Anterhattungsblatt des Horwürls Nr. 150. Dienstag, den 3. August. 1897. (Nachdruck vsrbotsu.) 32] Eesstvine« Von Jean Nichepin. Uebersetzt von H. L. Oh! Ich fand in der That nicht den Muth, Paul zu widersprechen, als er sich gegen die Grausamkeit dieses Rechts- Vollstreckers empörte, als er ihn einen Abscheu erregenden Henker nannte, als er mit seiner ganzen Sohnes- liebe für dieses Opfer, für das unschuldige, gewißlich UN- schuldige Opfer, wie er ausrief, eintrat. Und ich fand es ganz natürlich, daß er trotz allem, trotz des Wahrspruches der Geschworenen hartnäckig an die Unschuld seiner Mutter glaubte. Und doch konnte ich im Grunde meiner Seele den Mörder billigerweise nicht verdammen. Ich erklärte mir, ich entschuldigte das Verhalten dieses Soldaten, dieses wilden Hüters seiner Ehre, der, um sie zu rächen, auch sein eigenes Leben gebrochen hatte, indem er aus den Militärdienst, den er über alles liebte, verzichtete, indem er seine Epauletten abriß, indem er sich darauf beschränkte, „nur" ein Zivilist zu sein. Ich stellte mir vor, was dieser heftige Mensch mit dem ungestümen Blute während dieser drei langen Wochen gelitten haben mußte, während der er über seine Schmach grübelte, seine Scham und seine Wuth aus Achtung vor der nnlitärischen Disziplin hinunterschluckte. Und in vollster Unparteilichkeit mußte ich mir sagen: Die Qualen, die er erlitten hatte, waren noch grausamer als die Strafe, die er vollzog. Und ich gebe zu, daß er mitleidslos gehandelt hatte und daß er ohne Gewissensbisse blieb. Gleichzeitig erfaßte mich heißes Mitleid für Paul. Ich sah seine jammervolle Jugend wieder, von der er mir auf der Schule mit solcherBitterkeit gesprochen hatte. Ich stellte mir vor, wie Herr von Roncieux nicht sanft zu diesem kleinen Wesen sein konnte, dessen Mutter er getödtet hatte, und das ihn allein durch seine Gegenwart schon an die Schuldige erinnern mußte. Daraus war zwischen ihnen die unaufhörliche und unbezwingbare Ab- neigung entstanden. Ein Wort des Kapitäns, das er zu mir in Besangon sprach, kam mir in Erinnerung und erklärte mir diese weit zurückliegenden, für die verabscheute Waise so peinvollen Jahre: „Wie dieser Schuft seiner Mutter ähnlich ist!" Offenbar um diese Aehnlichkeit zu zerstören, hatte der rauhe'Krautjunker versucht, das Kind nach seinem Bilde um- zumodeln, ihm eine Soldatenseele und einen Soldatenleib zu geben. Er wurde immer mehr darüber aufgebracht, als ihm dies nicht gelang. Wer weiß? Vielleicht hatte er sich auch mit der Zeit eingebildet, daß dieser Sohn die Frucht eines ersten Fehltrittes der Mutter sei und von den Roncieux' nur den Namen hätte'. Und seine Abneigung hatte sich dann in wirklichen Haß verwandelt. Da erst begann für mich das eigentliche Verbrechen des Kapitäns. Er hatte nicht das Recht, ein Kind unglücklich zu machen, es von einem Scheusal von Stiefmutter martern zu lassen, seine Rache an diesem Unschuldigen, der sich nicht vertheidigen konnte, fort- zusetzen. Und ich begriff, daß Paul, bei der Erinnerung an all die ungerechten Qualen, die er erduldet hatte, sich allmälig gegen diesen Menschen erbitterte und wie er gegen ihn von Schrecken und Abscheu ersaßt wurde, als er eines Tages erfuhr, daß sein Henker auch der Henker seiner Mutter sei. Ich sprach Paul wegen seines Hasses frei. Ich konnte also Paul nur zustimmen, als er schluchzend schloß: „Ihr seht wohl, daß ich kein Ungeheuer bin, und daß ich recht habe, ihn zu hassen, ihn, der mich haßt, obwohl er mein Vater ist, leider! Dieser Mörder!" Und immer dieses Wort, dieser quälende Refrain! Und schließlich fügte er hinzu: „So soll er mich denn tödten, mich gleichfalls! Das wünscht er ja. Danach trachtet er seit langem. Nun wohl, die Gelegenheit wird sich ihm bieten. Er soll mich tödten, mich gleichfalls! Mich gleichfalls!" Vergebens sagten ihm Cesarine und ich, daß er rase, daß er gerade diese Gelegenheit den Drohungen des Kapitäns nicht darbieten dürfe, daß diese Drohungen selbst ihm zu sagen scheinen: „Entferne Dich! Ich will nicht in Versuchung kommen, meinen Sohn als Feind zu behandeln." „Ich", erwiderte Paul,„ich will im Gegentheil, daß er in diese Versuchung kommt. Das soll seine Strafe sein. Nein, nein, ich werde nicht weggehen." Welche Gründe sollte man dieser Ueberspanntheit entgegen setzen? Wir wußten nichts auszudenken. Cesarine verlor sich in Schmeicheleien, zarten und kosenden Worten, sie be« deckte ihn vor mir mit leidenschaftlichen Küssen. Aber er bestand wie ein krankes Kind auf seinem Kopf und legte die ganze Energie, die ihm noch übrig geblieben war, in die Worte: „Nein, ich gehe nicht weg! Ich will sehen, ob er mich gleichfalls tödten wird!" Bei dieser Entschlossenheit hätte man ihn nur mit Gewalt entführen können. Dieser Gedanke blitzte einen Augenblick in Cesarinen's Augen auf. Aber sie wagte nicht, den Versuch z« machen. Es wäre übrigens auch unmöglich gewesen, denn er war in Schweiß gebadet, er glühte im Fieber und er war außer Stande, der frischen Lust ausgesetzt zu werden. „Morgen, morgen!" sagte sie mir.„Er wird morgen vernünftiger sein." „Weder morgen, noch irgend wann", antwortete er. „Aber", erwiderte ich, indem ich noch einen letzten Ver» such machte, ihn zu überzeugen.„Du mußt Dich morgen ent« schließen. Der Passirschein gilt nur bis morgen." Ich zeigte ihm das Datum. Heftig entriß er mir de» Schein und zerfetzte ihn in kleine Stücke, „Was thust Du?" schrie Cesarine. „Ich thue meine Pflicht", antwortete er. Das war die Antwort und die Handlung eines Wahn« sinnigen. Und er schien in der That plötzlich sein Bewußtsein verloren zu haben. Er sank wieder in die unbewegliche Haltung eines Irren zurück, in der ich ihn beim Eintritt gefunden hatte. Sein Gesicht hatte wieder die Todtenbläffe und die harten Züge eines Wachsgesichtes angenommen. Die müden und verstörten Augen blickten starr aus den Brief des Kapitäns, der auf dem Tisch geblieben war. Er schien wie hypnotisirt. Anders hätte er auch die Mündung einer auf ihn gerichteten Pistole nicht ansehen können, mit der auch er mitten in die Brust geschossen werden sollte. XVUL Am folgenden Tage erkundigte ich mich nach seinem Be« finden. Er war sehr schlecht. Er hatte eine schreckliche Nacht im Fieber und im Delirium zugebracht. Um das Unglück voll zu machen, hatten sich— was übrigens vorauszusehen war— seine Hustenansälle wieder eingestellt. „Sehen Sie," sagte mir tapfer Cesarine,„wir dürfen nicht zögern; wir müssen ihn gegen seinen Willen entführen. Mehr als je will ich, daß er abreist, seitdem ich jetzt weiß, was zwischen ihm und seinem Vater liegt. Nur die Landluft allein kann ihn noch eine Zeit lang erhalten." „Aber wie werden Sie das thun?" fragte ich.„Wie können Sie ihn wider seinen Willen entführen?" „Ich weiß es nicht," erwiderte sie.„Aber was ich genau weiß, ist, daß ich dazu entschlossen bin, und daß es mir ge- lingen wird, koste es, was es wolle. Wir brauchen nur eine» anderen Passirschein. Sorgen Sie dafür zusammen mit Vater Heurtault. Für das übrige werde ich sorgen." Wie wollte sie dafür sorgen? Von welchem Hirn- gespinstc träumte sie? Aber ich wagte nicht, auch nur mit einer Miene meinen Zweifel auszudrücken, so sehr imponirte mir ihr Wille und ihr Glaube. Ich dachte nur daran, ihr zu gehorchen, und schnell machte ich mich auf die Suche nach Vater Heurtault. Unsere neuen Bemühungen auf der Präfektur waren er- folglos. Was würde Cesarine sagen? Ich schämte mich, nicht er« langen zu können, was sie wollte. Der Gedanke kam mir, zu dem Stabsoffizier, zu meinem alten Freunde, dem Leibgardiste» zu eilen. Wer weiß, ob der uns nicht aus der Verlegenheit ziehen kann. Er ist vielleicht jetzt Oberst! Leider war er nichts mehr von alledem. Man wußte sogar nicht einmal, von wem ich sprach, als ich bei dem Posten am Vendömeplatz nach ihm fragte. Es war eine neue Legion, die seit einigen Tagen den Wachtdienst versah, und von diesen hatte niemand den großen Schwadron-Chef gesehen, den ich ihnen beschrieb. Aber ein Junge, dessen Mutter dort Cigarren und Streichhölzer verkaufte, hatte mich gehört. Er gab mir eifrig einige Nachrichten. „Ah, ja", sagte er,„Sie meinen den schönen Mann. Nun, der schöne Mann hat seine Demission genommen. „Warum beim?" „Wegen eines Kameraden, ebenfalls eines Stabsoffiziers, der ihn eines Tages eine große Preßwurst genannt hatte. Und desselben Abends hat er sich mit seinen vier Schnecken dünne gemacht. Er saß famos auf dem Pferde, und er lenkre sie alle vier auf einmal! Fein! Das war brillant! Wie im Zirkus." „Wo ist er hingegangen?" „Weiß nicht!" Ich hatte entschieden kein Glück! Aber damit soll nicht gesagt sein, daß ich die Hoffnung aufgegeben hätte, Cesarine zu helfen. Wenn ich morgen einen neuen Versuch mit Augyal machte? Warum nicht? Und am folgenden Morgen machte ich mich in der That nach dem Vauveser Thor auf. Hier stand die Legion, der sich Augyal angeschloffen hatte. Eine famose Legion, das muß man sagen, aber die Truppen der Versailler hatten sie trotzdem nach und nach bis an die Befestigungen zurückgedrängt. Das Bild glich keineswegs mehr dem, das ich vor drei Wochen an der Weichbildgrenze gesehen hatte. Es hatte nicht mehr den Anschein einer Landpartie, sondern vielmehr eines wirklichen Soldatenlagers im wirklichen Kriege. Die Frauen waren verschwunden, die kürzlich noch in den kleinen Land- Häuschen gekocht und die an ihren Röcken hängenden, strampelnden Kleinen mit sich geschleppt hatten. Einige Frauen waren noch da, aber Frauen von männlicher Haltung: Alte Frauen mit den Gesichtszügen von Prophetinnen, oder junge, verwegene Frauen, die Fäuste auf die Hüften gestützt, die Marketender- Dienste ver- richteten, aber jeden Augenblick bereit waren, ebenso wie die Kameraden die Flinte in die Hand zu nehmen. Auch einige Kinder sah man noch, magere, blasse, nervöse Straßen- linder, deren schreiender Mund die Gefahr mit Vergnügen einschlürft, die mit Vorliebe die Patronen bis in die Schützen- linien tragen, und die Eidechsen der Barrikaden sind. Auch die Männer schienen nicht mehr dieselben. Sie lachten nicht, sie fangen nicht. Die Gesichter waren ernst. Aber nicht etwa unruhig, auch nicht entmuthigt; im Gegen- theil, ein entschlossener Ernst war bei allen ans- geprägt. Die Luft roch nicht mehr nach Braten, Schmor- fleisch und Wein. Sie roch nach Lederzeug, nach Talg, mit dem die Waffen gefettet wurden, nach dem Schweiß der Kämpfer, nach Pulver. (Fortsetzung folgt) (SiDchdnx! verboten.) Der Sängev von Denkerbsrh. Von Her mine Villinger. Es war an einem schönen wie in Gold getauchten Frühlings- abend, als der Bürgermeister von Denkerbach wieder einmal seinen Mangel an Ueberlegung zu beklagen hatte. Er saß am Wirthstisch, in seinem eigenen Wirthshaus, dem Rößle, und wischte sich die Stirn mit dem geblümten Taschentuch, denn er war ein hitziger Mann und von kugelrunder Gestalt. „Starrt mich nit so an. fuhr er über die Herren Gemeinderäthe her,„es ist halt geschehen— da heißt' immer, die Denkerbacher hätten den flottesten Gesangverein der Umgegend, nun ja, Hab' ich gedacht, wenn sie's ganze Jahr brüllen, werben sie sich doch einmal hören lassen können—" „Können ivir auch ," meinte der eine der Genieinderäthe, „so eine Stimm' wie mein Stoffel, so was giebt's nimmer auf der Welt „Brrr!" fuhr der Bürgermeister auf.„Ihr seid mir schon zum Gespött, Aberle, mit Eurer Affenlieb'—" „Aber er hat recht," erklärte der zweite Gemeinderath,„der Stoffel ist der Halt von der ganzen Geschicht', er allein macht weiter, wenn sie alle nach Luft schnappen und thut noch leinen Echnanfer."— Der Sprecher, Musikus, Gemeinderath und Spezereihändler in einer Person, hatte von den Dreien das intelligenleste Gesicht, und der Bürgermeister lieble es auch sonst, auf ihn zu hören, nur wenn er's mit dem Aberle hielt, das konnte er nicht ertragen; er haßte den Mann; niemand, er selbst nicht, wußte warum, aber der Wein schmeckte ihm nicht, wenn der Aberle vor ihm saß. Dieser, lang und dünn wie ein Gedankenstrich, hatte einen prächtigen Kerl von einem Sohn, für den er die Empfindungen einer Huhn- mutier hegte, die ein schwimmfähiges Enllein ausgebrütet. Möglich oder wahrscheinlich, daß ihm der Bürgermeister diesen Cohn neidete. denn er hatte nur eine Tochter— 's Burgi— mit der er übrigens sehr zufrieden hätte sein dürfen. Natürlich halte sie den Stoffel gern, und der Stoffel sie, und der Bürgermeister war nichts weniger als damit einver- standen. Sie saß am Fenster, stopfte Strümpfe und der Abend» schein umfloß ihren vollen Nacken, auf den ein paar kräftige Zöpfe fielen. Auf ihrem blauen, mit rothem Band«ingesaßten Rock saß der Spitz des Hauses und hörte mit ihr der Debatte der Dorf» obersten zu. „Wie gesagt." erklärte der Musikus,„es war' uns eine Ehr' gewesen, aber es ist zu theuer für die Gemeind', wir müssen hall in Gottes Namen von dem Gesangfest wegbleiben—" „Ja wohl," sagte der Bürgermeister und kratzte sich hinter den Ohre»,„aber abschreiben, nachdem ich zugesagt, das wurmt mich, Ihr Herren, das wurmt mich—" „Warum habt Ihr denn zugesagt?" fragte Aberle. „Heiliges Gewitter", fuhr der Bürgermeister auf,„bin ich viel- leicht musikalisch— thät' mir fehlen!— aber man möcht' doch auch gern einmal Ehr' einlegen und von sich reden machen—" „Schickt doch den Stoffel allein", warf das Burgi hin.„der macht uns gewiß Ehr', und der Vater braucht sein Wort nicht zurück- zunehmen."— „Das wär' eine Idee", sagt der Musikus. „Seid Ihr bei Berstand", schrie der Bürgermeister,„ein einzelner Kerl—" „Aber was für einer", murmelte Aberle. Der Wirth sprang auf, wie um davon zu laufen, aber der Musikus hielt ihn am Rock fest:„Ich sag' Euch, Ihr Herren,'s Burgi hat recht, wenn der Stoffel's Maul anfthnt, giebt's ein Aussehen—" „Ich verwett' mein oberes Rebstückle, er kriegt einen Preis." verkiindete Aberle. „Oho," lachte der Bürgermeister und rieb sich die Hände,„ich nehm' Euch beim Wort—" „Was setzt Ihr dagegen?" hieß es. „Mich," sagte das Burgi und trat zum Tisch,„wenn der Stoffel einen Preis heimbringt, bin ich seine Braut, der Vater knickert nit—" Bevor dieser recht begriffen, schrie der Musikus:„Knickern, wenn der einzige Mann, den die Dcnkerbacher geschickt, de» Bogel abgeschossen!" Und Aberle meinte:„Es war' eine Ehrenrettung für die Schlapp' bei der letzten Ausstellung, wo über uns zu lesen stand: „Naiv ist die Töpferarbeit der Denkerbacher"; was aber naiv heißt, ist Witz der Dummheit, wie ich nach langem Studiren aus unserem Pfarrer seinem Lexikon herausgebracht—" Der Bürgermeister, noch nachträglich in Zorn gerathend über die Schmach, erklärte aus diesem Gefühl heraus:„Gnt, ich setz''s Mädel ei», denn der Ruhm der Gemeind' geht mir über den eigenen Gusto"— woraus die kleine Versammlung in aufgeregtester«stillt» mung und unter dem lauten Gebell des Spitz auseinander stob. Zu Holdheim wehten die Flaggen; da lebte ein gefangfroheS Bölflein, das des Lbens Sorgen in dem guten Wein hinunter zu schwemmen pflegte. So war denn auch alles aus den Beinen und strömte dem Bahnhos zu. um die erwarteten Gesangesbrüder mit Hochs und Hurrahs zu empfangen: und es währte nicht lang, marschirten diese mit ihrer sidelen Blechmusik durch die Gaffen, allwo die Mägdlein des Städtchens und der Umgegend Gläser voll goldenen Weines an die Sänger austheilte», welche fröhlich zu» griffen, wo immer der Segen herkani. Als aber der Stoffel einher» schritt in seiner prächtige» Tracht, die Standarte mit dem Namen Denkerbach höher haltend als alle anderen Würdenträger. in dem freudigen Borgefühl, sich heute unter alle» Umständen mit Siuhrn zu bedecken, da stannte jeder den einzelnen Sänger au und freute sich seines unerschrockenen Wesens; die Mägdlein aber umringten ihn mit besonderer Ausdauer, so daß er nur die Hand auszustrecken brauchte, um die freigebig gespendeten Wein- gläser in Empfang zu nehmen; er leerte sie alle aus das Wohl Bnrgis, die in der Festnacht, mit rothleuchtendcr Sammthanbe, grün- seidenem Fürluch und blauem Faltenrock auf dem Trotloir einher- schritt, den heftig keuchenden Vater mit sich ziehend, sder fluchend nach dem Taschentuch suchte, und es in der Eile und dem Gedränge nicht erwischen konnte. Auf der anderen Seile der Straße schritten die Gemeinderäthe, und so oft Stoffel ein frisches GlaS leerte, schrie der Musikus:„Halt ein!" worauf sich alles nach dem Schreier umschaute, ihn verhöhnte und weiter mit fort riß. Die Halle war geräumig, und die Sänger thaten ihre Schuldigkeit; schwitzend lauschte das Publikum, die Gläser machten die Runde, zuweilen brach stürmische Begeisterung ans. Das Häuflein Denkerbacher in seiner Ecke hörte wenig; der Bürgermeister chnauste sich nach Herzenslust aus nach der Anstrengung, die er ge- habt, und der Musikus fuhr sich ununterbrochen in die Haare, in» dem er vor sich hinmurmelte:„Der Kerl ist betrunken, der Kerl ist ja betrunken;—"'s Burgi hielt den großen Regenschirm fest gegen den Magen gedrückt, und ihr Stoßseufzer lautete:„Hilf Gott! hilf Gott!" Nur Aberle verhielt sich ruhig wie einer, der seiner Sache sicher. Was nun den Stoffel anbelangte, so hatte er seine beiden Lieder fest im Kops und ebenso ivußte er, daß er auf den Nuf�„Denker- dach!"— hervorzutreten und loszusinge» hatte. Im übrigen lag sein Geist völlig im argen, und sagte manchmal mit einem vcr- wunderten Blick zu seiner Standarte empor:„Will Dir schaukeln, pah aus—" Jetzt schrie ihm jemand den Namen Denkerbach ins Ohr, sowie das Lied, welches er zu singen hatte, und Stoffel schritt hinaus. Der Kapellmeister gab ein Zeichen, und der einzelne Man» setzte ein — er lhat's voll Krast, mit ganzer Stimme; und sie war wirklich ein Staat, nur spielte die Musik:„Drei Lilien, drei Lilien"— und Stoffel sang:„Gute Nacht. Du mein herziges Kind."— Der Kapellmeister, höchlich belustigt, blieb bei seiner Begleitung, und der Bursche sang unentwegt, ohne eine Miene z» verziehen, seine Strophe weiter. Die Wirkung dieser Musik war eine un- geheure.— „Habt scheint's ein lustig's Stückle gewählt," meinte der Denkerbacher Bürgermeister und schloß sich dem allgemeinen Gelächter mit Wucht an. Jetzt fiel der boshafte Kapellmeister in die richtige Begleitung. und die Sache nahm eine andere Wendung; das Lachen verstummle einigermaßen, und Stoffels Stimme zeigte sich jetzt von einer Kraft, die ihresgleichen suchte; ein roher, aber angenehmer Tenor, der die Lacher allgemein in Bewunderer verwandelte. (Schluß folgt.) Vlvinvs Fcnillekon — Ein bisher völlig unbekannt gebliebenes Originalbildniß Gocthe'ö gelangte vor kurzem in den Besitz des freie» deutschen Hochstifts in Frankfurt a. M. Es bildete früher einen Bcstandtheil der Lavaler'sche» Porträlsammlnng und ist eine sorgfältig als Vor- läge für de» Kupferstich ausgeführte Tuschzeichnung, die, was Porträtähnlichkeil anbetrifft, den besten Goethcbildern zuzuzählen ist. Wie fast alle Stücke der Lavater'schen Sammlung, war das Bildniß von zwei mit grünem Papier überzogenen Pappdeckeln geschützt. Die Außenseite des Borderdeckels trägt aus zierlich umrandetem Zettelchen von Lavater's Hand die Bezeichnnng„Goethe, Profil, £>. IV.", während dessen Innenseite auf größerem umrahmten Zettel de» von Lavater geschriebenen Begleitspruch zeigt:„Jimncr, iuuner nur Er. in dem Bilde der Mann stets, Dem nicht einen schaff die Natur zum Gefährten— die Weisheit ward dem Hohen zn theil— und Menschenkenntuiß dem Kühnen". Nach einer in den„Berichte» d. sr. d. Hochstisls" von Dr. O. Heuer gegebenen Darstellung dürste das Bildniß von Lips und zwar wahrscheinlich im Jahre 1779 ge- fertigt sein.— — Pomniersche Wünsche. Karl S i m r o ck veröffentlichte in de» dreißiger Jahren unter diesem Titel ein Spottgedicht. Der edele Pommer wünscht sich allerlei, und der Refrain heißt immer: „Hab' ich Unrecht, Hab' ich Recht?"„Ei ganz Recht! Ergeb'ner Knecht!" antwortet der Untergebene. „Sechstens wünsch' ich,.Fürsten und Herr'»— Hab' ich Unrecht, Hab' ich Stecht? Gäben auf Verlangen gern Portefeuille und Ordensstern: Ich und meine zwölf Geschwister Würden gleich Finanzminister: Hab' ich Unrecht, Hab' ich Recht? „Ei, ganz Recht! Ergeb'ner Knecht!""— Literarisches., g. h.„Eon", Roman von Carl Ewald. AuS dem Dänischen von Dr. H. v. Lenk, Leipzig. Kollektion Wigand.— Das Problem, das sich der Schriftsteller gestellt hat, ist ja gewiß ein lohnendes: Reicher Lente Kind hat ein lebendes Andenken an seinen Leichtsinn erhalten. Die böse Angelegenheit wird natürlich vertuscht, aber endlich bricht das Gefühl der Mutler, das sie lange Zeit zurück- gedämmt, durch; sie nimmt den Sohn, der bis dahin bei irgend einer Fran Müller in Pflege war, unbekümmert um den Klatsch und Tratsch der Edelste», zu sich. Der Vorwurf ist nicht übel, aber all' diese Figuren, die da agiren, leben nnr ei» trauriges Scheinleben, sie treten anch nicht eine Minute aus de» Blätter» des Buches heraus, und sowie man es zuschlägt, sind sie gestorben. Eine zwingende Nolhwendigkeit, daß uns Herr Dr. Lenk mit diesem Er- zeugniß der dänischen Literatur bekannt machte, lag nicht vor.— Physiologisches. — k. D i e Bewegungen des menschlichen MagenS. Die Professoren Roux und Balthazard habe», wie sie der Gesellschaft für Biologie in Paris mittheilen, die Bewegungen des menschlichen Magens mit X-Strahlen untersucht. Da die motorische Thätigkeit des MagenS noch immer nicht sicher festgestellt ist, so sind diese Untersuchungen von Bedeutung. Sie beweisen, daß der größte Theil des Magens, der dem Magengruud entspricht, beim Menschen ebenso wie' beim Hunde und beim Frosch als NahrungSbehälter dient. Der kleinere Abschnitt, der dem Magenausgang anliegt, dient allein der Bewegung des Magens und wirst allmälig durch heftige, wellen- förmig ablaufende Bewegungen die Speisen, die im Magen auf- gehäuft sind, in den Zwölffingerdarm.— Aus dem Thierreiche. t. u e b e r d i e wilden H n» d e A n st r a l i e n s giebt der Zoologe Knut Dahl in einer englischen naturwissenschaftliche» Zeit- fchrist einige neue Mittheilungen. Nach der Charaklerschildel«e>g, die wir von diesenz Thiere erhalten, muß man sich eigentlich wundern, daß der Hund ein geschätzter Genosse und Freund des Menschen hat werden können, denn der Dingo — so heißt bekanntlich der wilde Hund Australiens— besitzt keinerlei Eigenschaften. die ihn in günstigem Lichte erscheinen lassen könnten. Man hat zwar bisher allgemein ge- glaubt, daß er wenigstens beim Erwerben seiner Beute sich alö ein muthiges Thier erwiese, aber auch diese Annahme ist falsch. Der Dingo, der hauptsächlich im nördlichen Australien lebt, ist ein ge» borener Feigling, der den völligen Mangel an Muth durch Verschlagen» heil zu ersetzen sucht. Nie verfolgt er ein Thier im Laufe und jagt daher überhaupt niemals aus Thiere, deren Erbeutung eine derartige Anstrengung und Gefahr erfordern würde, vielmehr begnügt er sich im allgemeinen mit kleinen Wirbelthieren, besonders Eidechsen. Gelegentlich führt er sich auch einen Vogel oder ein Vogelei zu Ge» müthe, wenn es sich gerade so trifft. Ein Känguru von gleicher Größe greift der Dingo schou nicht mehr an, obgleich dieses doch auch nicht gerade zn den wehrhafte» Thiere» zn rechnen ist. Will- komme» als Beule ist dem wilden Hunde auch ein Schaf oder eine Ziege; aber auch diese Hausthiere wird er niemals ans geradem Wege an- greifen, sonder» sie nur aus dem Hinterhalte anfallen. In einigen Gebieten Australiens verursacht der Hund unter den Viehheerden immerhin beträchtlichen Schaden. Die große Verschiedenheit dcS Dingo von dem europäischen Hunde kommt auch darin zum Ans- druck, daß beide Arten sich nicht unter einander kreuzen, wenigstens giebt es kaum eine sichere Angabe über eine Paarung zwischen einem Haushunde und einem halbgezähmten wilden Hunde, auch scheint das Vorbild eines europäischen Hundes durch das Zusammenleben auf den Dingo nnr einen höchst geringen erziehlichen Einfluß zu haben. Der Dingo ist ein echter Eingeborener Australiens, denn seine Skelette finden sich in fossilem Znstande bereits in älteren Schichten des Bodens.— Ans der Pflanzenwelt. — Atlas-Cedern. Ueber 8500 Hektar sind, wie die .Revue des eaux et foröts" berichtet, in Algier mit mehr oder minder dichten Anpflanzungen von Atlas-Cedern bestanden. Es giebt auch kleine Dickichte in Marrokko bei Tanger und Tetuan, und wahrscheinlich auch südöstlich von Fez. Gewaltige Waldungen sind hauptsächlich in der Provinz Constantine. Die Provinz Algier ist weniger gut damit ausgestattet; sie enthält im ganzen nur ein Zehniel ans 1000 Hektar, aber die Cedern de? AtlasgebirgeS, die in der Nähe von Blidah sich befinden, können leichter besichtigt werden, und das schöne dichte Holz von Teniet-et-Haad ist auch daS Ziel zahlreicher Besuche. Dieser Wald bedeckt ungefähr 3500 Hektar in dem Gebirge oder vielmehr ans der Hochebene, die im Innern des Gebietes von CHelif, etwa 30 Meile» südlich von Milianah, belegen ist. Von diesem Bestände sind 900 Hektar reiner Cedernwald, und dieser bietet einen sehr merkwürdigen Anblick. Obwohl der Boden aus ziemlich magerem Sande, gebildet aus zerstreuten Sandsteinen, besteht und ziemlich unfruchtbar ist, gelangen die Bäume in zwei- oder dreihundert Jahren zu ansehnlicher Größe: 35—33 Meter Höhe und über 6—7 Meter Umfang. Steinblöcke, die ihren Stamm umgebe», ihre mächtigen Jnhölzer. ihre volle und ausgebreitete Krone verleihen ihnen ein ergreifendes Aussehen. Ein ähnliches Schauspiel kann man heutzutage in de» Wäldern des Libanon oder in Kleinasien überhaupt nicht mehr genießen. Mau weiß, daß die alten Bäume im Libanon zu Ende des vorigen Jahrhunderts schon selten waren lLabillardiöre fand im Jahre 1787 nur 7 vor) und jetzt vollständig verschwunden sind. Die Wälder Kleinasiens, des Taurus und Anti-Taurus(Anatoliens und Ciciliens). obschon weniger im Verfall vorgeschritten, haben bereits schwer durch den Mißbrauch der AbHolzungen Schaden erlitten: die schönen Grundformen der reinen Libanon-Ceder sind daher heutzutage nicht mehr in deren Ursprungslande zu suchen, sondern in den europäischen Parken. Dagegen befindet sich ein schöner natürlicher Cedernwald aus Cypern. Derselbe nmgiebt und bedeckt den Berg Olymp auf Cypern und besteht aus der Spiel- art brevifolia, mit sehr kurze» und häufig silberfarbenen Blättern, die sich also mehr der algierischen Spielart nähert als dem Libano- nischcn Typus. Der cyprische Wald umfaßt 3500 Hektar. Die Cedern des Mittelmeerbeckens, und selbst die Cedrus Deodora, scheinen die Nachkommenschaft der jetzt verschwundenen Urwellbäume zu bilden, deren Heimath mehr nördlich war. Das Vorkommen der Ceder im mittleren Europa und sogar in deffen nördlichein Theile ist durch schöne fossile Exemplare erwiesen. In Belgien hat man Spuren einer Gattung gesunden, die Cedrus corneti genannt wird. In der Umgegend von Havre hat man die Cedrus I-enonieri. in England die Cedrus I,eckeubyi aufgefunden. Die letztere ist der Libanon-Ceder verwandt, während die beiden erstgenannten mehr Aehnlichleit mit der Cedrus Deodora haben.— Geographisches. — Ueber die Insel Krakatau berichtet der„Globus": Auf der etwa 800 Meter hohen Spitze des berüchtigten Krakatau in der Sundastraße sollte an stelle des durch den vulkanischen Ausbruch veniichteten Triangulationspseilers ein neuer errichtet werden; aber alle Versuche, die von Mannschafte» der Triangulationsbrigade vom 26. Juni bis 2. Juli 1896 gemacht wurden, die Spitze zu erreichen, waren vergeblich. Der ganze Berg ist mit einer viele Meter dicken Aschenschicht bedeckt, in welche Regengüsse schmale Schluchten mU senkrechten Wänden ausgespült haben. Auch die schmale», stehen gebliebenen Rücken zwischen den einzelnen Schluchten. «us denen man vorzudringen versuchte, sind durch Steilabstürze unterbrochen, und das lose Material stürzt überall nach. Man er- richtete den Pfeiler daher ans dem etwa 130 Meter über der See gelegenen Hügclrücken des benachbarten Langeiland, wo man weniger Schwierigkeiten antraf, und stellte so einen brauchbaren Zwischen- Punkt für die Verbindung der Dreiecksnetze von Java und Sumatra her. Nachdem bereits Ende August 1396 diese Station für Winkel- inessung auf Langeiland errichtet, gelaug es doch erst um Mitte Januar 1897, der ungünstigeu Luftverhältnisse wegen, die Messungen auszuführen. Das Leben für die Beobachter auf der Insel war unerquicklich. Am Tage stieg das Ther- mometer in der Wohnhütte tagelang auf 34 Grad C. und fiel in der Nacht nicht unter 30 Gr. C. Der durch die Sonne erhitzte Sand halte am Tage eine Temperatur von über 60 Gr. C. Das Trink- wasser mußte regelmäßig von Balavia herbeigeschafft werden. Der Pflanzenwuchs ist auf der erst wenig verwitterten Aschenlage noch im Entwickelungsstadium. In der Nähe des Strandes bilden Casuarinen kleine Büsche und sonst kommt besonders das Gelagah- gras vor. Die Thierwelt ist wieder durch Baranen, einige Vögel iund Insekten vertreten. Am Strande findet mait Bimsstein n Menge. Die ganze Insel ist mit Asche überdeckt, in welche die Regengüsse auch zahllose Schluchten, mit vierzig bis fünfzig Meter Tiefe, eingegraben haben, die jetzt von einer Algenkruste überzogen sind, die das Nachstürzen der Aschen- niasse verhindern. Von dem Hügelrücken sieht man die nördliche steil abgestürzte Wand des Krakatau vor sich. Täglich finden an derselben noch Abstürze statt und braunroth gefärbte Staubwolken steigen dann, durch die herunterrollenden Steinblöcke und Sandmassen aufgewirbelt, in die Höhe und schweben lange um die Spitze, bis sie sich auflösen. Man hat sie von vorbei- fahrenden Schiffen für Rauchwolken gehalten und so entstand das Gerücht, daß der Krakatau wieder in Thätigkeit sei, was nicht zutreffend ist. Die beiden Krater des Krakatau, Danan und Parbuatan, sind verschwunden, die See bedeckt die Stelle, wo sie sich einst erhoben. In der Nähe von Langeiland erhebt sich «in steiler Felsen,„der Bootsmansrots"; er ist der einzige Ueber- rest des in den Abgrund versunkenen nördlichen Theiles von Krakatau.— — Der Lsterreichisch-ungarische Kriegsdampfer„Pola" wird am l. September eine wissenschaftliche Expedition antrete», um sein im vorigen Jahre begonnenes Werk der zoologischen, physi- kalisch- ozeanographischen und chemischen Durchforschung des Rothen Meeres auf der Strecke von Dschedda bis Aden fort- zusetzen. Die Arbeiten zur See werden sich auf Sammlungen zoo- logischer Objekte durch Dredschungen(Fischen mit Tiefnetzen am Meeresgrunde), Lothungen behufs besserer Erkenntniß des Seebodenreliefs, Beobachtungen von Temperaturen und spezifischen Gewichten des Seewaffers, Messungen von Strömungen, chemische Untersuchungen, astronomische Zeitbestimmungen, Sammlungen meteorologischer Daten zur See ec. erstrecken. Technisches. — In den Vereinigten Staaten wird zum ersten Male ein See in de» Dienst der Elektrizität gestelltj werden. Aus dem Clear Lake(Lake County), der l3S0 Fuß über den, Meeresspiegel liegt, wird mittels eines großen Dammes ein Ausfluß hergestellt, so daß das Wasser, welches durch Stahlröhren von acht Fuß Durchmesser hindurchgeleitet wird, Maschinen in Bewegung setzt, welche in drei unabhängig von einander so errichteten Maschinenhäusern untergebracht werden, daß jedes der letzteren mindestens 100 Fuß tiefer liegt, als das vorhergegangene. Auf solche Weise will man die Wucht des herabstürzenden Wassers drei- mal ausnützen und so eine Wasserkraft gewinnen, welche 7 000060 Pferdekräften gleichkommen soll. Ein Wassermangel ist nie zu be- fürchten; wird doch der 30(englische) Meilen lange und 10 Meilen breite See durch niemals versiegende Bergströme gespeist. Das Aufsangen des Abflußwassers wird dadurch erleichtert, daß dasselbe eine Schlucht durchfließt, welche von steilen bis zu 600 Fuß hohen Bergwänden eingefaßt ist. Man hofft so eine Wasserkraft zu ge- winne», welche hinreicht, um alle Fabriken sämmtlicher Städte an der Bai von San Francisco, ferner in Sacramento, Santa Rosa, Benicia. Napa und Ballejo mit motorischer Kraft zu versehen. Die erste Arbeitsleistung soll der Betrieb einer elektrischen Eisenbahn sein, welche von Ballejo nach Clear Lake gebaut werden wird.— Humoristisches. — Für Forscht und Vaterland? An einem Tage des Jahres 1343 gab es, so erzählt nian der„Tägl. Rundsch", in dem Laudstädtchen D...... riesige Aufregung, als schon so gegen 10 Uhr vormittugs die Bürgerwehr- Trommler mit ihrem unheimlich dröhner.oen„Konrad, komm! Konrad, komm! Konrad, komm mit Sack und Pack!" durch die Gassen rasselten und der Ruf:„Die Freischärler{imune!* die erschreckten Einwohner vor die Haus- thüren jagte. Da stürzten sie herbei die bleichen Gestallen, den Uniformrock schief zugeknöpft, den Tschako verkehrt aufs taupt gestülpt, keuchend unter der Last des dreizehnpfündigen uhsußes, von Zeit zu Zeit über das baumelnde Schwert der Gerechtigkeit stolpernd, aber doch Maunesmuth in der Brust, dem Sammelort zustrebend. Auf de», Marktplatz mühte sich der Herr„Oberscht" vergeblich, Ordnung in die wirren Massen zu bringen, denn die Bevölkerung wogte wie eine toll gewordene Hammelheerde durcheinander, die bewehrten Herren der Schöpfung hatten den Kops verloren, fanden ihre Rottenmänner nicht und den dicken Herrn Kommandanten sah kein Mensch, weil sein Schlachtroß noch auf Feldarbeit war, er sich aber zu Fuß in dem herrschenden Getümmel unmöglich bemerkbar oder verständlich machen und die Front angeben konnte, in welcher die Mannschaft antreten sollte. Endlich gelang es dem eifrigen Herrn, sich mit Hilfe einiger wasserholenden Mägde mit gezücktem Sarraß auf den Brunnenrand zu schwingen und von diesem er- habenen Standpunkt aus ein„Heilig— kreuz— Stern— Hagel!— Mit dem Buckel nach dem Rathhaus! Ihr Ochsen!* in die wogenden Massen hineindonnern zu können. Nun war Klarheit geschaffen; man fand sich zurecht und der Herr„Oberscht" entsandte seine Schaaren, indem er ihnen zurief:„s Hauptquartier ischt im goldene Löwe! Jetzert macht aber, daß Ihr ans Thor kommt, daß keiner rein komme kann!"— Zwei Stunden schon lagen die Braven hinter rasch hergerichteten Verlheidigungs- Barrikaden und hatten umsonst geschwitzt, denn die Aufrührer. wenn solche überhaupt da waren, gingen nicht zum Sturm vor, sondern verhielten sich ganz ruhig in den umliegenden Ortschaften; dieses wurde dem Hauptquartier gemeldet. In diesem entscheidenden Augen- blick zeigte sich aber der Herr Obeuscht der Lage völlig gewachsen. Wohl einsehend, daß mit übermüdeten Truppen keine Schlachten zu schlage» sind, die Uhr bereits auf 12 Uhr zeigte, ein einsamer Früh- schoppen aber höchst langweilig ist. entsandte der humane Feldherr nach allen nahen Dörfern Parlamentäre mit dem hochherzigen An- erbiete» einer dreistündigen Frühstückspause. Dieser stieß nirgends auf Widerstand, denn es waren keine Gegner zu finden. In D...... herrschte große Freude ob des glorreichen Tages; nament« lich war der Löwenwirth sehr zufrieden. Er war der Vater des Ge- dankens gewesen.-- Vermischtes vom Tage. — Hamburg, I. August. Heute Morgen kenterte auf der Elbe ein mit dreizehn Schiffsmalern besetztes Boot infolge Wellen- schlages eines Jollenführerdampfcrs. Neun Personen wurden ge- rettet, vier sind ertrunken.— — U. Einen ungewöhnlichen Tod fand auf der Strecke Jnsterburg— Lyck der Hilfsbremser Pilz aus Jnsterbnrg. Derselbe wurde bei einem der letzten Gewitter auf seinem Sitze von einem Blitzstrahl tödtlich getroffen und auf den Bahndamm hinabgeschleudert, wo er dann noch Übersahren wurde.— — Vom Nachtwächter erstochen wurde in Kriewen bei Lissa ein Maurer. Beide hatten zusammen gekneipt. Ans der Straße machte der Maurer Lärm, der Nachtwächter fühlte sich jetzt alZ Beamter, es kam zum Ringen, der Maurer erhielt mit dem Nacht- wächterspieß einen Stich in die Seile und starb nach kurzer Zeit.— — Zu den Fleischvergiftungen in K a l k bei Köln wird noch gemeldet: Der Metzger, der das verdorbene Fleisch verkaufte, sitzt in Haft. In der Senkgrube des Metzgers hat man einen große» Posten verdorbenen Fleisches gefunden. Bon den erkrankten Per- sonen befinden sich noch 34 in ärztlicher Behandlung.— — Am 1. August ist im inner» württembergischen T ele p h o n v e r k e h r eine erhebliche Gebührenermäßigung eingetreten. Nachdem schon am 1. Mai d. I. eine Herabsetzung der Sprechgebühren im Orts- und Vorortsverkehr von 20 Pf. auf 10 Pf., im Nachbarschaftsverkehr bei einer Entfernung der Telephon- anstatt von etwa IS Kilometern in der Luftlinie von 30 Pfennige auf 2S Pfennige erfolgt ist, wird nunmehr diese Entfernung ans bv Kilometer(Nahverkehr) erstreckt. Hierdurch wird die Sprechgebühr zwischen eine?" großen Anzahl von würltem- bergischen Orten von seither 50 Pf. auf 25 Pf., also um 100 pCt. ermäßigt. Es entspricht das den Wünschen zahlreicher Interessenten und namentlich der Telephontheilnehmer an kleineren und mittleren Plätzen. Dabei kommt noch in betracht, daß in Württemberg die Jahresgebühr der Telephontbeilnehmer nur 100 M. gegenüber 150 M. in Bayern und im Reichspostgebiet beträgt, und daß anderwärts die Sprechzeit theilweise nur 3 Minuten beträgt, während sie in Würltem- berg allgemein auf 5 Minuten festgesetzt ist.— — Jaroslaw(Galizien), 1. August. Eine große Feuers- brunst in der Stadt L j u b i»i äscherte über 200 Häuser, eine Kirche, ein Spital und außerdem verschiedene Amtsgebäude ein. Hunderle von Menschen sind obdachlos und brotlos.— — In B a r i(Italien) sprengte die verlassene Geliebte eineS Mannes, der Feuerwerkskörper erzeugte, aus Rache dessen Pulver- vorräthe in die Luft. Das ganze Gebäude flog mit, der Mann wurde in Stücke zerrissen.— c. e. Im St. Lorenzo-Jnstitut zu Sondrio(Italien) hat dieser Tage ein Advokat in zwanzig Stunden die ganze„Divina Commödia* von Dante aus dem Gedächtniß rezitirt. Es handelte sich um eine Wette.— — In den Steppengebieten Rußlands herrscht nn- beschreibliche Roth. Nicht nur ist die Ernte mißrathen; es fehlt auch allerorten an Waffer, so daß bei der sengenden Hitze Menschen und Vieh sehr leiden. Viele Todesfälle sind aus diese Ursachen zurückzuführen. Perantivorjtficher Redakt�ir: August Jncitfct) in Berlin. Druck und Verlag von Max Babing in Berlin.