Anterhaltungsblatt des vorwärts Nr. 144. Sonntag, den 25. Juli. 1897. 26) Cesavinv. Bon Jean Nichepin. Ueberfetzt von H. L. (Nachdruck vsrbolen) „Nun! Die Thierchen doch zu bewachen! Ganz abgesehen davon, daß es so prächtige Kerle sind, ich habe schon lange keine so glatten Käfer gesehen. Es hätte mir in's Herz ge- schnitten, wenn ich sie hätte im Stich lassen müssen. Und es machte mir ein Vergnügen, sie auszureiten! Denken Sie, vier Thiere täglich spazieren zu reiten! Das war ein Genuß für «»ich! Und erst das Vergnügen, als man sie mir nehmen wollte! Vor vierzehn Tagen etwa. Diese Schufte wollten mich arretiren!" �„Welche Schufte?" ■'„Die Kommunards, zum Donnerwetter! Aber ich habe sie aus den Trab gebracht. Diese krummen Hunde! Sie waren nicht faul, solche Pferde zu requiriren. Aber hätten sie sich denn auch auf ihnen halten können? Sie sind noch gar nicht einmal vollständig zugeritten. Kaum daß ich sie zu bändigen vermochte, ich! Also!... Ich habe eins vor ihnen tanzen lassen, um ihnen das zu beweisen." „Und dann?" „Dann! Sie wären beinahe auf den Rücken gefallen. Potz Blitz! Und da war einer unter ihnen, der meinte, daß ich einen prächtigen Adjutanten abgeben würde. Meiner Treu ja, das hat ihr Offizier gesagt. Und dann hatte er hinzu- gefügt, indem er mich„Bürger Adjutant" nannte, daß ich lhun und lassen könnte, was ich wollte; aber daß die Kommune die Pferde für den Dienst requiriren und er sie mit mir oder ohne mich wegführen würde. Ich zog es vor, mitzugehen, da ich strengen Befehl hatte, sie nicht im Stich zu lassen. Ich sattelte eins, die anderen führte man an der Trense. Wir kamen auf dem Vendome-Platze an. Was haben sie da wohl eingefädelt, der Offizier und ein Alter, der einen rothen Shlips um den Bauch hatte? Ich scherte mich den Teufel darum. Die Hauptsache war, daß man meine vier Schätzchen in einem Stall Nummero eins unterbrachte, und daß der Alte mir sagte: die Kommune sei stolz auf meinen Anschluß an sie. Dann ließ man mich nach der Kaserne des Quai Orsay gehen, wo früher das Uniform« Magazin der Leibgardisten gewesen war. Ich habe mir eine funkelnagelneue Uniform ausgesucht. Niemand hatte sie anziehen können. Sie war zu groß. Eine sehr nette Frau hat mir die Federn an meinen Hut genäht und ich war Stabslieutenant. Vor acht Tagen haben sie mich auf einmal zum Schwadronschef ernannt, weil ich ihnen imponire, wenn ich auf einem meiner Vollblut sitze. Vorgestern hat man mir diese Fangschnüre verehrt. Nett, nicht wahr! Was mein Kleiner? Und das ist meine Geschichte. Ein glänzender Witz. Sehen Sie?" „Aber Sie Unglückseliger," sagte ich ihm,„Sie haben nicht an die Konsequenzen gedacht! Einen Rang in der Kommune anzunehmen, Sie, der Sie im Dienst stehen! Sie riskiren das Kriegsgericht." Er sah mich erstaunt an; dann lachte er laut auf. „Welche Idee!" antwortete er.„Aber ich habe Ihnen doch gesagt, daß ich das für die Pferde that." Und dann fügte er mit einer sorglosen Geste hinzu: „Wer soll übrigens wissen, wie das alles enden wird! Jetzt, wo die Republikaner sich gegenseitig auffressen, wer kann mir da sagen, ob die da unten, oder die hier gewinnen werden? Paris oder Versailles, in einer Viertelstunde kann das Unterste zu oberst stehen. Der kleine Thiers ist gerade so ein Schwätzer wie Gambetta! Wo giebt es denn einen tüchtigen Kerl? Kennen Sie einen tüchtigen Kerl? Nein, nicht wahr? Also!... Ich sehe nur eins: Zivilisten hüben, Zivilisten drüben. Das ist alles, was ich von Eurer Politik verstehe." Es strengte ihn offenbar an, so stark mit den Gedanken arbeiten zu müssen; es mußte schon lange her sein, daß er eine ähnliche geistige Anstrengung gehabt hatte; denn er rieb sich den Kopf, als ob er Schmerzen daran hätte, und sagte: „Sprechen wir von interessanteren Dingen." Ich bestand aber auf den, Thema und suchte mitleidig etwas Licht in die Finsterniß dieses dunklen Schädels zu bringen; aber ich verzichtete darauf, de*:» meine Aufmerksamkeit und meine Nengier war plötzlich durch eine Frage erregt worden: „Sie erinnern sich wohl noch an den Kapitän auf unserem verfluchten Rückzug bei der Ost-Armee?" „Ja", antwortete ich.„Was ist aus ihm geworden?" „Er ist Kapitän in der Linie. Ja, wie ich die Ehre habe, Ihnen zu sagen. Sie nehmen jetzt Offiziere, gleichgiltig woher, verstehen Sie, diese Schlafmützen. Ein einfacher Kapitän der Mobilgarde! Ich bitte Sie um alle? in der Welt! Wenn das einen nicht in Schweiß bringt! Also!" „Haben Sie ihn wiedergesehen?" „Oh, ich sah ihn während eines Monates beinahe alle Tage. Er ist bei der Brigade meines Getterals." Ich sprang auf und fast zitternd fragte ich ihn: „Er ist also in Versailles?" „Allerdings, erwiderte er ruhig. Er hat einen Rang da unten angenommen, wie ich hier. Oh! das ist ein Intrigant. Uebrigens, wenn ich davon spreche, so geschieht das nur, weil er mir einen Auftrag ausgehalst hat, und Sie können mir vielleicht helfen, mich seiner zu entledigen. Stellen Sie sich vor. daß der Kapitän am Tage meiner Abreise nach Paris, als er davon erfuhr, mich fragte, ob ich ihm wohl einen Brief besorgen wollte." 11 i „Für seinen Sohn?" fragte ich lebhaft. „Errathen. Ich konnte nicht ablehnen, nicht wahr? Dann ist er mit mir in ein Cafö hineingegangen, kritzelte das Ding da und vertraute es mir an. indem er mich bat, es selbst dem Adressaten zu übergeben. Aber Sie begreifen wohl, daß ich infolge der Umstände, zuerst, wo ich die Pferde zu besorgen hatte, als ich noch im Hotel war, und dann bei meinem Dienst als Stabsoffizier, noch keine Zeit gefunden habe, mich damit zu beschäftigen. Ich schleppte den Brief immerfort in meiner Tasche herum, weil ich auf eine Gelegenheit lauerte, ihn abzugeben. Dieser Tage habe ich nun einen Augenblick Zeit. Aber hole der Teufel! Das hatte sich in meiner Tasche so herumgewischt, daß das Kouvert ganz zerknittert und beschmutzt war. Und das war noch, weiß der Teufel, mit was für einer Tinte ge- schrieben. Kurzum, nichts mehr zu lesen. Ich ent« zisserte irgend etwas, wie Rue de Bullier. Aber so eine Straße giebt es nicht. Es giebt nur ein Ballhaus Bullier. Ich bin gewissenhast. Ich geh« dahin. Ich frage ringsherum nach einem gewissen Paul de Roncieux. Im Bataillon unbekannt! Aber als ich Sie eben auf der Terrasse des Kaffeehauses bemerkte, sagte ich mir, daß Sie, der Sie das Schoßkind des Kapitäns gewesen sind, vielleicht wissen könnten..." Ich hatte ungeduldig die Auseinandersetzungen des Leib- gardisten angehört und ivartete von Minute zu Minute, daß er endlich diesen famosen Brief herausziehen würde. „Jawohl, ganz recht!" unterbrach ich ihn.„Ich weiß seine Adresse. Rue Toullier. Ich wohne auch dort. Ich bin der Freund von Paul de Roncieux." „Schockschwerenoth!" schrie der Leibgardist.„Sehr schön! Sie wälzen mir da einen schönen Stein vom Herzen. Wenn Sie in dieser Sache... und Sie wollen so gut sein, den Post- meister spielen." „Sehr gern. Wo ist der Brief?" „Ich trage� ihn nicht mehr bei mir," antwortete er.„Als ich sah, daß er sich in meiner Tasche ganz zerrieb, habe ich meine Vorsichtsmaßregeln getroffen. Uebrigens kann man sich"— und während er das sagte, knöpfte er sich kokett den Waffenrock auf—„bei einer so engen Uniform nichts mehr unter den Brustlatz stecken. Das sollte schlecht angehen. Außer- dem habe ich das Lumpenpapier des Kapitäns in ein solides Regierungs-Kuvert gesteckt und ich trage es jetzt in einem ver- siegelten Umschlage in einer meiner Satteltaschen. Nicht dumm nicht wahr?" Ich grawlirte ihm zu seiner schlauen Idee; und indem ich mich dann beeilte, unsere Zeche zu bezahlen, erhob ich mich, um ihm zu verstehen zu geben, daß ich den Brief möglichst rasch haben wollte. „Ich gebe ihn Ihnen sofort," sagte er, indem er mir folgte.„Ueberdies haben wir einen„netten" Augenblick geplaudert; Häuschen wird schon ganz unruhig darüber sein, daß er von einem solchen Kerl gehalten wird." Wir warin auf dim Trottoir. Diesmal aber bemerkte man ihn, obwohl die Neapolitaner ihren Possentanz noch fortsetzen und man reckte die Hälse, um ihn vorübergehen zu ehen. Er marschirte stramm, wiegte sich in den Hüsten, glück- ,ich darüber, daß man ihn bewunderte, und blähte sich mächtig aus, indem er seinen Schnurrbart drehte. Er steckte eine wichtige Miene aus, als er aus der linken Satteltasche den in ein riesiges, gelbes Kouvert eingeschlossenen Brief herauszog und ihn mir übergab. Die Leute um uns herum mußten an- nehmen, daß es sich um einen offiziellen Austrag handele. Und mit einer großartigen Geste gab er dem Gassenjungen, der ihm das Pferd gehalten hatte, zwei Sous. Während dann das schäumende Thier seinen Kopf in die Höhe warf, setzte er sich verwegen in den Sattel, reichte mir die Hand und sagte zn mir mit gönnerhafter Miene: „Auf Wiederschen dieser Tage, nicht? Wenn Sie am Bendömeplatz vorübergehen, steigen Sie doch herauf und fragen Sie nach dem Stabe. Wir werden eine Cigarette zu- sammen rauchen..V Der Vollblut setzte sich wiehernd in Galopp, als er die Sporen fühlte. Die Scheide des großen Schlachtschwcrtes schlug klatschend gegen den Steigbügel. Im Sonnenschein glänzten die Fangschnüre, die in die Höhe flogen und sich wanden wie ein Knäuel Schlangen, und die leuchtenden rothen Federn des Hutes. „Bravo!* schrien einige Bürger. Und der alte Kastanienverkäufer mit dem Apostelkopf richtete aus den Reiter einen verzückten Blick und rief mit tiefem, hohlen Baß: „Ewiva la Commune! La bella Commune!• (Fortsetzung folgt.) SonntAgsplttudvvei. »- Es sind Tage jetzt, von denen man sagen muß, sie gefalle» eine», nicht. Steckt man in aller Frühe den Kopf zum Feiister hinaus, schwups! hat man einen Regentropfen aus der Nase, daß es nur so klatscht. Verhängt ist die Welt mit dicken Wassersträhne», der Himmel so schwarz wie der politische Horizont da drunten in der Türkei; wer über die Straße will, muß alle Kniffe eines Echter- nacher Springprozessions-StamMgastes in Anwendung bringen, und selbst der ewig hoffnnngsfreudige Schriftleiter des Berliner Bündler- blattes macht jetzt ein Gesicht, als hätte er Sauerampfer gegessen, oder wie die Katze, wenn's donnert. Und so verzweifelt steht es in der Mark, wo der sandige Boden so einnehmend ist wie ein Korps- bursch. Wie muß es da erst in Lippe-Detmold aussehen, i» dieser Lehmgrube des heiligen römischen Reiches deutscher Nation! Schon vor fünfzig Jahren hat einer behauptet, jeder Lippe- Detmolber schwebe in Gefahr, die Hälfte seines Baterlandes an den Schuhsohlen mitzunehmen, wenn er an einem Regentage in die Fremde gehe. Die Geschichte dürfte etwas übertrieben sein: In jedem Frühjahr ziehe» viel tausend Lipper Ziegelschläger i» das„Elend", um einige Groschen zu ver- dienen, und das lieb' Lipper Vaterland steht immer noch. Etwas Wahres mag ja an dem Lehm-Chaos schon sein, ansonst hätte man das Erzbild Hermann's, des Chernskerfürste», von dem kein Mensch mehr weiß, wie er ausgesehen, nicht so hoch auf das Gebirge gestellt. Aber sei dem wie ihm ivolle. Was die Natur an dem Ländchen etwa versäumt, die Politik hat es herrlich wieder hereingebracht, wenn anders man den Blätlermeldungen Glauben schenken darf. Lippe-Detmold ist das Land, in dem die besten und würdigsten Re- genten wachsen. Als der bisherige Regent vor einigen Tage» den Staub des Landes von seinen Stiefeln schüttelte, wurde ihm in einem Briefe attestirt, daß er der beste und würdigste Landesvaler aeivese», den sich die Lipper nur immer wünschen tonnten. Auch die Führer der Landwirthe scheine» in Lippe-Detmold anders geartet zu sein, als in den anderen Lande». Als der neue Regent seinen Einzug hielt, der nach der „Lipp. Landcs-Zeilung" einem wahren Trinmphzuge glich, ritt der Führer der lippischen Landwirthe an den Wagen des Grafen heran und sprach unter anderem:„Wir Landwirthe sind der Ueberzeugung und sind es stets gewesen: Kein Würdigerer kann iinser Herrscher und keine Würdigere kann unsere Herrscherin sein, als Graf Ernst zur Lippe-Biefterfeld und seine hohe Gemahlin."„Das genügt!" sagt Peter Steffel.„Das genügt!" Es wird zwar Einzelne geben, die es nicht recht reimen können, daß es zum Ausfüllen einer Stelle ausgerechnet gerade zwei Würdigste geben könne, bei Zweien könne man doch nicht von einem Einzigen rede». Wir müssen leider aufrichtig gestehen, daß wir auf diese Frage keine Antwort wissen. Mögen sich doch diese Nörgler an Herrn Dr. Egbert Müller, den bisherigen Obergeneral der Berliner Spiritisten wenden. Der Mann weiß viel, wie er sagt. Herr Dr. Egbert Müller weiß, wie er sagt, daß der Spiritismus von den Spnkerscheinungen auszugehen habe, wie sie sich in Häusern zeigten, die direkt ans der Erde, also ohne'Keller, erbaut seien. Herr Dr. Egbert Müller behauptet, der Spiritismus habe es nur mit den Dämonen, de» Geistern der Hölle zu thün; mit de» Engeln befasse sich die weiße Magie, der christliche Mystizismus. Diese Dämonen, sagt Dr. Egbert Müller, suchten de» Protestanten und Katholiken An- schauungen beizubringen, die de» Glaubensdogmen entgegengesetzt sind. Außer den Dämonen, sagt Dr. Egbert Müller, giebt es auch noch Menschengeister. Diese kommen aus dem Zwischenreiche. Und weil nun die katholische Kirche dieses Zwischenreich, das Fegefeuer. lehrt, also mit diesen» Dogina folgerichtig urtheilt, deshalb werde er. der Herr Dr. Egbert Müller, in nächster Zeit katholisch werden. Es sind schon viele katholisch geivorden. Die einen. weil man ihnen Dragoner solange ins Haus legte, bis sie mürbe wurde», ihre„Ketzereien" abschwuren und übertraten. Andere, weil ihrer nach dem Uebertritt eine reiche Braut, ein hohes Amt oder eine fette Pfründe wartete. Manche lockte das Poetische, das in den katholische» Bräuchen liegt. Wieder andere wollten Buße thun, nachdem sie die Freuden der Welt genossen, einzelnen war das Lebenswerk zerschellt sc. Daß aber einer katholisch wird, weil die katholische Kirche von einem Fegefeuer predigt, das war noch nicht da, das blieb dem Dr. Egbert Müller zu Berlin vorbehalten. Und der Man» hat Recht, wenn auch in anderer Beziehung: Das ist rein zum Katholisch'werden! Die Berliner Schützengilde hat unlängst eine Jubelfeier veranstaltet, aus Anlaß der Thatsache, daß sie, die Gildx, die Ehre hat, nun- mehr schon 150 Jahre zu bestehen. Dagegen ist nichts einzuwenden. Feiern kann man ja alles, selbst einen hinausgefeuerten Alt-Reichs- kanzler. Die Mitglieder der besagten Gilde sind zudem sehr an- ständige— die Eintriltsgebühr beträgt mehrere hundert Mark, und die Gilde als solche ist sehr reich— und sehr unschuldige Leute. Von Zeit zu Zeit versammeln sie sich, draußen, hinter Pankow. aus ihrem eigenen Grundstück, schieße» Löcher i» Pappscheiben,»och mehr Löcher in die Luft, was ja keinem iveh thut, essen gut und trinken gut, und dann gehe» sie wieder Heini zu Muttern. Es sind also, kurz gesagt, Musterbürger. Es ist demnach gar nicht zu verwundern, wen» sich auch der Berliner Magistrat an der Jubelfeier der Schützengilde betheiligte. Lokalpatriolisinus ist anch ei» Patriotismus. Und einer Gilde gegenüber, die einen so schön geschriebene» Stiflungsbries besitzt, daß ihn kein Historiker oder Archivar besser machen könnte, kann man anch. noch ein Uebriges thu». Und so erhob sich denn beim Festessen ein Stadt- rath und überreichte namens der Stadt Berlin der Schützengilde einen silbernen Pokal. Was mag das Ding gekostet haben? Jeden- falls nicht viel, wenn man die Ausgaben bei der„Zentenarseier", bei der Ankunft des italienischen Königs u. s. w. zum Vergleich heranzieht. Aber etwas böses Blut wird das Geschenk doch machen. Auf das Gerede der städtischen Arbeiter, die immer noch keine Lohnausbessernng erhallen haben, braucht man ja nichts zu gebe»: diese Leute können bei den Heuligen Verhältnissen „glücklicherweife" keinen entscheidenden Einfluß auf die Stadtverwaltung ausüben. Aber den Appetit anderer Leute wird dieser Silbcrpokal erregen, und das kann u»ler Umständen bös werde». In Berlin existiren neben der Schützengilde, in der»nr das Großbürgerthum das Wort führt, beinahe ein Schock Schützenvereine und Schütze». klubs. Sie bestehen aus Miltelbürgern und besser gestellten Klein- bürgern und nehmen jeden, der die Eintrittsgebühr, den Monats- beilrag und ab und zu eine Tonne Bier zahlt. Diesen Herren ist es nicht so sehr«in die Ehre, ein guter Schütze zu sein, zu thun, sondern>»» etivas weit reelleres. Wen» es hoch kommt, schieße» sie um silberne Suppenlöffel oder um eine gut montirte Zuckerdose; für gewöhnlich Ihnen es aber auch Speckseiten, Schinken und Würste jeder Größe und Sorte. Das hat auch noch de» Vortheil, daß es bei den ver- heiratheten Kkub-Schützen, sosern sie nur hie und da etwas treffen, »nr sehr selten zn einer Gardinenpredigt wegen zu langen Ausbleibens kommt. Auch diese Schützenvercinigunge» icicrn Jubiläen und Feste. Wie ich mir habe sagen lassen, sogar den Geburtstag eines jeden Mir- gliedes. Wie nun, wenn nun auch diese Schützen an den Diagistralns herantreten um eine Beisteuer sür ihre Jnbeljeste? Wird er auch da seine milde Hand aufthun und den Einen spenden 50 Pfund Kasseler, den Anderen aber 200 Ellen Bratwurst? Er kann es an- stellen, wie er ivill, er wird Hereinsalle», der Verehrliche. Zeigt er sich in Spendirhofe», werden dann nicht sofort die Stumni u. Co. schreien, er stachele die Begehrlichkeit der unteren Schichten? Tritt er aber künftighin als Man» mit zugeknöpfteii Taschen auf, dann schafft er»och mehr Unzusriedene, fördert also de» Uiustlirz und begeht so eine Todsünde gegen die heutige Staats- und Wirlhschastsordnung, die gar nicht zu ver- zeihen ist. Es ist das fürivahr eine verzwickte Geschichte, und sehr schwierig ist es, hier einen Rath zu ertheilen. Es wird schon nichts übrig bleiben, man wird Herrn Langerhans Tante in Paris fragen müssen. Weiß diese Dame auch keine» Ausweg, dann wird via« eben warten und es geschehen lassen müssen, wie es kommt. Das ist ja auch noch die einzige Regierungsweisheit, die in Deutschland»och Gläubige findet.—_ NtNÄttv Goegg. (Geb. 7. April 1820, gest. 21. Juli 1807.) „Es wird der Tag kommen— und die heutige jüngere Gene- ratio» wird ihn noch erleben—, an welchem die republikanischen Vertreter des sonveränen deutschen Volkes den Beschluß fassen iverden, daß sich die in den Jahren 1848 und 1849 gefallenen Bor- kämpfer»in das Vaterland verdient gemacht haben und daß ihre — 57 Namen mit goldenen Buchstaben in den Freiheitstempeln zu ver- ewigen find.- So lautet eine Prophetie Amand Goegg's aus der Mitte der 7ver Jahr». Damals sammelle er Bausteine für ein im- posantes Monument; es sollte aus dem Rafialter Friedhof errichtet werden und von der Verehrung zeugen, die das demokratisch ge- finnte Volk im liberalen Mnsterlande den Opfern des preußischen Slandrechts zollte. Ein Denkmal den Kämpfern für Deutschlands Einheit und Freiheit. Aber die Festung Rastatt steht unter der preußischen Militär» diktatur; diese verbot die Aufstelluiig des den Tobten geweihten Monunientes. Heute bildet es die erste Sehenswürdigkeit in Renchen. der Heimath des Bürgers Amand Goegg. Ein Grimmelshausen- Denkmal, dem Gedächtniß an den Verfasser des Simplicms Sim- plicissimus gewidmet, einem Urahnen der Renchener Bürger- meisteret. Durchs blnmenverzierte Fenster seines Tuskulums schaute Bürger Goegg täglich nach dem rothen Sandstein- Obelisken hinüber, dessen revolutionärer Teint in Wind und Welter in ein staatsfreundliches Graugrün überging, ei» Symbol für die politische Metamorphose so vieler Freischärler-Renegaten. Doch die Ueberzeugungstreue und Charakterfestigkeit Amand Goegg's blieb gediegen und unveränderlich und als er um 2 Uhr nachmittags am 21. Juli sein Leben schloß, konnte man ihm die Augen schließen mit den Worten: Ehrlich und gesinnungstreu bis zur Bahre! Goegg, ein Renchener Bürgersoh», hatte in den vierziger Jahren in Heidelberg Staatswissenschast und das Finanzfach studirt. Die Republikaner Badens übertrugen ihm neben Brentano den Vorsitz in dem Landesansschnß der badischen Volksvereine. Er traf die Vorbereitung zur großen Volksversammlung vom 13. Mai 1849 z» Offenburg, aus welcher die Republik erklärt werden sollte. Im Programm, das angenommen wurde, standen u. a. die Forderungen: eine von sämnitlichen volljährigen Staatsbürgern ge- wählte Landesvcrsammlung; Volkswehr, Offizierswahl, Geschworenen- gerichte, progressive Einkommensteuer, Laudes-Pensionsfonds, aus dem jeder arbeitsunfähig gewordene Bürger unterstützt werden kann; Abschaffung des Pensionsfonds für Staatsbeamte. Joh. Phil. Becker erblickte in diesen, von Goegg aufgestellten Forderungen den Kern der sozialistischen Thesen. Dieses Programm wurde angenommen zu Offenburg an dem- selbe» Tage, als sich in Rastatt die Armee zum Kampfe dafür bereit erklärte. Daß der Kampf auf ein anderes Gebiet gelenkt wurde, ist bekannt. Es trägt Amand Goegg nicht die Schuld daran. Ihn beschäftigte die Leitung des Finanzwesens in der provisorischen Re- giernng, dem Triumvirat der Diktatur. Wenn die Gegner die Finanzverivaltungslhätigkcit Goegg's geringer schätzen als sei» agitatorisches Schaffen, so mögen sie recht haben. Sagt doch selbst Franz Raveaux, der durch seine Fabeln über Goegg's finauzininisterielle Schwächen sich als sein scharfer Gegner bekannte: es werde niemand in Abrede stellen wollen,.daß Amand Goegg es vcrstaud, die Massen durch seine Rede» und Ansprachen zu entflammen; deswegen war sein Platz nicht in Karlsruhe(Finanzministerium), sondern bei der Armee." Diesen Platz suchte Goegg auf; er blieb als Organisator, begeisternder Redner»nd Kombattant bei der muthigen Freifchaar, bis sie dem Verrath und der preußischen Uebermacht gewichen war. Nun aß Goegg das Brot im Exil; er lebte in der Schweiz, auch in Paris, das ihm aber bald das Gastrecht versagte. Die Schweiz wurde seine zweite Heiinath; neben der idealen Schwärmerei für die internationale Friedens- und Freiheilsliga bekam er Muße genug, sich in den KOer Jahren mit den praktischen Zielen der sozialdemokratischen Arbeiterpartei zu befreunden, als deren Ver- tretcr er auf dem internationalen Kongreß zu Basel erschien. Wie Gögg über die soziale Frage dachte, zeige» folgende Zitate aus seinem Glaubensbekenutniß vom Jahre 1875. Er bespricht die proletarisirende Entwickelung des Kapitalismus und sagt dann: „.... seitdem aber weitaus die Mehrzahl der Gewerbe unter Konzentratio» der Kapitalien und mit Theilung der Arbeit in großen Fabriken ausgeübt werden. kann sich der Arbeiter in den meisten Fällen nicht mehr selbständig niederlasse» und ist er für sein ganzes Leben zu dem abhängige», der Willkür preisgegebenen Zustand eines Lohnarbeiters verdammt."...„Daß sich Millionen von Arbeiter» eine» solchen Znstand, wie er heute in beinahe allen Ländern existirt, auf die Dauer, ob i» einer Republik oder Mon- archie, nicht mehr gefallen lassen werden, muß auch den« hartköpfigste» Anbeter des Status quo einleuchten."......„Zur Abhilfe eines solchen heillosen Zustandes ist der einzige rationelle Ausweg, daß in allen Geschäften, kleine» und großen, ob in Gewerken oder Acker- bau, bei welchem zum eigenen Vorlheil die Besitzer oder Unternehmer ausbeuten und Gehilfen nöthig haben, die Lohnarbeit abgeschafft und der säinmtliche Grund und Boden, auch der, auf welchem die Häuser stehen, wozu auch schon hervorragende englische Politiker geratheu und was der ehmalige preußische Staats- minister und Rechtsgelehrte v. S a v i g n y als rechtlich zu- lässig erklärt hat, bei sdem Großbesitz gegen theilweise und bei dem Kleinbesitz gegen volle Entschädigung als Staats- oder Kollektiveigenthum erklärt und der für den Ackerbau geeignete Theil an Feldarbeiter-Genossenschaften vermiethet werde. Die Erde ist so gut wie Luft, Wasser und Sonnenlicht für Ernährung und Beivohnung ein Gemeingut Aller. Dies ist auch ursprünglich der Fall gewesen und erst im Laufe der Zeiten haben sich Häuptlinge, Fürsten, Könige und ihre Satelliten, die Adeligen, gewaltsam durch Er- 5—_ oberung x. des Grund und BodenS bemächtigt, denselben alS ihr Privateigenthum widerrechtlich erklärt und für ihre Bereicherung durch die zu Sklaven, später zu Leibeigenen gemachten Bewohner bebauen lassen. Erst seit Aufhebung der Leibeigenschaft ist auf dem europäischen Kontinent in einigen Ländern ein beträchtlicher Theil solcher Besitzungen in die Hände der Bauern übergegangen, während in anderen noch vielfach Zustände wie in England find. Mit solch radikaler Lösung der Lohn-, Grund- und Bodcnfrage erledigen sich dann auch die Fragen des„Kapitals"(Produkt der Arbeit) und der „Staatshilfe"... Während die sozialdemokratische Partei Deutschlands in der Bismarck'schen Schule zu einer politischen Großmacht heranwuchs, weilte Amand Goegg rn fernen Regionen unseres Planeten als Forscher und Prediger. Seine Reisebeschreibungen aus Nord- und Südamerika, Australien:c. bilden die interessantesten Bücher seiner schriftstellerischen Thätigkeit(Zürich 1888). Von seinen politischen Jugendschriste», die 1351 in Paris erschiene», seien erwähnt:„Ein Wort a» die natürlichen Vermittler des Völkerbundes"—„Die Märtyrer(Rod. Blum, Adolf v. Trützschler k.)—„Was verstehen wir unter Sozialismus?". Wenn diese Zeilen bei der Redaktion des„Vorwärts" ein« treffen, werden wir den alten Freiheitskämpfer zu seinem Vater in die Gruft legen. Damit er nicht wieder erwache, verbot der Pfarrer von Renchen das Glvckengeläute.— Mlrines Feuilleton. — Sonderbare Mittel. In einer Leipziger Handschrift deS 16. Jahrhunderts finden sich allerlei die Pferde betreffende» „Geheimnisse", die wir ihrer Seltsamkeit wegen hier mitlheilen wollen, z. B.„Ein mager Pferd bald wieder aufzufüttern. Nimm Eybisch und Eberwurzel, jedes eine Hand voll, thue es i» ein Maaß oder mehr Wein, laß es wohl sieden und netze alle Tage in diesen Wein«in Schwamm und streiche damit das Roß von der Mähne über den Rücken bis an den Schwanz, Abends und Morgens, dar- »ach nimm und menge eine Hand voll Salz und ein wenig Eber- würz und drei Schnitt gebäht(geröstetes) Brot, diese Stücke alle auss Kleinste geschnitten, allezeit so viel man vorne mit den drey Fingern halten mag so oft man ihnen Futter giebt, so viel drunter gethan, so nimmt es augenscheinlich z», aber man muß das Roß absonderlich (besonders) stellen in eine» Stall, sonsten benimmt es den ander» Rossen die Mast wegen der Eberwurz aber wenn man ihm diese Materia nicht giebt, so kann es wieder neben anderen stehen." Lustiger noch sind folgende„Mittel".„Daß dir keiner mit dem Pferde vorreite» kann, schreib die nachstehenden Worte in deinen Hut:.A.st,u1u8, Astala, Venix f f f E."—„Daß dich kein Pferd abwerfe, sprich dem Pferde diese Worte ins Ohr: Alilos, Astaba, erenabas."—„Wenn ein Pferd nicht stehen will, sage ihm diese Worte ins Ohr: Alosinl, galbat. in Ansula f Stanabat die tur, oder zeig(zieh) ihm einen Nagel aus dem Fuße, henge denselben an das rechte Ohr mit einem Faden und binde den Faden an de» Zaum, so steht es."— Musik. -er- Aus der Woche. Neues Operntheater. Für Gonnod's„F a u st", den nur ans Achtung vor dem Genius Goethe's im ersten Akte philosophische Velleitäte» anwandeln und dem später- hin die süße Schwärmerei eines tenore amoroso alle Philosophie entzieht, fehlt dem Organe des Herrn Kraus der weiche Schmelz, den nur eine von echte» Empfindungen erregte Seele und eine durch- gebildete Gesangskunst zu verleihen vermögen. Fräulein E g l i besitzt für die„Margarethe" eine natürliche Innigkeit des Tones, dem nur noch das lies Rührende zur Erreichung edelster Wirkungen fehlt. Herr» G i ll m e i st e r's Mephisto gelingt alles, was einer bejahrten Routine angehört; kleine Vorzüge meist schau- spielerischer Natur müsse» da für den verstimmende» Defekt einer warme» und freigebigen Stimme entschädigen. Bot uns Frau G r a d l schon als„Siebel" mit dem anmnthigen und zart nüanzirlen Vortrag des bekannten„Blümchen traut..." eine sehr seine Gesangsleistung, so müssen wir ihre„Frau Dot" in Goldmarck's „Heimchen am Heerd" geradezu vollendet nennen. Orthodoxe Musikästhetiker fangen an, Goldmarck's von Täte««md vornehmer künstlerischer Bescheidenheit erfülltes Werk mit heiler stimmender Geringschätzung abznthnn. Wir wünschen dem deutschen Opernrepertoir alljährlich die Bescherung mit einem ähnlichen Werke von so viel redlicher, geistvoller und gemüthlich reizender Musik.— Im Theater des Westens hatte der „Fra Diavolo" Auber's, dessen Musik nicht tiefsinnig belehren, fouder» angenehm durch Grazie und Ursprünglichkeit der melodischen Erfindung erfreuen will, einen mehr als gemachte» Erfolg. Zwar weiß die unglaubliche Darftellnngsnaivetät und der Gesangsnaturalismus B ö t e l' s mit der schauspielerischen und musikalische» Eleganz des„Marquis- Räuberhauplmanns" sehr wenig anzusaugen, dafür entschädigte Fräulein David als „Zerline" durch eine allseitige Gewandtheit, welcher keineswegs die kostbare künstlerische Decenz fehlte. Der Teuor-Bandit, mit dem Herr Lieba» sonst fessellose Heiterkeit erregt, war einem Herrn F u r» e s anvertraut, welcher sich durch Etiminmanael und auf- dringliche Talentlosigkeit kennzeichnete.— — Die diesjährige Generalversammlung des„All- gemeine» Richard Wagner-Vereins" fand am 20. Juli in Bayreuth statt. Anwesend waren 12 Personen, welche 1682 576— Stimmen zu vertreten hatten. Der Rechenschaftsbericht konstatirt. daß die Zahl der Mitglieder sich seit dem vorigen Jahre von 4162 aus 3148, also wiederum um fasi 1000 vermindert habe. Zur Zeit bestehen noch 37 Zweigvereine(gegen 33 im Vorjahre) und 82 Orts« Vertretungen(gegen 100 im Voqahre). Fast alle noch bestehenden Vereine haben an Mitgliedern verloren. Die Mitgliederbeilräge be- ziffern sich auf 11 034 M. 81 Pf., 7200 M. wurden zum Ankauf von Billets verwendet. Delegirter Hofmann(Graz) führte ans. daß eine Aenderung der Zwecksbestimmnng des Vereins nothwendig sei, dahingehend, daß der Verein es als feine Aufgabe zu betrachten habe, den Unbemittelten die Festspiele zugänglich zu machen und für das Verständniß der Knnstanfchaunng Wagner's zu wirken. Auf Autrag wird eine Kommission gewählt, welche die in der General- versannulung und im Laufe des Jahres gegebenen Anregungen hin» sichtlich der Verfassung des Vereins beratheu soll.— Archäologisches Ein überraschendes Bild antiken Stadt- l e b« n s, wie es bisher nur durch die Ausgrabung Pompeji's gewonnen worden ist, hat nach dem von Professor Conze im neuesten„Archäologischen Anzeiger" erstatteten Bericht die bis jetzt ausgeführte Freilegung der in Alexanders Zeit nach einheitlichem Plan entstandenen Neustadt P r i e n e in Kleinasien ergeben. Was in Pompeji die plötzliche Zerstörung herbeigeführt hat, daß man die Stadt vor sich sieht, wie sie zu einem bestimmten Zeitpunkt war, ohne die Umänderungen eines langen Fortlebens, das scheint in Priens durch die abnehmende Bedeutung des Ortes bewirkt zu sein, indem nicht allzu viel Neues oder Umgestaltendes nach der in eine kurze Zeit fallenden Neugestaltung hinzugekommen ist. Der Markt, der sich mit seinen Säulenhallen um den Asklepiostempel gruppirt, die zahlreich auf- gedeckten Straßen mit ihren Privathänsern. hier einem Brunnen, dort einem Versammlungsräume, das Theater, alles erscheint aus einer bestimmten Zeit und ohne erhebliche später« Umändernng. Es ist, wie Prof. Conze sagt, ein„Pompeji der frühhellcnistischen Zeit", daS uns in Priene wiedergeschenkt wird.— Medizinisches. — Bei Morphinisten lokalisirt sich daS Morphium in Gehirn, Leber und Nieren. Anlheaume und Mouneyrat fanden in jenen Organen eines langjährigen Morphinisten, der eine E»t- wöhnungslur durchgemacht hatte und 14 Tage nach der letzten subkutanen Injektion von Morphium gestorben war, noch Morphium und zwar am reichlichsten in der Leber.—(Academis des sciences; Sitzung vom 26. Juni 1897.)— Aus dem Thierreiche. »»-Der Sandfloh(Lsreopszdla penetrans), dieser in den afrikanischen Kolonien so lästig enipfundene Parasit, welcher sich nicht blos damit begnügt, Blut zu saugen, sondern dessen Weibchen sich mit dem vorderen Körperende in die Haut des Menschen, besonders der Zehen(übrigens auch anderer Thiere), ein- bohrt und dadurch Veranlassung zu bösen Entzündungen und Eiterungen werden kann, hat ursprünglich seine Heimath garnicht in Afrika, sondern in Südamerika und ist aus letzterem Lande erst im September 1872 mit einem aus Rio de Janeiro kommenden Schiffe durch den Ballast in Nieder-Guinea eingeschleppt worden. Die Verbreitung desselben macht ungeheure Forlschritte. Stanley fand ihn bereits über 200 Seemeilen vom Meere landeinwärts.— Aus dem Thierleben. — Die wilden Pferde in Newada bilden eine Gefahr für die dortigen Viehbesitzer, besonders für die Pferdezüchter in der Pioche- und White Pine-Region. In den Shellback-Bergen schweifen Heerden von 150 bis 200 wilden Pferden herum, jede unter Führung feuriger und kräftiger Hengste, die förmlich regelmäßige Einbrüche in die besiedelten Gegenden unternehmen und dann alle dort befindlichen Pferde mit sich fortführen. Ist ein Pferd einmal mit diesem Rudel fortgezogen, dann ist es für den Besitzer für immer verloren. Die Wildpferde sind äußerst vorsichtig und schlau und lassen den Menschen nicht auf Büchsenschußweite herankommen, ohne sofort flüchtig zu werde». Im vergangenen Frühjahr unternahmen IS geübte Reiter und vorzügliche Jäger eine Streisung, mit der Absicht, möglichst viele dieser Wildpferde zu tödten. In einer zehn- tägigen Jagd gelang es diesen wohlberittenen, geübten Jägern nur eines dieser Wildpferde zu erlegen. Nebenbei bemerkt gilt das wilde Pferd Newadas für eines der häßlichsten Geschöpfe, die auf der Erde sich herumtreiben.— Aus dem Gebiete der Chemie. --Giftige Alkalolde im Mehl. Bekannt ist die Er- scheinung, daß Mehl, längere Zeit in Säcken oder anderen Behältern aufbewahrt, beim Genüsse eigene Erscheinungen hervorruft. Wird Mehl, welches mindestens ein Jahr alt ist, mit Aether erschöpft und der AuSzug verdunsten gelassen, so hiuterbleibt eine settartige Sub- stanz von saurer Reaktion, mit sehr unangeuehniem Gerüche und scharfem Geschmack«. Wird nun dieses Produkt mit Wasser in der Wärm» behandelt, nach dem Erkalten die wässerige Flüssigkeit abgegossen, so zeigt dieselbe eine Reaktion, wie bei Vorhandensein vonMlkalokden. Der Aether-Extrakt giebt mit Waffer und frischem Mehle gemischt einen Teig, der, sofern das Mehl 18 Monate alt ist, tödtliche Wirkung, zum Beispiel bei Sperlingen hervorruft, während frisches Mehl allein absolut unschädlich ist. Nach den Untersuchungen von Balland dürfte die Schädlichkeit alten Mehles auf Veränderung in der Klebersubstanz zurückzuführen sein;' demnach würde die Verwendung alter Mehlvorräthe nur mit Vorsicht zu geschehen haben, und sind solche thuulichst vom Konsum auszu- schließen.— Humoristisches. — So gefällt es den Junkern. Ein pommerscher Junker kommt in den Stall. Der Stalljunge sieht ihn kommen und kichert:„Krrch!" Junker:„Jung, wat lachst Du?" S t a I l j u n g e:„Krrch! Herr, ick mag et«ich seggen." Junker(drohend):„Seggst Du't!" Stalljunge:„Krrch!" Den'n gnädig'» Herrn kikt det gnädig Hemd ut bei gnädig Büchs."— — Heimgeschickt. In einer Ortschaft des KantonS St. Gallen faß kürzlich eine Gesellschaft fröhlich beisammen und unterhielt sich mangels eines Besseren mit sogenannten„Thurgauer- Witzen". Ein anwesender Thnrgauer, auf dessen Kosten die Unter- Haltung gepflegt wurde, machte gute Miene zum bösen Spiel. Als der Gegenstand erschöpft war, meldete er sich zum Wort«:„Ihr wißt aber den neuesten Thurgauer Witz doch noch nicht!"—„Her damit", töntS von allen Seiten.—„Also: Worin stimmen denn die Thurgauer mit den Schwiegermüttern überein?"— Niemand weiß eine Antwort.—„Sie stimmen darin überein, daß jeder Esel meint. er müsse schlechte Witz« über sie machen!"— Und siehe da, es gab viele verblüffte Gesichter.— Vermischtes vom Tage. — Hamburg. 24. Juli. Die in Norwegen aufgefangene Taube gehört dem Briestaubenklub„Altona", der seine sämmtlichen Tauben mit der Signatur„Nordpol" und einer Nummer versehen hat. Vier dieser mit„Nordpol" gezeichneten Tauben sind gleich nach dem Aufflug hinter Helgoland am 13. Juni von einem englischen Dampfer aufgenommen worden.— — Während des am 22. Juli über Posen dahingegangenen Unwetters wurden in dieser Provinz 11 Personen vom Blitze er- schlagen.— — Reichen dach(Voigtland), 24. Juli. In der Nachbarstadt Mylau brach heute Vormittag Großfeucr aus. Bis Mitlag waren bereits zehn Gebäude«ingeäschert; der Brand war noch nicht ge- löscht. Die Eutstehungsursache ist noch unbekannt.— — Der richtige Zentrunis-Mameluk. Der unlängst verstorbene Reichstags-Abgeordnete Lehner war einmal aufgefordert worden, in seinem Wahlkreise einen Rechenschaftsbericht zu erstatten. Er ließ vermelden, das sei nicht nothwendig. Er sei während seines Aufenthaltes in Berlin jeden Morgen in die katholisch« Kirche ge- gangen und habe dafür gebetet, daß über das Zentrum die Erleuch- tung des heiligen Geistes komme.— — In Murnan(Bayern) ist ein Drechslermeister, der seit sechs Jahren an der Erfindung des korpetuum mobile arbeitete, wahnsinnig geworden.— — Auch eine Logik. Der Bezirkshauptmann(Landrath) von M e r a n erließ an alle Seelsorger, Gemeindevorftäude, OrtS- schulräthe und Schulleiter seines Bezirkes ein Zirkular, in dem er mittheilt, es sei der Wunsch des österreichischen Thronfolgers, daß die alten Tiroler Volkstrachten erhalten und wieder belebt würden. Sie stellten ein mächtiges Mittel dar,„um im Tiroler Bauer seine Religiosität, seine Kaisertreue, seine Tapferkeit, seine Biederkeit rege zu erhalten und dessen Standesbewußtsein zu nähren."— Was in so einer krachledernen Hose alles steckt! Wie wäre es, wenn der „Bund der Landwirthe" einige Fachleute nach Süd-Tirol schicken würde, um auch diese?„Mittel" zu studiren. Herr Sohnrcy geht sicher mit.— — Der belgische Eisenbahnminister erklärte in der Kammer, er werde die Personenwagen 1� Klasse allmälig abschaffen, weil sie ungeheure Rosten beanspruchen und fast nie benutzt werden.— — Die Bäcker von A u b u s s o n im Masdepartement(Frank- reich) hatten einen Preisausschlag auf Brot beschlossen. Der Ge- meinderath setzte infolge der«iumüthigen Beschwerden der Einwohner den Preis für Weizenbrot erster Güte auf 30 Cts. und den Preis für Roggenbrot auf 23 Cts. das Kilogramm fest(24 und 18 Pf.). Obwohl dieser Preis hoch genug wäre, schloffen die Bäcker ihre Läden, sodaß jetzt Militärbrot herbeigeschafft werden muß.— („Köln. Ztg.") — Der italienische Dichter Gabriel d'Annunzio heißt eigentlich Rapagnetla(Rübchen).— — In der Peterskirche zu Sevilla(Spanien) sind 26 stark verweste Kinderleichen aufgefunden worden. Der Küster und dessen Frau sind verhaftet.(„Central News".) — Saharapost. Die erste direkte Briefpost(Kameel-Reiter) vom Senegal über Timbuktu quer durch die Sahara ist unlängst eingetroffen.— — London, 24. Juni. Nach einer bei Lloyds eingegangenen Meldung aus Dover ist dort der Ostender Postdampfer mit leichten Beschädigungen eingelaufen. Derselbe berichtet, er sei heute Nacht l3/* Uhr mit einem Fischerboote, wahrscheinlich einem französischen Fahrzeug, zusammengestoßen. Das Fischerboot sei sofort ge- funken und dessen Mannschaft voraussichtlich ertrunken, denn der Dampfer habe während einiger Zeit Nachforschungen auf der Unglücksstelle angestellt, ohne einen Menschen zu entdecken.— Berantwortlicher Redakteur: Auaust Jarobey in Berlin. Druck und Verlag von Max Babing in Berlin.