Mnterhaltungsblatt des Worwärts Nr. 141. Mittwoch, den 21. Juli. 1897. 23] Cvsavine. (Nachdruck oerBoten.) Von Jean Richepin. Uebersetzt von H. L. Das schlimmste war, daß selbst der Vater Heurtault, trotz seines immer sehr lebhaften Enthusiasmus für die Kleine, sie in moralischer Hinsicht nicht übermäßig zu schätzen schien. Ich hatte die Bekanntschaft mit ihm erneuert und ihn mehrere Male zum Diner eingeladen. Wenn da der Wein seine Zunge gelöst hatte, verbreitete er sich in vertraulichen Mittheilungen so viel ich ihrer haben wollte. Nicht daß er schlecht von ihr gesprochen hätte, gewiß nicht! Er sparte nicht an Lobes- erhebungcn in bezug auf ihr mathematisches Genie, und selbst auf ihren einnehmenden weiblichen Zauber; er fand gar nicht genug Worte, wie rasend erhob er seine zu kurzen Arme; und er ging sogar so weit, sein Käppchen abzunehmen und mich seinen samoscn Schädel bewundern zu lassen. Aber wenn es sich darum handelte, bestimmt aus- zusagen, ob Cesarine ein anständiges Mädchen sei oder nicht, hatte er eine Art, den Dingen ein besonderes Gesicht zu geben, eine so absolute Glcichgiltigkeit, daß mir dies als ein schlimmerer Vorwurf, als eine förmliche Anklage erschien. Er spielte dabei nachlässig mit seinem Barte und ließ Worte wie die folgenden fallen: „Oh, wissen Sie, um diese Fragen schere ich mich wenig. Das hat gar keine besondere Wichtigkeit. Sehen Sie! Pascal hätte ein Dieb und Newton ein Mörder sein können, was hätte das mir geschadet. Hatten sie Genie? Da liegt der Hase im Pfeffer. Nun wohl! Bei der nicht minder, mehr ver- lauge ich nicht." „Verzeihung," wandte ich ein,„Sie können doch selbst nicht umhin, Cesarine als ein Weib zu betrachten, da Sie sich ihrem Zauber hingeben, da ihre Stimme Sie entzückt." „Ohne Zweifel," erwiderte er, aber das ist für mich nur eine Grazie, mit der ihr Genie geschmückt ist, ich genieße das, wie einen besonderen Reiz, den sie der Mathematik hinzu- gefügt. Und wenn andere ebenso davon ergriffen werden wie ich, so finde ich das ganz natürlich." „Aber wenn andere soweit davon ergriffen werden, daß sie sich in das Weib verlieben?" „Nun, das ist ihre Sache." „Und wenn das Weib ihre Liebe physisch erwidert?" „Nun, das ist ihre Sache." „Aber glauben Sie, daß das bei Cesarine der Fall ist? „Ich weiß davon nichts. Und kurz und gut, ich schere mich darum wenig." Einmal rief er sogar ganz erhitzt aus: „Wofern ihr Genie dessen bedarf, was möglich ist, so schere ich mich mehr darum, ich billige es dann. Ich habe bisher niemals über diesen Punkt nachgedacht. Sie bringen mich erst darauf. Es ist dennoch wahr! Sie begreifen nicht, was ich Ihnen sagen will. Nichts einfacher als das. Man hat oft ein Laster nöthig, um arbeiten zu können, nicht wahr? So der General zum Beispiel! Er besäuft sich. Gut! Tadeln Sie ihn darum? Um nichts in der Welt. Denn gerade wenn er besoffen ist, dann dringt er mit wunderbarer Klarheit in die Probleme der n-dimcnsionalen Geometrie ein. Nun, viel- leicht hat Cesarine auch ihre Leidenschaft. Und dann..." Ich gestehe, daß ich ebenfalls noch nicht die Dinge unter diesem Gesichtspunkte angesehen hatte. Aber ich fand mich damit nicht so leicht ab, wie der Vater Heurtault. Denn in Wahrheit konnte ich zum Beispiel nichts von Leidenschaft in dem Ver- hältuiß von Cesarine zu Bochard erblicken. Und ich genirte mich nicht, es auszusprechen. „Das ist in der That eine andere Jacke," erwiderte Heurtault. Ich erwartete eine entrüstete Acußerung. Aber weit gefehlt. „Vorausgesetzt, daß dies zutrifft," erwiderte er,„so ist das Hingebung, eine wunderbare Hingebung. Hingebung für die Bibliothek. Ich sage Ihnen, sie enthält wahre Schätze. Aber ohne Bochard würden diese Schätze längst nicht mehr existiren. Er hauptsächlich subventionirt das Literarische Kabinet. Wenn er dann als Entgelt für seine pekuniäre Hilfe etwas anderes verlangt, so ist er sicherlich im Unrecht. Er benimmt sich wie ein Bube. Nur darf man daraus Cesarinen keinen Vorwurf machen. Sie ist erhaben, wahrhaft erhaben in ihrer Ausopferung für die Wissenschaft. Sehen Sie einmal die Sache von meinem Ge- sichtspunkte aus an. Der gute Mann hatte entschieden ganz sonderbare Gesichts- punkte und die Bewunderung, die er Cesarinen als Mathe- matikerin entgegenbringt, machte ihn allzu nachsichtig gegen sie als Weib. Aber ich hätte mich noch so weit fortreißen lassen, ihm zuzustimmen, wenn es sich nicht um ein Weib handelte, das mein Freund zu dem seinen machen wollte. Ich konnte diesen Gesichtspunkt nicht über- sehen, der von Heurtault völlig außer acht gelassen wurde, und so lenkte ich denn seine Aufmerksamkeit darauf. „Endlich," sagte ich,„denken Sie nicht daran, daß Roncieux sie heirathen will." „Er verdient sie," erwiderte mir Heurtault einfach. Ich hatte zuerst geglaubt, daß das eine Ironie wäre, und daß der ehemalige„Bräutigam Cesarinen's" so aus Gifcrsncht oder Rachegcsühl spräche. Aber ich mußte sogleich einsehen, daß er das ganz aufrichtig und ohne böse Neben- gedanken ausgesprochen hatte, denn er fügte hinzu: „Er ist ein Mensch allerersten Ranges, der noch, denken Sie daran, was ich Ihnen sage, in der Mathematik gezählt werden wird. Zusammen werden die beiden ein einziges, ein erhabenes Paar bilden. Der Vater Heurtault fand alles erhaben. Und niemals hatte ich ihn so oft sein Käppchen abnehmen sehen; waS offenbar seine Art, sich in die Haare zu fahren, ist. Ich schämte mich, auf einen solchen Enthusiasmus das Sturzbad meiner kleinbürgerlichen Einwendungen auszugießen; ja positiv kleinbürgerlich wie Gavarot gesagt haben würde. Trotz- dem hatte ich den Muth dazu und entgegnete: „So erhaben wie Sie nur irgend wollen! Es bleibt darum doch nicht minder wahr, daß Cesarine die Maitresse dieses und jenes, Bochard's und"— das Wort des Kapitäns fiel mir wieder ein—„eines HaufenS anderer gewesen ist..." „Nun und?" unterbrach mich Heurtault, indem er seine Brille aufhob, um mich mit den Blicken jemandes anzusehen, der nicht recht versteht. „Nun, das ist eine Frau, die man nicht heirathet." „Und ihr Genie?!" schrie Heurtault, indem er auf- sprang. Ich schrie ebenfalls, und hatte mich ebenso erhoben: „Und das übrige?" „Pah! das übrige!" rief Heurtault durch seinen Bart, den er bis über das Gesicht in die Höhe gezogen hatte.„Das übrige. Ich hoffe, daß Roncieux nicht Ihre Vorurtheile theilt, und daß er so denkt wie ich. Um das übrige schert er sich den Henker." Etwas anderes hatte ich aus ihm nicht herauszulocken vermocht und die ganze Situation, in der sich Paul und Cesarine befanden, blieb mir nicht weniger unklar. Meine Rathlosigkeit hatte noch zugenommen. Die Neugier durchwühlte mich. Und so war ich auch noch öfter nach der kleinen Kneipe in der Rue Cajas gegangen. Aber das Glück begünstigte mich nicht so wie das erste Mal. Ich war des Abends dort gewesen und des Nachmittags, ohne zu dem einen Zeitpunkt mehr Glück zu haben als zu dem anderen. Es kam fast niemand mehr dahin. Gelegentliche Gäste, sowie ich und sehr selten jemand anders. Von allen Stammgästen war nur der Krämer mit dem Mardergesicht seinen beiden kleinen täglichen Tassen treu geblieben. Der Wirth, Louis, las an seinem Zahltische wüthend die Zeitungen, von Zeit zn Zeit erhob«r sich, nahm auf der Bank neben seineni Gaste Platz und ließ sich mit ihm in wilde Diskussionen ein. Wild, aber mit leiser Stimme gesprochen. Er mißtraute offenbar den Fremde», die alle vier Winkel des leeren Saales zn durchspüren schienen. Der Krämer war noch mißtrauischer und antwortete kaum auf das leidenschaftliche Geflüster des Wirthes, der gewöhnlich die Diskussion, bei der er allein gesprochen hatte, mit den laut gesprochenen Worten endete: „Kurzum, Herr Jougnin, das ist auch wohl Ihre Meinung, die ich da zusammengefaßt habe, nicht wahr?" Er hatte immer noch zur großen Verzweiflung des Krämers die Leidenschaft, das Gesagte zusammenzufassen, zur Verzweif- hing des Krämers, der auf alles einging, um ihn loszuiverden und der mir sofort ins Ohr flüsterte: „Das ist meine Meinung, ohne es doch zu sein, wissen Sie. Ich, ich wünsche niemandem Uebles. Weuu's nach mir ginge, könnte jeder nach seiner Idee denken und Handel», voraus- gesetzt, daß mau mich in Ruhe läßt." Ich fragte ihn, was aus den anderen Stammgästen ge- worden sei, die vor vierzehn Tagen noch dagewesen waren. „Oh!" sagte er mir, indem er nach rechts und links un- ruhige Blicke warf, als ob die Abwesenden es hätten hören können,„oh! das sind alles Hasenfüße! Vier haben sich nach der Provinz dünne gemacht. Die übrigen wagen nicht, ans dem Hanse zu gehen. Alles Hasenfüße!" „Wie, auch der dicke frisirte Herr?" „Herr Grouvet? Oh, doch! Er hat sich gezeigt. Er scheint ei» Tollkops zu sein. Bei einer Manifestation der Frei- maurer. Ich weiß meiner Treu nicht, ob dafür oder dagegen. Er hat sich nicht genauer darüber ausgelassen. Aber sicher ist, daß er ein blutunterlaufenes Auge hat. Und seitdem gestattet ihm seine Frau nicht mehr, seinen Fuß zum Hause hinaus- zusetzen." „Und gehorcht er seiner Frau?" „Das will ich wohl meinen." Ich konnte mich nicht enthalten, Herrn Jongnin mein Kompliment über seinen MutH zu machen. „Alle Achtung, Sie sind kein Hasenfuß!" Er nahm eine bescheidene Miene an; dann sagte er mit kurz abgebrochenen Worten: „Sie verstehen. Ich kenne mich in der Revolution ans. Ich habe schon die von 48 gesehen. Das wird dieselbe Sache fein. Man muß nur seinen Weg als ordentlicher Mensch verfolgen und nichts an seinen Gewohnheiten ändern, und wenn dann der Besen fegt, schließt man sich in seinem Hanse ein. Denn das endet immer auf dieselbe Weise. Auch diejenigen haben Unrecht, die ihre Galle in die Höhe steigen lassen. Man muß das wie ein Gewitter im Sommer nehmen. Das ist alles." Und ich bewunderte den unbewußten Heroismus, der ein Ausfluß seiner egoistischen Philosophie war. „Und der Schneider Augyal?" fragte ich.„Was macht der?" „Das ist ein Narr. Ter steht auf Vorposten." In diesem Augenblick kam der Wirth und setzte sich neben uns. Er hatte unsere letzten Worte vernommen. „Ja," fügte er hinzu,„er ist auf Vorposten und im besten Zuge Monarchen zu massakriren." Er versuchte, sich eine spöttische Miene zu geben. „Spotten Sie nicht über die braune Spindel", sagte Jongnin.„Leute seines Schlages, das ist gewiß, machen die Revolutionen furchtbar. Aber man hat nach allem kein Recht, sie von der lächerlichen Seite zu nehmen. Die lasten sich ruhig todtschlagen, diese Kettenhunde. Passen Sie auf. Im Jahre 48 sah ich einen Polen..." „Da haben wir es ja", unterbrach ihn der Wirth,„ein Pole! Immer diese Ausländer! Sie sind an allem schuld, diese Ausländer! Ein Haufen Kanaillen." (Fortsetzung folgt.) lNachdruil verboten.) JTallobPt. Von Paul Grimm. Dem Gartenbesitzer macht es keine geringe Sorge, wenn er Frucht an Frncht, noch ehe sie reif geworden, von Ast und Zweig hernieder fallen sieht. Er hatte seine Lieblinge so sorgsam gehegt. Wider die unholden Nachtfröste schützte er sie. so gut er eben lonnle. Die Zweige stützte er, an denen sie im goldenen Strahlenuetz der Coimnersonne ihrer Neife zustrebten. Nun muß er sie, noch bevor sie dieser theilhaftig geworden, vom Boden auflesen. Ter leiseste Windhauch oder ein Regen mit etwas schwere» Tropfen hat das Band gelockert, das sie bisher am Baume festgehalten. Freilich wird er sich in den meisten Fälle» die Schuld an solchem Verlust selber zusprechen müssen. Gewiß, wider den Sturm, der die Neste zerzaust, oder den Hagelschlag, der sie mit seinen Geschossen bombardirt. vermag er sie nicht zu schützen. Daun ist oftmals der Erdbodew wie besät mit unreife» Früchten und die Hoffnung auf eine ergiebige Ernte geradezu zerstört. Aber wenn der Wurm seine Gänge in das Fleisch bohren konnte, so ist das für den Gartenbesitzer nur die Mahnung, im nächsten Jahre sorgfältiger Acht zu geben, damit nicht die so mannigfachen vegetationsschäd- lichen Lebewesen wiederum ihr Unwesen treiben können. Man schlägt oft die Hände zusammen, wenn man sieht, daß vollständige Raupen- nester an den Zweigen kleben. Man macht Jagd auf sie und schneidet ganze Neste ab. Und doch wäre all das nicht»öthiq gewesen, wenn man bei Zeiten die Vorsichtsmaßregeln getroffen, die von der gärtnerische» Kmist_ für solche Fälle längst angerathen wurden und sich so vortrefflich bewähre». Wer im Herbst und spätestens im Frühling die Bäume gründlich von jenen schädlichen Larven und Insekten frei hält, der braucht auch nicht sonderlich Furcht zu hegen, daß er statt reifer Früchte eitel Fallobst ernten wird. Nichtsdestoweniger besitzt auch dieses seinen Werth, und wofern die Hausfrau nur ein wenig umsichtig ist, wird sie immer im stände sein, Nutzen daraus zu schlagen. Es können sogar Fälle eintreten, die es nöthig machen, die Früchte vom Baume zu nehmen, noch bevor diese ihre vollständige Reife erlangt haben. Wenn nämlich die Früchte gar zu gedrängt wachsen, ist es geradezu eine Roth- wendigkeit, einige davon zu entfernen, damit die zurückbleibenden um so besser gedeihen. Denn einer der elementarsten Grnnd- sähe der Obstbaukuude lautet: man soll jedem Baum nur so viel Früchte lassen, als feiner Kraft angemessen scheinen. Trotz der einleuchtenden Einfachheit dieser Regel wird nur allzu viel dagegen gesündigt. Wenn die Früchte sich so dicht zusammendrängen, daß sie kaum von den Sonnenstrahlen ge- troffen werden, können sie vor allem niemals eine wirkliche, voll- ständige Reife erlangen. Es ist eben Schattenobst, dem Wohlgeschmack und Würze fehlen. Man entferne nun einige, so daß die Sonne die zurückbleibenden umspielen kann, und diese werden nicht nur schmack- hafter, sondern auch größer werden. Mancher Obstwirth glaubt aber wunder was erreicht zu haben, wenn seine Bäume unter der Last ihrer Früchte schier zusammenbrechen. Abgesehen davon, daß sie dann die eben gerügten Mißstände aufweisen, erschöpft auch der Baum selber alle die Kräfte, über die er zu verfügen hat. Da wundert man sich dann, daß er im nächsten Jahre eine nur geringe Ernte abwirft oder ganz und gar versagt. Hätte man sich jedoch entschlossen, einen Theil der Früchte im halbreifen Zustande zu entfernen, so wäre ein solcher Aussall nicht eingetreten. Was heißt denn aber eigentlich reif beim Obst? Auch darüber sind die meisten so gut wie gar nicht unterrichtet, und selbst mancher Gartenbesitzer darf sich eine kleine Unterweisung wohl gefallen lassen. Vor allem muß man in dieser Hinsicht einen Unterschied machen zwischen Sommer- und Hcrbstobst einerseits und Winterobst ander- seits. Das elftere schmeckt immer am besten, wenn es am Baum selber die Reife erlangt hat. Der Großstädter freilich wird dieses Genusses nur in ziemlich seltenen Fällen theilhaftig werden. Obst, das transportirt werden muß, pflegt fast immer i» unreifem oder, um mich richtiger auszudrücken, in noch nicht völlig gereistem Zu- stände gepflückt zu werden. Darum schmeckt das in den Handel ge- brachte Obst oftmals so fade und charakterlos. Die Aprikose mundet nur, wenn sie direkt vom Spalier auf de» Tisch kommt. Allein sie ist so zart und empfindlich, daß sie kaum transportirt werden kann, wenn sie erst die Reife, also das völlige Produkt von Wohl- geschmack und Aroma, schon erlangt hat. Anders da? Winterobst. Es erzielt feine Reife stets erst, nachdem es eine Zeit lang gelagert hat und der mnsichlige Gartenbesitzer muß darum ans der Praxis heraus wissen, wann er dieses am besten abzuernten hat. Ueberhanpt ist die eigene Erfahrung ein Rathgeber, dem man immer und aller- orte» Gehör verftatten soll. Wer Früchte, selbst die erst auf dem Lager nachreifenden, gar zu frühzeitig vom Baum nimmt, geivinnr stets wenig anderes als Fallobst. Es läßt sich ebenso wenig für den unmittelbaren Genuß verwenden wie für die Obstmostbereiiung. Schon nach wenigen Tagen stellt sich Heraiis, daß es geschmack- los, unansehnlich und runzelig ist. Man thut dann am besten, wenn man es sofort in die Küche wandern läßt, bevor noch die wenigen guten Eigenschaften, die es zu de- wahren vermochte, verloren gegangen sind. Die Hausfrau muß dann wieder gut machen, was der Obstwirth gesündigt hat. Glücklicherweise versieht sie, wenn sie irgend ein wenig Umsicht be- sitzt, aus dem Fallobst einen so mannigfachen Nutzen für die Wirth- fchast herauszuschlagen, daß der Schaden nicht gar zu bedeutend sein dürfte. Nur daß doch der eigentliche Zweck verfehlt ist und man keine wirklich gereiften Früchte einerntet. Denn Fallobst bleibt immer Fallobst— ob es nun freiwillig von Ast und Zweig her- nieder gleitet oder durch eine unkundige, ungeschickte Hand dazu ver- anlaßt wird. Sein Hauptwerth besteht in dem Vorrath an Säure und a» aro- malischen Stoffe», von denen besonders der crstcre sehr bedeutend ist. Kompott aus Fallobst mundet deshalb meistens um vieles besser als solches ans gereisie» Früchte», die sich mitnnter für eine solche Ver- werthung überhaupt nicht eignen. Es sei nur darauf hingewiesen, wie begehrt das Kompott ans unreifen Stachelbeeren ist, während sich die auch nur annähernd gerefften hierzu ganz und gar nicht eignen. Allerdings muß stets eine ziemlich bedeutende Menge Zucker hinzukommen; dann erhält man aber auch ein Kompott, wie es schmackhafter und zugleich gesünder nicht gewünscht werden kann. Ein vorzügliches Gelee geben insbesondere die Falläpfel. Man schneidet diese und kocht sie nnter ganz geringem Wasserzusatz so weich, daß sie schon mit einem Strohhalm durchstochen werden können. Darauf thnt man sie in ei» Tuch und preßt sie aus. Den so gewonnenen Saft mischt man mit Zucker, etwa Löll Gramm auf den Liter, und kocht ihn bei fleißigem Abschäumen so lange, bis Tropfen, die aus einen Teller fallen, sich ohne jeden Rückstand ab- heben lassen. Manche Hausfrau giebt während dcS Kochens»och Schlemmkreide hinzu. Dadurch bringt man nämlich zuwege, daß das Gelee ein vollständiges klares Aussehen gewinnt. Auf einen Liter.Saft shat man dann ungefähr einen Löffel Schleinmkreide z» rechnen. Diese legt sich sofort als dichter Schaum auf die Oberfläche und ist sorgfältig fortzuschöpfen. Das Gelee selber wird, noch warm, in Gläser gefüllt, luftdicht verschlossen und an einem kühlen Orte aufbewahrt. Eine weitere Verwerthung des Fallobstes besteht darin, daß man Essig daraus herstellt. Zu diesem Zwecke werden die Früchte zerquetscht und in ein Faß gethan. Hierzu giebt man so viel Waffer, daß dieses, wenn man den Inhalt mit einem Faßbode» bedeckt und dann mit Steinen beschwert, die Früchte»och ganz genau bedeckt. Das Faß selber wird an eine warme Stelle gebracht, damit die Früchte in Gährung übergehen. Nach einiger Zeit preßt man den Saft ab und gießt ihn auf ein reines ungeschwefeltes Faß. Auch dies soll an warmer, mindestens aber frostfreier Stelle seine» Standort haben und stels spundvoll gehalten werde», indem man beständig starken Essig hinzugießt. Um den Inhalt frei von jeder Unsauberkeit zn bewahren, legt man auf die Oeffnung ei» Brett- stück, das mit zwei Nägeln leicht angeheftet wird. Dies Verfahren wird etwa ein halbes Jahr innegehalten, bis die Essiggährnng vorüber ist. also ans dein Fasse keinerlei Geräusch mehr tönt. Will man ihn klären, so geschieht das auf sehr einfache Weise, indem man gepulvertes Knochenmehl, einen Eßlöffel auf den Liter, zu der Flüssig- keit mischt. Nach tüchtigem Verrühren der Zuthat läßt man den Essig eine Weile stehen, bis sich die Kohle an den Boden gesetzt hat. Dann soll die Flüssigkeit durch einen einfachen Filter laufen, und man hat einen vorzüglichen Essig gewonnen. Jede Obstsorte eignet sich hierzu, selbst Schalen und ähnliche Abfälle. Will man jedoch seinem Essig ein besonders angenehmes Aroma verschaffen, so gebe man einige Himbeeren oder Brombeeren zu der Masse. Gerade der Essig ist die schwache Seite in manchem Haushalte. Man mißt ihm leider meist nicht den Werth bei, den er eigentlich mit gutem Recht beanspruchen darf. Durch die Benutzung von Fallobst würde somit die Hausfrau eine Handhabe besitzen, wie sie ihn sich ohne jede Kosten und mit nur ganz geringem Aufwand von Mühe ver- schaffen kann.—_ Dileinos �enillrton — Die Geschichte einer Republik iu der Mandschurei. Im Jahre 1883 entdeckte ein kleiner russischer Goldindustrieller in der nördlichen Mandschurei nicht weit von der russische» Grenze in dem Thale der Shelluga reiche Goldadern. Er gewann einen Ingenieur Lebedkin. welcher mit einer größeren Partie Arbeiter nach allen Regeln der Technik eine reguläre Goldausbeutung organi- sirle. Aber der Ingenieur fiel bald der Trunksucht völlig anHeim. wurde sterbend über die russische Grenze zurückgebracht, und die Arbeiter blieben sich selbst überlassen und begannen sür eigene Rechnung zu arbeiten. Das Gerücht von dem neue», reichen Gold- lande durchflog mit der Schnelligkeit des Blitzes das ganze Amur- gebiet und Trausbaikalicn, und tausende von Mensche»»lachten sich auf den Weg, um nach Glück und Reichthum zn suchen. Darunter befanden sich einfache russische Arbeiter, flüchtig gewordene Zwangssträflinge, von denen die Wälder Sibiriens wimmeln, Abenteurer ans aller Herren Ländern und ans allen Schichten der Gesellschaft: Amerikaner, Deutsche, Franzosen, Engländer u. s. iv. Im Frühjahr 1885 waren in dem Goldlande schon an 12 000 Europäer und mehr als SOO Chinesen in eifriger Thätigkeit. Wer ein paar Bände Gcrstäcker gelesen hat, kann sich ohne viel Phantasie auS- malen, wie es in der lllepublik am Sheltuga-Flnsse herging, von deren Existenz die chinesischen Behörden keine Ahnung zn haben schienen und die dem russischen Szepter durch die Grenzpfähle ent- rückt war. Die Gier nach Gold beherrschte alles, Raub und Mord waren an der Tagesordnung. Im Laufe der Jahre wurde es. aber beffer. Händler zogen herzu,>»» die Goldsucher mit den Bedürf- uiffen der Zivilisation: Schnaps, Thee, Zucker u. s. w. zu beglücken, Bergnügungsetablisfements tbate» sich auf, um das viele Geld, das so leicht gefunden wurde, besser zirknliren zu machen, und die Gold- sucher selbst wurde» der vielen Verbrechen müde, die unter ihnen passirten. und empfanden ein gewisses Bedürfniß nach Ruhe und Ordnung. Sie wählten schließlich ans ihrer Mitte einen Mann, der sich durch Energie, Ehrlichkeit und praktisches Organisationstalent aus- zeichnete, und machten ihn zn ihrem Gemeindeältesien. Auf deffen Initiative wurde die Gemeinde in 5 Distrikte eingetheilt, jeder mit einem Aeltesien an der Spitze. Die Distrikts-Aelteste» erhielten die Befngniß, Strafen bis zu 100 Knutenhiebeii zu verhängen, die zweite Instanz für die schwereren Verbrechen bildete der Gemeindeälteste und bei Ausnahmeverbrechen wurde eine Versammlung der Gold- sucher zur Aburtheilung einberufen. DaZ zur Richtschnur für Alle ausgearbeitete Gesetzbuch war äußerst strenge. Ein Mörder wurde nach dem Gesetze Mosis behandelt: Auge um Auge, Zahn um Zahn. Für Diebstahl gab es üOO Hiebe mit einer mit scharfe» Nägeln versehenen Knute(eine immer tödtliche Prozedur), für das Tragen von Waffen in betrunkenem Zustande, für Schießen im Gebiet von Sheltugn ohne zwingende Gründe gleichfalls 500 Knutenhiebe. Das Zuführen von Weibern in den Goldrapo» wurde mit 400 Stockhiebe» bestraft, 200 Stockhiebe standen auf nächtlichen Lärm und 100 auf öffentlicher Trunkenheit u. f. w. Außerdem wurde jeder, der einer Strafe an- Heiingefallen war und dieselbe lebend überstanden hatte, aus Sheltuga für immer ausgewiesen und erhielt an der Grenze der Republick noch 100 Stockhiebe, damit er das Wiederkommen vergäße. Der neue Chef der Republik entsprach den auf ihn gesetzten Erwartungen vollkommen. Am ersten Tage seines Regierungsantrittes ließ er 30 der ärgsten Uebelthäter hängen, zwei ganze Wochen hindurch wüthete die Knute unaufhörlich, um die anderen zahllosen Straf- urtheile zur Ausführung zu bringen, aber dann gab es auch muster- hafte Ruhe und Ordnung. Diejenigen Goldsucher, welche die Er- kenntniß in sich fühlten, daß sie für gesetzmäßig geordnete Zustände nicht geschaffen wären, verließen voll Schrecken Sheltuga. So weit wäre nun alles ganz gut und schön gewesen, aber der russischen Regierung begann die Existenz der Sheltuga-Regierung allmälig doch sehr unbequem zn werden. Aus Tschita, Nertschinsk und den anderen Grenzorten liefen die Arbeiter fort, um»ach dem neuen Eldorado zu gehen; die russische Goldgewinnung gerieth ganz ins Stocken, und so wurden mit der chinesischen Regierung langwierige Unterhandlungen angeknüpft, um die russischen Unterthancn aus der „Republik" auszuweisen. Der„Sohn des Himmels" willigte endlich ein, der Existenz der Republik ein Ende zu machen; es wurde gegen dieselbe eine Abtheilung von 200 Reiter, 1000 Mann Infanterie und 2 Feldgeschützen ansgesandt. Die Goldsucher wollten gutwillig nicht gehen, und so entspann sich ein wilder, hartnäckiger Kampf, in welchem die„Republikaner" fast völlig vernichtet wurden. Nur 27 Russe» ist es gelungen, unversehrt die Grenze zu erreichen. Eine Abtheilnng von 500 Mann ist auf der Trümmerstätte zurückgeblieben, um neuen Zuzug abzuwehren.— Theater. —„ B a r t e l T n r a s e r", ein ans dem Arbeiterlebe» ge- schöpftes Drama von Philipp L a n g m a n n, wird im Oktober am Lessing-Thealer zur ersten Aufführung gelangen. Auch die„ F r e i e V o l k s b ü h n e" will, wie wir hören, das Stück ihren Mitgliedern vorführen.— — Das W i e u e r V u r g- T h e a t e r, das gegenwärtig im Innern umgebaut wird, erhält als erstes vor allen Wiener Theatern ein verdecktes Orchester.— Musik. — In Bayreuth haben am Montag die diesjährigen Bühnenfestspiele mit dem„Parsifal" begonnen. Das Haus war ausvcrkanst, Anton Seid! dirigirte.— Erziehung und Unterricht. d. Die volksthümlichen Universitätskurse, die in Wien seit dem Winter 1893/98 abgehalten werden, haben nach dem soeben erschienenen Bericht des Ausschusses auch im vergangenen Winter, dem zweiten ihres Bestehens, eine bedeutende Anziehungskraft auf das Publikum ausgeübt. Die Besucherzahl für 58 Vortragskurse ist von 8172 im Vorjahre auf 7182 im Berichtsjahre gestiegen, wozu noch ein auf Wunsch des katholischen Gesellenvereins in Baden bei Wien gehaltener Kursus mit 152 und ein Elementarkursus für die lateinische" Sprache mit bedentend erhöhtem Honorare mit 151 Hörern kam. Die Vortragenden ivaren fämmtlich mit den Ersolgen und dem Publikum ganz außerordentlich zufrieden und heben mehrfach rühmend hervor, daß niemand sich ein aufmerksameres und verständnißvolleres Auditorium wünschen könne. Leider besteht eine erhebliche Abneigung bei dem Publikum, statistische Angaben in bezug auf Aller, Beruf, Vor- bildung zu machen, so daß der Versuch, eine Statistik hierüber aus- zunehmen, durchaus mißlungen ist. Arbeitervereinigungen wurden Eintrittskarten zu halbem Preise zur Verfügung gestellt; davon wurden 1907 abgenommen, so daß mehr als ein Viertel der Besucher organisirte Arbeiter ivaren.— Während man in Oesterreich daran denkt, diese Kurse weiter auszudehnen und auch in Provinzstädten ohne Universität einzurichten, verhält sich die Berliner Universität gegen den Gedanken, die Volksbildung auszubreiten, bekanntlich ablehnend; wir glauben auch nicht, daß wir i» absehbarer Zeit materielle Unter- stützung seitens der Staatsbehörden für diese» Zweck erreichen werden. Den ostelbischen Junkern bietet ja unsere Volksschule schon zu viel, und vorläufig regieren diese in Preußeu-Deutschland.— Aus der Vorzeit. — Eine ausgedehnte vorgeschichtliche Wohn» statte ist in der Nähe von Baden bei Wien aufgefunden worden. Sie erstreckt sich über eine» Umkreis von acht Kilometern. Die ver- hältnißmäßig zahlreichen Funde, unter denen die Steinwaffen und Werkzeuge besonders durch ihr schönes und werthvolles Material bemerkenswerth sind, und die große räumliche Ausdehnung gestatten den Schluß, daß hier die Spuren einer der größton und bedeutendsten Siedclnngen der vorgeschichtlichen Zeit in Niederöstcrreich auf- gesunde» worden sind. Außer schönen, sellencn Waffen und Werkzeugstücke» aus Jaspis. Milchopal, Carneol und ver- schiedenen farbigen Fcnersteinen fanden sich auch Fragmente von Schmuckketlen aus Bernsteinperlen, Bronzefragmente. Bein- Werkzeuge und zahlreiche Gesäßbruchstücke. Thonidole(Götzen- bilder). Reib- und Mahlsteine, sowie eine Menge von Nucleus aus Halbedcl- und Feuersteinen. Die Siedelung muß durch lange Zeiten der primitiven Kultnrentwickelung benützt worden sein, denn die Funde»mfaflen den ganzen Zeitraum von der paläolitischen Periode (ältere Steinzeit) bis zur Siömerzeir in Niederösterreich. Von den römischen Funden ist besonders ein Gennnenbrnchftück mit der Dar- stellnng eines schreitenden Mars von Interesse, da es das einzige in seiner Art ist, das bisher in Baden gefunden wurde. Bruchstücke von röiuische» Gefäße», Thonlaiupen und von Glasgefäße» sowie Münzen und Brouzetheile, darunter ein merkwürdiges Schinuckstück, wurden in größerer Anzahl gesammelt.— Aus dem Thierreiche. Iö. Ein Thier ohne Feinde ist gewiß eine große Seltenheit in der Natur; dieses bencidenSwerlhen Rufes hat sich der A m e i s e n i g e l(EcKiana. aculeata) zu erfreuen, das aller- niedrigste Säugethier, das in Nord- Australien lebt und be- sonders die bergigen Gegenden bewohnt; es hält sich nicht in Erdlöchern auf, weil diese dort in dem felsigen Boden schwer herzustellen wären, sondern in Spalten im Gestein oder zwischen Felsentrümmer». Der Ameisenigel geht des Nachts auf seine» Fang aus, am Tage schläft er in seinem Versteck, man hält ihn für ein ungeschicktes und langsames Thier, aber er kann, wenn es Nolh thut, auch höchst mobil werden. Er lebt im allgemeinen von den weißen Ameisen oder Termiten, die er mit seiner wurm- förmigen Zunge aus ihren Behausungen herauszieht. jedoch kann er auch sehr lauge Hunger ertragen. Der Zoologe Knuth Dahl hat einen Ameisenigel einmal 14 Tage lang in einen Sack gesteckt, aus dem er am Ende dieser Zeit dick und wohlgemuth wieder zum Vorschein kam. ohne daß er irgend eine Nahrung erhalten hatte. Seine Beine sind mit starken Grabkrallen versehen, mit denen er de» Ameisen nachgräbt, und der Leib ist auf der Oberseite mit dichten Stacheln besetzt. Wenn er eine Gefahr vermnthet, so rollt er sich wie ei» Ige! zusammen und ist auf diese Weise für jedes Thier un- nahbar. Seine einzigen Feinde sind die Menschen, denn die Eingeborenen essen sein Fleisch. Im übrigen wisse» diese von dem Leben des Thieres so gut wie garnichts, und wenn man ihnen sagt, daß der Ameisenigel Eier lege, so lache» sie einen aus. Die Nach- stellungen durch den Menschen haben es dann allerdings fertig be- komme», den Ameisenigel, der im Thierreiche keine Feinde besitzt, aus manchen Gegenden fast völlig zu vertreiben.— Medizinisches. — Die Berichte der deutschen Pe st kom Mission werden in der„Verl. Corr." inhaltsweise wiedergegeben. Wir ent- nehmen den Ausführungen folgendes:„Die Ermittelungen der Kom- Mission ergaben, daß der Pestbazillns außerhalb des menschlichen Körpers oder des Körpers gewiffer Thiere eine bemerkenswerlhe ainfälligkeit zeigt. Reinkulturen von Pestbazillen wurden durch iedehitze und Sublimat sofort, durch Mineralsäuren binnen fünf, durch Karbolsäure binnen zehn Minuten, durch Kalkmilch und auch durch Sonnenlicht binnen einer Stunde getödtet. Bazillenhaltiges Material zeigte, aufbewahrt, eine Lebensdauer der Bazillen von längstens acht bis zehn Tage»; in Leitungswasser starben dieselben »ach drei Tagen. Es erwies sich, daß die Pestbazillen ohne Zutritt des atmospärischen Sauerstoffs nicht zu wachsen ver- mögen. Thierversuche ergaben, daß stark mit Pestbazillen künstlich infizirte Tauben, Hühner, Gänse und Schweine gar nicht reagirten, während sich Schafe und Ziegen empfindlicher er- wiesen, Kühe mit hohem Fieber und starken örtlichen Erscheinungen, Pferde geringer reagirten. Alle Versuchsthiere genasen wieder. Im höchsten Grade empfindlich erwiesen sich Ratten, von denen festgestellt ist, daß sie die Pestkeime von Hans zu Haus verschleppen und auch aus Menschen übertragen.— Zu den Versuchen über die Fragen der künstlichen Immunität und der Verwendbarkeit eines Schutz- und Heilserums wurden ausschließlich Affen benutzt. Grane Affen erwiesen sich hochempfindlich für die Pestinfektion, braune Affe» weil weniger. Die Versuche ergaben, daß der künstlichen Jmmunisirung mit abgetödteten Kulturen, wie schon Haffkine bewies, eine mehr oder weniger hohe Schutzwirkung zukomme, sowie daß am vortheil- haftesten vollvirulente Kulturen, welche durch einstündige Behandlung mit einer Temperatur von 65 Grad abgetödtet wurden, verwendet werden. Die Immunität tritt»ach einem gewissen Zeitraum, etwa vom fünften bis siebenten Tage an«in; Versuche über die Dauer derselben aber würden Monate beanspruchen. In dieser Weise immunisirte Affen besitzen eine» hohen Grad von Immunität; sie vertragen verhältnißmäßig große Mengen von Pestkultur(etwa 2 Milligramm) ohne merkliche Krankheitserscheinungen. Zur eigenen Beurtheilung eines Serums war die Zeit zu kurz. Versuche mit Aerstneschem Serum ergaben, daß braune Affen, mit frischem, starkem Serum in der Menge von 16,5 und 3 Kubikzentimetern vorbehandelt, die Injektion von etwa 2 Milligramm Pestkultur. ohne zu er- kranken, ertrugen, während 1 Kubikzentimeter nicht mehr genügte. Bei den höher empfindlichen grauen Affen aber erwies sich das Serum als völlig wirkungslos. Die Dauer der Schutz- kraft bei den braunen Affen erstreckte sich auf höchstens acht Tage. Bei den Versuchsthiere» bewies starkes Serum auch unzweifelhafte Heilwirkungen. Die Berichte melden ferner, daß Professor Koch und ein Mitglied der Kommission am 13. Mai nach der stark von der Pest heimgesuchten portugiesischen Stadt Damaon reisten und dort beobachteten, daß die im Freien kampirenden Einwohner nur vereinzelt, die in den Häusern Zurückgebliebenen aber in unge- schwächter Zahl erkrankten. Dort ausgeführte 1400 Haffkinische Schutzimpfungen ließen unzweifelhaft eine Schutzwirkung erkennen, jedoch nur eine bedingte, da nicht wenige Geimpfte(jedoch mit auffallend mildem Verlaufe) erkrankten und an nachweislich Verantwortlicher Redakteur: Augnst Jacobe») in B 20 derselben nach der Impfung sich Pest mit tödtlichem Ausgange entwickelte.— Humoristisches. —(Sin sonderbarer W i t t m a n n. Ein deutscher Lehrer in Südbrasilien schreibt:„Die deutschen Schulkinder hier im Ur- walde stehen mit dem Hochdeutschen auf keinem besonders vertrauten Fuße. Meist wird nur der von den Eltern und Großeltern über- kommene Dialekt verstanden. Bei»nir herum gilt Moselaner-Deutsch für das einzig richtige. Neulich las ein achtjähriges Mädchen die Stelle vor, wo Abraham an stelle seines Sohnes einen Widder findet. Da ich der Kleinen hinsichtlich ihrer Kenntniß von einem Widder nicht recht traute, so fragte ich zum Scherz, wie viel Beine so ein Widder habe.„Ei zwai", sagte Mariechen ganz fix. In der ganzen Schule befand sich aus weiteres Befragen niemand, der das Wort verstand, so daß ich erklären mußte, es sei ein„Schafbock" gemeint. Nun wollte ich aber doch wiffen, warum das Mädchen so hurtig geantivortet hatte: zwei Beine.„Njo", sagte sie.„aich hau gemeint, et wär'n Witimann."— — In der Familie. Er(ärgerlich):„Aber was hat denn nur das Kind, daß es immer schreit und heult? Was hat es nur?" — Sie:„Es hat— es hat eben den Charakter seines Vaters.— Vermischtes von» Tage. — K a t t o w i h, 20. Juli. Wie die„Kattowitzer Zeitung" zu dem gestern erfolgte» Einsturz des Schornsteins aus der neuen Zink- Hütte in Rodziu meldet, sind bisher 3 Todte, davon zwei ganz ver- stümmelt, und zwei Schwerverletzte aufgefunden worden. Man ver- muthet, daß noch»»ehr Personen verunglückt sind. Wahrscheinlich ist das Unglück auf eine Explosion in der Flugstaub-Feuerungsanlage sowie der Gase, welche sich im Schornstein angesammelt halten, zurückzuführen. Die Anlage»viirde gestern zum ersten Male in Betrieb gesetzt.— — Ein feiner Mann. In B r o s l a iv i tz bei Gleiivitz sollte vor einigen Tagen eine Hochzeit stattfinden. Der Bräutigam, ein österreichischer Zollbeamter, der einen Theil der Mitgift bereits erhoben hatte, blieb aber ans, weil der zu seiner Abholung gesandte Wagen zu schäbig gewesen sei.— — Ein Apotheker i» Tilsit erhielt, wie die„Dz. Ztg." er- zählt, von einem Bewohner aus der Nähe der russischen Grenze ein eigenartiges Schreibe». Jus Orthographische aus der schwer zu ent- räthselnden Schreibart des Verfassers übertragen, hat der Brief folgenden Wortlaut:„L'eber Herr R.. Könnte ich von Ihne» solche Tropfen oder ein anderes Mittel zum Augenverblende» er- hallen, daß mich die Russe» über der Grenze nicht sehen könnten. Bekomme ich solches Mittel, dann treibe ich das Geschäft(natürlich den Schmuggel) wieder so wie früher. Lieber Herr vi. Sollte es zu bekommen sein, dann bitte mir durch diesen Mann einen kleinen Brief zu sende», was es kosten soll, und wie es gemacht wird, das darf der Mann nicht ivissen. Der Preis macht mir gar nichts. Laß es kosten, wieviel es kostet, wenn es nur zu bekommen wäre.— — Das Dienstmädchen eines Hofbesitzers bei C a l c a r hat im Verlaufe von einigen Jahren vier Kindern das Lebe» gegeben und diese in Gemeinschaft mit dem Hofbesitzer sofort nach der Geburt getödtet. Im Keller wurden die Leichen von drei Kinder» und auf dem Heuboden die des vierten Kindes gefunden. Der Hofbesitzer und die Magd wurde» verhaftet.— — Nach dem Genuß von Schierling ist in B i e l e f e l d ein sechsjähriges Kind gestorben. Ein anderes, das Goldregcnblüthe» gegessen, konnte nnter Anwendung von Gegenmaßregeln gerettet werden.— — Auf sonderbare Weife verunglückt ist in Kreuznach ein Barbier. Er zündete sich einen Zigarrenstummel an, ein Windstoß trieb die Flamme des Streichhölzchens ihm ins Gesicht, und im Nu standen der kräftige Schnurrbarl, der lang herabwallende Vollbart und das Haupthaar in Flammen. Der Kops des Mannes, der jetzt schwer verletzt darniederliegt, ist völlig kahl gebrannt.— — In Frankfurt a. M wollte am Sonntag Abend ein Fräulein in einem Luftballon aufsteigen. Ein Windstoß jedoch trieb den Ballon in die Krone einer Pappel, wo das Netzwerk hängen blieb. Das Fräulein schwebte 50 Fuß hoch an einem Ast an- geklammert über der Erde. Vier Männer erstiegen de» Baum und brachte» die Luflschifferin auf den sicheren Boden.— — Bei Garching(Oberbayern) wurde sim Wasser die Leiche einer Frauensperson— der Kleidung nach einer Arbeiterin— und eines neugeborenen Kindes gefunden, das nach ärztlichem Befunde im Moment des Todes der Mutter geboren wurde.— — In Wiener N e« st a d t sind die großen Magazine der Produktenfirma Gebrüder Meyer niedergebrannt.— — Der Gemeindekassirer Heinz, der ans R i b n i k in K r o a t i e n — nicht Rybnik, Regierungsbezirk Oppeln, wie es in der ersten Meldung hies— in Gemeinschaft mit dem Gemeindevorstand Viz- kovich nnter Mitnahme von 2000 Gulden flüchtig geworden ist, ist in Rudolfsivcrth in Kram ergriffen worden.— — In einer De Beers-Mine bei K i m b e r l e y(Südafrika) waren infolge Eindringens von Schlamin mehrere Europäer mid 50 Eingeborene verschüttet worden. Bis auf einen Europäer und einen Eingeborenen konnten alle lebend herausgebracht werde».— rli». Druck und Verlag von Max Babing in Berlin.