Nnterhaltungsblatt des Horwäris Nr. 157. Donnerstag, den 12. August. 1897. (Nachdruck verboten.) LZ Zimmer Mv. 13. Von Ernst von Wolzogen. Ich ließ mich stillvergnügt vom Strome mit forttragen, obwohl ich mir unter diesen Menschen so fremd vorkam, wie ein Hering unter den Stinten. Ich betrachtete jeden meiner Nachbarn im Gedränge wie eine namrhistorische Merkwürdig« keit und stopfte mir die Gedächtnißzellen voll Notizenkram. Bald aber, als mein gar zu arg mitgenommenes Trommelfell seinen Dienst zu versagen drohte, brach ich aus und verlor mich in das Gewirr enger und engster Gäßchen, welche die alte Toledostraße nach beiden Seiten ausstrahlt. Ich blieb vor jedem Schaufenster stehen, guckte in jede offene Hausthür hinein und genoß mit naiver Neugier all die kleineu Idyllen, wie sie das Straßenleben des Südens so reichlich bietet, säugende Mütter, lausende Großmütter und noch Unbeschreib- licheres, wie es dort zu Lande so gern und harmlos Ereigniß wird. Ich mochte etwa anderthalb Stunden lang in solcher Art fleißig studirt haben, als mein lebhafter Hunger mich mahnte, daß es hohe Zeit sei, zum xranzo heimzukehren. Unbewußterweise hatte ich bei meinem Jrrgaug einen großen Bogen nach rückwärt? geschlagen, so daß ich mich mit leichter Mühe nach der Pension zurück- fragte. Obwohl ich mich sehr beeilt hatte, kam ich doch bedeutend zu spät und wurde von der schon beim Braten an- gelangten Tischgesellschaft mit entschieden mißbilligenden Blicken empfangen. Man hatte mir einen Platz gegenüber der freundlichen Dame aus Sachsen mit der gebildeten Tochter freigelassen. Zu meiner Linken saßen die beiden französischen Geistlichen, zu meiner Rechten ein sehr unangenehmer, dicker Herr mit rasirtem Gesicht, welcher die leider nur zu deutsche An- gewohnheit hatte, die Sauce mit der Messerklinge auf- zuschleckern. Diesen Herrn haßte ich a priori und verschwendete natürlich kein Wort an ihn. Die beiden Schwarzröcke waren sich offenbar selbst genug und verschmähten eS,, sich mit einem Ketzer in ein Gespräch einzulassen. Die übrige Tischgesellschaft fand ich keine Zeit eingehender zu mustern, da ich mit dem Nachholen der versäumten Gänge zu sehr be- fchäftigt war. Blieb mir also, um mein Unterhaltungs- bedürfniß zu befriedigen, blos mein Gegenüber. Aber dies Unterhaltnngsbedürfniß war vorläufig gar nicht vorhanden, da mein Kopf mit dem Einordnen der empfangenen Eindrücke beschäftigt und auch die Bedürfnisse des Gemüths durch einen schönen Teller„Würmchen"(Maccaroni) in Tomatentunke, d, h. vermicelli alla Napolitana, befriedigt waren. Camilla's Mutter hatte mich sogleich mit einem sanften mütterlichen Vorwurf über mein Zuspätkommen begrüßt und auch sonst nach einige Male einen Anlauf zur Gesprächs- anknüpfnug genommen, ohne daß es ihr gelungen wäre, etwas anderes wie einige höfliche Redensarten aus mir heraus- zulocken. Als ich endlich meinen Hunger gestillt und bei der süßen Speise die Tischgenossen wieder eingeholt hatte, begann sich mir doch ein wenig das Gewissen zu rühren über meine langweilige Zugeknöpftheit. Denn ich gehöre sonst nicht zu den Leuten, denen es ein besonderes Vergnügen gewährt, sich ihren Mitmenschen unangenehm zu machen, und zudem konnte ich ja nicht wissen, ob sich nicht unter der Tischgesellschaft einige liebenswürdige und angenehme Herrschaften befinden mochten. Ich lehnte mich gemächlich an meinen Stuhl, während meine Rechte, Brot- kügelchen formend, nachlässig auf der Tafel ruhte. Und nun sah ich mich in meiner näheren und ferneren Umgebung um. O du himmlische Güte! Wie kannst du es zulassen, daß gerade nach den herrlichsten Orten der Erde, die Natur und Knust in edlem Weltstreit mit ihren köstlichsten Gaben verschwenderisch geschmückt, der genießende Theil der Menschheit seine abschreckendsten Vertreter entsendet! Wie oft hat mir nicht schon auf meinen Reisen solch eine Auswahl touristischer Schreckgestalten den Genuß eines herrlichen Land- schaftsbildes verdorben! Und hier an dieser Wirthstafel am Strande von Santa Lucia, welch' eine Mustersendung von Schönheiten hatte die liebe Heimath hierher gestiftet! Die beiden Priester, von denen der eine ein Fuchsprofil, der andere die Physiognomie eines schlecht rasirten Panthers besaß, sowie meine liebenswürdige Freundin aus Sachsen mit ihrer„Camilla" waren wahrhaftig noch die lieblichsten Erscheinungen. Schräg gegenüber saß ein dürrer Professor, dessen Hals so lang und schwank war, daß er das gedankenschwere Haupt offenbar kaum zu tragen vermochte, denn es hing bedenklich vornüber und präsentirte dadurch nur um so aufdringlicher einen fürchterlichen Karbunkel hoch oben auf dem Schädel, während die beleibte Gattin an seiner Seite sich einer Nase erfreute, deren Bildung auf das lebhafteste an ein bekanntes nahr- Haftes Knollengewächs erinnerte. An Camilla's Seite saß ein junger Mann, den ich für einen preußischen Referendar schätzte. Sein borstiges, rothblondes Haar war stark pomadisirt, sein gedankenblasses Biergesicht durch Schläger- narben markirt wie ein Schlachtplan auf einer Land- karte, außerdem von zahllosen Pusteln und Wimmerln bedeckt, mit denen sich die plumpen, breitnagligen Finger des jungen Herrn angelegentlichst beschäftigten. An meiner Seile, neben dem ruchlosen Individuum, welches diel Sauce mit dem Messer schleckte, saßen zwei äußerst hagere ältere Jungfrauen von einer gewissen sympathischen Häßlichkeit. Auch hatten ihre Stimmen, mit denen sie sich eifrigst mit ihrer Nachbarschaft unterhielten, einen angenehmen Klang, so daß ich mich bei ihnen gewissermaßen von dem Professor und dem Referendar er- bolen konnte. Zwei unnachahmlich hochmüthig dreinschauende Gymnasiallehrer mit äußerst schlechten Manieren, ein buckliges altes Fräulein mit sauren Mienen, und ihre spitz- nasige Reisebegleiterin, welcher getäuschte Erwartung sozusagen aus jeder Pore hervorleuchtete— das waren so unter noch mehreren anderen gar zu verschwindend reizlosen Gestalten die denkwürdigsten Erscheinungen. Nein, wahrhaftig! man soll für alles dankbar sein! Mit einer gewissen Reue über mein schlechtes Benehmen ließ ich meine Augen nach der so uner- freulichen Abschweifung wieder zu meinem Gegenüber zurückkehren. Da bemerkte ich, wie die Mutter der Tochter etwas zu- flüsterte und. darauf beide einen raschen, aufmerksamen Blick auf meine rechte Hand warfen. Was war denn nur an dieser Hand... Ach so, richtig, das hatte ich ja ganz vergessen! Ich trug ja noch den Trauring in der Westentasche! „Was für Dummheiten in Deinem würdigen Alter!" schalt ich mir selbst und gelobte mir, schon morgen früh diesem Scherze ein Ende zu machen, vorläufig aber... na, wir wollen mal sehen, was daraus wird. Und nun eröffnete ich meinerseits ein Gespräch mit Camilla. Ob sie schon in Pompeji gewesen sei? fragte ich sie. „Ei ja, freilich!" erwiderte an ihrer Stelle die Mutter mit großein Eifer.„Jeden Stein kennt sie dort, und ganz genau kann sie einem sagen, was alles im Alterthnm zu be- deuten gehabt hat. Aber wir gehen gerne noch einmal hin, wenn Ihnen daran liegt, alles so recht gründlich kennen zu lernen; denn wissen Sie, meine Tochter versteht sogar die lateinischen Inschriften!" „Na, da! Ich dächte gar!" rief ich, unwillkürlich selbst ins Sächsische verfallend.„Sie sind wirklich zu freundlich, meine Damen. Aber wissen Sie, offen gestanden, mache ich mir aus dem alten Gerümpel gar nicht so sehr viel. Ja, wenn man noch ein paar Häuser historisch richtig ausgebaut und mit allen Kunstwerken und dem vollständigen Hansgeräth ausgestattet hätte, das wäre was, wofür man sich begeistern könnte; aber so— dort die kahlen Trümmerhausen, hier die vollgestopften Museumsschränke— nein, das läßt mich ver- zweifelt kalt!" Die Mutter Camilla's warf mir einen entrüsteten Blick zu und würdigte mich keiner Antwort. War sie wirklich so em- pört über meine ketzerischen Ansichten, oder hatte ich sie durch meinen sächsischen Tonfall gekränkt? Ich glaube fast das letztere. Denn auch das gelehrte Mädchen, dessen Sache es doch sonst eigentlich gewesen wäre, seinen Standpunkt zu vertheidigen, warf mir einen bitterbösen Blick zu und hüllte sich in schweigendes Erröthen. Beide, Mutter und Tochter, kehrten jetzt den Spieß um, indem sie auf einige liebens- würdige Anknüpfungsversnche meinerseits nur ziemlich einsilbig erwiderten. Wir waren inzwischen beim Kaffee angelangt, und als das Mädchen mir die Tasse präsentirte, fragte ich sie, ob ich denn nun daS größere Zimmer, von dem sie vorhin gesprochen hätte, bekommen könnte. »Ei frcili, wohl!"«ersetzte die brave Maid,' und dann beugte sie den Kopf seltsam verlegen, ganz nahe an mein Ohr herab und flüsterte mir zu: Zimmer Nummer 13, wann's ge- fällig ischt." Ich mußte lachen und rief laut:»Ja, warum soll's denn nicht gefällig sein? Meinen Sie, ich sollte mich vor der Nummer 13 fürchten? Bitte, schaffen Sie nur meine Sachen dann gleich hinüber!" »Ach, Sie haben Zimnier Nummer 13?" redete mich plötzlich Camilla's Mutter wieder an und lächelte dabei über das ganze Gesicht. Aber dieses Lächeln hatte etivas Hinter- listiges, Schadenfrvhes an sich. Ich stutzte.„Sie lächeln so gehcimnißvoll, gnädige Frau?— und die brave Monika war eben auch so verlegen! Wollen Sie mir nicht sagen, was es mit diesem Zimmer Nr. 13 für eine Beivandtniß hat?" Camilla's Mutter zuÄtc die Achsel».„Ach Gott, weiter gar nichts— das ist natürlich blos so ein dnnmies Gerede— wir schlafen nebenan aus Nummer 14, aber wir haben noch nie was gemerkt. Wenn man ein gutes Gewissen hat, schläft man ja auch überall gut, nicht wahr?" „Ah so!" rief ich.„Es spukt also wohl in Rummer 13? Das Skelett im Hause! Hu! Mir wird schon ganz grauslich!"(Fortsetzung folgt.) lNachdruck v«rboten.) MechniMv?Zev?5cll«NZ viiirv IlluZkrtttion. Wenn man der gegenwärtigen Periode der Literatur eine kurze, charakteristische Bezeichnmig beilegen will, so kann sie die Periode der Jllnstratio» genannt werden. Reiserverke, Klassiker, Kon- versationslc�ila, Schulbücher, wiflenschaflliche SpezialWerke ec. ec. erscheinen illuitrirt, illuprine Zeitschriften rxiftiren heute so viele, wie vor füuszig Jahren nichtillnstrirte bestanden habe»,»nd selbst die Tagespresse kau» heute Wetterkartcu, Orientiruugspläne, Porträts uud so weiter kaunr noch enlbebre». Die Jlliistralio» hat zur Förderung und Popularisirnng aller Wissensgebiete bereits Grobes geleistet. Ihre Eattvielelung ist ein Trimnph unserer Zeit. Wir dewunder» allerdings heute noch die Jllnstrationen in den Erstlingserzengnissen der Buchdriickerknnst, welche unser« großen vibliorheken als Kostbar- leiten verwahre», aber was sind sie gegenüber den seiueu, adge- tönten Prachtdrmkeu der heutigen besteil Zeitschriften, die auf der Schnellpress« in große» Aufiagen hergestellt, zu Spottpreisen geboten werden könne». Ich will versuchen, wenigstens«in skizzcuhnftes Bild in Kürze davon zu entiversen. wie solche Illustrationen für die Buchdruck- presse eutstehen, und beginne mit dem Holzschnitt. Sein Material war zn DnrerS Zeilen meist Birn- oder Apfel- Wanmholz, welches nach der Läng« des Stamnies in Platten geschnitten wurde. Zum Graviren bedient«»«» sich Keiner schmaler Meffer von verschiedener Form. Hieraus erklärt«8 sich, daß die Holzschnitte von damals nur in kräftigeli Konturen mit wenig Schattirung entstehen konnten. Erst gegen Ende des vorigen Jahr- Junderts entdeckte mau im Buchsbauuiholz«in bei weitem besseres stalerial. Da? BuchSbaumhokz— von Vmxus sempervirens— kommt mis den südlichen Ländern Enropa's zu uns. ES ist vermöge der Feinheit und Gleichmäßigkeit seiner Textur das geeignetste Material für den Holzschnitt, znnial seit man sogenanntes Hirndokz, das ist den Querschnitt deS Stammes verwendet. Da die Stämme selten «ehr als 20 Zentimeter Durchmesser erreichen, so mnfse» Platten fäx größere Holzschnitte ans einer Mehrzahl von Stücken aufs genauest« gefugt und zusavunengcleimt werden. Die Oberfläch« wird dann spiegelglatt abgeschliffen uud ihre schwefelgelbe Farbe durch einen dünnen Deckgrund von Zinkweiß nnd Gummi arabikum in blendendes Weiß verivandelt. Auf die so präperirtc Buchs- banmplatre vermag der Künstler«benso gnt zu zeichnen wie aus das beste Papier. llicproduktionen»ach Gemälden, meist auch diejenigen von Handzeichnnngen«üf Papier, werden in neuerer Zeit in der Weise hergestellt, daß n>a« das Original photographisch ans eine gruu- bitte, mit lichtempfmdltcher Schicht bedeckt« Buchsbauniplatte über- trägt. Zeichnungen lmd Photographien ans Holz uiüssen auf der Platte stets verkehrt, d. h. wie nu Spiegel gesehen werden, er- scheinen, dann komme» sie im Abdruck positiv, also richtig. Des Xylographen Anfgabe ist es dann, mittels des Stichels all« Lichter des Bildes beziehungsweise alle weiß ge- blieb cucn Stellen herauszerfteche», oder tief zu legen, so daß nur die dunklen Partien hoch stehen bleiben, d. b. in Strichlagen und Paukte zerlegt werden. Di« hochstehend gebliebenen PaNicen allein sind geeignet, beim Druck von der Farbwalzo Druckerschwärze zu «npfangeii und diese an das Papier abzugeben: die Uesgelegten Stellen bleibe» dagegen von der Schwärze»»berill, rt und ergeben beim Abdruck die weißen Steilen oder Lichter deS Bildes. Ilm die Qualität seiner Arbeit zu prüfen, fertigt der Xylograph «it den» Farbballen,»nit Handwalze und Falzbein oder mich»vohl in besonders dazu konstruirten kleine» Handpressen auf chinesischem Papier eine» Probe-Abzug an. Auf griiild dessen werden fobann vorn Künstler oder vom Verleger Korrekturen angeordnet und schließlich«in guter Abzug hergestellt als Vorlage für den Drucker an der Maschine. Handelt es sich darum, bei eintretenden wichtigen Zeitereignissen binnen kurzer Zeit einen größere» Holzschnitt herzustellen, als ein einziger Xytograph in der gegebenen Zeit fertigzubringe» vermag, so zerlegt»lau die Buchsbaun, platte, ivelche die Zeichnung trägt, in eine entsprechende Anzahl Stücke. Mau sägt zn diesem Zwecke die Platte von unten kreuz uud quer ei», so daß dieselbe nur durch wenige Millimeter Holz uuter vem Sägeschnitt zusammengehallen bleibt und bricht sie da»» vollends durch. Würde man die Platte ganz durchsägen, so müßte» durch den Sägeschnitt Theile der Zeichnung verloren gehen. Die einzelnen Stücke werden da»» an ebenso viele Xylographen vertheilt, und so wird bisweilen binnen einem Tage und einer Nacht durch 10 bis 12 Xylographen ei» großer Holzschnitt fertiggestellt..Nach dem Zusaulmenleimen erfolgt das Rachstechen der Treminugsparlie» und Uebergäuge. Dieses Verfahren ist begreiflicherweise nur bei Holzschnitten ge- ringerer Qualität anwendbar. Der Kunstschnitt erfordert Muße und einheitliche Durchführung. Der Kunstschnitt, und ganz besonders zwei Spezialitäten des« selben, der Facsunile-«nd der Tonschnitt, hat in den letzten Jahren eine nie geahnte Höhe der Feinheit»nd Vollendung erreicht. Hand- zeich»u« gm. Aquarelle, Nadirungen je. werden mit vollendeter Treue nnd Feinheit in der ganzen Eigenart der Technik des Originals wiedergegeben. Fünf bis sechs Woche» angestrengter Thätigkeit gehören dazir, um eine» Kuustschnitt von der Größe einer Seite der„Neuen Welt" herzustellen. Die Kosten belaufen sich einschließlich des Künstler» Honorars für das Vervielfältigungsrecht auf 300—400 Mark. Die fertigen Holzschnitte wander» zunächst behnfs Vervielfälti- gnng in Kupfer zur Werkstätte des G a l v a n o p l a st i k e r s Man druckt nämlich in uenererZeit überhaupt gute Holzschnitte nicht von den Origiiialplatten, sondern von den viel widerstandsfähigeren galvanischen Vervielfältigungen derselbe» und bewahrt die Holz- schnitte auf, mn bei Bedarf später neue Galvanos von»nveriuindeter Schärfe davon herstellen zu können. Die galvanische Sievroduktion beruht auf dem Verfahren, mit Hilf« des eleftrische» Stromes einen Metalluiederschlag auf einer Form zu erzeuge». Zu diesem Zwecke verwendet man eine Lösung von Kupfervitriol und leitet beide Pole der Stromquelle zu Elek» troden, welche sich in der Lösung befinden. Diejenige Elektrode, zu welcher der positive Pol führt, heißt Slnode, die mit dem negativen Pol verbundene ist die Kathode. Auf dieser letzteren erfolgt die Ablagerung. Die Kathode aber wird gebildet durch die Matrize. Diese ist eine Absoruinnq des Holzschnittes in Wachs oder Guttapercha, aus ivetcher alle Erhöhungen des Holzschnittes in Form von Bertiefnnge» erscheine». Diese Matrize, durch eine» seinen Ueberzug von pulverisirlei» Graphit stronileitend gemacht, wird vermittelsl Metalldrählen ü» den galvanische» Apparat eingehängt. Der elektrische Strom bewirkt dann, daß sich ans der Bildfläche der Matrize kleine Knpserpartikelchen ablagern. Diese Ablagerung aber erfolgt in so inniger Anschnüerung an die Matrize, daß umn später an der Bikdfiäche des Kupferiiiederschlags kaum mit bewaffnetem Auge einen Unterschied zwischen Galvano nnd Holzschnitt de- merken kann. Nachdem der Kupferniederschlag ektva zu Kartenblatlstärke an- gewachsen ist, wird die Matrize mit dem daran haftenden Kupfer- Niederschlag aus dem Apparat genommen und durch Erhitzen vom Knpser abgefchmolzen. Um letzterem mehr Körper zn geben, wird er mit Blei ausgegossen, zuvor aber, da Blei nut Kupfer sich nicht direkt verbinden würde, verzinnt. Di« hintergossene Platt« muß dann«bengehodelt und auf einer Holzunterlag« befestigt werden, nx&nrch das Klischee die Höh« der Lettern erhält. Es ist nun ein getreues Ebenbild des Holzschnittes in dauerhaftem Kupfer erzielt, ivelches hunderttausende von Abdrücken auszuhatte» vermag. De« Illustrationen, bei welchen es ans Schnelligkeit der Nc- Produktion und Billigkeit der Herstellung besonders ankommt, hat die moderne Technik in der Z i n ko g ra p h i« ei» mächtiges Hilfsmittel an dir Hand gegeben. Binnen wenigen Tagen, ja wenn es sein muß in einigen Stunden, entstehen durch Photographie nnd Hochätzung JÜnstrationL- Dnickplatten, zu deren Ferligstelttmg der Züzlograph ebensoviel« Wochen emsigen FleißeS aiiszuwendeu hätte. Das einfachste Versahren der Zink- ätznng reproduzirt Strichzeichnungen, welche mit der Feder lief» chwarz aus weißen Karton in größerem Maßstabe anszllsühreu sind. Sie werde«, photographisch auf da? richtige Format verkleinert, ans statt polirte Zinkplallen übertragen. Nachdem das Bild ans dem Zink durch«nie Deckschicht geschützt wurde, wird die ungedeckte öberfläch« der Platte mehrmals der Einwirkung ätzender Eänren ausgesetzt, welche das Zink an allen den Stellen wegfressen, wo keiue Strichlagen stehen. Diese bleiben erhöht in ebener Fläche rvie beim Holzschnitt, empfangen in der Buchdruckpresse mit dem Schrift- satze zusammen von der darüberrollendeu Farbwalze Trucker- chwärze und gelangen so zur Erfüllung ihres Berufes. Zahlreiche illusirrrte Zeitschriften uud Bücher, welche in Massen z» billige» Preisen weile Verbreittmg erinugm. bedurften diese" Verfahrens, um überhaupt erscheinen zu können. Auch Tnschzeichimngen und Photographien, nach der Natur so» wohl als nach Gemälden, reproduzirt man in neuerer Zeit mit stetig zunehmender Vollendung durch Zinkätzung. An stelle des Etliches tritt hier der Punkt. Durch ein Netz von überaus großer Feinheit, welches den Ton in mikroskopisch kleine Punkte zerlegt, ersolgt bei diesem Verfahren. Autotypie genannt, die Reproduk- tio». Die Aetzung geschieht in ähnlicher, allerdings komplizirterer Weise wie bei Strichzeichnungen, denn jede Tonabstnfung erfordert besondere Behandlung.— Paul Hennig. Vleines Fieuillekon. — Etwas von Voltaire. In einer ausführlichen Studie über die Legenden und die Archive der Bastille, welche Franz Funck- Brentano in der„Revue hebdomadaire" veröffentlicht, erfahren wir die merkwürdige Thatsache, daß der so oft für bürgerliche Freiheit kämpfende Voltaire einmal selbst dazu kam, einen jener will- kürlichen polizeilichen Hastbefehle zu erwirken, die als I-sttres de cachet bekannt sind und am meisten zur Erstürmung der Bastille durch das wülhende Volk beigetragen haben. Das Gesuch an den Generallieutenant der Polizei, welches in der Bibliothek des Arsenals in Paris aufbewahrt wird, ist ganz von Voltaire's Hand ge- schrieben, aber mit ihm unterzeichnen sechszeh» Nachbar» der Rue de Vaugirard, welche gemeinsam mit Voltaire die Verhaftung einer Metzgerin, Svbastienne de TraverS, verlangen, deren Auf- führmig ein öffentlicher Skandal sei. Sie betrinkt sich täglich, prügelt die Nachbarinnen und vermischt den Namen Gottes niit den gemeinsten Schimpfworten. Der Vorwurf der Blasphemie unter der Feder des skeptischen Voltaire ist besonders merkwürdig. Im August 1730 wurde das Gesuch eingereicht; aber die Metzgerin beklagte sich ihrerseits, daß sie von den Dienstbote» Voltaire's und anderen Nach« baren mißhandelt worden sei, und daß Voltaire sie persönlich be- schimpft und bedroht habe. Voltaire wiederholte sein Gesuch mehr- mals und brachte es endlich dazu, daß die Metzgerin am 6. De- zember in der Salpetriöre gefangen gefetzt wurde. Die Haft dauerte jedoch nur bis znm 3l. Dezember, da sich die Verwandten und die Berussgenossen für die Metzgerin verivendet hatten.— — Einen wirklichen lebendige« Buddha, der nichts mit den Bildern aus Bronce oder Stein gemein hat, die man überall in Süd- und Oftasien sehen kann, giebt es in Urga in der Mongolei. Dieser lebende Buddha behauptet, die achte und letzte Wiederfieisch- werdnng des buddhistischen Glaubensstifters zu sein. Ein neuntes Mal wird Gautama nicht wieder auf Erden erscheinen. Etwa zehn- l tausend Lamas bilden die hanplsächlichste Gefolgschaft des Buddha in Urga. Dessen hauptfächlichste Beschäftigung scheint darin zu bestehen. alle die zahlreichen Menschcn, die ihm Geschenke bringen, frcnndschast. lich aus den Rücken zu klopfen. Vor nicht langer Zeit, so behauptet man, zeigte der russische Regierungsvertreter recht ireundnachbarliche Gesinnung gegen Buddha, indem er ihm ein— Zweirad verehrte, damit der wieder Fleisch geivordene Gautama doch die Errungen- schasten der Gegenwart kennen lernen möchte. Nun sollte man eigentlich denken,«ine derartige Gabe vertrüge sich nicht recht mit der Würde des achten Vertreters mongolischer Anbetung. Aber der lebende Buddha scheint in dieser Beziehung gar keine Slrnpel empfunden zu haben, denn er radelte vergnügt in dem geräumigen Hose seines Klosters umher. Sehr«rfrent über seine» Erfolg schickte der Russe nun auch noch«ine galvanische Batterie an die Gottheit, und erbot sich, sie in deren Gebrauch z» unterweisen. Da war er aber einen Schritt zu weit gegangen. Buddha erklärt» nämlich jede Hilfe nach- drücklich für uunötbig. weil er allwissend wäre. Er schien auch wirklich einen gewissen oberflächlichen Begriff davon zu haben, wie eine solche Batterie in Tdätigkeit gesetzt werden müßte. Demgemäß wählt« er sich alsbald nnter seine» Lamas«in Opfer aus, mit dem er Versuche anstellte. Der Lama ivollte gern viel für seinen ver- ehrten Herrn ertragen. Aber der durch seine» Körper geleitete Strom war reichlich stark, so daß der Unglücksmensch am ganzen Körper zitierte. Buddhas Allwissenheit war jetzt plötzlich zu Ende. Er konnte die Geister nicht bannen, die er gerufen hatte, und mußt« daher schleunigst russisch» Hilfe herbeiholen lasseii, um das gefährdete Leben des LamaS zu rette».— Literarisches. — Literarisches Schwitz- System. Ein berühmter Nomanschriftsteller, so erzählt die„Pellte Repnblique", erhält von einem Blatt— dem„Gaulois"— den Auftrag, einen Feuilleton- Roman zum Preis von 1 Franc die Zeile zu schreiben. Der Schrift- steller, der Erfahrung in diesem Geschäft hat, geht zu einem talentvollen aber«»bekannten Schriftsteller und bietet ihm 2S Centimes — V4 des Preises— für die Zeile, wen» er den Roman sckreibe nnd unter seinen,, des berühmten Schriftstellers Namen veröffent- lichen lasse. DaS Angebot wird mit Freuden angenommen. Die ersten Lieferungen des RomanS erscheinen, gefalle». Da erhält der berühmte Schriftsteller plötzlich«inen Brief von der Frau des Verfassers seines Romanes— der Mann sei im Sterben. Er eilt hin. Richtig. Der Man» war eben gestorben. WaS nun? Der Berühmte stürmt auf die Redaktion, läßt sich alle bisher erschienenen Nummern geben, sodaß er eine nngesähre Vorstellung von dem Erzählungsplan bekommt, und schreibt im Schweiße seines Angesichts eine Fortsetzung. Als er sie eilig auf die Redaktion bringt, sieht man ihn fragend an:„Sie scherzen. Aber da ist ja die Fortsetzung schon!" Und kein Zweifel, da war die Fortsetzung. Der Berühmte faßt sich, so gut er kann, und entdeckt schließlich, daß auch der verstorbene 23 Centimes-Mann den Roman nicht geschrieben, sondern für 10 Ceiitimes die Zeile au einen noch ärmeren Teufel weitergegeben hatte.— Theater. — Sud ermann' s neuestes Drama„Johannes" ist bereits als Manuskript für die Bühne gedruckt. Es wird Ansang Oktober am„Deutschen Theater" zur Aufführung gelangen.— Musik. -er-. Neues Opern-Theater. In Verdi's„Traviata" erreicht Frl. P r e v o st i eine selten erlebte Höhe wahrhaft knnst- lerischer Wirkung. Es ist ein Wunder, wie sie mit ihrer blendenden, durch die selbstverständliche Leichtigkeit doppelt hinreißenden Gesangs- kunst die Kolorarnrtrivialitäten der großen Arie im ersten Akt adelt, wie sie mit den feinen Mitteln ihrer musikalischen Intelligenz und ihres groben seelischen Ausdrucksvermögens die Oberflächlichkeit der melodischen Rührungen Verdi's in eine Tragik umsetzt, welche die liesste Theilnahme einflößt. Aus ihrer Stimme, in welcher jede ans- fallende Ansdringlichkeil des Virltiosenschimlners abgestreift ist, tönen das Glück und die schmerzlichen Kämpfe um dasselbe, nnd nnlcinemallehellen Farben abdämpfenden Schleier verdeckt sie das unbeschreiblich Er- greifende einer, wenn auch gefallenen Schönheit, die bald e»t- schwindet. Der genialen Sängerin würdig war Herr D e m n t h, welcher die in ihrer Naivetät geradezu heiter stimmenden Gassen- Hauer seiner parodistisch-pathetischen Vaterrolle mit Strömen seines prachtvollen und für den Kenner entzückend gebildeten Barytons erfüllte.— Auch der portugiesische Sänger d'Audrade, dessen großer Knnst die internationale Bewunderung seit Jahren zu- jubelt, ist wieder bei uns als Gast erschienen und ließ als Don Juan sein anßerordentlichcs Naturell, seine aller Schablone fremde Jndividualistrungslraft nnd die technische Herrschaft über sein Organ im gewohnten Glänze aufleuchten. Die Stimme d'Andrade's ist weder groß noch weich, aber sie vermag ans der Grundlage absoluter technischer Vollendung die prunkvollste Viel- seitigkeit der Modulation zu geben. Was Don Juan znm Sinnbild elementare» Menschenthums macht, die bis zur Grausamkeit sich steigernde Lüsternheit, Eleganz der Formen und Heuchelei der Ge- sinnung, Genußausschöpfnng nnd Trotz bis znm Tode, alle diese Eigenschaften vereinigt der Künstler zu einer Leistung, die in Er- staunen setzt und einen herrlichen Sieg künstlerischer Intelligenz. bedeutet. Das ChampagnerUed, in welchem d'Audrade eine dämonische Kraft hinreißender graziöser Laune entwickelt, sowie das Ständchen mußten mehrfach wiederholt werden. Neben dem enthustastisch gefeierten Gaste gaben Frl. R e i n l als„Donna Anna" bis ans einen kleinen Rest allznstumpfer Melancholie und Frau G r a d l, eine durch annmthige Koketterie des Spieles und wohl- thuendste Gesangslnnst hervorragende„Zerline", treffliche Darbietungen. Frau Bau in an«, die vom Leipziger Stadtthcater als„Donna Elvira" gastirte, war ganz Korrektheit bei mangelndem Reiz an Organfrische.— Kunst. — Ludwig Dettmann erhielt von dem Preisgericht der venezianischen Kunstausstellung einen Preis von 5000 Lire für sein Gemälde„Sonntag-Abend" zugesprochen.— Völkerkunde. -- Geisterbeschwörung und Aberglan ben bei N e g e r v ö l k e r n. Bon den Bewohnern des nördlich vom Zambefi liegenden Negerreiches Makanga, den Atschekunda's, berichtet der französische ForschungSreiseiide Foä folgendes: Die Alscheknnda's glauben an ein allmächtiges Wesen, das sie nnd alles um sie her er» schaffen hat, treiben aber keinen Götzendienst irgend welcher Art. Sie glauben dagegen, daß die Seele ihrer Könige von der anderen Welt antworten kann, wenn man sie anruft, und demzufolge ist bei ihnen eine ständige Verbindung mit den Geistern der verstorbenen Könige eingerichtet. Der Konnex mit den königlichen Geistern ist so geregelt, daß auch zudringliche Neugier dies« Geister nicht über Gebühr belästigen kann, denn sie lassen nur durch Vernnttlnng mit sich sprechen nnd sind außerordentlich vorsichtig in der Unterhaltung. Der Verkehr mit ihnen findet an ganz bestimmte» Orten statt. Es sind stetS einige Hütten bei der Hauptstadt dazu reservirt, in die sich der König von Zeit zu Zeit begiebt, um mit seinen Vorfahren Zwie» spräche zu halten. Diese Hütten der königlichen Geister sind ge- wiffermaßen ihr besonderes Telephonkabinet mit der anderen Welt. Eine alle Frau fnngirt gewöhnlich als Hüterin. Der König beliebt sich immer allein dorthin und läßt niemand an seinen Eindrücken theilnehmen. Doch kann in Wirklichkeit jedermann die Geister be- fragen: man braucht nur der Hüterin einen Meter Calico zu gebe», worauf sie in Gegenwart des Fragestellers einige Worte mit ihrem geheimnißvollen Korrespondenten wechselt. Frau Foa hat selbst die Gelegenheit benutzt, um sich den Genuß einer solchen Unterhaltung mit den Geistern zu verschaffen. Er beauftragte die alte Priesterin, die Geister über den Ausgang einer von ihm geplanten Elephanlenjagd z» befragen. Die Schilderung, die er von der daraus ersvlgenden Geisterunterbaltung giebt, er« innert lebhaft an das von den modernen Spiritisten geübte Geister- zitiren;„Sie verschwand in dem Hinlergrund der Hütte, und\ch hörte sie an irgend jemand die im Telephonvcrkehr übliche» Frage» stellen:„Sind Sie dort? Wer sind Sie?" u. s.>v.. worauf Pfiffe antwortelen. die genau den Ton einer Lockpfeise für Lerchen hallen. Die Alte übersetzte sie, indem sie ihren Dialog fortführte, der von Pfiffen und Worten unterbrochen war. Der König Kaukouni, den ich nicht die Ehre hatte zu kennen, war am Telephon. Er wollte über meine Gesundheit belehrt sein und geruhte, auf mein« Frage zu antworten, daß er sich dort unten, wo er sei, sehr wohl befinde: er fügte hinzu, daß ich gewiß Elephanten treffen würde, legte sich aber eine kluge Reserve über den Ausgang der Jagd auf. Ich konnte nichts mehr aus ihm herausbringen und als ich zudringend wurde, ließ mir der König Kaukouni sagen, daß er müde sei und sich zurückziehe." Die Geister sind also bei den Negern genau so spröde und launenhaft, wie in den zivilisirten Länder». Noch ein zweiter Brauch dieser Atschekuuda's dürfte von all« gemeinem Interesse sein, ein Aberglauben, der an gewisse mittel« alterliche Verhältnisse erinnert. Das ist die Anrufung eines Gottes- urtheils in zweifelhaften Schuldfragen durch Anwendung einer richtigen Schuldprobe. Diese Schuldprobe, von den Eingeborenen das„�loavi" genannt, ist allgemein im ganzen Lande verbreitet und wird zu einem öffentlichen Akt, der stets eine große Menge von Huschauer» herbeizieht. Sie besteht darin, daß die Angeschuldigten eine vom Doktor des Landes zubereitete Mischung vor den Augen per Zuschauer zu sich nehmen müssen, deren Wirkung dann die Schuldfrage entscheide» soll. Diese Mischung hat ihren Namen von den Blättern eines Baumes, die mit anderen Substanzen gemischt und zerstoßen werden. Eine gewisse Dosis sfihrt Erbrechen herbei, aus das eine große Schwäche folgt; eine andere bewirkt eine starke Diarrhoe, begleitet von deftigen Krämpfen, die in wenigen Augenblicken zum Tode führt. In dem ersten Falle wird die Unschuld als erwiesen angenomme», im zweiten ist die Todesstrafe der Ueberführung auf dem Fuße gefolgt. Namenllich in Fällen von Ehebruch findet diese Probe häufig Anwendung; der Galie, der Verdacht geschöpft hat, läßt seine Frau das ftloavi trinken. Der Glaube an die Gerechtigkeit des �lofm ist so ein- gewurzelt, daß die Angeschuldigten selbst verlangen, der Probe unterworfen zu werden. Nimmt ein Angeschuldigter freien Mulhes die Schale, die ihm der Doktor reicht, und führt sie mit fester Hand an die Lippen, so kann man sicher sei», daß er unschuldig ist. Der Schuldige verräth sich, sobald er sich zu trinken weigert. Natürlich hängt das Orakel ganz vom Doktor ab. Sobald der der Probe Unterworfene die Mischung zu sich genommen hat, setzt er sich auf die Erde, unbeweglich, und alle Zuschauer desgleichen, indem sie schweigend die Wirkung des W>avi an seinem Gesicht verfolgen. Die ersten Symptome äußern sich mehr oder weniger schnell, je nach der Konstitution, von zehn Minuten bis zu einer halben Stunde. Der Jnkulpat giebt Zeichen großer Schwäche, er wird bleich und hält sich mit viel Mühe, Schaum kommt ihm aus dem Munde, der Schweiß perlt auf der Stirn: muß er das Ein- genommene wieder von sich geben, so packt ihn unverweilt heftiges Uebelbefinden, und auf dies folgt nach kurzer Pause— die Ver- kündigung seiner Unschuld: seine Freunde umringe»>h» und stoßen Freudenschreie aus, während seine Feinde sich mißvergnügt ent- fernen. Ist dagegen der Ausgang ein anderer, so giebt nach ver« geblichen Versuchen, zu erbrechen, der Unglückliche Zeichen des größten Verfalls; er wälzt sich auf der Erde, stößt Seufzer oder Schreie aus, und wird nun von de» Zuschauern init Beschimpfungen überhäuft, bisweilen sogar mit Stößen traktirt. Er stirbt so odne Hilfe, von Allen verlassen, selbst von den Seinen, die durch Be- zengung von Mitleid sich selbst schänden würden. Sein Leichnam wird an Ort und Stelle liegen gelassen, er darf nicht begraben werden, und die wilden Thier« lassen bald die Spuren der Ge- rechtigkeit des Landes verschwinden. Bemerkt fei jedoch, daß das lMxmvi nur da angewandt wird, wo Zweifel an der Schuld be- stehen.—(„Frankf. Ztg.") Geographisches. — Die Alaska-Berge bilden nicht die unmittelbare Fort- setzuug der Rocky-Mountains auf der Alaskahalbinsel, wie man bis- her geglaubt hat. Eine Gesellschaft von Goldsuchern, die im letzten Sommer von Cooks-Jnlet aus den langen und reibende» Sushilna- fluß stromaufwärts reiste, fand bis in einer Entfernung von Söll Kilometer vom Mt. Sushitna am Cooks-Jnlet keine Berge, sondern ausgedehnte ebene Flächen, die dicht mit Fichten und Birken bewaldet waren und sich, so weil man sehen konnte, nach Westen zu ausdehnten. Nördlich von dieser Senke sah man die Alaskaberge aufsteigen. Die geologische Landesuntcrsuchung der Vereinigten Staaten wird in diesem Jahre wahrscheinlich eine Expedition zur Aufnahm» dieser wenig bekannten Gegend aussende». (Scot. Geogr. Mag. 1397. S. 327.) Technisches. — Flaschen auS Papiermass« sind neuerdings angefertigt worden. Diese Erfindung wird hauptsächlich den Schiff- fahrts-Gesellschaften sehr erwünscht kommen, da der Schaden, den »ine unruhige See stets unter den Wein-, Liqueur- und Biervorräthen Verantwortlicher Redakteur: August Jacobey in B anrichtet, oft ein bedentender ist. Die jetzt erfundenen unzerbrech« lichen Flaschen werden aus einer nur zu diesem Zweck zubereiteten Papiermasse geformt. Nachdem man sie in eine Auflösung, die noch das Geheimniß des Erfinders ist, getaucht hat, werden sie in Gas- öfcn langsam getrocknet. Dieser Trockenprozeß muß sehr sorgfältig überwacht werde», da sonst die Flaschen porös bleiben und die Flüssigkeit durchlassen. Man kann mit diesen Flaschen ganz rücksichtslos umgehe», ohne ein Zerbrechen befürchten zu müssen. Weder das Schwanken und Stoßen eines großen Dampfers bei stürmischer See noch das Umstürzen eines Transporlwageus kann irgend welchen Schaden verursachen.— Humoristisches. — Spießer-Jagd. Zwei biedere Ratiborcr Spießbürger, die nebenbei auch Jagdpächter sind, gingen, wie die„Oberschl. V.-Ztg." erzählt, kürzlich beim frühesten Morgengrauen hinaus in ihr Revier, den flüchtige» Redbock zu jagen. Das nach den voraus- gegangenen lltegentagcn sehr kühle Wetter hatte sie vorsichtigerweise ihre Feldflaschen fülle» lassen. Im Revier angelangt, nahmen sie ihre Stände ein, nicht ohne vorher»och brüderlich den Rest der Flasche» zu leeren. Tiefe Dunkelheit lagerte noch über Feld und Wald, und wie der eine Nimrod so dasaß und den Anbruch des Tages erwartete, kam ihm die Müdigkeit a», und bald lag er in Morpheus' Armen und träumte von„kapitalen Böcken", die er dutzendweise schoß. Ein dumpfer Knall weckte ihn plötzlich aus seinem Schlummer, und auffahrend bemerkte er, daß es lichter Tag zu werbe» begann. Äergerlich griff er nach Gewehr und Jagdtasche, fuhr aber erschrocken auf, als er beides nicht vorfand. Alles Suche» war vergebens. Mittlerweile hatte sich sein Jagdfreund, der den Schall des Schusses gehört hatte und der Meinung war, daß sein Genosse etwas geschossen hätte, eiligst ge- nähert. Sein Erstaunen wuchs, als er den Thatbestand erfuhr. Man ging der Richtung des Schusses nach, fand aber nichts als eine stark beschweißte Stelle auf der Waldwiese. Jetzt war es klar, daß ein geriebener Wilddieb den schlummernden Schützen bestohlen hatte, um bald darauf an einer anderen Stelle deS Reviers sein Glück mit dem gestohlenen Gewehr mit Erfolg zu versuchen. Gewehr und Wild waren und blieben verschwunden.— �„Zur schweigenden Fra u." Ein Maler wurde einst aufgefordert, für ein Gasthaus, das nach einer Besitzerin, die stets viel Unglück gehabt und deshalb stets schweigsam war.„Zur schweigenden Frau" benannt war, ein Bilderschild zu malen. Er nahm den Auftrag an und malle— eine Fraucngestall ohne Kopf.— Vermischtes vom Tage. — Auch in der R o m i n t e r H a i d e ist die N o n n e Massen- hast aufgetreten. Durch diesen Schmetterling wurden in den fünf- ziger Jahren in Oftpreußen große Waldbezirke vernichtet.— — Nach dem Genuß von rohem gehacktem Rind- fleisch ist in Stirslebe» und Hettstedt(Mansfelder Gebirgskrcis) eine ganze Anzahl von Menschen erkrankt.— — Die Stadtverordneten von Elberfeld bewilligten für die Ueberschwemmlen 15 009 M.— — Aus Salzburg wird berichtet, daß am Sonnabend drei Schrift setz er, die den hohen Göll bestiegen hatten, um Edel- weiß zu suchen, abgestürzt sind.— — M o h a cz(Ungarn), 11. August. Die Donau hat bei Baja die Dämme durchbrochen und die Felder des Fünf- kirchener Bisthums überschwemmt.— Zwei Zollwächtcr von T o» r c o i n g(Frankreich) hielten vor einigen Tagen einen von der belgischen Grenze auf seinem Fahr- r a d e kommenden Fleischergehilsen an, dessen Pueumatikräder stark angeschwollen schienen. Sie lösten die Kanlschukreifen ab und ent- deckten da eine Ladung von einigen Kilogramm Pfeffer» k ö r n e r.— — Im Dorfe Jndevillers(Donb"?, Frankreich) haben die Eheleute Graizely vor einigen Tagen ihr e i n u n d z w a n z i g st e s Kind taufen lassen.— c. e. Der englische Abgeordnete Charles Pelham»Villiers sitzt seit 1335 im Hause der Gemeinen. Und seit diesem Jahre ist er Vertreter des Distrikts Wolverhainpton.— — Aus dem neu entdeckten Golddistrikt wird ge- schrieben: Der von Alaska in Tacoma eingetroffene Dampfer „Queen" meldet, daß die kanadische berittene Polizei des nord- westlichen Territoriums an der britischen Grenze alle zurücktreibt, welche in den Inkondistrikt wollen und nicht genügend mit Lebens- Mitteln versehen sind. Der Kapitän der„Queen" warnt jeden, noch in diesem Jahre in die Goldgegenden ziehen zu wollen. Diejenigen, welche jetzt in Skagugy und Dyea sind, können schon nicht weiter. funderte von Leute» lagern am Weißen Paß.— In Sau rauzisko, Portland und Seattle können die Bootbauer nicht genug Boote fertig stellen. In der Goldgegend ist die Hitze jetzt enornt. Die Mücken sind eine furchtbare Plage. Die Goldsucher können nur Nachts reisen.— rlin. Druck und Verlag von Max Babing in Berlin.