Anterhaltimgsblatt des Worwärls Nr. 131. Mittwoch, den 7. Juli. 1897. tNachdrulk verbolen.) wl Cessvine. Von Jean Richepin. Uebersetzt von H. L. Und mit einem Stich ins Eassenjungenhafte fügte ich noch höhnisch hinzu: „Nehmen Sie an, daß ich mich hier abonniren will." „Sie, sich abonniren!" rief er voll Schrecken aus, als ob ich eine Gotteslästerung ausgesprochen hätte.„Sie sich abonniren! O nein, wahrhaftig. Nein, niein Herr, das wollen Sie nicht?" Er wandte sich an die fünf anderen, die alle, selbst den Ticken eingeschlossen, seinen Schrecken zu theilen schienen. „Ich muß Ihnen in der That vorher bemerken," ent- gcgnete der Alchimist, indem er mir starr in die Augen bückte,„daß wir, diese Herren und ich, fest entschlossen sind, keine jungen Leute mehr unter uns aufzunehmen. Um vollends dieses Haus zu verlieren, ich danke schön! Wir haben schon übergenug an diesem einen. Ja, übergenug. Nicht wahr, meine Herren? Wir wissen, was es uns gekostet hat, diesen ersten Eindringling zu dulden, und wenn das Fräulein.. Der ehrenwerthe und schüchterne Gavarot trat lebhaft mit einer beinahe familiären Beivegnng dazwischen, und legte dem Alchimisten die Hand auf den Mund: „Ich flehe Sie an, mein lieber Herr Bochard, mein lieber Freund, beruhigen Sie sich! Enthüllen Sie nicht unseren Kummer vor einem Fremden; unseren Familienkummer möchte ich sagen, ja, unseren Familienkunnner. Leiden wir unter uns allein. Sie versieben, was ich sagen will. Ich meine, leiden wir mit Würde. Mit anderen Worten, leiden wir... unter uns allein." Ein seltsamer Argwohn stieg in mir auf. Waren diese sonderbaren Heiligen auf Paul eifersüchtig? War nicht er dieser erste Eindringling, von dem der wilde Alte mit solcher Bitterkeit sprach? Und stammte ihr Leiden, ihr Kummer. ibr Fainilienkummer nicht daher, daß sie für diesen jungen Mann geopfert worden waren? Ich erinnerte mich an die Anklage, die der Kapitän gegen Cesarine erhoben hatte: „Doch, doch, die Geliebte Heurtault's und eines Haufens anderer." Ter Haufen anderer waren also diese da! Ich konnte aber doch nicht daran glauben, so häßlich und lächerlich er schien mir die Geschichte. Ich wollte sofort wissen, woran ich mich zu halten hätte, und indem ich kühn den Stier bei den Hörnern faßte, sagte ich ihnen geradezu auf den Kopf: „Nun, nicinc Herren, ob ich abonnirt bin oder nicht, ich wünsche mit Fräulein Cesarine zu sprechen, um von ihr näheres über meinen Freund zu erfahren, über meinen Freund..." Ich hatte keine Zeit, den Namen auszusprechen, denn der jähzornige Alchimist errieth ihn, ehe er noch von meinen Lippen gekommen war. Er machte eine Bewegung aus mich zu, als wenn er mich schlagen wollte und schrie mir direkt ins Gesicht: „Uebcr Ihren Freund, Herrn Paul, nicht wahr?" Es war nicht der geringste Zweifel mehr möglich, daß sich darin die Eifersucht eines Geliebten bekundete oder wenigstens die Eifersucht eines ausgestochenen Verliebten; mit solchem Haß und solcher Verachtung betonte er dieses „Herr Paul". Und zugleich las ich von den Gesichtern der übrigen, daß damit Bochard die gemeinsame Empfindung aller ausdrückte. Nur der ruhige Herr Gavarot blickte mit einer weniger wilden Zustimmung durch seine Brillengläser. Sein Blick drückte vielmehr keine eigene Ueberzeugung ans, und er machte den Eindruck, als ob er wie ein langjähriger Bei- sitzcr aus alter Gewohnheit der autoritativen Meinung des Präsidenten bestimmte. Deshalb wandte ich mich auch an ihn, um hinzuzufügen: «Könnten Sie mir nicht einige Aufklärungen geben, während ich Cesarine erwarte?..." Bochard war auf seinen Hut zugestürzt und stülpte ihn über ein Käppchen, genau so, ivie der Vater Heurtault, was mich auf den ergötzlichen Gedanken brachte, daß dies bei diesen Mathematischen jedenfalls eine Art Mode sei. Ich mußte bei dieser Vorstellung lächeln, aber der alte Wütherich hielt mein Lächeln für eine neue Beleidigung und schrie: „Es ist eine Schande, mein Herr, wahrhaftig eine Schande, daß man derartigen Beschimpfungen an einer so ehrwürdigen Stätte ausgesetzt sein muß, Ivo bisher die Wissen- schaft allein ihre Stimme erhoben hatte, ihre Stimme, meine Herren..." Da mein Lächeln seinen Redefluß ans dem Text brachte, suchte er nach einem Wort und fügte dann mit einer groß- artigen Geberde hinzu: „Ja, ihre Stimme, meine Herren, ihre ruhige Stimme." Aber plötzlich hielt er iirne, denn er enipfand auf einmal selbst den Mangel an Uebereinstimmung zwischen seinem eigenen Verhallen und dem von ihm gewählten Beiworte, bei dem ich unwillkürlich die Augeilbrauen in die Höhe zog. Und wüthcitd lief er hinaus, oder rettete sich vielmehr ins Freie, indcni er heftig die Thür hinter sich zuschlug. Einer der vier Greise, die bisher im Schweigen verharrt hatten, flüsterte: „Ein sehr bedauerlicher Vorfall, meine Herren, sehr be« danerlich." Ein zweiter, der dadurch ermuthigt wurde, glaubte seiner- seits das Wort ergreifen zu müssen, und schlug vor, dem Bei- spiel, das der würdige Herr Bochard gegeben, zu folgen. „Unser Dekan!" sagte er.„Wenn wir ihm nicht folgten, sähe es aus, als ob wir ihm nicht beipflichteten." „Aber!..." begnügten sich die anderen zu flüstern. „Aber ich, nieine Herren," warf der gute Gavarot ein,„ich kann trotzdem nicht. Es ist mir unmöglich, absolut unmöglich, weil ich Fräulein Cesarine versprochen habe, das Kabinet nicht ohne Aufsicht im Stiche zu lassen." Man drückte ihm allgeineines Beileid aus; aber das Mit- gefühl ging doch bei keinem so weit, daß er das schreckliche Geschick, dem man ihn überlieferte, nämlich allein mit mir zu bleiben, hätte theilen mögen, mit mir, mit dem Freunde von „Herrn Paul". Vier Hüte wurden auf vier Käppchen gestülpt — also das war wirklich Mode hier!— und ernst und würdig, meinen Gruß kaum mit einem verächtlichen Kopfnicken beant» wartend, spazierten die vier alten„Maulwürfe" schweigend wie in einer Pantomime im Gänsemarsch hinaus. Ich wartete höflich, bis der Letzte hinaus war, ehe ich meinem Lachreiz Folge gab. Aber nachdem der Letzte hinaus und ebenso geräuschvoll wie dieser schreckliche Bochard die Thür hinter sich zugeschlagen hatte, platzte ich endlich herauf Aber plötzlich sah ich, wie unter dem einzigen Brilleupaar, das mich jetzt betrachtete, zwei dicke Thränen aus den Augen des Herry Gavarot hervorquollen, während er traurig seufzte: „Arme Cesarine! Arme Cesarine!" Ganz gerührt näherte ich mich dem braven Manne, der sich auf einen Stuhl hatte fallen lassen, und setzte mich neben ihn. In dem instinktiven Drange, aus ihm vertrauliche Mit- theilungen herauszulocken, fragte ich ihn ziemlich indiskret, wie ich selbst gestehen muß: „Macht Paul sie unglücklich?".. „Oh!" seufzte er.„Was fragen Sie mich da? Müssen Sie gerade an mich von uns allen eine solche Frage richten? Empfinden Sie denn nicht, daß Sie mir damit den Dolch in der Brust umkehren? Ja wirklich den Dolch. Denn auch ich leide unter diesem... wie soll ich sagen?... unter diesem Zustande. Gewiß nicht, wie Herr Bochard, davon ist keine Rede. Er ist gegen ihn— und er ist leider nicht der Einzige— von einer Voreingenommenheit erfüllt, die ich tadle, glauben Sie mir. In unserem Alter darf man nicht mehr derartige Gedanken hegen, sie vielmehr, ivie ich es thuc, in andere Empfindungen umsetzen. Mit anderen Worten: man muß sich klarmachen.... Aber das hindert doch nicht, daß ich gleichfalls leide. Väterlich, ver- stehen Sie mich recht, ganz väterlich. Ein Kind, das uns gehörte, niit einem Worte: uns. Und nicht wahr? Ich weiß nicht, ob ich mich klar genug ausdrückte." Ich konnte mich nicht enthalten, ihn zu unterbrechen: „Nein, nicht sehr klar." Seine Erklärungen schienen mir in der That ein wenig dunkel, und die Meinung befestigte sich in mir, daß alle diese Greise Paul zürnten, weil er von Cesarine geliebt werde. Nun, inwiefern gehörte sie ihnen, wie er sich aus- drückte? Und waS wollte er damit sagen, daß Bochard— und er nicht allein— noch in seinem Alter„solche Gedanken hege?" Eifersucht? Ter Wunsch, sie zu besitzen, offenbar. Aber war dieser Eifersüchtige ein betrogener Rivale? Und das gerade wollte ich wissen, und ich wollte ferner wissen, ob sich die anderen in der gleichen Lage befänden, und ob endlich die Anschuldigungen des Kapitäns be- gründet feien. Wie sollte ich aber darüber den verschämte, t Gavarot ausfragen, ohne ihn mit einem allzu rohen Angriff zu erzürnen? Ich konnte ihm doch nicht zumuthcn, mir zu gestehen, daß sie alle ebemalige Geliebte Cesarinens wären. Aber nichtsdestoweniger konnte ich aus seinen wirren Erklärungen und aus der Erinnerung der schrecklichen Worte des Kapiräns doch nichts anderes entnehmen. Indessen hatte eine Zwischenbemerkung den Faden seines Geschwätzes unterbrochen; er blieb still und begnügte sich damit, schmerzlich seinen Kopf zu schütteln. Ich erriech, daß er inner- lich die Worte wiederholte: „Arme Cesarine! arme Cesarine!" Ich knüpfte deshalb die Unterhaltung wieder au, indem ich ans seine Gedanken antwortete: „Aber warnn, sind Sie denn so untröstlich? Warum Sie denn, Sie?" „Ach 1" entgegnete er.„Sie wissen das ja nicht, Sie können daS ja gar nicht wissen. Wenn Sie dieses Haus früher ge- kannt hätten! Seit fünfundzwanzig Jahren komme ich hier- her, seit fünfundzwanzig Jahren, und ebenso diese Herren. Einige sind älter als ich, so dieser Herr Bochard. Und beachten Sie wohl. Bisher sind"wir dreißig Abonnenten gewesen, sehen Sie. Sie wuchs unter uns auf, und wir hielten sie alle wie unsere Tochter. Sie ist ein merkwürdiges Geschöpf! Sie ist ein mathematisches Genie. Thatsächlich ein Genie. Ihr Vater war zweifellos selbst sehr tüchtig; nur ein etwas grillenhafter Geist. zu vollgesogen von Wrouski, zu vollgesogcn, soll ich es sagen? von... von... nun von Alkohol. Das ist bei ihm eine Art mathematischer Verrücktheit. Nun? Sie verstehen mich. Kurzum, Träume über das Unergründliche. Trugbilder der Wissenschaft, ja, ja! Aber interessant, sicher sehr interessant! Zun, Bei- spiel die u- dimensionale Geometrie! Ein außerordentlicher Mensch alles in allem! Aber sie, sie! Um wie vieles fruchtbarer ist sie doch! Weil sie nicht weniger transzendental veranlagt, zugleich aber ungleich klarer ist. Aber um Ihnen die Sache greisbarer zu machen. Denken Sie sich ein Beispiel an der Integralrechnung.. „Verzeihen Sie," erwiderte ich, da ich sah, daß wir uns von dem Ziele entfernten,„aber ich bin kein Mathematiker." „Ah!" erwiderte er mit Bedauern.„Um so schlimmer," um so schlimmer! Ihr Freund Paul ist wenigstens ein Mathematiker. Und sogar ein hervorragender, wie ich zu- geben muß. Das ist zwar nicht die Ansicht des ehrenwerthen Herrn Bochard— aber sei es darum! Es ist meine und Sar meine wohlbegründete Meinung. Sie können es mir glauben. ich verhindert kein persönlicher Groll, dies anzuerkennen. Ich bin unparteiisch. Ihr Freund ist, soweit es sich um ihn als Mathematiker handelt, nicht zu verachten, so viel steht fest. Und in meinem Kummer ist das wenigstens ein Trost, ja, eine Art von Trost, tvenn ich daran denke, daß Cesarine sich nicht zu sehr,... mein Gott! nein... zu sehr... weg- geworfen hat."(Fortsetzung folgt.) > tNachdrillk verboten) Die Bmtafjinc vor Vlitzgefahv. Von Hans Brendel. Die flatistischen Ausstellungen der Feuerversicheruugs- Gesell- schaften und der meteorologischen Stationen gestatten leine» Zweifel an der Thatsache, dab die Blttzgefahr im Wachsen ist Eine sehr lange Reihe vo» Beobachtungen,»vahrscheinlich die längste existircnde, liegt für die Stadt Lüneburg vor, wo inan die Gewitter seit dem Jahre 1776 feststellt. Dieser Ort gehört, wie Süd- und Mittel- enropa mit Ausnahme weniger kleiner Bezirke, zu einer Zone, die durchschnittlich 15 bis 30 Gcivitter jährlich erlebt, und damit stimnit die Anzahl der Lüneburger Geiviltertage, 16.4 im Jahre, sehr gut Überein. Während die Ziffer, natürlich mit Echwankungen.� über 160 Jahre ziemlich konstant bleibt, hat die Zahl der Blitzschläge in demselben Zeitraum langsam, aber entschieden z»ge»oiranen. Beröffeutlichungen über Blitzschäden in Bayern existiren seit 1633. Danach betrag die Zahl der jährlichen Brandsälle durch Blitzentzündung anfänglich im Jahre durchschnittlich 23, in den beiden Dezennien 1644 bis 1665 fast 52, in den Jahren 1866—1679 über 100 und in der folgenden Zeil noch beträchtlich mehr. Während im Laase der drcistiger»nd Anfang der vierziger Jahre von einer Million versicherter Gebäude im Durchschnitt alljährlich nur 32 vom Blitz beschädigt wurden, fielen aiisangs der achtziger Jahre unter einer Million durchschnittlich 97 dem gleichen Schicksal aicheim. Die Blitzgefahr hat sich demnach innerhalb des betrachteten Zeitraums verdreifacht, und nicht nur die Häufigkeit, sondern auch die Heftigkeit der Gewitter scheint fortgesetzt zu wachsen, indem während der erne» fünf untersuchten Jahre an einem Gewittertage von einer Million Gebäuden im Durchschnitte 1,6 getroffen wurde», in deu letzten fünf aber 2.5. Wenden wir unfern Blick nach Norddeutschland, so läßt sich auch hier eine beträchtliche Zunahme der Blitzschläge feststellen, und zwar innerhalb eines noch weit kürzeren Zeitraumes. Im Jahre 1882 wurden in Preußen 732 Besitzungen vom Blitze beschädigt; diese Zahl wuchs in den siebe» folgenden Jahren nllmählig auf 1406, also auf das Doppelte der Treffer des Jahres 1382. und wen» auch innerhalb dieses Zeilraums ei» zeitweiliges Abnehmen der Gefahr einzutreten schien, so wurde die niedrige Ziffer des Altsgangsjahres doch iiieiiials wieder erreicht, jene des Eadjahres dagegen mehrmals überschritten. Ebenso iiiinmt die Gelährdiiiio iiieilschlichen Lebens durch das Gewitter unausgesetzt zu, ei» Uiiiftaiid.dcrfich schon bei anfmerksamem Verfolgen der Rubrik„Unglücksfälle" in ce» Tngetzeilungcii auf« drängt und durch alle zuverlässigen statistischen Aufzeichnnugen zur Gewißheit erhoben wird. So stieg, um nur ein Beispiel zu geben. die Zahl der durch Blitzschlag Geiödteten in Preußen innerhalb acht Jahren von 79 auf 106 uiid erhob sich in zivei Jahren noch beträchl- lich über diese Ziffer. Ziehen wir die Zahl der blos Getroffenen niid zeitweise oder dauernd Geschädigten in betracht, so fällt diese Statistik noch viel ungünstiger für die Gegenwart aus. Alles in allem genonimen, kann man behaupten, daß die Gefährdung durch Blitz innerhalb der letzten siebzig Jahre ans mehr als das Dreisache gestiegen ist. Diese Zunahme der Blihgefahr, die auch für die Schiveiz, Oesterreich-Ungarn und andere nuserer Nachbarstaateli iiachgennesc» ist, vertheill sich nun keineswegs gleichmäßig über das ganze Gebiet. Abgesehen davon, daß einzelne Gegenden je nach ihrer Lage z» de» Zugstraßen, denen die großen Gewilter mit Vorliebe folge», mehr oder minder ausgesetzt erscheinen, crgicbt sich auch ein ans- fallender Untersebied ziviscken Stadt nnd Land. Auf je eine Million vorhandener Bisitziliigen kaineu in den Stadlgemeinden r»»d 200, in den Landgemeinden 400 uiid in deu Gulsbezirken etiva 750 schädliche Blitze; die Blitzgefahr ist in den Landgcmeiliden also doppelt, aus den Gütern fast viermal so groß wie i» de» Städten! Dieser Umstand ist vielleicht ebenso schwer zu erklären wie das An- wachsen der Zahl zündender Blitze überhaupt. Denn während die Verhältnisse, die die Blitzgefahr in Städten verursachten, anscheinend dieselben gebliebe» find, haben sie sich auf dem Lande bedeutend ge- bessert. Unter dem Drucke der Feuerversicherungs-Vedingungen sind die Stroh- und Schindeldächer der harten Dachung. die Holz- und Fachwerkdauten massivem Maneriverk größlentheils gewichen, und auch der Blitzableiter ist aus dem Dorfe und dem Gutshofe weit hänsiger zu finde» als früher: und dennoch hier diese unverhältuiß- mäßig größere Gefährdung! Fragen wir nun»ach den Ursache» der steigenden Blihgefahr, so liegt es nahe, sie in einer Zunahme der Geivitter überhaupt zu suche», mit deren Vermehrung ja auch die Zahl der Blttzschläge wachsen müßte. Eine solche Ziniahme ist zwar vorhanden, aber sie ist äußerst gering und schlägt bisweilen sogar in eine Almahme>-m, reicht also zur Erklärung der Erscheiniing nicht ans. Vielleicht erzeugt aber gegenwärtig jedes einzelne Gewilter eine ungleich größere Anzahl vo» Blitzstrahlen als früher. Diese Berinnthnng hat viel sür sich, wen» sie sich auch nicht beweiskräftig feststellen läßt. Dazu müßten ivir eben erst eine unumstößlich sichere wissenschaftliche Theorie der Gewittererscheiuungen haben, eine Forderung, deren Erfüllung noch in weitem Felde zu liegen scheint. Zwar giebl es einige Dutzend Gemitterthccric», und jeder Theoutiler ist von der Richtig- keil der seinigen selsenfest überzeugt; aber keine von ihnen ist bisher Allgemeingut der Wssfenschaft geworden. Am meisten Wahrschrni- lichleil besitzt diejenige Erklärung, die die Quelle der elektrischen Er- scheinungc» der Atmosphäre in einer Reibung von Wasser und Eis sieht. Bor jedem Gewitter kann man, solange der Himmel noch nicht ganz bedeckt ist. zwei verschiedene Wolkenarten konslatiren: Die kompakte» Hauswolke«, die aus Wasserlräpscheit, und die höher fchivebenden Cirrus- und Schleierwolken, die aus feinen Eiskristallen bestehen, da selbst in den heißesten Sommermonate» in 3000 bis 4000 Meter Höhe schon Gefriertemperalur herrscht. Diese Wolken- Masse» sind beim Geivitter i» lebhafter, oft«ntgegeiigesetzter Be- wegmig begriffen, wobei eine heftige gegenseitige Reibung der Wasser- und Eistheilchrn erfolgt. Diese erzeugt, solange die Wolke»- bewegung andauert, sorlgesctzt neue Eleltrizitälsmenge», also auch neue Blitze. Wenn diese Erklärung richtig ist— und sie hat sehr viel Wahr- lcheinlichkeit für sich— so fragt es sich, ob Ursache» vorhanden lind, die gegenwärtig eine stärkere Bermchrmig der atmosphärische» Waffertheilchen herbeiführen als früher. Diese Frage muß bejaht werden. Der Waldbestand, Mittelenropns dieser vorzüglichste Schutz des Bodens gegen übermäßige Wassereiitzichung. hat seit einem Jahrhundert bedenklich abgenommen, und infolge dessen wird der Luft weit mehr Flüssigkeit in Danipsform zugeführt als vordem. Die Ueberführnng des Wasserdunites in Tropfen- und Krystallform wird durch die Anwesenheit vo» Staubtheilche» in der Atmosphäre lehr gefördert, und daß die Veruilreinigiiug der Luft durch Stauv, besonders durch ktohlenstaubtheilchen, heute unvergleichlich größer ist als früher, läßt sich angesichts der ungeheuren Ausbreitung der mit Kohle arbeitenden Industrieanlagen nicht leugnen. Somit haben ivir in der fortschreitenden Entwaldung und in der Berschlechterung der Atmosphäre durch Staub wahrscheinlich zwei Gründe, die auch bei gleichbleibender Gewitterzahl mehr elektrische Enlladungeu als ehe- dem verdeifiihren können. Zugegeben endlich, daß weder die Zahl der einzelne» Gewitter noch die der Blitze zugenommen habe, so bleiben auch dann noch Ursachen genug, die derselben Anzabl elektrischer Entladungen vcr- derblichere Wirkungen zusichern müsien als früher. Da die Blitz- gesahr aus dem Lande ungleich mehr gewachsen ist als in den Städten, so müssen wir dort nach Gründen suchen, und sie sind augensällig genug. Aus früheren Jadrhunderlen stammende Dörfer und Gehöfte liegen in den meisten Fällen in Bodeneinsenknnge», Niederungen, kleinen Thäleni, sei es, daß die Erbauer hier mehr Schutz vor Wind und Wetter für ihre primitiven Wohnungen er- warteten, sei es. daß sie von dem Wasterlauf angezogen wurden, der solchen Bodensenkungen zu folgen pflegt, oder daß sie ihre Wohnsitze de» Augen beutcsüchtiger Eindringlinge möglichst zu ent- ziehen wünschte,». Dergleichen Motive sind in unserem Jahr- hundert nicht mehr maßgebend Man baut die wetterfeste» Woh- nnngen ans luftige gesunde Höhen, ohne Rücksicht aus die fließenden Gewässer, da man leicht Brunnen anlegen kann, und begiebt sich auf diese Weise des natürlichen Schutzes, den die waffer- reiche Niederung gegen de» Blitz gewährt. Die niedrigen einstöckigen Häuser werden durch höhere Gebäude mit scharfen Ecken, Kanten und Spitzen ersetzt, und wenn auch der Blitzableiter den Bewohnern eines solchen Hauses Beruhigung giebt, so ist seine Schutzsähigkeit, zumal weun sie nicht ost geprüft wird, doch oft eine recht minimale. Ist doch das letzte Wort über die zweckmäßigste Anlage dieser Wetterschutzvorrichtung durchaus noch nicht gesprochen! Dazu hat der Landmann sich eines recht wirksatnen Schutzes selbst beraubt, inden, er die hochragenden Pappeln, Espen, Ulme» und Eichen, die ihn» früher Stall und Scheune beschattete», fällte;»vir oft zogen sie den Wetterstrahl, der jetzt das Gebäude selbst treffen»nnß, auf ihr grünes Haupt! Die Umgestaltung des ivirthschafilichcn Betriebes führt eine »veilere Erhöhung der Blitzgesahr herbei. Während früher das Dorf eine um Kirche und Dorsteich geschlossene, meist bauinreiche Anlage bildete, befördert die moderne Landivirthschaft Einzelbauten inmilte» der Felder; Schennen, Boriverke, Meiereien erhebe» sich vereinzelt aus der glatten Ebene und bieten dem Blitz ansgezeichucle Treffpunkte. Die allmälig nnanfhaltsain fortschreitende Zerstückelung des Großgrundbesitzes schafft eine Menge früher»ticht vorhandener Einzelgehöfte, und diese gefährdeten Einzelaulagc»»verde» durch die Verlegung der Fabriken aufs offene Land vennehrt. Man dürfte kaum zu hoch greifen mit der Behauptung, daß diesen Einzelbauten in» Vergleich zur geschloffcnen Dorfanlage das dreifache Maß von Gefahr droht. Die Frage, wie der»vachsenden Blitzgcfahr zu begegnen sei, ist nicht leicht zu beantivorle». Ju erster Linie müßte eine Ver- Minderung der in de» Wettcrivolkcn sich häufenden atmosphärischen Elektrizität und ein allmäligcr Ausgleich der elektrischen Spannung angestrebt»verde». Das kann durch»veitere Besorftnug vou Oed- läudcreicn erreicht»verde». Dagegen»vird sich gegen die fortschreitende Vereinzelung landwirthschaftlicher Baulichkeiten kann» ankämpfen lassen, da eine rationelle Bewirlhschaftnng von Grund und Boden sie gebieterisch verlangt. Doch»vird sich auch in dieser Hinsicht die Gesahr durch Vermeidung hoher Lage, durch solide Bauart und Anlage gut konstruirter Blitzableiter ivesenllich verinindern laffe». Für die Sicherung menschlichen Lebens vor der Blitzgefahr wäre sehr viel gewonnen,»venn der einzelne im gegebenen Falle die Selbst- beherrschung besäße, die allen geläusigen Sicherheitsuiaüregeln»virk- lich zu befolge», statt sie immer»vieder zu verletzen. Mau lasse sich auf ebenem Felde durch den Platzregen, der das Gewitter gcrvöhn- lich begleitet, nicht niiter eine» Baum treiben, sondern»varle zu- sammengekauert oder der Länge»ach ausgestreckt das Ende der Gefahr ab; man lasse sich auf der Landstraße nicht zun» Laufen oder zim, Schnellsahren verleiten, sondern begebe sich lieber aus den, Bereich der Ehanffeebänme und der dampfenden Pferde fort; mau lege metallene Gegeuslände,»vie Sense, Spate» und dergleichen beiseite;»na», stehe vor allen» nicht i» Haufe» zu- saimne», sondern vrreiuzelne sich sofort, da der Blitzstrahl nicht nur durch eiue Gruppe leichter angezogen wird, sondern auch aus einer Schaar geivöbulich»nehrere lödtet oder verletzt. Muß mau den Schutz eines Lanbdaches suchen, so vermeide mau die Eiche; sie, der Baum des Donar, und die Nadelhölzer sind infolge ihres geringeren Feltgehaltes den» Blitzschlag»veit mehr ansgcsctzt als die.Fett- däiime" Buche. Linde, Walnuß, Birke; a»lch Ulme und Erle scheinen weniger blitzgefährlich zu sein. So»vird»»cm wenigstens den Folge», der wachsende» Blitzgefahr für das eigene Leben sicher ent- gegeuarbeiten.—_ Kleittvs Fonillekou — Neber den„Devotionsstrich" plaudert ein Mitarbeiter der „Kölu.Z." solgeiiderniaßen:.Er ist nicht mehr. Wer? Nu», jener große Uubckauntc, von den» niemand so recht ivußtc,»voher er kau», dessen Fehlen aber sehr ausfiel und als unberechtigte Eigeuthüiulichkeit Übeln Eindruck machte, jene lange Senkrechte, die ängstliche Gemüther geschickt aufs ansehnlichste zu verlängern wußten,»venn sie kläglich den„gebrochenen" Bogen— schon a» sich ei» Merkmal der Unter- »vürfigkeit— zu gulerletzt ganz oben»ur mit einer einzige» Zeile. höchstens zweien beschrieben, um dann, durchdrungen von den» eigenen Unwerth, mit Hilfe des Lineals ein schmirgrades Gängelband in der Forin eines fetten Striches bis a» den unter» Rand zu ziehen, so daß für den eigenen»»»vürdigen Namenszug kaum noch Platz übrig blieb: also die linea directa devotionis officinalis ist förmlich abgeschafft. Wer, das Lineal ver« schmähend, den» Unvermeidlichen einen gewisse» Schwung aus freier Hand verlieh und dabei gar an de» Enden einen Haken schlug, verrieth er damit nicht leinen unverzeihlichen Widerwille»? Ja, er lieferte am Ende in den Augen höherer Gestrengen eine nicht mißznverstehende Zeichnung zu de», nngebührlichei» Sprichworte: usns est tvi-anrnis, zu deutsch: nicht alles,»vas Gebrauch, ist schön; daß es aber lästig, ist hier gewiß. Am längste» fristete der Schicksalsstrich sein Dasein im Reiche der Gerechtigkeit, wohin er doch am»venigsten gehörte. Es wurde ihm freilich arg zugesetzt. Andere Behörden gingen mit Selbstverleugnung voran und forderten zunächst den Geburt?- und Tanfickein."Aber er konnte iveder den einen noch den andern vonveisen. Das war schon schlimm. Rasch entschlossen berief er sich auf die hundertjährige Ber- jährung und trat de» Beiveis dafür an. Ach. der Herzensgute, er wußte nicht, daß dies gerade sei» Verderben war. Als wenn das Recht des Zopfes»och gälte, nnd unfer Strich ans dem Papier schließlich nichts anderes gewesen wäre, als das leibhastige Konterfei jenes Zopfes, der uns allen hinten hing nnd hängt. In seiner Todesangst»vollte er durch Zugeständnisse sei» Leben fristen, sich kürzen, verstümineln, schneiden nnd beschneiden lassen, mit, ans ein gar»vinziges Wesen zusaumiengeschrmnpst. hinfüro nur mehr An- dentnng denn ausgesprochene Bedeutung z» sein, aber das alles wollte nicht versangen. Fort mnßt du, deine Uhr ist abgelaufen! Wie gesagt, andere Behörden hatten ihn bereits ausgetrieben, da endlich faßt auch die bedächtige Themis der helle Zorn, sie giebt den» zum Tode Verurlheilten noch schnell einen ehrlichen deutschen Namen, versetzt ihm aber in demselben Augenblick den Todesstreich und spricht»niter dein ewig denkwürdigen 25. Juni!897 im J>»stiz« Ministerialblatt für die Preußische Gesetzgebung und Rechtspflege das Wort:.Ter sogenannte Engebeuheitsstrich.... kommt in Wegfall!" Dies sogenannt ist gut. Sta, viator! Kein schönerer Tod, als um die Sonnenivend« zn fallen. Er hat seine Schuldigkeit und mehr gethan, er»var des Nntergaiiges»vürdig nnd werth. Einen Augenblick veriveilen wir am Grabe dieses beredtesten aller Gedanken- striche, dieser fleischgewordene» Ergebenheit aller Ergebenheiten. Sie ruhe sanst, die langjährige Begleiterin strebsamer Menschen von der Wiege bis zur Bahre, nun selbst eine große, schöne Leiche. Wer hätte das gedacht? Auch du, du! Aber dann»nit schnellen Schritten hiinvez von den» Orte, wo der Devotionsstrich mit so manchen an- der» unberechtigten Eigenthümlichkeiten abgelhan für immer begrabe» liegt, und entgegen dem ersten Morgenstrahl des komnienden Jahr- Hunderts, das aber für solche Knltnsstältcn hoffentlich auch noch Mit- leid übrig haben»vird, und wäre es auch nur in der Form eines mitleidigen Lächelns. Fahr»vohl!"— Literarisches. n. Dorn D u» ck e r:.Mütter." Drei tragische Novellen. Berlin. 1897. F. Fontane u. Co.— Warum die drei Geschichten gerade einen tragischen Abschluß finde»» mußte», ist nicht recht ver- ständlich. Diese»villkürliche Lösung der gestellten Probleme durch Mord, Selbstmord und mivorsätzliche Tödtnng be>»>«ist aber deutlicher als jede Kritik, daß es der Bersasserin an besonderer Gcstalttlngs- krast fehlt. Am klarsten tritt dies in der Novelle„Sturin" zu tage. die i» künstlerischer Hinsicht die beste, in der Durchführung der Fabel aber die schwächste der drei Erzählungen ist. Hier fordert der Selbstmord des Liebespaares den Widerspruch geradezu heraus.— Theater. — Fran Grimm-Einödshofer ist von der Operette zu»»» Schauspiel übergegangen. Diesen Schritt zu Hm«, wurde ihr schon vor 13 Jahre» angerathen, alz fle noch Fräulein Grimm hieß. Jetzt ist sie auf fünf Jahre für das Berliner Theater verpflichtet »vordcn.— — Volksvorst rllu» gen auS öffentlichen Mitteln' Vom Landtag in Gotha»vnrde«in sozialdemokratischer Antrag, in jeder Spielzeit des Gothaer Theater(10. Jamutr bis 10. April) zehn Vorstellungen an Sonntagsnachmitlagea mit dem Preise von 40 Pfg. pro Platz zu geben, einstimmig angenommen mit der Abänderung, daß statt 10 jährlich 7 Vorstellung«» gegeben werden sollen; als» etlva alle 14 Tage eine Vorstell»mg.— AuS der Vorzeit. — Prähistorische Zeichnungen in derHöhle von La M o u t h e. Der„Franks. Z." wird aus Paris geschrieben: Vor einem Jahre ungefähr untersuchte der bekannte Paläontologe E. Riviöre in der Dordogne bei dem Dorfe La Monthe iin Kreise von Sarlat eine zehn Meter tiefe Höhle, in»velcher sich geschliffene Kieselsteine und primitive Thonscherben fanden. Der Gelehrte er- kannte bald, daß es sich da um zwei Schichte», prähistorischer An- siedelung Handelle, von denen die obere der neolitbischen, die untere der paläoluhisdien Periode angehörte. Die Fundstücke waren reichlich und>»>erthvoU, aber lehrten nichts Neues. Als aber Niviere an der Hinteren Höhlemva, id»veitergrnb, eröffnete sich ein schmaler Schachl, durch»velcheu er kriechend in eine»veit größere, 147 Meter tiefe Höhle gelangte. Niemand«liter den Kinder» des Landes hatte von dieser zweiten Höhle eine Ahnung gehabt. Ihr Zugang war offenbar schon feit Jahrtausende» durch reue Kalk- und Tropfsteinbildungen verschlossen worden. DaS merk- würdigste war jedoch, daß die Wände dieser neue» Höhle mit zahl- reichen, zweifellos prähistorischen Zeichnungen bedeckt waren. Diese Zeichnungen stellen ein Unikum in der Paläontologie dar, welches, wie es scheint, nur in der noch nicht genügend erforschte» Höhle von Altainira in Spanien eine Analogie besitzt. Die Umrisse sind einfach eingeritzt, aber stellenweise findet sich auch der Ansatz zur Malerei durch aufgetragene braune Ockerflecken. Mit großer Mühe gelang es dem Gelehrte», vier dieser Zeich- nimgen genügend von ihrem Ueberzng von Tropfstein zu reinigen, um sie bei einer Beleuchtung von l40 bis 150 Kerzen und einer Exposition von 4>/s bis 6 Stunden photographiren zu können. Die„ßsvns Encyclopedique" giebt in ibrer letzten Nummer diese vier primitiven Versuche bildlicher Darstellung wieder. Der intereflantesle und relativ best ausgeführte läßt deutlich de» in histo- rischer Zeit in Frankreich ausgestorbenen Auerochsen erkenne», von welchem Knochenreste in der Höhle selbst gefunden wurden. Freilich ist der Höcker des Thieres zu groß gerathe». Statt blos die Schul- tern zu erhöhen, setzt er sich fast bis zum Schwanzansatze fort. Auch der Ansatz der großen gebogenen Hörner ist nicht der üb- liche, aber die Kopfform stimmt, und auch der eigenthümliche Bart unter dem Unterkiefer ist durch zahlreiche Striche deutlich angegeben. Die Beine sind richtig gebildet, aber viel zu klein im Verhältniß zum Körper. Eine zweite Zeichnung stellt eine Hirschart dar. Die Pose ist aus Absicht oder aus Uu- geschick sehr ungewöhnlich. Die Vorderbeine sind stark»ach vorn gestemmt und der nur in Spuren sichtbare Kopf stark znrückgebogen. Ob der konnexe Umriß des Bauches wirklich ei» trächtiges Thier darstellen soll, mag dahingestellt bleiben. In dieser Figur ist eine Reihe von Ockerflecken offenbar mit Absicht dem Rücken entlang angebracht worden, nm die Zeichnung des Fells anzudeuten, das demnach einer Damhindin oder einer Rennlhierknh zuzuweise» wäre. Die dritte Thiersigur ist ein räthselhasles Mittelding zwischen Rind, Pferd und Schwein. Der Kopf scheint einem Pferde, der Leib und der Schwanz einem Rinde und die kurzen Beine einem Schweine anzugehören. Rivivre sieht in dem Wnudcrlhier nur eine» unglücklichen Versuch, irgend eine Rinderart darzu- stelle». Dem Umfang nach ist diese Zeichnung die größte, denn sie mißt 1.38 Meter, während der Auerochse nur einen Meter lang und 0,55 Meter hoch ist. Die vierte Zeichnung besteht, wie es scheint, nur aus schrägen Ockerstreifen mit einem Ansatz zu Zickzackbewegung. die sich links oben in kleinerem Maßstäbe wiederholt. Rivivre will darin eine zeltartige Hütte in Dreiviertel-Stelluug und i» den kleinen Zickzacks ein Hüttenlager in der Perspektive erkennen, was wohl etwas gewagt sein dürfte. Der onmiuentale Versuch genügt zur Er- klärung. Der verdienstliche Entdecker der Höhle von La Mouthe hat übrigens seine Untersuchungen noch lange nicht abgeschlossen. Die Regierung leistet ihn» bereilivillig Vorschub und hat ihn auch mit einer vergleichenden Untersuchung der spanischen Höhlenzeichnungen zu Altamira beaustragt.— Geographisches. — k. Einen merkwürdigen See schildert ei» Reisender, der vor kurzem eine Reise durch Alaska(Nordamerika) beendete, in einer englischen Zeitschrift. Es handelt sich uin einen kleinen See, den Selawik- See. Derselbe hat Ebbe und Flulh, sehr»vahr- scheinlich infolge einer unterseeischen Verbindung mit dem Meere. Am Grunde des Sees ist Salzivasser, an der Oberfläche Snßivasser. In dem See giebt es auch heiße Springqnelle», in deren Umgebung das Wasser zivar nicht friert, ivelche aber von zirkelförmige» Eis- wällen in der Höhe von drei Fuß ungefähr, umgeben sein sollen.— Physikalisches. — Ueber das Schivimnien von Metallen ans Wasser und anderen Flüssigkeiten hat.»vie„Timar's Mit- theilnngen" berichten, ei» amerikanischer Physiker, Alfred Mayer, der Zeitschrift„Science" einen interessanten Bericht eigener Ver- suche»litqetheilt. Ringe aus Aluminiumdraht verschiedeueu Durch- Messers schivimmen auf Wasser, vorausgesetzt, daß das Melall chemisch rein ist. Ein Aluminiumring ans 3,6 mm dickem Draht oo» einem Durchmesser von über 6 cm und einein Gewicht von 5,6 g schwamm zuweilen mehrere Minuten, zmveilen sogar mehrere Stunden auf einer Wasseroberfläche. Bisher wurde in allen physi- kalischen Werken nur die Thatsache erwähnt, daß Metalle aus Wasser schivimmen, wenn man sie vorher mit Fett beschmiert. Mayer hat nun aber gefunden, daß sämmtliche Metalle, von den schiversten bis zu den leichteste», d. h. vom Platin, das 22 mal, bis zum Magnesium, das 1.7 mal schiverer ist als Wasser. ans Wasser schivimnien, sofern»nr ihre Oberfläche ans chemisch reiner Substanz besteht. Er wandt« Ringe an ans Aluminium, ans Eisen, Zink, Kupfer. Messing und Neusilber von 5 cm Durchmesser. Die Ringe wurden so hergestellt, daß ihre Fläche in einer Ebene lag. Dann ivnrde in dem Mittelpunkt jedes Ringes ans einem Querdraht ei» dünner senkrechter Draht angelöthet, der oben ein Plättchen von dünnem Metall trug. Auf dieses Plätt- chen wurden so lange Gewichte heraufgesetzt, bis der lliing die Ober- fläche der Flüssigkeit durchbrach und einsank. Das Gewicht, welches erforderlich ivar, uni den Ring zum Sinken zu bringen, hängt von dem Umfange und der Gestalt des Ringes ab. Mayer nimmt an, daß das Schivimmen der Metalle dadurch zu erklären ist, daß sich auf der Oberfläche derselben eine verdichtete Luftschicht befindet, die das Untersinke» verhindert. Als Beweis für diese Annahme führt er folgendes an: Wenn ein Ring aus Platindraht von 0.4 mm Dicke, der gewöhnlich leicht auf Wasser schwimmt, bis zur Rothglulh erhitzt und, sobald er erkaltet ist. auf Wasser gesetzt wird, so schwimmt er nicht, sondern sinkt unter. Dasselbe ist der Fall, wenn der Ring vor dem Aufsetzen ans das Wasser kräftig trocken abgewischt wird. Wen» er aber darnach»och ungefähr eine Viertelstunde an der Luft hängen bleibt, so schwimmt er wieder, ebenso, wenn der erhitzte Ring noch ungefähr eine halbe Stunde an der Lust bleibt. Ganz ähnlich verhält sich übrigens anch Glas. Wenn ei» Stück Glas in eine Spiritnsflauime gehalten und unmittelbar nach dem Erkalten aus Wasser gelegt wird, so sinkt es nnter. nicht aber, wenn es»och eine Viertelslunde a» der Lust gelegen hat. Das benutzte Glas war 1 mm dick und 4 bis 5 cm lang.— Technisches. — Wie man dem„Hannov. Kourier" miltheilt, werden in diesen Tagen von Emden aus Versuche angestellt, um zu ermitlel», ob sich ein Fernsprechverkehr durch die von E in de»nach London führenden Kabel ermöglichen läßt. Auch soll der Versuch nngeslelll werden, ob es zu ermöglichen ist, daß in den ein- zelnen Kabelader» der Hughesbetrieb(Typendrnckapparal) mit Gegensprechsystei» eingerichtet wird. Unter Gegeiisprcchschaltung ist eine Schaltungsweise zu verstehen, welche ein gleichzeitiges Tele- graphiren in einer Leitung gestattet, so daß also in derselben Leilung gleichzeitig Telegramme ankonune» und abgehen können. Mit dem allgemein bekannten Morseapparat hat man dieses Duplexarbeiteii schon seit Jahren mit Erfolg betrieben: für den Hugbesapparat sind dagegen bisher»och immer geivissc Schwierig- keile» entstanden, zu deren Abstellung die jetzt anzustellenden Ver- suche mit beitragen sollen. Die englische Telegraphenverwaltiing hat zu denselben einen Ingenieur aus London entsandt, ivährend von feite» der deutsche» Verivallung ei» Telegrapheningenieur an den Versuche» theilniunnt. Beide Herren sind bereits in Emden einge- troffen.— Humoristisches. — Auch eine U n s a l l v e r s i ch e r u n g. In einem inter- »ationalen Salon unterhielt man sich, wie der„Figaro" berichtet, über Versichernnge». Ein Abgeordneter erging sich in längerer Rede über diesen Gegenstand, als ihn eine Amerikanerin uuterdrach: „Sagen Sie, was Sie wollen, ivir in Amerika sind Ihnen doch, was Velsicherunge» angeht, um hundert Ellen voraus."—„Wie so?"— „Nun ja, ivir versichern uns gegen alle möglichen Dinge. Ich z. B. bin gegen Zwillinge versichert!"—„Gegen Zwillinge?"—„Gewiß, ich habe ziveiinal Zwillinge gehabt, und jedesmal habe ich 50 000 Franken von der Gesellschaft erhalten!"— Der Abgeordnete mußte eingestehen, daß wir i» Europa»och nicht so weit sind. Aber zu seiner'Aufklärung fragte er»och:„Und wie nennt mau diese Art Versicherung?"— Die Amerikaneri» sah ihn erstaunt an:„Aber natürlich, wie die andere Unfallversicherung!"— — Die Herrschafts- Köchin Adria. Unter- offizier(im Jnstriillionsbuch lesend):„Dieser Punkt befindet sich 100 Meter über der Adria... Streicht mal das Wort aus und schreibt adriatisches Meer dafür— sonst meint wieder einer, das wäre eine Herrschasls-Köchin!"— Vermischtes vom Tage. — In den Farbenfabriken vormals Bayer in E l b e r f e l d ist der südliche Theil des Etablissements durch Feuer zerstört worden. Verbrannt sind 400 000 Kilo Farbstoffe; der Schaden wird auf l'/e Millionen Mark geschätzt.— — Auf der Strecke Csakathurn-Pragerhof der Süd- bah»(Ungarn) hat ei» Wolkenbriich Ueberschweminunge» und Unter- Waschungen hervorgerufen. Der Verkehr bei Pragerhof ist ein- gestellt.— — In Lille wurde bei der Ankunft eines Zuges aus Tonrnay in Belgien die Lokomotive von der Zollbehörde angehalten und durchsucht. Es fände» sich ans der Maschine und dem Tender eine große Menge Tabak. 100 Kilogramm Kaffee, 10 000 Cigarren und 10 000 Streichhotzdosen. Darauf nahm die Zollverwaltnug die Lokomotive in Beschlag. Maschinist und Heizer sind verhastet.— — Die Verheerungen, welche die Ueberschivemmungen in Süd- Frankreich angerichtet haben, sind weil gröber, als man an- fänglich geglaubt hatte. In Jsle-en-Dodo», südwestlich von Toulouse. sind 203 Hänser eingestürzl. 24 Personen sind umgekommen, hunderte obdachlos.— — Den Petersburger Radfahrerinnen ist von der Polizei ein bestimmtes Kostüm vorgeschrieben ivorden. Für die Nummern, die die Polizei den Radfahrern aushändigt, erhebt sie eine Gebühr von 3 Rubeln 75 Kopeken.— o. v. In den Gouvernements Chersson und Bessarabien wird eine Expedition von deutsche» Gelehrten erwartet. Dieselbe wird sich niii der Erforschung des Lebens und Treibens der russischen Zigeuner, die vorherrschend in diesen Gouvernements ihre Heimath haben, befassen.— — In den Gouvernements Petersburg, Nowgorod lind O l o n e z ist die sibirisch« Rinderpest aufgetreten.— Verantivortlicher Redakteur: Angust Jacobcy in Berlin. Druck und Verlag von Max Badiiig in Berlin.