Mntethaltungsblatt des Horwärts Nr. 138. Freitag, den 16. Juli._ 1897. (Nachdruck certoten.) 20] Cefsrine. Von Jean Nichepin. Uebersetzt von H. L. „Er braucht nicht zu warten," erwiderte ich mit schneidender Ironie,„denn waZ ich Ihnen zu sagen habe, werde ich Ihnen in seiner Gegenwart sagen." „In seiner Gegenwart?" Sie wurde so bleich, wie im Augenblick vorher. Ich glaubte, daß sie beinahe ohnmächtig wurde. Aber jetzt war ich mitleidslos. Ich war zu weit gegangen, als daß ein Rückzug nicht hätte feige erscheinen sollen. „Ja!" erwiderte ich,„in seiner Gegenwart. Sie selbst haben es so gewollt. Und jetzt will ich es gleichfalls." „Aber Sie sind doch sein Freund!" „Gerade weil ich sein Freund bin." „Aber was werden Sie ihm sagen?" „Was er wissen muß." Sie sah mich an, als ob Sie von Sinnen wäre. Sie schien nicht zu begreifen. Ihr ganzes Wesen verivandelte sich in eine einzige Frage, in ein einziges Flehen. Aber sollte ich mich jetzt erweichen lassen? Im Gegentheil, ich hatte Eile, mein schreckliches, aber nothivendiges Geschäft zu Ende zu führen. Und fast brutal fügte ich hinzu: „Vorwärts, mein Fräulein; es ist schon genug Zeit ver- trödelt, es sind genug überflüssige Worte gewechselt worden! Lassen Sie mich meine Pflicht thun." Sie sah mich lange, starr an, als wollte sie im Grunde meiner Seele lesen. Sie keuchte. Einen Augenblick bildete ich mir ein, daß sie in Schluchzen ausbrechen, daß sie sich vor mir auf die Knie werfen würde, um eine Thränenszene zu ver- suchen, gegen die ich mich schon im voraus wappnete. Aber nein. Plötzlich heiterte sich ihr ganzes Gesicht auf und mit ruhiger Stimme, als wenn sie zu sich selbst spräche, flüsterte sie kaum verständlich: „Er liebt Paul wahrhaftig. Ja, das ist es, das ist es." Und dann sagte sie mit einem traurigen Lächeln, das mir in das Herz schnitt: „Run wohl, es sei! Treten wir ein, und thun Sie Ihre Pflicht!" Ach! Als ich in Pauls Zimmer trat, begriff ich so- fort, was sie damit meinte, und daß meine einzige Pflicht hier darin bestand zu schweigen, oder vielmehr zn sprechen wie es Ccsarine verlangte, widerspruchslos und ohne Bedenken ihr Mitschuldiger zu sein. Selbst wenn der Kapitän tausendmal Recht gehabt hätte, selbst wenn ich die unumstößlichen Beweise in der Hand gehabt hätte, daß Cesariue eine alte Kourtisane, die Geliebte der Pauker, die Maitresse Hcurtault's und eines Haufens anderer, und besonders die Maitrcsse Bochard's wäre, und daß sie Paul aushielt, und daß sie so nicht aus Liebe, sondern aus schmäh- licher Berechnung handle, um den Unglücklichen zn umstricken, um unter die Haube zn komnien; selbst wenn ich die Gewiß- heit all' dieser Schande gehabt, hätte ich nichts vermocht, hätte ich nichts sagen können. Da gelten keine Gründe der Ehre nnd der Gerechtigkeit mehr; man vernichtet keinen Sterbenden! Armer Paul! Wie hatte er sich verändert! Ich hätte ihm ans der Straße begegnen können, ohne ihn zn erkennen. Seine Augen allein hätten in mir eine Erinnerung geweckt. Das waren noch immer die großen Augen eines kranken Kindes; aber jetzt waren sie noch viel weiter geöffnet und im Fieber glänzten sie noch stärker. Es war, als wollten sie sich voll- fangen mit all' dem Licht, das sie bald nicht mehr sehen'sollten. Sie erscheinen überdies um so größer, weil sein Gesicht unter dem sehr dichten Haar, das ihm die Stirn bedeckte und unter dem die Backen ganz verhüllenden Barte noch kleiner erschien. Dieses buschige Haar und ein solcher übermächtiger Haarwuchs sind charakteristisch für alle Lungenleidenden. Ich habe wenigstens sonst nirgends ein derartiges Wachsthum gesehen, wo die menschliche Pflanze sich anscheinend deshalb so frühzeitig und so übermäßig mit rasch und stark entwickeltem Laube bedeckt, weil es dazu bestimmt ist, rasch wieder zu vergehen. Sein Körper war gleichfalls zu rasch in die Höhe geschossen, seine Schultern waren schmal, die Brust eingezogen, der Rücken gewölbt. Er krümmte sich schon, als wenn er seine ganze Kraft darin erschöpft habe, so rasch und so stark in die Höhe geschossen zu sein, und erschien den unverhältnißmäßig großen und so außerordentlich dicht be- wachsenen Kopf, der sich zur Erde neigte, nicht tragen zu können. Man mußte an ein Rohr denken, das seinen Kolben hoch in die Höhe reckt, aber dessen Saft schon auszutrocknen beginnt und"das sich neigt nnd bald zusammenbricht. Dieser Vergleich einer melancholischen Poesie kam mir von selbst in den Sinn; und zugleich bemerkte ich bei genauerer Prüfung die so grausam deutlichen Einzelheiten, die sich zu einer medizinischen Diagnose verdichteten. Die zitternden Hände, deren runzlig gewordene Haut ich bei dem Händedruck fühlte, waren kalt und feucht, die Fingerglieder verdickt. Das waren die eingesunkenen Schläfen, die aussahen als hätte man sie mit dem Daumen eingedrückt; das waren die abstehende» pergamcntartigen nnd durchsichtigen Ohren nüt den ein- getrockneten Ohrläppchen und dem aufgebogenen Rande. Das war. die charakteristische Nase, deren Rücken einen wächsernen Glanz hatte, und deren Spitze sich bei jeder Bewegung der Nasenflügel bög. Das waren vor allem auf den Backenknochen die scharf abgezeichneten brennend rothen Flecken, als lvenn eine innere Flamme hier das Blut verbrennen würde. Und doch sagte mir Paul mit freudigem Ausdruck: „Wie mich das freut. Dich wiederzusehen und zu wissen, daß Du mich noch liebst! Oh für mich giebt es in der That keine bessere Medizin als ein wenig Zuneigung. Nur durch ihre Zuneigung, durch ihre Zärtlichkeit hat mich Cesarine ge- rettet. Und habe ich nun auch den Freund bei mir, fo bin ich sicher, daß ich bald und vollständig genesen werde. Es fehlt übrigens nur noch seht wenig daran. Wie Du siehst, bin ich fast ganz wphl." „Ja", ergänzte Cesarine,„seit mehreren Nächten schon schläft er wie ein Kind." „Und," fügte er hinzu,„ich huste kaum fünf Minuten des Morgens. Denke, welcher Fortschritt! Das ist herrlich! Ich war so herunter; wenn Du nur wüßtest! Aber heute endlich, dank dieser bewnndernngswerthen Freundin...." „Schon gut, schon gut," unterbrach ihn sanft Ccsarine. „Ich habe das schon alles erzählt. Wir wollen darauf nicht mehr zurückkommen, das sind alte Geschichten." „Ich ninß Dir stark verändert erscheinen, nicht?" nahm Paul ivieder das Wort. Ich machte eine gewaltsame Anstrengung, um zu ant« worten. „Aber nein, nicht so sehr. Du bist vor allem gewachsen. Und dann Dein Bart und Deine Haare...." „Ja, ja", erividerte er lächelnd,„das macht mich sicher älter. Es ist doch drollig, daß ich einen Bart wie ein Sapeur und Haare wie ein merowingischer König habe, während Dn ge- schoren bist und kaum einen Anflug von Schnurrbart hast! Wer hätte das vor vier Jahren gedacht?" Und dann mit einer Lustigkeit, die mir das Herz zerriß: „Jetzt bin ich es, der Haare ans den Zähneu hat!" Cesarine lächelte auch, sie war ganz entzückt von seiner guten Laune. Ich versuchte vergeblich, heiter zu erscheinen. Es war mir ganz unmöglich, mich zn verstellen. Ich hätte am liebsten weinen mögen, ohne doch den Grund hierfür an- geben zn können. Paul bemerkte, daß ich mir Zwang anthat. „Ach!" sagte er,„das ist heut eine verkehrte Welt. Ich scherze und Du bist ernst! Aber verzeihe, ich vergaß... Cesarine sagte, mir, daß Du eine Bestellung für mich hast. Ich verstehe, das ist es gewiß, was einen Zwang auf Dich ausübt. Du möchtest Dich ihrer möglichst rasch entledigen, nicht wahr? Ja, ja, Dn weißt es, daß mir diese Sache peinlich ist, und Du fürchtest Dich, davon anzufangen. Aber da wir doch nicht umhin können, so laß uns von ihm sprechen, von meinem..." Das Wort Vater blieb ihm in der Kehle stecken und er vollendete mit gepreßter Stimme: „... von Herrn von Roncienx." Sein Gesicht hatte sich zusammengezogen, tind er rieb sich seine Hände, um ihr heftiges Zittern zu unterdrücken. „Aber beruhige Dich doch erst, ich bitte Dich. Die Nach- richten, die ich Dir zu überbringen habe, sind durchaus nicht schlecht. Im Gegentheil!" r „Ohne Zweifel," entgegnete er.„Cesarine hat wich schon davon nntcrnchtet. Aber ich bin anch ganz vlchig, ich ver- sichere Tich, sehr rnhig. Ich konnte ja, ich hätte ja auf andere Dinge gefaßt sein müflen als auf das Anerkennen seines Fehlers. Denn wie es scheint, hat er etwas wie einen Anfall von Gerechtigkeit gegen mich gehabt. Er geht endlich darauf ein, mir etwas von dem zukommen zu lassen, was mir ge- bührt. Das ist wenigstens ein Anfang, und ist) gestehe, daß mich das»in Erstaunen setzt." Er hatte sich erhoben und ging mit großen Schritten durch das Zimmer. Die quälende innere Unruhe, die jetzt nicht blos seine Hände, sondern seinen ganzen Körper erzittern ließ, suchte sich in körperlicher Bewegung Lust zu machen. Ich benutzte den Augenblick, wo er mir den Rücken wandte und zog, ohne daß er es merkte, ans Cesarine's Brief das Bankbillct heraus. Sie warf nur noch einen so flehentlichen Blick zu, daß ich nicht im mindesten niehr zögerte, ihr zu gehorchen. Ich überreichte Paul die fünfhundert Franken. „Er bat mich, sie Dir zuzustellen." Er nahm den Schein mit den Fingerspitzen, und dann rief er plötzlich, iudenl er ihn in der Haud zerknitterte, aus: „Nach allem bin ich doch zu dumm, daß es mir wider- strebt, ihn anzunehmen. Er kommt mir doch zu. Es ist ja sogar nur ein Theil nwines Eigenthnmes." Und mit verdüsterter Miene fügte er hinzu: „Ach, warnin kommt das nur so spät „Oh, mein Freund", sagte Cesarine,„das ist nicht hübsch, was Sie da sagen. Sie bedauern also...!" „Nein, nein, verzeihe» Sie mir", entgegnete er lebhaft. „Ich bedaure nichts, in Wahrheit nichts." Und indem er sich enthusiastisch an mich wandte, wieder- holte er: „Nein, nein! Denn ich schäme mich nicht dessen, was sie alles für mich gcthan hat. Und Du sollst es wissen, was sie alles für mich gcthan hat; sie hat mich nicht blos gepflegt, um mich dem Tode zu entreißen, sondern sie hat mich seit vier Monaten jeden Tag von neuem gerettet, sie hat mich ernährt, verstehst Du— ernährt, und ihre Mildthätigkeit.. (Fortsetzung folgt.) TnnzeuÄo Es ist für uns immer von einem gewisse» Interesse, bei Thieren Gewohnheiten und Empfindungen zu entdecken, die man sonn nur bei Menschen zu finden gewohnt ist. Daß Liebe, Haß, Freundschaft, Güte, Stolz, kurz alle unsere Tugenden nud Laster unter den Thieren ebenfalls anzutreffen sind, ist eine bekannte Sache. Daß jedoch auch der Tanz, der schon eine» höheren Grad intellektneller Entwicklung und ästhetischen Geschmackes zu erfordern scheint,«in den Thieren bekanntes und von ihnen auch geschätztes Vergnügen ist, ist bisher noch nicht besonders hervorgehoben worden. Vor Kurzem nun hat ein Naturhistoriker, Namens Hudson, der durch mehr als zwanzig Jahre i» Südamerika gelebt und dort seine Forschungen angestellt hat, ein Buch veröffentlicht, in welchem er zu konstatireu t» der Lage war, daß gewisse Vogelarten Bewegungen ausführen, die sich mit unserer Anschauung vom Tanze vollkommen decke». Ja noch niehr! Da wir unsere Tänze mit Musik zu begleiten pflegen, so wagen es anch die Vögel nicht, wie Hudson berichtet, sich solchen choreographischen Genüssen ohne Musikbegleitung hinzugeben. Sie singen, und wenn ihnen die Natur keine Stimme verliehen hat, so suchen sie mit ihrem Schnabel oder den Flügeln Geräusche hervor- zubringen, die den Gesang ersetzen sollen. Trotz des höchst rudimeu- tareu Zustandes dieser beiden zuletzt genannten Musikinstrumente gelingt es ihnen dennoch, die verschiedensten Töne zu erzeugen, die bald an den Wirbel einer Trommel, bald an das Klatschen einer Peitsche oder an das Knirschen der Zähne ti. erinnern. Manche Vögel vereinigen beides und bringen auf diese Art eine Musik zu stände, die als eine zwar sehr primitive, aber doch ganz hinreichende Begleitung ihrer rhythmischen Bewegungen bezeichnet werden kann. Was zunächst den Einzellanz anbelangt, bei dem ein Jndividunm die Bewegungen ausführt, während die übrigen zusehen, so ist dessen Vorkommen bei gewissen Vogeiarten des La Plata mehrfach konstatirt worden, besonders beim sogenannten lltupicolonns. Der unter freiem Himmel befindliche Tanzsaal dieses Vogels besteht in einem ebene», moosigen Platze, der von Gebüsch umgeben und von Steinchen und Älestchen, die de» Evolutionen des gefiederte» Tänzers hinderlich sein könnten, sorgfältig gereinigt ist. Hier versammelt sich eine größere Anzahl dieser Vögel. Ist die Gesellschaft bei- sainme». so tritt ein Männchen mit lebhaft gefärbtem Gefieder und einem Schöpfe auf dem Kopfe in die Mitte des Platzes vor und beginnt mit ausgebreiteten Flügeln nud herabhängendem Schwänze eine Reihe von Bewegungen äusznsühren, die fast an die eines Menuets erinnern. Nach und nach wird der Tänzer immer erregter •) Aus der Wiener„Neuen Freien Presse". und springt und dreht sich in den extravagantesten Arten tim sich selbst. Ist er endlich erschöpft, so zieht er sich zurüch' aus dem Zlkteur wird ein Zuschauer, während eiiler seiner Kameraden seinen Platz einnimmt. Beim Lesen dieser Zeilen könnte man versucht sein, diesen Be- richt Hudson's für einen Scherz zu halten, gleich jenem Garner's bezüglich der Sprache der Affen. Trotzdem nun der voll- kominen ernste und streng wissenschaftliche Charakter seines umfang- reichen und gewissenhaften Werkes jeden derartigen Gedanken von vornherein ausschließt, wird man doch mit einer gewissen Be- sriedigung vernehmen, daß auch ein anderer Naturforscher, namens Bigy-Wither, ähnliches konstatirt hat. Dieser berichtet uns, daß seine Aufmerksamkeit einst durch einen in den Wäldern Brasiliens selten anzutreffenden schönen Vogelgesang erregt worden sei. Die Indianer, die ihn ans seiner Exkursion begleiteten, wußten sofort, wer der Virtuose sei, und forderten Wither auf. ihnen langsam und vorsichtig zu folgen; gleichzeitig versicherten sie ihm, er würde ein höchst merkwürdiges Schauspiel zu sehe» bekommen. Nachdem sie sich eine zeitlang geräuschlos durch die Linnen geschlichen hatten. gelängten sie a» eine Lichtung, wo sich ihnen in der Thal ein höchst sonderbarer Anblick darbot. Aus den Steinen und Aesten sah man eine Schaar kleiner, rotbgetupfter Vögel sitzen, die alle einer überaus merkwürdigen Art des Tanzes oblagen. Während einer aus ihrer Mitte, der Musiker, ruhig auf einem Strauche saß und die lustigsten Weisen in die Lüste scbmettertc, schlugen die anderen, die Tänzer, mit ihren Flügeln den Takt, tänzelten lebhaft mit den Füßen herum und begleiteten gleichzeitig den Gesang ihres Kameraden mit einem gedämpfte» Gezwitscher. Das Ganze soll vollkommen den Eindruck eines Konzertes mit Tanz gemacht habe», wobei sich jeder Theil- nehmer trefflich zu amüsiren schien. Es wäre interessant gewesen, auch das Ende dieser sonderbaren Unterhaltung kennen zu lernen; leider wurden die höchst scheuen Vögel durch ein von einem Indianer verursachtes Geräusch geschreckt und flogen in allen Liichtnngen aus einander. Manche Vögel bleiben, wie Hudson beobachtet hat. in der Luft, anstatt sich ans die Erde zu begeben, und führen dort, wenn auch nicht dem Tauze sehr ähnliche, so doch an ihn erinnernde Bewegungen aus. Dies ist bei einem Finken der Fall, den man deshalb Oscillator genannt hat. Er beschreibt im Fluge eine vollkotnmene Kurve von ungefähr 20 Metern Länge. Ist er an> Ende der Linie angelangt, so wendet er sich plötzlich um und kehrt auf demselbeii Wege»ach dem Ausgangspunkt zurück. Dies thut er mehrere Male hinter- einander, so daß man denselben Eindruck wie von den Schwingungen eines an einem unsichtbare» Faden hängenden Pendels bekommt. Die Gewohnheiten des schwarzköpfigen Ibis in Patagonien sind jedoch noch komischer als die der bisher erwähnten Vögel. Dieser Vogel hat die Größe eines Truthahnes und sollte infolge dessen, meint inan, niehr ernst und gesetzt sein. Dies ist nun keineswegs der Fall. Nach dem Abendspeisen versammeln sich die Ibisse, um sich gemeinsam nach dem Orte zu begeben, wo sie die Stacht zuzubringen pflegen. Unterwegs aber stürzen sie sich auf einmal pfeilschnell aus die Erde herab und erfüllen die Lust mit einem gellenden, weil vernehmbaren Geschrei, so daß es fast den Anschein hat, als wären sie plötzlich vom Wahnsinn befallen ivorde». Kaum haben sie die Erde berührt, so fliegen sie wieder senkrecht in die Höhe, um augenblicklich wieder zur Erbe zurück- zukehren. Sind sie schließlich müde, so begeben sie sich gemeinsam zur Ruhe._* Einige argentinische Nallcn und besonders der Ipecaha müssen hier gleichfalls angeführt werden. Der Ort ihres Rendezvous ist in der Siegel eine kleine von Schilf umgebene Insel, auf der sich ein Sumpf befindet. Hält ei» Vogel die Tageszeit für gekommen, so stößt er einen und denselben Ton als Einladung dreimal hinter- einander ans. Sogleich sieht man das Schilf sich bewegen und eine Ralle»ach der andern herausspazieren. Sind deren 15 oder 20 beisammen, so beginnen sie ein Konzert, indem sie ein ohren- betäubendes, klagendes Geschrei ausstoßen. Dabei stürzen sie mit ausgebreiteten Flügeln und hoch erhobenem, weit geöffnetem Schnabel wie verrückt nach allen Richtungen. Es ist mehr ein .wildes Herunijagcii denn ei» eigentlicher Tanz. Die Vorstellung dauert drei oder vier Minuten, dann gehen sie alle ruhig aus- einander. Die Jacanas, die sich durch ihre Spornflügel und langen Zehen auszeichnen, kennen einen ähnlichen Zeitvertreib. Sie versammeln sich in großen, dichten Schaaren und stimmen dann einen Cborgesang an, der durch kurze, überaus scharfe Töne gekennzeichnet ist. Gleichzeitig beginnen sie ihre Tanzübungen, wobei sie die Flügel bald schnell, bald langsam auf und ob bewegen. Einzig in ihrer Art und deshalb um so interessanler sind in dieser Hinsicht die Gewohnheiten des sogenannten spornflügeligen Kiebitzes. Der Tanz dieses Vogels, wie selbst die Eingeborenen eine choreographischen Uebnngen bezeichnen, erfordert drei Theil- nehmer und scheint ihnen selbst ein sehr großes Vergnügen zu be- reiten, da sie ihn überaus gerne, besonders zur Zeil des Vollmondes, aufführen. Männchen und Weibchen leben als Paar an einem von ihnen mit großer Sorgfalt gewählten Orte. In ihrer bäuslichen Ruhe werden sie aber von Zeit zu Zeit durch einen Gast gestört, der sich in das Domizil des Ehepaare? so ungenirt begiebt wie wenn es sein eigenes Haus wäre. Anstatt ihn nun zu vertreiben, wie es andere Vögel thn» würden, kommt ihm das Paar entgegen und empfängt ihn mit freudigem Gesänge. Dann stellt es sich hinter ihn, und alsbald fangen alle drei an, schnarrende Töne hervorzubringen und mit den Füßen schnelle, dem Takte ihrer Musik vollkommen entsprechende Bewegungen ausznfndrsn. Von Zeit zu Zeit stößt der de» Tanz leitende Vogel schrille Töne aus, während die beiden anderen hinter ihm eine Art Troininclwirbel vernehmen lassen. Hat diese merkwürdige Belustigung eine Zeit lang gedauert, so hebt der Gast die Flügel in die Höhe und bleibt plötzlich gerade und unbeweglich stehen; die zwei anderen stellen sich dann genau in eine Reihe und blasen ihre Federn auf. Zum Schlüsse beugen alle drei die Köpfe, bis ihre Schnäbel den Boden berühren, ver- bleiben einen Moment in dieser Stellung und stimmen einen Gesang an, der wie durch eine Sordine gedämpft zu sein scheint. Der Gast kehrt dann in sein Heim zurück, indem er dein Männchen und Weibchen die weiteren häuslichen Sorge» überläßt. A. Stefan. Kleines Ilenillelon Das„Grundbuch" im alte» Athen. In den Sitzungs- berichten der Berliner Akademie vom 17. Juni sind neue Inschriften aus Athen veröffentlicht, von denen einige allgemeines Interesse haben. Durch die Ausgrabungen nämlich, die das kaiserlich deutsche archäologische Jnftilul unter Leitung des Professors Dörpfeld seit drei Jahren am Westabhange des Areopags veranstaltet hat, sind ganze Straßcnzüge der Stadl Athen, wie sie im vierten vorchristliche» Jahrhundert aussah, freigelegt ivorde». Man ist so i» den Stand gesetzt, noch heute die enge» Häuser zu besuchen, in denen die Zeit- genossen des Dcmoslhencs wohnten. Wer die Besitzer waren, wisse» wir freilich nur selten, denn Firmenschilder»nd Hansnninmer» sind verloren gegangen, wohl aber wissen wir noch jetzt bei manchen Säufer», was für Schulden der Besitzer hatte. In die steinerne traßenfront finden sich nämlich manchmal eingehanene Be- Merklingen über auf dem Hause ruhende Hypotheken. Da lesen wir an dem einen Hause, daß sei» Besitzer von dem Aristodemos aus dem Dorfe Aphidae tausend Drachmen geliehen hatte. Ein anderer hat dieselbe Summe erhalten von Periandros aus dem Dorfe Cholargae, aber daneben noch zweihundert Drachmen von der Ge- meinde Halae genoininen. Immer ist der Name des Besitzers, den ja jedes Kind der Straße kannte, diskret weggelassen. Zahlte er einen Theil seiner Schuld zurück, so wurde die Zahl an seinem Haufe mit dem Meißel geändert, ebenso wenn die Hypothek an einen andern Gläubiger überging. Beides kann man noch heute an dem Steine nachweisen. Auch thnn wir einen Einblick in die Familie eines dritte» Hausbesitzers. Unmittelbar vor seiner Thür liegt nämlich ein großer»nbehanener Felsblock, ans dem sich die Beinerkung findet, daß der Eigenthümer seiner Frau Patrokleia eine Hypothek im Betrage von lölXZ Drachmen auf sein Haus ausstellte zur Sicher- stellmig ihrer Mitgift. Die brave Frau hat ihm also ihr Geld zun, Hausbau geliehen. Jedenfalls scheute man'in Athen die Oeffentlickkeit nicht. Wir besitzen noch zahlreiche ähnliche Hy- potheken-Jnschristen, aber keine, die so unmittelbar zu uns sprechen, da die meisten in Feld und Acker verstreut gefunden sind.— („Köln. Z.") Theater. —(Sin Versorgungshaus für Schauspieler. Die Genossenschast deutscher Bühnenangehöriger Oesterreichs plant die Errichtung eines AersorgungshaichLs für invalide Mitglieder der Bühne. Voraussetzung der Aufnahme soll die Zugehörigkeit zur �Genosseuschast bilden. Das Asyl soll in einfachsten Stile sich präsentiren und vorläufig 174 Personen Raum gewähre». Jeder Insasse, glciÄgiltig, ob männlichen oder weiblichen Geschlechts, soll ein eigenes kleines Zimmer, sehr bescheiden, doch behaglich inöblirt, erhalten, dann Kost und Wäsche. Das Haus soll serner enthalten: Badezimmer, einen Sprechsaal, ein Versammluuyslokal für die Mit- glieder der Gcnossenschast und einen kleinen Garten. Endlich ist beabsichtigt, mit dem Asyle eine Art Herberge in Verbindung zu bringen, ei» Nachtquartier gegen billiges Entgelt für durchziehende Bühuenangehörige. Betreffs des Kostenpunktes ist Folgendens in Aussicht genommen: es sollen in Wien und in den Landes- Hauptstädten Sammlungen und Veranstaltungen inszenirt werden, um den nothwendige» Aufwand zu decken. Au die Mitwirkung der Provinzen wird gedacht, weil das Versorgungshans invalide» Theaterleuten ohne Rücksicht auf die Konjession und den letzte» Aufenthaltsort offen stehen soll.— Kulturhistorisches. e. d. Preußische Soldatenlieder vor hundert Jahren. Hundert und einige Jahre mehr sind es, seit man in preußischen llaserne» die folgenden Liedchen sang, die in inancher Beziehung auch heule noch lebhaftes Interesse erwecken und innigem Verständniß begegnen»lögen. 1. Berlin, Berlin. Berlin.., Berlin, Berlin, Berlin, du wnnderschöne Stadt, In dir bin ich gewesen, kein Freud Hab ich gehabt. Des Tags stieg ich fünf Groschen, da muß ich kaufen Brot Und Wasser dazu saufe», ach Gott, du liebe Roth! Und komm ich aus Parad', thu' eine» falschen Schritt, Gleich heißt es: nehmt den Kerbel man aus dem Glied, Die Tasch ihm abgenommen, den Säbel hingelegt, Und darauf tapser geHaue», daß er sich nicht mehr regt. Die Haar muß ich mir pudern und wichsen meine Schuh', Und daraus krieg ich Prügel, zu meinem Brot dazu; Darum Leul', laßt euch nicht wundern, wenn einer desenlirt, Sie werden wie die Hunde mit Prügel getraktirt. 2. Trommelschlag beim Spitzruth enlaufeu. Warum bist Du weggelaufen, Warum thust Du das? Darum mußt Du Spitzruth lanfei» Durch die lange Gass'! Streichet niit dem Bogen, trampelt mit dem Fuß. Seht, wie der Kerdel tanzen muß! Der Tambour hört den Klageto» Und läßt sich gar' nicht stören. Törten, dorten sah ich schon Meine Schönen stehen. Geographisches. t. Eine Besteigung des Bergkönigs im Kau«. kasns, des 5830 Meter hohen Elbrus, hat der Russe Pastu» kofs im vorigen Sommer zum zweiten Male ausgeführt, worüber jetzt die Berichte der russischen geographischen Gesellschaft eine aus» sührliche Mittheilung machen. Ter Elbrus ist ein zweigipfliger er» loschener Vulkan, dessen Spitzen etwa 40 Meter in ihrer Höhe ver- schieden sind, etwa 1 Kilometer auseinander liegen und die Form von trichterähnlichni Kratern haben. Der nördliche und östliche ZIbhang wird von mächtigen Firnmassen bedeckt, aus denen sich 14 größere und zahlreiche kleinere Gletscher entwickeln und in breiten Eisströmen in die Tiefe steigen. Diese Glelscherströme bedecken eine Fläche von rund 67 Quadrat- meilen und müssen eine gewaltige Dicke erreichen, da Pastukoff in einer Gletscherspalte eine Tiefe von 700 Fuß gemessen hat. Auch die Länge der Gletscher ist gewaltig, der längste von ihnen steigt bis zu einem Niveau von 2465 Metern ckber dem Meere herab. Während des Ausstieges auf den gewaltigen Berg- koloß wurde der Begleiter von Paslukoff und einer seiner Führer von so starkem Unwohlsei» befallen, daß sie zurückgelassen werden und zwei Nächte ans dem Gletschereis unter dem elenden Schutz einiger Steinblöcke kampiren mußten. Der russische Alpinist stieg unterdeß nur mit einem Führer weiter zum Gipfel empor, wurde aber bald von einem Hefligen Schneesturme überfallen. Trotzdem er- reichte er den Gipfel, von wo ihm aber nur ein flüchtiger Blick auf die entgegengesetzte Seite des kraterähnlichen Schlundes vergönnt war, er ließ an jener Stelle unter einem großen Steine eine Zinnschachtel liegen, in die Thermometer eingeschlossen waren. Der Abstieg war fürchterlich. Pastukoff und sein Begleiter verloren den Weg,»nd als die Nacht hereinbrach, befanden sie sich anf einem Gletscher, ohne zu wisse» auf welchen,, umgeben von einem drohenden Labyrinth tiefer Eisspalten. Wieder verbrachten sie eine Nacht in einer Höhle, die sie mit ihren Stöcken in den lockeren Schnee, welcher von dem letzten Stnrm her anf dem Gletscher zusammengeweht war, gegraben halten; zum Schutz gegen die 5tälte»nd gegen die Nässe hatten sie nur einen leichten Mantel; Speise und Trank hatte» sie seit 48 Stunde» nicht genossen. Die Gefahr ihrer Lage war aufs äußerste gestiegen, als sie durch einen glücklichen Znsall am»ächsten Morgen auf den zweiten Führer trafen, welcher bei Eintritt des Schneesturmes sich beeilt hatte, weiter abwärts einen sicheren Platz zu suchen; dieser Mann hatte einige Bisqnits bei sich, mit denen der äußerste Hunger der kühnen Berg- steiger gestillt werden konnte. Nun fanden sie bald den Weg zu dem Ende des großen Azangletschers. wo der vierte Thcilnehmer an ver Expedition sie voller Angst erwartete.— Alls der Pfla,ize„wcltX — A n a n a s z u ch t au s den Azoren. Die unter Glas gezogenen Früchte der Ananas sind bedeutend feiner als die i» süd- lichen Ländern srciivachsenden. Von dieser Thatsache ausgehend, hat man auf der Azoren-Jnsel-Gruppe eine rationelle Treibhausknltur unternommen, die eine» bedeutenden Handel herbeigeführt hat. Die Ausfuhr von Ananas aus den Azoren beträgt jährlich über eine Million Früchte, welche auf den Londoner Markt gebracht werde» und von da weiter auf alle größeren europäischen Märkte gelangen. Ihre Kultur geschieht in folgender Weise: Nachdem von der Mutterpflanze die Frucht gereist und geerntel ist, wird sie von ihren Wurzel» und Blättern entblößt und in das Vermehrungsbcet gelegt; dort entsprieße» bald die Kindel, die nach anderthalb bis zwei Monaten in Töpfe gepflanzt werden. In Töpfen werden sie zwei bis drei Monate weiter gepflegt, und»ach- dem sie vier bis fünf Monate so vorknltivirt sind, in die Frucht- beete gepflanzt, wo sie unter allersorgsältigster Pflege der Spezial- Knltivatenre ganz gleich», äßig zur Weiterentwickelung, Blüthe und Fruchlreise gelange». Die Ananas stammt aus dem tropische» Amerika, ist in sünf bis sechs Arten und von ihnen die gewöhnliche Fruchtpslanze als Ananas sativa bekannt. In Mittel- und Süd- Amerika, besonders aber aus den westindische» Inseln, wird sie in großen Massen im Freien für de» Markt der Vereinigte» Staaten kutlivirt. Ihre schöne Frucht ist deshalb auch dort zu verhältniß» mäßig geringen Preisen selbst de» Wenigbemittelten zugänglich.— Astrollomisches. — Veränderungen auf der Mo» d Oberfläche- Seitdem der Astronom Hermann I. Klein am 10. Mai 1377 in der Nähe des Kraters HyfliuiiZ einen neuen Krater entdeckte, der vorher von keinen» Mondbeochter gesehen ivorde»»vor, ist die Hyzinus- gegend sehr oft nnd genau durchforscht ivoden, da man noch fort- schreitende Veränderungen i» jener Region vernnithetc. Das neue Objekt erscheint größer nnd deutlicher als alle in de» Karten jener Gegend verzeichne»«» Kraier, so daß mm, unbedingt an eine Ren- bildung glauben muß, da andererseits nicht zu begreifen ist,»veshalb niemand früher es ivahrgcnommen hat. Diese Annahme hat neuer- Vings eine Bestätigung gefunden. Ans die Aufforderung des Herrn Klei» hin hat sich der durch seine Benusbeobachiungeu bekannt gcivordene Direktor der Manorasternivarte in Lnssinviccolo, Herr L. Brenner, »nit der genauen Erforschung der Hyginusgegend bcschäftigl. Eine große Menge von Einzclheilen ivnrde mit Hilfe des siebenzöllige» Refraktors aufgefunden, die in der sonst so zuverlässigen Schmidt'schen Mondkarle fehlten. Nachdem Herr Brenner h-itle glauben können, alle vorhandene» Em»elheite», die einigermaßen deutlich sind, entdeckt und in die Karle eingetragen z» haben, fand er an» 22. Januar 1896 zwei so deutliche und auffallende Rillen, daß sie unmöglich hätten übersehen»verde» können,»venu sie vorher vorhanden geivcscn»vären. Ebenso anffällig trotz etivas anderer Beleuchtung erschienen diese Rillen am 31. März, so daß an ihrer Neubildung gar nicht zu ziveifelu ist. Diese zwei Ziillen laufen an dem Ost- und Südrande vom neuen Krater entlang nnd erstrecken sich in Länge ans je 10 Kilometer. Um den gleichen Betrag scheint sich eine ivestlich laufende Rille, die schon Herr Klein gesehen hat. nach Südivesten hin verlängert zi» haben. Jene südliche Rille geht von einen» früher gleichfalls nicht envähnten Krater aus, der jetzt aber ebenso anffällig ist,»vie der deutlichste Krater in der Gegend südlich von der von Klein entdeckte» Neubildung. Diese zahlreiche», von geübten Beobachtern gemachten Wahrnehmungen bestätige» also die Ansicht des Herrn Klein, daß die Veränderungen in der Hyginus- gegend»och sortdanern. Sie könne» auch als neuer Veiveis für die Neubildung des Klein'sche» Kraters um 1876—77 aufgefaßt»Verden. Jedenfalls sind die Kräfte, die das Antlitz unseres Trabanten so zerklüfteten nnd durchfurchte»», noch nicht in den» Maße zur Ruhe gelangt,»vie man es bisher angenomilien hatte.— Techitisches. ~ Unverbre nn bares Holz. Das„Zentralblalt der Bauverivaltung" bringt folgende Miltheilung: Au» 3. d. M. fand in London im Park des Hnrliughain Clubs eine Brandprobe mit einen» chemisch behandelten Holze statt, die jeden, der ihr bciivohnte, überzeuge» mußte, daß es sich dabei»nn eine der bedeiltungsvollste» Neuerungen ans dem Gebiete der feuersicheren Bauiveise» handelte. Es»varen zivei völlig gleiche, ditrchiveg ans Holz gebmite einstöckige Häuschen»nit geviertförinigei» Uinriß von 3,3S Metern Seitenlange errichtet, das eine aus unverbrennbar gemachtem Holze. Die Hänser standen auf vier Eckpsähle», hatten einen 75 Zentimeter über der Erdoberfläche befindlichen Fußboden,»nid das vierseitige Zeltdach lief in einen»Veiten, ebenfalls hölzernen Schoritstein aus, der,»»»teil und oben offen, eine»» vorzüglichen Zngschlot abgab. Der Rmim zivischen den» Fußboden»ud der Erdoberfläche»var iiiil durchbrochener Holzverkleidung versehe». Die Wände»varen a»lßen und innei» inil Bretter» verkleidet, zivei derselben»varen mit Thüre». zwei mit Fenstern durchbrochen. Beide Gebäude wurden gleichzeitig in Brand gesteckt,»vas dadnrch geschah, daß je ein an der W-ndseite derselbe» aufgehäufter Stoß von öl- getränkten» Holz und Sägespänen angezündet ivnrde Wie zu er- »»»arte»!»var, brannte das Haus von geivöhnlichei» Holz innerhalb einer halben Stunde vollständig zu Äsche. Dagegen»var es»in- möglich, das Haus ans behandelte»» Holz in Brand zu setzen, trotz der dafiir außerordentlich geeigneten Konslrnkliou, die»nit ihre» Oeffnunge» unterhalb des Fußbodens, den hohlen Wänden und dem großen Holzschlot in» Dache geiviß das höchste Maß von Feuer- gefährlichkeit darstellte. Die Flammen»»»züngelte» das Gebäude in heftigen» Brande bis über das Dach, aber sie vermochten nur die Oberfläche der Bretter zu verkohle», und der äußere Holzstoß brannte nieder, ohne den» Gebäude einen anderen Schaden gethnn, als die durchbrochene Bretterverkleidung unterhalb des Fußbodens, da, wo der brennende Holzstoß sie unmittelbar berührte, in geringem Maße beschädigt zu haben. Merkivürdiger als diese Thatsache war vielleicht der Uinstaltd, daß die Jnneiitemperatur des Hauses, während die Flannne» des brennende» Holzstoßes seine Außen- feiten umloderleii. durchaus unverändert blieb; man konnte ruhig in das Gebäude eintreten und durch ein Anlegen der Hand an die innere Holzverkleidung sich überzeuge», daß nicht ein- mal diese erivärmt»var. Nach Ablegnng dieses Versuches ivnrde ein anderer vorgenommen. Im Innern des Gebäudes»var eine ans 21/2 Zentimeter starken Bretter» des chemisch behandelte» Holzes gezimmerte Kiste aufgestellt»nid»nit einem Stoß von ölgetränktem Holze um- und überbaut. Der Stoß ivnrde angezündet und brannte »nn die Kiste herum zu Asche, ohne dieser oder der innere»» Holz- Verkleidung des Hauses irgend»velchen Schaden gethan zu haben. Die Kiste»var mit Druckhefte,» gefüllt,»velche vollständig heil, ja nicht einmal erivärmt, herausgenonunen wurden. Au der voll- ständigen Uiiverbreni, barkeit des chemisch behandelten Holzes kann kein Ziveifel bestehen. Dabei ist die ganz auffallende Unfähigkeit der Wärineleitung noch besonders zu vermerken. Die chemische Be- Handlung ist in Amerika erfunden und besteht darin, daß dein Holze unter hohen» Druck seine natürlichen Säfte entzogen»verde» und statt ihrer eine gesättigte Lösung von geivisscn Salzen«ingepreßt »vird. Aenßerlich erleidet daS Holz dadurch keinerlei Veränderung, auch Geruch und Farbe»verde» nicht beeinflußt, uur das Geivichl »vird etivas erhöht.— Humoristisches. —■vr. Der Ton»nacht d i e M n s i k. Dem Kaiser Joseph U. von Oesterreich legte einst sein Miiiister Kaunitz einen Gesetzentivurf zur Unterschrift vor, der dem Herrscher gründlich»vider den Strich ging. In seinen» Aerger schrieb der Kaiser darunter: Kaunitz ist ein Esel! Dann folgte seine Naniensniiterschrift. Darnach reichte er den» Minister das Papier und befahl ihn», seine Resolution zu lesen. Der Minister»veigerte sich,»veil er sich damit einer Majeftäts» beleidigung schuldig»nachei» müsse. Auf»viederholten Befehl des Kaisers aber las Kaunitz mit folgender Betonung:„Kaunitz ist ein Esel! Joseph der ziveite.— — De Z>v e e t e. Herr Knebbcheu hat zum ziveiten Male geheirathet, trotzdem ihn» schon„seine Erste" die Hölle so heiß als möglich gemacht hatte. Eines Tages begegnet ihm sein Freund Lemnichen nnd sag: zu ihm:„Nee, hären Se. Knebbchen, Sie Harn Sie aber doch eenen nierk>värdigen Mnth;»venn Sie»»» eenes scheenen Middernachts Ihre Seel'ge gonimt und sie find't Sie die andere— na, die würd' Sie scheene mit Sie unigehn!"—„Da genn' Se ruhig sein!" entgegnete ihn» Knebbchen mit einen» Lächeln, gemischt auS Pfiffigkeit und Galgenhumor,„mir gann sie»lischt bafsiren— nieine Ziveete»verd Sie»nit'r fertig!"— („Megg. H. Bl.") Vermischtes von» Tage. — Die Möbelfabrik von A. Lutz in K r e» z l i n g e n famnit Holzlager ist niedergebrannt.— — Auf der„Friedenshütte" in N i l v i n g e n(Lothringen) stürzte das Geivölde eines in» Bau begriffene» Hochofens ein. Mehrere Arbeiter»vnrden verschüttet, vier davon schwer verletzt.— — L a i b a ch, 15. Juli. Heute früh 6 Uhr 53 Min.»vurde hier ein starkes sechs Sekunden dauerndes Erdbeben von schüttelnder Beivegnng verspürt. Es»vurde»» zahlreiche nicht unbedeutende Be- schädignngen öffentlicher Gebäude und Privatgebäude festgestellt. Einzelne Ranchfänge stürzten ans die Straße herab; Risse und Sprünge zeigen sich nn neuen»vie an alten Hänsern. Besonders große Schäden oder Verletzitiigen von Personen sind bis 11 Uhr Voriniltag nicht bekannt geivorden. Den» Erdbeben war gegen 4 Uhr früh eine schivache Erderschütterung vorangegangen.— — In K r a s z n i k bei Teinesvar in Ungarn kau» es»vegen der Heirath eines Kaukinantls mit einer Lehrerslochter zi» argen Skandalen. Nacht»»vurde den» ncnvermählle» Paare eine Dynamit- patrone ins Hans gelegt,»velche cxplodirte und den Kaufmann schiver verletzte.— — Im Schamser Tbal im Kanton G r a u b ü n d e»» hat ein Bär eine Heerde von 36 Stück Schafen bis ans»venige Thiers anfge- riebe».— — Ba r i s, 15. Juli. Während der anläßlich des Natioiialfesles veranstaltete»! Truppenschau erkrankte» infolge der großen Hitze 266 Soldaten und Zuschauer.— Ein in Havre»nit drei Lnstschiffern in die Höhe gegangener Luftballon»vurde durch einen plötzlichen Wind- stoß ans das offene Meer getrieben. Man befürchtet, baß die Luft« schiffer erlrunken sind. — I» S a» t A IN b r o g i o(Italien) schlug der Blitz in ein Haus, siebe» Mitglieder einer Fainilie verbrannt«!».— v. o. In» Dorfe O st r o>v a im Lnga'schen Kreise(Rußland) brannte»» 35 Bauernhöfe nieder; 12 Personen kamen dabei ums Leben.— — Dreißig Jahre in, Bette. In Teignniouth, in Devonshire(England), ist eine alle Jungser gestorben, die die letzte» dreißig Iah»« im Bette zugebracht hatte. Gnies Abends begab sie sich, 38 Jahre all, in» Jahre 1858 völlig gesund zu Bett. An» nächsten Morgei» erklürte sie, daß es sich in» Bett an» allerbehag- lichsten lebe. Sie beschloß deshalb, den Rest»chres Lebens im Bett zu bleiben. Die Alte erfreute sich bis vor kurzem vortrefflichen Wohlbefindens. Mittels einer Spiegelvorrichluug konnte sie vom Bett aus alles sehen,»vas. auf der Straße vorging. Sonst war die Alte durchaus nicht»nenschenseindlicb. Täglich empsing sie Besuche. Bei ihren» Tode»vog die alle Jungfer 238 Pfund.— — Aus B o in b a y, 11. Juli, meldet die„Kölnische Zeitung": Der Lnftschiffer Lnivrence»var mit einem Ballon an» Himalaya anfgeüiege». Als er sich über dem Gebirge befand, überraschle ihn ein Geivitter und der Blitz schlug in den Ballon. Es gelang Laivrence, sich an einem Fallschirn» herabzulassen und ohne Unfall zu landen.— — Seeräuber. Der englische Dampfer„Peg»»" ist zwischen Edi und Telok-Seinaive an der Äüste von Atschiii von 16 Atschinescn angegriffen»vorde». Der Kapitän Roß, 2 Europäer nnd 7 Ein- geborene»vilrdc» getödlet. 16 andere Personen verwundet. Die Ätfchinese»,»velche sich als Paffagicre ai» Bord des Dampfers be- fanden, raubte» 18 666 Dollar und flohen»ach der Küste in der Nähe von Siuipang Olim.— Die nächste Nummer des Unterhaltungsblatlcs erscheint Sonn- tag. den 13. Juli._ Verantwortlicher Redakteur: August Jacobey in Berlin. Drilck und Verlag von Max Vadiug in Berlin.