Mnierhallungsblatt des Jorwärls Nr. 148. Freitag, den 30. Juli. 1897. (Nachvruil verboten.) LOZ Eesavino. von Jean Richtpin. Ueberscht von H. L. Ich vermochte, ihr auseinanderzusetzen, daß der Kapitän durchaus kein solches Ungeheuer sei, wie sie denke, sondern daß er vielmehr krankhafte Begriffe von Ehre, Patriotis- mns und Disziplin habe, daß man von dieser Aufregung absehen müsse; und daß schlimmsten Falles ich ja da sei, um zu beweisen, daß Paul in keiner Weise der Kommune gedient habe. So ginge denn meine Meinung dahin, dem Genesenden den Brief nicht zu zeigen, da er ihn zu sehr erschüttern würde, und dem er übrigens doch nicht gehorchen könnte. „Warum denn! fragte mich Cesarine.„Ihn aus Paris heraus zu bringen. Aber ich nehme das auf mich. Ich werde Himmel und Erde in Bewegung setzen. Hat denn nicht Hcurtault Freimde, die uns einen Passirschein verschaffen können? Was nieinen Vater anbetrifft, so ist er ein schwacher Greis, ein Ausländer; man kann ihn sicher nicht verhindern, mit uns zu kommen. Dann ich, ich reise auch mit ab. Ich werde Paul wegführen. Ich will nicht, daß er hier bleibt, dem Zorn, der Rache dieses Mannes, den ich fürchte, ausgesetzt. Oh! Um jeden Preis werde ich ihn retten, ich muß es/ Sie sprach rasch, sie hatte in dem Schrecken, den sie nicht demeistern konnte, offenbar ganz den Kopf verloren. Um sie zu zwingen, kühler zu überlegen, sagte ich ihr: „Und die Geldsrage, Fräulein?" Sie zögerte eine Sekunde; und dann schrie sie, indem sie in ihrem Heldeumuth jede Scham vergaß: „Um so schlimmer! Ich werde mich an Herrn Bochard wenden. Ich werde ihm alles versprechen, was er will. Ich werde lügen. Ich werde betrügen. Ich werde niederträchtig handeln. Aber ich werde Panl retten. Oh! Da das arme Kind so wenige Tage noch zu leben hat, so soll er sie wenigstens glücklich verleben, und glücklich durch mich. Nichts wird mir zu theuer sein, um das zu erreichen, nichts!" Ich versuchte noch, sie zu beruhigen, sie von dem Plan zurück- kommen zn lassen, der mir nuvernünftig erschien, und ihr zu beweisen, daß es vernünftiger, für die Gesundheil Panls zweck- mäßiger sei, daß es mehr im Interesse seines Glückes läge, wenn er ruhig in Paris bliebe. Sie wollte mich nicht hören. Die schreckliche Drohung des Kapitäns brachte sie ganz von Sinnen. Sie sah nur das, sie dachte nur daran, sie wiederholte nnauf- hörlich: „Aber dieser Mensch haßt ihn, er wird ihn tödten. Er ist ein Ungeheuer, sage ich Ihnen." Ich drang in sie und sprach ihr davon, daß allein schon die Lektüre dieses Briefes Panl übel bekommen könnte, und daß man ihn ihm doch übergeben müßte, um ihn zn dem Entschlüsse zu bringe», Paris zu verlassen. „Ohne Zweifel," entgegnete sie mir.„Aber das Schlimme, das er von ihm davontragen kann, ist nichts im Vergleich von dem, was ihm dieser Mensch zudenkt. Und setzen sie den Fall, daß ich Sie anhöre und daß wir blieben; wäre es dann nicht meine Schuld und auch die Ihre, wenn dieses wilde Thier seine Instruktion, wie immer sie auch lauten mag, erfüllt, wie er sich dessen rühmt, wenn dieser Vater zum Mörder an seinem Sohne würde, während wir das jetzt alles vermeiden können, indem wir Paul den Brief zeigen und ihn so zwingen, abzureisen? Das ist es, was wir thun müssen, nichts anderes, glauben Sie mir." Obwohl ich deutlich sah, daß diese schrecklichen Gründe ihr von der äußersten, von der wahnsinnigsten Furcht eingegeben seien, bengte ich mich doch vor ihnen. Da erst kam Cesarine wieder zu sich, und ihre rasche, geistige Klarheit kehrte wieder zurück, um die Mittel z» besprechen, die die fest entschlossene Abreise ermöglichen sollten. Wir kamen übcrcin, daß wir uns jeder besonders aufmachen sollten. ich um durch Heurtault's Vermittelung den Passirscheiu zn erlangen, sie. leider! un» von Bochard das Geld zu erhalten. Wenn wir den Passirschein und das Geld hätten, wollten wir Panl von dem Briefe seines Vaters Kenntniß geben, um ihn dann sogleich zu überzeugen, daß er gehorchen müsse;— und dann fort von hier! Cesarine ging beruhigt, fast lächelnd iveg, und ich las noch einmal mit ruhigem Blute die verhängnißvollen Worte des Kapitäns. Während ich las, erinnerte ich mich, wie er mir im Restaurant zu Besan?on wüthend zugerufen hatte: „Ich habe gethan, was ich thun wollte. Und ich habe wohl gethan. Entweder hält man die Ohren steif, oder man hält sie nicht steif. Wenn ich noch einmal handeln müßte, so würde ich ebenso handeln..." Und ich sah ihn im Geiste wieder, wie er die Plünderer des Proviantwagens in Respekt hielt, den Revolver in der Faust, den Kopf schüttelnd, die kleinen Augen ganz mit Blut unterlaufen wie ein gestellter Eber, und in seinen borstigen Schnurrbart fluchend: „Verflucht und vermaledeit!"—— xvn. Wir brauchten sechs Tage, ehe wir den Passirscheiu er- halten konnten. Wir mußten erst ein Attest des Doktors V... — des Professors, der Panl untersucht hatte— beibringen, in dem bescheinigt war, daß Paul absolut un- fähig sei, Militärdienste zn leisten, und ebenso eine Bescheinigung der Mairie, daß Szasz Miklos Ausländer sei. Erst nachdem durch diese Atteste das Mißtranen der Polizei- Präfektur beseitigt worden war, hatte sie sich entschlossen, die Schriftstücke auszustellen, die Szasz. Cesarine und Paul erlaubtet,, Paris über Viuceuncs zu verlassen. Cesarinen war es sogleich bei Bochard geglückt: sie hatte einen neuen Vorschuß von zweitausend Franken erhalten. „Aber diesmal," sagte sie mir,„ist mein Gewissen be- ruhigt. Ich habe Herrn Bochard einen Schuldschein über die ganze Summe, die ich ihm schulde, ausgestellt, und darin ist ausbedungen, daß ihm das Eigenthumsrecht an der Bibliothek zufällt, wenn ich sie ihm nicht binnen Jahressrist zurückzahle." „Warunl haben Sie das gethan?" fragte ich. Mit einem wunderbar strahlenden Blicke antwortete sie mir: „Das ist sehr einfach. Weirn ich in einem Jahre au dem Tode Paul's nicht zn gründe gegangen bin, werde ich Herrn Bochard die ganze Wahrheit sagen: Daß ich die Geliebte eine? Anderen gewesen bin, daß ich also nicht seine Frau sein könne, und er mag sich sein Geld in der ausbedungenen Form zurück- nehmen. So wird mir niemand, selbst dieser Man» nicht, einen Vorivurs machen können." „Aber wie werden Sie und ihr Vater dann leben können?" „Ich werde arbeiten", entgegnete sie.„Ich iverde Stunde» geben." „Aber wenn er allein zurückbleibt?" „Er hat eine Rente von sechshundert Franken ans Lebens« zeit. Damit und durch unseren alten Freund ist für seine Be- dürfnisse gesorgt." Sie sagte mir das mit so überlegenem, fast kalten Tone, daß ich in Erstaunen gerieth. „Sie sehen," fuhr sie fort,„daß ich keine überspannte Person, keine Närrin bin, daß ich vielmehr ganz logisch und ruhig denke. Das kommt ohne Zweifel von der Beschäftigung mit der Mathematik her. Aber Sic können daraus schließen, daß ich selbst bei nieinen leichtsinnigen Streichen die Logik nicht vergesse." Und sie schloß mit einem seltsamen Lächeln: „Alles im Leben, selbst die außerordentlichsten Dinge voll- ziehen sich, im Grunde, nach bestimmten Gleichungen." Ich habe seitdem oft an das Seltsame in diesem Aus- sprnche gedacht, den ich in jenem Augenblick fast gar, licht ver- stand, und den ich auch heute noch nicht, wie ich gern gestehe, vollständig verstehe, der mir aber doch einen Lichtstrahl aus das Dunkel dieser mystischen Seele zu werfen scheint. Offenbar bestimmten sich für Cesarine die Empfindungen, die Gefühle, der Wille und selbst die Leidenschaften in anderer Weise als bei anderen Frauen. Sie blieb der Mathematiker selbst in der Liebe. Aber durch welchen seinen Mechanismus verbanden sich und beeinflußten sich in ihr der Geist des Mathen, atikers»nd das Herz einer Heldin? Ich war da,„als zu jung,»in, daraus zu achten und es zu beobachten. Und hente, wenn ich darüber nachdenke, stelle ich mir vor, daß nie- mand auf der Welt außer ihr ihre Lebensgleichung hätte auf- lösen können. So viel ist sicher, daß ich bei'diesei,«moralischen Gleichungen" nur die„Wurzeln", das heißt die resultirenden Handlungen gesehen habe. Ich muß mich aber darauf be- schränken, diese Handlungen zu erzählen, wie sie sich abspielten, nur die einzelnen„Punkte" anzugeben, und es Scharfsinnigen über- lassen, rückwärts die psychologischen„Coordinaten" zu er- Mitteln. So viel ist in der That gewiß, daß sie, wie sie sagte, auch bei ihrem gegenwärtigen leichtsmnigen Streiche die Logik nicht außer acht gelassen hatte. Sie hatte für diese Abreise alles arrangirt und in Ordnung gebracht und selbst ihr Gewissen. Bei dem Problem, das für sie zu lösen stand, fehlte ihr nur noch ein einziges Element, und dessen glaubte sie sich sicher, nämlich der Einwilligung Paul's. (Fortsetzung folgt.) (Nachdruck verboten.) Das Gemittev. „Wenn die Wolken gethürint de» Himmel schwärzen, Wenn dumpftosend der Donner hallt, Da, da fühlen sich alle Herzen In des dunkeln Schicksals Gewalt." Das Unbekannte und Uebermächtige, das der Mensch nicht meistern kann, dessen Bedingungen er nicht kennt, übt die größte Ge- walt über ihn aus. Von der Natur fühlte er sich in jeder Beziehung abhängig, und deshalb brachte er den einzelne» Naturgewalten göttliche Verehrung entgegen. Als Sinnbilder der geheimnißvolle», alles Leben beherrschenden Mächte sah er wohl vom Himmel gefallene Steine und dergl. an, die er als Fetische anbetete. Mit znncbineuder Erlenntniß schwand die Furcht und das Grauen vor dem Unbekannten und in dein Maße, wie man die Natur zu beherrschen lernte, wurde sie entgöttert. Wenn wir im dninpf tosende» Donner heute auch nicht mehr die grollende Stimme der zornigen Gottheit zu höre» meinen, die ihren Zorn verderbenbringend belhätigt, indem sie de» zackigen Blitz in die menschlichen Wohnstälten schleudert, wenn ivir auch wisse», daß eS sich hier um natürliche Erscheinungen handelt, die dem Wille» einer in unsere Geschicke eingreifenden Gottheit eben so ferne stehen, als der regelmäßige Wechsel von Tag und Nacht, so können sehr viele Menschen eine unerklärliche Furcht vor und während eines Gewitters doch trotz dieser Erkenntniß ans keine Weise los werde». Die all- gemeine Schwüle, die dem Gewitter gewöhnlich voraufgeht, übt eine ungemein erschlaffende Wirkung auf unsere Nerven aus. und es ist erklärlich, daß unsere Widerstandskraft gegen äußere Einflüsse nach- läßt; die Gewitterfurchl, die ihre tieferen Ursachen wohl in der Erregbarkeit der Nerven für elektrische Einflüsse hat, ist daher kaum durch größere Erkenntniß zu bannen. Die besondere Erscheinung, durch die das Gewitter vor allem ausgezeichnet ist und die den besonderen Anlaß zur Furcht vor ihm giebt, sind die als Blitz bekannte», vom Donner begleiteten elektrischen Entladungen. Es ist noch nicht gar zu lange her, daß die elektrische Natur des Blitzes erkannt wurde; noch im vorigen Jahrhundert war man der Meinung, daß er durch die Entzündung brennbarer Dünste entsteht, deren Explosion den ballenden Donner und die gewaltigen zerstörenden Wirkungen veranlaßt. Die Funken, welche knisternd aus dem Konduktor einer Elektrisirmaschine gezogen werden, legten zuerst den Gedanken einer Vergleichung mit dem Blitz« nahe; je größere Apparate man baute, je stärker das Streben nach Ausgleich der elektrischen Zustände, die elektrische Spannung, war, um so ähnlicher wurden die Funken dem Blitze. Bei de» modernen Induktionsapparaten, mit denen man prasselnde Funkeuentladunaen von mehr als 50 Zentimeter Länge bequem her- vorrufen kann, springt die Analogie mit dem Blitze ganz unverke»»- bar in die Augen. Hält man zwischen die Spitzen eines Jnduk- torinms eine mit Eisenfeilspänen bestreute Glastafel, so springt der Funke zwischen den einzelnen Theilchen über und kann ans diese Weise eine noch beträchtlichere Länge erreichen. Auch der Blitz ist kaum als ein einzelner Entladnngsschlag zwischen einer Wolke und der Erde ansznfassen, sondern springt zwischen den einzelnen in der Luft enthaltenen Staub- und Dunstrheilche» über, bis er zur Erde gelangt, so daß er dadurch seine oft so gewaltige, selbst meilen- große Länge erhält. Woher die Elektrizität der Gewitterwolken rührt, ist noch keines- wegs vollständig festgestellt. Die Erde befindet sich stets in elek- trischem Zustande; da ihre Oberfläche nicht überall von der gleichen Beschaffenheit ist, so ist auch die Bertheilung des elektrischen Zu- ftandes eine sehr ungleichmäßige. An gekrümmten Erhebungen sammelt sich die Elektrizität in größeren Menge» an und strömt von hoch gelegene» Punkten, wie den Masten der Schiffe, in die Atmosphäre, wobei sie als glimmendes Büschel im sogenannten Elmsfeuer sichtbar wird. Die in der Atmosphäre schwebende» Dunsttheilchen werden bei der Berührung mit der Erdoberfläche elektrisch; auch giebt die zwischen ihnen und der Erde stattfindende Reibung Anlaß zum Entstehen einer elektrischen Ladung; wenn die einzelnen kleinen Theilchen zu einem größeren Tropfen zusammenfließe», so wird ihre gesammte Oberfläche kleiner; auf dieser wird die Elektrizität daher bedeutend dichter sein, so daß die gewaltigen Spannungen auftreten können, die zur Entstehung des Blitzes führen. Die Meinung, daß bei der Verdunstung an den Oberflächen der Wassermassen auf der Erde die Dampstheilchen elektrisch werde», ist heute von den meisten Forschern aufgegeben; dagegen hat eine andere Ansicht manche Anhänger gesunden, wonach die Elektrizität der Gewitterwolken durch die Reibung der aussteigenden Dunst- theilchen an in der Atmospäre schwebenden kleineu Eiskrystalle» ent» steht. Die hochschwebenden weißen Wölkchen, die sogenannten Schäfchen oder Cirri, bestehen hauptsächllch aus Schnee und Eis; übrigens schwebe» Eistheilche» oft auch in der Lust, ohne daß sie überhaupt von der Erde aus als Wolken erscheinen. Bei der verbängnißvollen Luftfahrt, die Tissandier, Crocs.Spinelli und Sirel am 15. April 1875 ausführten, von der nur Tissandier lebend zurückkehrte, während die beiden andere» in der Höhe von 8600 Metern de» Erstickungstod fanden, bemerkten die Luftfahrer schon in einer Höhe von 4500 Metern schwebend rings um sich eine» weiten Kreis von Schäfchenwolken, die bis zur Höhe von 3000 Metern »och erheblich zunahmen. Dabei war in derselben Zeit für die Beobachter auf der Erdoberfläche der Himmel durchaus klar und durchsichtig; in der Richtung von unten noch oben waren die Eiskrystalle sehr dünn und blieben daher durchsichtig; den Luft- schiffern dagegen, die mit ihnen in gleicher Höhe schwebten, wurden sie sichtbar, da sie sich in ihrer horizontalen Blickrichtung meilenweit erstreckten. Verschiedene Luftströmungen können längere Zeit hindurch neben einander bestehen. Der Strom warmen Wassers, der vom Caralbischen Meere und dem Golf von Mexico durch den Atlanti- scheu Ozean fließt, und die nördliche Küste von Norivegen umspült. erhält sich trotz des ihn überall umgebenden kälteren Wassers auf diesem mehr als 1000 Meilen langen Wege deutlich erkennbar; danach ist es verständlich, daß kalte Luftströmungen, welche Eiskrystalle sichren, und wärmere, in denen Wasserdampf schwebt, längere Zeit hindurch neben einander bestehen könne». Die durch die Reibung der Dampstheilchen am Eise elektrisch gewordene Massen, die sich zu schweren Wolken verdichte», werden durch die strömende Lust durch beträchtliche Strecke» fortgeführt und bilden die ost nur 1200 biS 1400 Meter hoch schwebenden Gewitterwolken, die sich allerdings auch bis zu Höhen von 4000—5000 Metern und darüber erheben. Herrscht an einem Orte sehr starke Hitze, so entsteht ein auf- steigender Luflstrom, in welchem sich der Wasserdampf kondensirt und Gewitterwolken sich bilden. Diese sogenannten Wärmegewitler. die lokaler Natur sind und sich nicht über weite Gebiete er- strecke», haben im allgemeinen keinen erhebliche» oder nachhaltigen Einfluß auf die Temperatur; allerdings fallen während ihrer kurzen Dauer reichliche Regenmengen, die dann verdunsten und hierzu große Wärmemengen verbrauchen. Aber die dadurch bewirkte Abkühlung ist nur von einer geringe» Daner, so daß oft schon nach kurzer Zeil die frühere Hitze wieder herrscht. Diese Gewitter lassen sich nicht vorherverkünde» und auch nicht für die Wettervorhersage benutzen; sie trete» während der heißesten Tagesstunden aus schnell verdichteten Wolken plötzlich ei»; doch zertheile» sich die Wolken oft ebenso rasch wieder, wie sie sich gebildet haben. Die sogenannte» cyklonischen oder Wirbelgewitter, die mit den Wirbelstürmen des atlantischen Ozeans zu uns herüberkommen, unterscheide» sich von den Wärmegewittern kaum durch andere Ur- fachen der Entstehung; sie sind ivohl auch durch aussteigende warme Luftströme, die viel Wasserdämpse mit sich führen, bedingt. Doch über- treffen sie die Wärmegewitler an gewaltiger Ausdehnung und ziehen verderbenbringend über weite Landstriche hin. Vor dreißig Jahre» wurde der Verlauf der Gewitter mit großer Sorgfalt in Frankreich studirt; in den verschiedensten Orten befanden sind Kommissionen, die ihre Beobachtungen an eine Zentralkommisfion ihres Departe- ments einsandten, wo eine Karte zusammengestellt wurde. Aus dieser wurde dann im Observatorium zu Paris eine Gewitterkarte des ganzen Landes gebildet. Durch diese Untersuchungen wurde fest« gestellt, daß die rein lokalen Gewitter sehr selten sind, während die meisten über größere Gebiete hinziehen. Um eine Anschauung von der Ausdehnung der Gewitter zu geben, wollen wir eine Gruppe erwähnen, die am 9. Mai 1865 durch Frankreich zog. Mit einem Wirbelsturme vom Atlantische» Ozean kommend begannen die Gewitter um'/sS Uhr morgens im südwestlichen Theile Frankreichs und zogen nach Nordosten weiter; um Mittag hatten sie die Gegend zwischen Poitiers und Limoges erreicht, von wo ein Theil nach Südosten zu den Cevennen sich wandte, während et» anderer Theil, der vielfach von verheerendem Hagel begleitet war, nordwärts weiter zog; um 3 Uhr abends wüthete das Wetter über Paris und west- und ostwärts daran fast bis Ronen und Troyes. Nach Mitternacht erreichten die Gewitter die belgisch« Grenze, hatten also in 16 Stunden«ine Strecke von mehr als 100 Meilen zurückgelegt. Der durchzogene Land- strich hatte eine Breite von etwa 40 Meile», so daß das Gewitter über 4000 Qnadratmeilen hingezogen war, ein Gebiet von mehr alS zehnmal so großer Ausdehnung, als das Königreich Württemberg, welches vor einiger Zeil durch ein ähnlich schweres Unwetter heim- gesucht wurde. Der Schaden, den diese Naturerscheinungen durch Vernichtung der Ernte und andere Zerstörungen hervorrufen, ist mannigfacher Art, und wir sind leider noch weit davon entfernt, uns in aus- reichendem Maße dagegen zu schützen.— Bt Vleines Feuillekon — Anstralischcs Fleisch für de» Kontinent.„Reuter's Fin. Chr." berichtet:„Wie ivir von kundiger Seite erfahren, beab- sichtigt Südaustralien im Herbst einen Versuch im großen zu machen, den europäischen Kontinent, namentlich aber Deutschland und Oesterreich, mit gefrorenem Fleisch zu versorgen. Der Ausdruck „gefrorenes Fleisch" ist allerdings in diesem Falle unzutreffend. Das Fleisch wird in Zukunft mittels neuer Vorrichtungen nur er- starrt(„dullsd") werden, wobei es fast ganz seine ursprüngliche Frische behält. Die neuen„Chilliiig-Maschinen" nehme» nur die Hälfte des Raumes der früheren„Freezing Maschinen" bei Ver- doppelung der Leistungsfähigkeit aus den Schiffen ein, so daß für Fleisch ein größerer Raum auf diesen gewonnen wird. Die Preise werden sehr billig sein. Der Grossist auf dem Kontinent wird für das Pfund Hammelfleisch 20 Pf., für das Pfund Rindfleisch den- selben Preis, für Lamm in der Saison 38 Pf. bezahlen. Diese Ver- billigung des Fleisches ist dem Umstände zu danken, daß die Schiffer, die durch hohe Frachten den Export bisher erschwerten, sich mit den Produzeuten zusammengethan und als Betheiligte am Gewinn ihre Frachten herabgesetzt haben. Die Hälfte des in Londoner Westend« Metzgerläden verkauften ist überseeisches Fleisch.— — Gemiiihlicher Zeitdienst. Emil Bessels, der Wissenschaft- liche Begleiter der amerikanischen Nordpol-Expedition unter Franz C. Hall au Bord der„Polaris", erzählt i» seinen Auszeichnungen eine ergötzliche Geschichte über de» Stand des Chronometer- Berichtigens in Neufundland vor 25 Jahren: Am folgenden Morgen wurde der obligate Besuch beim Gouverneur abgemacht. dann kehrten wir wieder zurück, um der Chronometer wegen auf den Kanoneuschuß zu warten. Das Signal ertönte; auf Deck flehend notirlen wir die Zeit nach einem Taschen-Chronometer, als wir den- selben aber kurz darauf in der Liajiite mit den eigentlichen Schiffs- uhren verglichen, stellte sich im Vergleiche zu gestern eine verdächtige Differenz heraus, die jedoch viel von ihrem gefährlichen Charakter verlor, da sie bei sämmtliche» Chronometern als die gleiche sich er- wies. Meiner Ansicht nach mußte der Schuß zu früh gelöst worden sein; um jedoch vollkommene Sicherheit zu erlangen, versah ich mich mit einem Taschen-Chronometer, der zuvor sorgfältig mit mehreren der Schiffsuhren verglichen wurde, und machte mich auf den Weg, den Kanonier zur Rede zu stellen. Nach verschiedenen Jrrgängen brachte mich ein wettergebräunter Mann, dessen Gang und Manieren den Seemann verriethe», auf die richtige Spur. Das Gebäude, welches er mir bezeichnete, war ein kleines dreifenstriges Holzhaus, mit einem mächtigen Schilde versehen, welches die ehrfurchtgedietende Aufschrist„Nauücal Acaderny" trug. Ich machte mir bittere Vor- würfe, dieses Institut eines so schwarzen Verbrechens beschuldigt zu haben, und zog, mein Gewissen zu beruhigen, rasch die Klingel. Ein alter, schwerhöriger Herr öffnete die Thür und wies mich in eine Stube des Erdgeschosses. Nicht ohne Mühe gelang es mir, mich mit dem würdigen Navigations-Lehrer und Chronometer-Regulator der Kolonie Neufundland zu verständigen, der mich bat, möglichst laut zu sdireie». Nachdem ich sein Zutrauen gewonnen, geleitete er mich durch den Hof nach einer Hütte, die Aehnlichkeit mit gewissen kleinen Gebäuden zeigte, auf deren Thüren gewöhnlich eine Zahl gemalt ist, die, wenn sie hinter einer 5 steht, derselben den Werth eines halben Hunderts verleiht. Bedächtig schob er den großen Schlüffel ins Schloß, welches geräuschvoll nachgab, und zeigte mir, nachdem wir eingetreten waren, sein Passage-Jnstrument, welches, an verschiedenen Stellen mit Bindfaden umivunden, die Spuren des Alters noch beut- sicher zur Schau trug als sei» Besitzer. Hier wird an klaren Tagen der Meridinn-Dnrchgang der Sonne beobachtet, von welchem die Zeit des Schusses abdangt. Nachdem die Sonne den ersten Faden des Instruments pafsirt hat, zündet der alte Herr eine Lunte an, und ehe der letzte pafsirt ist, eilt er nach der Kanone, den Schuß zu lösen. Daß es hierzu zuweilen mehr, zuiveile» weniger Zeit bedarf, ist selbstverständlich, und ans eben diesem Grunde dürfte es gerathen sei», dem Signal zu mißtrauen, wenn der Himmel nicht bedeckt sein sollte; denn im letzteren Falle versieht sich der Herr mit einer Uhr und brennt im richtigen Momente los. Auf meine Frage, warum die Einrichtung nicht bester sei, ivurde Geldmangel als die Ursache des Uebels bezeichnet, welchem jedoch, bei der Wichtigkeit des Gegen- standes, mit einer sehr geringen Summe gesteuert werden könnte. Für wenige Pfund Sterling ließe sich zwischen Kanone und Passage- Instrument eine galvanische Verbindung herstellen, ein leichter Druck des Fingers würde den Strom schließen, einen Platindraht ins Glühen bringen und für ein brauchbares Signal sorgen, welches, etwa vor der richtigen Zeit gegeben, für gewöhnliche Zwecke den Zeit- unterschied genügend ausgleichen würde, der durch die Fortpflanzung des Schalles entsteht. Ich begnügte mich damit, meinen freundlichen Führer darauf aitfmerksam zu machen, und bat ihn, nach der„Acaderny" zurückgekehrt, mich meinen Chronometer vergleichen zu lassen, um die genaue Ortszeit mit an Bord nehmen zu könne». Gegen- seitiges Mißtrauen erschwerte jedoch mein Vorhaben mehr als ich er- wartet hatte. Ich wollte die Vergleichung selbst vornehmen, er aber verweigerte mir hartnäckig den Zutritt zu seine» Chronometern, die sich in dem angrenzenden Schlafgemache befanden und von welchen er, um ihren Gang nicht zu stören, keinen nach dem anderen Zimmer bringen wollte. Wahrscheinlich mußte ich ihn mit lauterer Stimme, als eben nöthig war. zu überreden gesucht haben, denn infolge des Lärms, der Nichtbetheiligte jedenfalls einen heftige» Wortwechsel ahne» ließ, stellte sich eine semmelblonde junge Dame ein, die Tochter des Hauses, die ihren Herrn Papa mit ängstlichen und mich mit argwöhnischen Blicken musterte. Nachdem ich ihr mein Begehr mitgetheilt, erbot sie sich, mit mir gemeinschaftlich die Vergleichung des Chronometers vorzunehmen; sie habe hierin Uebnng, meinte sie, denn wenn der Vater verhindert sei, müsse sie zuweilen die Uhren vergleichen. Mit vertheilten Rollen— sie im Schlafgemache vor den Chronometern, ich in der anderen Stube— wurde die Aufgabe durch eine dreimalige Vergleichung auf ein gegebenes Signal zu meiner vollsten Zufriedenheit gelöst, und mit der Aussicht, die junge Dame bald an Bord zu sehen, um ihr die arktischen Chronometer zu zeigen, wie sie die unserigen nannte, trat ich den Rückweg an. („Sirius.") Literarisches. — Wie Schriftsteller arbeiten. Im letzten Jahre hat in England der Roman„Oa the face of waters", eine Geschichte aus den Tagen des indischen Aufstandes von Mrs. F. A. Steel, einen ganz ungewöhnlichen Erfolg gehabt. Wie die Schriftstellerin arbeitete, erzählte sie unlängst einem Ausfrager.„Ich habe", sagt sie,„an dieses Buch seit vielen Jahren und darüber volle drei Jahre gedacht, ehe ich die Feder in die Hand nahm. Dann ging ich allein nach Indien und lebte drei Monate ganz allein im mohainedanischen Quartier einer kleinen Stadt im Penschab. Ich hatte keine Diener, that alle meine häusliche Arbeit selbst und schlief, wie eS dort der Brauch ist, auf dem flachen Hausdach im Sternenlichte. Darauf reiste ich nach Delhi und studirte dort an Ort und Stelle die einzelnen Vorgänge meiner Geschichte. Ich wollte so genau sein als nur irgend möglich und nahm die verschiedenen Oertlichkeiten photo- graphisch auf. Bei meiner Rückkehr, als ich dann zu schreiben be- gann, konnte ich auf diese Weise mir die Einzelheiten aufs be- stimmteste zurückrufen. Vorher aber hatte ich fast neun Monate im indischen Amte damit zugebracht, sämmtliche auf den Aufstand be- züglichen Urkunden und Schriftstücke durchzulesen."-» Theater. — Moritz I o k a i hat ein neues historisches Drama ge- schrieben. Es führt den Titel:„Levante, historisches dramatisches Gedicht in sieben Abtheilungen", wird im Herbst im Druck erscheinen und im Laufe des nächsten Winters im Budapester National-Theater zur Aufführung gelangen. Das Drama hat die Besitzergreisung Ungarns durch die Magyaren zum Gegen- stattde.— — Ein neues Theater in Graz. Der Gemeinderath in Graz hat sich am 26. d. M. im Prinzip dafür ausgesprochen, daß für den Bau eines neue» Theaters in Graz ungefähr zwei Drittel eines im Betrage von 1200 000 fl. aufzunehmenden Darlehens zur Verwendung gelangen sollen, während der Rest der Summe einem anderen gemeinnützigen Zwecke— Konzert- und Ball- saal mit Restauration— vorbehalten bleiben soll. Baurath Fellner hat in einer Sitzung des Theaterkomitee's die Erklärung abgegeben, daß sich ein neues und den Anforderungen der Kunst und des modernen Komforts vollständig entsprechendes Haus ganz gut für 550 000-600 000 fl. herstellen lasse.- Kunst. — Die Thätigkeit der Berliner städtischen Kunftdeputation wird illustrirt durch nachstehende„Gesanunt- Uebersicht des derzeitigen Standes der Arbeiten": Der v. Uechtritz- s ch e W a n d b r u u n e n an der Ecke der Rosenthaler- und Gor- inannstraße, der über 38 000 M. kosten wird, ist soweit gediehen. daß bereits die Aufstellung des Sockels begonnen werden konnte; nach Fertigstellung des dahinterliegende» Gebäudeinauerwerks soll mit der Errichtung des Knpvelbaues vorgegangen werden, die Broneeguß- und Granitarbeile» sind schon zum Ver» setzen fertig. An der monumentalen Sitz dank auf dem Andreasplatze(Figuren von Haverkamp und Gomanski). welche mit 80 000 M. veranschlagt ist, sind die Steinmetzarbeiten fertig versetzt, augenblicklich werden die Brunnenbecken und Wasser- leitungs-Anschlüsse vorbereitet. Die Bildwerke müssen bis zum l. November d. I. aufgestellt sein. Die Gruppe auf dem Koppen platz,„Ballspiel" von Kokolsky, deren Aufstellung 14 800 M. erfordern wird, ist nahezu vollendet; ihre Aus- steNung soll im Laufe des September erfolgen. Die für den Viktoria-Park bestimmten Hermen(Körner, Kleist, Uhland, Arndt, Schenkendorf und Rückert), deren Herstellung auf zusammen 37 500 M. veranschlagt worden ist. sollen bis zum 1. Mai k. I. aufgestellt sein. Die Calandrelli'sche Gruppe, Nymphe, vor der v. d. Heydt-Villa, welche einschließlich der Brunnen- Anlage mit 10 500 M. angesetzt ist, soll Ende nächsten MonatS zur Anfstellnng gelangen; die Gruppe befindet sich zur Zeit in Saas zur Ausarbeitung in Marmor. Von den für das Rathhaus angekauften Werken ist der mit 6600 M. veranschlagte Gobelin- schrei n(von Ziesch) in Arbeit, eine Präsidialglocke(von Schafer), die 3000 M. kosten soll,„im Rohbau vollendet", so daß die Ziselirung demnächst beginnen kann; der Abguß der Figur, „Läufer von Marathon", endlich, dessen Anschaffung 2250 M. gekostet hat, ist bereits im Magisiratssaale des Rathhauses aufgestellt worden.— Archäologisches. t. Eine der ä l t e st e n K u l t u r st ä t t e n deS Menschen- g e s ch l e ch t S ist in den letzten Jahren durch Ausgrabungen, die von der Peiiiisylvanischeu Universität veranlaßt wurden, aufgedeckt moibeii. Einige Tngerejsen südlich der Mninen von Babylon liegen die Ruine» von Niffer, deren Platz wohl bekannt, aber noch niemals genauer untersucht worden mar. Im Jahre 189« schickte dir ge- nannte amerikanische Universität Dr. Peters nach Bagdad zur Er- klindung, und dieser gewann den dortigen amerikanischen Konsul Haynes für die Leitung der Ausgrabungen in den Ruinen von Riffer, die jetzt zum Abschluß gekommen sind. Haynes hat sich mehrere Jahre lang selbst auf diesem Platze aufgehalten, bei Eommrrhitz« und Winterregen. Mit unermüdlicher Ausdauer leitete er die Ausgrabungen unter den Ruinen des Tempels, der Burg, der Umwallung, der Höfe und ver- borgenen Gemächer der alten Stadl. Wie alle Ruinenstätten jener Gegend, so besteht auch Niffer in der Hauptsache aus einem großen Tenipel und einer Burg, umgeben von einer Mauer von über 50 Fuß Dicke, beide Bauten ruhen auf hohen Lehm- simdainenten, um gegen Ueberschwemmungen geschützt zu sein. Diese bekannten Ruinen gehöre» der Regierungszeit des Königs Ur-gur an, der«tiva 280« Jahre v. Chr. lebte. Unter den Fundamenten dieses Tempels fand nun Haynes noch ein anderes, älteres Fun- dament, welches von König Sargon I. begonnen sein muß. da alle Ziegelsteine seinen Namen oder den seines Sohnes Naram-Siu tragen. Sargon l. regierte, wie man durch den berühmte» Zylinder des Narbonidirs weiß, um 380« v. Chr.. so daß das zweite Fun- dament also noch etwa 120« Jahre älter wäre als das oberste. Noch tiefer grabend, stieß Haynes auf die Ruinen von noch einem oder mehreren Tempeln, über deren Alter man nur noch Vermulhungen äußern kann. Haynes schätzt daffelb« nach der Tiefe, i» der die Fundamente liegen, auf etwa zwei Jahrtausende vor Sargon I. Endlich sind Gründe zu der Annahme vorhanden, daß auch diese letzten Bauten noch nicht die ältesten auf diesem Platze waren, sondern wieder»och auf die Fundamente älterer erbaut wurden, so daß hier die Ruinen von vier Städten übereinander liegen würden. Nach Jahrtausenden lassen sich diese Zeiträume der Bebauung von Niffer überhaupt kaum noch schätzen. Jedenfalls ivar Niffer in der Zeit 400« und 2500 v. Chr. eine der gewaltigsten Städte dieses Gebietes. Es ist erstaunlich, daß zu Sargon's Zeiten, fast vier Jahrtausende vor Christi Geburt, schon eine so starke Festung gebaut werden konnte, diese Thatsache läßt auf eine» gauz unerwarteten Grad von Zivilisation schließen. Das bei den Ans- grabunge» gewonnene Material geht seiner eingehende» Bearbeitung erst entgegen und wird gestalten, über den Stand der Kenntnisse, der Religion, Sitten und Gebräuche jener entlegenen Epoche Meso- potamiens Allsschlüsse zu gewinnen.— Aus dem Thierlcben. — Bon den amerikanischen S a m m e l s p e ch t e u erzählt der.Prometheus": In Amerika giebt es eine eigene Art von Spechten, die Sammelspechte, welche die Geivohnheit angenommen haben, gewisse Pflanzenstämme als Borrathshäuser zu venutzen, in denen sie Nahrungsvorräthe für die knappe Jahreszeit anlegen. Dieser von Kaliforuien bis Mexiko vorkommende Specht (llolaptos formicivorus) beschäftigt sich, während er im Sommer von Kerbthieren zehrt, im Herbste sehr eifrig damit, kleine Löcher in die Rinde der Eichen und Fichten zu bohren und in ihnen Eicheln für den Winter aufzusparen. Einen ähnlichen Instinkt hat man kürzlich bei derselben oder einer nahe verwandte» Art von Sammel- specht beobachtet, der in den Küstenländern Nordamerikas zum Meeresstrande fliegt, nni eine Art Napf- oder Schliisselschnecke (patella) zu sammeln, die er in«in vorher gebohrtes flaches Loch eines Baumstammes oder Telegraphenpfahls einkeilt, um sich ihrer in gelegener Zeit als einer leckeren und fetten Nahrung zu bedienen. Er meißelt dann ein neues Loch und fliegt davon, um für dasselbe eine passende Napfschnecke zu holen. Die Wahl ist sehr raffinirt, denn diese Meeresschnecken, die nicht nur in Fenerland, sondern auch an den Küsten Hollands und Englands gern von den Menschen verspeist werden, sind sehr zählebig und bleiben in den Holzlöchern wahrscheinlich so lange am Leben, bis es den Feinschmeckern, die sie»insammeln, gefällt, sie zu verspeisen.— Medizinisches. — k. Ueber die Ursachen der Taubstummheit machte Dr. Seifert gelegentlich eines Bortrages in der physikalisch- medizinischen Gesellschaft zu Würzburg über die Spiegelschrift bei Taubstummen einige interessante Mittheilunge». Bon den 221 von ihm untersuchten Kindern der Kreis-Taubstummenanstalt in Würzburg und der badischen Taubstummenanstalt in Gerlachsheim war nur i» 57 Fällen die Taubstummheit eine angeborene; in 42 Füllen war dieselbe auf Meningitis(Hirnhautentzündung), in 17 Fälle» auf Krämpfe, in 1ö Fällen auf Scharlach und in 11 Fällen auf vorher- gegangene Ohrenerkrankunge» zurückzuführen. In 7 Fällen waren Diphtherie, in 6 Fällen Typhus, in 4 Fällen Masern die Ursache, in 2 Fällen konnte die Taubstummheit aus Schlagansall zurückgeführt werden. In 30 Fällen endlich war«ine erbliche Belastung als Ursache nachweislich und in 41 Fällen handelte es sich um Krankheiten, über die nichts Nähere? zu erfahren war.— Bergbau. — Gediegene? Gold aus Transvaal ist kürzlich der tgl. geologischen Landesanstalt und Bergakademie in Berlin über- wiesen worden. In TranSvaal kommt gediegenes Sold nur äußerst selten vor. Unlängst aber wurden einige Blöcke mit solchem ge- funden und wegen ihres bedeutenden wissenschaftlichen Werthes von der Transvaalregierung zu dem Zwecke angekauft, um befreundeten Staaten für deren Museen zum Geschenk übersandt zu werden. Dabei ist Deutschland in erster Reihe mit berücksichtigt worden, es hat einige Exemplare schönster Golderze erhalten, deren Goldwerth allein, also abgesehen von dem hervorragenden wissenschaftlichen Werthe. auf ungefähr 8000 M. geschätzt wird. Humoristisches. — Wenn't morge Pingstre wär? Ein junger Knecht muß fort zum Militär. Am letzten Abend nimmt er unter einem Pflaumenbaume zärtlichen Abschied von seiner Liebsten. Weinend hängt sie an seinem Halse und sagt: „Fritzke, warst rni ok«ich vergüte?" .Ne. Mäke." »Warst mi ok ins schriewe?" »Dat's jewiß." »Wenneie?" »Tau Pingstre." Sie, laut schluchzend:.Wenn't doch morge Pingstre wär!"— — Wohlgemeinter Rath. Der Präsident der Londoner Akademie, Sir Edward Poynter, erzählt in der neuen Ausgabe seiner „Vorlesungen über Knnft" in einer Anmerkung folgendes Erlebniß. Er hatte seine erste Borlesung.über dekorative Kunst", in der viel von Michel Angela die Rede ist, in einer Kunstschule in der Provinz gehalten und fragte, als die Sache vorbei war, etwas besorgt einen Angestellt«» des Instituts:.Nu», wie ist's gegangen? War's nicht zu lang?" Der Mann, der ein Schotte war, legte den Finger an die Nase und sagte mit viel Bedacht und Nachdruck:.Sie hätten lieber alles das über Mc Langels auslassen sollen; wir wisse» hier nichts vo» diesem Herrn."— Bermischtes von» Tage. Auch ein Jubiläum. Der Omnibnsfnhrniann Romel in Marne hat in diese» Tagen die 10 000ste Fahrt von Marne nach Brunsbüttel und zurück gemacht. Der Mann ist 34 Jahre Omnibus-Kulscher.— y. Eine Bauerstoch ter Dr. med. Die Tochter eines Hofbesitzers i» L a u g t w e d t(Nordschleswig), die drei Jahre an der Universität in Kopenhagen stndirt, hat unlängst ihr medizinisches Examen summa cum laude bestanden.— — Ans dem Schießplätze in A s c y w i l k e u fanden zwei Knabe«, Brüder,«inen Zünder. Der Zünder explodirie. Der eine Knabe wurde sofort getödlet, der andere schwer verletzt.— — In Benthe», O.-Schl., stellte ein 5iuischer eine Schachtel mit Mvrphinnipillen ans das Fensterbrett. Sein dreijähriger Sohn hielt die Pillen für Bonbons und verschluckte 22 der runde» Dinger. Das Kind ist gestorben.— — In einer Bierwirlhschast zu Alten bürg verzehrte ein Mann aus die Aufforderung eines Gastes sechs Stück Brikels. zwei Pfund Speck, einen halben Liter Nordhäuser und zwei Elas Lager- bier, nachdem der betreffende Gast erklärt hatte, die Koste» für diese.Mahlzeit" tragen zu wollen.— Die Zwei waren einander werth.— — An der Mosel(Umgebung vo» Trier) hat ein sehr starkes Gewitter, verbunden mit Wolkeubruch und Hagel, gewülhet. I» Bergweiler zerstörte der Blitz ein ganzes Hanö und tödtete zwei Personen.— — Wie die.Franks. Ztg." schreibt, wurde in N e ck a r s n l m «ine Anzahl Mädchen verhastet, die sich des Berbrechens gegen daS keimende Leben schuldig gemacht haben sollen. Eine Frau, die Hilfs- dienste geleistet haben soll, wurde gleichfalls gefänglich eingezogen. Weitere Verhaftungen sollen bevorstehen.— — In mehreren russische» Dörfern bei Memel sind wegen der Ruswandererbeiveglmg Baiiernnnruhe» entstanden. Viele Aer- wnndungen und Berhaftungen sind erfolgt.— — Die Phylloxera hat drei Viertel sämmtlicher spanischen Weinberge verseucht.— — Ei» Amerikaner wollte vor einige» Tagen vo» Dover »ach C a la i s. über deu Kanal schwiuunen. Unterwegs bekam er aber Krämpfe und Blutspncken und mußte in«in Boot gezogen werden.— — Ans allen Tbeilen Südafrika'? wird das Austreten der Rinderpest gemeldet— c. e. Eine katholische Frauen-Universität tvird demnächst in Washington(Nordamerika) ins Leben gerufen werden. Di« Lehrsäle soll«, für über 17 Jahre alt« katholische Mädchen und Frauen geöffnet sein, dir sich«ine«ttsprechende Bor- bildung angeeignet haben.— Die nächste Nummer des Unterhaltungsblattes erscheint Sonn- tag. den 1. August. Berantwortticher Redatleur: Rngnst Jacobry in Berlin. Druck und Verlag vo» Max Vading in Berlin.