrt hätte, nicht hatte beiwohnen können. Oh, diesmal wenigstens würde ich das Schicksal der großen Stadt theilen können. Nichts, was auch immer es sei, sollte mich daran verhindern. „Eine Revolution! Ich will eine Revolution sehen!' Aber gleichzeitig, und fast ebenso drängend war meine Neugier ivegen des Räthsels, das ich nicht halte lösen können, wieder erwacht. Und für die offenbare Thorheit meiner Ab- reise legte ich mir die sonderbare Selbsteatschuldigung zurecht: „Da unten würde ich Paul und Cesarine treffen und würde endlich alles erfahren." Nur daran dachte ich auf der langen Fahrt, weit mehr als an die Revolution. Oder besser gesagt: Durch ein« sellsanie Jdeen-Assoziation verschmolzen in meiner Vorstellung diese Geschichte und die Revolution mit einander. Ich bildete mir ein, daß zwischen dem Volksdrama und dem Familien« drama ein geheimnißvolles Band bestehen nlüsse, wie wenn die Auflehnung Paul's nur ein besonderer Fall in der Auflehnung des Volkes gegen die Regierung sei. Diese seltsame Vorstellung hatte sich während der Reise in mir bis zu dem Grade verstärkt, daß es mir bei der An- kunft in Paris erschien, als ob ich nur zu dem einzigen Zwecke gekommen sei, Paul und Cesarine auszusuchen. Das lag auch wohl daran, daß mir die Revolution weniger schrecklich und großartiger erschien, als ich sie geträumt hatte, Ich erwartete düstere Gesichter, Barrikaden, wildhrüllende oder beängstigend schweigende Volkshaufen zu erblicken. Hatte denn die Bewegung nicht mit der Hinrichtung der beiden Generäle auf dem Montmartre eingesetzt? Hatte denn diese Blultause nicht eine furchtbare Erbiltencng angekündigt? War denn Paris nicht in der Hand von zweihundertlausend wüthender Insurgenten? Ich hatte mir eingebildet, in einer wilden Stadt gelandet zu sein, die von Bajonetten starrte, die nach Pulver und Blut roch.— Und ich kam in eine Stadt, die in Festes- stimm ung war. Und da war nicht, wie in Besan?on, ein grauenhaft ab« stoßendes Fest zu sehen, eine Pause in der Flucht, nur der wilden Atlsschweifrnig gewidmet. das Tohuwabohu einer Soldateska, die sich mit verzweifelter Wnth auf ein Freß- gelage stürzte! Nein! Das war ein lackiendes, heiteres, fast leichlsinniges Fest. Niemals war mir Paris in besserer Laune erschienen. Barrikaden,— keine Spur davon! Ein Volk in Waffen, — man merkte kaum etwas davon! Man sah wohl zablreiche Leute iu Uniforme», das ist richtig; aber die Bayonuette steckten in der Scheide und die Gewebre hingen am Riemen über der Schulter. Man bätte sagen können, daß das nicht Soldaten seien, die im Begriffe ständen, sich zu schlagen, sondern Jäger, die von einem Aiassenansflnge unverrichlcter Sache zurückgekehrt seien, und sich nun heiter und ihren Mißerfolg selbst verspottend mit einem kleinen Spitz getröstet haben. Offenbar hatte nie- wand etivas Böses im Schilde und verlangte nichts, als nur in Ruhe gelassen zn werden. Vielleicht gäbe es in den oberen Vorstädten in den Kasernen, m den Mairie», im Hotel de Ville noch eine andere Armee von strengerem, schrecklicherem An- sehen mit der Patronentasche an der Seite und schwarzen Zorn in den Niigen; aber hier, hier gab es in der Thac nichts als Vergnügen. Um die Juli- Säule herum ging es zum Beispiel ganz patriarchalisch zu. Hier mackte man die Revolnlion in Familie. Große Nationalgardisten hielten Maulaffen feit und gingen Arm in Arm mit ihre» sonntäglich geputzten Frauen, die ihre Kinder hinter sich her zogen. Viele trugen die kleinen Bürger Huckepack auf ihren Schultern.__ (Fortsetzung folgt.) Sottttkagsplentdevei. — Es war einmal ei» Schulineister. Ei» sromiuer, braver Landschnlmeister. A» einein schönen Soinmertage. an dem er keine Schule zn hatten hatte,»lachte er eine Wallsatirt. Nicht mil einer großen Prozession. Er ging allein; nur einen ktelnen Burschen, den Sohn einer Verwandten, hatte er niilgeuominen. Zur Schule gehörten einige Morgen Feld und eine kleine Wiese mit eine», Tümpel, die etwa eine halbe Stunde vor dein Dorfe ai» Bach lag. Der Lehrer war einer jener Katholike», die Erivervstüchligleit sedr woh! mir ihrer Fröminigleit zu vereinigen ivjsseii.. Als er nun so dahinwalisahrleie, mußte er an seine Wiese drnkeil und an de» Mäher, der gesagt halte, es sei ans dem kleine» Fleck wieder nichts gewachsen wie saueres Gras, an du» sich die Kühe die Zunge zerrissen, und der Tümpel sei völlig über- wachsen mil Binsen und Kalmus und Wasserrosen. Und er wollte sich überzeuge», sprang mit seinein juiigen Begleiter über de» Bach und sah. Und er sah und rieb sich die Aiige». Im einen Angen- blicke glaubte er, er sei gar nicht aus seiner Wiese. Dann betrachtete «r die Uingebung genauer, und dann wußte er, daß er sich doch nickt geirrt.'Aber wie sah der Ileiiie Teich aus! Binsen und ila!- mns und Wasserrosen wäre» verschwunde», wie ausgekratzt erschien die Mulde, bis aus den Grund, von dem Luftblasen ausfliegen, konnte man sehe», nnd der ganze Tümpel wilniuelte von Fische,. seifte» Karpfen, handhoch waren sie und schier wie ei» Ar», so lang. Ein Seufzer, der halb nach Nesignation, halb nach Befriedig»»-, klang, enlfuhr dem Lehrer, dann fand die Wallfabri ihre Fortsetzung. Es wurde nierkivüidig wenig gebellt an diesem Tage. Uni so hartnäckiger stritten sich im Ha pte des Mannes die Gedanken. Wo kamen die viele» Fische ber? War das eine Versuchung des Böse» oder hatlen sie Fischdiebc in den Tümpel gebracht? Oder...?. Die ganze Geiiieuide u'ußle, daß der Schulliieister gern Fische aß, wenn sie nichts kosteten. Alm, vielleicht hatte sich doch eininal das harte Herz eines Bauern er- weicht, er hatte von seineiii Ucberfluß in den Schultcich gelha», dein Lehrer aber nichts davon gesagt, damit dessen lleberrnschung»in so größer sei. Der Schulineister überlegte hm, er überlegte her; ins Reine konnte er nicht komnie». Als er am Abend ivieder a» der Wiese vorbeikam, schaute er verklärten Slugesichts hiiinber und flüsterte:„Morgen!" Am nuderu Tage i» aller Frühe stand der Schulineister am Tümpel. Aber der ganze Segen war verschwunden. In dein klaren Wasser wurlle ein Fischchen hin und her, ein „Schneiderlein" mir, kaum so lang wie ci» Finger. Da that der Enttäuschle den Mnud auf und sagte:„Sei es!... Nnd es>vnr doch eine Versuchung!... Wie bin ich srob, daß ich ihr nicht unterlegt»!..." An diesen Schulmeister und seine Versuchung mußte ich denken, als vor acht Tagen die Blätter von Herrn Miguel zu schreien begannen. Von einei» Vizekaiscr troin- pele» sie oder wenigstens von einein Rcichsvizerich. Miguel hie. Miguel da! Miguel in allen Gaffen, Miguel auf allen Suppen! Mau erdachte neue Aemter und belehnte damit den Mann, von dessen Auge» einst Bismarck behauptet hatte, ihnen fehlte die pupillarische Sicherheit. Und als die Zeit vergangen, als die Woche heruiii war, was hatte sie dem Gefeierte» gebracht? Nichts als eine kleine Vizepräsidentenschaft. im Slaatsministerilli». Sei es! mag auch er sich denken.„Schueidcrleiii" sind auch Fische. Was nicht heute ist, kann morgen werde». Und gulgelauiit schnippt er wohl mit den Fingern und singt, Falset natürlich, das alte, liebe Lied:„Heut', morgen, fisch ich mein'» Teich, mtiu'ii Teich, heut', morgen, fisch ich meiu'»'Teich. Ueberm Damm, uiiteri» Tamm, klanb' ich meine Fischlein zusmnm', heut', morgen fisch ich mein'» Teich..." Die Herren von Böttichcr und v. Marschall haben ausgefischt. Dem Emen cnebt's der Herr im Schlafe, dem andern wird's ge- nommen.„Diese beiden Burschen wenigstens sind wir los", soll eine hochgestellte Persönlichkeit in einem Briefe an den großen Lilcralurkenner v. Köller von den beiden gegangen wordene» Mi- nisleru gesagt habe». Die Wendung ist so fein, daß sie iu eine Wolfj'sche offiziöse Depesche paßte Vielleicht verleibt sie auch das trotzige„Zukuusts-Buberl" seinem berühmten Zitatenschatz ein. Herrn v. Poddielski ist gegeben worden. Als er von der Armee abging. regierte er eine Brigade. Künftig wird er eine Armee von 148 000 Man» kommandiren. Es sind zwar,„nur" Postschiveden, aber die Menge thiit es. Man hat gegen diese Ernennung gemault und sich auf den Spruch berufen:„Was versieht der Bauer vom Gurkensalat." Mit Unrecht. Schon der alte Oxenslieriia hatte herausgebracht, daß zum regieren der Well wenig Verstand gehöre. Die deutsche Reichspost ist nicht die Welt, nicht einmal die halbe Well. Soll man dp' Regierenden hindern, wenn sie an einem weithin leuch» lende» Beispiel beweisen wollen, wie leicht ihr Gewerbe zu erlernen ist? Ich habe heule meinein Milchmann eine tiefe, eine sehr tiefe Verbengung gemacht. Wein man's denn? Kann inan's denn wissen? Vielleicht ist der Mann schon i» vierzehn Tagen Präsident des Obcrkirchenralhes nnd nimmt mich als Sitzungs-Protokoll-Be» ivahrer-Anwärter iu seine Dienste. Freilich, manchmal koilet das Regierenlerue» sehr viel Schweiß. Herr Fanrc kann davon ein Lied singen. Seil zwei Jahren plagt er sich Ii»» damit, aber innner»och bat er's nicht iveg. So weit lhin die Polizei dabei Heise» kann, geht es ja wie geschmiert. Aber die Polizei kann auch nicht olles. Sogar Frau Fnure leidet»nter dieser Tvatsache. Als der besseren Hälfte des Präsioenten sollte ihr doch überall der Vorrang gebühren. Aber da kommt die Wittlve Carnol's, setzt sich bei allen offiziellen Festlichkeiten stets auf den ersten Platz und läßt cs daraus ankommen, daß man sie weg« weist. Ist das Nicht ein Skandal? Könnte einei» da nicht die Galle plabe»? Wie, wenn nun auch Casiniir's Frau auf denselben Geschmack käme? Aber das ist noch nicht alles. Jsingst traf das alte Gigerl, den Prinzen Saga», der für die ganze männliche „Gesellschaft" die Kravalieusarbe nnd den Hosenschnitl angiebl, der Schlag. Sofort stellte sich Herr Fanre als Landesvnler im Palast des Prinzen ein und dokumeiitirle durch feine Unterschrift, daß er das Unglück bedauere. Kam da nicht der Polizeipräsident Lepine gleich hinterher, schrieb seiiien Naine» auch in das Buch und wahrte > abei nicht einmal den vorge'chricbenen Abstand von zwanzig Zenti- metern? Was nützt da ein gut geivachsencr, mit Golilitzen übe» ladi-w-r Spitzreiter, ivenn selbst ein Polite prasident nicht einmal dem Hoszeremoniclf und der Eii'elle Piachlnng schenkt? Da könnte einein die Luft, zu dem gekrönten Bruder nach Rußland zn reisen. ja reineweg vergehen. Umsoinebr, da auch die Präsidenten der Kaminer inid des Senates die Partie mitmache» wollen. So eine Aliiiinßung! Sind denn das Herrscher? O, es ist wirtlich bitter. Da plagt man sich jahrelang mit dem Regieren,»nd dann werden einem noch, ivein's schief gehl, die paar elende» bniiderttalisend Franks veriveig'ert. die man zu einer kleinen Sonimerreise nach Peleisviirg braucht! Milan, der Serbe, hat das Negieren nie verstanden. Nicht ein- mat den König in xartibus konnte er weiiigsiens balbswegs anständig spielen. Er war zu liederlich. Jetzt iil er vollständig uiile» durch, und nun macht er es wie jene„verunglück«»»" Kavallerie- Oisizicre. die ziirn Schlüsse als Stall nicister nnicilriecheli. Vom König zni» Pferdezaster lörnile man die Notiz überschreiben, die gegenwärtig durch die Bläiter läuft. Sie lautet:„Exkönig Milan will, wie ans Pari? gemeldet wird, i» Wien einen große» lltennstall gründen. Die nölhige» Fonds will eine Gruppe von Finanziers geben." Ob nicht der eine oder andere seiner aiiitirenden„Vettern", wen» er dies liest. die Hände über den Kopf zilsamnienschlägt»nd sagt: „So ein Kerl!... Eine Schand ist's für's ganze G'wert!"... Dio höchsten Gebivgsbnhnrn. Bei weilein die höchsten Berggipfel und Pässe, welche bis jetzt von der Schiene unlerjochl sind, verdanken ihre Befahrbarkeit nicht dem Seile oder der Zahnstange, sondern der glatten Adhäsionsbahn, ans welcher man der Lolomoiive anfangs kaum zutraute, einen mäßig schwere» Zug duich die Ebene fortznbeivegen. Die höchste Seilbahn aller Gebirge ist»ach einer Zusainmeiistellung der„Köln. Bolkszeitnng" bis jetzt diejenige auf das Sianseihorn am Bierwald- ställer- See, welche auf 1850 Meter eudigt. Unter den bekanuten Zahnradbahnen wird diejenige des Pilatus durch die Roth- Horn- Bahn überlroffc», die sich aus 2250 Meter, also fast 200 Meter höher, erhebt. Tie Zahnradbnh» des Monte Generöse mit tt-VO, die Rigi-Bahnen mit 1750 Meiern kointuen ihnen am nächsten. Von größeren Verkehrslinien steigt die bosnisch-herzcgo« ivinische Staatsbahn vom Meeresspiegel der Adria mittels der Zahnstange bis aus 860 Meter an, um sich dann bis Serajewo»m 200 Meter wieder zu senke». Bedeutend höher klettert auf ihrer mit der Zabiistange belegten Jochstrecke die Bahn Bordernberg-Eisenerz. die bei Prebischl 1200 Meter erreicht. Einsam und wenig gekannt sieht unter allen diesen niedrige» Zahuradbahneii die Aussichlsbahn auf den östlichen Grenzpfeiler der Felsengebirge, de» 4400 Meter hohen Pikes Peak. Da sie erst in 2500 Meter Höhe beginnt und den riesige» Vergkoloß c>n breiter Flanke, in durchaus gemäch- lichen Windungen erklimme» kann, so übertrifft sie beispielS- weise die Pilatusbahn nur wenig in ihrer Gesammtste-aung, während sie an Steilheit, Kühnheit der Anlage und lanofchasl- licher Schönheit weit hinter ihr zurückbleibt. Im ganzen verschwinden jedoch die mit dem Zahnrad oder Drahtseil erklommenen Gebirge sowohl der Zahl als Bedeutung»ach gegenüber denjenigen, welche von der Adhäsions-Lokomolive auf gewöhnlichen Schienen, und nicht zu touristischen Zwecken erklettert werden, sonder» weil die betreffenden Berge als verkehrstörende Hindernisse genommen iverden mußte». An mehr als 30 Stelle» übersteigt die zahnlose Schiene Gebirgsjoche von mehr als IVO» Meter, an acht Stellen(bald inerden es neun sein) gelangt die Reibnngs-Lokomotive höher als 3000 Bieter, in zwei Fällen iverden 4000 Meter bei weitein und ans lange Strecken überschritten. Die letztereii Bahne» gehören den peruvianischen Aiides an, wo die Schienen derSüdbahn sich Ltv Kilomeler lang indieHöhe bewegen, welche dem Bernina(4000 Meier) gleicbiolliulen, die Paßdöhe der Bahn, bevor sie sich zun» 3300 Meter hohe» Tilicaca- See senkt, liegt in der Höhe des Mallerhorns. 4470 Meter hoch. Die pcruvianische Zcntralbabn, die von Lima zu den Quellen des Amazonas hinübersteigl, gipselt iin Galera-Tunncl, der mit 4774 Meter nur 36 Meter niedriger liegt, als die Spitze des Montblanc. 20 Kilomeler weit lailfe» ihre Geleise i» Höhe», welche das Matterhor» überschieilen. Die chilcnisch-bolivinnische Bahn Anlofagasta-Ordro, welche ebe»>nlls die Anden übersteigt und am Tilicaca-See Anschluß a» die Zenlralbah» von Peru findet, er- reicht uirgends 4000 Meter, aber ihr Scheitelpunkt gehl immer- hin noch 160 Meier über den Gipiel des Großglockner hinaus. Diesen südnmerikanischen Gipfelpunklen des Welieiscn'dabu-llletzes, denen sich bald die chilenisch-argeutinische lkeberlandbahn mit der vierten Andcs- Kreuznng zur Seite stellen wird, kommt in weile» Grenzen keine andere Gebirgsbahn gleich. Selbst die höchste Linie des»ordainerikauischen Kon- tinents bleibt S00 bis 1000 Meier Himer ihnen zurück. Arn kühnste» sind hier die Linien der Denver und Rio-Grande Eisend h», auch landschast- lich die schönsten Nordaincrika's. angelegt. Ihre Stammlinie erreicht im Tenil-Paß 3120 Meier, und ebenso hoch steigt in ihrem Gipfelpunkte Lizzard Head die Rio-Grnude Sndbadn empor. Die hauptsächlich dem Touristen- und Lokalverkehr der Fels-ngebirge dienende» Älbziveigungen der Stammbah», deren riesige Schleiscn ohne Tunnel, aber mit slnunenerregenden Kurven, dnS Gebirge überklettern, gehen bedeutend höher. So iverden 3300 Meter im Marschall-Paß, 3450 Meter im Fremont-Pab erreicht und mehrere andere von der Schiene beherrschte Pässe bewegen sich ünge ähr in 30i>v Meter Höhe. Auch die große» Bahnen des Berglandcs Mexiko erklimme» auf glatter Schieue achtunggebietende Gevirgsjoche, und wenn ihre absoluten Hohen nicht ganz diejenigen der vorgenannten Linien er- reichen, so ist dafür zu bedenken, daß sie, gleich den süd- amerikanischen Slndcsbnbncn, am Meeresspiegel beginnen, während der Fuß der Felseugebirgsünien l500 bis 2000 Meter hoch liegt. So braucht die mexikanische Jilterozca». Linie nur 200 Kilometer, um von Vera Cruz aus ihren Hanptpaß, Las Vigas in 2415 Meier Höbe, zu erreichen. Von Pnebla iäujt diese Linie in 2160 Meter Höhe mit der Südbahn, die vorher ebenfalls schon höhere Pässe überschritten hat, zusammen, und die vereinigte Linie steigt dann im Junern deS Landes bis zu 2740 Meter an. Von den große» nordamerikanischen Ueberlandbahneu übersteigt nur die Union- Pacificbahn mit dem 2500 Meter hohen Sherman- Paß das zweite Tausend, dem sich die kanadische Linie mit 1900 Meter nähert, auf der Northern Pacificbahn werden 1700 Meter nicht überschritten. Wie winzig aber erscheinen, neben diese amerikani- scheu Eisenbahn- Bauten gestellt, die Höhenerstreckuuge» unserer kühnsten Alpen nberschieuungen. Die Breunerbahn übersteigt mit 1370 Meter in den Alpen den höchsten, der Lokomotive unlerivorfeuen Paß, auf 1300 Meter steigen die Bahnen des Mont Cenis und des Arlberges a», auf 900 Meter die Eemmeringbah», und der geplante Simplon- Durchstich soll sich schon in 700 Meter Höhe vollziehen. Die Goilhardbahn hat ihren Tunnel in 1150 Meter Höhe und ans 1200 Meter erhebt sich die nach Lienz führende Seitenlinie der Brennerbahn. Trotzdem stehen die Alpenbahnen mit ihren flachen Böschungen, ihren gewaltigen Tunnels und ihrer schnellen Fahrzeit technisch auf größerer Höhe als die vielgewnndeuen, meistens tunnellosen Gebirgsbahnen Amerika's. Bei letzteren war in erster Linie die Geldsrage bestimmend, freilich weist auch die massige breite Form der amerikanischen Gebirgskette» mehr auf die Ueberschieunng, die zernagte Gestalt der älteren Alpen mit ihren steilen kämmen mehr aus die Durchtunnelung hin.— Mlernes �TcuiUcfoii. g. k. Der Philosoph.(Auch eine Fabel). Ein magerer, ab- gehetzter Schimmel lies in einer Zicgclhütte, immer im Kreise, stumpffiniiig mit dem Kopfe nickend. Da bekam er eines Tages einen Gefährten. Der hatte nicht von jung aus in einer Zicgclhütte gedient, er war früher wild umhergelaufen, hatte das freie Leben schätzen gelernt und fühlte sich nun natürlich tief nn- glücklich. Er begriff gar nicht, wie der andere so ruhig daherlaufen konnte, ohne auch nur einen Muck zu thun, jahraus, jahrein. „Fühlst du dich nicht sehr unglücklich?" „Ich? Wesivegen?" „Nun, diese eintönige Beschäftigung." „Ach! Wenn wir de» Tag über im Kreis gelaufen sind, können wir doch wenigstens die Nacht über ruhig schlafen und für unser Futter brauchen wir auch nicht zu sorgen, das bekommen wir ja. 'Ader nun sieh dir einmal die Menschen an! Die mühen sich auch tagaus, tagein, immer dieselbe stumpsfinnige Beschäftigung, und glaubst du vielleicht, daß die alle Tage satt zu fressen haben, oder, wie wir. die Nächte ruhig schlafen können, wenn sie nicht wissen, wovon sie den nächsten Tag leben sollen?... Nein, junger Freund, nie über dich schauen, immer unter dich, dann wirst du dich nicht halb so elend fühlen.— Theater. — Dem„Berliner realistischen Ensemble" wurde in Prag die Aufführung von Gerhart Hauptmanu's„Die Weber" verboten. — Ein patriotisches Stuck. Die„M. N. N." schreiben: „Die Bearbeitung der drei allegorischen Bilder des Kaisers, mit der Professor Büttner Pfänner zu Thal beauftragt ist, wird ein heroisch- patriotisches Schanstück werden und den Titel:„Der deutsche St. Michael(8ct. �liclrnsl Gennaniae)" tragen. Es zerfällt in drei Abtheilungen, deren jede sich am Schluß zu einem der Bilder entwickelt und zwar in umgekehrter Reihenfolge, wie sie erschienen sind. Der erste Akt schließt mit dem: Exegi rnonurnentum und behandelt Deutschlands Entwickelung von der Germanen- zeit bis zur Machtstellung unter Kaiser Wilhelm dem Ersten. Der zweite Akt bringt sodann die Stärke Deutschlands nach iniien und die Gewähr des inneren Friedens durch Bürgerlhuin und Bauern- stand zur Anschauung, die �Wissenschaft und Kunst, Handel, In- dustrie und Gewerbe gedeihen lassen(Schlußbild:„Nieniand zu Liebe" ec.), während der drille Akt Deutschlands Stärke nach außen, also die Kriegsmacht zeigt, welche im Bündniß mit anderen Staaten den äußeren Frieden wahrt und in dem Bilde:„Völker Europa's, wahret Eure heiligsten Güter" ansllingt. Die Bearbeitung erscheint in etwa 14 Tagen im Druck nnd wird dann an die Bühnen ver- sandt werden."— Wir haben von Herrn Büttuer Pfänner z» Thal ein Heslchen gelesen, in dem er ein alles Kirchlein beschreibt.— Musik. -er- Theater des Westens. Zum ersten Male: „A basso porto"(Am untern Hafen), neapolitanische Volks- szencn von Gofsiedo C o g n e t t i; lyrisches Drama von E. Checchi, Musik vo» N i c c o l a S p i n e l l i.— Mit Spinclti ist wieder einer der jnngitalienischen Opernstürmer und-Trängcr bei uns zu Worte gekommen, welcher gleich seinen berühmten und tantieiliengekrönten Genossen Mascagni und Leon« cavnllo, seinerzeit durch den für die beste einaktige Oper gestisleten Sonzogno-Preis an die breite Oberflüche der Oeffenttichkeit gelangte. 'Aus de» neapolitanischen Volksszenen des Cognetti, deren Lokal- Kolorit eine robuste tragische Brutalität ist, wurde für den jungen Maestro ein Libretto cntiionuncn, das tniler dem Namen„A basso porto"(„Am unter» Hafen") alle die realistischen Mittelchen nnd kostümhaften, dekorative» Behelfe, welche einer längst vergessenen süditalienischcu Serenaden- und Dolch-Romanlik angehören, zu unserem heileren Erstaunen wiederbringt. Der grausige Geheimbund der Camorra, Rache sür verrathcnes Liebesglück, Mutterliebe und sentimentale, Meer, Wein und Liebe ansäuselnde Mandolinenlyrik, das unter dem blauesten aller Himmel wild nnd heiß aufwallende neapolitanische Volksblut— mit diesem Nüstzeuge der allitalienischen Oper wird auch„am untere» Hafen" Mitleid und Furcht, die tragischen Gewalten des Dramas, erzeugt. Bei aller äußeren Leb- haftigkeit bleibt dennoch der Eindruck einer inneren Leere zurück, und die weitläufige Palhetik und der larmoyanle Gesühlsüberschwang dieser von wahrem VolkSthum weit eutscrnte» Thealersignrinen haben ans die mehr als obenhin ergreifende Gestalt der„Mutter Maria" nichts von der tief wirkende» Eiusachheit an sich, die immer ein eichen wirklichen Reichthums an künstlerischen Mitteln ist. Diese emperanienisexplosionen nnd bis zum obligaten Dolchstich sich zu- spitzenden Geschehnisse machen ja, an ihrer Bühnenschlagkraft sich begnügend, aus das Zersetzungsrecht einer höheren Kritik keinen Anspruch. In der Partitur Spinelli's vereinigen sich eine vom späteren Verdi und der Phraseologie Leoncavallo'S beeinflußte reiche melodische Ader mit einer Ersindnngsgabe, die nicht immer ans erster Hand ist, aber sich von der erbarmnngslosen Trivialität italienischer Opern» mnsik stets freihält. Starker, langer melodischer Alhem ist nur in einem Duett des zweiten Aktes zu verspüren, daS auch stürmisch zur Wiederholung begehrt wurde. Ein Meister ersten Ranges ist Spiuelli im Aufbau großer Ensembles, deren einzelne Gesangs- gruppen. von verschiedenen Empfindungen erfüllt, allmälig zn einer gewalligen Homophonie zusammenrücken, der eine zuweilen hin- reißende Theaterwirknng innewohnt. Sein Orchester ist nicht frei von überkünstelnden Kombinationen und einer Instrumentation, bei der die ästhetischen Gesetze der Harmcuiesolgen Nebensache sind; aber wer das Können und daS musikalische Gestaltungs- vermögen besitzt, um das, dem 3. Akte vorangehende Intermezzo niederzuschreiben, erregt für die Zukunft die schönsten Hoffnungen und darf einer warmen und aufrichtigen, wenn auch auch nicht blinde» Bewunderung für seine Begabung seitens aller parteilosen Unvoreingenommenen sicher sein. Der Vergleich mit seinem Lands- mann Puccini drängt sich unabweislich auf, ohne durch„A basso porto" des einen, noch durch die„Bohöme" des andern zu gnnsten oder Ungunsten des einen oder andern entschieden werden zu können. Puccini scheint uns das feinere, poetisch duftigere, in der Erfindung vornehmere Talent zu sein, während Spinelli der größere Zug, starke Leidenschaft, instinktives Erfassen szenischer Effekte auszeichnet. Un- gelvödntiche nniffkatische Dramatiker sind sie deide. Die SInfführnng der Noviiäl gereicht Tireklor Marwitz und seinem Personal zur größten EKre. Die weitgehenden Schwierig. keilen der Partitur wurde» von dem, solchen reichen paiypdoneu Aufgabe» sonst ferne stehenden Orchester unter der energischeu und geistseiuen Leitung des Kapellmeisters W o l f h e i in in überraschender Weise bewältigt. Unter de» Solisten ist Frau Moran O I d e n(Mutter Maria) mit rückhaltloser Bewunderung zu nennen. Die ausdrucksvolle Betonung und Lebendigkeit in der Durchführung ihrer Jutcutionen, die Machtfülle ihres ivarm timbrirten Organe und die Kraft ihrer hochpathetischen Gefühlstöne schufen eine Gestalt echter tragischer Größe, vo» der wir ein gut Theil Frl. Triebe! gewünscht hätten. I» die schöne und wohlgebildete Stimme der junge» Sängerin muß noch eine dramatische Seele kommen, welche die Energie eines feurigen Teniperanients auszunlhinen vermag. Der„C ccillo", ein echter Barilonschnrke altitalienischer Prägung, wurde vo» Herrn Langgert mit großem Stimiuvolilinen und hervorragender schauspielerischer Kunst dargestellt. Ganz un- genügend war der Tenor B u ch iv a l d als„Luigino", welcher aus der schönen Serenade des 2. Aktes geradezu ein Jammerständche» machte.— — Die Direktion der königlichen Schauspiele hat Leon- ca val l os„Boböine" erworben. Das Werk gelangt Ende Januar nächsten Jahres in Anwesenheit des Komponisten zur Aufsührung.— Knnft. — Im alten Museum ist ein neuerworbencr H o l b e i n soeben zur Ausstellung gelangt. Das auf eine Holz'asel gemalte Bild stellt einen ui den fünfziger Jahren stedeudeu Mann dar. Ee stammt aus der Sammlung des verstorbene» englischen Malers Millais und wurde für einige sechzigtausend Mark erivorben.— — In einem Artikel über die Bildergallerie der Königin Christine von Schweden erzählt die„Cstrcmigus des Ans" die Irrfahrten eines Gemäldes von Correggio, das eine Zeitlang im Besttz jener Königin war. Der Gegenstand des Bildes ist: die Ueberrafchung der badenden Leda und ihrer Gespielinnen durch Schwäne. Gemalt 1530, wurde das Bild von Herzog Friedrich II. von Mantua dem Kaiser Karl V. angeboten, und Philipp II. ließ es vo» Italien nach Spanien bringen. Ans Spanien kam es mit dem Bildhauer Leone Leoni wieder nach Italien und wurde 1f5l>3 in Mailand vom Grafen Kdeveuhüller für die Sammlung Kaiser Rudolfs II. angekauft und nach Prag geschafft. Die Schweden entführten es 1648 von hier nach Stockholm, und von da kam es noch einmal nach Italien zurück mit Christine vo» Schweden, die es dem Kardinal Azzolini ver- machte. Da dieser»och im nämliche» Jahre starb, ging es in die Hände seines Neffen über, der es an den Fürsten Livio Odesealchi verkaufte. Sodann fiel es dessen Bruder Baldassone zu, dem es wiederum der Regent Philipp von Orleans abkaufte. Dessen Sohn. Prinz Louis, bekannt durch seine religiöse» Bedenken, ließ den Kopf der Leda, der ihm„gar zu ausdrucksvoll" fit.ien, herausschneiden und zerstören. Coppel, der das Bild kauste, er- setzte den Kops und verkaufte die„Leda" an einen Sammler Pasquin, von dem sie Friedrich der Große erwarb. Während der Napoleonischen Feldzüge wurde sie von Sanssouci nach Paris ge» sandt und daselbst ungeschickt restanrirt. 1815 nach Berlin zurückgekommen, wurde das Bild noch einmal übermalt und von Schle- siuger mit einem neuen LeAakopf ausgestaltet. Dies>var seine letzte Wauberuiig und es befindet sich nun im Berliner Museum.— Ans dem Thierlcben. — Eine Henne des Besitzers Wicczorer in Wybrauowo hat, wie das„Woiigroiv. Kreisblalt" erzählt, heimlich in einem Roggenfelde zwölf Hühnchen ausgebrütet, mit denen sie vor einigen Tage» zum Vorschein kam. Sieben derselben hatten aber ein anderes'Aussehen und entpuppten sich als Rebhühner Tie Haushenne hatte da unziveiselhaft ein altes Rebhnhupaar aus dem Neste verlrieben und letzteres selber als Lege- und Bruistätte benutzt. Die Ziebhühuer sind munter, folgen ivillig der„Stiefmutter" und suchen unter ihren Flügel» Schutz, der ihnen auch gern gewährt ivird.— Geographisches. — Als der h e i ß e st e Punkt der Erde muß„Das Thal des Todes" in der Wüste Mohava in Amerika— 117 Grad westliche Länge, 36 Grad nördliche Breite— bezeichnet werde». Dieses Thal hat nach keiner Seite eine» Ausgang, sondern ist überall von Bergen eingeschlossen, von denen die stellen des Funeral und Amargoza im Osten eine Höhe von 1500 bis 1800 Metern, die Panamintberge im Westen eine solche von 2400 bis 2700 Meter» erreiche», während im Süden ein Felsen vo» 600 Metern Höhe vor- gelagert ist. Baromelerniessimgen haben ergebe», daß die Tbalsohle 50 Meter unter dem Meeresniveau liegt. Der Name dieses Tbales rührt von einer Katastrophe her, welche eine Schaar Eniigranten ereilte, indeni dieselben dort verdursteten. Die Beobachtungen, welche während eines Sommers in jenem Thale durchgeführt wurden, ergaben als mittlere Temperatur des Juli 39 Grad Celsius; das Maximum erreichte oft 50 Grad und an einem Julilage erreicht das Tagesnuttel 43 Grad. Alle diese Temperaturen sind im Schatten gemessen.— i Astronomisches. — Komet D* Arrest. Gegenwärtig steht ein Komet am Morgenhimmel und ist täglich, allerdings nur mit den kräftigsten Fernrohren und nur für kurze Zeit, zu sehen. Es ist der Komet D'Arrest, der, wie die Licksternivarte in Kalifornien meldet, am 28. Juni aufgefunden worden ist. Dieser alle 61/,, Jahre wiederkehrende Komet gehört zu den schwächsten Gestirnen"dieser Gattung. In seiner letzten Erscheinung war er dadurch merkwürdig, daß sein Ort zwar sehr genau mit der Vorausrechnung stimmte, daß er aber lange Zeit hindurch nicht nnfgefnndeu werde» konnte, bis er Plötz- lich seine Helligkeit steigerte. Er scheint demnach ein Komet zu sein, der sich im Zustande der Auflösung befindet.— Humoristisches. y. Das kann»ich gehen. Einen sonderbaren Brief hat ein Bewohner des Butjadniger Landes(Oldenburg) an den Lehrer seines Dorfes gerichtet. Als der Biedere nämlich kürzlich am Hebnngstage den schweren Gang zum Juraten inachte,„m Schul- Umlage zu bezahlen, sah er neben dem Juraten, der die Zahlimgen quillirte. den Lehrer de? Ortes sitzen, der das Einkasstren der Gelder besorgte. In dem Glauben, daß die ganze Umlage in die Tasche des Lehrers wandere, schrieb der Mann, der„B. Z." zufolge, flugs folgenden Brief an den Lehrer: Sehr geerbter Herr Lährer k Ich der unterzeichnete, muß sehr vieles Geld bezahlen für unsere Schuhle und besonders für Ihnen. Sie haben meine zwei Jungen gut in Zug sie haben Angst, aber so vieles Geld das ist ,» fiel. Die Junyens waren sonst ja Boseiviegter sint nun aber chanz frain geworde das Geld ist zu viel. Meine Frau sagt das iiich. Ich will das nun noch bezahlen thnn aber balt nicht wieter sie verdiene» zu viel, ich nich. Das kann»ich geben. Hochaqtmigvol R. N. Vermischtes vom Tage. — Dem Gr ü neberger Wein ist ein arger Feind in einer kleinen, gelbe» Ranve mit schwarzem Kopf erstauden, welche während der Blüthezeit die Trauben, besonders die böhmischen, aufsucbt und vernichtet. Es giebl Weiubergsbesitzer, welche die Hälfte der Trauben und mehr durch diesen Schädling eingebüßt hauen. In mancher Traube hat mau drei bis vier Raupen gefunden. Dieses Insekt übt nur während der Blüthezeit sein Jerstörungdwerk aus, während es den abgeblühten Beeren nichts mehr z» schade» verinag.— — Am Sonnabend früh stieß auf dem Dresdener Bahn- Hof der vol» Bodenvach einlanfende Zug infolge B rfageuS der BremSvorrichlnng auf de» Tharaudler Vorortzug. Sechs Personen wurden leichl verletzt— — Köln. 3. Juli. Wie die„Kölnische Vo?kszeitung" meldet, fand gestern Abend bei Orsoy auf dem Schleppboote„Kälhcheu" eine Keffelexpiosion statt, durch welche vier Mann der Besatzung grlödlet fei» sollen.— — Budapest, 3. Juli. Aus Sanjhely, MiSkolez, Jglo und Klansenburg laufen Ä-ricble ein über snichlbare Uinvetier mil Hagel- schlag, welche großen Schaden verursncbie». In Jglo wurden iämmtlicde Brücken weggeschwemmt, der Blitz schlug i» den Kloster- lhurni und schmolz das Kupferdacki; zahlreiche Hauslhiere siele» dein Wetter zum Opfer In Miskolez sollen zwei Ki der vermißt werden. Bei Klansenburg ist der Feidschade» ganz nuderechenbar— — Straßburg, 3 Juli. Aus den verschiedensten Tbeilen Elsab-Lslhriugens laufen Nachrichten über schwere Ge, vitter mit Hagelschäden ein. In der vergaugenen Nackt gingen zwei schwere Gewitter mit Hagelschlag über Eiraßtmrg nieder. In Ooeihaus» bergen war der' Regen so stark, daß das Wasser in die Hänser ein« drang, und Eiurm geläutet wurde. Im Konto» Bnchsweiler sind 16 Gemeinde» verhaaelt. Nach vorläufiger Berechnung beträgt der Schaden über drei Millionen Mark.— — I» Wien erlitten am 1. Juli vier Handwerker und mehrere Soldaten eine» Hitzschlag. Ao» einem Landwehr- Bataillon fielen bei einer Leichenparade vor der Bolivkirrhe mehr als 20 Manu um.— — Die Ferdiuand- Kaserne der Osener Bu,g ist zum theil uiedergebranut. � — In Balduinstein a. d. Lahn siel ein dreijähriger Knabe beim Spielen i» die Labn. Ans sein Geschrei eilte ihm der achtjährige Sohn des Schullehrers zn Hilfe, dabei mußte er aber das Bahugeleise überschreiten. In 0ei»selbe» Augenblick, als der Knabe über de» Bahnkörper lief, fndr ein Schnellzug aus dem Tunitel und erfaßte de» Knaben, dessen Körper durchschuille» wurde. Der ins Wasser gefallene Junge konnte von anderen noch gerettet werden.— — Ei» sonderbarer Selbstmord ivird aus Paris ge- meldet. Die siebzehnjährige Schauspieleriii Mathilde T. wallte aus Lebensüberdruß aus dem Dasei» scheiden und lud vorgestern vier Kaineraoiunen zum Frühstück zu sich ein. Sie theilte ihnen ihre Absicht mit Keine der Freundinnen rieth ihr ab, vielmehr diskulirle man über die beste Art des Selbstmordes, und die Majorität war für Gift. Eine der Freundinnen ging sogar Gift ans einer Apotheke holen. Man bereitele den Todeslrank, Mathilde T. goß ihn hinunter nnd bald darauf fiel sie todl zu Boden.— Veranlwortlicher Redakteur: Angust Jacobey in Berlin. Druck und Verlag vo» Max Badiug in Berlin.