Anterhaltungsblalt des Vorwärts Nr. 147. Donnerstag, den 29. Juli. 1897. (Nachdruck verboten.) 291 Cvsavino. Von Jean Nichepin. Uebersetzt von H. L. „Herr Bochard," nahm sie wieder das Wort,»ist ver- liebt in mich, und will mich heirathen. Mein Fehler besteht darin, daß ich mit dieser Liebe und diesem Wunsche Mißbrauch getrieben habe, daß ich in ihm Hoffnungen genährt habe, und das, leider! um mir dieses elende Geld zu leihen! Oder vielmehr schenken zu lassen, ja schenken zu lassen. Denn so faßte er es auf. Er! Und es ist in Wahrheit ein Verbrechen, ihm nicht gesagt zu haben, ihm nicht zu sagen, daß... O! gewiß hätte ich das nie gethan, wenn es sich nur um mich gehandelt hätte, um mich, um meinen Vater, und um die Bibliothek, die uns so an das Herz gewachsen ist!— Es sind jetzt fünf Jahre her, daß mir Herr Bochard zum ersten Male einen Heirathsantrag gemacht hatte. Ich hatte damals klar und förmlich abgelehnt, selbst auf die Gefahr hin, uns zu ruiniren. Wenn ich es doch akzeptirte, daß er die Sorge um die Miethe für das Kabinet übernahm, so geschah das, weil ich glaubte, er thäte es als Frennd, als alter Freund, als Frennd der Familie und der Bücher, ohne den geringsten Hintergedanken an die Heirath. Aber er war von seiner Idee nicht ab- gekommen, und ich sah es an dem Tage, wo ich mich Hilfe suchend an ihn wandte, als ich Geld brauchte, um Paul pflegen und retten zu können. Wir selbst hatten in diesem Augenblick keinen So«. Herr Bochard kam uns zu Hilfe. Nur machte er die Bedingung, daß ich meine damalige Ablehnung zurückzöge. Nicht wahr, diese Bedingung und noch dazu unter diesen Umständen war gemein? Aber konnte ich mich ihr entziehen? Ich meinte nein. Uebrigens empfand ich damals für Paul nur eine rein freundschaftliche, schwesterliche Neigung. Mein wirklicher Fehler begann erst in dem Augenblicke, als ich sah, daß ich Paul anders liebte, und als ich mich dazu hergab, ihn nicht aus seinen Illusionen zu reißen; als ich fortfuhr, von Bochard Geld anzunehmen, das er mir als seiner zukünftigen Frau gab. Vor zwei Monaten, kurz vor Ihrer An- kunft, kam ich zu ihm mit einer neuen Bitte um Geld. Ich hatte versucht, auf meine frühere Ablehnung zurückzukommen. Er hatte mir erklärt, daß ich ihn hinter das Licht führte, daß ich treulos wäre. Und alles in allem hatte er recht. Und doch mußte ich, Sie wissen wie, des anderen Tages durch Ver- Mittelung Gavarot's mich wieder an ihn wenden. Das hieß für mich, mich noch einmal mehr binden. Aber was sollte ich thun? Das schlimmste war, daß Paul aus einigen unüber- legten Worten meines Vaters entnommen hatte, wie sehr wir bei Herrn Bochard verschuldet wären. Das ließ ihn sürchter- lich leiden. Denn er kannte gleichfalls die Heirathsabsichten dieses Menschen. Das war der Grund, weshalb ich, dank Ihnen, die Fabel von den fünfhundert Franken erfunden hatte, die Herr von Roncieux gesandt habe. Sie müssen nur verzeihen. Ich wußte nicht mehr, wo mir der Kops stand. Ich weiß es immer weniger und weniger. Ich muß mich mit Lügen und Betrügereien abgeben, für die ich nicht geschaffen bin..." Aber welcher Zusammenhang bestand zwischen dieser Ge- schichte und dem angeblichen Rechte Cesarinens, den Brief des Herrn von Roncieux zu lesen? Ich sah keinen. Um die Wahrheit zu gestehen, dachte ich selbst nicht daran. Mich interessirte zunächst nur diese Geschichte an sich, die ein so neues und so reines Licht auf die Seele des tapferen Mädchens warf. Sie hatte mir gestanden, sich an den Greis verkauft zu haben, um das Leben Paul's zu retten, das war verzeihlich. Aber daß sie sich dem Elenden gegenüber, der brutal und mitleidslos ihre Hand kaufen wollte, schuldig fühlte, daß sie,— sie,— Gewissensbisse hatte, anstatt ihn, — ihn— zu verurtheilen, das zeugte von so strahlender Reinheit, von so zartfühlender Gewissenhaftigkeit, daß davor meine Nachsicht sich in Bewunderung verwandelte. „Oh, Fräulein!" rief ich aus,„der Fehler, dessen Sie sich anklagen, ist gar keiner, und Ihre Lügen sind es noch weniger, Sie brauchen über sie nicht zu erröthen. Das ist Ihnen alles durch die Verhältnisse aufgedrängt worden. Sie waren ge- zwungen, so zu handeln, wie Sie gehandelt haben. Auch ich habe Paul belügen müssen und ich versichere Sie, daß ich mich darum doch nicht für einen Schurken halte." „Ich danke Ihnen", sagte sie.„Aber ehe Sie mich für unschuldig erklären, hören Sie erst alles. Sie kennen von meinem Verhalten erst einen Theil, den weniger schweren. Vielleicht werden Sie mich bald strenger beurtheilen." Eine Flamme stieg in ihr Gesicht und sie begann von neuem: „So tadelnswerth mein Betragen bisher auch gewesen ist, so hatte ich doch noch ein Mittel, es zu sühnen. Ja, durch ein Opfer, das mir zwar entsetzlich, zu dem ich aber nichts- destoweniger enschlosscn war. Wenn Paul erst vollständig genesen, durch mich gerettet gewesen wäre, hätte ich mich mit Herrn Bochard abfinden können." „Was! Indem Sie diesen Menschen heirathen? Sie haben daran gedacht?" „Das war meine einzige Entschuldigung, sein Geld an« genommen zu haben." „Aber Paul hätte es nicht ertragen!" „Ich hatte mir versprochen, ihn Vernunft annehmen zn lassen, wenn er erst alle seine Kräfte wiedererlangt haben würde. Und er wäre gezwungen gewesen, sich zu fügen. Es ist eine solche Narrheit, daß er mich zu seiner Frau haben will! Zu« nächst setzt sich sein Vater der Heirath entgegen; und wäre sie trotz dieses Widerstandes geschlossen worden, so hätte uns das offenbar den höchsten Zorn des Herrn von Roncieux zu« gezogen. Nun aber hätte ich ein Verbrechen begangen, eine neue Ursache der Mißhelligkeit zwischen diesem Vater und diesem Sohne zu sein.— Dann aber trennt mich der große Altersunterschied von ihm. Ick bin vier« zehn Jahre älter als er. Leider!— Vorausgesetzt, daß ich mich über alle Bedenken hätte hinwegsetzen können und in diese Heirath eingewilligt hätte, so hätte sie doch bis auf den Zeitpunkt verschoben werden müssen, wo Paul mündig ist, rechnet man dazu noch die Zeit, die die gesetzlichen Formalitäten, die verschiedentlichen gerichtliche» Termine in Anspruch nehmen, so wäre ich inzwischen eine alte Jungfer nahe an den Vierzig geworden. „Das ist wahr," warf ich mechanisch ein. „Sic sehen", fuhr sie nnt melancholischem Lächeln fort, „daß diese Heirath undenkbar ist, und daß eine Minute Nachdenken genügt, um das einzusehen. Nun wohl! Auch Paul, selbst Paul hätte ich davon eines Tages, später, über« zeugen können. Ich war fest dazu entschlossen und hatte die traurige Hoffnung, daß es nur gelingen würde. An diesem Tage hätte ich dann Herrn Bochard meine Schulden abzahlen und das Schicksal meines Vaters sichern können. So wollte ich die Zukunft gestalten. Oh! Für mich gewiß eine düstere Zukunft, aber doch eine denkbare, eine anständige Zukunft, wo ich über nichts hätte zu erröthen brauchen, wo mir wenigstens der Trost geblieben wäre, nieine Pflicht zu erfüllen." Immer höher stieg meine Bewunderung. Ich nahm die Hand des armen Mädchens, drückte sie und sagte: „Verzeihen Sie. mir, wenn mir manchmal Zweifel über Sie aufgestiegen sind. Ich konnte mir einen solchen Heldenmuth nicht vorstellen. Sie sind eine edle Frau..." Sie unterbrach mich mit einer verzweifelten Bewegung. „Eilen Sie nicht zu sehr, mich loszusprechen. Warten Sie, warten Sie! Nein, ich bin keine edle Frau. Nein, ich biu Ihrer Bewegung, Ihres Händedruckes nicht werth. War daS wirklich heldenhaft, was ich zu thun träumte? Und muß man mit diesem großen Worte das Opfer bezeichnen, das mir die einfache Pflicht der Anständigkeit gebot? Ich glaube nicht. Aber immerhin, ich gestehe es, wäre das Opfer nicht ohne Werth gewesen. Aber es nur zu träumen war recht, recht wenig. Ich hätte es vollenden müssen. Und jetzt..." Sie senkte den Kopf und mit erstickter Stimme fügte sie hinzu: „Jetzt kann ich nicht mehr." Ich hörte es kaum. Ich errieth die Worte mehr aus der Bewegung der Lippen. Aber was wollte sie damit andeuten? Ich konnte nicht klar sehen; aber ich hatte auch keine Zeit, nach dem Sinn zu grübeln, denn Cesarine warf den Kopf heftig zurück und begann von neuem und diesmal mit zittern« der Stimme zu sprechen. „Auch dafür," sagte sie,„auch dafür hatte ich doch noch eine Entschuldigung. Oh', nielch seltsames Ding ist doch das Gewissen, und wie kann man jemals erkennen, ob man gut oder schlecht handelt? Sehen Sie, vorhin schämte ich mich, Ihnen meine Treulosigkeit gegen Herrn Bochard zu gestehen, diese Treulosigkeit, in der Sie kein Verbrechen erblicken. Und jetzt, wo ich Ihnen das übrige bekennen will, das Sie gewiß verdammen werden, fühle ich mich beinahe stolz. Nein, nein, darüber empfinde ich keine Reue." Sie war ganz aufgeregt. Sie hatte sich erhoben. Sie stand aufrecht vor mir, ganz grade, aber sehr bleich. „Gestern noch," fuhr sie fort,„bestätigte ich Ihnen, daß es Paul gut ginge, daß er bald wieder hergestellt sein würde. Nun wohl! Das ist falsch. Paul wird nie wieder hergestellt werden. Ich weiß es seit acht Tagen. Unser Nachbar, der Student der Medizin, hat seinen Professor zur Konsultation gebeten. Das Resultat war ein Urthcil, gegen das es keinen Appell giebt. Paul ist verurtheilt. Seine gegenwärtige Gesundheit ist nur eine momentane Gnaden- frist, das letzte Aufflackern einer Flamnie, die am Erlöschen ist. Das sind die eigenen Worte des Arztes. Paul wird sich vielleicht noch einen, höchstens zwei Monate aufrecht halten, an das Leben glauben können; dann wird er sich niederlegen, um nie wieder aufzustehen." Ich war über den kurzen Ton erstaunt, mit dem sie mir alle diese Details gab. Keine Thräne in den Augen; kein Schluchzen in der Kehle; kein Zittern in ihren Bewegungen. Vielmehr steigerte sich gleichzeitig noch ihre Exaltation. Eine Art Enthusiasmus ergriff sie, durchleuchtete ihren starren Blick, ließ ihre zuckenden Nasenflügel anschwellen, gab dem singenden Klang ihrer Stimme noch mehr Schärfe. „Und das ist meine Entschuldigung", schloß sie. „Ihre Entschuldigung? Für was denn?" fragte ich. Ihr Gesicht erfüllte sich mit stolzem Glanz, als sie mir antwortete: „Meine Entschuldigung dafür, daß ich seit dem Tage, wo ich Paul zum Tode verurtheilt weiß, seine Geliebte bim" Und fast gebieterisch fügte sie hinzu: „Nun sehe» Sie wohl, daß ich ein Recht habe darüber zu urtheilen, ob man Paul den Brief seines Vaters zeigen kann oder nicht." Ihre erhabene Hoheit unterwarf mich ihr vollständig. Ohne das geringste Bedenken, wie wenn ich etwas ganz Natürliches thäte, zog ich den Brief des Kapitäns aus der Tasche und übergab ihn ihr. Auch sie zögerte nicht den Schatten eines Augenblicks lang, ihn aufzunehmen, und mit einer hastigen Bewegung, in der sich aber nicht die geringste Unruhe des Gewissens bekundete, zerriß sie die beiden Couverts. Während sie den Brief rasch überflog, erhoben sich all- mälig ihre anfangs zusammengezogenen Augenbrauen in dem Ausdruck wachsenden Schreckens. „Oh!" flüsterte sie mit heiserer Stimme,„das ist schreck- lich, das ist schrecklich! Der Elende! Das Ungeheuer!" Und als ich nun meinerseits die Augenbrauen zusammen- zog, wie ich diese Ausrufe über den Kapitän hörte, reichte sie mir den Brief. „Sehen Sie da", sagte sie,„sehen Sie selbst!" Und auch ich war bei der Lektüre dieses Brieses eines Vaters an seinen Sohn zu Tode erschrocken. „Mein Herr," so schrieb der Kapitän,„wenn Sre nicht der elendeste Bube sind, ivenn die Schande, in der Sie leben, Ihnen noch einen Rest Muth erhalten hat, so werden Sie Paris bei Empfang dieses Briefes verlassen. Ich befehle es Ihnen ganz formell! Wenden Sie mir nicht ein, daß Gefahr dabei vorhanden sei, wenn Sie meinen Befehl er- füllen. Es ist möglich, hinaus zu gelangen. Ich kenne sehr viele Leute, die es gethan haben. Alle anständigen Menschen müssen es thun, selbst wenn sie ihr Fell dabei riskiren. Jeder, der es nicht thut, ist ein Feigling, oder mehr noch, ein Verräther, der Partei für die Banditen der Kommune genommen hat. Wer unter ihnen bleibt, den betrachte ich als zu ihnen zugehörig. Nun, Sie wiffen wohl, was ihrer wartet, nicht wahr? Diese Schufte entehren das Land, sie werden von den Preußen besoldet; sie haben die Vendöme- säule niedergeworfen, angesichts des fremden Siegers, der unserenBodcn unter die Füße tritt; alles das verdient Züchtigung. Feuer und Blut wird an Paris gelegt werden, um es von einer solchen Schmach zu reinigen. Ich bin stolz daraus, einen Rang in der Armee der Ordnung zu bekleiden, die dieses Geschäft verrichten wird. Ich werde dabei ohne Mitleid ver- sgjjrfst, ich schwöre es Ihnen. Ich bin Soldat, Patriot, ein Mann der Pflicht und der Ehre, ich, mein Herr! Sie, Sie sind das Gegentheil davon; aber wenn Sie es auch in bezug darauf sind, daß sie bei diesen Mordbrennern bleiben, um so schlimmer für Sie! Das wird mich nicht abhalten, meinen Instruktionen nachzukommen, wie immer sie auch lauten mögen. Ich habe Sie gewarnt. Es steht Ihnen jetzt frei, sich zn entscheiden, ob ich unter den niederträchtigen Schuften, die ich zu bestrafen haben werde, einen Menschen zählen soll, der meinen Namen trägt. F. B. de Roncieux, Kapitän im 27. Linien-Regiment der Armee von Versailles." „Nun!" nahm Cesarine wieder das Wort, als sie sah, daß ich Schweigen bewahrte.„Was sagen Sie? Welchen Entschluß wollen wir fassen?" (Fortsetzung folgt.) ZVasnev unv der Vevfsll dev GesemAS&mrfl. Von Dr. M. Alfieri. Ga-tano Carpani, ein italienischer Komponist des vorigen Jahr- Hunderts, rief den deutschen Musikern vorwurfsvoll zn:„Ihr lehret i» Eure» ausgefckwitzte» und nur durch langes Sitzen ansLicht gequälten Partituren der Statur vollständig den Rücken und opfert der Ueber- treibung des dramatischen Ausdrucks allen Gesang auf" Könnten diese warnenden WortenichtdermodernenRichtung entgegengehalte» tverden, die mit der wüsten Ueberfluthung aller Harmonienschranken und krassen Häusling aller Effektmittel der Mnsik'cine reichere Charakteristik ver- leihen und den»lusikalischcn Stil durch eine genial Ihuende, bizarre und schwülstige Schrankenlosigkeit bereichern will? Die uralte, alleinige Wahrheit, daß echte Kunst überall bedeutungsvollen GeHall in schöner Form fordere und gebe, ist in dem Naturalis- mus unserer Zeit untergegangen, die ftzr Händel's Wort:„Die Kunst ist nicht zur Unterhaltung der Menschen/ sondern zu ihrer Hebung und Veredelung bestimmt", keine Empfindung hat. Die einfache melodische Erhabenheit Gluck's, der man allerdings nur mir vor- nehmer Gesangskunst, nicht mit stimmlichem Prunke bciznkommen vermag, sowie das blühende Mozart'fche Orchester, in dem jedes Instrument obligat im feinsten Dienste des Ganzen lebt, werden von Zeitgenossen, welche vom Blechspektakel unserer Musiksymboliste» das Heil aller musikalischen Kunst erwarten, mit mitleidsvollem Achsel- zucken abgethan. Parallel mit dieser dekadenten Dekorationsmusik geht der Verfall der Gesangskunst, und es bleibt für uns ein Wunder, wenn eine Künstlerin gleich einer Märchcngestalt die Erinnerung an das verloren gegangene Paradies altitalienischer Gesangskunst wiedererwcckt. Der künstlerische Begriffsinhalt der letzteren ist im Laufe der Zeit selbst in Italien leider vollständig umgeprägt geworden und viele Akzente, welche man heute im Süden bejubelt, sagen uns, die wir weit entfernt sind, einseitige Lobredner der gewöhnlichen und unlängbar kalten norddeutschen Vortragsinanier zu sein, als dem Wesen der Kunst, der Wahrheit und Schönheit nicht entsprechend, nur wenig zu. Eine einzige Schule ist es. die wir im Reiche des Gesanges anerkennen, d. i. die große alt-italienische, die beide Tonarten des Ausdrucks, lyrische Zartheit und dramatische Passion, ganz gleichmäßig in sich vereinigt« und allen wirklich großen Kunst- lern, mochte» sie von Süd oder Nord stammen, eigen war. Sie darf nicht mit dem ausartenden Mißbrauch einer Gcsangsbildung verwechselt werden, welche die bloße Fertigkeit über de» poetischen Ausdruck, über die richtige Dellaniano», über die dramatische Wahrheit setzt. Ihr gilt die Eitelkeit der Gesangsvirtuosen nichts, sie kennt nur wahre Künstler, keine musikalischen Automaten. Mit ihr muß man die italienischen Opern Mozart'?, der wie keiner vor und nach ihm Anmnth und 5tunst mit drmatischer Wahrheit zn verbinden wußte, bewältigen, init ihr ist man den Schwierigkeiten der„Briesarie" und der ziveiten Arie Don Ottavio's im„Don Juan" gewachsen. Die Annahme, daß die Allmeister des Kunstgesangs nur auf eine einsörnuge Vortrags- und Verzierungs- manier, auf technische Kehlfertigkeit hauptsächlich hingearbeitet hätten, ist völlig unrichtig; ihre für alle Zeiten mustergiltige Methode beruhte vielmehr auf der Ausbildung des getragenen Ge- sanges, des reine», schönen und vollen Tones. Und erstrebte Wagner, der sich melodisch immer da am schönsten entfaltet, wo er seinem durch polemisch-reformalorische Schriften glänzend vertheidigten Systeme untreu wird, etwas anderes in bezug auf Gesangskunst, als was de» altitalienischc» Meistern als Basis alles Singens erschien? Sowie an Wagner's Opern gerade das besriedigend und erhebend wirkt, was nicht als praktische Bethätigung seiner in„Tristan und Isolde" zur Reise gelangten Resorm- theorien anzusehen ist, so verlangte er auch für die Dar- stellung seiner Gestalten im letzten Grunde eine Gesangskunst, die sich in der Oper der Vergangenheit als gut und zweckmäßig, als dramatisch wahr und musikalisch schön erwiesen hatte. Durch die von Wagner schließlich strikt durchgeführte Auflösung der Oper in eine Reihe von Reeitationen ohne Rnhepunkte, durch die Verbannung und Erdrückung der Cantilene� und Melodie zu gunste» der Mannigfaltigkeit der musikalisch-dramalischen Charakteristik, durch den zugleich dramatisch wahre»»lud iimftkalisch gehaltvollen, erhöhten Ausdruck seiner Deklamation, durch alle die Mittel, mit denen er der, angeblich im letzten Todeskampfe dahinsiechenden Oper seiner Zeit ein leuchtendes Zukunftsbild entgegenhalten wollte, ist jener vom Meister selbst kauni erwartete Gesangsstil erstanden, den Trägheit, Bequemlichkeit, Unfähigkeit und Eitelkeit der Sänger als den allein prcisivürdigen für den„dramatischen Gesang" erhoben. Passagen- und andere technische Uebnngen, in die ein guter Sänger ferne Anklänge von tiefem Geiühl und wahrem Ausdruck zu legen weiß, wurden als Uebertreibungen eines leeren Rouladenweseus, als lächerliche Ueberflüssigkeiten bei Seite gelassen, und die Ueberzeugung, daß die Höberen Aufgaben der Oper doch gebildete Sänger voraussetzt, welche ihr Instrument zu spielen gelernt haben, verlor jeden Werth gegenüber den« für die wahre Gesangskunst geradezu verhängnißvollen Gesangsideal, das der oberflächlichste und dreisteste DileUantismus„Wagnersängerei" benannt hat. Mit einem glücklichen Stimmorgan, etwas drama- tischer Anlage, mit einigen, von einem ausgedienten Schau- spieler einstudirten Posen und Stellungen wird ei» der- artiger„Künstler" als Lohengrin und Tannhäuser„fertig" hingestellt, ohne daß auch nur daran gedacht worden wäre, ihin die allgemeinsten musikalischen Begriffe beizubringen, die gröbsten Mängel der Stimmbildung und Aussprache zu beseiligen und etwas wie eine geistige Durchdringung der Figur zu verleihen. Vor allem wird ans kräftiges Hervorbringen, auch Heransschreien der hohen und höchsten Töne, zu dem sich meist ein widerliches Würgen in der tieferen Lage gesellt, hingewirkt, und da einer ebenso liebenswürdigen als der Beurtheilung unfähigen Hörermajorität nichts größeren Beifall abringt, als eine kräftige und wohlklingende Stimme bei leidlich richtigem Gehör, so kann es nicht fehlen, daß nach Jahr und Tag der geseierte„Wagnerlenor" von aller Welt zu den Sternen erhoben wird. War es wirklich Wunsch und Absicht des großen Bayreuther Genius, war es ihm gänzlich gleichgiltig, daß den sich auf ihn beziehenden Sängern die ersten Grundelemente ihrer Kunst fehlten, da sie weder zwei Töne richtig verbinden, weder eine einfache Verzierung. einen Mordanl, machen konnten, noch von der gleichmäßigen Ausbildung der Stimmlagen, von dem Gebrauch der Stimmregister einen Begriff hatten? Wollte er nicht vielmehr zur Befriedigung seiner hohen künstlerischen Anforderungen Gesaugskräfte, welche geistig und technisch den Stoff behcrrschlen, nichl von diesem be- herrscht werden, und durchschaute er nicht jene sogenannten„großen" Sänger, die»icbts gelernt haben und sich mit Gewalt auf seine schweren Charakterrollen werfen? Wußte er nicht, daß sich die Mängel an materieller Ausbildung des Organs auch beim getragenen und deklamatorischen Gesang zeigen. daß man einen vollkommenen Triller und chromatischen Laus machen, und doch dabei ein großartiger Heldensäuger sein könne. daß man durch Macht und sympathischen Klang der Stimme, selbst durch warme Empfindung wohl Juteresse erregen könne, aber dennoch ohne Ucberwindung und vollständige Beherrsciiung des mechanischen Theiles ein Dilettant bleibe, dem die höhere Weihe der Kunst und der Anspruch ans de» Name» eines Künstlers versagt werden müsse? Nein, Wagner bewies durch die Wahl seines Festspielpersonals, welcher Mißbrauch mit seinen gesang- technischen Reformen getrieben worden. Unter den damaligen Er« wählten befand sich auch nicht Einer oder Eine, welche durch sogenannten„ausdrucksvollen" Vortrag de» Mangel einer gründ« lichen Schule zu ersetze» oder zu entschuldigen gesucht hätten. Die größten Schwierigkeiten wurden mit Sicherheit und Reinheit über- wunde», weil Jeder Herr seines Instrumentes, der Kehle, war und die Anstrengung der Leistung nicht merken ließ. Ihr Unterricht war beendet, bevor sie die Ausübung ihrer Kunst begannen; sie hatten im Gegensätze zu jenen Sängern mit guten Naturanlagcn, warmem Gefühle und regem Knnsteifer, die als bereits ausübende Künstler ans de» Rath wohlmeinender Sachverständiger noch fleißig Schule nachholen müssen, ihr künstlerisches Gebäude auf den nöthigen Grundfesten aufgebaut. Vor allem aber bewies Wagner durch die Heranziehung der aus- gezeichnetsten Gesangskräste, daß es für ihn keine französische, italienische, deutsche Schule, sonder» in bezug ans Gesangskunst über- Haupt nur eine Wahrheit gäbe, keine italienische, deutsche oder fran- zösische Wahrheit. Diese eine Wahrheit ging aus der einen wahren Gesangsschule hervor, welche nur deshalb als die„italienische" bezeichnet wird, weil sie zufällig in Italien, wo sie von den klimatischen Verhältnissen und der Kunstliebe vieler Höfe unterstützt wurde, zuerst feste Regeln und bestimmte Methode angenommen und von dort aus die ganze kultivirte Welt durch mehr als zwei Jahrhunderte mit Sängern und Gesanglehrern versorgt halte. Diese Schule hat keine besonderen Geheimnisse, welche nicht für jede Nationalität und jede Jndivi- dualität passend wäre; sie bat keine ungewöhnlichen Hilfsmittel und strebt immer nur die Erweckung des SchöndeitsgefühlS in bezug auf Klang und Tonverbindung, auf richtigen Ausdruck und Geschmack des Vortrags an. Auch sie hat den großen und schönen Ton zur Voraussetzung, welchen Wagner für das tiefe Pathos seines Dekla- mationsstiles verlangt. Und ist mit seinem Namen der Niedergang der Gesangskunst verknüpft, so tragen daran die übereifrigen, unverständigen Jünger und Epigonen des Meisters schuld, welchen die deutsche Gesangskunst außerhalb der einen Wahrheit und der einen wahren Gesangschule steht. Die Widerhaarigkeit ihrer Hllnenopcrn will den Triuinph feiern, nicht blas alle guten Stimmen zu ruiniren, sondern auch jeden Begriff eines kunstgemäßen maßhaltenden Vortrages zu verlöschen. Ihren Kunstprinzipien und der daraus resultirenden Gesangskunstanschanung mag das Wort Kant's gelten:„Ein rohes Gemülh wird mit dem Tone eines Nachtwächters zusricden sein, aber ein erhöhter und verfeinerter Sinn kann nur an einem schönen Tone Vergnügen finden."— Kleines Fouillekon. — Ist Andree nmgekonlmen? Ans Amsterdam liegt folgende Depesche vor: Der„Nienwe Rotterdamsche Conrant" erfährt aus Grimsby von dem Kapitän eines holländischen Dampfers aus Dordrecht folgendes:„Nach meiner Ankunft in Grimsby erfuhr ich von Andree's Ballonfahrt. Im Weißen Meere hatte ich einen fremdartigen Gegenstand bemerkt, ich konnte nicht feststellen, was es für ein Gegenstand war. Ein Schiff konnte es nichl sein, da er weich und beweglich war; ein todter Walfisch, welcher schon so weich gewesen, hätte einen üblen Geruch abgeben müsse», während um den fragliche» Gegenstand nur einzelne Vögel statterle»; ich schließe daraus, daß der Gegenstand ein Stück des Ballons gewesen sein muß. Ich bemerkte den Gegenstand am 17. Jnli vormittags auf Kg» 38'»ördl. Breite und 35» 34' östl. Länge.— Theater. — Einer soeben erschienenen Statistik über die Thätigkeit des Wiener Burgtheaters in der abgelaufenen Saison ist zu entnehmen, daß im ganzen 278 Mal gespielt wurde. Diese 278 Vorstellungen boten Gelegenheit, 114 Stücke von 72 Autoren 327 Mal zur Darstellung zn bringen. Und zwar gelangten 27 Tranerspiele 72 Mal, 40 Schauspiele und dramatische Gedichte 149 Mal und 47 Lustspiele und Possen 108 Mal zur Aufführung. Das Repertoire setzte sich ans Bühnenwerken aller Kultnrnatione» zusammen und zwar wurden gegeben: von 40 deutschen Autoren 73 Stücke 228 Mal, von 23 Franzosen 23 Stücke 56 Mal, von 3 Engländern 9 Stücke 26 Mal, von einem Norweger 3 Stücke 8 Mal, von 2 Italienern 3 Stücke 4 Mal und von je einem Spanier und einein Ungar je 1 Stück 1 Mal. Die klassische Dich- trnig Griechenlands war gleichfalls mit einem Stücke einmal ver- treten.— Aus dem Thierlebe». — Wie die Schlangen sich ernähren. Der äardii» des plantes in Paris besitzt eine südamerikanische Boa. die der Gegenstand intereffanter Beobachtungen in bezug auf die Art ihrer Ernährung ist. Sie ist wenigstens 20 Fuß lang»nid hat während sechs Jahren nur 34 Mal Nahrung zu sich genommen, somit durch- schnilllich 5 Mal im Jahre, und zwar in Zwischenräumen von 23 bis selbst 204 Tagen. Das Thier regelt seine Mahlzeiten selbst, indem es seinen Hnnger durch eine charakteristische Unruhe und Unbehaglichkeit zu erkennen giebt. Das Futter der Schlange hat beinahe nur aus kleinen Ziegen bestanden, obgleich sie auch 3 Mal Kaninchen und 1 Mal eine Gans verschlungen hat. Das größte Thier, welches sie sich ein- verleibt hat, war eine junge Gais im Gewichte von 26 Pfund, was ungefähr ein Sechstel ihres eigene» Gewichtes ausmachte. Es ist übrigens eine bekannte Thalsache, daß Schlangen Thiere verschlingen können, beinahe so groß, wie sie selbst, und so ward vor etlichen Jahren in der Menagerie des Museums eine gehörnte Biper darüber deiroffen, als sie ihre» Gefährten in der Gefangenschaft, eine noch größere� französische Viper als sie selbst war, verschlang. Dabei schien die gehörnte Viper keinerlei Unbehaglichkeit infolge ihrer Mahlzeit zu empfinden. Eine Schlange ist mit einem Verdaunngsapparat von immenser Leistungsfähigkeit begabt, und die Rückstände einer jeden Mahlzeit werden gewöhnlich aus einmal nach Verlauf weniger Tage entleert.— Medizinisches. — lieber den gesundheitlichen Werth des Singens schreibt Dr. Barth im„Archiv für Laryngologie«nd Rhinologie": Läßt man bei der Beurtheilung des Singens den ästhetische» Gesichtspunkt außer acht, dann stellt das Singen eine rein körperliche Uebung dar, die aus andere körperliche Verrichtungen und Vorgänge eine gewisse Rückwirkung haben ivird. In erster Linie ist das Siirgen von: Athmcn abhängig, der Sänger braucht einen viel größeren Lnftvorrath als jemand, der in gewöhnlicher Redeweise spricht; das Singe» wird also die Lnngenlbäligkeit am »leisten beeinflussen. Jedes Organ ist übungsfähig, also auch die Lungen. Durch Uebung vermag der Sänger die Luftmenge, welche die Lungen bei der Alhmung aufnehmen können, außerordentlich zu vergrößern. Der Tenorist Dr. Gnu, ivar im stände, ein ganzes Lied aus Schumann's Dichterliebe,„Die Rose, die Lilie" in einem Athen, zu singen. Bei gewöhnlicher Athmung werde» die Lungen weder so stark ausgedehnt wie bei der angestrengten Einatbmung, noch so stark verengt, wie bei kräftiger Ansathmung. Beim ruhig alhmende» Menschen macht der Brustkasten nur geringe Schwankungen; er athmer für gewöhnlich nur 500 Kubikzentimeter Luft ein und aus, d. i. V«— H' des Fassungsvermögens seiner Lunge. Ter Sänger dagegen macht nicht blos viel tiefere Athemzüge, sondern er ver- braucht aus künstlerischen Gründen seinen Alhem völlig, ehe er wieder Luft holt. Der Lnstwechsel und die Durchlüftung der Lungen ist bei ihm also viel vollkommener als bei«, gewöhnliche» Athmen.. Da nun die Sauerstoffansnahme durch die Tiefe der Athemzüge be' eiuflnßt wird, so vermögen täglich ein- bis zweimal wiederholte Gesangübungen von halbstündiger Dauer eine ausgiebigere Durch- lüfmng der Lungen und einen erhöhten Gasaustausch mit dein Blute zu schaffen. Vertiefung und Uebnng der Athmung, wie sie beim Singen stattfindet, ist aber zngleich auch Uebung der Athmungsmusknlalur. Bei liefen Athemzügen wird sast die gesammte Muskulatur des Rumpfes und des Halses in Anspruch genommen. also ein wesentlicher Bruchtheit der gesammte» Körpermuskulatur. Tiefes Athmen vergrößert nicht allein den Jnnenraum des Brnstkastens. sondern streckt auch die Wirbelsäule, und instinktiv nimmt daher jeder, der singen will, eine gerade Haltung ein— fast alle Sänger und Sängerinnen haben eine gute Haltung. Das Singe» ist also eine Muskelgyinnastik. die natürlich auf de» Stoffwechsel des ganze» Körpers zurückwirke» muß. Besonders wichtig ist. daß durch an- dauernde Athmung die Rippen und namentlich die Rippenknorpel elastischer werden. Die Athembeschwerden des Allers beruhen zum wesentlichsten Theile auf den Verlust der Elastizität der Rippen- knorpel, weil ungenügende Athembewegungen zu deren frühzeitiger Verknöcherung führen, wie die Leichenschau bei jugendlichen Schwindsüchtigen beweist. Groß ist auch der Einfluß des Singens aus den Kreislauf und den Blutgehalt der Lungen. Je tiefer die Einathmung. desto mehr Blnt wird dem Herzen und den Lungen zugeführt, desto mehr der Kreislauf"beschleunigt. Die gesteigerte Durchblutung dieses Organs ist aber ein wirksames Schutz- und Heilmittel bei Schwindsucht. Diese gehört bei den Berufssängern zu den Ausnahmen, während gerade Taubstumme, weil bei ihnen die Uebung und Vertiefung der Athmung, die die Sprache allein schon bedingt, wegfällt, außer- ordentlich häufig au Schwindsucht erkranken. Die Ausathmungsluft ist stets mit Wasserdampf gesättigt «Nd bleibt es auch, mögen die vertiefte» Alhemzüge noch so lange fortgesetzt werden. Singen bedingt also einen Wasser- verbrauch, der um so größer ist. je länger gesungen wird. Ferner erfordert die erhöhte Wafserverdunftung auch einen größeren Wasserverbrauch, somit wird also durch das Singen auch das Rachrungsbedürsniß erhöht. Jeder Sänger wird bestätigen, daß mit dem Beginn regelrecht durchgeführter und andauernder Gesangs- Übungen die Eblust zunahm— fast alle Sänger und Sängerinnen befinden sich ja auch in einem guten Ernährungszustande. Dazu kommt, daß das Singen, weil es mit ausgiebigen Zwerchfell- und Bauchivandbewegungen verbunden ist, auch rein mechauisch einen Einfluß auf die Thätigkeit der Verdauungsorgaue ausübt, gewisser- maben eine natürliche Massage. Daß alle diese Einwirkungen des Singens schließlich auf die Beschaffenheit der Ernährnngsflüssigkeit des Körpers, des Blutes, Einfluß erlangen, ist unzweifelhaft. Berück- sichtigt man weiter noch, daß das Singen eine sorgfältige Pflege des Mundes erfordert, die Nase für Luft durchgängiger macht, daS musikalische Gehör schärst, so muß inan sagen, daß das Singen eine körperliche Uebung ist, die ans die Gesundheil und das Wohlbefinden des Menschen von weitgehendstem Einfluß ist.— Bergbau. — Die Golds» nde in Klondyke. AuS Viktoria (Brit. Kol.) meldet das Bureau Neuler: Niemals in der Geschichte der Staaten des Stillen Ozeans hat solche Aufregung bestanden, wie sie sich jetzt nach den Goldentdeckungen in Klondyke geltend macht. Sie scheinen ohne Zweifel die reichste» zu sei», von denen man je gehört hat. Wie weit sich das Goldfeld erstreckt, iveiß man noch nicht. I» Kanada, auf britischem Boden, aber umfaßt es zum wenigste» taufende von englische» Quadratmeilen. Der amerikanische Geologe Dr. Dawson sagt, daß jeder Flußsnnd in der Gegend gold- haltig ist. Die größten bisherigen Goldfunde kommen von der Gegend 7S— 100 englische Meilen östlich vom 14l. Meridian, der Greuzscheide von Alaska. Nach de» hier eingetroffenen Berichten muß die Gegend fabelhaften Goldreichthui» bergen. Niemand weiß, wie viel Eold schon aus dem Distrikt fortgeschafft worden ist. Die fort- gegangenen Bergleute haben so viel mitgebracht, wie sie mit sich trage» konnten. Andere sind dageblieben, weil sie mehr Gold gefunden haben, als sie forttragen konnten. Ein zurückgekommener Bergmann erzählt, daß er fünf Gallonenkrnge voll mit Goldftaub und Gold- klumpen gesehen hat. Ein anderer erzählt, daß ans einer Stelle Goldklumpen herauskamen wie Kieselsteine. Der Bergmann Douglas McArthur berichtet, daß die Meldungen von den Goldfnnden. die an einem Tage an das Tageslicht gefördert wurden, durchaus nicht übertrieben sind. Die schwierige Frage, die sich einstweilen erhebt, ist die, wie Lebensmittel während der Winlennonate dahin befördert werden sollen, z Gewöhnlich sieht sich allerdings jeder nach Klondyke reisende Bergmaun für den Fall vor. Aber der Zudrang ist jetzt enorm. Jeder von hier nach dem Norden fahrende Dampfer ist übervoll. Aiff Monate voraus sind schon die Fahrkarten gelöst. Die gesammte Eut- fernung von Victoria beträgt 6000 englische Meilen.— Ans Great Falls, Montana, wird berichtet: Der alte Bergmann Frank Maß, der IS9Z nach Klondyke reiste, sagt:„Das Klondyke-Goldfeld liegt auf einem 3000 Fuß hohe» Felsen. Gold ist eine Menge da. Aber wenige Menschen können die Mühseligkeit des dortigen Lebens er- tragen." Moß war ein starker, sechs Fuß hoher Mann. Jetzt ist er ein Krüppel. Seine Gesundheit ist völlig gebrochen.„In drei Jahren," sagt er,„habe er bei Klondyke 2000 Gräber graben sehe». Die meisten Tobten waren verhungert. Die Menge des nach Verantwortlicher Redakteur: Angnst Jacobct, in B Francisco gesandten Goldes ist todten Bergleuten abgenommen worden. Das reichste Goldfeld ist aber in Alaska. ES heißt„daS schwarze Loch von Kalkutta". Frühere Sträflinge bebauen es. Morde sind unter ihnen an der Tagesordnung.— Humoristisches. — Wer andern eine Grube gräbt... In einem Dorfe bei Liebenwalde befanden sich jüngst eines Abends spät noch verschiedene Gäste in einem Wirlhshause. Um Mitternacht gebot der Polizeidiener Feierabend, und als die Gäste seiner Aufforderung, das Lokal zu verlassen, nicht Folge leisteten, erklärte er sie allesammt, zwölf an der Zahl, für seine Arrestanten. Sie folgten ihm darauf nach dem Orlsgefängniß, wo er sie einsperren wollte. Der Sicherheitsmann öffnete die Zellenthür und trat zuerst ein; da schlug die Thür plötzlich hinter ihm zu, und alle Arrestanten blieben draußen, während er der alleinige Gefangene war. Die Arrestanten versnchle», den Hüter des Gesetzes ans seiner Falle, in die er selbst gegangen, zu befreie». Es ging nicht. Da kehrten sie nach dem, vom Feierabendgebot betroffenen Gasthause zurück«nd unterhielten sich noch einige Stunde» über das Mißgeschick des Polizeidieners.— — Verletzter Ehrgeiz. Herr:„Aber mein lieber Junge, wie kamst Du den» dazu. Dich todlschießen zu wollen?"— Junge:„Ja, der jüngste Sohn des Landesfürsten ist erst acht Jahre alt und ist schon kommandirender General, und ich bin schon elf Jahr« und habe»och nicht mal das Einjährige und da hat mich mein Leben nimmer gefreut."—(„Simplicissimus.") Vermischtes vom Tage. — Für die B r e h m' f ch e V o g e l s a in m l n n g hat der Londoner Rothsa-ild 15 000 M. gezahlt. Sie wird ihren Platz nicht. wie es zuerst bicß, in einem Londoner Museum finden, sondern in dem eigenen Museum Rothschild's in der Stadt Tring.— — In Are m e n gingen die Getreidemühle von Erling mit große» Mehl- und Getreidevorräthen und zwei Nachbarhäuser in Flammen auf.— y. Ans dem Wege von Heils(Jütland) nach HaderS» leben wurde ein Handwerksbursche ermordet. Sein Reisegefährte wurde verhaftet.— h. Tuttlingen, 27. Juli. Eine eigenthümliche Erscheinung ist in der Näbe des benachbarten Möhringen zu beobachten. Die Donau, die in ihre» beiden Quellflüssen Briegach und Breg schon sehr stark ist, versickert plötzlich, so daß sie ganz aufhört und in Tuttlingen schon das ganze Donnnbelt ausgetrocknet ist. Das versickerte Waffer kommt dann bei Singen als Aach wieder ans Tageslicht.— — Der bisherige Präsident des Wiener Rennverbandes für Radfahrsport ist verHaftel worden. Er soll dem Verband 3000 M. veruntreut haben.— — Die belgische P o st v e r w a l t n n g bereitet für das ganze Gebiet des Brüsseler Genieindeverbandes eine Einrichtung vor, Postpackete, Briefe und Karten gegen eine Gebühr von 15 Cent. (12 Pf.) durch Eilboten zu bestellen, die mit Fahrrädern verschen werden. Schon gegenivärlig ist der Eilbotendienft in Brüssel so ein- gerichtet, daß an jedem Wagen der Straßenbahn kleine Kasten an» gebracht sind, in die man Eilbriefe und Karten gegen die auch im Wellpostverkehr übliche Gebühr von 30 Cent, einwirft und die dann an den Kreuzungspunkten geleert werden: von dem nächsten Post- amt wird die Bestellung unter thunlichster Benutzung der Straßen- bahnen veranlaßt. Dieser Dienst bietet«inen Ersatz für die Stohrpost.— — Baron Mackau soll wegen des Bazarbrandes in der Rue Jean Gonjoii zu Paris gerichtlich verfolgt werden. Mackau war Vorsitzender des Bazar-Komitee's.— — Vom Vesuv wird eine merkliche Bewegung der Lava» massen gemeldet. Der Kraler hat eine große Menge Asche auS- geworfen.— — Auf dem Bahnhofe von A r c a d i l l a(Spanien) hat ein Zusammenstoß ziveier Züge staltgefunden, bei dem 13 Personen ver- letzt wurden.— — N a r r e n p r e i f e. In L o u d o n sind unlängst für zwei Marken von der Insel Mauritius 32 000 M. bezahlt worden.— — Die englischen Pserde-Wettrennen kosten jähr- lich 3 000 000 Pfund Sterling. Die Preise im Betrage von 300 000 Pfund Sterling jährlich sind nicht mit darin eingeschlossen. Was für Wetten ausgegeben wird, ist nicht zu berechnen.— — Bei einer großen Feuersbrunst ans dem Güterbahnhofe' der Kasan'schen Bahn i» Moskau verbrannte» ungefähr 300 Waggons mit Getreide, 15 Waggons mit anderen Gütern, 5 mit Naphtha ge- füllte Zisternen, ein Schuppe» mit Manufakturwaren und etwa 100 leere Waggons.— — Im Jahre IStll gab es in Rußland 631 Klöster, darunter 235 weibliche. Sie finden sich über das ganze Reich zerstreut, Livland und Kamschatka allein ausgenommen. Sie befinden sich fast alle außerhalb der Slädte, in landschaftlich meist tresslicher Lage.— — Bei dem Theaterbrand in Padueah in Kentucky (Nordamerika) ist niemand umgekommen. Einige Personen wurden verletzt.—_ rli». Druck und Berlag von Max Babing in Berlin.