Anlerhaltungsblatt des Worwärls Nr. 149. Sonntag, den I. August. 1897. 31] Cessvino. Vo» Jean Richepin. Uebeesetzt von H. L. (Nachdruck verbalen.) Ich zweifelte ebenfalls nicht daran, wir hatten während dieser sechs Tage Paul schon ein wenig auf diesen Gedailken vorbereitet. Wenn wir ini Luxembourg unsere Spaziergänge wachten, die ihn immer mehr kräftigten, warfen wir einen Köder aus: „Dieser wunderbare Frühling, wie herrlich würde es sein, ihn auf dem Lande zu verbringen!" Und er biß leicht darauf an. Cesariue schmeichelte sich sogar mit der Hoffnung, ihn fortführen zu können ohne ge- zwungen zu sein, ihm den Brief zeigen zu müssen. Indessen mußte sie darauf verzichten, als er uns eines Abends entschieden erklärte: „Alles in allem, daS Land wiegt für mich nicht diesen Garten aus, wo ich bei Euch meine Gesundheit wiedergefunden, wo wir uns geliebt haben, wo endlich daS Glück meinem elenden Dasein geblüht hat. Ihn jetzt zu verlassen, irgendeinem anderen Orte vor ihm den Vorzug zu geben, erschiene mir wie eine Undankbarkeit." Um ihn völlig zu überzeugen, hätten wir mehr Muße haben müssen. Aber die Zeit fehlte uns dazu. Der Passir schein hatte nur bis zum 8. Mai Giltigkeit und wir hatten schon deil ö. Wir mußten also zu dem Staatsstreich mit dem Briefe, wie Cesarine es nannte, unsere Zuflucht nehmen; gewiß ein verzweifeltes, aber, wie wir glaubten, wirksames Mittel, das den Willen Paul's unfehlbar erweichen mußte. Cesarine war von dem Gelingen so überzeugt, daß sie bereits die Anordnungen für die letzten Details der Abreise getroffen hatte. Als ich am 7. Mai frühzeitig ankam, fand ich unten im literarischen Kabinet den Vater Miklos, wie er gerade Gavarot die Sachen auseinandersetzte, indem er dabei auf zwei geschnürte Koffer und ein Packet Decken zeigte. „Aber, lieber Gott, das ist doch nicht zu glauben", seufzte Gavarot.„Sie wollen gleich abreisen, positiv gleich? Und um mir das mitzuheilen, hat mich Cesarine aus dem Schlaf klingeln lassen?" „Ja, dazu", antwortete der General, und um Ihnen die Schlüssel anzuvertrauen." Gavarot hatte mich gar nicht eintreten gehört, so bestürzt war er. Als er mich bemerkte, rief er: „Das ist nicht der Fall, nicht wahr? Cesarine geht nicht weg, um... um sich so zu retten? Und mit... mit..." „Gehen Sie rasch hinauf," sagte mir Miklos, ihn unter- brechend.„Cesarine hat mir aufgetragen, Sie sogleich hinaus- zusenden, sowie Sie ankämen. Alles ist bereit, wie Sie sehen. Ich brauche nur noch einen Wagen holen zu lassen. Kommen Sie mit mir, Herr Gavarot." „Aber," wandte der gute Mann ein,„Sie haben nicht nachgedacht... Ich kann nicht annehmen, daß Sie zu- gestimmt haben..." „Da Cesarine es will...," antwortete sanft der General, indeni er seinen wilden Schnurrbart zauste. Und während er den ganz fassungslosen Gavarot nach dem Pantheon mit sich zog, sprang ich eilends die Treppen hinauf und bewunderte wieder, wie sich alles vor diesem energischen Mädchen beugte, dem zu gehorchen ich mich selbst beeilte, und dem gewiß auch Paul keinen Widerstand ent- gegensetzen würde. „Das Geschäft ist halb besorgt," sagte sie mir beim Oeffnen der Thür.„Ich habe soeben Paul mitgethcilt, daß wir einen Passirschein und Geld haben. Er weiß auch, daß wir, nur von Mitgefühl für ihn geleitet, von dem Briefe Kenntniß genommen haben und welchen Schrecken dieser Brief in mir hervorgerufen hat. Denn ich habe ihn seinen Inhalt ahnen lassen. Die so gehässigen, so drohenden Ausdrücke werden ihn vollends zum Entschlüsse bringen. Es scheint mir sogar, als ob er, nachdem ich ihn so vorbereitet habe, den Schlag besser anshalten wird, als ich geglaubt hatte. Er ist nicht außer sich gerathen. Er hat eine fast ruhige Miene." Das flüsterte sie mir alles rasch in das Ohr, als ich ein- trat. Paul schien mir in der That außerordentlich ruhig. So ruhig, daß mich seine Ruhe beunruhigte. Seine Augen schienen noch größer und sie sahen matt und zugleich verstört aus. Um seinen Mund hatten sich bittere Falten gelegt, der ganze Körper schien gespannt. Sein Gesicht war von erschreckender Starrheit und Härte. Es sah aus. als sei es von Wachs. Es hatte nicht blos dessen weiße Todtenblässe, sondern auch dessen trockene, starre, geronnene Linien. Ich ließ mich durch diese, anscheinend nur äußerliche und oberflächliche Ruhe nicht täuschen. Offenbar raffte sich sein ganzes Wesen zusammen, konzentrirte sich auf einen Punkt. Ich hatte die deutliche Empfindung von jener schweigenden, geladenen und schlafenden Windstille, in der der Ecwittersturm brütet und sich sammelt, ehe er losbricht, „Gieb mir diesen Brief!" sagte er mir sofort und mit heftigem Tone, ohne auch nur meinen Gruß zu erwidern. Nur an der Art, wie er ihn ergriffund mit fiebernder, nervöser Hand entfaltete, fühlte ich seine innere Aufregung. Ein wilder Blick schoß aus seinen Augen und deutete an, daß der Sturm sich entseffel» wollte. Cesarine verstand ihn, ebenso wie ich. Sie sah mich an; ihr Herz pochte, und sie war zu Tode er- schrocken. Sie hatte Lust mir zu sagen: „Was haben wir gethau?" Aber es war zu spät, schon las er. Eine Blutwelle schoß ihm ins Gesicht. Die Muskeln seiner Stirn, seiner Wangen, seiner Lippen krampften sich zusammen, kurze Nervenzuckungen durchzogen sie. Seine Augenlider zwinkerten, obwohl er mit hoch gezogenen Augenbrauen diese ruckweisen Zuckungen auf- zuhalten suchte. Seine Finger zitterten so stark, daß es aus- sah, als ob sie das Blatt nicht hielten, sondern es rieben, als ob sie sich nicht enthalten könnten, es zu zerreißen. Und plötzlich rief er mit einer gewaltigen, donnernden Stinime, die ich an ihm nicht kannte, und die ihm die Brust zu zerreißen schien: „Nein, nein, ich werde nicht gehen, ich werde nicht ge- horchen! Nein!" Cesarine wollte ihn um den Hals fassen und ihn flehentlich küssen. Er stieß sie beinahe heftig zurück. Er ging mit großen Schritten auf und ab, schwenkte den Brief und rief fortwährend: „Nein, nein, niemals! Er hält mich also für einen Feigling? Nun wohl! Ich werde sehen, ob er den Muth hat, mich zu tobten! Auch mich...!" Mehrere Male wiederholte er mit Schrecken dieses„Auch mich!" Wir selbst waren von Schrecken ersaßt und wagten nicht, ihn zu unterbrechen. Er war außer sich, schäumte vor Wuth, er schien wahnsinnig. Er warf plötzlich den Brief auf den Tisch und schlug ihn mit der Faust, wie wenn dieses leblose Ding ein Wesen wäre, dem er seinen Haß ins Gesicht spie, er beugte sich über ihn und rief ihm mit heiserer, pfeifender Stimme zu: „Mörder! Mörder!" Daun waren seine Kräfte erschöpft, und er brach mit lautem Schluchzen zusammen. Wir hatten kaum Zeit, ihn in unseren Armen aufzufangen, ich führte ihn, trug ihn beinahe zu seinen« Fauteuil, wo er schaudernd in sich zusammensank. Cesarine streichelte ihm leise die Haare, küßte sein Gesicht, als ob es«in ohnmächtiges Kind sei und flüsterte ihm zu: „Paul, Paul, sprich zu uns! Sprich zu Deinen beiden einzigen Freuden, die Dich lieben. Wir wollen die Qualen mit Dir theilen, die Du leidest. Wir haben ein Recht darauf. Es wird Dich beruhigen, wenn Du uns Dein schreck- liches Geheimniß anvertraust. Was es auch immer sei. Du kannst nicht unrecht haben. Wir geben Dir im Voraus recht. Sprich, sprich, mein armer Geliebter. Sprich, Du mußt! Und weine! Du brauchst Thränen!" Und unter den liebenden und zugleich mütterlichen Lieb- kosungen, unter der Wärme ihrer langen Küsse unter der um- schmeichelnden, magnetischen Suggestion dieser zarten, ein- dringlichen Worte, die sie heiß, fast Mund an Mund lüsterte, begann der Krampf, der seineu Körper zusammenzog, ich wieder zu löse». Eine weiche Hingabe breitete sich über eine entkräfteten Glieder aus. Tiefe Seufzer entrangen sich einer Kehle und zerrissen seine Brust. Und endlich ergoß sich ein bedrücktes Herz in einem Thränenstrom, und mit den Thränen kam zugleich sein Geheimniß heraus, wie mit dem Blute und dem Eiter einer alten geschlossenen Wunde, die plötzlich aufbricht, das Stück Eisen herauskommt, das in der Wunde eingerostet war. Zuerst unter Schluckseu, aber dann unter heftigem Auf- brodeln, wie wenn zusammengepreßtes Wasser durch einen Riß entweicht, entrangen sich die gestotterten, abgehackten und nichtsdestoweniger ungestümen Worte seinen Lippen. Unzu- sammenhäugend folgten die Worte aufeinander, bald wurden sie durch Erklärungen und Ausrufe verstärkt, bald drängten sie von dem Faden ab, um sich dann wieder um so stürmischer vorwärts zu stürzen. Wie sich endlich unter den verwirrleu Sätzen, den haßerfüllten Aufschreien, den bitteren Klagen, den verzweifelten Erinnerungen, den Auslassungen das ungeheuerliche Geheimniß vor uns enthüllte, das weiß ich in der That nicht mehr und es wäre mir ganz unmöglich, es so wiederzugeben. Um mir diese Details zu merken, dazu kochte es selbst zu stark in mir, dazu war ich selbst zu sehr von angstvoller Beklemmung und schmerzlicher Neugier erfaßt, zu sehr von durcheinander- sausenden Gedanken und sich gleichzeitig widersprechenden Empfindungen, die diese Enthüllungen in mir hervorriefen, in Anspruch genommen. Ich kann diese tragische Geschichte nur resümiren; und ich gebe sie hier fast nur auf ihren Inhalt zusammgefaßt: Im Jahre 1853 war Herr von Roncieux Lieutenant und seit drei Jahren verheirathet. Irgendwie war er zu der Ueber- zeugnng gelangt, daß seine Frau ihn hinterginge und nun hatte er sich in einer ganz eigenthümlich schrecklichen Weise gerächt, nicht wie ein leidenschaftlicher Mensch, den ein blinder Wuthanfall fortreißt, sondern als unerbittlicher Richter: kalt und methodisch. Er hatte keine Vorsichtsmaßregel verabsäumt, um seiner Ehre Genugthuung zu verschaffen.— So stellte uns wenigstens Paul die Dinge dar, und man muß wohl zugeben, daß die Um- stände, die er anführte, diese Auslegung rechtfertigten. Paul stellte sie nach den Verhandlungs-Bcrichten über diese An- gelegenheit dar, Berichte, von denen er vor zwei Jahren durch ein Packet alter Zeitungen, die ihm, wie er ver- muthete, von seiner sterbenden Stiefmutter zugestellt worden waren, Kenntniß erlangt hatte. Aus diesen Berichten, und obwohl der Mörder von den Geschworenen freigesprochen worden war, ging eins deutlich hervor, daß der Mord wohl- überlegt und mit außerordentlicher Grausamkeit begangen worden war. Herr v. Roncieux hatte zunächst Sorge getragen und sich die Zeit dazu genommen, seinen ordentlichen Abschied zu erhalten, ehe er, durch die Gesetze der militärischen Rangordnung daran verhindert werden zu können, den muth- maßlichen Geliebten, seinen eigenen Bataillonschef, zum Duell herausforderte. Er hatte drei Wochen warten müssen, ehe diese Formalitäten erledigt waren. Dann erst hatte sich Herr von Roncieux gerächt, und mit welcher Wildheit! Nachdem das Duell beendet war, und während sein Gegner, von der Kugel mitten in die Brust getroffen, noch auf dem Kampfplatze röchelte, hatte sich Herr von Roncieux nach Hause begeben und seine Frau mit einem gleichen Schuß, ebenfalls mitten in die Brust, mit demselben Pistol, das er bis an die Mündung von neuem geladen hatte, gelödtet.— (Fortsetzung folgt) SonnkÄgsplauvevei. — Es hat sie doch tiefer getroffen, als sie verlauten ließe». Die andern, sie haben einen Gesetzentwurf begraben, der ihnen in ibrer Bcreinsthätigkeit Hemnuingen, Verdrießlichkeiten und Aerger- nisse hätte bereiten können, de» Junker» rechts der Elbe, den Jndustriekönigen an der Saar, am Rhein und in Westsalen sind mit der Verwerfung der Vereinsvorlage sehr aunehmbare Annehmlich- leiten und Vortheile den Bach hinabgeschivommen. Ruhige Wahlen zum preußischen Landtage und zum Reichstage und eine bestimmte Anzahl Mandate wäre» ihnen todtsicher gewesen, hätte man den Anlrag zum Gesetze erhoben. Deshalb haben sie sich auch so schwer in die Stränge gelegt: Krautjunker und Bündler, Land-Magnaten und Eisen- Barone und der verwegene hannoversche Hahn. Aus den Weltbädern und aus Sommerfrischen, ans kühlen, lauschigen Wäldern und von der See her sind sie in diesem Sommer immer wieder nach dem verhaßten Berlin geeilt, diesen „Wasserkopf", wie sie sagen, um die Vereinskarre über den Berg zu bringen. Sie, denen sonst der Parlamentarismus so verhaßt ist, wie dem Mädchen die Spinne, haben ausgchalten in der Gluthhitze, haben parlamentelt, geschachert und gehandelt, und eine halbe Million daran gesetzt, damit ihr Wille geschehe. Wie schwer ist es sonst, ans ihnen einige Taufende für Kullurzwecke herauszudrücken! Diesmal wurden über SOOOOO M. mehr an Diäte» und Gehälter» gezahlt, und sie haben keinen Mucker gemacht. Freilich, es waren ja Steuergelder und von ihrer Verwendung konnten nur sie einen Nutze» haben. Wurde der Antrag Gesetz, dann brauchte man künftighin weniger Wahl- und Agitationsgelder, und auch der Vor- theil sprang in die Auge». Und so strebte und arbeitete man, hielt Büß- und Erbauungspredigten Tag für Tag. Aber die Sache ging schief. Trotz der halben Million und aller Mühen unv Anstrengungen hatte man zum Schlüsse»ichtS gefangen als den Herrn Schoos; das war wohl der höchste Preis, der jemals für eine Stimme aufgewandt wurde. So hoch kommt der anglikanische» Bibelgesellschaft nicht einmal ein getaufter Heide. Das beaniragle Vereinsgesetz fiel. Und zwei Tage, nachdem es auf der Strecke geblieben, da kam erst der Hauptärger. Vor dem Pols- damer Bahnhos knallten löv Patronen für„Radsahrerpistolen." Wenn das am Sonnabend vorher sich ereignet hätte? Es läßt sich nicht so leicht sagen, was dann geschehen iväre. Thatsache ist, daß Gesetzanträge schon mit Hilfe von„Räuberpistolen" durchgedrückt wurden und durch Pistolenschüsse, deren Kugeln man heute noch sucht. Wenn nicht alles täuscht, wird der Arbeitsausschuß der ver- flossenen Berliner Gewerbe-Ansstellung mit seinen Garantiefonds- Zeichnern noch manchen Verdruß erleben. Die Herren, die dl) pCt. von dem zahlen sollen, was sie gezeichnet habe», sind furchtbar in Harnisch gerathen, halten Versammlungen ab und fordern Kühne- inann u. Co. ganz kategorisch aus, endlich einmal„ordnungsmäßige" Rechnung zu legen. Was ist mit den IVSOOOM., so fragen sie, die „für Diverses" ausgegeben wurden? Wie verhält es sich mit den 236 OOO M.. die unter der Rubrik„für Vergnügungen" gebucht sind? Und mit de» 323 000 M.„für Propaganda", was hat es damit für ein Bewandtniß? Wie kommt es denn überhaupt. daß, während die Einnahmen der Ausstellung nnr um 300 000 M. gegen den höchsten Voranschlag zurückgeblieben sind, die Aus- gaben de» Voranschlag mit 5 Millionen überschritten haben? All das frage» die Erbosten. Aber sie haben bis hente keine Antwort erhalten und werde» auch keine erhalten, wie der Arbeitsausschuß einem von ihnen geschrieben. Zu was denn auch! Die Sachen sind gebucht und damit fertig.„Zahlt Krawaten!" meint der Ausschuß.„Un- vorbereitet trifft es Euch ja nicht." Und damit hat er Recht. Erst hieß es, es würden wohl 20 pCt. des Garantiefonds in Anspruch genommen werden müssen. Dann stieg die Quote aus 30 pCt. Jetzt verlangt man. abgesehen von dein, was da noch kommen mag, 50 pCt. der gezeichneten Summe». Es steckt Humanität in diesem Verfahren, dieselbe Art von Humanität, die der Mann an- wandte, der seinem Hund de» Schwanz stückweise ab- schnitt,„damit es nicht so wehe thäte." Mitleid braucht man deshalb mit den Garantiesondszeichnern»och nicht zu haben. Es ist ja bei ihnen nicht wie bei armen Leuten. Die Herren glaubten mit der Ausstellung ein Geschäft zu machen und haben sich getäuscht. Sie gaben sich de» Arbeitsausschuß, den sie wollten. Wenn sie jetzt greinen, so ist das ihre Sache. Mögen sie den dem Vereinsgesetz nachtrauernden Junkern die Hand reichen: Getheilter Schmerz ist halber Schmerz. Wer schießen will, muß erst laden, sonst geht nichts heraus. Wer ein Geschäft machen will, muß etwas riskiren. Zu der Ansicht be- kennen sich sogar die Kirchengemcinde» in Berlin. Sie verlangen Entschädigung, wenn ei» Unteruehiner ein Haus baut, das mit seinen Fenstern ans den Kirchenplatz schaut. Einer hat einmal in seiner Keckheit darauf losgebaut; man hat ihm durch vier Etagen die Fenster zugemauert bis auf ein kleines Guckloch. Ja, man ver- langt noch mehr. Ehe die Firma Siemens u. Halske die Erlaubniß erhielt, ihre elektrische Hochbahn über den Angusta-Viktoria Platz an der Kirche vornberznführen, die einst die Kameelinschrift trug, mußte sie sich verpflichte», die Uebersührnng nach Anordnungen des Bauratbs Schwechlen in einer zur Kirche passende» Weise herzustellen. Sie mußte ferner die bindende Zusicherung geben, daß sie das Haus an der Ecke der Tauenzieustraße und des Kurfürftendammes an- kaufen und an seiner Stelle ein zweites Romanisches Hans mit einem großen Vorgarten errichte» werde. Wenn man sich die Sache überlegt, erscheint sie einem als einer der wenige» Fälle, in denen der Protestantismus mit der Aesthetik Berührung suchte. Allerdings nnler„Kunst" wird die Firma die Ausgaben nicht buchen, vielleicht aber unter„Diverses" oder unter„allgemeine Geschäftsunkosten". Es mehren sich, besonders in Norddcutschland. die Fälle, daß Leute, die als Zeugen vor Gericht stehen, wegen Ungebühr bestraft werden. Vor Jahr und Tag ivurde in einer preußischen Stadl am Main ein Mann verurtheilt, weil er den Vorsitzende»„unausgesetzt flxirt" hatte. Vor wenigen Tagen diktirte man in Liegnitz einer Zeugin 10 M. Geldstrase. weil sie gelacht habe» sollte. Die Frau bestritt dies, sie habe so wie so schon Angst genug, daß sie vor Gericht erscheinen müsse,— sie wurde verurtheilt. Diese häufiger werdenden Strafen wegen Ungebühr könnten ihren Grund darin haben, daß die Leute sich vor Gericht jetzt ungezwungener benehmen als früher. Wir glauben das nicht. Die zwei mitgelheilten Fälle deuten vielmehr»ach einer anderen Richtung. Man empfindet etwas leicht als Ungebühr, wenn man seine Stellung, feine Person sehr hoch, alle anderen sehr niedrig einschätzt, man wird nervös und ärgert sich, ivenn einem vor Ueberarbeit die Nerven zucken. Beide Fälle scheinen hier manchmal vorzuliegen. Dazu kommt noch etwas anderes. Der heutige Richter stammt aus der besitzenden Klasse. Wenn er nicht ein Studium darauf verwandt hat, weiß er nicht, wie„die da unten", die Besitzlosen, fühlen und denken. Er kennt nicht ihre Gewohnheilen und Umgangsformen. Je mehr er nun ein Produkt 'einer Klasse ist, desto peinlicher wird er darauf sehen, daß die Um- gangsforme», die bei feine» Klassengenossen im Gebrauch sind, überall da augewandt werden, wo er etwas zu sagen hat. Da„die da unten" diese Feinheiten in vielen Fällen nicht beherrschen, auch nicht verstehen, ist der Konflikt gegeben. Nehmen»vir einmal de» Fall mit der lachenden Zeugin. Der Richter mag die Frau lachen gesehen haben, und sie hat doch nicht gelacht. Was sich aus ihrem Gesicht zeigte, mar das Lächeln der Verlegenheit. Der Bauer zeigt es jedesmal, wen» er»nit einem Höhergeftellte» zu thun hat, von dem er meiß oder fürchtet, er könnte ihm schaden. Dieses Lächeln, es sagt nichts meiler als:„Thue mir nichts, ich thue Dir ja auch nichts." Freilich, wer dieses Lächeln nicht kennt, der sieht nur die Miene und richtet danach sein Verhalten. Zwischen geschriebenem Recht und Volksrecht gähnt in vielen Stücken eine Kluft. Der, welcher das geschriebene Recht vertritt, wird seine» Standpunkt um so stärker zu schützen suchen, je heftiger er angegriffen wird. Und so deutet denn die zunehmende Nervosität im Formellen auch darauf, daß man de» wunde» Punkt seiner Stellung sehr»vohl kennt.— Vleines Ileuillekon — Heine'scher Witz. Im Jahre 1823 sagte Heine von Franz Horn über deffe» Kommentar zu Schiller's Werken:„Was hat er aus Schiller gemacht? Eine Art holländische Festung, ein Bergen ob Zoom! Er hat ihn ganz unter Wasser gesetzt!" Als Heine von Göttinge» nach Berlin kam, mnbte er als Student eine Ausenthalts- karte vom Staatsrath Schultz haben. Dieser sehr strenge Herr fragte ihn nach seinen Absichten und warf ihm vor, daß er sich be- reits durch seine Ansichten verdächtig gemacht habe.„Mein Gott," sagte Heine keck,„ich habe immer dieselben Ansichten wie die Re- gierung selbst; ich habe gar keine!" Als Heine im Sommer 1829 in Potsdam wohnte, kam er oft nach Berlin, um seine Bekannten zu besuchen. Eines Abends kam er mit Eduard Gaus aus dem Thier- garte» zu Mendelssohii-Bartholdy und erzählte dort unter anderem: „Wir habe» uns unterwegs Nelken gekaust. Ich habe die meinigen zerpflückt und ins Waffer geworfen, und Gans hat"— mit müdem, wehmüthigem Tone sprach er das iveitere—„die seinigen ge» gesse»."- — Brahmanen- Schlauheit. Eine Mutter kommt in den Tempel, um über das Geschlecht ihres erwarteten Kindes Aus- kunft zu erhalte». Sie erhält die Antwort:„pubrnuputri".— Liest man dies Wort putrna putri, so bedeutet es:„ein Sohn nicht, eine Tochter"; liest man putr naputri, so heißt es:„ein Sohn, nicht eine Tochter"; liest man ohne Verbindung putsr na putri, so ist der Sinn:„iveder Sohn noch Tochter". Nun kann die Frau dem Spruche die Deutung unterlegen, die ihr Herz»vünscht: der Brahmane wird seinerzeit aus jeden Fall Recht haben.— Theater. — Die nächste Theatersaison in London wird eine Sensation bringen. Mr. Mansfeld eröffnet sei» Theater mit einem neuen Stücke Oskar Wilde's, das dieser im Zuchthause e»t- »vorfen und zum theil auch dort schon geschrieben hat.— Musik. — er— Aus der Woche. Neues Operntheater. Eine Aufführung von Mcyerbcer's„Hugenotten" ließ die In- seriorität der heuer engagirten»nänuliche» Solisten gegenüber ihre» weibliche» Kollegen deutlich erkenne». Die Herren Burria»(Raoul), Witlekopf(Marcel) und Moi-st(St. Bris) zeigten zwar kleine gesang- liche Tugenden, aber nicht den Reichthum an bedeutenden Mitteln, welche die Damen Reinl(Valentine), Gradl(Page) und Neinisch (Königin) als werthvolles künstlerisches Eigeulhnm entfalteten.— I» Waguer's„ T a» n h ä u s e r" bot Herr D e m u t als„Wolfram" eine schauspielerische und gesangliche Leistung, die von einem grobe» Ideale getragen war. Herrn Kraus fehlt für den„Tanuhänser" die hervorragende Fähigkeit, die geistige Bedeutung dieser Gestalt auszuprägen. Er singt die Noten und Worte, aber er hat ihren Jubalt noch nicht seelisch erlebt. — Im Theater des Westens bildete» zwei Gastspiele des Mnnchener Hofopernsäugers Bertram geunßreiche kleine Ereignisse. Als„Zar" in Lorhing's„Zar und Zimmermann", einem Werke, das mit seiner melodischen Ursprünglichkeit und scharfen Beobachtungsgabe, seinem aumuthigeu Stil« und originell derben Witze immer fortblüht, wirkte der Künstler durch seine prächtige ausdrucksfähige Erscheinung, die nicht gewöhnliche Intelligenz seiner iudividualisirende» Darstellungskunst und den unberührten Klanggehalt seines Stimmmaterials, das allerdings nach der Höhe zu keine allzu weiten Grenzen hat und nicht frei von einem kehligen Beigeschmacke ist. Als„Fluth" in Nicolm's „Lustige Weiber" wies der Gast dieselben Vorzüge nebst idealer Deutlichkeit der Aussprache auf und»var seiner(ihm nicht blos aus der Bühne) angehörenden„Frau Fluth' ebenbürtig, die von Frau Bertram- Moran-Olden mit einer in unseren Tagen geradezu erstaunlichen Gcsaugskunst, mit schauspielerischer Vielseitigkeit und den üblichen musikalischen Unarten der Künstlerin ausgestattet»vurde. Während Frl. S e d e l e als„Frau Reich" durch ihre reizende Erfcheinung und ihren sympathischen Mezzo- sopran sehr anmulhig wirkte, erregte die von allem Wohlklange ver- lassene Tenorstimme eines Herrn S t u d e m n» d eine aus Heiterkeit und Unwillen zusammengesetzte Entrüstung. Das Gebrechen der Morwitz-Oper, über keinen auch nur bescheidenen Ansprüchen ge- wachsene» Tenor zu verfügen, machte sich leider auch in der Aus- führuug von Weber's„Freischütz" bemerkvar. Die Oper des deutsche» Romantikers, die zu unfern wenigen, im Bode» stärkster und zärtlichster Volksthümlichkeit wurzelnden musikalische» National- werken gehört, sand bis auf den Sänger des„Max" eine ganz treffliche Jnterpretirung. Wir traue», angesichts vorübergehender Lichtpunkte in der Cantilene, den Intentionen des Herrn Buch- w a l d gutes zu, aber die gläserne Sprödigkeit dieser Tenorstimme und die illusionsfeindliche Erscheinung des Sängers lassen sein« Leistungen stets mehr als mitlelinäßig erscheinen. Frl. Kahler (Agathe) sang ihre beiden Arien i» vornehmer und zugleich effekt- voller Weife, ohne technisch und musikalisch völlig einwandsrei zu bleiben. Frl. Saecur(Aennchen) ist eine kleinfigürliche und kleinstimmliche Soubrette mit beweglichem Darstellungstalent, die sich eine starke freund- und verwandtschaftliche Begeisterung ins Theater mitgebracht zu haben schien. Herr Keller»var ein aus- gezeichneter„Caspar".— — Verdi, der sich zur Zeit in Monte Catini aufhält, hat dort ein neues„Tedemn" beendigt und arbeitet jetzt an einem Re- quiem, das bei seiner Beerdigung ausgeführt werden soll.— Aus de»» Thierlebeu. — Kabelsresse» de Insekte». Daß selbst die in den Tiefen der Meere liegende» Kabel Beschädigungen durch Thier« ausgesetzt sind, ist eine bekannte Thatsache. Namentlich sind es ge- »visse Muschelthiere, z. B. der Schiffsbohrwurm(Teredo), der sich an die Kabel- Schutzdrähte gern ansetzt und, wo irgend die Drähte nicht fest aneinander liegen oder sonst ein geeigneter Angriffspunkt zum Eindringen in das Innere des Kabels vorhanden ist, sich in die Guttapercha einbohrt und dadurch das Kabel unbranchbar macht. Auch in der Jnsektenwelt haben die unterseeischen Telegraphen- leitungen,»vie nach„Stahl»md Eisen" ein von den„Comptes rendus' aus Tonkin herichteter Fall lehrt, ihre Feinde. Hier waren es Termiten,»velche durch Aufzehrung des Jsolationsmaterials ein Kabel in verhältnißmäßig kurzer Zeit untauglich gemacht haben. Das im Juli 1394 vorgelegte, von Hakphong ausgehende Unterseekabel zeigte schon zu Anfang des Jahres 139S Stromverluste, die sich nach und nach so steigerten, daß in der ersten Hälfte des vorigen Jahres seine Auswechselung erfolgen mußte. Das Kabel enthielt drei ans je sieben Kupferdrähten bestehende Leitungen, welche abwechselnd durch Lagen von Guttapercha und Chatterton uinschlosseii waren. Die drei Leitungen waren mit drei tanninhaltigen, die Zwischenräume aussüllenden Litzen verflochten»nid außerdem von tanninhaltigen J»te-»md Baumwollenbändern umwunden. Zum Schutze gegen äußere Beschädigungen war es von einer Bleiröhre »imgeben. Die Fehlerstellen wurden in der Stadt Halphoug gefunden. wo das Kabel fast seiner ganzen Länge nach»vegen des nur wenig den Meeresspiegel überragenden, schlammigen, stels feuchten und etwas salzhaltigen Bodens in Zement eingebettet war. Bei der Untersuchung der ausgeschnittenen Fehlerstücke sa»»den sich im Innern des Kabels 2 bis 3 Millimeter»Veite Bohrgäuge und an mehreren Stellen die Köpfe der Termiten. Ob diese, um in da? Kabel zu gelangen, erst die Bleiröhre durchbohrt haben, konnte nicht festge- stellt werden; vermnthlich haben sie die von den Bleirvhren befreiten Enden oder zufällig verletzte Stellen der Bleiröhre als Eintrittsweg benutzt, um zunächst innerhalb der Jute- und Baumivollenhülle vorzudringen. Von da ans verzehrten ste die Litzen»nd Gutta- percha-Ueberzüge und verschmähten nur die nackten Metalle Kupfer und Blei.— Medizinisches. — Das Schwarzwasserfieber, welches als neue Tropen- krankheit in letzter Zeit vielgenannt wurde, erweist sich als ein Kunst- Produkt, als eine Chiiiinvcrgiftung. Dr. E. Below in Berlin gelang es, aus grund eigener Erfahrungen und unter Hinweis auf die be- rühmten Heinemann'schen Berichte vom Golf von Mexiko, sowie interessante Mittheiluugen des Regierungsarztes Dr. Dämpwolff au? Neu-Guinea den Nachweis zu führen, daß es sich im„Schwarzwaffer- sieber" um eine ähnliche Erscheinung handelt, wie sie auch in Gelb- fiebergegendeu vorkommt, eine Folge der namentlich bei Engländern und Amerikanern üblichen unsinnig hohen Chinindosen. Der Krank- Heilszustand ist dem Gelbfieber ähnlich, nur daß derselbe nicht über- tragbar ist. Die Plasmodien, die Malaria- Schädlinge, welche sich beim Wechselfieber der Tropen in den rothen Blutkörperchen ein- nisten und vermehren, machen diese, die sonst kein Chinin in sich auf- nehmen, für Chini» durchgängig, nachdem sie einmal angefressen und brüchig geworden sind. Die Plasmodien selbst sterben dlirch das Chinin, das für ste ein Gift ist, in ihren wirthlichen Be- hausungen, wo ste sich angesiedelt haben, ab, quellen ailf, bersten und bald geschieht dasselbe mit ihrer Behausung: das rothe Blut- körperchen selbst quillt, platzt und der früher davon unzertrennlich« rothe Blutfarbstoff tritt aus dem zerstörten Blutkörperchen ans und gehl in den Blulstrom, in das Serum, über. Hier verursacht der bald sich zersetzende rothe Blutsarbstoff, das Hämoglobin, allgemein« Vergiftungserscheinungen im Körper: Fieber, Uebelkeit, Schwindel, Delirien, Schwäche. Zwar bemühen sich Leber wie Nieren alsbald, die schädlichen Zersctzuugsstoffe des rothen Blutstoffcs aus dem Körper heraus zu schaffen. Dies geschieht nicht ohne die bekannten Symptome der Gelbsucht, wobei Blutfarbstoff zersetzt»vird und in die Haut und Schleimhäute sich ablagert; die Niere.» werden oft bei dieser ihrer Reittigungsarbeit von b«_ Uebctmnffe zerstSrten Bliitmaterials in ihren feinsten Kanälkden verstopft und mancher muß an dieser Nieren- Verstopfung(Annrie) zn gründe gehen, weil er, um die Malaria« Plasmodien in seinem Körper abzulödten. soviel Chininsalz(nach englischem Muster theelöfselweise) geschluckt hat, daß dadurch zugleich mit den Plasmodien eine Menge Plutkörperche», in denen sie sich eingenistet hatten, zu gründe ging, wobei das in der Blutflüssigkeil sich auflösende Gist. das aus Hämoglobin sich bildende Melanin, das durch Leber und Nieren nicht vollkommen fortgeschafft werden kann. Unheil anrichtete Das sogenannte Schwarzivasserfieber, die Chiinnvergiftnng, gleicht dem Gelbfieberanfall mit Geldsucht, Blut- abgängen, mangelnder Milzschwellung und mangelnden inter- iniltirenden Temperaturkurven. wobei kein Chinin hilft, so aufs Haar, wie die lükolora aostras der Cholera asiatica, blos biS auf das eine hin, daß sie nicht übertragbar sind und nicht epidemisch auftrete», wie das wirklich« Gelbfieber nnd die wirkliche asiatische Cholera. Bezeichnend für die Geschichte deS Schwarzwasserfiebers ist. daß dasselbe vor Erfindung der Chininsalze gänzlich unbekannt war.—(.Umschau.") Astronomisches. t. Neue Venusbeobachtungen hat der Astronom E. Fonlsere von der Sternwarte der Akademie der Wissenschaften in Barcelona den.Astronomischen Nachrichten" mitgetheill. In den ersten Monaten des Jahres war der Himmel für dieses spanische Observatorium fast immer klar und die Luft rein und ruhig zu jeder Stunde des Tages und der Nacht. Auffallend war zunächst, daß die schärfsten Bilder nicht zur Zeit der größten Helligkeit des Planeten, sondern zwischen dieser nnd der Zeil des Viertels erhalten wurden, was durch Verhältnisse auf dem Planeten selbst bedingt sein muß, da die übrige» Sterne in ihrer Helligkeit in diesen Zeiten unverändert bliebe». Die Farbe des Planeten war im allgemeine» braun. etwas ins grünliche spielend, die hellsten Gegenden erschienen weniger gefärbt, zeitweise fast weiß. Die be> merkbaren Zeichen auf der Venus bestehen in helleren und dunkleren Flecken, deren Einfluß auch an dem Verlauf der Grenz- linie zwischen Tag. und Nachtseite des Planeten zu erkenne» ist, in- dem diese bei den dunkleren Flecken mehr konvex, bei den helleren mehr konkav verläuft. Bemerkenswerlh ist noch, daß die Höruer der Vennssichel in den Schatten hinein verlängert erscheinen, besonders bei den Beobachtungen am hellen Tage. Die Schattenseite des Planeten ist zun, theil nicht völlig dunkel, sondern violett gefärbt. Nach allen aufgenommenen Zeichnungen ist es wahrscheinlich, daß die Venus ihre Stellung zur Sonne nicht verändert, sich also in 224 Tagen um ihre Achse dreht(Brenner u. A. behaupten eine Um- drehnngszeit von 23 bis 24 Stunden). Die Achse des Planeten steht fast senkrecht auf der Fläche seiner Bahn um die Sonne. Die weißen Flecken an den Polen find kaum, wie aus dem Planeten Mar?, als Echneeflächen zu deuten, man müßte sonst annehmen, daß solche Schneemassen sich auch längs der ganzen Grenzlinie zwischen den Gebieten ewigen Tages und denen ewiger Nacht finden inüßten; hier sind aber nur einige wenige helle Flecken sichtbar, die freilich an Glanz zu», theil die Polargegenden noch übertreffen. Die Atmosphäre der Venus ist zedenfalls von erheblichem Einfluß auf die Sichtbarkeit des eigentlichen Planeten. und ost schwimmen in dieser Atmosphäre weiße Wolken. Auch die violette Beleuchtung der Nachtseite deutet auf eine ziemlich dichte Atmosphäre, da dieses Licht nur durch Dämmerniigscrscheinungeu erklärt werden kann. Weitere Beweise für die bedeutende Dichte der Dunsthülle sind die Eintönigkeit der Färbung und das ver- wischte Aussehen aller Details, letzteres ist allen Astronomen als charakteristische Eigeuschast des Planeten Venus bekannt.— Bergbau. — Eines der merkwürdigsten Bergwerke befindet sich in der französtschen Kolonie Tonkin und zwar in der Nähe der Hauptstadt Hanoi. Dasselbe liefert nämlich als Ausbeute Holz, welches dort in einer Tiefe von S— 6 Metern in dem nur aus Sand bestehenden Erdboden in Lagern von mächtiger Ausdehnung vor- handen ist. Diese Holzlager sind die Ueberrrste großer Waldungen, welche vor vielen vielen Jahren an dieser Stelle durch Erdbeben, Fluthwellen oder ähnliche Ursachen zu gründe gingen. Das Holz ist infolge seiner harzigen Beschaffenheit und der trockenen Lager im Sandboden noch so gut erhalten, daß die Einwohner das in Stämmen bis zu 1 Meter Durchmesser und lö Metern Länge vor- kommende Holz z» allen nur möglichen Gegenständen und Kunst- fache» verarbeiten können.— Humoristisches. — lieber den BureaukratiSmuS macht sich Alfred Eapus im.Figaro" lustig. Er erzählt: Ein Steuerzahler, hastig in das Bureau eines hohen Beamten eintretend:.Ah! Gut, daß ich Sie find«... welch' ein Glück!" Der Beamte. Sie haben mich um eine Audienz gebeten. Ich gewähre Sie Ihnen. Was wünschen Sie?" Der Steuerzahler.„Wir haben wenig Zeit.... wir müssen uns beeilen.. Der Beamte.„Man muß sich nie beeilen. Sprechen Sie." Der Steuerzahler..Wir haben bei uns eine Brücke, die einzu« stürzen droht."____ Beranlwortlicher Redakteur: August Jacobcy in B Der Beamte.„Ah! Aha! Also eine Brücke?" Der Steuerzahler.»Ja. Man sagte mir, ich müßte mich«n Sie wenden..." Der Beamte..Allerdings." Der Steuerzahler..Wir brauchen diese Brücke, um über den Fluß zu kommen; nnd nun wird sie freilich trotz der Gefahr doch benutzt. Aber die Sache ist sehr bedenklich. Jeder Augenbl.. Der Beamte.„Wünschen Sie. daß die Brücke in stand gesetzt werde?" Der Steuerzahler..Natürlich." Der Beamte.„Nichts leichter als das." Der Steuerzahler..Ah!" Der Beamte..Die Regierung wacht über die Interessen aller Bürger. Wenn sich irgendwo ein Unglück ereignet, so ist nie die Regierung daran schuld, sondern die dummen Kerle, diese hirnver- brannten Köpfe, kurz alle jene Leute, die die Verordnungen nicht befolgen wollen." Der Steuerzahler..Ja. aber unsere Brücke?..." Der Beamte..Ihre Brücke, die nicht mehr tragfähig ist? Ich will Ihnen den Weg angebe», wie man eine Brücke vor dem Ein» stürz schützt. Ihr Bürgermeister braucht blos ein Gesuch aufzusetzen, i» dem um die Ernennung einer Kommission behufs Prüfung der Brücke gebeten wird, und dieses Gesuch, das von allen Einwohnern »nlerzeichnet sein muß. ist der Präfeltur einzureichen. Der General- sekrelär des Präfekten wird es de», Bezirks-Jngenieur überweise», der dann seinerseits dem Minister darüber Bericht«rstatlet. Der Minister läßt diesen Bericht von den zuständigen Beamten prüfen und begut- achten, worauf der Bericht an uns zurückgelangt. Wir ernennen dann eine Uiitersuchungskonimission, die ihre Brücke an Ort»nd Stelle zu prüfen hat. Wenn diese Kommission das Urtheil fällen sollte, daß Ihre Brücke dem Einsturz nahe ist, so verfaßt sie einen dies- bezüglichen Bericht. Nach Prüfung dieses Berichtes wird eine»och- malige Untersuchung durch Superrevisoren angestellt, welche sich darüber zu vergewissern habe», daß die erste Untersuchungslommission ihre Aufgabe gewissenhaft und ordenllich gelöst hat, denn man kai», nie genug Borstchtsstiaßregeln treffen..." Der Steuerzahler:»Aber wenn die Brücke nun jetzt gleich ein- stürzt?" Der Beamte.„Wenn die Brücke einstürzt, wird eine Kommisston ernannt werden zur Feststellung der Ursachen des Einsturzes. Sie sehe», mein bester Herr, daß Sie nichts zu befürchten haben..... Ich habe die Ehr«. Bnf Wiedersehen!"— Vermischtes vom Tage. Ii. Ein neues Wort. Im Wochenblatt in T h a l e a. H. findet sich folgendes Inserat:.Geübter Fremdensänger, der bereits für hiesige Hotels thätig war, wird gegen hohe Provision gesucht von«."... — Bei einer Waldübung der in M i n d e n i. Wests, stehenden Pioniere wurde durch«inen gesällten Baum«in Soldat getödtet, ein zweiler schwer verletzt.— — In Riese» bürg(Weflpr.) hat eine Glaserfrau sich und ihre Tochter umgebracht, weil sie von ihrem Mann schlecht behandelt wurde.— — In B e u t h e n O.-Schk. herrscht der Typhus. Bis jetzt sind ungefähr 100 Erkrankungen amtlich konstatirt worden.— — I» Wien ist der Historiker Alfred v. Arneth, der Präsident der Akademie der Wissenschaften, gestorben.— — Zu Andre e's Ballonfahrt. Stockholm, 31. Juli. Elf Dampfer, welche ans der Fahrt nach den» Jeniffei sind»ind in diesen Tagen Wardo« passtren, wurden ersucht, die Geivässer, in denen der Kapitän des.Dortrecht" den ballonähnlichen Gegenstand gesehen hat, genau abzusuchen.— Gothenburg, 31. Juli. Ein früherer Walfischfäiiaer schreibt dem Blatte„Goeteborg's Handels- tidning", er habe auf der vom Kapitän des.Dortrecht" bezeichneten Stelle an der Murmanifchen Küste bei der Insel Kildin in großer Entfernung viele todte Walfische auf dem Meere treiben gesehen; dieselben hätte» wohl mit einer Ballonhülle verivechselt werden können.— — Dieser Tage wurde in Bre sc ia(Italien) eine Guar» er i« Geig« aiis der Hinterlassenschaft des kürzlich dort verstorbenen Konservatorium-Direktors Bazzini an einen Leipziger Antiquar um den Preis von 16 000 Lire verkauft. Die Bioline hatte seinerzeit Bazzini 3000 Lire gekostet.— — Bei A l c u d i a auf den Balearen ist das Bergwerk am Meere überschwemmt; ,»eun Arbeiter sind umgekommen.— — 3200 M a r k f ü r e i n E i. In L o n d o n wurde kürzlich ein Ei des großen A u k für 160 Guineen versteigert.— — Nach einer soeben vom britischen Handelsamt veröffentlichten Statistik über die S ch i f f S u n f ä l l c an den K ü st e n des Ver- einigten Königreiches sind im Berichtsjahre 18Sö/S6(das Berichts- jähr schließt mit dem 30. Juni) 4620 Schiffsunglücke vorgekommen, d. h. 267»veniger als im Borjahre. Von den 4620 Schiffsunglücken hatten 140 Verlust von Menschenleben zur Folg». In 1547 Fällen stießen Schiffe zusammen. Gegen alle Annahme kollidirten mehr Schiff« bei Tage als bei Nacht. Gewöhnlich stoßen Dampfer und Segelschiffe zusammen. 4öS Seeleute sind im Jahre 1S9S/S6 ertrunken.—___ rlin. Druck und Verlag von Max Babing in Berlin.