Anterhalwngsblatt des Vorwärts Nr. 140. Dienstag, den 20. Juli. 1397. (Nachdruck verboten.) Cesarine. Von Jean Nichepin. Uebersetzt von H. L. Denn wir fühlten, daß er im Begriffe stände, seinen Lippen das Gehcimniß entschlüpfen zu laffen, das wir beide so gern gekannt hätten, das Geheimnis feines Haffes, seines Abschcncs, das Gcheimniß, das zwischen Vater und Sohn einen so unüberbrückbaren Abgrund aufgerissen hatte. Aber unsere Neugier, und besonders die Cesarinens, hielt nicht stand vor dem schmerzverzehrten Ausdruck, der plötzlich alle Züge des Kranken verzerrte. Er war, als befände er sich im Todeskamps, und in überquellendem Mitgefühl rief Cesarine aus: „Ja, ja, ich begreife, wir begreifen. Sie können es in der That nicht vergessen, wie grausam er gegen sie gewesen ist, und Ihr Groll erklärt sich auf eine ganz natürliche Weise." Und sie machte mir mit der Hand hinter dem Fautenil ein Zeichen, nicht weiter in ihn zu dringen, nicht grausam zu sein, und ich beeilte mich, ihr zuzustimmen: „Sicher. Das versteht sich. Uebrigens habe ich Deinen Vater so in der Nähe kennen gelernt, daß ich mir die Anti- pathie, die zwischen Euch, zwischen zwei so entgegengesetzten Naturen bestehen mnß, sehr wohl erklären kann. Er ist so heftig, so herrschsüchtig, so wenig zartfühlend! Eine richtige Bulldogge, wie Du mir auf dem Lyceum sagtest." „Das ist er, das ist er," erwiderte er. Es schien ihm eine solche Erleichterung zu sein, als er sah, wie uns diese Erklärungen befriedigten, daß ich sogar den Mnth gehabt hätte, fortzufahren und den tapferen Kapitän, der doch immerhin mein Lebensretter war, noch übler znzu- richten. Wohin war mein heroischer Entschluß, zu richten, verflogen?... „Das darf Sie indessen nicht verhindern. Paul," nahm Cesarine wieder das Wort,„das Geld anzunehmen, das Ihnen Herr von Roncieux sendet." „In der That," fügte ich hinzu, indem ich das Bankbillet wieder aushob. Da ich bis jetzt derKomplice Cesarinens gewesen war, mußte ich wohl meine Rolle bis zu Ende durchführen. Ich hatte deshalb keine Scheu, ihm zuzusprechen. „Und sei es selbst unter der Gestalt eines Almosens, so hättest Du doch nicht das Recht, dieses Geld zurückzuweisen, dessen Du vielleicht bedarfst." „Das ist wahr", entgegnete er mit refignirter Stimme. „Verzeihen Sie mir, Cesarine, daß ich nicht eher daran gedacht hatte. Und ich danke Dir, daß Du mich daran erinnerst. Es ist wahr, wir brauchen es, und ich schulde es Ihnen und Ihrem Vater. Ach! Ich versuchte umsonst, es mir nicht ein- zugestehen, ich bin überzeugt, daß Ihr Ench seit vier Monaten und zivar durch mich in Schulden gestürzt habt. Sie werden es nicht abstreiten." „Was thut das!" schrie sie auf.„Wir führen doch die- selbe Rechnung, weil ich Ihre Frau sein werde." „Sie haben immer Recht", erwiderte er. Er lächelte sanft, nahm das Bankbillet, das ich ihm von Neuem reichte, faltete es auseinander und betrachtete es mit Rührung. „Das ist das erste Geld, das ich in das Haus bringe," sagte er dann mit ernstem Ton.„Nimm es, mein theures Weib. Und aus welcher Hand es auch immer kommen mag, sie sei gesegnet!" Und bevor er es Cesarine übergab, küßte er es unter Thränen. Ich konnte einen Aufschrei nicht unterdrücken. Das war zu viel. Was! dieses Geld, dieses Geld Bochard's...! Ich warf Cesarine einen entrüsteten Blick zu. Aber ich hatte nicht die Energie, den ihren auszuhalten, er war so todestraurig, so verzweifelnd, so voll demüthiger gnadeflehender Bitte. Sie hatte den Kopf Paul's an ihre Brust gelegt und bettete ihn da, indem sie mütterlich sein Gesicht streichelte. Und dabei waren ihre Augen starr in das Leere gerichtet; unter ihren erstickten Seufzern schwoll ihr tals an, und große stumme Thränen rannen über ihr iärtyrcrinnen-Gesicht. Das Uebermaß der Aufregung hatte indessen Paul völlig erschöpft. Ein neuer Hustenansall ergriff ihn und dieser An« fall war noch stärker als der erste; er durchwühlte seinen ganzen Körper und erstickte beinahe seinen kurzen, pfeifenden Athem. Ich hielt es für nutzlos, ihn weiter zu ermüden, in- dem ich meinen Besuch verlängerte. Er selbst hielt mich nicht zurück, als ich mich zum Weggehen erhob. Er hatte sichtlich das Bedürfuiß nach körperlicher und seelischer Ruhe. Er be- guügte sich, mir mit einem flüchtigen, beinahe kalten Tone zu sagen: „Aus baldiges Wiedersehen!" „Bis auf morgen!" erwiderte ich. „Nein, nein!" wandte Cesarine lebhaft ein.„Es wird besser sein, wenn Sie einige Tage verstreichen lassen. Er muß erst wieder zu Kräften kommen." Er wandte nichts ein, indem er unterwürfig, willenlos mit einem Blick feine Zustimmung ausdrückte. Er gab mir seine Hand; sie war feucht und weich; es war der Händedruck jemandes, dessen Empfinden völlig erstorben schien. Diese Vernichtung, dieses völlige Versinken in sich selbst, erschütterte mich mehr als alles übrige. Ohne darüber nach- zudenken, daß seine Müdigkeit dessen alleinige Ursache sei, erblickte ich darin nur einen neuen Beweis von der völligen Unterwürfigkeit unter den Willen Cesarinens. Das brachte mich gegen ihn und gegen sie ans. Und ich zürnte auch mir selbst, mich so gefällig zu der Komödie hergegeben zu haben, die sie mir aufgedrängt hatte, um die Fesseln der Ab« hängigkeit Pauls noch enger zu schnüren. Als ich bei diesem Gedanken angelaugt war, glaubte ich, ich weiß nicht warum, vollends von ihr hinters Licht geführt worden zu sein. Und Cesarine empfand auch sehr wohl meine innere Unzufriedenheit. Als sie mir beim Hinausbegleiten die Flnr- thür öffnete, sagte sie mir plötzlich: „Bedauern Sie, was Sie gethan haben?" „Ja und nein," erwiderte ich.„Sicherlich konnte ich, nachdem ich einmal eingetreten war, nicht anders handeln. Aber ich hätte nicht eintreten dürfen." „Nun wohl l" entgegnete sie.„Wenn Sie so denken, kommen Sie nicht mehr wieder." Sie sagte das mit so gebieterischer Stimme, daß ich ganz verdutzt blieb. Sie fügte sogleich hinzu: „Sie halten mich also für gemein? Ja, nicht wahr? Und trotzdem haben Sie das gethan. Oh, wie auch Sie meinen Paul lieben! Ich danke Ihnen, ich danke Ihnen!" Und ehe ich es hätte verhindern können, nahm sie meinen Kopf wie den eines Kindes in beide Hände und küßte mich rasch, fast wie närrisch aus beide Wangen, während ihre Kehle von einem Geräusch erschüttert wurde, von dem ich nicht wußte, ob es Lachen oder Schluchzen fei.— xm. Weit länger als eine Woche, beinahe vierzehn Tage, ver- mied ich es standhaft, zu ihnen hinauf zn gehen. Aber ich beunruhigte mich trotzdem ihretwegen und erkundigte mich nach ihnen. Zuerst ging ich alle Morgen, wenn ich mein Hotel ver« ließ, an dem literarischen Kabinet vorüber und plauderte einen Augenblick mit dem guten Gavarot, den ich getreulich auf dem Posten fand, die Nase immer in irgend einem mathemati- schei» Werke. Er hielt mich ans dem Laufenden über die Gesundheit des Kranken. Das war seine hauptsächlichste Sorge. Gleich nach dem„Guten Tag" fing er regelmäßig von selbst an: „Es geht besser, positiv besser. Mit anderen Worten, immer besser." Ich hatte übrigens umsonst versucht, ans seiner Schwatz- haftigkeit Nutzen zu ziehen, um über einige Punkte, die mir noch dunkel geblieben waren, Klarheit zu erhalten. Verlorene Mühe! Der gute Man» hatte mir nichts Neues mehr mitgetheilt und sich darauf beschränkt, die Geschichte von Malwine wieder aufzuwärmen» und als ich ihn einmal aus das Kapitel Bochard brachte, war er plötzlich auf einen anderen Gegenstand übergegangen. Man mußte beinahe an« nehmen, daß ihm in bezug auf diesen Punkt Verhaltungs- maßregeln vorgeschrieben worden seien. Von wem? Von Cesarine oder von Bochard in Person? Von beiden viel« leicht. Denn augenscheinlich versteifte sich auch Cesarine ihrerseits, mir nichts sagen zu lassen, obwohl sie von Gavarot wissen mußte, daß ich täglich käme; und trotzdem schwieg er über alles, was sie betraf. Anderer- seits hatte ich die Gewißheit, daß Bochard mich als erklärten Feind behandelte. Ich war dem alten Alchimisten zweimal ans der Straße begegnet, und beide Male hätte er mich mit seinen blitzenden Brillengläsern am liebsten tödten mögen. Die anderen Brillenträger zürnten mir gleichfalls, ich konnte daran nicht zweifeln. Gavarot kounte sich nicht enthalten, mich hören zu lassen: „Ach, Sie stehen nicht im Geruch der Heiligkeit bei diesen Herren." Ich fragte warum, und er hatte mir einfach geantwortet: „Potztausend!" Ohne übrigens die Lust zu verspüren, dieses„Potztausend* zu erklären. Aber ich hatte ans diesem kleinen Wort doch herausempfunden, wie bedcntnngvoll es in seinem Nebensinn, in seiner hinterhältigen Giftigkeit wäre. Was bilden sich denn diese Herren ein? Aus den Pfeilschüssen der Brille des Alchimisten; aus den mißtrauischen halben Andeutungen Gavarot's hätte man, meiner Treu, entnehmen müssen, daß sie in mir einen neuen Rivalen wittern. Ich hatte eines MorgewS lachend darauf angespielt und Gavarol hatte mir wieder nur mit einem„Potztausend I" geantwortet, als ob«r wüßte, daß sie mich auf beide Wangen geküßt habe. Und wider Willen schloß ich: „Potztausend! Cesarine ist ja recht schön bei ihnen an« geschrieben!"(Fortsetzung folgt.) Unftfntzvk zum Nordpol. Das unerforschte Gebiet, welches sich um den Nordpol erstreckt, lockt die Menschen immer von neuem in seine eisstarrenden tod- drohenden Regionen. Im vorigen Jahre kehrte der kühne Norweger Nansen nach dreijährigem Zlnfemhalte in dem unwirthlichen Norde» zurück, nachdem er die Aufgabe, die er sich gestellt, glänzend gelöst hatte, und jetzt sind wieder»!» die Blicke der ganzen Welt nach jenen Gegenden gerichtet, wo drei Männer, der Schwede A n d r e e und seine Begleiter S t r i n d b e r g und Frankel, sich vor wenigen Tagen, am II. Juli, im leichten Ballon erhoben haben,«in in das »»bekannte Gebiet hineinzufliegen. Die Pläne der beiden Männer, N a n s e n' s und Andrer'?, haben das mit einander gemeinsam, daß sie der Polarsvrschung, der Näheren Erforschung des weiten Gebietes, das sich um den Pol erstreckt, ganz neue Wege weisen wollten. Bisher hatte man ver« sucht, in Schiffen so weil als möglich gegen den Pol vorzudringen, wobei man in der Nähe der sich nordwärts ausdehnenden Länder blieb, die im Nothfall, wenn das Schiff vom Eise umschlossen und zerdrückt wurde, eine Nückzngsbasis boten. Nansen dagegen wollte in der Gegend der Neu- Sibirischen Inseln sein Schiff absichtlich im Eise einfrieren lassen und durch eine von ihm vermuthete Eisströmung über den Pol »ach Grönland oder Spitzbergen treiben lassen. Obwohl die erfahrendsten Nordpolfahrer dein Unternehmen den sicheren Unter- gang des Schiffes voraussagten, endete es bekanntlich mit dein voll- ständigen Triumphe Nansen's. Noch seltsamer erscheint der Plan Andrce's. Er will den feste» Boden unter seinen Füßen vollständig verlassen»nd im Ballon die Lüfte der unbekannte» Gebiete durchqueren. Wenn man zuerst von dieser Absicht hört, erscheint es ciiiem fast wie ein Märchen, fast wie eine Dichtung Jules Verne's, dessen lebhaste Phantasie ja einen Gelehrten i» vier Wochen in einem Ballon qner Durch Afrika führte. Und doch ist es Wahrheit. Nicht nur, daß der Plan in dem Kopfe Andree's auftauchte; er hat auch die nöthige Anzahl von Leuten gefunden, die daZ nicht geringe Kapital Hergabe», das zur Ausrüstung nöthig war, und als der Aufstieg im vorigen Jahre durch widrige Winde verhindert wurde, kam noch einmal die»ölhige Geldsumme zusammen, so daß der erste Theil des Planes nunmehr verivirklicht worden ist,»nd die Abreise thalsächlich statt- gesnnden hat. Der Schauplatz dieses Ereignisses war Spitzberge», jene seit 300 Jahre» bekannte Inselgruppe, die sich fast bis zum SI. Breite- grab nach Norden erstreckt. Unter 79>/e Grad liegt der westlichsten der drei Hauptinseln vorgelagert die kleine Däneninsel, auf der Andree im vorigen Jahre alle Vorbereitungen zum Ausstieg getroffen hatte. Der Dampfer„Virgo" hatte Gerälhe zur Erbauung eines Ballonhauses, die Apparate zur Erzeugung des nöthige» Gases ec. dorthin gebracht, und eine rege Thätigkeit herrschte während des ersten Theiles des Sommers auf der einsamen Insel, die sonst von keines Menschen Fuß betrete» wird. Da der Ballon nicht nur ivenige Stunden, sondern mehrere Tage, unter Umständen selbst mehrere Wochen, sich in den Lüfte» halten soll, so muß er eine große Menge von Proviant mitführen; auch muß darauf gerechnet iverden, daß er infolge unvorhergesehener Zu- fälle in der nnivirthlichsten unbekannten Eisregion niedergeht, von ivo die Rückreise mit Schlitten und Boot angetreten werden müßte. Auch diese sind also mitzusühre». Es ist klar, daß der Ballon infolge dessen eine große Tragkraft besitzen muß. Daher ist es selbst- verständlich, daß der Ballon mit dem leichtesten Gase, dem Wasser- stoff, gefüllt ivird. Andree hatte im vorigen Jahre einen Ballon von 4500 Kubikmetern Inhalt, der mit Wasserstoff gefüllt,«ine Trag- kraft von etwa SOvOKilo hatte; er rechnete daraus, daß er sich trotz des unvermeidlichen allmäligen Gasverlustes damit im Nothsalle 30 Tage würde in der Luft halten können. Dr. E k h o l m, der im vorigen Jahre zuerst als Begleiter Andrce's in Aussicht genommen war, hielt diese Zeit für zu gering; er»leinte, man müßte sich im schlimmsten Falle auf einen sechs- wöchentlichen Aufenthalt im Ballon gefaßt machen, und bestand des- wegen auf einer erheblichen Vergrößerung desselben; er verlangte 6000 Kubikmeter Inhalt. Da er mit seiner Meinung bei Andree nicht durchdrang, so trat er von dem Unternehmen zurück. In diesem Jahre hat Andree seinen Ballon um 300 Kubikmeler ver- größert, indem er in der Mittelzone ein breites Stück einfügte; er faßt jetzt also 4800 Kubikmeter. Die Richtung, die der Ballon einschlägt, hängt natürlich in erster Linie vom Winde ab, und die aus nördlicher und nord- östlicher Richtung wehenden Winde ließen Andree ja auch im vorigen Jahre vom Ausstiege abstehen. Indessen hofft er doch, eine gewisse Lenkbarkeit zu erreichen und den Ballon, wenn auch nicht gegen de» Wind, so doch in einem vo» seiner Richtung etwas abweichenden Winkel steuern zu können. Das Mittel hierzu bilden die Schlepptaue, die gleichzeitig beivirken sollen, daß der Ballon sich nicht zu hoch über die Erde erhebt: Andree will dauernd in einer Höhe von etiva 200 Metern schivebcn. Die drei Taue, die im Ballon hänge», haben eine Länge von 400 Metern, so daß etwa ihre Hälfte bei der gewünschten Höhe am Boden e»l- lang schleift; da ihr Gewicht 1000 Kilo beträgr, so belaste» sie den Ballon mit 500 Kilo, der Hälfte desselben. Sinkt er etivas, so wirken die sich au die Erde legenden Theile der Taue wi: aus- geworfener Ballast, der den Ballon erleichtert und wieder steigen macht; steigt er, so hat er niehr von dem Tan zu tragen, ist also schiverer belastet. Die Taue ivirken also gleichsam als automatischer Ballast und sollen dadurch die Höhe des Ballons gleichmäßig er- halten. Die Hälfte der Taue, die an der Erde hingeschleppt ivird, erleidet an dieser eine beträchtliche Reibung, wodurch die Ge- schwindigkeit des Ballons gegen die des Windes erheblich er- mäßigt wird. Diese Differenz soll von Segeln ansgeniitzt werden, um eine Ablenkung von der Windrichtung zu erzielen. Diesbezügliche Versuche, die Andree vor längerer Zeit in Schiveden anstellte, sollen eine Ablenkung von 27 Grad ergeben habe»; das wäre schon recht erheblich; wenn der Wind aus Süd-West oder Süd-Ost statt aus Süden wehte, wäre hiernach ein Vordringen in einer fast nördlichen Richtung möglich. Allerdings hat die Luflfahrer schon beim Aiifstieg der Unfall betroffen, daß die Schlepptaue zurück« blieben; entweder hat der sie n»> Ringe haltende Haken sich beim Aufsteigen gelöst oder sie sind überhaupt vergessen worden. Es ivird zwar berichtet, daß die Luftschisfer in der Gondel Reservetaue haben; aber sicherlich fehlen ihnen nun doch 1000 Kilo Ballast, so daß der Ballon leichtlich viel höher steigen wird, als Andree wünscht, so daß er von den Taue» keinen Nutzen hat. Uebrigens ist es keinesivegs ansgeinacht, ob man im Interesse Andree's diesen Unfall bedanern oder vielmehr sich darüber freuen soll. Das„Nene Wiener Tageblatt" veröffentlicht Aeußernngcn eines hervorragenden Wiener Lustschiffers. der es für vollständig nnmöglich hält, mit einem Ballon ivocheulaug in de» Lüfren zu fahren. Das Gas strömt beständig langsam durch die Pore» der Wandung aus, so daß es schon eine hervorragende Leistnng ist, einen Ballon 24 Stunden in der Luft zu erhalten. Tauacki wäre es allerdings für Andree das beste gewesen, die heunnenden Taue loszu- werde», wodurch seine Fahrt eine viel raschere wird. Wenn aber der Ballon sich seinen Voraussctznnge» gemäß tage- nnd ivochenlang in der Lust halten kann, wird er dann sein Ziel erreichen und wird Andree iverthvolle ivisscnschastliche Beobachtungen anstellen können? Das ist doch eine sehr unsichere Sache, die von der überiviegenden Mehrzahl der Forscher in verneinendem Sinne beantwortet ivird. Niemand kann vorher sagen, Ivo der Ballon niedergehen wird; er kann in dem von Andree errvarteten Falle über die Polgegend hinweg nach Sibirien oder an die amerikanische Küste und den ihnen vorgelagerten Insel» getrieben werde»; aberer kann auch— und dies wäre bei einem schnelleren Niedergehen wttnschcns- werth— ohne»ach Norde» zugehen, östlich oder südöstlicii»ach Sibirien gehen oder westlich»ach Grönland gelangen. Eine Erforschung der nn- bekannte» Gebiete wäre dann nicht möglich. Schließlich ist es nicht ans- geschlossen, daß der Ballon Überhaupt nach Süden getrieben wird und dann hoffentlich nicht im Meer, sonder» an einer bewohnten Käste niedergeht. Geht der Ballon nach Norden und sinkt im nn- bekannten Eisgebiete, so kann man Andree nicht unbedingt verloren geben. Nansen hat gezeigt, daß selbst aus diesem Gebiete zwei nn- erschrockene Männer den lUückweg finden können. Aber Nansen ist ein erfahrener Polarforscher, der mit dem Eise nnd feine» Gefahren vertraut war; ob Andree ebenfalls im stände wäre, den Rückweg ans dem Eis zu finden, muß stark bezweifelt werden, wen» es auch nicht unmöglich genannt werden kann. Der tollkühne Mulh Andree's und seiner Begleiter ist sicherlich zu bewundern; es scheint aber nicht, daß er durch die wiffenschasl- lichen Ergebnisse, die er bestensfalls heinibringen kann, gerechtfertigt ist. Doch wollen wir wünschen und hoffen, daß sein Muth nicht ganz unbelohnt bleibt.— Dr. B. B. Nleines Lfeuillekott — Z«r Geschichte der Prügelstrafe. Ein inter» tfsantes offizielles Schriftstück aus der Zeit der Ausübung der kör- perlichen Züchtigungen wird von der russischen Zeitung„Jiijciül- janin" veröffentlicht. Es ist eine Resolution der kkieiv'schen Gou- vernements-Berivaltung vom 8. April 1849 und sie betrifft folgenden Zfall. Die Gouvernenients-Verwaltungen von Taurieu und von Chersson hatten sich— jene am 5., diese am 25. Februar 1849— au die Kiew'sche Gouvernements-Verivaltung mit Gesuchen gewandt, in welchen erklärt wird, daß weder in dem einen, noch im anderen Gouvernement Birken wachsen, so daß es unmöglich sei, Ruthen zur Bestrafung von Verbrechern zu beschaffen. Infolge dessen ivird die Kiew'scheVerwaltung um folgcndeAnsknnfl gebeten: ob esmöglich sei.im Kiew'schen Gouvernement alljährlich 26 VW) Bündel Ruthen anzufertigen, und zwar 6WK) für das Gonvernement Taurie» und 2V 000 für das Gouvernement Chersson, und ferner: was die Zustellung dieser Bündel nach Ssimferopol resp. Chersson kosten würde. Infolge dieses Gesuches schrieb die Kiew'sche Gonverncinents-Verwaltnng alle» Polizeibehörden im genannten Gouvernement vor, unter der Hand die nothwendigen Daten zu sammeln und auch den Modus der Anfertigung und Zustellung der Ruthenbündcl auszuarbeiten. Ob die Kiew'sche Gonverneinenls-Verwaltnng de» Auftrag der beiden anderen Verwaltungen effekluirt bat, darüber liegt keine Knude vor. Sehr respektabel sind aber die Ziffern in diesem kleinen historische» Aktenstück. Räch ihnen kann man berechne», daß die taurische Gouverncmcnts-Behörde täglich nicht weniger als 17 Rnlhenbündel nothwendig hatte, während es die Chersson'sche sogar ans 55 Stück pro Tag zu bringen gedachte.— — Afrikanisches Elfenbein. Einen der bedeutendsten Ausfuhr- artikel Asrila's bildet das Elfenbein. Allein ans Tcnlsch-Ostafrika wurden im Jahre 1893/94 13 923 Stück Elcphantenzähue exporlirt. Als Gewicht der jährlichen Gefammtaussuhr werden 8övvW) Kilogramm angenommen, welche eine» Werth von 16 Millionen Mark repräsentiren. Nimmt man als Durchschnitlsgcmichr eines Zahnes 10 Kilogramm an. so ergiebt sich, daß i» Afrika jährlich 4V WX) Elephanten getödlet werden, unter denen sich auch ganz junge Thiere befinden. Mag nun der Reichthuni dieses Welllheiles an Elephanten auch noch so groß sein, so wird er doch einem solchen Vernichtungs- kämpfe nicht lange mehr widerstehen können. In der That sind diese Sängethiere in fast alle» 5küste»gebieten sowie in dem größten Theile Südafrikas gänzlich ansgeslorbc», so daß die Karawanen lies in das Innere dringen mnssen, um des Elfenbeins habhast zu werden. Rur im Kamerun-Lande und im Galla-Landc werden zn gewissen Jahreszeiten noch in nninittclbarer Nähe der Küsten Elephanten erlegt. Unter diesen Umständen kann es leicht dahin kominen, daß schon nnscrc Enkel den asrikanischen Elephanten als ausgestorbenes Thier nur noch im zoologischen Museum z» Gesicht bekommen.— Literarisches. — Die Auktion der Ashbnrnhani-Bibliothek. Die Auktion des erste» Thcilcs dieser Bibliothek, die vor einigen Tagen in London beendet worden, hat für 1683 Nuininern 615 090 M. ergeben. Auch vom rein kansmännischen Standpunkt ans hat sich die Bildung der Bibliothek als eine sehr gute Speku- lation erwiesen. Ter verstorbene Eari of Ashburvham hat die Preise, die er für seine Bücher zahlte, regelmäßig aufgezeichnet, und danach ergiebt sich, daß ihn die Werke, die für 615 010 M. versteigert worden sind, nickt mehr als 240 000 M. gekostet haben! Von be« uierkcnsivcrlhcn Einzclnulnmern sind noch ilachzulragen: Eine erste Ausgabe von Cbnuccr's„Talgs ot'(hruiiteibur�o", gedruckt von Cnxion 1478(14 690 M.); Wynly» de Worde's erste Ausgabe des- selt en Werkes, 1498(20 200 M.); ein sehr seltener Carlondrnck„Tbs bobo vanneck Corydale, or ihe Fower Last Thinges" 1479 (15 330 M.); weitere Drucke von Caxton,„Dictes and öayings of the Philosophers" 1477(26 930 M.) und„The Doctrinal of Sapycnce" 1489(13 465 M.), A. Dürer, Sammlung von 62 Knpse stichen, daiirt 1497—1519(7140 M.).— Theater. — Eleonora Duse gab im Pariser Reiinissance-Theater zehn Vorstellungen, welche insgesannnt 105 954 Fr. einbrachten. Bei ihrem letzten Austreten in„Das Weib des Clandins" und„Cavnlleria rnslicana" betrug die Einnahme über 14 000 Fr.— Kunsthandwerk. — E i n P r a ch t t i s ch. Den„Hamb. Nachr." wird aus Wien geschrieben: Im Atelier des vor einiger Zeit verstorbenen Graveurs Anton Batschc ist zur Zeit dessen künstlerischer Nachlaß ausgestellt, «in einziger Tisch, der aber als Frucht ununterbrochener fünf- undzwanzigjähriger Knnstarbeit eine» größere» Werth repräseiK/r,, als so manche große Nachlaßsammlnng. Um dieses ganz einzig dastehende Kunstwerk richtig ivürdigen zu können, muß dar-?» er- innert werden, daß Anton Batsche, von Beruf aus Graveur, ein fo ansgezÄ chneter Restaurator von Antiquitäten war, daß ihm manche Müsse,, den Eintritt verweigerten, ans Furcht, er könnte die dort ans gelegten Antiquitäten nachahmen. In der That bc. sin den sich in sehr vielen Museen und in größeren Privat- saminlnngen zahlreiche Antiquitäten, die eigentlich Schöpfungen Batsche's sind. So ging beispielsweise eine von Batsche gefertigte Schüssel, für die er selbst nur 1800 fl. erhalte» hatte, nachdem sie in dreitägiger Untersuchung von ersten Kennern als echt befunden wurde, ni» de» Preis von 60 000 fl. in Privatbesitz über. Batsche selbst hat von seiner eminenten Kunstfertigkeit nur de» allergeringsten Nutzen gezogen, da er ausschließlich für Antiquitätenhändler arbeitete, die gegen sehr kärgliche Entlohnung bei ihm Imitationen bestellten, um sie dann gegen schweres Geld als echte Antiquitäten zu ver- kaufen. An dem kunstvollen Tisch, den Batsche als einziges Erbe seinen Kindern hinterließ, hat der Künstler, wie bereits Eingangs erwähnt, nicht weniger als 25 Jahre gearbeitet. Der aus Kehl- heimer Platten gefertigte Tisch besteht ans einer Mittelplatte von 82 Zentimeter» im Quadrat mit rings anschließenden Facetten von 16 Zentimetern Breite und 4 in Angeln drehbaren Kreissegmenten, so daß der Tisch, der in deutschem Renaissancestil gehalten ist, be- liebig in Quadrat- oder Kreisform gebracht werden kann. Von den zahlreichen Feldern, die sich ans dem Tisch befinden, zeigt jedes eine andere Darstellung, sogar die Sinnsprüche, die in reicher Zahl angebracht sind, sind in den verschiedensten Schriftgattnngen aus- geführt.— Wiewohl die ganze Arbeit in Tiefrelief geschnitten und gestichelt ist. bleibt ihr Zweckcharnkter als Tisch doch gewahrt, indem die ursprüngliche Oberfläche der Platten so weit erhalten ist, daß jeder aufgelegte Gegenstand seinen festen Stützpunkt hat. Den Mittelpunkt des Tisches bildet eine von acht Karyatiden getragene Kartonche, die uns,»nirahmt von einem Sinnspruch, Chronos im Gefolge der Sonne zeigt. Da die acht Karyatiden auf einer runden Gallerie fußen, werden dadurch acht Felder gebildet, die mit vier Medaillonporlräts und mit vier Schildern als Sinnspruchträgern ausge- iüllt sind. An die erste Gallerie schließt sich eine zweite an, deren durch Schilde von einander getrennte Felder mit Figuren und Arabesken geschmückt sind. Vier geschnitzte Eckfelder erweitern nunmehr de» Kreis zum Quadrat. In den durch Medaillonporträts geschiedenen Ecken sind Gruppenbilder angebracht, welche die Familie, den Unter- richt, das Spiel und ein Gelage darstellen. Die darum umher- laufende flnchornamenlirte Bordüre enthält in zwölf Medaillon- bildern Symbolisirungen der vier Elemente, Kunst, Wissen- schaft». s. w. Leisten ans Nnßholz schließen dann diese große Miltelplatte ein. Die darauf folgenden Facetten sind eine Kassetirnng von sechszehn Feldern, deren jedes einzelne von Kartonchen mit Sinnsprüchen ausgefüllt ist. Zum Schlüsse folgen dann die beweg- lichc», je in drei Felder getheilten Kreissegmente, in deren Mitte sich eine kreisförmige Kartouche mit den Wappen Oesterreichs, der Stadt Wie» und den Emblemen der bildenden Künste und der Gravirknnst befindet. Das Postament ist ein massiver Unterbau ans Nnßholz mit vier kräftig geschnitzten Greife».— Völkerkunde. — Ii, der„Revue de l'Universite de Brnxelles" für Juni erzählt Graf Goblet d'Alviella über„ G e b e t- M ü h l e n", die bekannte altindische Institution, die er anläßlich einer Reise nach Tibet in dem kleinen buddhistischen Königreich Sikkhim näher kennen gelernt hat. Die Mühlen bestehe» ans hohen, grellbemalten Holzzylindern, die man in rotirender Bewegung erhält; sie werden oftmals in der Nähe eines Stromes angebracht»nd von einem Wasserrad getrieben; andere drehen sich im Winde. Der Anior behauptet übrigens auch in anderen, christlichen Ländern ähnlichen Gebräuchen begegnet zu sein: so in der B r e t a g n t. In mehreren dortigen Kirchen be- finden sich noch heute Räder, die in der Wölbung oder an einem Pfeiler frcihängcnd angebracht sind. Die Gläubigen setzen fie in Beivcgnng, indem sie an ciner Schnur ziehen, wobei sie jedesmal zwei Sons als Opfer für eine» Heiligen entrichten, dessen Standbild daneben ausgestellt ist, und der den Namen:„Le Saint i, la Rone" führt.— Ans dem Thierlebe». — Die Ente als Friedens st ifterin. Ein mecklen- bnrg'scher Gutsbesitzer stand nach der Schweiz. Landw. Zeitschrist kürzlich ans seinen, Hose und beobachtete das Federvieh, das eben gefüttert wurde. Zwei Hühner wurden«»einig und hackten auf einander los. Eine Ente, die nicht weit davon stand und die dies zu stören schien, begann nach den Hühnern hinznschnatter». Die Hühner beachteten de» Mahnruf nicht und setzten ihren Streit fort. Die Ente trat den Kämpfenden näher und schien i» ihrer Art die Streitsüchtige» gehörig abzukanzeln. Als dies jedoch fruchtlos blieb, ging sie zwischen de» Streitenden mehrmals durch, so daß jene ge- »öthigt waren, den Kampf zu unterbrechen. Die Ente schien hierdurch beruhigt. Als aber die Hühner an einer andern Stelle de»»nter- brocheuen Kampf von nenem aufnahmen, eilte auch die Ente wiederum hinzu, um ihr Friedensstiftergeschäft, wobei auch einige scharfe Schnabelhiebe nach beiden Seiten mithalfen, abermals zn beginnen, worauf die Hühner auseinandergingen und den Kampf«instellten. Die Ente wackelte darauf, sichtlich sehr befriedigt, wieder zn ihren Genossinneu.— Aus dem Pflanzenreiche. t. Nene Gerbstoffe. Der wichtigste Gerbstoff zur Um- Wandlung der rohe» Thierhäute in Leder ist heutzutage bekanntlich noch immer die Rinde von jungen Eiche», die einen Gehalt an einer eigenthümliche» Gerbsäure bis zn 10(höchstens 15) pCt. be- sitzt. Deutschland zum Beispiel gebraucht von diesem Stoffe jährlich über 5 Millionen Zentner, kann i» seinen eigenen Wälder» aber nur etwa 3 Millionen Zentner selbst ausbringen, so- daß es a» das Ausland und zwar besonders an Oesterreich- Ungarn und Frankreich jährlich 11 Millionen Mark sür Lieferung von Eichenrinde bezahlt, außerdem noch etwa vier Millionen Mark für die Einfuhr fabrikmäßig aus Eichenrinde her- gestellten Gerbsäure-Absuds ans denselben Ländern und Belgien. Es haben vielfach Bemühungen stattgesunden, für die Eichenrinde einen besseren Gerbstoff einzuführen. Eine wichtige Nolle spielt da z. B. das bekannte Quebrachoholz(sprich: Kebratscho), das Holz eines argentinischen Baumes aus der Pflanzensamilie, zu der unter anderen der tropische Nicrenbaum(Acajou) gehör!. Es ist gewiß von Interesse, daß nun von dem sranzöstschen Vizekonsul in der Stadt Tampico in Mexiko an de» französischen Minister des Auswärligen ein aus- sührlicher Bericht über eine dort einheimische Pflanze eingegangen ist, von deren Anwendung in der Gerberei man sich großen Nutzen zu versprechen hat. Diese Pflanze, die in der Botanik Rumox hymenosepalus und bei den Franzosen LanaiZro genannt wird, gehört zu derselben Gattung wie unser Sauerampser. Sie wächst wild m den Thälern und Niederungen von Mexiko und der Staaten Texas, Arizona und Kalifoniien; ein besonders günstiger Boden jür sie ist ein sandiger Mergel, der eine mäßige Feuchtigkeit besitzt. Die Indianer von Mexiko kochen ans der Wurzel der Pflanze ei» Medikament und benutzen die Blätter nach Art unseres Sauerampfers als Nahrung. Die knolligen Wurzeln erinnern au die der!tarlvffelstaude, jeder Sianini trägt 3—12 Knollen, deren Gewicht zwischen K0 und 540 Gramm schwankt. Die Gerber im Lande Mexiko kennen und benutze» diese Knollen seit langem als Gerbstoff, aber erst im vorigen Jahre hat man dieselben wissenschaftlich untersucht. Es stellte sich heraus, daß sie einen Gehalt zwischen 23 und 33 pCt. Gerbsäure besitzen, der also den der Eichenrinde um mehr als das Doppelle übertrifft. Man hat diese Pflanze seit einiger Zeit anzubauen versucht; nach den vor- läufigen Ergebniffeu liefert ein Hektar so depflanzreu Landes 1000—1400 Zentner frische Wurzeln, aus denen 300—440 Zentner trockene Knollen gewonnen werden, die in den Bereinigten Staaten mit 6 M. und in Eropa mit 12 bis 10 M. pro Zentner bezahlt werden. Die Fortpflanzung der Staude durch Samen hat bisher keine guten Ergebnisse gehabt, man zieht daher das Einpflanzen von Knollen vor.— Meteorologisches. — Veränderungen des Polareises. Seit die Meteorologie die Kinderschuhe ausgezogen hat, haben interessante Forschungen das Bestehen von periodischen Veränderungen unseres Klimas erwiesen. Man gelangle hierzu zum theil durch die Beob- achtung der Längenschwankungen der Gletscher der Alpen. Es ver- steht sich, daß eine Reihe warmer Jahre auch das Gletschereis mehr zum Schmelzen bringt und daß mehrere aufeinanderfolgende kalte ein Wachsthum des Gletschers bedingen. So wuchsen die Gletscher der Schweiz und Savoyens im Ansang dieses Jahrhnuderls ganz außerordentlich und gingen bis in die letzten Jahre beträchtlich zurück. Im Jahre 1830 bemerkte man in einigen Bergmassiveu der Alpen bereits wieder ein Wachsthum. Auch das Polareis ist derartigen Veränderungen unterworfen. Der französische Gelehrte Charles Rabat hat dies neuerdings in einer von der internationalen GIclscheriom- Mission veröffentlichten Denkschrift nachgewiesen. Er zeigt an der Hand zahlreicher Beobachtungen, daß die Gletscher Grönlands und Islands seit der geschichtlichen Zeit dieser Länder bedeutend im Wachsen sind. Namentlich auf Island dehnten sie sich aus und bedeckten früher von ihnen unberührte, ja selbst bewohnte Gegenden und Viehweiden. Ende des 13. Jahrhunderts und während eines großen Thciles des IS. wohnte man auf Island einer wirklichen Gletscherinvasio» bei, die erst vor 25 Jahren zum Stillstand gelangt ist, aber noch nicht in alle» Gletschergegenden der Insel aufgehört hat.— Technisches. — Elektrische Güterzug-Lokomotiven. Die Balti- more- und Ohio-Eisenbahn durchquert nächstens die Stadt Baltimore (Nordamerika) mittels eines Tunnels, durch den sie ihre Züge mittels elektrischer Lokomotiven bergans schleppen läßt; diese Anweudu.ig der Elektrizität ist insofern bemerkeuswerlh, als sie hier zum ersten Male zur Fortschaffung schwerer Güterzüge benutzt wird. Die von der General Elektrice Company gebauten Maschinen stehen nach einer in der Oesterreichischeu„Eiseiibichii-Zeitiiiig" enthaltenen Beschreibung den stärksten Dampflokomotiven nicht nach; sie wiegen 83 Tonnen. Alle vier Achsen werden direkt angetrieben, so daß das gesammte Gewicht als Adhäsionsgewicht nutzbar gemacht wird. Der Durchmesser der Triebräder ist t.K12 Meter. Die vier Elektro- motoreu sind an federnden Traversen aufgehängt; sie sind als Hauptstrom-Motoren gewickelt, haben sechs Pole, sechs Kohlenbürsten und Trommelanker. Infolge ihrer Anshäugung können sie sich etwas mit der Armatur mitdrehen und vermindern so den Stoß beim Ansahren.— Humoristisches. v. Zurückgegeben. Zu dem Lustspieldichter Scribe kam ein junger Bruder in Apoll mit einem Kinde seiner Muse und bat den berühmten Kollegen, ihm in sein Lustspiel eine einzige kleine Szene oder auch nur ein paar Zeilen einzufügen, um so die Theaterdirektion geneigter zu machen, das Stuck des jungen Anfängers auf die Bretter zu bringen. Scribe wies das Ansuchen ab mit den stolzen und beleidigende» Worten:„Es steht geschrieben: Du sollst das Pferd und den Esel nicht zusammenspannen." Der Billsteller versetzte schlagfertig:„Aber wie kommen Sie dazu, mich— ein Pferd zu nennen 1"— — Zwei Marterl-Reime. In der Umgebung von Anssee hat Dr. Huffnagcl folgende Marterl-Reime gesunde», die er im„Alpenheim" veröffentlicht: „Hier lieget schlicht und recht Der erdruckte Baucrnknecht." und „Brückla ganga Brückla brocha Eiuig'falla Und dasoffa."— Vermischtes vom Tage. — Arthur Deetz, der ehemalige Leiter des königlichen Schauspielhauses ist gestorben.— — Eine s o n d e r b a r e D a m p f w a l z e. In Nr. 134 des „Leipziger Stadt- und Dorf-Anzeigers" macht der Gemeindevorsteher zu Baalsdorf bekannt:„Besonderer Umstände der Dampfwalze halber bleibt der von Baalsdorf nach Hirschfeld führende Kommnni- kationsweg und zurück bis 15. Juni a. c. gesperrt."— — In Breslau ließ eine 24jährige gesunde Frau beim Ans- ziehen eines Zahnes durch einen Zahntechniker die Narkose mittelst Bromäthyl ausführen. Die Frau verschied in der Narkose. Ein Arzt war nicht zugezogen. Sämmtliche Narkotika wurden bei dein Zahntechniker beschlagnahmt.— — Ii. N n in e r i r t e Kinderwagen. Sämmtliche Kinder- wagen und Kindersahrstühle i» Naumburg a. S. muffen»ach einer behördliche» Anordunng von jetzt ab gleich den Droschken Nummer» tragen, z» welchem Zwecke die Inhaber solcher Verkehrs- mittel je ein Nmiimerschildchen gegen eine Gebühr von 15 Pf. von der dortigen Polizei ausgehändigt erhalten.— — E i s e n b a h» u„ f ä l l e. Am 13. Juli sind vo» dem Miltagsschvellzug Crailsheini-Nürnberg am Bahnhof i» Ansbach die beiden Lokomitive» nebst Tender» entgleist. Durch die Geistes- gegenwart des Lokomotivführers wurde der Zug sofort ziiin Stehen gebracht. Verletzt wurde niemand.— An demselben Nachmittag ist insolge falscher Weichenstellnng bei Franzensbad(Böhmen) der von Tirschnitz komniende Zug der Buschtiehrader Bahn auf eine» von Asch nach Egcr fahreuden Zug der bayerischen Staatsbah» auf- gefahren. Sieben Personen sind leicht verletzt. Zwei Lokomotiven und drei Waggons sind beschädigt.— — In München ist der Laryngologe und Universitätsprofessor Dr. Max Josef Oerrel gestorben. Er war Erfinder der Oerlel- oder Terrain-Kur, einer Methode, die hanplsächlich darin besteht, das erniattende Herz durch vorsichtig begonnene, stufenweise zu- liehmende körperliche Anstrengungen, insbessudere methodisches Steigen, wieder zu kräftige». In Deutschland und Oesterreich ist eine ganze Reihe Kurorte als Terrain-Kurorte eingerichtet worden.— Ii. In der Soiiiitagsschnle zu LiebS th al in Bayern erschien dieser Tage eine blutjunge Ehefrau, um ihrer Sountagsschulpflicht zu genüge».— — Aus Eisersucht tödtete in N u d o l f s h e i in(Wien) ein Anstreicher seine von ihm getrennt lebende Frau; hierauf erschoß er sich selbst.— — In D a I m a t i e n hat in der letzten Zeit die Hitze derart ziigenomme», daß mehrere Mensche» und viele Hausthiere am Hitz- schlag zu gründe gegange» sind. Auf dem Hochlande vo» Jmoielie sind während eines Manövers sünf Manu tobt zusamiiieitgebrochen, zwanzig Mann erkrankten am Sonnenstich.— — Aus Furcht, ihre Stimme zu verlieren, hat sich in R o m eine Chaufonnettensängeriii vergiftet.— — Rom, 18. Juli. Das meteorologische Zentralburean meldet ein heftiges, vo» sehr starker Eruption des BnlkanS begleitetes Erd- beben ans S t r o m b o l i am gestrigen Tage.— — In St. Michel bei Orielle in Savoyen ist am 18. Juli eine Gassabrik infolge Röhrenbruchs explodirt, wodurch das Waffer mit einer großen Menge Carbit in Berührung kam. Die Fabrik ist gänzlich zerstört. Dem größten Theile der Arbeiter ist es ge- lunge», zu flüchten; vier jedoch verloren bei der Katastrophe ihr Leben.— — TarbeS, 18. Juli. Der Einsturz der von den Pionieren erbauten eisernen Bahnbrücke über den Adonr war bei der zweiten Belastungsprobe erfolgt, nachdem bereits ein leerer Personenzug die Brücke aiistandslos passirt hatte. Die Zahl der bei dem Einsturz Berwliiidetcn belänft sich, wie niliimehr sestgestellt ist, auf elf; von denselben erlitten mehrere lebensgefährliche Verletzungen. Unter den Verwundete» befinden sich der Chesingenieur Hansser und mehrere Offiziere des Geniekorps.— — T h e n r e Zigarren. Für die Königin von England werden tausend der feinsten Havana-Zigarren besonders angefertigt. Sie werden in versiegelten Glasröhren nach Windsor geschickt und koste» 1 Dollar(über 4 M.) das Stück.— Diese Zigarren werden z» Geschenkzwecken verwendet.—__ Berantworllicher Redakteur; August Jacobcy in Berlin. Druck und Verlag von Max Babing in Berlin.