Mnterhaltungsblatt des Horwärts Nr. 131. Sonntag, den 11. Jnli. 1897. (Nachdruck verboten.) CesA�inr. Von Jean Richepin. Uebersetzt von H. L. Es ist unmöglich, daß dieses Herz, das mit dem Schicksal eines Fremden solches Mitleid empfindet, so unerbittlich taub bleiben kann bei dem Unglück seines eigenen Fleisch und Blutes. Ohne Zweifel kannte er das Unglück nicht in seinem ganzen Umfange. In seinem Stolze hatte ihm Paul die Sachen nicht so dargestellt, wie sie wirklich waren. Es muß zwischen ihnen ein Mißverständniß bestehen. Und ich muß endlich, wie ich unlängst in Besanyon für den Sohn um mildernde Umstände plaidirt hatte, jetzt um das gleiche für den Vater plaidiren. Genau so, wie mir das im Gedanken aufsteigt, sage ich es Eesarinen. „Ja", erwiderte sie,„offenbar besteht ein Mißverständniß zwischen Paul und Herrn v. Roncienx. Aber welches schreck- liche Mißverständniß, da eS schon seit jeher besteht! Oh! Mein lebhaftester Wunsch ist, daß es aufhören möchte!" „Ihr Wunsch?!" „Ja, mein Wunsch. Das setzt Sie in Erstaunen, nicht wahr? Denn es scheint, daß ich im Gegentheil eine neue Ur- fache der Zwietracht zwischen beiden bin." „In der That, Fräulein, ich gestehe Ihnen, daß der Kapitän..." „Ich weiß, welche Meinung Herr von Roncienx von mir hat." „Gestatten Sie, daß ich offen spreche. Hat Herr von Ron- cieux nicht in der That einiges Recht dazu, diese Heirath wenigstens eigenthümlich zu finden?" „Aber ich will diese Heirath ja gar nicht. Niemals werde ich darein willigen. Paul ist mir viel zu lheucr, als daß ich ihm eine solche wahnsinnige Handlung begehen ließe." Sie hatte das mit solcher Entschiedenheit hervorgestoßen, daß das Geräusch ihrer Worte durch die Wand drang und den Kranken weckte. Man hörte in der That einen schluchzen- den Husten, dessen heiserer Ton mir wie ein Stich in das Herz drang. „Entschuldigen Sie mich," rief Cesarine lebhaft, indem Sie mich verließ. Ich blieb allein, ganz betäubt von ihrem energischen Protest gegen die Idee der Heirath, und mich schauderte, wenn ich daran dachte, daß Paul so nahe vor mir daliegt, daß er leidet, daß er beinahe gestorben wäre, und daß er viel- leicht bald sterben wird, weil er zu heroisch gegen das Elend (Uigetümpft hat, und daß sein Vater, wenn er in diesem Atigenblick an ihn denkt, ihn verflucht, indem er wiederholt: „Er ist ein verkommener Kerl! Ein verkommener Kerl!" Ich hatte Lust, einzutreten und dem Unglücklichen znzu- rufen: Dein Vater weiß nicht, was Du gelitten hast, und wie gut und edel Cesarine ist, und daß er ihr Anerkennung und Achtung schuldet. Wenn er Euch beide verleumdet, so geschieht das nur, weil er über sie durch falsche Informationen, über Dich durch Deine zu hochmüthigen Briefe getäuscht worden ist. Aber ivenn er die Wahrheit erfährt, wird er sich seiner Ungerechtigkeit schämen. Er ist nicht schlecht. Er hat ja nur, mir das Leben gerettet. Als Cesarine zurückkehrte, theilte ich ihr den Wunsch mit, den ich hatte. „Nein, nein", erwiderte sie flehend. Nicht heute. Nicht in diesem Augenblick. Er hat noch Fieber. Wenn er Sie blos sähe, so würde ihn das schon aufregen! Aber gar ihm von seinem Vater sprechen, großer Gott! Ich selbst würde es nicht wagen. Später, � in einiger Zeit, wenn er ganz wieder- hergestellt sein wird. Vor vierzehn Tagen ging es ihm schon besser. Aber als er«mn einen neuen Brief an seinen Vater schrieb, ergriff ihn von neuem das Fieber und er bekam nun einen Rückfall. Und denken Sie nun gar das!" Sie sprach sehr schnell und mit ungeduldiger Miene. Ich begriff, daß ich sie störte, wenn ich länger blieb. Ich ging auf die Thür zu. „Ich danke Ihnen", sagte ße.„Verzeihen Sie mir, daß ich Sie wegschicke. Aber er hat das Bedürsniß, mich neben sich zu sehen, wenn er wach ist. Aber wir muffen uns doch noch aussprechen, Sie und ich. Wollen Sie morgen früh unten vorübergehen? Ich werde Ihnen eine Zeile bei der Thürschließerin zurücklassen." Von neuem unterbrach uns ein trockener Husten, der wie der verzweifelte Schrei eines Ertrinkenden klang, der im Ersticken begriffen ist. Cesarine verließ mich, ohne mich bis an die Thür zu geleiten. Und während ich mit leisen Schritten wegging, hörte ich durch die Salonthür, die sie offen gelassen hatte, ihre tiefe, wie aus weiter Ferne klingende Stimme, mit der sie zu dem Kranken sprach, und unter der das Husten wie unter einer magischen Beschwörung sanft erstickte. In dem Zettel, den ich am folgenden Tage vorfand, bat mich Cesarine, freundlichst in das literarischen Kabinet ein- treten zu wollen und dort zu warten, bis sie kommen könnte. Der freundliche Gavarot sei benachrichtigt, er würde mich dort empfangen und mir Gesellschaft leisten. Er war allein. Die Herren hätten erst am Nachmittage Sitzung, wie er sicy ausdrückte. Andererseits fand Cesarine erst sehr spät am Vormittag Gelegenheit, herunter zu konimen. So blieb ich denn mit dem braven Manne etwa zwei Stunden allein. Ich hatte keinen Grund, mich darüber zu beklagen, Er war selbst zum Plaudkrn aufgelegt. Mit einiger Geschick- lichkeit gelang es mir, den Fluß seiner Redseligkeit dorthin zu lenken, wohin ich es wollte, und so erhielt ich denn leicht von ihm wichtige Aufklärungen, die mir sehr werthvoll erschienen. Zuerst suchte ich das offenbar Falsche aus der Legende über den alten ungarischen General herauszuschälen. Denn Cesarinens Vater war nicht nur kein ehemaliger General und halte seinen Arm auch nicht in der Schlacht verloren, wie ich bereits wußte, sondern war weiterhin auch weder ein Magnat, noch befand er sich in der Verbannung, noch war er ein Opfer Oesterreichs, wie ich noch immer im Glauben an die Erzählungen Durost's hartnäckig angenommen hatte. Freund Dnrost war einfach nur das Opfer einer Verivechselung zwischen Szasz Miklos und seinem Landsmann«, dem kleinen Schneider Ängyal Jstvan gewesen, eine Verwechselung,die in mehr als seinem Kopfe festsaß. Der kleine Schneider war viclinehr der wilde Revolutionär, der nach der ungarischen Revolution von 1849, an der er übrigens nur als einfacher Soldat theilgeuommen hatte, nach Paris gekommen war. Er stammte aus derselben Stadt und sogar demselben Stadtviertel wie Miklos. Hier in Paris hatten sie sich wieder getroffen und ihre alte Jugend- frcundschast erneuert. Eine Freundschaft, die auf Seiten AugyalS übrigens einen sehr respektvolle» Beigeschmack hatte, denn Szasz stammte aus einer guten Bürgersamilie, und auch deshalb, weil Miklos zu Hguse in hohem Ansehen stand und als ein Mann galt, der eine große Zukunft als Gelehrter haben würde. Die Ergebenheit des Schneiders, seine Gewohn» heit, von„uns" zu sprechen, wenn er von den ungarischen Insurgenten erzählte, und endlich die Husarenuniform, die er seinem bewunderten Landsmann gefertigt hatte, in Verbindung mit der kriegerischen Miene des Mathematikers hatte diesem zu dem Titel und dem Ruhme eines Generals verholfen. In Wirklichkeit war Szasz Miklos ungefähr im Jahre 1337 nach Frankreich gekommen, durchaus nicht ruinirt und auch nicht geächtet, sondern er war ganz ordnungsmäßig und mit einem erklecklichen Wechsel hierher gesandt ward««, um die Vorlesungen an der mathematischen Fakultät zu hören. Jung, schön, in der ganzen Aumuth seines poetischen National- kostümes hatte er die Eroberung eines Fräulein Malvin» Champbarry gemacht, die damals das literarische Kabinet in in der Rue Toullier hielt und die er endlich heirathete. Er war in Paris geblieben.�».. Eine tüchtige Frau, so nannte sie Gavarot. Ich hatte sie erst kennen gelernt, als sie schon über ihre erste Jugend hinaus war, aber sie hatte damals noch Spuren ihrer früheren Schönheit. Cesarine ähnelt ihr sehr, nur hat sie nicht den militärischen Ausdruck. „Den militärischen Ausdruck?" unterbrach ich, ohne recht zu begreifen. „Ja, ganz recht, den militärischen Ausdruck. Frau Szasz hatte ihn von ihrem Vater, der, wie ich glaube. Major in der großen Armee gewesen ist. Die Polytechniker waren ihre Lieblinge. Mit dem Gedächtniß des Kaisers trieb sie eine» wahren Ruit. Auf grund dessen wurde ihre Tochter auch Cesarine genannt— das Femininum von Cesar." Und indem er die Augen zukniff, wie wenn er noch einen geheimen Sinn unterschieben wollte, wiederholte Gavarot: „Ja einen wahren Kult mit dem Gcdächtuiß des Kaisers und hiervon stammte ohne Zweifel auch ihre Vorliebe für die Uniform der Polytechniker, der zukünftigen Artilleristen." Daun fügte er, mir ins Ohr flüsternd, noch hinzu: „Es scheint selbst, daß... kurzum, ich lege kein Gewicht darauf. Mit anderen Worten, Fräulein Malvina war etwas zu leicht, positiv etwas leicht. Sic müssen Herrn Bodzard darüber sprechen hören. Denn er hatte sie gekannt, als sie noch Fräulein war. Unter uns gesagt, ich vermuthe, daß er ihr, sehen Sie... den Hof gcmadzt hat. Nur daß... der Ungar sie ihm weggesdznappr hat. Er mag ihn auch nicht redst leiden. Man könnte in der That sagen, daß er ihm immer nod) einen Groll nachträgt." „Groll worüber?" warf ich ein.„Wenn dieses Fräulein so leidst war, was macht dann ein Verhältniß mehr oder weniger aus?" „Ja, es handelte sid) nicht niehr um ein Verhältniß, son- dern um die Hcirath, sehen Sie; eine Hcirath ans Liebe, die allen Liebeleien ein Ende setzte. Malviiia war damals reich- lich dreißig Jahre alt und das war, wenn ich so sagen darf, gewiffcrmaßcn ihr Schwanengesang. Nadchem sie sich ver- heiralhct hatte, wurde sie eine sehr ehrbare Frau. De.r andere Kleinkram wurde verabschiedet! Sie betete ihren Mann an. Er ivar übrigens weit jünger als sie. Und, ivic sich Herr Bodiard ausdrückt, opferte sie alle ihre übrigen Verhält- nisse auf seinem Altar. Das literarisd)e Kabinet erlebte damals eine sdstcchte Stunde." (Fortsetzung folgt.) SonnkÄgsptmtvevei. — Es wird dreizehn Jahre her sein, da wohnte ich drüben im Scheunenvierlel in einer Stube, die war so schmal und eng, daß mit knapper Roth ein Bett»nd ein Tisch in ihr Platz fände». Im ganze» Haus ratterten die Nähmaschinen Tag ein, Tag aus, die ganze Woche hindurch. Nur am Sonntage erzitterte der Boden nicht unter den rüttelnden Stöße». Dafür übte dann ein Musik- lehrling drei geschlagene Stunde» lang ans dem Baß-Bombardon. Auch»»eine Wirlhslente unterhielten eine Nähstüde. Der Mann ,var früher Schuhmacher gewesen, halte aber sei» Geschäft aufgegeben und sich als Zivischenmeisicr anfgethan. In dem große» Zimmer, das an meine Stube stieß, standen acht Maschinen, sieden Mädchen arbeiteten an ihnen»nd die Frau des Zwischenmeisters. Es ivnrde nur ein Artikel fertiggestellt: Feine, abgesteppte, mit Seide überzogene Frauennnterröcke, die»ad) Nordamerika gingen. Dort kostete das Stück seine zehn Dollar. Die Mädchen, die diese Prachtstücke herstellten, verdienten eine Mark den Tag. Und da mußten sie sich»od) dazu halten. Früh kamen sie, mittags wärmte ihnen die Frau des Zwischeumeisters den mit- gebrachten Kaffee auf, erst am Abend verließen sie die Arbeitsställe. Eine Zwisdienpanse gab es nicht, Sckzrippen und Stullen wurde» während der Arbeit stückweise hiuuntergewnrgt. Nur ab und zu ließ eineS der Mädchen das Treten, um einige Augenblicke lang auszilschnaufen. Es wurde ivenig gesprodzen in dieser Nähsluve. Die Maschinen waren ziemlich schwer, das Geräusch, das sie hervorbrachten, schier betäubend. Und die Mädchen, die zusammengebückt auf den Maschinen lagen, zeigten auch keine große Lust, sich Zu nuterhallen. Sie stauunten aus de» verschiedensten Gegenden Deutschlands: Aus Ostpreußen und der Obcrpsalz, aus Hannover und Schlesien. Einige von ihnen waren noch jung und erst vor kurzer Zeit nach Berlin gekommen. In ihren Augen lachte noch hie und da die Freude am Leben, in ihren Adern pulsirte noch srischlebiges Blut. Die meisten der Näherinnen stände» schon in de» Zwanzigern. Ihre Körper hatte» die Fülle, ihre Wangen die Farbe verloren, müde glomm der Blick. An die Maschine gekettet, waren sie selbst zu Maschine» geworden, eingesargt und begraben hatten sie all' ihre Wünsdze und Hoffnungen. Nur wenn der Tag kam, an deni der Zwischenmeister seinen Arbeiterinnen„das Sommerfest" veranstaltete, zeigte sich auch bei diese» abgerackerteu Wesen etwas wie Lust am Dasein. Ich war einmal bei diesem„Feste". Draußen in der Schön- Häuser Allee saß man in einem jener Gärte», an deren Eingang ge- schrieben steht:„Hier können Familien Kaffee kodieu". Vor dem Meister stand ein Glas sdjaunilosen Bieres, i» der Mitte des Tisches blähte sid, neben einem zerschnittenen, strohdürren Napfkuchen eine »weililerige Kaffeelanne, jedes Mädchen hatte eine dickbäuchige Tasse vor sich und wartete der Herrlichkeiten, die nun kommen sollten. Es schlug keine Fröhlichkeit auf an diesem Tische. Nur wen» die anderen Gäste ihre Köpfe zusammensteckten, tuschelten und hinüber- blickte», dann wurden die Mädchen etwas lebhafter, aber dann wurde» ihre Blicke oft noch trauriger als bisher. Mit brennender Deutlichkeit erhob sich vor meinem Geiste das Bild der Nähstube in der Bartelstraße, als vor einigen Tage» aus Paris die Meldung kam, daß sich dort vier Frauen zu gleicher Zeit in einein Zimmer durch Kohlendampf getödtet hätten. Sie waren Näherinnen gewesen alle vier, alle arbeiteten in einer Nähstube. Der Man» der einen ist in einer Irren- Anstalt, die andere war von ihrem Manne verlassen worden, die dritte hatte einer verführt und dann sitzen lassen. Noch ei» siebzehnjähriges Mädchen war da, die Schwester der Zwischenmeisterin. In den lange» Stunden Icbenzehrender Arbeit besprachen die Frauen auch öfter ihre elende Lage. Es wäre das beste, zu sterben, meinte die eine. Und sofort stimmten die andern ihr zu, nod) einmal aßen sie gemeinsam zur Nacht, dann legten sie sich hin, um zu sterben. Auf einem hinterlassenen Blatt, �das alle vier unterschrieben hatten, stand zu lesen:„Wir sterben freiwillig und ohne Bedauern." kleine der Frauen war über die Mitte der Zwanziger. Was müssen sie erlitten, erduldet und erlebt haben, daß sie ihr junges Leben fortwarfen wie einen vertretenen, zerrissenen Schuh! Die satte Moral der Besitzenden mag freilich mit einer Antwort und einem Verdanunungsurtheil sehr sdznell zur Hand sei»:„Sie hatten eben keine Religion. Ein Christ thut so etwas nid)t!" Ein Christ? Ein Christ ist doch vor allem auch ein Mensch. Sind denn aber Wesen, wie diese Näherinnen, dencn die Maschine das Mark aus den Knochen und die Lebensfreude aus dein Herzen gesogen hat, sind das noch Menschen? Zu Sklaven habt Ihr sie gemacht, zu Maschinen. Und Ihr wundert End), wenn sie anders handeln als Ihr, denen das Leben rosig vor den Füßen liegt? Diese dumpfe Verziveiflung am Leben wird immer mehr zunehmen. Dagegen helfen tveder Kirchen- bauten, noch Trakläid)e». Vor drei Tagen stürzte sid) hier in Berlin ein zwölfjähriges Mädchen aus dem dritten Stock in den Hof hinab und starb, als man es aufhob. Das Kiud, das von seinen Ellern in der Nacht mit Zündhölzchen und Blumen Hausiren geschickt wurde, soll sich vor einer Züchtigung gefürchtet haben, weil es einen Tag nicht nach Hause gekommen. Schicken Ellern, die etwas zu beißen haben, ihre Kinder nachts auf den Asphalt und in die Schänken? Ist Zündhölzckien verkaufen ei» Vergnügen? Oder gar Prügel, die man bekommt, wenn man nichts verkaufen konnte? Dieses arme Kind, wenn es sonst nichts gelernt hatte, mit Bibel- sprüchen ist es gewiß vollgestopft worden. Haben sie ihm etwas genützt, als es in seinem Elend nicht mehr wußte, wo ein, Ivo aus? Es ist an den Verhältnissen zersdi»ellt, an de» Verhältnissen, die Ihr mit allen Mitteln zu erhalten strebt, weil sie Euch ein feines, faules Leben ermöglidien. Ihr wißt, daß sie da sind, Ihr kennt sie, oder habt wenigstens eine Ahnung davon. Aber Ihr wollt das Elend nicht sehen, weil es Euer„ästhetisches Gefühl" beleidigen könnte. Darum umgebt Ihr Eud? mit Schutzwänden, um ja nicht zu sehen, was Ihr nicht sehen wollt. Wo eine Eliqnette ist, da ist auch etwas zu verbergen. ärger der Bureaukralismus, desto' fauler steht es mit dem Staate. Es ist bezeichnend, daß gerade in der Gegenwart das äußere Formenwesen wieder überall Trumpf geworden. In Berlin will man einem Mau» nidit mit der Stadtbahn fahren lasse», weil er keine Kopfbedeckung bei sich hat. I» einem Park bei Berlin schnauzt mau einen Besucher au, weil er den Hut in der Hand und nicht auf deni Kopfe trägt. Und was ist es mit den vielen Bier- lokalen und Kaffeehäusern, in die man keinen hineinläßt, der tiicht einen weiße» Kragen vorgeknöpft? Man sondert sid) ab, man will etwas Besseres, Feineres sei», man will nichts zu thun haben, mit diesem„Gesindel da uuten". Freilidi manchmal erhält man auch eine Antwort, die nidzt von schlechten Eltern ist. So ist es unlängst dem mit Eichenrindentunke gesalbten Präsidenten der französisdie» Republik und seinem Ober» Zeremonienmcistcr ergangen. Herr Faure hatte die Minister zu einem Festessen geladen. Einer konnte nicht kommen und sagte durck) den Fernspredjer ab. Am andern Tage ersdiien bei dein Minister der Ober-Zerenionienmeister Crozier und lheilte ihm niit, er sollte künftig den Präsidenten nicht mehr antelephoniren. Das cntspräd>e nicht der Vorschrift. Jede Minheilung an den Präsidenten müsse brieflich ge- madst iverden Der Minister riß die Augen auf und brad) los: „Mein lieber Herr, als Herrn Crozier schätze ich Sie, halte Sie für «inen netten Menschen und bitte Sie, Platz zu nehmen und ein Gläsdien von diesem Madeira, der vor Ihnen steht, zu kosten. Dem Zeremonieumeister aber sage ich: Sie können mir ivas— Sie und Ihr Herr Felix Fanre mit Ihnen. Wiederholen Sie es ihm so, wie ich es Ihnen gesagt habe: verstanden?— Der Ober-Zereinonien- meisler hat den Wein des Ministers nicht gekostet.— Ein bisher unbebannker Vrief AfohÄllVs. Die„Allgemeine Literarische Rundschau" bringt einen Brief Lassalle's n» die Oeffenllichkeit, den derselbe am 17. Februar 1664 als Begleitschreiben mit seinem Buch über Heraklit an Eduard Löwenthal, den Verfasser mehrerer philosophisckier Schriften, sandle. Der für Lassalle's geistige Art und für seine Selbstbeurlheilung echt charakteristische Brief lautet: „Lieber Doktor! Erlauben Sie mir. Ihnen zu sagen, daß ich erst diese Woche Ihre wirklidie Bekanntschaft gemacht habe, eine Bekanntschaft, die mir zur sehr großen Freude gereidst hat. Ich bin»äinlich erst jetzt, wo ich einen Moment Zeit habe, und durch Ihre Schrift contra Schleiden veranlaßt, dazu gekommen, Ihr System des Naturalismus zu lesen. Das Resultat ist, daß es mich mit Stolz erfiillt, Sie zu den Meinen zu zählen. Ich habe selten in einem Buche so viel Konsequenz im Denken und so viel Scharfsinn gefunden, wie in den naturphilosophischen Prinzipien Ihres Systems. Dies Lob erstreckt sich auf Ihr ganzes Buch, bis zu dem Punkt, wo dasselbe in die menschliche Gesellschaft übergeht. Von da ab wird die Eulwickelung, wenn auch noch in» einzelnen sehr geistreiche Züge vorkommen, falsch. Glücklicherweise spricht dies durchaus nicht gegen Ihren naturphilosophischen Theil, denn es beruht einfach darauf, daß Sie eine ganz eminente„Selbstbcharrnngsform", die zivischen der Natur und dem Individuum liegt, ganz außer acht gelassen haben, so daß Sie nun gerade nach der Konsequenz Ihrer eigenen Gedanken ins Unrecht gerathen mußten. Ich»verde Ihnen das mit Leichtigkeit und unler Ihrer eigenen Zustimmung beivciscn, wenn Sie mir das Vergnügen machen, mich zu einen» Gesprächs hierüber aufzusuchen. Das System wird also eine neue Ausgabe nöthig haben, bei»velcher der gesellschaftliche Theil ganz umgearbeitet »verden muß. Noch einmal, ich mache Ihnen mein Kompliment! Als äußeren Ausdruck meiner Anerkennung mache ich mir das Vergnügen, Ihne» beiliegend»ncineu Hcraklil als Souvenir von mir zu überreichen. Aber nicht blos als Anerkennungsausdruck, sondern um Ihnen— Sie»verden gleich höre»»vie so— einen ganz eigenthüm» lichen und merkivürdigc» Genuß zu bereiten. Sie»verde» nämlich »vahrhaft erstaunt sein, zu sehen,»vi? Ihr ganzes Weltsystem, im großen»vie in» einzelnen, genau so von Heraklit gedacht»vorden »st—»vcuige Modifikationen abgerechnet—, so daß man sich vom Erstannen gar nicht erholen kanii. Selbst Ihren Großsommer und Großivinker und die Geschichte als ein sich eivig»viederholendes Datum der kosmischen Geschichte finden Sie bei ihn»»vicder! Und ebenso ist die ganze Grund- anschauung des ivcltbildenden Staturprozesses durchaus, durchaus dieselbe. Seine Analhyiliiafis ist ganz Ihr Expansionsprozeß. Es muß Ihnen dies unbekannt sei»», denn Sie haben»»eine» Heraklit.»vie ich»veiß, nicht gelesen und alle bisherige» Bearbeiter haben nichts von den eigentlichen Tiefe», Heraklit's ans Licht ge- bracht, so daß es i» Ihnen die eigenthümlichste, selbständige geistige Reproduktion desselbei» Gedankengauges ist, bereichert um die Momente der modernen Natl»rivisse»schaft. K>»rz, lesen Sie und staunen Sie. Die Lektüre ist lang und mühsam. Sie müsse» ans das genaueste lesen, um vieles zu be- »ncrken, was von inir theils nur angedeutet, theils in» Stoffe ent- halten ist. "Slm fruchtbarsten lesen Sie in folgender Reihenfolge, die ich Ihnen hier genau vorschreibe: (Folgen die betr. Angaben.) Daß ich die Hcraklitische- Ekpyrofis als eine Apokatastafis aufgefaßt, das»vird jetzt nach Ihre», Cysten» erst scblagend richtig. Dagegen»väre es nicht unmöglich, daß die Auffassung dieser Apokatastafis in bezug auf die sie begleitende» Umstände sich modifizirt dlirch Ihr System. Es sind da viele Dinge gegen einander abzuivägen; es nützt nichts, Ihne» davon zu sprechen, bis Sie sich aufs genaueste durch den Heraklit hindurchgearbeitet haben. Sie müssen philologisch lesen. Dann»vollen»vir darüber sprechen, was mir großen Genuß machen»vird. Ganz Ihr. F. Lassalle.* Lassalle ist bekanntlich ähnlich»vie Marx von der Philosophie her zur Geschichte und Politik gekommen. Während aber Marx den Hegel'sche» Idealismus überivand und. ohne zivar ein philosophisches Systcn» auszubaue»,»venigstens auf den» Gebiete der Geschichts- Philosophie selbständige und bahnbrechende Gedanken in die Wissen- schaft brachte, ist Lassalle zeitlebens nicht völlig aus den Abstraktionen und Verallgemeinerungen des Hegel'sche» Denkens hinailsgetommeii, und die Spuren davon zeigen sich in seinen politische» Anschauungen, besonders in seiner Ueberschätzung der Staatsidee. Geineinsan» aber»var den beide» Männern, Marx und Lassalle, das,»vas man als„philo- sophischen Geist" bezeichnen darf. Üluch für Lassallc ergab sich die Beurtheilung der»»enschlichen Geschichte und der Politik nicht nur aus dcn Einzelerfahrungen des Lebens, sondern sie»vurde aus der allgemeine» Welt- und Geschichtsanschauung abgeleitet. Die Grundproblenie der Philosophie hatte» bereits den jungen Lassalle beschäftigt. Als kaum zivanzigjähriger Student entivars er den Plan zu einer Arbeit über den alt-griechischcn Philosophen Heraklit, der wegen der Schiververstäiidlichleit seiner Gedanke» schon in» Alterthun»„der Dunkle" genannl»vurde. Während der politischen Reaktion der ööer Jahre kehrte Laffalle zu diesem feinen» Lieblings- studium zurück und vollendete bis 1858 sein großes ziveibändiges Werk, von dem in obigen» Briefe die Rede ist und»velches aus den karge» Fragmenten des tiefsinnigen alte», Denkers seine Welt- anschauung, die vielfach die»nächtigen Ideen Hegel's vorausahnt, zu rckonstruiren sucht. In den Stünnen des politischen Lebens trat die Beschäftigung mit den theoretischen Frage» für Lassalle in den Hintergrund. Doch erhielt sich sein Interesse daran durch das ganze Leben. Der obige Brief ist geschrieben in einer Zeit, wo Lassalle gerade die hitzigste» Kämpfe mit dem Freisinn und der pre»lßischen Regierimg zu bestehen halte,»venige Monate vor seinen» Tode. Er zeigt,»vie�hoch Lassalle seine philosophischen Leistungen anschlug; »vohl geht es auch hier nicht ohne Ueberschätzung ab. Immerhin ist der Brief ein iuterefsantes Doknineiit für sein tiefdringeudes Be- inühen, den Zusammenhang der Dinge zu ergründen, und für sein lebendiges Interesse an der Enlivickelung der Natiirivissenschasten und Philosophie auch in de»» Zeiten seiner vonviegend politischen Bethätigung.—_ Mleines IsonMekon — HandschuhlnxnS in England. In England»verde» jähr« lich sechsunddreißig Millionen Handschuhe verbraucht; drei Viertel davon gehe» in den Besitz der Frauen über. Sechshundert Mark für Handschuhe gilt als eine bescheidene Summe. Manche„Dame" bringt es fertig, jährlich 2000 M. in Handschuhen aufgehen zu lassen. Ein Paar feinster Handschuhe koster 40 M. und darüber. Eine „große" Dame muß natürlich unter ihrer Toilette gleich einen ganzen Laden voll Handschuhe haben. Bei der Auktion der Ausrüstung der Herzogin von Somerset»vurden über 2000 Stück versteigert.— Theater. — Die Direktion des Wiener Konservatoriums hat sich veranlaßt gesehen, die Schüleraufnahme in ihrer Schauspielschule für das nächste Schuljahr zu s i st i r e n. Als Grund dieser Maßregel»vird angegeben, daß die Direktion der Wiener Hochschule für darstellende Kunst mit der Aus» arbeitung eines neuen Lehrplancs für die Schauspielschule beschäftigt sei. Da die geplanten Resormen im nächste» Jahre vollendet«verden sollen, kann nach zwei Jahren eine nach ganz neuen Ideen ein- gerichtete Schauspielschule am Wiener Konservatorium eröffnet»verde». Sollten die reformirlen Statuten nicht die Genehmigung der Gesell- schaft der Musikfreunde, von der das Konservatorium erhalten»vird, finden, dann entfällt die Schauspielschule des Wiener Konservatoriums ganz.— Die Wiener Schauspielschule stand schon seit einem Jahr- zehnt bei Fachleuten in nicht besonders guten» Rufe. Es ist denn auch i» dieser ganzen Zeit an ihr kein Talent herangebildet»vorden, daß sich eine»nr halbivegs bemerkensiverthe künstlerische Stellung errungen hätte.— Musik. —er— Aus der Woche. Die Verivaltnng der k ö n i g- lichen O p e r hat mit gescheidt konservativem Sinne in deren Soinmerheiui in» Thiergarten die Geschnflstradition des selige» „alten Kroll-Engel" beibehalten und führt in ziemlich un- vorsichtig-gleichgiltiger Wahl Gäste aus allen deutschen Lande» vor. Auch der dem Verbände des Hostheaters bereits angehörende Herr Kraus aus Mannheim, dessen junge Karriere bisher von Ruhm und Gold begleitet»var, trat„gastiveise" als Lohengrin und Tann- Häuser auf»nid versetzte mit seinen frischen Mittel» das Publikum in jene gehobene Stimmung,»velche nur durch übertriebene Demonstrationen freundschaftlicher oder zartiveib- licher Verehrung gestört wurde. Die anmuthige Strenge ui>d das ruhige Pathos des Gralritters finden in der herben und leidenschaftslosen Helle seines Tenors»veit glaubwürdigeren Ausdruck, als die stürmische Sinnlichkeit und die lies aufgeivühlte tragische Zerrissenheit des Venusbergpreisers. und ivährend i» jener Rolle die Pracht des stimmliche» Instruments den Abgang an seelisch geläuterter Innigkeit vergessen läßt, vermag die künstlerisch weder ganz ausgeschulte,»och»»»künstlerisch freche Gestaltungskraft des Herrn Kraus de»,„Tannhnuser"-Gehalt nur in »veuigen Szenen auszuschöpfen. Es ist auch über diese, im ersten Akte an» besten gcrathene Leistung manches Gute zu sagen, aber sie läßt noch»veit besseres erivarten. Gleickzeitig mit Herrn Kraus gastirte als„Elsa" und„Elisabeth" Frl. W i b o r g vom Stllttgarter Hostheater, die von Frau Cosiina Wagner in Bayreuth als nr- eigenste Entdeckung eines Modells deulsch-keuscher Gesangs- und Schau- spielkunst ihrer Majestät Madame Reklame, als Schützling übergeben »vard. Unser Publikum fand leider, daß die Stimme der Stuttgarter Sängerin weder frischen Klangreiz, noch ein in» großen Räume tragendes Volume»», noch den aus geistiger und seelischer Antheil- nähme hervorvibrirende» Gefühlston besitzt. Ihre Gesangskunst ist, wenn auch nicht oberflächlich, so doch kcinesivegs makellos, und ihre geurehafte Art der schauspielerischen Darbietung und ihre zarte. keinesivegs bedeutende Erscheinung»veist ihr Talent mehr auf das idyllisch-lyrische Fach, als auf das hochpathetische einer Elsa und Elisabeth.— In den neuen Bassisten Wittekopf, Gill- ine ist er und Rix»vurde ein Trisoliun» hausbackenster Mittel- Mäßigkeit dem Berliner Publikum vorbestellt. Ließen sich die kleinen Vorzüge der drei, für bescheiden genügsame Hostheater geiviß aus- reichende» Herren zur Bildung einer Persönlichkeit vereinigen, es ergäbe sich daraus geiviß der hiesigen Ansprüchen genügende Bassist.— Herr B u r r i a n, der den» Kroll- Theater- Publikui» bekannte und sympathische Tenor, eröffnete sein Engagement als Cauio in Leon- cavallo's„Bajazzi" und erzielte mehr inil seiner»varmblüligen Dar- stellung als mit den, dünnen, trompeteuspitzen Kaliber seiner Stimme, welche heroische Anfordern»»««», nur mit sorcirten Mitteln zu er- füllen vermag, ansehnlichen Beifall. Für das Thater des Westens ist aus Spinelli's„ A basso porto"(„Am untern Hafen") ein Magnet geivorden, dessen Zugkraft der unleugbaren künstlerische»» Bedeutung des Werkes und dem Wohlivolle»,»velches Publikum nnd Kritik der Direktion Marwitz entgegenbringen, zu danken ist. An den „s. basso porto«- losen Tage» setzte Herr Botel mit sehr un- gleichmäßigem Erfolge sein Gastspiel als„Georg Brown" in der„Weißen Dame" und„Raoul" in den„Hugenotten" fort. Die übermäßig helle, zumeist ganz flache Tongebiing, die nicht allzu vornehme, burschikose Art im ganzen Gehaben und die mangelnde künstlerische Innigkeit schädigen seinen„Georg" weit weniger, als den, ausgereifleste Gcsangskunst und sinnliche Kraft des Ausdrucks und der Darstellnng unbedingt ersordernden„Raoul". Daß Herr Bötel in den zwölf Jahre» seiner Bühnenlaufbahn noch nicht gelernt hat. dem einfachsten Recitativ geistiges Relief zu geben, ist vielleicht noch bedauerlicher, als sein, selbst das gutinüthigste Ohr tief beleidigendes Zntiefsingen. Seine Partnerin Frl. Kahler (Valentine) war ihm an Energie der Phrasirung, seelischer Belebtheit des Tones und dramatischer Eindringlichkeit der Darstellung doppelt und dreifach überlegen.— Aus der Thierwelt. — Das allinälige Aussterben des Bison im Walde von Bialowitsch in Littauen hat E. Büchner in den Memoiren der Petersburger Akademie behandelt. Er giebt dem„Globus" zufolge die Zahle» des Wildes von 1832 bis 1392 an und beweist die all« mälige Abnahme, die schließlich zum Aussterben führen muß. Bis zum Jahre 13ö7 nahmen die Bisonten zu; sie hatten innerhalb des Schonbezirks damals mit 1893 Stück de» Höhepunkt erreicht, gingen aber von da ab stetig niederwärts, so daß gegenwärtig nur noch etwa 359 übrig sind. Das Abschieße» der Thiere, das Einsangen für zoologische Gärten, die Tödlung durch Bären und Wölfe, die Einschränkung der Weidegrüude habe» allerdings zur Verminderung beigetragen, allein weit gefährlicher als alles dieses wirkt sür die Existenz der Thiere die fortwährende Inzucht. Wenn nicht Kreuziing mit amerikanischen und kaukasischen Bisonten eintritt, werden die europäischen„Büffel" binnen nicht langer Zeit ausgestorben sein, wie die großen posttcrtiären Sängethiere, deren Untergang noch nicht hinlänglich ausgeklärt ist.— Ans dem Thierlebe». -K. Daß die Bienen ihre Feinde m u m i f i z i r e n, nachdem sie sie getödtet haben, dürfte nicht allgemein bekannt sein. Wenn es z. B. vorkommt, daß Wespen, Schmetterlinge oder manch- mal auch Schnecken sich zu einem Bienenstock verirren, so bedeutet das selbstverständlich den sofortigen Tod des Eindringlings, die Bienen fallen über ihn her und stechen ihn todt. Was fangen sie aber mit dem Kadaver an? Ihn wegzuschleppen, ist den Biene» nicht möglich. Ihn liegen zu lassen, bedeutet die Verpestung eines Thüles ihres Aufenthallsortes, und die Biene ist außerordentlich sauber und ordentlich. Sie balsamiren also den getödleten Eindringling«gel- recht ein, gerade als ob sie diese Kunst von de» Egyplcrn direkt gelernt hätten. Mehrere Arbeiterinnen machen sich sofort au die Arbeit und umspinnen das todte Thier ganz dicht mit Wachs. Da sie den Schnecken mit ihren Stichen nicht beikommen könne», so verkleben sie die Oeffnung des Gehäuses mit Wachs. Ost sind in verlassenen Bienenstöcken eine ganze Anzahl solch einbalsamirter Thiere gesunden worden. Mancbmal fanden sich auch Schneckenhäuser, an Ort und Stelle, wo das Thier in den Bienenstock eindringen wollte, einfach nrit Wachs an den Bienenstock festgeklebt.— Meteorologisches. — DasWärme-Ansstrahlungsvermögen g r ofß e'r Städte. Die„Meteorol. Zeitschrift" erzählt folgende Beobachinng aus Olmütz(Stadt in Mähren. Oesterreich). Dort machte man i» den heißen Tagen des verflossenen Juni die merkwürdige Wahrnehmung, daß von nördlicher nach südwestlicher Richtung Wolken, die sich über den waldbedeckten Höhenzügen des Gesenkes gebildet hatten, sich der Stadt wohl näherten, aber über ihr sich auflösten und in unsichtbare Dmistlheilche» zergingen. Kam» waren sie in ihreni trägen Laufe über der grellbeleuchtetcn und stark erhitzen Hänsermaffe angelangt, als sie auch schon deutliche Spuren ihrer Vergänglichkeit zeigten. Die früher scharf begrenzten Ränder nahmen ein verwaschenes Aus- sehen an, die grell iveiße Farbe ging in ein sanfteres Grau über, und später bekamen die ganzen Wolken Risse und spaltete» sich in mehrere Theile und wurden danach infolge ihrer vollkomnienen Auf- lösnng ganz unsichtbar. So spielte sich der Vorgang bei jeder Wolke ab und dauerte je nach ihrer Größe 4—6 Minuten. Als Ursache dieser auffälligen Erscheinung kann nur die in Straßen, Plätzen und Hänsern der Sladt aufgespeicherte und»ach oben enl- weichende Sonnenivärme angesehen werden, welche die festen Wolkcnmaffen leichter verdunstete, als es die Sonne selbst mit ihren Strahlen thnn konnte.— Physikalisches. — Eine intereffante Beobachtung, daß nämlich die Schall» wellen du nipfer Geräusche einen Schatten verur- fachen, hat jüngst nach der„Nalure" C. V. Boys gemacht. Nach einer starken Erschütterung der Luft, z. B. nach der Explosion einer namhaften Menge eines starken Sprengstoffes, z. B. von 39 bis 59 Kilo Dynamit, huscht bei Hellem Sonnenschein ein Schatten schnell an dem Beobachter vorüber, und diesen Schatten hält Boys für die Schallwelle, welche mit der Erschütterung zugleich fortschreitet. Boys konnte die Erscheinung unter sehr günstigen Bedingungen beobachten, und er beschreibt diesen dunklen Schalten als einen deutlich abge- grenzten schwären ringförmigen Strich, deffen Mittelpunkt der iJtt der Explosion ist und sich von diesem schnell entfernt, ein Ring, der sich fteiig erweitert. Boys hat ihn zu pholographiren versucht, aber keine hinreichend deutlichen Bilder bekommen. Daß eine Photo- graphie von Sckallwellcn möglich ist, lehren ja die photographischen Aufnahmen fliegender Geschoffe, dabei zeigt sich die Schällwelle als dunklerer Schalten.— Hnuioristisches. — E i n A r b e i t e r nach d e m H e rZ e n S t n m m' s. Der österreichische Ministerpräsident Graf Badem lieb nnläugst eines seiner„Appariements" tapeziren. Als die drei Arbeiter, die von dem belreffenden Meister mit der Arbeit betraut wurden, um 8 Uhr früh ins Palais kamen, trafen sie den Grase», der sich mit ihnen in ein Gespräch einließ. Schließlich fragte er sie, welche Zeitungen sie lesen. Erster Arbeiter: Das„Extrablatt"!(Eine Art illustrirker „Lokalanzeiger". D. R.) B a d e u i(vielsagend schmunzelnd): Hm. hm.(Sich zn dem zweiten wendend): Und Sie? Zweiler Arbeiter: Die„Arbeiter-Zeitnng". Badeni(sehr ernst): Die sollen Sie nicht lesen? Das ist ein schädliches und schlechtes Blatt!(Sich zu dem dritten wendend): Was lesen aber Sie? Dritter?lrbeiter: I les' gar nix! Badeni(dem Manne freudig überrascht auf die Schulter klopiend): Das ist das richtige! Daran hallen Sie sich nur immer!— — Fein heraus. Ein Jrländer zeigte einem reisenden Professor einen See. der nach seiner Aussage bodenlos sein sollte. Als der Professor ihn ungläubig fragte, woher er das wisse, ant- ivortete Pat:„Von einci» Vetter von mir; der zeigte neulich einem Herrn» der gerade so ei» ungläubiges Gesicht machte, wie Sie, den See. Und weil der Herr ihm durchaus nicht glauben wollte, was that mein Vetter? Er sprang mit seinen Kleidern in de» See, denn er konnte es nicht erlragen, seine Worte angezweifelt zn sehen." Der Professor schüttelte den Kopf und meinte:„Ich sehe aber nicht ein. Pal, wie Dein Vetter seine Fabel beweise» konnte, indem er sich ertränkte."—„Aber er ist ja nicht ertrunken", erwiderte Pat trinwpkirend.„Am anderen.Tage kam eine 5kabeldepesche von ihm aus Amerika, wir sollten ihm lröckene Kleider schicken!"— Vcrniischtes von. Tage. — Bei der Ausschachtung der Wasserleiimig in Schmiede- feld bei Suhl i. Th. wurden drei Arbeiter verschüttet. Zwei sind todt, der dritte lebt noch, aber beide Beine sind ihm ge« krochen.— — I» G i e s e n k i r ch e n hat ei» Holzschnhmacher einem Zimmer. mann, mit dem er ivegen einer Katze in Streit gekonime» ivar, den Hals durchschnitten.— — I» dem Orte Frankfurt bei Scheinfcld in Bayer» wurde an einem 3'/ejährigc» Mädchen ein Lustmord begange». Man fand den Leichnam unter Dünger in einen Sack eingenäht. Der Thäter soll ein I8jähriger Bursche sei».— — Im P n st e r t h a l(Tyrol) hat, wie der„Franks. Ztg." be- richtet wird, eine 73 Jahre alte Frau, die Bölin von Nußdorf, einen einjährigen Gemsbock, der, von einen» Hunde gehetzt, i» eine Getreiheharfe, cin im Pnsterthal zum Gelreidetrockne» übliches Holz- geslell mit Dach und wagcrechtcn Stangen, sprang und sich darin verfing, gefangen.— — In L e u t s ch a n(Ungarn) wurden durch einen Blitzschlag vier Menschen getödtet.— — In der Stacht xmn Sonnabend brach in Budapest in der am oberen Donanquai liegenden großen Einlagernngs-Waarenhall« u»d den dortigen Silos Feuer aus. Ausgebrannt sind 139 Magazine von je 599 Meterzentnern Faffungsraum. Eingelagert waren vor- nehrulich Mais, Hirse und Mehl.— v — Als„Tricoche und Cncolet" in Paris zuerst gespickt wurde, da erreichten die Tantiemen, die den» Verfasser des Stückes, dem unlängst verstorbenen Lnsljpieldichter M e i l h a c, sür ei» Jahr ausgezahlt wurden, die Summe von 309 999 Fr.— — In London ist die amerikanische Sängerin L i I i a n Nord ica an einer Brnstsellentzüiiduiig gestorben. Im Jahre 1894 hatte sie in Bayreuth alS„Elsa" große Triumphe gefeiert.— — Von der P c st. Sofia, 9. Juli. Die Eanitäts- kommission hat für die Mckkapilger außer einer fünftägigen Quarantäne in Hobitschewo, Burgas oder Varna eine weitere zebn- lägige ärztliche Beobachtung in ihre» Wohnorten angeordnet. Ge- brauchte Effekten, welche ans der Türkei stammen, werden des- infizirl.— Suez, 9. Juli. Die Doktoren Ruffer, Präsident des internationalen Sanitälsralhs, und Morrison sind noch den asiatischen Stationen abgegangen, wo einige pestverdächtiae Fälle in Be- bandlung sind. Siebe» Pilgerschiffe werden bei Bender-Tor zur Beobachtung zurückgehalten.— Verantwortlicher Redakteur: August Jacobcy in Berlin. Druck und Verlag von Max Babing in Berlin.