Anterhaltungsblatt des Horwärts Nr. 153. Freitag, den 6. August. 1897. (NachdruZ vorbolsn.) qSZ SesAvittv. Von Jean Richepin. Uebersetzt von H. L. XX. „Mein Herr, mein Herr! Die Versailler sind eingezogen!" Es war am Montag, den 22. Mai, morgens. Ich war sehr spät zu Bett gegangen und hatte eine fast ganz schlaf- lose Nacht verbracht. Erst am Morgen war ich in tiefen Schlaf gesunken. Aber sofort war ich auf den Beinen, als ich plötzlich geweckt wurde; und auch mein Geist war ganz klar, von diesen Worten wurde er wie von einem elektrischen Schlage getroffen. Es war der Hotelier, der mir diese Worte mit zitternder Stimme durch die Thür zugerufen hatte, indem er gleichzeitig mit einem Schlüsselbunde anklopfte. In dieses nahe, hastige Geräusch, das durch das plötzliche Auf- wecken noch stärker erschien, mischte sich der Baß eines großen, von außen hereindringenden Lärms, den ich ebenfalls äugen- blicklich vernahm, und in dem ich die Signale der Trom- peten, den Generalmarsch der Trommeln undZdas Sturmgeläut der Glocke von Saint-Sulpice oeutlich unterschied. Ich öffnete dem Hotelier und zog mich rasch an, während er mir erzählte, daß die Truppen bei Tagesanbruch eingedrungen seien und daß die Födcrirten selbst erst heute davon Kenntniß erhalten hätten. Die Schlacht tobe nun an allen Ecken und Enden. „Sie werden doch nicht ausgehen?" fügte er hinzu, als er sah, wie ich nach meinem Hute griff. In der That hatte ich mich mechanisch, ohne selbst zu wissen warum, zum Ausgehen fertig gemacht. „Wohin gehen Sie? Sind denn irgendwo Freunde von Ihnen in Gefahr?" Wohin sollte ich in der That' gehen? Und wem konnte ich wohl Hilfe bringen? Paul und Cesarine waren in ihrem Feldlazarerh in Sicherheit. Werden denn nicht die Kranken und deren Wärter von allen Parteien respektirt? Was den Vater Miklosch anbetraf, so halte er zwei Wohnungen. Viel- leicht hatte Eesarine auch ihn bei der Krankenpflege unter- gebracht. Jedenfalls war der gute Mann in dem Alter, sich ohne mich aus der Affäre ziehen zu können. Den einzigen Wesen, die mich interessirtcn, drohte aber keine Gefahr, wozu also ausgehen? Das wäre in Wirklichkeit unsinnig. Und trotzdem verlangte es mich danach. „Ich will sehen...", sagte ich zu dem Hotelbesitzer. „Aber man wird Sie nicht sehen lassen," antwortete er mir.„Man greift alle kräftigen Leute auf, um sie beim Bau der Barrikaden mit Hand anlegen zu lassen. Man zwingt sogar die Frauen, daran mitzuarbeiten. Als meine Mutter heute Morgen ausging, um Vorrath einzuholen, zwang man sie in der Rue du Vienx-Colombier, Steine heranzuschleppen. „Das thut nichts. Ich will sehen." „Was denn sehen?" „Ich weiß nicht." Und ich ging. Ich eilte die Nue de Vaugirard hinunter. Weshalb schlug ich mich gerade nach dieser Seite? Wahrscheinlich ans keinem anderen Grunde, als weil die lange, gerade und leere Rue de Vaugirard für meinen hastigen Lauf einen offenen Raum darbot, der mich anzog. Es schien mir auch, daß es ruhiger um mich herum wurde, je mehr ich in den leeren Raum eindrang. Ich entfernte mich in der That von dem Lärm, von den Trompetensignalen und den Trommelwirbeln, die auf der Place Saint-Sulpice und der Rue du Vieux- Colombier tobten. Das Sturmgeläut war jetzt verstummt. Hier herrschten Ruhe und Einsamkeit. Zu meiner Linken waren die Läden geschlossen, lagen die Hotels schweigend da. Zu meiner Rechten erhoben sich die nackten Mauern der Ecole des Carmes, hinter denen ich die verlassenen Höfe und die großen Gebäude errieth, die niemand bewohnte. Vor mir, so weit ich sehen konnte, lag der Fahrdamm und das Trottoir verlassen da. Ich hatte die Empfindung, in einer aus- gestorhenen Stadt zu gehen, und von Zeit zu Zeit wandte ich mich nach dem Echo meiner Schritte um, das ich in einem ungewohnten, fast seltsamen Klange hörte. Je mehr ich mich indessen der Rue de RenncS näherte, desto deutlicher nahm ich allmälig einen Lärm wahr, der gewissermaßen auf dem Schweigen wirbelte. Es war mir nicht klar, ob ich darin wirklich Flintenschüsse heraushörte; denn ihr Knall, wie ich ihn im Kriege, auf offenem Felde ge- hört hatte, hatte nicht diesen eigenthümlichen peitschenartigen und zugleich matten Klang. Ich wußte das damals nicht, heut weiß ich es leider, daß er, zwischen den Häusern eingeschlossen, diesen erstickten, dumpfen und heimtückischen Laut annimmt. Was ich aber in der That bald erkannte, war das Pfeifen der Kugeln, die mit dem kurzen und singenden Ton der Schwalben etwa hundert Meter vor mir durch die Rue de Rennes sausten. Ich wandte mich wieder zurück, eilte nach der Rue d'Assas, dann nach der Rue de Fleurus, um nach dem Luxembourg zu ge» langen. Da hörte ich,wiemiteinem Zauberschlage, vonneuemnichts mehr; kaum ein unbestimmtes Murmeln, wie das des fernen Meeres und weniger merkbar als der gewöhnliche alltägliche Lärm von Paris, wenn der ganze, große Bieneiffchwarm in Bewegung ist. Auch die Einsamkeit hatte aufgehört. Ich traf Leute, die offenbar von den wüsten Ereignissen noch nichts vernommen hatten: einen alten Herrn mit Professoren- köpf, die Hände auf dem Rücken zusammengelegt; eine Frau mit einem Vierpfund- Brode in ihrer Schürze und ausgerauftem Knoblauch in ihrem Arm- korbe. Das Cafs de Fleurus hatte seine Schaufenster offen. Im Luxembourg promenirte ganz harmlos ein junges Ehepaar- Die Mutter trug ein kleines Kind auf dem Arm. Ich ging auf sie zu und sagte ihnen fast zornig: „Gehen Sie doch nach Hause. Fünf Minuten von hier schlägt man sich. Der Mann sah mich dumm an und begann zu lachen. Die Frau wurde etwas unruhig und wandte ihr Ohr nach der Richtung, die ich ihr bezeichnete, und horchte mit offenem Munde. Die Sperlinge zwitscherten lustig auf ihren Zweigen. Beruhigt lächelte sie nun ihrerseits. In diesem Augenblick lief bei uns ein kleiner, weißer Hund in wahnsinniger Angst, vielleicht sogar verwundet, eilends vorbei. Er stieß ein langes, klägliches Geheul aus. Die Haare auf dem Rücken waren gesträubt und der Schwanz ganz unter den Bauch eingezogen. Bei diesem Anblicke wurde die Frau von Schrecken ergriffen, raffte mit einer heftigen Bewegung ihre Kleider zusammen und suchte sich zu retten. Der Mann lief hinter ihr her und rief ihr zu: „Wie dumm Du bist, wie dumm Du bist. Er macht sich nur über uns lustig." Der Gedanke kam mir, nach den Baracken auf den un- bebauten Terrains zu gehen, wo die Lazarethe aufgeschlagen waren. Vielleicht könnte ich dort eindringen und Paul und Cesarine die Hand drücken. Ich erstaunte, nicht sogleich daran gedacht zu haben. Das Thor, das auf die Rue Vavin hinaus« führte, war geschlossen. Ich ging an dem Gitter entlang, um den Hauptcingang zu gewinnen. Aber plötzlich bemerkte ich durch die Schranken eine Gruppe, die mir zu denken gab. Zwei Föderirte zogen am Kragen einen jungen Mann mit sich und zwar gerade nach dem Lazareth zu und dabei sagten sie: „Wir pfeifen auf Deinen Passirschein! Das giebt's nicht mehr mit den Passirscheinen. Man wird Dir eins aufbrennen, Drückeberger! Marsch!... Trab!..." Wenn ich aus meinem Abenteuer bestand, riskirte ich, ebenso verhaftet zu werden, ohne jemandem zu nützen. Noch einmal dachte ich, daß Paul und Cesarine meiner nicht be- durften, daß sie mehr als ich selbst in Sicherheit seien, und zwar geschützt durch ihre Eigenschaft als Kranker und als Krankenpflegerin. Ich durchschritt also daS Luxembourg, um wieder nach meinem Hotel zurückzukehren. Ich begegnete wieder dem alten Herrn mit dem Professorenkopf und den auf dem Rücken zusammengelegten Händen. Ich glaubte auch ihn davon benachrichtigen zu müssen, daß die Schlacht unfern von uns im Gange sei. «Ja, ja", antwortete er,„ich weiß. Indessen besten Dank, lieber Herr, für Ihre Warnung. Aber ich habe Zeit, ich habe Zeit." Und ohne seine Schritte zu beschleunigen, nahm er seinen offenbar gewohnten Spaziergang, dessen er sich nicht berauben wollte, wieder auf. Von Saint-Sulpice drangen jedoch jetzt weit heftigere Stöße des Lärmes als eben noch herüber. Sie pflanzten sich sogar bis in den Park hinein fort. Indem ich mich ihm näherte, hatte ich den Eindruck, mitten in den Tumult und das Handgemenge hineinzudringen. Auf dem Platze, von wo ich eine Ecke der Rue de Feron sehen konnte, sah ich ein Gewimmel von Bewaffneten um Reiter herumgedrängt, die Befehle überbrachten. Zwischen den glänzenden Bajonetten flatterte eine rothe Fahne. Die Trompeten bliesen zum Appell und die Trommeln wirbelten zum An- griff. Das Sturmgeläut hatte sich jetzt von mehreren Glocken- thürmen zu gleicher Zeit erhoben; und sie mengten ihr rasches, abgebrochenes, keuchendes Läuten durch einander. Etwas weiter, offenbar an der Barrikade du Vieux-Colombier, begann jetzt mit dem Geräusch eines von der Erde ausgehenden und diese erschütternden Hustens eine Kanone ihr schauerliches Gebrüll. XXI. Der Hotelier sah erst durch das Guckloch, ehe er mir das mit Eisen beschlagene Bohlenthor deS alten Hauses öffnete. Er schloß es sofort wieder, indem er den Schlüssel zwei- mal umdrehte, die Sicherheitskette vorlegte und den Riegel zuschob. „Und jetzt," sagte er mir,„verlangen Sie nicht, noch ein- mal hinauszugehen. Das ist zu dumm! Ich glaubte schon, daß man Sie ergriffen habe. Sie haben Glück. Nun halten Sie sich jetzt ruhig. Wir sind zwar hier wie in einem Gefängniß, aber doch in Sicherheit. Die Mutter hat zwei Brote und ein Stück Fleisch. Wir können also nicht vor Hunger sterben." „Und was werden wir anstellen?" fragte ich ihn. „Potztausend!" erwiderte er.„Abwarten! Was sollen wir anderes machen? Abwarten!" .Ja," fügte die alte Mutter hinzu,„warten, bis das Haus brennt, und wir in die Luft fliegen." Trotzdem schäumte sie bedächtig ihr Ragout ab, indem sie sagte: „Man muß gut leben, so lange man lebt." Und den Tag und die Nacht und noch einen Tag brachten wir damit zu, nur zu leben, nichts anderes, oder vielmehr in einem Loche, in dem wir uns wie die Thiere in ihre Höhle, verkrochen hatten, zu vegetiren. Wir tauschten abgedroschene Gedanken aus. Wir aßen, wir schliefen sogar, obwohl seit Montag Abend eine Kanone ganz in unserer Nähe die Wohnung erschütterte. Der Thürschließer des Nachbarhauses, das auf die Rue de Baugirard hinausführte, benachrichtigte uns durch das interfenster, daß die Kanone eine Barrikade an der Ecke der ue Bonaparte vertheidigte. Bon seiner Vorderfront, sagte er mit einer gewissen Befriedigung, könne man sie sehen. Von uns auS konnte man weder auf der Vorderseite, noch auf der Hinterseite irgend etwas sehen. Die Rue Servandoni war auf der rechten Seite durch die hohe Mauer von Saint Sulpice, auf der linken durch das Gitter des Luxembourg abgesperrt. Nur von dieser Seite aus konnten wir etwas sehen. „Oh, wenig genug! Kaum der Mühe werth auszustehen!" wie der Hotelier ärgerlich sagte. Es war nichts weiter, als daß zurückprallende Kugeln in den Wipfeln der Bäume mit lautem Geräusch die Zweige herunterschlugen. Manchmal schlug eine verirrte Kugel gegen einen der Gitterstäbe und ließ das Metall in langen, klagenden Schwingungen einen Glockenton von sich geben. Manchmal schlug ein ganzer Hagel von Mitrailleusen- geschossen gleichzeitig das ganze Klavier der Gitterstäbe an. Und dann gab das ganze Gitter einen Ton wie ein riesiges tackbrett oder ein ungeheures Cymbal. Und im wunderlichen piele flogen bei den Akkorden dieser selsamen Musik, wie von wüthenden, unsichtbaren Händen abgerissen, ganze Schwärme von Blättern empor, und führten eine wirbelnde Farandole auf. Mehrere Male stieg ich mit dem Hotelier auf das Dach des Hauses, das sehr hoch war, allerdings für die Wünsche meines Gefährten noch nicht hoch genug; denn infolge der be- nachbarten Dächer konnte man das Schauspiel der Schlacht nicht„genießen"— das war sein eigener Ausdruck.— Nichtsdestoweniger konnte man sich wenigstens eine Vorstellung davon machen. (Fortsetzung folgt.) Die eepte Meberminieeung im Ltrkiifchen Moeven 1596/97. Mit welch' ungeheueren Schwierigkeiten die zur Durchforschung der Polarregionen ausgesandten Expeditionen zu kämpfen haben, lehren uns wieder die Berichte über die jüngsten Entdeckungen im äußersten Norden unseres Planeten. Da es in diesem Winter 300 Jahre waren, daß zum erste» Mal kühne Seefahrer es wagten, den Schrecknissen eines arktischen Winters Trotz zu bieten, so dürfte es angebracht sein, das unter unsäglichen Mühen und Leiden zu Ende geführte Unternehmen der holländischen Seeleute wieder in Erinnerung zu bringen. Wilhelm Barent aus Amsterdam, der Entdecker Spitzbergens, hatte schon die beiden vorhergehenden Jahre zwei Nordlandsfahrten unternommen und als erster die Nordküste von Nowaja-Semlja erforscht, als er 1596 Amsterdamer Kaufleute überredete, zwei Fahr- zeuge zu einer neuen Expedition auszurüsten, um den bisher erfolglos gesuchten Seeweg nach den Meeren des Ostens um Europa und Asten herum aufzufinden. Die Generalstaalen hatten für die Lösung dieser Aufgabe einen Preis von 25 000 Gnlden ausgesetzt. Die Schiffe befehligten Inn Cornelis Rijp und Jakob van Heems- kerck; dem letzteren ordnete sich Barent als Obersteuermann unter, obgleich er in Wirklichkeit der Leiter des ganzen Unternehmens war. Am 10. Mai 1596 brack die Expedition von Amsterdam auf und traf schon am 5. Juni das erste Treibeis, das die Seeleute anfänglich für weiße Schwäne hielten. Am 9. Juni entdeckte man eine Insel, der man den Namen Bäreninfel gab, weil die Expedition dort de» ersten heftigen Kamps mit einem Polarbären zu bestehen halte. Di� kühne» Forscher wandte» sich dann nordwestlich und sahen am 19. Juni bei 30 Grad 11' nördl. Breite ein großes unbekanntes Land, die Inselgruppe Spitzbergen; Barent glaubte, Grönland berührt zu haben. Bei der Landung wurden sie von einem Bären angefallen, den sie mit drei Booten verfolgten und todtschlugen; auch fanden sie 60 Eier von Roth» gänsen und erlegten einen solchen Vogel durch einen Steinwurf; sie sahen serner mir Moos und Gras bedeckte Landstrecken, Rennthiere, weiße, graue und schwarze Füchse, Bären von furchtbarer Größe und am Ufer riesenhafte Walfische. Das Treibeis nöthigte die Führer ihren Kurs nach Süden zu nehmen. Am 1. Juli waren sie wieder an der Bärcn-Jnsel, wo sich die Schiffe wegen Uneinigkeit der Führer trennten. Barent schlug die Richtung»ach Nowaja-Semlja ein, segelte nordwärts die Westküste entlaug, fuhr um die Nordspitze der Insel und suchte vergeblich dnrch das Eis nach Osten weiter zu kommen. Er wurde gezwungen, nach der Insel zurückzukehren und lief in den Eishafe» ein(76 Grad »ördl. Br.). Die Eismasse» wurden immer gefährlicher, sperrten den Hafen und schienen das schwache Fahrzeug erdrücken zu wolle», so daß der Aufenthalt auf dem Schiffe unmöglich wurde. Da alle Versuche, es frei zu machen, scheiterten, enischlossen sich die Be« drängten, die nothwcndigsten Vorrälhe in Sicherheit zu bringen. Es war Ansang September, als sie unter großen Schwierigkeiten Lebens- mittel. Waffen, Mnnitio», sowie ein Boot ans Land schleppten, wo sie sich zum Schutze gegen Kälte und wilde Thiere eine Hütte herstellen wollten. Am Strande entdeckten sie Treibholz, das ihnen in ihrer traurigen Lage als Bau- und Brennholz sehr zu statten kam. Sie zogen eS auf Schlitten über Schnee und Eis»ach einem ausgesuchten Platz und zimmerten sich bei bitterlicher Kälte ein Wohnhaus, da die Aus- sichten auf Weiterfahrt immer trüber wurden und eine Ueberwinte- rung auf dem Lande ihre einzige Rettung blieb. Am 2. Oktober wurde das Haus aufgerichtet und aus den vom Schiffe losgelösten Brettern und Dielen ein Dach angefertigt. Den Eingang verschloß eine aus den Brettern der Kajüte hergestellte Thüre; im Dache befand sich eine Oeffnung für den Rauch. Sie richteten sich Schlafstätlen ein und legten eine Feuerstelle an, auf der sie ohne Unterbrechung ein Feuer unterhielten, das aber oft nur wenig Wärme entwickelte. Ein Versuch, ans dem Schiff herbeigcbrachte Kohlen als Brennmaterial zu verwenden, kostete ihnen beinahe das Leben, da sie ans Furcht vor Kälte den Schornstein verstopft hatten und deshalb im Kohlendunst fast erstickte». Ihre Vorrälhe halten die Leute nach und nach sämmtlich aus dem Schiff geholt und in dem Blockhanse untergebracht. Einzelne Lebensmittel vertheilten sie, ebenso wollenes Tuch und Leinwand, um gegen die Kälte, die immer strenger wurde, besser geschützt zu sein; die Schlafstellen waren zuweilen zwei Finger dick mit Eis be- deckt. Das Bier war in den Fässern gefroren und ungenießbar ge- worden. Auch litten sie viel dnrch Krankheiten. Der starke Frost verursachte Frostbeulen und Blasen; die Kräfte der Aermsten nahmen dermaßen ab, daß sie oft das uöthige Brennholz nicht mehr herbeischaffen konnte». Wärme Bäder, die ihnen der Arzt ver- ordnete, bereiteten sie sich in einer alten Weintonne. Während des Winters fiele» zwei Mann den Strapazen zum Opfer: der Zimmer- man, der schon bei dem Hüttenba» gestorben war, und einer der Mannschaften, der am 27. Januar im Schnee vergraben wurde. Das Wetter blieb sehr schlecht und bannte die Unglücklichen in- ihre vom Schnee zugewehte Hütte, wo sie angsterfüllt das Toben der Winterstürme und das laute Krachen der Eisschollen hörten. Den Eingang versperrten oft Schnecmassen, so daß sie erst nach harter Arbeit wieder ins Freie kommen konnten, zuweilen nur durch den Schornstein. Ihre Lage wurde ganz hoffnungslos, als am 3. November die Sonne sich nur noch am äußersten Horizont zeigte und bald wieder unterging, um bis zum 24. Januar nicht mehr zum Vorschein zu kommen. Ihre cinfache» Lebeusmitlel. die hauptsächlich aus Brot, Fleisch, Speck und Grütze bestanden, ergänzten sie durch das Fleisch getödteter Bären und Füchse. Fast täglich hatten sie Kämpfe mit Eisbären zu bestehen. Vom Hunger getrieben, drangen diese Raubthiere bis an die Thür des Hauses vor oder stiegen auss Dach und ließen sich weder durch Geschrei und Lärm noch durch brennende Holzscheite vertreiben. Von den erlegten Bären verwendete die Mannschaft die Felle zur Klcidnng, das Fleisch zur Speise, außerdem das Fett zum Unterhalt der Lampen. Der Genuß der Leber eines Eisbären ver- ursachte heftiges Uebelbefinden. Während der 81 Tage dauernden Winternacht verschwanden diese gefährlichen Thiere, dafür stellten sich weiße Füchse sehr zahlreich ein, jagten über das Dach und wurden so zudringlich, daß die Leute eine» mit einem Beil todt- werfe» konnten; andere wurden geschossen oder gefangen. Da die Mannschaften das Fuchsfleisch schmackhaft wie Kaninchenfleisch fanden und das Fell zu Pelzmützen verarbeiteten, so fertigte» sie Netze und Fallen an, um den nächtlichen Besuchern nachzustellen. Nachdem die Schiffbrüchigen in dieser Weise einen Theil des Winters ausgehaltcn, begannen sie sich nllmälig in ihr schweres Loos zu finden und neuen Lebensmuth zn fassen. Um sich unter allen Eittbehrnngen und Beschwerlichkeiten aufrecht zu er- halten, ergötzten sie sich gegenseitig durch Scherzreden und erlaubten sich mitunter eine bessere Mahlzeit: am Dreikönigsabend wählten sie einen zum König von Nowaja-Seinlja. So oft es die Witterung gestattete, verließen sie ihre Wohnung, um durch Laufen und Spiele ihre Kräfte zu stärken. Große Freude und Beruhigung gewährte ihnen die langsame Zunahme des Lichts und trotzdem sie das stürmische Wetter noch Anfangs Februar zwang, eine ganze Woche in der von allen Seite» zugewehten Hütte unthätig zu liegen und aus Mangel an Brennholz zu den Brettern der Wände zu greifen, schöpften sie doch neue Hoffnung und singen an, von der Heimath zu reden. Mit der Sonne kamen auch die aus dem Winter- schlaf erwachten Eisbären wieder und reizten die Mann- schaft zn neue» Kämpfen. Am lö. April wagten sich einige der Leute zum erste» Male an das Schiff und fanden es noch in demselben Zustand, wie sie es verlassen hatte». Zivei Tage später zeigte sich das erste Bögelein, woraus sie schloffen, daß in kurzer Zeit das Meer eisfrei sein und ihr Schiff aus seiner langen Gc- sangenschast befreit würde. Anfang Mai vertheiltcn sie ihre letzte» Borräthe an Fleisch und Speck. Manche drangen schon jetzt auf die Rückkehr. Da aber vor- läufig noch gar keine Aussicht vorhanden war, das Fahrzeug aus den Eismaffen heraus ins Meer zu bringen, so beschlossen die Führer, die Fahrt in den beiden Boote» zu versuchen. Man grub diese deshalb aus dem Schnee und machte sie fertig. Gleichzeitig wurden die Kleider für die bevorstehende Reise zurecht gemacht und das noch vorhandene Gut zunächst auf Schlitten zum Schiff ge- bracht, das zwischen dem Hnuse und dem offenen Meere im Eise steckte. Dann ebneten die Schiffbrüchigen den Weg über das Eis, um die beiden Boote, die sie mittlerweile auch an das Schiff befördert hatte», bequemer ins Waffer ziehen zu können. Barent schrieb die Erlebnisse ihrer Fahrt und ihres Aufenthalts auf Nowaja Semlja nieder, steckte das Papier in einen Flintenlauf und hing diesen im Schornstein auf. Zwei ähnliche Berichte, die fast alle unterzeichneten, verfaßte der Kapitän und brachte in jedem Boot einen unter, für den Fall, daß sie getrennt würden und verloren gingen. Nachdem die Leute die beiden Boote ins Wasser gebracht und das noch übrig gebliebene Gut verladen hatten(es waren im ganzen elf Schlitten voll) fuhren sie am 14. Juni früh mit Sonnenaufgang ab. Barent fühlte sich nn- wohl; man hatte ihn wegen seiner Schwäche im Schlitten zum Boot gefahren. Die Fahrt nach Norden war so beschwerlich, daß die Mannschaften an ihrer Rettung verziveifelten. Bald waren sie wieder ringsum eingeschlossen und mußten die Fahrzeuge aufs Eis ziehen. Barent ging es sehr schlecht; er fühlte, daß er bei der elenden Lage der ganzen Expedition keine Besserung zu erwarten hätte und äußerte dies zu seinen Begleitern, die in die größte Bestürzung ge- riethe», da sie aus ihn am meiste» vertraut hatten. Am 30. Juni starb der kühne Seefahrer auf der Eisscholle, auf die ihn seine Ge- fährten gebettet hatte». An demselben Tage erlag noch einer der Mannschaften seinen Leiden. Unter unsäglichen Mühe» fuhren die übrig Gebliebene» um die Nordspitze der Insel, dann südwärts die West- küste entlang. Erst am 28. Juli, nachdem sie über einen Monat unter be- ständiger Lebensgefahr in offenen Booten im Eismeere umhergeirrt waren, trafen sie zwei Fahrzeuge mit russischen Fängern, die sich ihrer freundlich annahmen. Noch einen Mann hatten sie auf dieser gefahrvollen Fahrt verloren. Die Geretteten litten fürchterlich an den Folgen des Skorbuts und fanden erst einige Erleichterung, als sie auf der Weiterfahrt auf einer unbewohnten Insel Löffelkraut entdeckte», vo» dem sie zur Linderung ihrer Schmerzen große Menge» verzehrten. Als sie weiter fuhren, hörten sie von vorbeisegelnde» russischen Schiffern zu ihrer großen Freude, daß in Kola drei niederländische Schiffe vor Anker lägen. Sie bewogen einen Lapp- länder gegen ein« Belohnung von zwei Reichsthalern, mit einem ihrer Genossen dorthin zu gehen und den Kapitän zn bitten, auf sie zn warten und sie mit in die Heimath zu nehmen. Dieser, derselbe Ja» Cornelis Rijp, der sich bei der Bären-Jnsel von Barent ge- trennt und nach Hause begeben hatte, befand sich gerade auf der Heinifahrt von einer Handelsreise und war sehr erstaunt, seine Landsleute, die man längst verloren glaubte, zn treffen. Er bereitete ihnen einen festlichen Empfang. Vor ihrer Abreise stellten sie die beide» gebrechlichen Boote zum Andenken an die Entbehrungen und Leiden, die sie auf ihrer fast 400 Meilen weiten Fahrt ausgestanden halten, im Kaufhaus« zu Kola als Trophäen auf. Ihre Ankunft in Amsterdam erregte ungeheures Aufsehen. Sic zeigten sich dort in derselben Kleidung, in der sie den schrecklichen Winter verbracht hatten und wurden von allen Seiten höchst ehrenvoll aufgenommen. Von de» 17 Mann der Be- satzung kehrten 12 zurück, darunter der Kapitän Jakob Heemskercken und Gerrit de Beer, der die Reisen Barenrs genau und wahrheitsgetreu geschildert hat in seiner Schrift: „WaeracdtiAö Beschryvivghe van drie seylagien, deur de Holl. en zeel. schepen by Noorden." Fünf Theilnehmer waren unter- wegs den Strapazen erlegen; nach dem muthvollen Barent benannte man später den zwischen Spitzbergen, Franz Josef-Land. Nowaja Semlja und Norwegen liegenden Theil des Nördlichen Eismeeres und die nördliche der beiden die Ostseite Spitzbergens bildenden Inseln. Barent hat sein Ziel, die Entdeckung der nordöstlichen Durchfahrt, zwar nicht erreicht, weil er wegen der unvollkommenen Ausrüstung seiner Expedition und der mangelhaften Kenntnisse seinerzeit über die klimatischen und geographischen Verhältnisse der Polargegenden den Schwierigkeiten nicht gewachsen war. Erst Nordenskiöld nahm seinen Plan wieder auf und brachte ihn 1678/79 zur Ausführung. 1871 wurde das von de» Holländer» zurnckgelaffene Haus von dem Norweger Elling Karlsen und 1876 von dem Engländer Gardiner aufgesucht und die noch vorhandenen Gegenstände, auch das zurückgelassene Schriftstück mitgenomnien und später der holländischen Regierung überlassen. z„Müuche»er Neueste Nachr.") Mleines Fvuilleko»». — Byzauz in Schwabe». Unter diesem Spitztitel schreibt der Stuttgarter„Beobachier":„Ein Stück Byzantinismus tritt uns beim Eingang der Gewerbe-, Industrie- und Kunstausstellung in Heil- bronn i» fast beschämender Weise entgegen. Steht da ein großer, breiter Wirthschaflstisch von Tannenholz. Bei aller Achtung vor dem nützlichen Möbel, die ein Tisch im Haushalt einnimmt, muß mau doch sagen, daß auch dieser Tisch eben ein ganz gewöhnlicher Tisch ist, de» die Sonne erwärmt, wenn sie scheint, und den der Regen feucht macht, wenn es regnet, weil er im Freien steht, und der in gar nichts seine Kollegen überragt, als vielleicht durch seine ungewöhnliche Breite. Wir glauben, es ist auch nicht als ein be- solideres Verdienst zu rechnen, das sich dieser Tisch durch seine Breite erworben, ebensownig ivie der dickste Rettig im Korb wegen seiner rübenhaften Dickleibigkeit ein besonderes Verdienst hat. Aber, lieber Besucher, ein nnter Glas und Rahmen angebrachtes Plakat belehrt Dich bald eines besseren über die Geschichte dieses Tisches. In weithin lesbarem Druck steht folgende erstaunliche Begebenheit, ivelche dieser berühmte Tisch erlebt hat: An diesen» Tische speisten Ihre Majestät der König und die Königin von Württemberg am 1. Juni 1897. b. Sehcnlerue» eines Blindgeborenen. Die überaus seltenen Fälle, in ivelche» ein Blindgeborener mit Erfolg operirt und die Art seines Seheulernens verfolgt»verde» konnte, sind von Dr. Ahl- ström in Golhenburg nn» eine» vermehrt worden. In dem am 30. Juli erschienenen Skandinavischen Archiv für Physiologie be- schreibt er de» Fall eines intelligenten neunjährigen Mädchens, das in beiden Auge» schon von der Geburt an eine»veißgelbe Linse besaß, die das Licht fast gar nicht durchließ. Das Kind besaß daher nur ein allgeineines Unterscheidungsvermögen zivischen größerer oder geringerer Helligkeit und Dunkelheit, konnte dagegen nicht im eigentlichen Sinne sehen, Gegenstände nicht mit dem Gesichts- sinn ausfassen und von einander unterscheiden, ja nicht einmal die Augen aus einen Gegenstand richte», vielmehr führten diese unabhängig von einander die verschiedensten Beivegunge» ans. Dagegen erkannte sie die ihr dargereichten Gegenstände, Messer, Löffel, Glas, Uhr.Bürste.Eiu.s.f. gleich bei der ersten Berührung mit den Fingerspitze». Nach der Operation, die in einer Herausschueidung der störende» Augenlinsen bestand, lernte das Kind innerhalb»veuiger Wochen den neu erlangten Gesichtssinn recht gut gebrauche». Die Augen geivöhnlen sich nllmälig an eine geineiusame Beivegung, un, eine»» Gegenstand zu fixiren, und sehr bald lernte sie ihn auch mit den» Gestchtssinu erkenne». Zunächst allerdings starrte sie die verschiedene» Gegen- stände, z. B. ein Messer und ei» Buch lange an, und bemerkte wohl ihre Verschiedenheit, konnte sie aber nicht erkenne». Reichte man sie ihr dann zu, so schloß sie die Augen und er- kannte sie sofort bei der ersten Berührung mit den Fingerspitzen. Halte sie aber erst Gelegenheit gehabt, gleichzeitig den Eindruck durch den Gesichtssinn und den Tastsinn zu empfinden, so erkannte sie die Gegenstände später mit de» Augen ganz gut und lernte die- selbe» bald»vie ein normaler Mensch gebrauchen. Nur die Unter» scheidung der Tiesendimensto» durch den bloßen Gesichtssinn»vurde ihr sehr schiver, und»och, nachdem mehr als ein Vierteljahr seil der Operation verstrichen»var, verivechselte sie eine gewöhnliche Puppe mit einer Pnpierpnppe, einen aus- gestopften Kanarienvogel mit einem Bilde desselben u. f. f. Auch die Schätzung des Abstaudes verschiedener Gegenstände, besonders in einiger Entfernung, wurde ihr sehr schwer. Alle diese Erscheinungen sprechen, wie die ähnlichen bei früheren Fällen dieser Art, dafür, daß unsere Vorstellungen über Raumverhältnisse nicht angeboren, sondern erst durch Erfahrung erworben sind.— Musik. — Frau G e m in a B e l l i n c i o n i wird Ende des Monats an der königlichen Oper ein längeres Gastspiel absolviren.— Kunst. — Nicht wegen eines Monitums des Ministers scheidet, wie der „Reichs>2h,zeiger" berichtet, der Geschichtsmaler Professor Ge- selschap aus dem Senat der Akademie der Künste aus, sondern wegen Gesundheitsverhältnisse.— Aus dem Thierleben. — Ueber eine seltsame Aufzucht junger Rebhühner schreibt man den,„Hubertus": Voriges Jahr fand der Gutsbesitzer W. in Wülfershausen bei Arnstadt während der Ernte ein Nebhuhn- gelege. Da das Nest vollständig frei gelegt war, wurden die Eier mit nach Hause genommen, um sie durch eine Haushenue ausbrüten zu lassen. Die Zahl der Eier betrug 13, war also„unheilvoll", und deshalb wurde noch ein Haushühner-Ei zugefügt. Die Henne saß sehr gut und brütete 14 wohlentwickelte Küchlein aus. In eine Kammer gebracht, erhielten diese zunächst nur Ameisen und deren Eier, nahmen aber später auch anderes Futter an. Nach vier Wochen wurde die ganze Familie in den Hof gesetzt und dort von der alten Henne sorglich geführt; nach sechs bis sieben Woche» aber vergaß die Alte ihre Mutlerpflichten, lief wieder dem Hahne zu und legte Eier. Schon glaubte man das Völklein verwaist, da »ahm sich der mit erbrütete junge Haushahn(ein solcher war es), der sich bei dieser kräftigen Fütterung prächtig entwickelt hatte, seiner Stiefgeschwister an und führte sie. Die Führung hat er auch nie aufgegeben, sogar Ritterdienste überuomme», indem er Nachbar- Hühner, welche den Hof betraten und dann regelmäßig auf die jungen Rebhühner eindrangen, vertrieb. Die Hühner wurden so vertraut, daß sie auf den Ruf kamen und Futter aus der Hand nahmen. Im Laufe des Winters ist ihre Zahl aus ein Stück, einen Hahn, zurückgegangen. Fünf Stück wurden an Liebhaber abgegeben, die anderen von nachbarliche» Katzen geraubt; nur eines blieb übrig. dieses aber hat die treue Freundschaft zum Haushahne bewahrt. „steigt" oder„fliegt" mit in den Hühnerstall und setzt sich dort mit ans die Hühnerstange neben den Hahn. In letzter Zeit hat der junge Rebhahn Ausflüge über das Dorf hiuiveg in das Feld unter- nommen, ist aber stets zurückgekehrt.— Physikalisches. — Kathoden strahlen im Welträume. Wie die Leitung der Berliner Sternwarte dem„Reichs- Anzeiger" mit- theilt, hat die nähere Erforschung der Eigenthümlichkeiten der Kathodenstrahlen, welche feit etwa drei Jahrzehnten von mehreren Physikern unternommen worden ist, nicht nur zu der epochemachenden Entdeckung der Röntgen-Strahle» geführt, sondern auch sehr viel- versprechende Aussichten für die Erklärung gewisser Himmels- erscheinungen und Erdzustände eröffnet. Bor etwa neun Jahren ist von der hiesigen Sternwarte«ine Reihe von experimentellen Unter- suchungen in dieser Richtung angeregt worden. Es ist dein diese Kathodenstrahle»- Untersuchungen leitenden Professor Goldstein be- reits seit mehreren Jahre» gelungen, charakteristische Lichtausstrah- lungen am Kometenkopf und der daraus hervorgehenden Schweifent- Wickelungen experimentell mit Hilfe von Kalhodenstrahlen nachzubilden und dadurch auch einige in den letzten Jahren durch photographische Ausnahmen von Kometen nachgewiesene Besonderheiten dieser Er- scheinungsgruppe erklärbar zu mache», welche der bisherigen Theorie vollständig widerstreben. Jedenfalls ist es durch das Gelingen der experimentellen Nachbildungen wesentlicher Züge der Kometen- erscheinungen recht wahrscheinlich gemacht, übrigens auch in der sogenannte» Korona der Sonne durch die Lichtstruktur derselbe» an- gedeutet, daß weitreichende Kathodenstrahlwirkungen der Sonne vor- Händen sind, die au sich zunächst nicht sichtbar werden, aber auf den Flächen anderer Weltkörper und Weltkörperchen sekundäre Strahlungs- Wirkungen auslösen und diese letzteren alsdann durch ihre Abstoßungs- Wirkungen beeinflussen. Und auch für die Lösung zahlreicher anderer Probleme wird dies sehr bedeutsam sein, unter anderem für die zweifellosen, aber bis jetzt sehr schwer zu erklärenden Wirkungen der Sonne aus die elektrischen und magnetischen Erscheinungen der Erde, nämlich auf die Polarlichter, die Gewitter, die Zustände des Erd- Magnetismus und die in den Telegraphenlinien beobachteten elektri- scheu Erdströine.— Astronomisches. ie. Einen großen photographischen Mond- atlas wird Professor Weinek in Prag herausgeben. Das Mond- bild soll auf demselben einen Durchmesser vo» 4 Metern erhalten, vorläufig sind 200 einzelne Bilder in Aussicht genommen, welche die hauptsächlichsten Bildungen der Moudoberfläche unter den ver- schiedensten Beleuchtungen darstellen werden. Bekanntlich sind auch die berühmte Lick- Sternwarte in Kalifornien Verantwortlicher Redakteur: Anantt Aacobcv in B und die Pariser Sternwarte mit der Herausgabe großer photographischer Mondkarten beschäftigt. Auch zu den Weinek'schen Karten sind hauptsächlich Photographien von der Lick-Sternwarte benutzt, daneben einige von Paris und der Sternwarte Arequipa in Peru, die zu vergleichenden Studien beigegeben sind, die ursprüng- lichen Photographien sind in 24 fachet Vergrößerung wiedergegeben. Das Werk wird in zehn Lieferungen zum Preise von je 18 M. und im Umfange von je 20 Tafeln erscheinen. Den Verlag hat C. Bell- mann in Prag übernommen. Bergbau. b. Die Kupferproduktion der Welt wird, wie all- jährlich, so auch jetzt von der Firma Norton n. Ko. für das Vorjahr zusammengestellt; danach wurden 1836 in allen Läudern der Welt zusammen 373 203 Tonnen(etwa 7�/, Millionen Zentner) Kupfer gewonnen. 1383 betrug die Gesammlproduktion»nr 258 036 To., stieg bis 1332, um 1333 wieder ein wenig zu fallen. Von diesem Jahre ad ist die Produktion in dauernder Steigerung begriffen gewesen. Im Jahre 1336 betrug die Steigerung gegen das Vorjahr 11,7 pCt. Weitaus der größte Theil des gesamniten Kupfers, mehr als die Hälfte, wird in den Ver- einigten Staaten von Amerika gewonnen, im Jahre 1336 203 333 Tonnen. An zweiter Stelle kommen Spanien und Portugal, die aber nur wenig mehr als den vierten Theil liefern wie die Ver- einigten Staaten. Die berühmten Minen von Rio Tinto in Spanien haben 1336 23 000 Tonnen geliefert, das sind etwa 500 Tonne» weniger als 1335. An dritter Stelle folgt die Kupfergewinnung in Chile, dann die von Japan, und an sünster Stelle diejenige von Deutschland, mit nennenswerlhe» Beträgen kommen dann noch Mexiko. Australien und Süd-Asrika. Alle übrige» Länder zusammen- genommen lieferten 1836 nicht ganz 22 000 Tonnen, also wenig mehr als Deutschland allein(20 000 Tonnen).— Humoristisches. — Zurückgegeben. Parvenüs- Gattin(in Familien- begleitung zu einein Dienstmanu):„Wollen Sie unser Packesel sein und uns durch das Wasser tragen?" Dien st mann:„Worum nich? Wenn See dal Pack sin wölt, denn will ick wull de Esel sin."—(„Jugend".) — A u s S ch ü l e r h e f t e n. Es wohnen im Dorfe reiche lind arme Leute. Die reichen Leute haben viele Pferde, Kühe und Schafe, und die armen Leute haben viele Mädchen und Buben.— Der Diebstahl wird eingesperrt.— Der Dieb diebt.— Die Unkräuter sind Unpflanzeu.— Vermischtes vom Tage. — In den P l e s s e r Forsten(O.-S.) tritt die Nonne maffenhast auf. Ganz besonders bedroht ist das Smilowitzer Revier.— — Dresden, 5. August. Amtlich wird gemeldet: Der Durchgangsverkehr auf der Strecke Zittau» R eiche nberg ist wieder ausgenommen.— — Köln, 5. August. Der„Kölnischen Volkszeitung" zufolge ist in der vergangene» Nacht das Dorf P o h l b a ch im Kreise Wittlich durch eine Feuersbrunst zerstört worden. Drei Menschen haben ihr Leben eingebüßt und viel Vieh ist in den Flammen um- gekommen. Im ganzen sind 42 Häuser mit den dazu gehörigen Wirlhschaftsgcbäude» niedergebrannt.— — Beim Abrüsten einer Brücke unierhalb der kleinen Rhein- mündung bei 5i e h l erlranken zwei Pioniere.— — In Oberriexingen bei Vaihingen erschlug ein Mann seine Frau im. Stall mit einem Beil. Nach vollbrachter That versuchte der Mann sich die Pulsader zu öffnen und sich in der Enz zn ertränken.— — Volksthümlich« Universitäts-Kurse. Im nächsten Winter soll der Beginn solcher Kurse auch von seite» der Hochschulen in Brünn, Graz und Innsbruck gesichert sein; die deutsche Universität P r ag erstreckt ihr Arbeitsfeld schon über ganz Deutschböhmen.— — Im A u p a t h a l bei Trautenau wuchs die Zahl der Opfer der Ueberschwemmung auf 53, doch vermißt man noch Personen.— Budapest, 5. August. Die Donau steigt im Weichbilde der Stadt noch immer. I» den Abendstunden mußte gestern der Verkehr auf den unleren Quais eingestellt werden. Ueber die Ortschaft Alsokubin ging ein furchtbares Unwetter nieder, welches alle Brücken zerstörte, die auf den Feldern liegenden Früchte fortschwemmte und viele Häuser beschädigte.— — Das neue Kabel zwischen Fra nkreich und Amerika wird Ende September vollständig gelegt sein.— — A n d r e e' s Ballon. Dem„L.-A." wird aus V a r d 2 unterm 4. August depeschirt: Der von dem holländische» Kapitän Lehmann im Weißen Meere bemerkte Gegenstand ist durch das Boot des hiesigen Vicekonsuls Holmbö nusgesupden und hierher gebracht worden. Es ist ei» Wal, er ähnelt dem obersten Theil eineS Ballons.— c. e. Drei Bauchtänzerinnen lind 35„Lebemänner" wurden dieser Tage in Brooklyn(Amerika) in einem Hotel wegen un- sittlicher Aufführung festgenommen. Als die Tänzerinnen von der Polizei verhaftet wurden, waren sie nur mit— Strümpfe» be- kleidet.— irliw. Druck und Verlag von Max Badiug in Berlin.